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FRITZ MAUTHNER
Moderne Etymologie
II-14

"Ein Blick auf die Zeitdauer, in welcher die menschliche Sprache sich entwickelt hat, wird uns zeigen, wie nichtig die Ergebnisse für die Frage nach dem Ursprung der Sprache sein müssen."

Unsere heutige Etymologie schenkt uns eine ganze Menge ernsthafter Ergebnisse; wer aber glauben könnte, daß wir uns mit ihrer Hilfe dem Ursprung der Sprache nähern können, der ist nicht klüger als die Griechen und die Bibeletymologen. Neben die Leistungen der griechischen Sprachphilosophen gehalten ist z.B. KLUGEs etymologisches Lexikon der deutschen Sprache oder auch KÖRTINGs lateinisch-romanisches Wörterbuch ein Wunderwerk an Wissen und Fleiß. Das Gehirn eines ARISTOTELES würde ein solches Buch nicht fassen können, auch wenn es alle deutschen Mundarten, Mittelhochdeutsch, Althochdeutsch, Gotisch und Sanskrit dazu vorher aufgenommen hätte. Was aber ist für die ernsthafte Aufgabe aller Sprachwissenschaft die Leistung eines solchen Wunderwerks? Es wird die deutsche Sprache geschichtlich um etwa 500 Jahre zurückverfolgt, es werden sehr viele Worte um ganze tausend Jahre sogar zurückbeobachtet; häufig wird die Verwandtschaft mit anderen germanischen Sprachen glaubhaft nachgewiesen; nicht selten auch die "Verwandtschaft" mit der lateinischen oder mit der griechischen Sprache. Und ab und zu gelingt es auch, die Lautverwandtschaft mit dem Sanskrit überzeugend zu belegen.

Das Interesse an solchen kleinen Nachweisungen ist allgemein und man kann dümmere Interessen haben. Das Aufsuchen der Ähnlichkeiten ist für die Spezialforscher eines der geistreichsten Spiele, die je erfunden worden sind. Und wer, ohne sich an der Forschung zu beteiligen, diese Disziplin wenigstens versteht, sieht dem geistreichen Spiele sicherlich mit vielem Vergnügen zu. Ja es kann ihm, wenn er Sinn dafür hat, dabei zumute werden wie dem junkerlichen Erben hoher Ahnen, der in der Waffensammlung seines Hauses von einem kundigen Begleiter umhergeführt wird und erfährt: diese Steinaxt wurde in einem Graben gefunden, zehn Schritte vom Burgtor, mit dieser Armbrust ging dein Ahnherr vor zwanzig Generationen auf die Jagd, mit dieser Hakenbüchse wurde dein Wall vor zehn Generationen verteidigt, und dieses Feuersteingewehr trugen noch die Leute, die dein Großvater in den Freiheitskriegen kommandierte. So ist Etymologie eine ganz aristokratische Disziplin. Wer nicht weiß, wer oder was sein Urgroßvater gewesen ist, erblickt plötzlich in der Sprache einen Ahnensaal, dessen Bilder doppelt so weit zurückgehen, als die der stolzesten Geschlechter Europas. Die Etymologie gewährt also ohne Frage ein großes Vergnügen. Was aber trägt die Etymologie zur Welterkenntnis bei oder auch nur bescheidentlich zur Erkenntnis vom Wesen der Sprache? Was lehrt sie über den Ursprung der menschlichen Sprache? Was lehrt sie auch nur über den Ursprung einer Einzelsprache?

