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FRITZ MAUTHNER
Sprache der Tiere
II-27

"Und wer kann sagen, wann der Begriff oder das Wort Seele auf die Tätigkeit des Gehirns anwendbar ist, ja wann das Nervenganze des Tierindividuums die Bezeichnung  Gehirn  verlangt?"

Wenn man nach der Sprache der Tiere fragt, so läßt man sich durch die Analogie zu leicht verleiten, die Sprache in den Tönen zu suchen, die sie hervorbringen. Und selbst DARWIN scheint es schon für eine Kühnheit zu halten, wenn er neben den Kehltönen der Tiere auch noch auf ihre InstrumentaImusik hinweist, auf die Töne, die sie mit ihren Gliedmaßen hervorbringen.

Nach DARWIN gibt es eine Grillenart (bekanntlich sind es hauptsächlich die Grillen, welche anstatt geblasener Töne Instrumentalmusik machen), deren beide Geschlechter in den Vorderbeinen einen merkwürdigen Hörapparat besitzen.

Bienen, die doch auch keine Vokalstimme haben, können verschiedene Gemütsbewegungen durch ihr geigenartiges Instrument ausdrücken; und nach MÜLLER lassen die Männchen beim Verfolgen des Weibchens ein singendes Geräusch laut werden.

Es wäre also nicht ausgeschlossen, daß das Streichen der Insektenbeine über die Flügeldecken Mitteilungen erzeugte wie die Kehltöne der Nachtigall und die Gedichte des Lyrikers. Und wie man von jungen Mädchen vielleicht physiologisch richtig sagt, daß ihnen Musik in die Beine gehe (weil bei so leidenschaftlichen Tänzerinnen die Wahrnehmung des Rhythmus nicht so sehr das musikalische Empfinden als vielmehr Bewegungsimpulse auslöst), so mag Sprechen und Hören, Geben und Empfangen von Mitteilungen, kurz die Sprache in den Beinen von Insekten stecken, wie man sonst wieder in den Tastorganen der Ameisen Sprachorgane zu sehen geglaubt hat.

Auch von Amphibien ist es bekannt, selbst von den Fischen wird es neuerdings behauptet, daß die Männchen zur Zeit der Werbung Töne von sich geben. Es ist kein Zweifel, daß die Weibchen solche Töne als schön, das heißt als musikalisch empfinden, wobei es ganz gleichgültig ist, ob das menschliche Ohr diese Werbungsgeräusche schön oder häßlich findet.

In die musikalische Werbungstonart gerät auch der Redner auf der Tribüne oder Kanzel, wenn er so leidenschaftlich erregt wird wie ein brünstiger Frosch, oder wenn der Redner solche Erregung heuchelt. Der ganze Unterschied zwischen alter und neuer Schauspielkunst mag darauf zurückzuführen sein, daß jene noch bei den musikalischen Werbungstönen der Redner stehen geblieben ist, diese die Sprache möglichst von ihrem musikalischen Ursprung loslösen möchte. Jene heuchelt Hitze, diese heuchelt Kälte.

Ist aber Sprache nichts anderes als Mitteilung von Gedächtniszeichen, so ist gar kein Grund abzusehen, weshalb gerade das Gehör der vermittelnde Sinn sein müsse. Taubstumme und mitunter Gelehrte verstehen bloß mit den Augen. Der Geruch, der beim Menschen beinahe zu einem Vorkoster verkümmert ist, der Geruch ist offenbar beim Hunde ein viel tätigerer Sinn. Der Hund erkennt eine Menge Dinge am Geruch, das heißt seine Gedächtniszeichen haften irgendwo im Geruchsorgan, und der Fortschritt der Menschen gegen die Tierwelt besteht hauptsächlich darin, daß sie ihre wichtigsten Gedächtniszeichen, die Töne, selbst hervorrufen können, während der Hund höchstwahrscheinlich das riechende Gedächtipiszeichen nicht hervorrufen kann. Wer nur eine Geruchssprache besitzt, kann sich wahrscheinlich nicht mitteilen.

An dem Sprichwort von den Hunden, die den Mond anbellen, ist etwas Wahres. Ich habe selbst beobachtet, daß wachsame Hunde den Mond anbellen, sobald er aufgeht, eine halbe Stunde etwa weiter bellen und damit erst aufhören, wenn er hoch genug am Himmel steht, um als Himmelskörper respektiert zu werden. Die Hunde halten den aufgehenden Mond also offenbar für eine riesige Laterne, mit der etwa ein Dieb am Horizont auftaucht. Wenn sie eine gute Erinnerung an diese Laterne hätten, so hätten sie mit der Zeit selbst den Begriff des Mondes gebildet, wüßten, daß die Laterne steigt und fällt, größer und kleiner wird usw.

