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FRITZ MAUTHNER
Sprachgefühl
II-21

"Die Einteilung der Sprachen nach ihrer äußeren Gestaltung ist nichts als eine ohnmächtige Spielerei der Forscher ..."

Es ist aber von allen Seiten bisher ein Umstand unbeachtet geblieben, der es zweifelhaft erscheinen läßt, ob die morphologische Klassifikation der Sprachen überhaupt auch nur als eine vorläufige Orientierung einen Sinn habe. Man denke sich einen Naturforscher, der diejenigen mineralischen Formen, welche Dendriten heißen, weil sie infolge chemischer Prozesse zarte baum- oder moosartige Gestalten bilden, dem Pflanzenreiche zuweisen wollte. Alle Welt würde lachen und den unglücklichen Botaniker belehren, daß diese Dendriten kein Pflanzenleben führen, daß sie mineralogisch entstanden sind und mineralogisch leben. Nun will es mir scheinen, daß man auch die Verschiedenheiten der morphologischen Form ebenso rein äußerlich verglichen und den psychologischen Vorgang in dem Sprechenden gänzlich übersehen habe. Über diesen Punkt überzeugend zu sprechen ist darum überaus schwierig, weil das Sprachgefühl entscheidend sein müßte. Nun aber hat selbst der begabteste Sprachkenner geschweige denn ich in meiner Unwissenheit - unmöglich zugleich die Sprachgefühle eines Chinesen, eines Türken, eines Indoeuropäers und eines Indianers. Und wenn einer dieses vierfache Sprachgefühl in sich vereinigte, so müßten wir hinzufügen, daß das Sprachgefühl ein Abstraktum ist, mit welchem wir ehrlicherweise nichts anzufangen wissen.

Lassen wir uns für einen Augenblick dazu herbei, solche abstrakte Worte zu verwenden, so kommen wir dennoch zu einem negativen Ergebnis. Das Sprachgefühl entspricht doch nur der negativen Kraft der sogenannten Trägheit, welche z.B. in der Naturgeschichte zur Folge haben würde, daß jedes Tier völlig unverändert die Eigenschaften seines Muttertiers auf die Welt brächte. Das Sprachgefühl kann nur die Unveränderlichkeit zur Folge haben. Es ist keine Ursache zu einer Änderung vorhanden, und so kann diejenige Abstraktion ungestört wirken, welche wir in der Naturgeschichte Erblichkeit, welche wir auf dem Gebiete der Sprachen Gewohnheit nennen. Das Sprachgefühl des einzelnen, das man dann wieder und noch schöner den Geist der Sprache nennt, ist doch nichts anderes als der ganz simple Sprachgebrauch, wie er sich mehr oder weniger bewußt im Gehirn des Einzelmenschen reflektiert. Man könnte mit dem gleichen Rechte in jedem Frauenzimmer, welches sich bewußt oder unbewußt der Mode ihrer Zeit unterwirft, ein besonderes Modegefühl annehmen, jedes könnte sich auf den in ihr mächtigen Geist der Mode berufen.

Weiß ich also für meine Zwecke mit den Abstraktionen Sprachgeist und Sprachgefühl nicht viel anzufangen, so ist doch in meinem Individualbewußtsein irgend etwas vorhanden, was ich mit einem solchen Abstraktum zu benennen geneigt bin. Mein individueller Sprachgebrauch unterscheidet sich wie wir es ausdrücken müssen - etwa von der individuellen Erscheinung einer Tier- oder Pflanzenart dadurch, daß ich mir bewußt bin, in Übereinstimmung mit meinen Volksgenossen zu sprechen. Wie ich es eben ausdrückte: der allgemeine Gebrauch reflektiert sich in meinem Privatgebrauch. Wie wir aber immer auf das Gedächtnis als die letzte halbwegs begreifliche Form des Bewußtseins gestoßen sind, so auch hier. Wir erinnern uns beim richtigen Sprachgebrauch, daß die von uns angewandten Formen die unserer Volksgenossen sind; wir erinnern uns also, welche Funktion eine jede Form grammatikalisch und syntaktisch hat. In diesem bescheidenen Sinne wird es wohl weiter gestattet sein, von unserem Sprachgefühl zu reden.