Natürlich ist es uns erfreulich zu erfahren, wo und wie "Verwandte" von uns auf der Welt leben. Es schmeichelt unserer Nationaleitelkeit mit Verwandten darüber zu plaudern. Nicht zu vergessen, daß eben nur die Tatsache der Ähnlichkeit wirklich festgestellt ist, daß aber selbst auf dem engen Gebiet der indoeuropäischen Sprachen der Grad und die Linie der "Verwandtschaft", der eigentliche Stammbaum, niemals erschlossen werden wird. Da hat auf einer gemeinschaftlichen internationalen Gesellschaftsreise ein Engländer entdeckt, daß ein brauner Mann aus Indien ein Sprachverwandter von ihm sei. Der Inder ist also auch mit den französischen und deutschen Vettern des Engländers sprachverwandt. Großer Jubel und allgemeines Händeschütteln. Nur irgendeine Sprachverwandtschaft steht fest; der Versuch, sich in der Genealogie unter all den Basen und Tanten und Großvätern zurechtzufinden, mißlingt. Man plappert dennoch darüber und langweilt damit die wenigen Reisegenossen, welche noch die Natur beobachten wollen.

Ich weiß wohl, welcher Gewinn die Auffindung des verwandten Sanskrit für die arme europäische Sprachwissenschaft war. Der Vetter aus Indien verfügte über einen reichen Schatz. In der technischen Sprache des Gelehrtenbetriebes ausgedrückt war der Erfolg der, daß wieder eine neue Sprache zur Vergleichung herangezogen werden konnte, daß das Material sich vermehrte, daß endlich der Masse wegen eine Spezialwissenschaft sich abtrennen konnte. Es gab auf den deutschen Universitäten einen Lehrstuhl mehr. Das war der Gewinn für die Welterkenntnis.

Um das ganz einzusehen, überlege man einmal, daß nur die Sprachähnlichkeit an sich offenbar ist, die Abstammung jedoch nicht. Es war nur eine Hypothese, und eine herzlich schlecht begründete Hypothese, daß das Sanskrit die Ursprache unserer europäischen Sprache sei, oder auch nur, daß es - da die Annahme der Ursprache nicht lange vorhielt - eine vorgermanische Sprache sei. Vielleicht wird einmal die neue Hypothese besser als bisher begründet werden, daß die Ursprache unseres Gesamtstammes germanisch gewesen sei und daß man das Sanskrit von diesem Urgermanischen ableiten könne. Warum nicht? Die Hypothese wäre wissenschaftlich so gut zu begründen wie eine andere, und dem Chauvinismus wäre noch mehr geschmeichelt als jetzt.

Nach der jetzt herrschenden Auffassung beruhigen sich unsere Etymologen dann, wenn sie das Wort einer indoeuropäischen Sprache bis auf eine sogenannte Sanskritwurzel zurückgeführt haben. Und niemand scheint zu wissen, daß die Aufstellung der Sanskritwurzeln ein ebenso kindliches Werk der Phantasie war, wie etwa die biblische Schöpfungsgeschichte. Früher führte man die Abstammung bis auf das Griechische zurück, etwa so wie wir nach der Lehre der Theologen alle von NOAH herkommen, der als Stammvater der Menschen allein aus dem Kasten kam. Jetzt gehen wir bis auf das Sanskrit zurück, bis auf Adam. Und lustig wäre es, wenn im Hebräischen Adam so viel geheißen hätte wie der Mensch, das heißt der Mensch par excellence, das heißt der erste Mensch. Wir würden dann aus der Bibel erfahren, daß die Menschen vom ersten Menschen abstammen. Ebenso bedeuten die Wurzeln des Sanskrit bestenfalls, daß die Untersuchung nicht weitergeführt werden kann. Weiter nichts.

Auf diesem Standpunkt der Wurzeletymologie steht die Wissenschaft heute noch trotz der zurückhaltenden Äußerungen der Junggrammatiker. Auf diesem Standpunkt stand die Naturgeschichte von ARISTOTELES bis zu DARWIN. Da nahm man die Arten, also gewissermaßen die Wurzeln aller lebendigen Tier- und Pflanzenindividuen, einfach als gegeben an; und wer die Entstehung der Arten hätte erklären wollen, wäre für einen Ketzer angesehen worden. Es fiel aber fast keinem Menschen ein, nach der Entstehung der Arten zu fragen, fast ebenso wie man heute nicht nach der Herkunft der Sanskritwurzeln fragt.

