cr-3Die Abstraktionsleiter 
 
FRITZ MAUTHNER
Entstehung der Abstraktion
II-35

"Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, das sie uns so anschaulich zu machen scheinen, ist dennoch Glaubenssache. Anschaulich sind immer nur die Beobachtungen selbst."

Die Entstehung der einfachsten Begriffe durch metaphorisches Vergleichen läßt sich natürlich nur als psychologische Hypothese aufstellen; wir besitzen keine Dokumente aus einer Urzeit. Ja, der elementare Zwang des Vergleichens bei der Begriffsbildung ist unserem Bewußtsein so sehr entschwunden, daß die besten Bearbeiter des Metaphorischen, von VICO bis herunter auf BIESE und BRUCHMANN, vor dieser Frage immer ahnungslos Halt gemacht und den psychologischen Vorgang fast immer nur an seiner auffallendsten Form beobachtet haben, an der rhetorischen Figur der Personifikation. Ihnen allen ist nur die mythologische Entstehung der abstrakten, ich möchte sagen der neueren Begriffe aufgegangen; die mythologische Entstehung der einfachsten und konkretesten Begriffe, die mythologische Entstehung des Weltbildes, wie es in der Sprache vorliegt, ist ihnen trotz einzelner Annäherungen nicht deutlich geworden.

Die mythologische Entstehung der Abstraktionen jedoch ist durchaus keine moderne Lehre. Sie findet sich sogar schon an der Schwelle der griechischen Philosophie, bei XENOPHANES, einem Zeitgenossen des PYTHAGORAS, um 500 vor Christi Geburt. Er war ein Rhapsode und ein Philosoph, was damals gewiß keinen Widerspruch in sich schloß. Man hat in die erhaltenen Bruchstücke seiner naturphilosophischen Gedichte ohne Schwierigkeit den Pantheismus unserer Zeit hinein lesen können. Wie dem auch sei, etwas GOETHE muß in dem alten Dichterdenker gelebt haben, der zuerst die Faustische Tragik des Nichtwissens empfand und herausschrie, der das köstliche GOETHEsche Wort: "Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist" - zuerst wußte. Man könnte XENOPHANES zum ersten Philosophen des Metaphorischen ernennen, wenn man nur etwas mehr von ihm übrig hätte. Es scheint mir sogar möglich, in seinen Satz, daß das Individuelle von unserem Verstande abhängig sei, sogar die KANTsche Philosophie hinein zu legen. Das wäre aber bei der Armseligkeit der Überlieferung ein müßiges Spiel. Gewiß ist nur, daß er die Mythologie von HOMEROS und HESIODOS, also die Religion seiner Zeit, ernsthaft verspottet hat mit denselben Mitteln, die viel später der weit über Gebühr berühmte LUKIANOS Spaßes halber anwandte, und daß er die metaphorische Entstehung dieser Mythologie erkannte. Die Menschen, sagt er, haben die Götter geschaffen und ihnen nach Menschenart Kleider, Sprache und Formen gegeben. Die Äthiopier stellen ihre Götter schwarz und stubbsnäsig dar, die Thrakier rothaarig und blauäugig. Wenn Ochsen und Pferde Hände hätten, wenn sie malen und Bildwerke ausführen könnten wie die Menschen, so würden sie Bilder malen und auch die Götter nach ihrer Gestalt darstellen, die Pferde solche mit einem Pferdeleib, die Ochsen solche mit einem Ochsenleib.

