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FRITZ MAUTHNER
Adjektiv
II-19

"Eine Sprache ohne Eigenschaftswörter zwingt die Phantasie zu unaufhörlicher und heiterer Tätigkeit, zu Poesie."

Noch weiter zu dem Wesen der Bedeutungsmetapher gelangen wir, wenn wir neugebildete Eigenschaftswörter betrachten. Hier scheint es mir ganz außer Frage, daß alle Neubildungen, auch die seit Jahrhunderten gebrauchten, fast immer mit Bewußtsein eine Metapher aussprechen. In die Augen springt diese Tatsache bei Eigenschaftswörtern, die aus Eigennamen gebildet werden. Dantesk, Goethisch, Fritzisch (von GOETHE für Bewunderer FRIEDRICHs d. Gr. gebraucht) sagen deutlich, daß ein Mensch oder ein Werk oder ein Stil mit einem berühmten Manne in Vergleichung gesetzt werde. Genau so steht es um Worte wie löwengleich, wo die Sprache ganz naiv die Metapher andeutet, anstatt sie auszuführen. Aber auch alle Eigenschaftswörter auf -isch, -lich (ganz ähnlich in anderen Sprachen) sind offenbar Formeln für eine Metapher. Eine Sache ist rein, ein Mensch, den man mit ihr vergleichen will, heißt reinlich. Ein anderer Mensch, den man mit dem schmutzigen Schwein vergleichen will, heißt schweinisch. Eine genaue Durchsicht unserer Adjektive würde ergeben, daß alle diejenigen, deren Etymologie noch nachweisbar ist, solche Metaphern sind; und die Vermutung, daß alle Eigenschaftswörter auf bewußter Vergleichung mit Dingen ursprünglich beruhen, liegt nahe. Für unser heutiges Sprachgefühl liegt in "bläulich" eine Metapher von blau; wir wissen nur nicht mehr, was für eine bewußte Metapher in Urzeiten zu der Wortbildung  blau  Veranlassung gab. In einen andern Zusammenhang gehört es, daß die Sprache auch hier die Wirklichkeit auf den Kopf stellt. In der wirklichen Geschichte unseres Denkens müßten wir zuerst Eigenschaften wahrgenommen und dann erst die Dinge ihnen untergeschoben haben; die Sprache dagegen macht Adjektive aus Substantiven. (Vgl. Wörterbuch der Philosophie, Artikel  Adjektivische Welt.)  Für mich ergibt sich aus all dem, daß die Entwicklung der Sprache zum größten Teil eine Art Ernüchterung ist. Die Phantasie arbeitet viel lebhafter und schöner, solange sie die Worte metaphorisch gebraucht; haben wir erst die Erinnerung an das Metaphorische verloren, wird erst der Gebrauch der Metapher zur bewußtlosen Gewohnheit, so können wir uns leichter mitteilen, aber unsere Sprache hat an Vorstellungsinhalt verloren. Die Ursprachen müssen sich zu den unseren verhalten wie die wildeste Liebesleidenschaft zur ehelichen Gewohnheit. Eine Sprache ohne Eigenschaftswörter zwingt die Phantasie zu unaufhörlicher und heiterer Tätigkeit, zu Poesie. Innerhalb der lebendigen Sprache könnten wir den metaphorischen Bedeutungswandel der Worte am besten da beobachten, wo auch die Lebhaftigkeit und Heiterkeit am größten ist: bei den Kindern. Nur daß wir uns bemühen müssen, auf den wirklichen Seelenvorgang zu achten. Denn das Kind lernt sprechen, nicht wie die Erwachsenen eine fremde Sprache erlernen, sondern vielmehr ähnlich so wie die Menschheit sprechen gelernt hat, seitdem sie nicht bloß wahrnimmt, seitdem sie spricht. Es wird uns dabei nicht überraschen, daß das Kind in zwei bis fünf Jahren den Weg zurücklegt, zu dem die Menschheit ungezählte Jahrtausende gebraucht hat. Nimmt doch die Entwicklungslehre auch an, daß das Kind in den neun Monaten vor der Geburt ebenso die Entwicklungsgeschichte der Menschheit durchmacht. Der erwachsene Mensch lernt die Worte einer fremden Sprache falsch und abstrakt aus dem Wörterbuche. Er lernt z.B., daß im Französischen der Klang  arbre  denselben Vorstellungsinhalt bezeichne wie das deutsche  Baum.  