Man sieht sofort, daß die Verschiedenheit des Standpunkts von dem Zeitraum abhängt, auf welchen man die Beobachtung der Sprachgeschichte ausdehnen will. Sah man für die Existenz der Welt nur auf die paar Jahrtausende der Bibel zurück, so erschien eine Erklärung der Arten durch allmähliche Umformung ganz aussichtslos. Denn wenn sich eine bestimmte Tierform binnen zweitausend Jahren nicht verändert, so war auch ihre Entstehung in den vorangegangenen drei Jahrtausenden nicht zu erklären. Seit DARWIN oder vielmehr seit den geologischen Forschungen von LYELL stehen dem Geschichtsschreiber der Natur ungemessene Zeiträume zur Verfügung. Er will durch minimale Veränderungen alle Verschiedenheiten erklären; nur den Anfang der Organismen nicht, vielleicht weil die Frage nach dem Anfang falsch gestellt ist.

Auf diesem vordarwinischen Standpunkt steht also trotz der Ideen von SCHLEICHER und der sicherlich darwinistischen Weltanschauung der meisten Sprachforscher die Tätigkeit der Etymologen noch immer. Dadurch, daß infolge der größeren Flüssigkeit des Sprachlauts die Worte sich auch in den paar tausend der Beobachtung zugänglichen Jahren merklich verändert haben, daß Änderungen in der Stellung der Sprachorgane, so winzig, daß die entsprechenden Änderungen im Skelett des Tieres kaum bemerkt würden, in den Schriftzeichen festgehalten worden sind, dadurch ist es möglich geworden, jene Unzahl von Tatsachen zu sammeln, welche Gegenstand der heutigen Etymologie sind. Diese Sammlung ist nicht nur für die Sammler selbst eine Beschäftigung von höchstem Reiz, sondern wie gesagt auch ein Vergnügen für jeden Laien. Ein Blick auf die Zeitdauer, in welcher die menschliche Sprache sich entwickelt hat, wird uns zeigen, wie nichtig die Ergebnisse für die Frage nach dem Ursprung der Sprache sein müssen.

Halten wir uns die Ziffern klar vor Augen. Die Veränderungen, welche unsere eigene Sprache von den ältesten germanischen Denkmälern bis heute erlebt hat, umfassen, immer von Vater zu Sohn gerechnet, eine Reihe von höchstens 50 Geschlechtern; und man muß schon recht großmütig sein, um zu behaupten, daß die Weiterführung der Etymologie, bis zurück auf das Griechische und auf das Sanskrit, weitere 50 Geschlechter umfaßt. Nehmen wir aber als Tatsache an, daß wir wirklich die Sprachgeschichte der letzten 100 Generationen überblicken können. Halten wir dagegen die Zeit, in welcher Menschen auf der Erde gelebt haben, in welcher also die Sprache sich entwickelt hat, in welcher also auch ohne Frage die Vorgeschichte der sogenannten Sanskritwurzeln liegt, so werden wir wohl ohne jede Phantastik zu einer Reihe von z.B. einer Million Generationen kommen. Wir wissen also von der Geschichte der Sprache nicht viel mehr als von der Geschichte der Menschheit im allgemeinen. Wir kennen das letzte Zehntausendstel der Geschichte; und wenn bei dieser Zahl um die Hälfte geirrt sein sollte, so kennen wir ein ganzes Fünftausendstel. Wir kennen so viel als die Wurzellänge eines Baumes vom Wege zum Mittelpunkte der Erde. Wir müßten eigentlich die gesamte Weltgeschichte, die wir übersehen, die Geschichte der Gegenwart nennen, die wir dann wie zum Spotte in das Altertum, das Mittelalter und die Neuzeit einteilen können. Auch unsere paar prähistorischen Kenntnisse, soweit sie nicht allzu sehr auf Hypothesen beruhen, gehören noch zu dieser Gegenwart. Und da fährt die Etymologie fort, gewisse Sanskritformen, die selbst wieder Abstraktionen sind, als Wurzeln der Sprache zu bezeichnen.