Was die ältesten Dichter unbewußt taten, so daß ihre poetischen Bilder und ihre religiösen Vorstellungen sich miteinander vermischen, das tun alle Dichter bis zur Stunde bewußt, und weil sich die neueren, SCHILLER so gut wie ZOLA, der Metaphern bewußt sind, so sehen sie in ihren Personifikationen Symbole und nicht mehr Gestalten des Glaubens. Besinnen wir uns aber recht darauf, daß die einfachsten Begriffe wie die abstraktesten durch die gleiche psychologische Metapher entstehen, daß es derselbe Witz ist, der die allernächsten und die entferntesten Ähnlichkeiten wahrnimmt, so hört für uns auch der Artunterschied auf zwischen wissen, symbolisieren und glauben. "Glauben" ist etymologisch verwandt mit "loben" und hat die Grundbedeutung "gut heißen". Die Phantasie beginnt nicht erst bei den religiösen und sittlichen Glaubensmeinungen, sondern arbeitet metaphorisch schon bei dem mit, was wir "wissen" nennen. Die Erscheinungen der Schwere sind Beobachtungen, die Erscheinungen des Lichtes sind Beobachtungen; die Gesetze der Gravitation und der Lichtschwingungen jedoch sind Glaubenssache so gut wie die populär gewordenen Begriffe  Kraft  und  Stoff Der Begriff der  Ursache  ist Glaubenssache, metaphorisch nach dem vermeintlichen Bewußtsein eines menschlichen Willens gebildet, so gut wie die stubbsnäsigen Götter der Äthiopier. Die Transformatoren unserer Dynamomaschinen sind wirklich; das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, das sie uns so anschaulich zu machen scheinen, ist dennoch Glaubenssache. Anschaulich sind immer nur die Beobachtungen selbst. Der Begriff ist immer metaphorisch, gibt niemals Anschauung, weder bei den mythenbildenden Dichtern noch bei den mythenfeindlichen Philosophen.

Begreifen wir das, so erscheint uns der schöne Satz KANTs "Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer" selber blind und leer. Es gibt keine Anschauung, außer in der unmittelbaren Gegenwart, in dem unmittelbaren Gegenüber von beobachtendem Subjekt und der Wirklichkeitswelt. So wie die Sprache sich der Anschauungen bemächtigen will, wird sie vom ersten Tasten an zur Metapher, einerlei, ob die Sprache ein Wissen, ein Symbol oder einen Glauben ausdrücken will. Gerade KANTs größte Tat ist es freilich (da er die Symbole in seiner oft prachtvollen Sprache nur als verdeutlichenden Schmuck gebraucht), zwischen Wissen und Glauben schärfer als alle Vorgänger unterschieden zu haben; er kritisiert das Wissen und baut sein Gemisch von Religion und Sittlichkeit auf den Glauben, auf ein Gefühl. Wollen wir aber seine Erkenntnistheorie und seine Ethik unter Einen Gesichtspunkt zusammenfassen, so müssen wir doch sagen, daß er sowohl da wie dort ein Nichtwissen lehrt, ein unbewußtes Nichtwissen in der Erkenntnistheorie, ein bewußtes Nichtwissen in seiner Ethik.

Unser Wissen von den ältesten Sprachformen und von den ältesten Religionsformen ist wirklich ein und dasselbe Wissen. Nicht, wie MAX MÜLLER das lehrte. Nur darum, weil Götter immer nur Worte sind, Worte immer nur Götter; und weil das um so deutlicher wird, je weniger die Götter und die Worte zu sagen haben. Worte lebendiger Sprachen sind immer reicher als die Erfahrung, um die Metapher reicher, um ihre Mythologie.

Alle diese Untersuchungen ließen sich sehr hübsch in eine Psychologie der Vergleichung ordnend zusammenfassen. Wir haben hoffentlich gesehen, daß es eine und dieselbe Geistestätigkeit ist, der wir personifizierend den Witz zum Vorsitzenden geben mögen, die Geistestätigkeit, welche durch Vorgleichung der Sinneseindrücke die konkretesten und dann die abstraktern Begriffe bildet, welche weiter zu Gestalten des Glaubens, zu Symbolen und endlich zu metaphorischen Vorstellungen des Wissens führt. Nähe oder Entfernung der Ähnlichkeiten, bewußte oder unbewußte Vergleichung, Beachtung oder Nichtbeachtung der Unterschiede spielen dabei in mannigfachen Kombinationen die entscheidende Rolle. Ich möchte nicht alle möglichen Kombinationen nacheinander aufzählen; es wäre das eine logische, eine mechanische Arbeit. Um den Gedanken klar zu machen, will ich nur die beiden äußersten Glieder dieser Psychologie der Vergleichung betrachten.