Der Begriff, das Wort  Mond  fehlt den Hunden also ganz bestimmt. Sie haben ein vorastronomisches Denken. Menschliche Kinder identifizieren die verschiedenen Mondphasen als Erscheinungen desselben Lichtes ziemlich früh. Der Ruf eines dreijährigen Kindes, das den Mond einmal als Halbmond zu sehen bekam: "Ach, der Mond ist kaput!" geht also schon über den Hundeverstand.

In der löblichen Absicht, die Sprache nicht nur den Tieren zuzuschreiben, sondern die Existenz einer Tiersprache dadurch zu beweisen, daß man sie erlernbar mache wie irgendeine menschliche Mundart, hat R. L. GARNER (The Speech of Monkeys) das Studium der Affensprache zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Leider ist der interessante Versuch ohne jede erkenntnistheoretische oder selbst nur wissenschaftliche Kritik ganz dilettantisch unternommen worden.

Herr GARNER ist aufs Ganze gegangen; er hat die Sprache der Affen oder vielmehr (wie er meint) die Mundart der Kapuzineräffchen erlernen wollen; er hat außerdem den Anfang dazu gemacht, die Artikulation der Affensprache mit Hilfe des Phonographen zu untersuchen. Viel konnte dabei nicht herauskommen, schon darum nicht, weil Herr GARNER keine klare Vorstellung vom Wesen der Sprache hat. Er wollte eigentlich (wenn er es auch nicht ausdrücklich sagt) bestimmte Dingwörter, Zeitwörter oder Eigenschaftswörter aus dem Lexikon unserer Kultursprachen entsprechend in der Affensprache wiederfinden; er ahnte erstens nicht, daß es Menschensprachen genug gibt, in denen die uns bekannte Sonderung in Redeteile nicht vorhanden ist, hochentwickelte Sprachen darunter; er ahnte ferner nicht, daß nach der alten Regel im Denken oder in der Sprache nichts vorhanden sein kann, was nicht vorher in den Sinnen oder in der Wahrnehmung war, daß er also in der Sprache oder in dem Weltbilde der Affen nichts suchen durfte, was über den Affenhorizont hinausging.

Es ist darum alles eitel Phantasterei oder meinetwegen Poesie, was Herr GARNER über das zärtliche oder traurige Geschwätz seiner Affen vorbringt. Er ist ebensoweit wie nur je ein Mensch davon entfernt, mit einem Affen oder einer Äffin Konversation machen zu können. Er wollte denn so boshaft sein, das Schwatzen seiner Affen für eine ebenso gleichgültige Lufterschütterung zu halten wie die gesellige Konversation seiner Mitmenschen; doch boshaft ist Herr GARNER nicht. Er ist ernsthaft und geduldig bei den Affen in die Schule gegangen und hat von ihnen zwei oder drei wortähnliche Äußerungen erlernt. Das Resultat ist minimal und dennoch von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wenn es sich erst bei einer Nachprüfung als richtig erwiesen haben wird. Herr GARNER ist ehrlich genug, selbst diese minimalen Kenntnisse in der Affensprache noch nicht einmal für die Anfänge eines äffischen Wörterbuches auszugeben. Er wundert sich sogar ganz naiv darüber, daß der Laut, den er sich zunächst mit "Futter" oder "Fressen" übersetzt hat, gelegentlich auch "Gib mir das" heißen kann; er weiß also nicht einmal, daß ein solcher Bedeutungswandel in den menschlichen Sprachen alltäglich ist. Ähnlich steht es mit einer anderen Lautgruppe, welche bald eine Überraschung, bald eine Warnung ausdrücken soll.

Sehr bedeutsam ist die Behauptung des Herrn GARNER, daß eine Affenart ein Wort einer andern Affenart in ihren Sprachschatz aufgenommen habe; hat er richtig gehört, so besitzen wir daran ein Apercu von außerordentlicher Tragweite. Wenn ein Affe ein Wort aus einer anderen "Mundart" aufzunehmen vermag, so ist damit unwidersprechlich bewiesen, daß er Sprachbewußtsein hat, daß er es fühlt, wie der geehrte Mitaffe seine Sprachlaute mit der Absicht der Mitteilung von sich gibt.