Einige der sichersten Ergebnisse der Etymologie werden uns, wenn wir unseren Standpunkt festhalten, Beispiele dafür geben, wie eng der zeitliche Horizont dieser Disziplin ist.

Vor allem müssen wir uns davor hüten, ihr Hauptergebnis, weil es mit Hilfe von positiven Worten sich in einen respektabeln Satz einkleiden läßt, auch für eine positive Leistung zu halten. Dieses Hauptergebnis würde für unseren Sprachstamm ungefähr so lauten: jedes unserer Worte hat nicht bloß eine Wurzel, sondern es ist eine durch Umformung veränderte Wurzel; jedes Wort tritt in der Sprache als geformtes Wort auf, so daß es zugleich einen Begriff und eine Beziehung zu unseren übrigen Begriffen ausdrückt; und zwar ist das Formelement eines jeden Worts, sei es auch nur eine Silbe, ein Laut oder gar nur eine Lautveränderung wie z.B. der Umlaut, gewöhnlich der Rest oder die Wirkung eines anderen Wortes. Die Etymologie lehrt einerseits die Geschichte des Wortstammes, anderseits die Geschichte der Wortzusammensetzungen, die zu Wortformen verblaßt sind.

Dieses letzte Ergebnis sieht sicherlich nach etwas Rechtem aus. Aber es ist erstaunlich und bezeichnend für den Schneckengang der wissenschaftlichen Errungenschaften, daß diese Einsicht erst durch eine Unfülle von einzelnen Beobachtungen erreicht wurde. Diese armselige Langsamkeit, diese Abhängigkeit von zufälligen Beobachtungen wird gelehrterweise auch die Herrschaft der Induktion genannt. Die einfachsten Negationen des Unsinns, also die einfachsten Wahrheiten, die noch nichts Positives geben, müssen immer induktiv erkannt werden. Die Negation des Unsinns, daß eine Bewegung ohne jeden Grund sich ändern könne, ist unter dem Namen des Trägheitsgesetzes der Ruhm GALILEIs geworden. Die Negation des Unsinns, daß Kraft oder Stoff aus nichts entstehen könne, ist unter dem Namen der Erhaltung der Energie der Ruhm des 19. Jahrhunderts. Und so scheint mir auch das große Ergebnis der Etymologie, daß die Bedeutungen unserer Flexionssüben nicht aus bedeutungslosen Lauten herkommen konnten, nur die Negation eines Unsinns zu sein. Als diese Flexionssilben sich bildeten oder an die Wortstämme angefügt wurden, hatten sie entweder eine Bedeutung oder sie hatten keine. Hatten sie keine, so wären unsere Sprachen aus einem alten Volapük entstanden, was doch nur ein auf volapükisch redender und denkender Mensch annehmen kann. Hatten aber diese Silben und Laute schon vor der Anfügung einen Sinn, so mußten sie eben Worte sein. Nicht solche Banalitäten kann die Etymologie lehren, sondern höchstens die Geschichte dieser Suffixe. Nicht einmal das beste Ergebnis der Etymologie verdient also den Namen eines Gesetzes, so verschwenderisch auch in den verschiedenen Wissenschaften jede Gruppe ähnlicher Beobachtungen ein Gesetz genannt zu werden pflegt.