Auf der ersten Stufe entsteht durch unbewußte und nächste Vergleichung und Nichtbeachtung der Unterschiede der konkreteste Begriff, z.B. der Begriff eines besonderen Baumblatts. Es ist kaum zu bezweifeln, daß auch das Tier diesen Begriff des ihn besonders interessierenden Blattes ungefähr besitzt. Für uns ist das Blatt einer bestimmten Baumart fast kein Individuum mehr. Die Vergleichung der so überaus ähnlichen Individuen ist beinahe schon Verwechslung. Die Ähnlichkeit ist so nahe wie möglich, auf die Unterschiede werden wir höchstens einmal durch ein augenblickliches Interesse aufmerksam gemacht, und so vollzieht sich die Vergleichung, die zu dem Begriffe  Eichenblatt  oder  Kokospalmenblatt  führt, unbewußt. Freilich sind Unbewußtheit, Nähe und Aufmerksamkeit relative Begriffe. Ein wenig mehr Aufmerksamkeit, und es kann der Begriff  Eichenblatt  schon zum Gattungsbegriff werden, wie dann später der weitere Begriff  Blatt .

Auf der letzten Stufe der psychologischen Vergleichung entstehen dann die höchsten Wissensbegrifie, indem der Witz mit Anstrengung seines Bewußtseins, mit klarer Aufmerksamkeit auf die Unterschiede und mit Heranziehung der äußersten, kaum noch verständlichen Ähnlichkeiten seine Tätigkeit übt. Alle Wissenschaften operieren mit solchen scheinbar begreiflichen Wissensbegriffen, die aber im Grunde ebenso metaphorische Vorstellungen sind wie Religionsbegriffe, Symbole und poetische Bilder. So ist z.B. die Menschheit langsam dazu fortgeschritten, den weitesten Artbegriff Blatt als Teil der höheren Begriffe  Pflanze, Organismus, Ding, Stoff, Substanz  aufzufassen. Augenblicklich können wir nicht höher hinauf, weil das Denken oder die Sprache an dieser Stelle inne hält. Doch scheint es mir richtig, darauf hinzuweisen, wie leicht solche oberste Begriffe des Wissens (die ja an sich immer Glaubensbegriffe sind) auch für unser Sprachgefühl zu Symbolen oder Religionsvorstellungen werden können. Es braucht nur nach aller vorausgegangenen Anstrengung des Bewußtseins das Bewußtsein der getanen Arbeit zu verschwinden und wir glauben bei dem Begriff  Substanz  etwas zu wissen.

Für SPINOZA war Substanz ein solcher Wissensbegriff. Schärfen wir die Aufmerksamkeit noch über den notwendigen Grad hinaus, so wird der Begriff zum Symbol; so erscheinen mir wenigstens die vermeintlich streng naturwissenschaftlichen Vorstellungen, nach welchen sich z.B. die neuere Atomistik die Substanz, das Atom, in Kugelform denken muß, genau so wie der eben erwähnte XENOPHANES sich die Allsubstanz seines Pantheismus als Kugel dachte. Und wieder, wenn der Unterschied der unzähligen verglichenen Erscheinungen übersehen wird, verwandelt sich die Substanz in den persönlichen Schöpfer, in einen Religionsbegriff. Die Vermischung von höchsten Wissensbegriffen, Symbolen und Göttern ist oft unauflösbar. Jedermann wird mir zugeben, daß wir beim Lesen griechischer Dichter oft nicht unterscheiden können, ob Vorstellungen wie Zeit, Tod begrifflich, symbolisch oder mythologisch gemeint seien. Mir will es aber scheinen, als schwebten auch unsere Worte Zeit, Tod nebelhaft zwischen Wissen, Symbol und Gottheit dahin.