Und nun fragt es sich, ob diese Erinnerung oder dieses Bewußtsein oder dieses Sprachgefühl anders ist beim Gebrauch der isolierenden, der agglutinierenden, der flektierenden und der einverleibenden Sprachen. Ich habe mir rechte Mühe genommen, darüber etwas Zuverlässiges von Leuten zu erfahren, die zwei Sprachen aus diesen verschiedenen Klassen redeten. Ich habe Chinesen darauf geprüft, die chinesisch und französisch sprachen, also eine isolierende und eine flektierende Sprache. Ich habe wissenschaftlich gebildete Ungarn befragt, denen Ungarisch und Deutsch, also eine agglutinierende und eine flektierende Sprache fast gleich geläufig waren. Das Ergebnis dieser vorsichtig geführten Beobachtung - denn die Sprachform der Antwort war mir oft wichtiger als die Antwort selbst - war jedesmal: für das Sprachgefühl dieser Menschen unterscheiden sich zwei Sprachen aus so verschiedenen Klassen nicht anders, als sich für uns zwei so ähnliche Sprachen wie Deutsch und Französisch unterscheiden.

Ich will noch an einigen kleinen Beispielen zeigen, daß auch unsere eigene Muttersprache nach dem Sprachgefühl zu allen vier morphologischen Klassen nacheinander und durcheinander gehören kann.

Zunächst scheint eine Beobachtung der Kindersprache der morphologischen Klassifikation recht zu geben und auch der sprachhistorischen Hypothese, die man auf sie begründet. Ganz offenbar lernen die Kinder zuerst isolierte Worte gebrauchen, sodann eine Art der Wortzusammensetzung, die mit der mangelhaften Flexion, mit der Agglutination also, große Ähnlichkeit hat. Im Zusammenhang mit der ontogenetischen Sprachentstehung, das heißt mit der Entstehung der Kindersprache, werden wir sehen, daß die verschiedenen Stufen der kindlichen Sprache an die pathologischen Erscheinungen erinnern, welche den Sprachen von Paralytikern und Idioten eigentümlich sind, daß also die kindliche Sprache eine "fehlerhafte" Sprache ist. Und hoffentlich geht unser indoeuropäischer Hochmut nicht so weit, auch die Sprachen der Chinesen und der Ungarn für fehlerhaft oder krankhaft zu halten. Hier genügt es mir, darauf hinzuweisen, wie zwischen der Isoliertheit und Agglutination der Kindersprache und zwischen isolierenden und agglutinierenden Kultursprachen der entscheidende Unterschied besteht, daß die Kinder es empfinden, ihr unfertiges Weltbild noch nicht ausdrücken zu können, und darum angestrengt die Sprachformen der Erwachsenen zu erlernen trachten, daß dagegen Chinesen und Ungarn ihr durchaus fertiges Weltbild vollkommen ausreichend ausdrücken. Es ist also nur das gewissermaßen pathologische Sprachgefühl der Kinder, was ungefähr der morphologischen Klassifikation entspricht, nicht aber das Sprachgefühl der Chinesen und Ungarn. Das sehen wir am besten in den Fällen, in welchen auch unsere Sprache isolierend oder agglutinierend wird.

Einen isolierenden Charakter scheint mir unsere Sprache immer da anzunehmen, wo von ihr - ich möchte sagen - der ursprünglichste Gebrauch gemacht wird: bei den Mitteilungen, die Befehle sind. Man darf dabei nur nicht zuviel Gewicht legen auf die Einsilbigkeit, die übrigens in der gewohnten Aussprache dennoch beinahe erreicht wird. Es läßt sich das sowohl in der offiziellen Kommandosprache des Heeres bemerken als in den Befehlen, die man in diesen Kreisen auch privatim seinem Diener erteilt. "Marsch", "Aug'n rechts!" "Lad'n", aber auch: "Flasche Wein bringen" anstatt "Bringen Sie mir eine Flasche Wein". Wie immer auch dieser Jargon in der preußischen Armee entstanden sein mag (ich möchte vermuten, daß ursprünglich eine beabsichtigte Unhöflichkeit oder ein Ausweichen vor der höflicheren Anrede der Grund war), sein bekannter Gebrauch beweist, daß unser Sprachgefühl gerade in wichtigen Fällen der Mitteilung auch ohne Flexion auskommt.

Für die Agglutination in unserer Sprache will ich nur ein einziges Beispiel geben, das mir sehr belehrend scheint. Wie empfindet unser Sprachgefühl die Anrede "Herr Oberappellationsgerichtsrat"?