Dem entspricht es auch, wenn die Tatsachen der Sprachwissenschaft, insbesondere die Tatsachen der Etymologie untauglich sind, irgendein künftiges Sprachereignis mit Sicherheit vorauszusagen. In der Astronomie, in der Mechanik, in der Chemie usw. führen die beobachteten Gesetze dazu, ein künftiges Ereignis mit immer größerer Sicherheit vorauszuwissen. Eine Sonnenfinsternis wird jetzt bis auf den Bruchteil einer Sekunde genau, das Gewicht eines chemischen Produkts bis auf den Bruchteil eines Grammes genau vorausbestimmt. Die Etymoiogie mit all den Gesetzen, welche von der neuesten Schule sogar noch genauer genommen werden als früher, kann auch nicht die kleinste Wortveränderung für die Zukunft vorhersagen; das allein scheint mir zu beweisen, daß ihre Rückwärtsprophezeiungen mit dem Wesen von Gesetzen nicht viel zu tun haben. Ein hübsches Beispiel bietet mir das neuerdings aufgekommene Wort "stilvoll". Die Schulmeister belehren uns darüber, daß ein anständiger Schriftsteller das Wort überhaupt nicht anwenden dürfe; denn ein solches Ding sei nicht "voll von Stil". Also: in einem Fall, wo die Etymologie für jeden Kommis auf der Hand liegt und wo das Wort bereits lebendig ist, das heißt von der großen Masse der halbgebildeten Städter bereits allgemein und allgemein verständlich gebraucht wird, erklärt die Wissenschaft das Wort für falsch, das heißt für ungebräuchlich.

Die Wissenschaft handelt dabei wie der gelehrte Arzt, der seinen Patienten aufgegeben hat und, da er ihn einige Tage später wohl und munter auf der Straße trifft, ausruft. Wissenschaftlich ist er tot. Auch nach meinem Sprachgefühl ist "stilvoll" noch ein ganz abscheuliches Wort; mein Sprachgefühl, das auch ich für das bessere halte, kann mich jedoch nicht abhalten, die Existenz des Wortes anzuerkennen. Ich gebrauche es nicht gern, wie ich Wasserrüben nicht gern esse; aber die Wasserrüben existieren auch gegen meinen Geschmack. Die Sache liegt nämlich so. Selbst in diesem Falle täuschen sich die Etymologen über das Werden der Sprache. Das Adjektiv "voll" und die Endsilbe "voll" sind für dieses Sprachgefühl nicht identisch. Wundervoll heißt nicht "voll von Wunder", ebensowenig wie das englische  beautiful  so viel heißt wie "voll von Schönheit". Das Wort stilvoll ist wahrscheinlich von Möbelfabrikanten und Aussteuerkäufern nach der Analogie von ehrenvoll, wundervoll usw. gebildet worden. Die ganze Kulturgeschichte spielt in solch ein einzelnes Wort hinein. Es mußten als Ergebnis unzähliger Ereignisse der Kronprinz FRIEDRICH und seine Frau während der langen Regierungszeit des Kaisers WILHELM die Hebung des Berliner Kunstgewerbes zum Felde ihrer Tätigkeit machen.

Es mußte zur selben Zeit im Geschmack der Alexandrinismus unserer Tage zur Herrschaft kommen, der ein ganzes Dutzend verschiedener Stile, benannt nach Völkern, Zeiten und französischen Königen, nebeneinander gelten ließ. Dann richtete sich jeder Nachttisch mit seinem Inhalt nach einem Stil. Ein Möbelmagazin war voll von Stilen. Ein einzelnes Möbelstück mußte demnach einem dieser vielen Stile entsprechen. Die Möbelfabrikanten und ihr Publikum hätten ebensogut "stilig" sagen können. Da aber "voll" inzwischen vielfach zu einer bloßen Endsilbe geworden war, wurde das Wort "stilvoll" erfunden, und so ist es da für solche Dinge. Genau ebenso hätten die Etymologen vor 1000 Jahren - wenn diese Gelehrtenklasse damals schon beachtenswert gewesen wäre - das neue Wort "solch" verbieten können, welches im Begriffe war, sich aus "so" und der Endsilbe "lich" zu bilden. "lich" (englisch  like,  im heutigen Deutsch noch im Worte Leiche erhalten) bedeutete den Körper, den Leib oder die Gestalt; für das Sprachgefühl, welches in lich (gotisch  leiks)  noch die volle Bedeutung empfand, war das Wort  solich  ebenso abscheulich wie uns das Wort stilvoll. Und heute ist dieses Sprachgefühl für "lich" so untergegangen, daß wir in dem Worte "solchergestalt" den Begriff "Gestalt" zweimal haben.