Hat er sich das fremde Wort erst eingeprägt, so wird er es - richtig oder falsch - immer da anwenden, wo er im Zusammenhang seiner deutschen Rede Baum gesagt hätte. Erst ganz zuletzt, wenn er den lebendigen Gebrauch der fremden Sprache lebendig anzuwenden versteht, kann er sich von dieser Abstraktion befreien und das fremde Wort jedesmal mit dem etwas veränderten Vorstellungsinhalt des fremden Volkes benutzen. Das Kind aber geht beim Sprechenlernen immer vom konkretesten Gebrauch aus. Wenn es zum erstenmal der Mutter das Wort  Nadel  nachspricht, so kann es gar nicht auf den Gedanken kommen, das Wort sei ein Gattungsbegriff und umfasse Nähnadeln, Stecknadeln, Stricknadeln, Tannennadeln usw. Es versteht unter Nadel etwa beim ersten Begreifen nur die Stricknadeln, die augenblicklich in der Hand der Mutter sind. Nadel ist ihm also ein Eigenname, genau so wie ihm Wauwau ein Eigenname ist für den Haushund, Papa ein Eigenname für seinen Hausvater. Also ähnlich wie Kaiser ein Eigenname ist für die Bürger eines bestimmten Staates, Stadt ein Eigenname für einen bestimmten Landbezirk. Nun ist es Sache der kindlichen Phantasie - die allerdings durch den unaufhörlichen Umgang mit seiner Umgebung in den Sprachgebrauch hineingelenkt wird -, das neu gelernte Wort metaphorisch auf ähnliche Gegenstände anzuwenden. Nadel hört auf, ein Eigenname zu sein, und bedeutet bald jede Stricknadel, später andere Nadeln und vielleicht auch durch kühne, den allgemeinen Sprachgebrauch verlassende Bedeutungswandel andere spitze Gegenstände. Ich hörte einmal ein Kind sagen, es wolle nicht mit der Nadel essen. Es meinte die Gabel. Der Unterschied zwischen falsch sprechen und richtig sprechen beruht nur darauf, daß das Kind bald die gewohnten Metaphern seiner Umgebung nachahmt, bald seine elgene Phantasie arbeiten läßt. Dasselbe Dorchen, das einmal die Hühner, die es zum erstenmal sah, als etwas Zappelndes von der bewegungslosen Natur unterschied und darum Wauwau nannte, hatte den Namen meiner Tochter sprechen gelernt: Deta. Das war dem Kinde natürlich ein Eigenname wie Wauwau und Nadel. Eines Tages führte sie die Phantasie zu der Eingebung, daß Deta zu mir gehöre und sofort wurde Deta, zum Familiennamen. Ich selbst hieß Deta; aber auch mein Haus hieß Deta, mein Hund hieß DetaWauwau. Das Kind sprach falsch vom Standpunkt des Schulmeisters der Sprache, aber es vollzog sich in ihm einfach der regelmäßige Übergang vom Eigennamen zum Gattungsnamen. Derselbe Vorgang führt zum Falschsprechen, wenn das Kind jeden bärtigen Menschen auf der Straße mit Papa anruft; unaufmerksame Mütter und Ammen meinen dann, es verwechsle den fremden Herrn mit seinem Papa, das Kind aber dichtete bloß, es erfand sich eine Metapher. Ebenso nennt man es falsch gesprochen, wenn das Kind das Wort Hut gelernt hat und nun die Haube der Großmutter einen Hut nennt. Ein Schriftsteller aber oder das Volk, wenn es die Wolke auf einem Berggipfel seine Kappe nennt, wird gelobt. Die Metapher ist da und dort die gleiche. Sie ist die gleiche beim sogenannten Richtigsprechen, wenn das Kind den Eigennamen Wauwau plötzlich mit jubelnder Phantasietätigkeit auf fremde Hunde anwendet und so sich - jedesmal zu seinem Privatgebrauch den Eigennamen zum Gattungsnamen umschafft. Wie weit im frühesten Kindesalter ein wirkliches Verwechseln im Geiste mitspielt, wird sich nicht immer ausmachen lassen; es ist aber auch gleichgültig, denn das Verwechseln ist doch nur eine Übertreibung des Vergleichens. Auch der Dichter in seiner leidenschaftlichsten Geistestätigkeit kann das metaphorische Vergleichen so weit treiben, daß sich ihm das Bild an die Stelle des verglichenen Gegenstandes schiebt. Die besten Homerischen Gleichnisse vergessen oft für mehrere Verse den Anlaß der Vergleichung, den bloß vergleichenden Zweck des Bildes. Immer aber muß festgehalten werden, daß das Kind, wenn es ein Wort von seiner Mutter oder vom Vater gelernt, den Begriff mit vollem Recht nur in der individuellen Bedeutung auffaßt, denn Vater oder Mutter gebrauchen das Wort wie wir wissen - in der lebendigen Rede selbst nicht nach der Definition des Wörterbuchs, sondern individuell. Wenn Vater oder Mutter dem Kinde sagt "Nimm das Glas in beide Händchen", so ist der Vorstellungsinhalt von Händchen der eines Eigennamens; sie denken einzig und allein an diese von ihnen geliebten beiden Händchen ihres Kindes. Ebenso ist "Glas" ein Eigenname für das Trinkgefäß in diesen Händchen. Der weitere Schritt zwischen den Eltern und dem Kinde dehnt die Bedeutung von Glas auf andere Trinkgefäße aus. An den Stoff Glas, woraus diese Trinkgefäße gefertigt sind, denken die Eltern in keinem Augenblick. Wie sollte das Kind dazu kommen, Glas als einen Stoff aufzufassen? Der historische Weg ging allerdings vom Stoff auf das Kunstprodukt, das