Und wieder stehe ich vor der Schwierigkeit, Übersprachliches mit Worten auszudrücken. Denn der Kernpunkt der Frage nach dem Unterschiede (zwischen Tier- und Menschenseele oder -sprache) ist doch der: besteht zwischen beiden ein Art- oder "nur ein Gradunterschied"? Was ist ein Artunterschied?

Der Gedanke hat natürlich dieselbe Geschichte wie das Wort "Art" ( eidos,  Spezies). Es wurde zwei Jahrtausende lang scheinbar sehr scholastisch, in Wirklichkeit aber ganz undefinierbar, also sinnlos gebraucht. Erst RAY (1703) und nach ihm der nüchterne LINNÉ definierten die Art als das, was das Wort denn auch bald darauf nicht mehr hieß. Denn eben die Fixierung des Begriffes hatte zur Folge, daß man ihn untersuchen konnte und als mangelhaft erkannte. Sofort nach der Definition der Arten durch LINNÉ begann die Strömung, die schließlich in unseren Tagen Darwinismus heißt und den alten Artbegriff über den Haufen geworfen hat. Bei LINNÉ hieß eine Art diejenige Gruppe ähnlicher Tiere oder Pflanzen, von der man nach Konstanz, Zeugungsfähigkeit usw. annahm, daß Gott sie ursprünglich geschaffen habe. Hätte der Verfasser der Genesis ein System der Botanik mit aufgenommen, LINNÉ hätte es gelten lassen müssen.

Aber selbst LINNÉ mußte das Urteil darüber, welche Arten Gott geschaffen haben möge, nach seinen eigenen Kenntnissen fällen. Was heißt das? Art ist, was ich nach meiner Sachkenntnis mit einem besonderen Namen belege.

Schön. Art ist also, was einen besonderen Begriff ausmacht, was ein besonderes Wort "verdient". Die Worte aber entstehen und vergehen mit unserer wachsenden Kenntnis, deren Zeichen sie doch nur sind. Art ist Wort. Artunterschied ist Wortunterschied.

Gradunterschied ist noch weniger, also nicht einmal Wortunterschied. Man nennt ja eben Grade diejenigen leisen Übergänge, für die man keine besonderen Worte hat, weil man  noch  keine braucht. Null Grad ist gewiß Kälte, hundert Grad ist gewiß Hitze. Dazwischen liegen noch einige Arten oder Worte wie lau, warm. Aber die Vorgänge werden in Graden ausgedrückt, in Schritten; Grade sind unbenannte, ungezählte Schritte zwischen benannten Stationen.

Auf der Skala des Thermometers freilich werden die Grade gezählt, benannt. Die Skala ist ein Versuch, Gradunterschiede in Artunterschiede zu verwandeln. Nur daß die Ziffern der Grade doch weniger als Worte sind.

So wie es nun oft keine sichere Artbegrenzung zwischen Tiergruppen gibt, so - und oft in noch höherem "Grade" - gibt es oft keine Artbegrenzung zwischen tiefer und höher entwickelten Organen. Wer kann sagen, in welchem Moment der Entwicklung der Pigmentfleck an gewissen niederen Tieren oder am Embryo unter den Begriff "Auge" fällt. Und wer kann sagen, wann der Begriff oder das Wort Seele auf die Tätigkeit des Gehirns anwendbar ist, ja wann das Nervenganze des Tierindividuums die Bezeichnung "Gehirn" verlangt? Nur einer könnte es sagen. Wer die Sprache erfunden hätte. Also keiner.

Was soll nun gegenüber diesem Standpunkt, daß nämlich also der Streit um Tier- und Menschenseele oder -sprache ein potenzierter Wortstreit ist, was soll dem gegenüber das Geschwätz: der Hund habe zwar feinere Sinne als der Mensch, aber er nehme mit ihnen nicht seelisch wahr; das Tier könne nicht sprechen, weil es nichts zu sagen habe; das Tier kenne zwar Treue, Rache usw., aber nicht theoretisch. Das Tier rieche und schmecke, der Mensch "unterscheide" Wohlgeruch und Wohlgeschmack. Erkennt etwa der Hund seinen Herrn mit seinen äußeren Augen und nicht mit dem Gehirn? Muß er also nicht im Gehirn ein Zeichen haben für "Herr"? ein Hundewort? Sagt ein Hund, wenn er bellend mitteilt, er habe Hunger, weniger als ein Kind? Kennt der Kerl, der seinen Herrn im Zorn niederschlägt, die Rache theoretisch? Unterscheidet der Hund etwa nicht zwischen guter und schlechter, d.h. doch ihm wohlschmeckender und unangenehmer Nahrung?