Zunächst möchte ich den pedantischen Einwurf ablehnen, daß in den Teilen dieses Wortes auch Flexionen vorkommen, in der Vorsilbe  ge  und in der Form s,  das gar zweimal vorkommt. Ich will selbstverständlich nicht leugnen, daß jedermann, wenn er gefragt würde, sofort die Ableitung des Wortes "Gericht" von Recht oder richten erkennen wird. Aber wenn diese Ableitung z.B. in dem Sinne von "angerichtete Speise" schon ganz verblaßt ist, so ist sie auch in dem Sinne von "Gerichtsversammlung" dem Sprachgefühl nicht leicht gegenwärtig, namentlich nicht in einer Zusammensetzung oder gar in einer so langen Zusammensetzung. Daß aber das snbsp; in den Teilworten "Appellations" und "Gerichts" keine flexivische Form sei, das hat bereits JAKOB GRIMM gelehrt; und eine große Zahl deutscher Zusammensetzungen (Arbeitslust, Geburtstag, Liebeszeichen, Religionskrieg) zeigen deutlich, daß wir dieses snbsp; auch da verwenden, wo der Genitiv des Worts (davon Wortbruch) ein snbsp; weder hat noch jemals gehabt hat. (Vgl. ANDRESEN, Sprachgebrauch, 7. Auflage, Seite 97.) Solche Wortänderungen kommen übrigens auch im Chinesischen vor, und wir brauchen sie nicht weiter zu beachten.

Fragen wir den logischen Grammatiker nach der Entstehung und Deutung des Wortes "Oberappellationsgerichtsrat", so wird er lehren, "Rat" werde durch Oberappellationsgericht näher bestimmt, "gericht" ebenso durch Oberappellation, "Appellation" in ähnlicher Weise durch Ober. Befragen wir aber unser Sprachgefühl etwas genauer, so wird es uns bald einleuchten, daß das grammatische Gerede vom Bestimmungswort für die Funktion dieses Wortteils nicht ausreicht, daß die Beziehungen außerordentlich kompliziert sind, welche durch das Voranstellen eines sogenannten Bestimmungswortes ausgedrückt werden, daß kurz gesagt - eine Fülle von Beziehungen oder Erinnerungen durch das bloße Nebeneinanderstellen von Worten bezeichnet wird. Gerade in den zusammengesetzten Dingwörtern der deutschen Sprache scheitert jeder Versuch, den Sinn der Zusammensetzung durch noch so ausgiebige Zergliederung der Kasusbedeutungen und der Satzkategorien zu erklären. Die einzelnen Worte oder Begriffe bezeichnen eben gewisse Vorstellungen, und diese Vorstellungen - darauf kommt es mir an - verbinden sich im Gehirn nach den Assoziationen, die der subjektiven Entstehung der Vorstellungen entsprechen, und nicht nach irgendwelchen Bildungsformen. Das aber ist auch das Wesen der sogenannten agglutinierenden Sprachen wie der Sprache überhaupt.

G. v. d. GABELENTZ hat darum die agglutinierende Sprachenklasse bereits eine Rumpelkammer der Wissenschaft genannt, einen Verlegenheitsbegriff. Aber er hat diesen Begriff doch zu retten versucht durch Unterabteilungen und hat die Komik nicht gefühlt, die darin liegt, in einer solchen Unterabteilung einer großen Klasse die ural-altaischen Sprachen mit den grönländischen und den hottentottischen zusammenzuwerfen.

Ich habe vorhin die agglutinierenden Sprachen mit der flektierenden deutschen Sprache verglichen. Hätte ich die englische Sprache herangezogen, so wäre das Ergebnis noch viel merkwürdiger gewesen. Nicht nur lassen sich leicht englische Sätze zusammenstellen, welche vollkommen den Charakter isolierender Sprachen haben und deren Sinn durch die Wortstellung modifiziert wird; auch aus Dichtern und Historikern solche Beispiele herauszufinden wäre nicht schwer. Ich bin damit bei einer Lieblingsvorstellung wieder angelangt, bei der Annahme nämlich, daß unsere Kultursprachen durch Aufgeben ihrer Flexionssilben nach dem Muster des Englischen sich dem Zustand der chinesischen Sprache in ungleichem Tempo nähern, während seltsamerweise zugleich das Chinesische selbst Agglutinationen und sogar Flexionen anzunehmen beginnt. Ist diese Anschauungsweise richtig, so stößt sie allerdings die Vorstellung der Sprachwissenschaft, daß die Agglutination eine Zwischenstufe zwischen Isolation und Flexion sei, insofern über den Haufen, als dann die sogenannte Flexion unserer Kultursprachen nicht mehr die höchste Sprachform genannt werden könnte, als dann für möglich angenommen werden müßte, daß z.B. das Chinesische vor unserer historischen Kenntnis irgend eine reich flektierte Sprache war.