Ist es nun richtig, daß eine und dieselbe psychologische Tätigkeit, die Vergleichung nämlich, sowohl die konkretesten wie die abstraktesten Vorstellungen in uns erzeugt, daß also die allgemeinste Form der Metapher uns in Gestalt unseres Sprachschatzes unsre Wirklichkeitswelt erst schenkt, so ist zwischen dem Aussprechen eines Wortes wie  Eichenblatt  und der Aufstellung eines umfassenden philosophischen Systems doch nur ein Gradunterschied. Der größte Philosoph hat nur mit gespannterer Aufmerksamkeit, mit hellerem Bewußtsein die entfernteren Ähnlichkeiten verglichen. Ist auch der konkreteste Begriff metaphorisch entstanden, so muß doch wohl jedes philosophische Werk im einzelnen wie im ganzen ebenfalls und in äußerster Potenz metaphorisch sein. Wenn BIESE in seiner "Philosophie des Metaphorischen" die Geschichte der Philosophie durchnimmt und bei den bekanntesten Schlagworten der einzelnen Denker auf das Bildliche in ihnen hinweist, so trennt ihn nur noch ein letzter Schritt von der bescheidenen Wahrheit. Gerne (vgl. Seite 218) geht er von der metaphysischen Metapher aus, daß unsere Doppelnatur (?) unaufhörlich Vergötterung des Geistigen und Vergeistigung des Körperlichen verlange. So sieht er in dem Metaphorischen immer nur Personifikation und ihr Gegenteil, von dem ich mir übrigens keine Vorstellung machen kann. So sieht er schließlich im Metaphorischen etwas Ähnliches wie HARTMANN in seinem Unbewußten und spricht es noch nicht aus, daß das Metaphorische einzig und allein in der Sprache liegt, daß diese Tatsache nur ein anderer Ausdruck für unser Nichtwissen ist und daß durch dieses Metaphorische der Sprache in unserem Denken der Schein einer Anschaulichkeit entsteht, den es nie und nimmer besitzt.

Ich kann aber dem Reize nicht widerstehen, mit einigen Worten wenigstens anzudeuten, wie die Geschichte der Philosophie (insofern sie nicht durch individuelle Köpfe gemacht und darum zufällig ist wie alle Geschichte) sich als eine langsame Selbstzersetzung des Metaphorischen ausdeuten ließe. Freilich darf man da nur die Philosophien betrachten, die historisch aufeinander beruhen, und muß von dem Denkgeschäft der Inder absehen, welche bereits in alter Zeit das Wirklichkeitsbild als ein Blendwerk der Maya betrachteten, als eine angeborene Täuschung, hervorgerufen durch falsche Analogien, also doch wohl durch Metaphern.

Die zusammenhängende Geschichte der sogenannten Philosophie beginnt aber erst mit den älteren Griechen, welche mit ungeheuer kühnen falschen Analogien entweder etwas ausgedachtes Undenkbares wie  nous  oder eines der vier Elemente zum weltbildenden Prinzip machten, zum einzig Seienden. Dieses mußte also Ursache seiner selbst sein, ein sinnloser Begriff, wenn er auch volle zweitausend Jahre geherrscht hat. Das sahen logische Köpfe sofort ein und machten das Nichtseiende zur Ursache des Seienden, wobei doch die Metapher eigentlich einen Purzelbaum aus der Welt heraus macht. Die Sophisten zersetzten beide Begriffe und machten den Menschen zum Maßstabe der Welt; man beschimpfte sie dafür, und SOKRATES mußte dafür sterben. Die Reaktion meldete sich in seinem dichterischen Schüler PLATON, der die Überschätzung der metaphorischen Sprache für mehr als ein Jahrtausend, ja bis in die Gegenwart hinein auf einen Gipfel gehoben hat. Hatte er von einem Vorgänger das Trügerische des Wirklichkeitsbildes gelernt (Alles ist im Flusse begriffen), so gelangte er dadurch nicht wie SOKRATES zum Eingeständnis des Nichtwissens, sondern personifizierte die Abstraktionen der Sprache, machte die Ideen zu den Müttern der Welt. Die Zeit wird auf den Kopf gestellt, das Letzte wird das Erste genannt, die von den Einzeldingen abstrahierten Begriffe heißen die Ursache der Einzeldinge.