aus dem Stoffe gebildet wurde. Das ist in diesem besondern Falle sonnenklar. Auch kann im Wörterbuch "Glas" Augenglas, Opernglas, Fensterglas usw. bedeuten. Das Kind aber, welches diesen Weg rückwärts verfolgen müßte, neigt natürlich dazu, das Trinkgefäß zunächst als alleinigen Vorstellungsinhalt zu betrachten. Man kann daraus sehen, wie im Laufe von Generationen ein vollständiger Bedeutungswandel entstehen und die ursprüngliche Bedeutung vergessen werden kann. Bei dem Worte  Feder  ist es schon so weit gekommen, daß ein richtiges Stadtkind mit Feder fast nur noch den Vorstellungsinhalt der Stahlfeder verbindet. Es sagt nicht mehr Stahlfeder, weil es keinen Anlaß mehr hat, sie von dem Gänsekiel zu unterscheiden, mit dem der Urgroßvater noch schrieb. Die Schreibfeder ist ihm bekannter und näher als die Vogelfeder; und es wird eines Tages ganz überrascht sein zu erfahren, daß Feder auch etwas anderes bedeuten kann als eine Schreibfeder. Das Volk hat die hübsche Metapher von der Vogelfeder zu der Schreibfeder gemacht; das heutige Stadtkind muß die Metapher in entgegengesetzter Richtung vollziehen, von der Schreibfeder zur Vogelfeder und dann zur Uhrfeder usw. Aber der Gänsekiel als Schreibwerkzeug ist doch noch wenigstens in der Erinnerung des Volkes so nahe, daß leicht an ihn erinnert werden kann. Daß man einst mit dem Rohre schrieb, wissen nur noch die Gelehrten. Wenn der Italiener für Tintenfaß  calamajo  sagt, so hat er keine Ahnung mehr davon, daß es Rohrständer bedeutet, wenn er es auch leicht erraten könnte; der Tscheche, der dafür  kalamar  sagt, kann es auch nicht einmal mehr erraten. Ebenso hat in kühnem Bedeutungswandel der Stoff des Buchenholzes sich zu dem Begriff "Buch" gestaltet. Auch die Buchstaben werden jetzt mit bleiernen Lettern gedruckt, ohne daß man darum an den Buchstaben etymologisch Anstand nimmt. Wenn aber das Kind den Stoff Glas nicht kennt, sondern nur das Trinkgefäß und darum ganz richtig sagt, es wolle heute aus seinem silbernen Glase trinken, so nennt man das ein falsches Sprechen. Es braucht aber nur das Wort Glas als Stoffbezeichnung sich irgendwie durch Lautwandel oder sonst zu verändern, so wird gegen ein silbernes Glas nichts mehr einzuwenden sein, so wenig wie heute schon gegen eiserne Balken, gegen Buchstaben von Blei, gegen Goldfeder (goldne Stahlfeder) u. dgl. So wenig zwei Menschen das gleiche Leben gelebt haben, so wenig sprechen sie die gleiche Sprache. Nun werden wir dazu noch aufmerksam gemacht auf den Umstand, daß das Kind jedes Wort zuerst in einer individuellen Anwendung erfährt, als einen Eigennamen, wie wir es nannten. Es kann kein Zweifel daran sein, daß dieser Eigenname, daß dieser erste Anlaß für zeitlebens, wenn auch noch so abgeschwächt, den Vorstellungsinhalt des Wortes nuanciert. Und noch eins erkennen wir jetzt. Je nach dem Bildungsgrade einerseits, je nach der Kraft seiner Einbildungskraft anderseits wird der einzelne Mensch den Bedeutungswandel der gleichen oder ähnlichen Worte, also die historische Entwicklung der Sprache im Bewußtsein tragen oder nicht. Es macht für die Gedankenwelt eines Menschen sehr viel aus, ob er sich des metaphorischen Bedeutungswandels seiner Worte bewußt ist oder nicht. Für sich und für andere beherrscht eigentlich nur derjenige die ganze Fülle und die ganze Schönheit seiner Muttersprache, in dessen Gehirn die unendlich verwickelten Metaphern wenigstens leise anklingen. Der Dichter und das Kind sprechen darum am besten, am natürlichsten; der gewöhnliche Sprachgebrauch ist darum so unnatürlich, so nüchtern. Ich möchte an dieser Stelle nur leicht darauf hindeuten, daß bei den obersten Begriffen der sogenannten Geisteswissenschaften das Bewußtsein vom metaphorischen Bedeutungswandel ganze Weltanschauungen trennt. Wer ganz bewußtlos unter dem Guten, unter dem Schönen das zu verstehen glaubt, was seine Amme oder der Sprachgebrauch darunter zu verstehen glauben, der steht gewiß auf einem ganz andern Boden als wir, die wir durchschaut haben, daß auch solche Begriffe nur Metaphern sind, daß sie einen Bedeutungswandel durchgemacht, eine Geschichte gehabt haben.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II,
Zur Sprachwissenschaft, Stuttgart/Berlin 1906