Wir wollen aber schon zufrieden sein, wenn wir nur den einen negativen Gedanken gewonnen haben, daß die Einteilung der Sprachen nach ihrer äußeren Gestaltung nichts sei als eine ohnmächtige Spielerei der Forscher, deren wirklichem Leben nichts entspricht als etwa das, was nachträglich durch die Grammatiker in die Sprachen hineingetragen worden ist. Wollte die Wissenschaft die Tiere danach einteilen, ob ihr Fell längsgestreift oder quergestreift ist die Pflanzen danach, ob sie rot oder blau blühen, so wäre das ein offenbarer Unsinn; und doch wäre es möglich, daß jahrhundertelang insbesondere quer- oder längsgestreifte Tiere, rote oder blaue Blumen allein Mode würden und so durch die Züchtung der entgegengesetzten Arten der Eindruck des Gegensatzes in der Natur sich vermehrte. Im Menschenleben haben wir ein Beispiel, das keine Hypothese ist. Der erste Januar spielt keine Rolle innerhalb der Haut eines menschlichen Individuums. Die Festsetzung des ersten Januar als des Anfangs für den Jahresabschnitt ist eine rein zufällige, historische, künstliche Tatsache. Und dennoch hat die Einrichtung der Gesellschaft es dahin gebracht, daß dieses Datum durch Zahlungen, Verträge, Kündigungen usw. von entscheidender Wichtigkeit für Leben und Gesundheit der Individuen werden kann. Ähnlich mag es um den Anteil stehen, den das Sprachbewußtsein auf die Ausbildung grammatischer Analogien oder Regeln und dann wieder das Vorhandensein solcher Analogien auf die Weiterentwicklung der Sprache nimmt. Unter dem Einfluß solcher unnachweislichen Strömungen mag es gekommen sein, daß das Deutsche einer Verschärfung analogischer Flexionsformen zustrebt, das Englische einer möglichst flexionslosen Isolierung, das Chinesische (wenn die Berichte mich nicht täuschen) den Anfängen dessen, was man Agglutination genannt hat.

Diese Einteilung in Isolierung, Agglutination und Flexion ist vielleicht ganz willkürlich, vielleicht aber auch (für unendliche und unausdenkbare Zeiträume betrachtet) nicht mehr und nicht weniger Entwicklung als der Kreislauf der Jahreszeiten; dennoch hat man seit WILHELM von HUMBOLDT versucht, den Menschensprachen nach dieser Einteilung mehr oder weniger Hochachtung zu bezeigen, ihnen mehr oder weniger Wert beizumessen. Wäre man mutig genug dazu, man müßte die Begriffe gut und schlecht auf die Sprachen anwenden, damit ich doch eine Anzahl freier Menschen wüßte, um mit ihnen lachen zu können. In einer Zeit, wo die Begriffe  gut und schlecht  anfangen, aus der relativistischen Weltanschauung hinausgejagt zu werden, will man sie in die Naturbeschreibung einführen! Wo doch der Tiger gut ist für HAGENBECK, dem er Geld einbringt, und schlecht für den Indier, dem er den Arm zerfleischt hat.

Aber man drückt den Gedanken vorsichtiger aus, leerer, vornehmer, dümmer. Es soll der Wert einer Sprache in einem regelmäßigen Verhältnis stehen zur Kultur des Volkes, das sie spricht. Je höher eine Kultur, desto wertvoller seine Sprache. "Der Kulturwert der Sprachen folgt aus dem Kulturwerte der Völker-, sagt einer der weisesten unter diesen Thebanern. Es ist fast schmerzlich, allein lachen zu müssen über so abgründige Banalität. Das photographische Bild steht in einem gewissen Verhältnis zu dem photographierten Gegenstande! Es sieht ihm mitunter sogar ähnlich. Die Kultur eines Volkes ist ja die Gesamtheit alles Wirklichen, und die Sprache ist nur die Erinnerung an alles dieses Wirkliche.