ARISTOTELES mag die Ungeheuerlichkeit dieser falschen Analogie durchschaut haben, die doch wieder nur das Nichtseiende zur Ursache des Seienden machte. Er erklärte darum die Ideen für immanent; man hat das dann im Mittelalter so ausgedrückt, daß er statt der Universalien ante rem die Universalien in re gesetzt habe. Es war eine Zersetzung der Ideenmetapher. Aber mit einem noch viel gefährlicheren, viel weniger durchsichtigen Anthropomorphismus machte er nun seinerseits den Zweckbegriff zur Ursache der Welt, zur Seele, zum Formprinzip des Stoffs. Zu diesen Vorstellungen brachten das Christentum und die ihm vorausgehenden Epigonenschulen der griechischen Philosophie den religiösen Gottesbegriff, und durch Jahrhunderte bissen sich die Scholastiker daran die Zähne aus, die Kette dieser ineinander verschlungenen Metaphern zu zernagen. Der mittelalterliche Nominalismus ist der erste Versuch der wirklichen Selbstzersetzung des metaphorischen Denkens. Er konnte sich trotz aller Ketzereien von der Theologie nicht befreien. In diesem Zusammenhange erscheint auch DESCARTES als ein Theologe mit ausgebissenen Zähnen. Er löst viele niedere Metaphern auf, betet aber die oberste Metapher an, den Deus, dem nun eine viel schwierigere Arbeit als in der Religion zugewiesen wird. Die Welt wird eine Republik mit dem Großherzog an der Spitze. Soweit SPINOZA durch Sprache und Logik in diesen Zusammenhang gehört, ist auch er, trotzdem er Gott mit der Substanz identifiziert, ein Scholastiker. Wo er jedoch, als einziger, die Wahrheit sieht, wo er in der Wirklichkeitswelt zufällige Notwendigkeit erblickt - wie LEIBNIZ das später genannt hat -, da steht SPINOZA in einsamer Größe eigentlich außerhalb der zusammenhängenden Geschichte der Philosophie.

Dieser Zusammenhang ließe sich schematisch so darstellen, daß mit PLATON und ARISTOTELES und noch mehr mit ihren einseitigen Auslegern die große Gabelung beginnt; beide Geistesrichtungen wollen ein Nichtseiendes zur Ursache alles Seienden machen, die Platoniker die begrifflichen Ideen, die Aristoteliker die Zweckbegriffe. Die Scholastik, welche in ihren Ausläufen bis zu KANT und SCHOPENHAUER herabreicht, ist in allen freieren Köpfen ein staunenswert scharfsinniger Versuch, PLATONs Ideenlehre zu zersetzen und den geistesmörderischen Wortrealismus zu überwinden. An der Wirksamkeit der Zweckbegriffe zweifelt innerhalb der Reihe dieser Denker eigentlich niemand, da noch KANT seine praktische Philosophie auf Zweckbegriffe aufbaut und auch SCHOPENHAUER das Monstrum eines zwar dummen, aber dennoch zweckdenkenden Willens in der Natur lehrt. Die Bestrebungen, diesen ebenfalls wortrealistischen Irrtum zu überwinden, lassen sich am besten an die Entwicklung der Philosophie knüpfen, die von den Engländern ausgegangen ist und schließlich ebenfalls in dem umfassenden Geiste KANTs mündet. Das Ende beider Denkrichtungen kann nur eine Sprachkritik sein, welche wieder den Nominalismus des Mittelalters dadurch übertrifft, daß sie nicht mehr nur gegen das Gespenst des Wortrealismus polemisiert, sondern die Vernunft selbst als Sprache erkennt, das heißt als das Gedächtnis der Menschheit mit all den Unvollkommenheiten und Grundgebrechen, welche dem Gedächtnis und seinen Dienern und Herren, den Zufallssinnen, wesentlich anhaften.