Das Beispiel ist sehr belehrend. Es zeigt einerseits, wie bisher dargetan, die Unfähigkeit der Etymologie, durch Gesetze in das Leben der Sprache einzugreifen oder auch nur die kommende Bildung vorauszusagen, es zeigt anderseits, wie die historische Etymologie, weil sie des Sprachgefühls für ältere Zeiten entbehren muß, noch mehr als die Etymologie der Gegenwart nur totes Material beherrscht. In dem letzten Beispiel ist es uns vollkommen unmöglich anzugeben, wann das Sprachgefühl in dem alten Worte  leiks  anfing eine bloße Formsilbe zu sehen. Ich mache darauf aufmerksam, daß die so beliebte etymologische Erklärung aller Eigennamen höchst wahrscheinlich niemals mit dem Sprachgefühl der früheren Zeiten zusammenfällt. Als die Namen mit der Endsilbe  rich, hild  usw. gebildet wurden, empfand man diese Silben wahrscheinlich schon als Bildungssilben; "Friedrich" war dann ebensowenig der Friedreiche, wie "stilvoll" voll von Stil bedeutet ; "voll" wird gegenwärtig langsam zur Bildungssilbe. So erscheinen mir die etymologischen Spielereien, die RICHARD WAGNER in seinen Nibelungen sogar in Musik gesetzt hat, vollkommen absurd, weil sie nicht dem Sprachgefühl irgendeiner deutschen Zeit, sondern nur dem Sprachgefühl von ein paar hundert Germanisten entsprechen.

Wieder auf ein anderes Gebiet gehören diejenigen Untersuchungen, die der wissenschaftlichen Etymologie gar keine Schwierigkeiten bieten, die von jedem dreijährigen Kinde in ihre Bestandteile zerlegt werden können, z. B. Birnbaum; oder die in gebildeten Kreisen immer wieder aufs neue zusammengesetzt werden, wie z.B. Unzusammengehörigkeit. Auch bei solchen Worten möchte ich zeigen, daß die Etymologie mit totem Material arbeitet, soweit Etymologie derlei Selbstverständlichkeiten nicht unter ihrer Würde sieht.

"Birnbaum" wird wohl von jedem Etymologen so erklärt werden, daß der höhere Begriff Baum durch Birn als durch den Bestimmungsbegriff begrenzt werde. Es gehört zu den unlösbaren Aufgaben der Sprachwissenschaft, die Bedeutung des Bestimmungsbegriffs zu definieren; es gibt kaum eine Beziehung, es gibt kaum eine Kategorie, welche nicht durch den Bestimmungsbegriff ausgedrückt werden könnte. In unserem Falle wird die Etymologie sagen, das Wort bedeute einen Baum, der Birnen trägt. Auch das dreijährige Kind wird zu einer solchen Erklärung geneigt sein, das Kind jedoch aus dem tieferen Grunde, weil die Birnen am Baume es am meisten interessieren. Nach meinem Sprachgefühl jedoch liegt das logische Verhältnis der beiden Silben nicht ganz so. Nach meinem Sprachgefühl ist Baum eine Endsilbe, durch welche das Wort Birne, die Frucht, zur Bezeichnung für eine Pflanze umgeformt wird. Im Französischen wird so aus  poire  viel einfacher  poirier.  Der Unterschied ist nur, daß die Kultur solcher Fruchtbäume in romanischen Ländern älter ist als in germanischen und daß darum die Endsilbe "baum" noch nicht abgeschliffen worden ist. Daraus nun schließe ich, wenn die Etymologie schon bei den durchsichtigsten Wortzusammensetzungen der neuesten Sprache ohne feineres Sprachgefühl arbeitet, wie groß mögen die Fehler gegen den Geist der Sprache sein, die sie bei der Herleitung des alten Bestandes begeht.

