cr-3 Mauthners letztes Wort    
 
FRITZ MAUTHNER
Die Drei Bilder der Welt

"...die Natur kümmert sich nicht um die Ordnungsliebe des Menschengeistes..."

Drei Wissenschaften

Wenn die sogenannten Wissenschaften aus Worten hergestellte Bilder der Welt sind, die für sich immer nur einmal da war und da ist, so wäre die oft und auf jeder Stufe anders gesuchte Einteilung und Ordnung alles gegenwärtigen und - wie die Klassifikatoren törichter Weise stets hoffen - alles künftigen Wissens auch einmal nach meinen drei Aussäglichkeiten zu wagen. Immer mit der Bescheidenheit und zugleich mit der Zuversicht, daß die drei Wissensgebiete wieder nur einseitige Bilder der einheitlichen Welt bieten, die vor ihrer Vereinigung die Welt nicht ähnlich darstellen können. Es würde sich darum handeln, die drei Wissenschaften auseinander zu halten, die dem substantivischen, dem adjektivischen und dem verbalen Sprachbilde der Welt entsprechen; es ist mir durchaus keine Überraschung, daß eine solche neue Einteilung recht gut zu der gegenwärtigen Welterkenntnis stimmt, die - willig oder nicht - Sprachkritik zur Voraussetzung hat; nur sollte man dabei nicht vergessen, daß die Einteilung oder Klassifikation des Wissens ebenso eine Geschichte habe wie das Menschenwissen selbst.

Die  substantivische Wissenschaft,  die man meinetwegen auch schalkhaft die Wissenschaft von den Dingen nennen mag, ist in Wahrheit die Lehre von den Göttern, von den Geistern, von den Kräften, ist in Wahrheit die älteste Metaphysik oder erste Philosophie, ist die uralte und ewig junge Ontologie. Die Lehre von den  -heiten,  ebenso  -keiten,  und  -schaften,  auch dann, wenn ein konkretes Wort (Pferd, Apfel) uns verführen will, an ein ganz reales Ding zu denken. Daß zuerst die Götter, dann die Geister, endlich die Kräfte, die man für Ur-Sachen der Erscheinungen ausgab, nicht wirkliche Sachen waren und sind, das wird heutzutage kaum mehr geleugnet; man rechnet Götter, Geister und Kräfte allgemein zu den Gedankenwesen, die wie gute oder schlechte Hilfsbegriffe der Mathematik verschwinden müssen, wenn das Ergebnis der Rechnung einen Sinn haben soll.

Aber auch die dinglichen Begriffe, ja sogar die den Sinnen wahrnehmbaren Einzeldinge selbst haben sich uns herausgestellt als hypothetische Konkreta, von denen wir nichts kennen als ihre Eigenschaften. Die substantivische Wissenschaft oder Ontologie ist uns nicht mehr die erste, sondern die letzte Philosophie, sie redet wie vor Jahrtausenden immer noch von einer Welt des Raums oder des Seins, aber Raum und Sein haben das Schicksal der anderen abstrakten Substantive erfahren und sind zu Symbolen geworden. Nur mit einer fühlbaren Ironie dürfte die substantivische Wissenschaft sich das Wissen vom Sein nennen; die Vorstellung, daß das vermeintliche Sein nur Erscheinung sei, nur für die Sinne des Menschen da sei, ist auf dem Wege über LOCKE, BERKELEY und KANT Gemeinbesitz jeder ernsthaften Philosophie geworden und die substantivische Wissenschaft oder Ontologie kennt keine höhere Aufgabe mehr als die, das Symbolische in allen Kräften und Dingen immer deutlicher zu erkennen und immer tiefer zu begründen.

Die substantivische Wissenschaft oder die Ontologie ist im Begriffe, zu einer neuen Mystik zu werden; und wenn man spotten wollte, diese meine gottlose Mystik sei überdies geistlos, kraftlos und gegenstandslos (Ding-Gegenstand), so hätte ich gegen einen solchen Scherz nichts einzuwenden, wenn man nur genau auf den eigentlichen Inhalt jedes dieser Wörter horchen wollte: die Mystik, wenn sie nicht zu schweigen vorzieht, redet nach wie vor von Göttern, Geistern, Kräften und Dingen, aber sie weiß, daß Götter wie Dinge nur eine symbolische Wesenheit besitzen, nur im menschlichen Denken sind oder in der Sprache. Daß also die substantivische Wissenschaft zwar notwendig ist, sich in dem Flusse der nichtseienden Welt vor Versinken und Ohnmacht zu bewahren, daß sie jedoch, für sich allein wenigstens, ein irgend angemessenes Bild der Welt niemals schaffen konnte oder kann.

