cr-3Moritz Drobisch - Die moralische Statistik und die Willensfreiheit 
 
FRITZ MAUTHNER
Statistik
II-42


Es ist das in der Geschichte der Wissenschaften ein gar nicht so seltener Fall, daß man die Umrißlinien, die man sucht, auch findet, - nicht etwa weil sie vorhanden wären, sondern weil man sie eben gesucht hat. Es liegt das zu tief im Wesen des menschlichen Verstandes begründet, um nicht vermuten zu lassen, was niemals Seziermesser und Mikroskop werden aufweisen können: daß die bloße Richtung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Vergleichspunkt diesen Punkt zum Range eines Einteilungsgrundes oder gar einer Kategorie erheben kann. Man kann diese Eigentümlichkeit des menschlichen Verstandes schreiend deutlich aufzeigen in dem Gedankengang der statistischen Forscher, welche ihre ungeheuren Ziffermassen je nach der Richtung der Aufmerksamkeit immer neu gruppieren müssen; und wer einem Statistiker einen noch so widersinnigen Vorgleichungspunkt (z.B. Zunahme der Eigentumsverbrechen und Zunahme der kurzsichtigen Schüler) wichtig erscheinen lassen könnte, der hätte ihn auch gezwungen, seine Aufmerksamkeit auf die Vergleichung zu richten und eine neue Tatsache zu sehen, so wie alle Welt in einem fernen Gebirgszuge einen Mönch oder einen Löwen sieht, sobald die Aufmerksamkeit auf diese Ähnlichkeit gelenkt worden ist. Ähnlich ist am Ende alles; nur auf den Grad der Ähnlichkeit kommt es an. Ein Karikaturenzeichner kann mit einer geringen Zahl sehr ähnlicher Bilder aus jedem Ding jedes Ding machen.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache II,
Zur Sprachwissenschaft, Stuttgart/Berlin 1906