Gebrauche ich wiederum in der Rede oder in einem Aufsatz das Wort "Unzusammengehörigkeit", so ist mein Sprachgefühl durchaus nicht an die Frage gebunden, ob dieses Wort schon vorher einmal gebraucht worden sei. Ich maße mir das Recht an, es in jedem Augenblicke neu zu bilden, und bin überzeugt davon, von jedem Zuhörer oder Leser verstanden werden, auch wenn er das Wort niemals vorher gehört oder gelesen hat.

Eine Geschichte der menschlichen Sprache wäre, streng genommen, eine Geschichte der menschlichen Welterkenntnis, eine Entwicklung der menschlichen Weltanschauung, dazu die einzige vollständige und ernst zu nehmende Geschichte der Philosophie. Wir haben schon gelernt, daß eine solche Geschichte der Philosophie, selbst in beschränktem Sinne dieser Disziplin, aus einem sehr einfachen Grunde unmöglich ist: weil die Sprache des Geschichtsschreiber nicht mehr die Sprache der von ihm behandelten Philosophen ist, und zwar so, daß die Sprache des Geschichtsschreibers sich von jeder Individual- und Zeitsprache jedes behandelten Philosophen anders unterscheidet. Es ist, als ob ein Uhrmacher von heute alle Turm-, Stand -und Taschenuhren seit der Erfindung der Uhr mit einem und demselben Schlüssel aufziehen wollte oder gar mit dem Remontoirwerk, das immer nur zu der eigenen Uhr gehört. Es ist, als ob der Fischer, der sein Netz in die Donau taucht, hoffen wollte, die Fische zu fangen, die im untern Laufe schwimmen. Es ist, als ob die zitternde Hand eines laufenden Menschen den Faden in die Nadel einfädeln wollte, die die zitternde Hand eines an ihm vorüberlaufenden anderen Menschen hält.

Ist so eine tiefer gehende Geschichte der Sprache oder des menschlichen Denkens schon für die letzten paar Jahrtausende eine Unmöglichkeit, so wird das Streben, den Ursprung der Sprache zu ergründen, vollends phantastisch. Man muß sich nur die Länge des von der Sprache seit ihrem Ursprung zurückgelegten Weges - wie gesagt - lang genug vorstellen, um die Unmöglichkeit jedes wissenschaftlichen Versuches zu erkennen.

Was wir bei allen solchen Versuchen tun, das ist ein Bemühen, zwei Punkte miteinander zu verbinden, die unendlich weit voneinander abstehen und die beide überdies imagmäre Punkte sind. Der eine Punkt ist jedesmal eine unbeweisbare Hypothese über den Ursprung der Sprache; der andere Punkt ist die verschwimmende Grenze, bis zu welcher wir die lebende Sprache etymologisch noch mit Anstand zurückverfolgen können. Dieser letzte Grenzpunkt liegt nach den Anschauungen der gegenwärtigen Sprachwissenschaft höchstens viertausend Jahre hinter der Gegenwart zurück. Die Sicherheit der geschichtlichen Entwicklung verläßt im eigentlich schon im 15. Jahrhundert, in der Zeit vor dem Buchdruck. Je weiter wir in der Sprachgeschichte zurückgehen, desto geringer wird die Sicherheit, desto dichter drängen sich die Einzelhypothesen. Die Zurückführung des Althochdeutschen auf eine indoeuropäische Ursprache, die Aufstellung von indoeuropäischen Wurzeln, die immer noch in der Nähe der Sanskritwurzeln gesucht werden, ist ein kleiner Berg von Hypothesen und an diesem Berge endet für uns die kurze Strecke der nach rückwärts schauenden Sprachgeschichte. Am äußersten Endpunkt in dieser Richtung liegt dann irgendeine durchaus hypothetische Theorie über den Ursprung der Sprache. Zwischen dieser äußersten Hypothese und dem um so viel nähern Hypothesenberge der Etymologie klafft der Abgrund des absoluten Nicht-Wissens.