Der oberste Begriff, mit dem sich die substantivische Wissenschaft oder die Ontologie befassen kann, ist das Ding-an-sich, wofür ich fernerhin mit einer heimlichen Absicht Ding-für-sich sagen werde, ohne etwas anderes darunter zu verstehen. Und meine heimliche Absicht werde ich sehr bald verraten. Verworn, hinter dessen Konditionalismus sich doch wieder eine materialistische Erkenntnistheorie verbirgt, hat diesen Kantschen Begriff nicht gelten lassen wollen, und ist insoweit völlig im Rechte, als die Welt wirklich nur einmal da ist und nicht ein zweites Mal als ein Ding-für-sich, außerdem, daß sie für uns bloße Erscheinung ist. Bleiben wir uns aber bewußt, daß wir diese eine Welt nicht auf einmal erkennen können, daß wir uns nur verschiedene Überblicke von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus verschaffen können, nur drei Aussäglichkeiten über die Welt, so bleibt kein Grund übrig, das Wort KANTs abzulehnen; wir düften es sogar in der Mehrzahl verwenden und sagen: just die substantivische Wissenschaft oder die Ontologie hat zu ihrem Gegenstande die Dinge-für-sich und die Dinge-für-sich sind - und aus dem gleichen Grunde - ebenso unerkennbar wie bei KANT das Ding-für-sich.

Die Ontologie wäre jedoch eine sehr arme Wissenschaft, wenn sie nur so ungefähr den Weltkatalog zu ordnen hätte, von den Apfelkeiten und Pferdheiten hinauf bis zum Ding-für-sich; die Ontologie hat ja auch Ordnung zu bringen in diejenigen Gedankenwesen, die nicht Abstraktionen von Steinen, Pflanzen und Tieren, die nicht Mischungen oder Verbindungen von Empfindungen sind; die Ontologie begreift in sich auch alle Geisteswissenschaften, d. h. die ordentlichen Beschäftigungen mit den Göttern, Geistern und Kräften, die vorübergehend oder dauernd zu Gedankenwesen der Menschheit geworden sind. Sitte und Recht, Religion und Logik, vor allem aber die Geschichte all dieser Gedankenwesen fällt in das Gebiet der substantivischen Ontologie. Diese Überlegung hätte uns gleich vermuten lassen können, daß die substantivische Wissenschaft uns eher ein ähnliches, nicht eben geschmeicheltes Bild des Menschengeistes geben würde, als ein Bild der Welt.

Das ähnlichste Bild - von einem Gesichtspunkte aus - gibt immer die Photographie, weil sie, genau genommen, gar kein Bild ist, sondern die unmittelbare Wirkung eines lichten Gegenstandes auf die Platte. Genau so wie das Weltbild unserer Sinne die Wirkung der Welt auf unsere Sinne ist. Wir lernen durch unsere Sinne die Dinge so kennen, wie sie für uns sind, nicht für sich. Wir wissen gar nicht, ob die Dinge für sich irgend etwas sind, wir wissen noch weniger, was sie da für sich sind. Wohlgemerkt: "für", ursprünglich "vor", ist gar nicht so eindeutig, wie ein gedankenloser Sprachgebrauch glauben machen könnte.

Die  adjektivische Wissenschaft  oder die Physik scheint uns also ein viel natürlicheres und darum angemesseneres Weltbild zu schenken als die Ontologie, eigentlich ein Spiegelbild, einen Reflex; die treue Physik, die in ungeheurer Ausdehnung alles zu entdecken und zu beschreiben sucht, was irgend in den Bereich unserer wesentlich adjektivischen Sinnesorgane fällt; just im Gegensatze zur Metaphysik, die immer nur erkennen wollte, was nicht wahrnehmbar ist. Unter Physik verstehe ich hier im weitesten Sinne eigentlich die ganze Welt, nur vom Standpunkte der Sinnlichkeit betrachtet: auch die Klangbilder und die Klangbildgeschichte der substantivischen Wissenschaft oder Metaphysik, auch das Körperliche an den anderen Erscheinungsformen, die ein sogenanntes Eigenleben besitzen und dadurch außer zu der Physik auch noch zu der dritten Klasse gehören, zur verbalen Welt oder der Physiologie.

Denn - um es gleich hier zu sagen auch die Ordnung der Wissenschaften, nach meinen drei Aussäglichkeiten, teilt das Schicksal aller Klassifikationen: die Natur kümmert sich nicht um die Ordnungsliebe des Menschengeistes und hat dem Menschengeiste gegenüber niemals Unrecht. Unsere drei Wissenschaften, die des Substantivs, des Adjektivs und des Verbums, die Ontologie, die Physik und die Physiologie, sind nicht an ihren Gegenständen zu unterscheiden; alle drei können ihr Augenmerk auf den Sirius heften oder auf ein Flimmerhärchen der Luftwege, auf den Gottesbegriff (als Substantiv, als Wortschall oder als Faktor in Religionskriegen) oder auf einen Tautropfen (als Begriff, als Prisma, als Lebensbedingung einer Pflanze).
LITERATUR - Fritz Mauthner, Die Drei Bilder der Welt - ein sprachkritischer Versuch, (aus dem Nachlaß hrsg. von Monty Jacobs), Erlangen 1925