Was soll also das Geschwätz darüber, ob der Mensch, bevor er sprach, Mensch oder Tier war? Die Worte "Mensch" und Tier werden ja eben danach so oder so gebraucht werden, je nachdem die Geburtshelfer der Sprache, die Gelehrten, sich so oder so entscheiden. Nicht umgekehrt. Aber der Geburtshelfer hat doch das Kind nicht immer erzeugt, das er mit der Zange herauszieht.

Daß aber bei dem schimpflichen Geschimpfe gegen eine Tierseele oder Tiersprache nicht die Beobachtung der Wirklichkeitswelt, sondern die Wirkung alter Pfaffenscheu einbläst, das wird man mir wohl zugeben, wenn ich an ein anderes Wort erinnere, das um nichts unterschiedärmer ist als die Sprache, und das dennoch unbefangen von Tieren gebraucht wird, nur weil es weniger als das Gehirn als Sitz einer unsterblichen also göttlichen Seele angesehen wird. Ich meine: die Hand. So wie sich aus Nervenknoten (wenn DARWIN recht hat) langsam unser unendlich bewegliches Gehirn entwickelt hat, so wurde aus dem letzten Abteil der vorderen Gliedmaßen endlich die viel bewegliche menschliche Hand. Nun wird das Wort "Hand" neuerdings in den Wissenschaften unbedenklich von dem analogen Stück der Tierextremitäten gebraucht, vom Vorderfuß, der Vorderflosse. Das ist allerdings nicht allgemeiner Sprachgebrauch. Aber niemand zögert, das Ding mit dem selbständigen Daumen auch bei Affen und Halbaffen eine Hand zu nennen. Und die Jäger sind gar so gottlos, die Vordertatzen des Löwen, ja den Greiffuß des Falken "Hand" zu nennen.

Die tatsächlichen Unterschiede zwischen unseren Zufallssinnen machen es verständlich, daß die Menschen überall zu ihrer Verständigung den Schall der menschlichen Stimme wählten. Es war nicht nur die außerordentliche Leichtigkeit (vielleicht wurde die differenzierte Schallerregung dem Menschen einst schwerer als heute), was die Lautsprache bequemer machte als z.B. irgendeine Gebärdensprache; in dieser hätten sich doch nicht nur Begriffe, sondern auch grammatische Formen ebensogut ausdrücken lassen. Es handelt sich dabei natürlich um die Entscheidung zwischen sichtbaren und hörbaren Zeichen. ANTON MARTY hat am besten auf die Vorzüge der Lautsprache hingewiesen.

Hätten die Menschen sich für die Gebärdensprache entschieden, so wäre die Hand das aktive, das Auge das passive Sprachwerkzeug geworden. Sie hätte zu der äußersten Unbequemlichkeit geführt, weil wir unaufhörlich gerade das Auge zur Orientierung in der Welt, die Hand zum Kampfe gegen die Welt nötig haben. So wie wir leben, können wir nicht ohne unaufhörliche Hilfe des Auges und der Hand leben. MARTY hat diese Sachlage erkannt. Die Unmöglichkeit einer Gebärdensprache hat er nicht scharf genug ausgesprochen. Und doch war sicherlich zu Anfang der Sprachtätigkeit unser jetziges müßiges Geschwätz noch nicht bekannt. Sprache war sicherlich früher mehr Arbeitsunterstützung als jetzt. Nun denke man sich zwei Männer, die gemeinsam einen Baum fällen wollen. Beider Augen und Hände sind dabei unausgesetzt in Tätigkeit. Es könnte also keiner von ihnen die Hand zum Zeichengeben, das Auge zum Wahrnehmen benutzen. Die Stimme und das Ohr waren unbeschäftigt.

Sodann wäre die Gebärdensprache im Finstern ganz wertlos, in weiterer Entfernung immer wertloser gewesen. Aber auch, wenn die beiden sich Unterhaltenden nur in mäßiger Entfernung voneinander standen, hätten sie sich bei einer Gebärdensprache ununterbrochen ansehen müssen, um den Beginn des Gespräches nicht zu versäumen. Unser flüsterndes Telephon muß den Angerufenen durch ein schrilles Glockenzeichen zur Aufmerksamkeit wecken. Bei einer Gebärdensprache hätte jedes Gespräch mit einem solchen stimmlieben Anruf beginnen müssen. Die Lautsprache vollzog den Anruf von selbst.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II,
Zur Sprachwissenschaft, Stuttgart/Berlin 1906