Es ist darum ein ganz aussichtsloses, ja törichtes Unternehmen, eine Theorie über den Ursprung der Sprache als gewiß, ja auch nur als wahrscheinlich beweisen zu wollen. Worauf es mir an dieser Stelle ankommt, das ist der Nachweis, daß wir uns bei der Frage nach dem Sprachursprung nicht mehr an die Worte unserer entwickelten Sprache, nicht mehr an irgendeine ältere Form derselben, nicht mehr an irgendwelche noch so primitive, aus unseren Sprachlauten komponierte Wurzeln halten dürfen, daß wir vielmehr einsehen müssen: nicht nur die Sprachen, sondern auch die Sprachlaute haben eine endlose Entwicklung durchgemacht; wir wissen nichts mehr über die Sprachlaute einer uralten Zeit und über deren Artikulation. Wir müssen uns bei diesen Vorstellungen befreien von der europäischen und sprachwissenschaftlichen Beschränktheit, nur unsere, das heißt die historischen menschlichen Sprachlaute für artikuliert anzusehen. Wir sind es leider gewöhnt, den Seufzer und den Laut des Abscheus, welche z.B. den artikulierten Interjektionen ach und pfui vorausgegangen sind und sie in der erregten Sprache heute noch ersetzen, unartikuliert zu nennen. Doch davon bald mehr.

Für diese Entwicklung der Sprachlaute liegen vielleicht Belege aus historischer Zeit vor. So jung dieser Zweig der Sprachwissenschaft ist und so vorsichtig auch (wegen der Unzuverlässigkeit der Schrift) die Ergebnisse aufzunehmen sind, so scheint doch einzelnes gesichert. Es scheint z.B., daß die Laute  l  und vr sich erst spät im Indoeuropäischen differenziert haben, daß die Vokale  ül  und  öl  und der Nasallaut jüngeren Ursprungs sind und daß selbst ganze Gruppen der uns so vertrauten Konsonanten erst in historischer Zeit entstanden sind, daß z.B. die Kehllaute älter sind als die diesen entsprechenden Gaumenlaute. Dabei mag die Frage unentschieden bleiben, ob die Sprache in historischer Zeit an Lauten reicher oder ärmer geworden sei, unentschieden, ob die Laute wirklich die Neigung besitzen (man nennt es ihr Gesetz) sich abzuschwächen, sich niemals zu verstärken. Es mag freilich der Begriff des Reichtums, der Begriff der Abschwächung viel subjektiver sein, als man glaubt.

Die Tragweite dieser Anschauung ist nicht gering. Der Begriff Lautwandel bekommt durch sie einen ganz neuen Sinn. Was man gewöhnlich unter Lautwandel versteht, das ist der Übergang eines Buchstabenlauts in einen anderen Buchstabenlaut. Die Unwandelbarkeit dieses mehr oder minder reich angenommenen Alphabets wird dabei unklar vorausgesetzt. Man kann diese unbewußte Beschränkung auf das immerhin erweiterte Alphabet der modernen Phonetik wahrnehmen an den Versuchen, die mit Pott begonnen haben, die Wurzeln des Sanskrit in ihre weiteren Bestandteile aufzulösen, indem man die buchstabenreichern Wurzeln auf gut Glück für zusammengesetzte Wurzeln erklärt. Das heißt wahrlich mit dem Spiele spielen. Unser erweiterter Begriff des Lautwandels müßte zu einer neuen Phonetik führen, freilich leider zu einer Phonetik, die sich niemals wissenschaftlich herstellen ließe.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II,
Zur Sprachwissenschaft, Stuttgart/Berlin 1906