Diese englische Denkrichtung hat ihren ersten vollendeten Ausdruck in LOCKE gefunden, der in der Kritik der konkreten Begriffe alles Wichtige schon gesagt hat, der aber bezüglich der komplexen Ideen trotz aller seiner Sprachkritik noch im Wortaberglauben befangen ist, so daß sein Kritiker LEIBNIZ nicht ohne einen Schein der Berechtigung die Psychologie LOCKEs und die Metaphysik DESCARTES' zusammenschmeißen und seine metaphorische Monadenlehre aus den Worten dieses Mischmasch konstruieren konnte. In England blieb die Bewegung aber bei LOCKE nicht stehen. Was bei BERKELEY noch als Versuch erscheint, die menschliche Vernunft durch einen radikalen Idealismus ad absurdum zu führen, das wird bei HUME die größte ernsthafte Tat des Zweifels: Kritik des Kausalitätsbegriffs. Der Begriff der Ursache wird als eine menschliche Metapher erkannt, das Nichtseiende soll das Seiende nicht mehr erklären.

In KANT hat sich der Scharfsinn der ehrlichsten Scholastiker mit dem nüchternen Zweifel der Engländer vereinigt. KANT hat die Welt bis zur Gegenwart geführt. Er weiß bis auf den sprachkritischen Punkt freilich nur -, daß den menschlichen Begriffen immer bildliche Vorstellungen anhängen, daß wir bis zur Erkenntnis der Wirklichkeitswelt, des Ding-an-sich, niemals vordringen können, weil unser Denken - wie wir ihn ohne Zwang sagen lassen können - metaphorisch ist, anthropozentrisch. Es ist nicht das kleinste Verdienst KANTs, daß er durch das überwältigende Aussprechen LOCKEscher Vorstellungen der neueren Untersuchung der menschlichen Sinnesorgane die Wege gewiesen hat. Man könnte aus KANTs Werken eine unangreifbare kritische Erkenntnistheorie des Nichtwissens zusammenstellen, eine noch freiere als die einst berühmte "docta ignorantia" des NICOLAUS CUSANUS. In seinem negativen Denken ist KANT bereits der Alleszertrümmerer (1); wir beugen uns vor dem Geiste, der in seinen stärksten Stunden die Riesenarbeit begonnen hat, welche als Selbstzersetzung der Sprache oder des Denkens notwendig war.

Aber KANTs letzte Weltanschauung ist dennoch nur die einer Übergangszeit; oder vielleicht hat ihn gerade das Bewußtsein seiner Riesenkraft dazu verführt, der negativen Tat ein positives System folgen zu lassen. Jedenfalls steht er der absoluten Vernunft etwa so gegenüber wie Graf MIRABEAU dem absoluten Königtum. Er will sie in bestimmte Grenzen zurückweisen, er will ihren Mißbrauch abschaffen, er will sie zuerst von ihrem Throne stürzen, um sie nachher durch ein unlogisches Vetorecht wieder zu retten. Dieser Zwiespalt im Kopfe KANTs ließe sich an der inneren und äußeren Geschichte seiner "Kritik der reinen Vernunft" nachweisen. Ich muß hier darauf verzichten. KANT wollte sein Werk ursprünglich nennen "Die Grenzen der Sinnlichkeit und der Vernunft". Er hat unerreicht klar über die Grenzen der Vernunft geschrieben, aber die Doppelbedeutung des Wörtchens "über" hat er dabei übersehen; unbewußt hat auch er noch die Vernunft als eine mythologische Person, als ein personifiziertes Seelenvermögen aufgefaßt, hat das logische Denken in menschlicher Sprache von der menschlichen Vernunft unterschieden und hat nicht bemerkt, daß es  über  unsere Kraft geht,  über  die Vernunft oder Sprache zu sprechen oder zu denken.

So gelangt er dazu, die Kategorien des Denkens schließlich doch wieder - sehr vorsichtig freilich - auf das Undenkbare, auf das Ding-an-sich anzuwenden. Sein Sündenfall besteht darin, daß er nach zehnjähriger Vorarbeit nicht die Grenzen der Vernunft überhaupt, sondern die Grenzen einer  reinen  Vernunft kritisierte, daß er eine reine Vernunft, das heißt eine Vernunft vor aller Erfahrung der anderen Vernunft gegenüber stellte, daß er die von LOCKE ausgerotteten angeborenen Ideen auf diesem Umwege wieder auf den Thron setzte und ihnen ein Vetorecht gab. Die reine Vernunft war die Glaubenssache und die große Metapher KANTs. Ihm stand für die Begriffe der reinen Vernunft das Wort "intelligibel" zur Verfügung; ist aber im Verstande nichts, was nicht vorher in den Sinnen war, in der Erfahrung, so kann im Verstande nichts Intelligibles sein, nichts Unerfahrenes, nach KANTs Sprachgebrauch, so ist alles Intelligible nicht nur unvorstellbar und unverständlich, sondern undenkbar. Drei mögliche Wege sah KANT: den Dogmatismus der Scholastiker, den Zweifel HUMEs und seinen eigenen Weg; im Kampfe gegen den Dogmatismus war er siegreich, im Kampfe gegen den Skeptizismus ist er unterlegen.