Es liegt in dieser Abschätzung der Sprachen, in dieser geringeren oder stärkeren Verachtung der sogenannten flexionslosen Sprachen, ein indoeuropäischer Hochmut, der verwandt ist mit dem griechischen Begriff  barbarisch.  Wir schütteln den Kopf über alles, was anders als wir sich räuspert und spuckt. Wenn es noch bei der stolzen Wiederholung der Tatsache bliebe, daß in unseren Ländern der flektierten Sprachen seit einigen Jahrhunderten infolge hübscher Erfindungen der Komfort gestiegen ist, so wäre gegen die bloße Behauptung nichts einzuwenden, obgleich es schwer wäre, zwischen der Konjugation des Verbum und der Erfindung der Dampfmaschine eine ernste Verbindung herzustellen. Obgleich ferner die Engländer, die besten Erfinder unseres komfortablen Zeitalters, bekanntlich die Flexionsformen sträflich vernachlässigen. Es sind aber gerade ethische Begriffe, die man mit der Einteilung der Sprachen in Verbindung bringt, und dabei hört beinahe das Lachen auf.

Mein Vorwurf nun, daß die Abschätzung der Sprachen nach ihrem angeblichen Werte auf ethischen Begriffen beruhen müsse, trifft freilich nicht die bewußte Absicht der Herren Taxatoren, wohl aber ihre naive geistige Tätigkeit. Sie werden leugnen, daß sie den einzelnen Sprachen die moralischen Prädikate gut und schlecht gegeben hätten, sie werden sich hinter die Nützlichkeit flüchten, die die einzelnen Sprachformen angeblich im Gebrauche zeigten; oder sie werden gar ästhetisch zu werden suchen und die Schönheit unserer Flexionen bewundern. Darin aber ist die Schönheit der Nützlichkeit ähnlich, daß beide höchst subjektive Begriffe sind. Man muß ein Krot sein, um eine Kröte schön zu finden. Und wenn außer der Tigerin auch der Mensch den Tiger schön nennt, so ist das ein Zufall. Nützlichkeit und Schönheit einer Sprache ist einzig und allein von innen heraus zu begreifen, wenn die beiden Eigenschaften nicht gar auch dann noch Selbsttäuschungen sind. Man braucht nur aus der Art zu schlagen, um plötzlich Formen der eigenen Muttersprache zu tadeln, die die Gewohnheit der Volksgenossen sehr nützlich und sehr schön findet. So findet der Mann die Form der weiblichen Brust schön, und ich bin darin nicht aus der Art geschlagen; ich kann mir aber denken, daß die Ästhetik eines schlanken Hechtes oder eines schlanken Engels dieselbe Form unschön findet und unnütz dazu, wenn er den Begriff der Säugetiere nicht versteht. Aus Nützlichkeit und Schönheit braut sich aber am Ende die Wertschätzung zusammen, die schließlich moralisch und unklar zu den Begriffen "besser" oder "schlechter" fährt.

Bei BAYLE findet man einige Scherze über die Schönheit der damaligen Kultursprachen. Bekannt ist daraus die angebliche Äußerung Karls, er spreche mit den Damen italienisch, mit Männern französisch, mit Pferden deutsch, mit Gott spanisch. (Variante: deutsch ist für Soldaten, französisch für die Frauen, italienisch für die Fürsten, spanisch für Gott.) Recht hübsch ist die Antwort eines deutschen Gelehrten, der am Hofe von Polen von einem Spanier damit geneckt wird, man donnere, wenn man deutsch spreche, und Gott habe sich sicherlich der deutschen Sprache bedient, als er Adam und Eva zum Paradiese hinausjagte; er erwiderte: "Und die Schlange redete die süße spanische Sprache, als sie Eva betrog." Hübsch ist auch die Variante dieses Scherzes: Gott sprach spanisch, als er dem ersten Menschen die Frucht des einen Baumes verbot, die Schlange überredete Eva auf italienisch, und Adam sprach französisch, um sich herauszureden. Wollen wir uns wirklich solche Neckereien und die ihnen ebenbürtigen Nützlichkeitsschätzungen als Wissenschaft aufschwatzen lassen?
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II,
Zur Sprachwissenschaft, Stuttgart/Berlin 1906