Vor den Pforten der Wahrheit ist KANT stehen geblieben. Die Sprachkritik allein kann diese Pforten aufschließen und mit lächelnder Resignation zeigen, daß sie aus der Welt und dem Denken hinaus ins Leere führen. Die deutschen Nachfolger KANTs aber sind umgekehrt. Namentlich in HEGELs erstaunlich scharfsinniger Dialektik feiert der alte Wortaberglaube die tollsten Orgien. Er begnügt sich nicht damit, das Nichtseiende zur Ursache des Seienden zu machen, er streicht die Welt aus der Welt und macht die Logik, diese Klassifikation des Nichtseienden, zum einzig Seienden. SCHOPENHAUER sein wilder und mächtiger Gegner, hat den Weg KANTs wiedergefunden und rüttelt oft und stark an den Pforten der Sprachkritik. Aber auch sein System gipfelt, schließlich in Wortaberglauben, in einer mythologischen Person, in dem Willen, der nachher von EDUARD von HARTMANN den selbstverräterischen Namen "das Unbewußte" erhalten hat.

SCHOPENHAUER ist - abgesehen von den Schwächen seines Systems - einer der größten philosophischen Schriftsteller geworden, weil er im Gegensatze zu HEGEL die Welt wieder in ihr Recht einsetzte, weil er anschaulich zu denken versuchte. Man liest ihn darum mit Bewunderung, wie man einst PLATON gelesen hat. Wer von der Philosophie nicht mehr verlangt, als die denkbar höchste Anschaulichkeit, die lebendigste metaphorische Darstellung abstrakter Begriffe, der muß ihn einen gewaltigen Denkdichter nennen.
"Das geschlossene Auge sieht nur Phantasmen. Das menschliche Denken lebt von der Anschauung, und es stirbt, wenn es von seinen eigenen Eingeweiden leben soll, den Hungertod." (TRENDELENBURG).
Unsere Sprachkritik aber hat uns gelehrt, daß auch der konkreteste Begriff noch keine Anschauung gewährt, sondern nur den Schein einer Anschauung, daß also auch der blendende Bilderreichtum eines Denkdichters über die Grenzen der Sprache nicht hinaus gelangen kann. Nicht eine Kritik der reinen Vernunft kann da helfen, sondern nur die Kritik der Vernunft überhaupt, die Kritik der Sprache. Denn der Mensch hat keine andere Vernunft als seine Sprache. Nur handelnd verstehen wir die Wirklichkeitswelt, nur wenn wir selbst wirkend mitten in der Wirklichkeit stehen, niemals wenn wir uns ihr denkend gegenüberstellen wollen. Was der Mensch mit übermenschlicher Kraft auch wagen mag, um Wahrheit zu entdecken, er findet immer nur sich selbst, eine menschliche Wahrheit, ein anthropomorphisches Bild der Welt. Das letzte Wort des Denkens kann nur die negative Tat sein, die Selbstzersetzung des Anthropomorphismus, die Einsicht in die profunde Weisheit des VICO:  homo non intelligendo fit omnia. 
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II,
Zur Sprachwissenschaft, Stuttgart/Berlin 1906
    Anmerkungen
  1. Als ein kleiner Beitrag zu der Art, wie geflügelte Worte entstehen können, mag es hier verzeichnet werden, daß der arme MENDELSSOHN KANT "den alles zermalmenden- nannte in einem Satze ("Morgenstunden", Vorrede), in dem er zugeben muß, keines der kritischen Werke KANTs gelesen zu haben.