cr-3ra-1F. WaismannLockeB. ErdmannE. MinkowskiR. Carnapvon Aster    
 
FRITZ MAUTHNER
A = A
- Wörterbuch der Philosophie -

"Der Satz A = A ist so wahr, daß er in der ganzen Welt auf nichts paßt, als auf sich selber."

Der Buchstabe A ist, weil die Alphabete aller in Betracht kommenden Sprachen mit ihm anfangen, zu der Ehre gelangt, Symbol für jeden Gegenstand des Denkens zu werden. Der allgemeinste Satz nun, der allergemeinste, lautet in dieser symbolischen Darstellungsweise: A = A. Der Satz gilt für so unzweifelhaft wahr, daß er von der formalen Logik gern zum Ausgangspunkt genommen wird, wie er denn auch in der alphabetischen Ordnung an der Spitze steht, weil er ein Produkt des traditionellen Alphabets ist. Und weil er so unbedingt gewiß scheint, darum muß auch jede Philosophie gewiß sein, die logisch aus ihm herausgesponnen wird. Wie denn Fichte seine Wissenschaftslehre aus ihm herauszuspinnen versuchte.

Nur daß sich nichts aus ihm herausspinnen läßt. Es sind nämlich zwei Fälle dieser identischen Gleichung möglich; in dem einen Falle, in dem der vollständigen Tautologie, ist der Satz wirklich richtig, aber so leer, daß er außerhalb der Logik schon den Verdacht des Blödsinns erregen müßte; in dem andern Falle, wo auf den beiden Seiten des Gleichheitszeichens nur gleiche Worte stehen, wo zwei Werte gleich genannt werden, weil für das menschliche Interesse ein Unterschied nicht besteht oder nachzuweisen ist, da ist durch Berufung auf A = A dem Betruge oder der Selbsttäuschung Tür und Tor geöffnet.

Wer dem Indianer Messing für Gold gibt, weil Gold ein gelbes Metall sei, wer die Gleichheit der Menschen verkündet, weil der Australneger auch ein Mensch sei, der zieht die praktische Konsequenz aus dem Satze A = A. Jeder Fälscher zieht diese Konsequenz. Der Fabrikant von künstlichem Mineralwasser, sein bezahlter Sachverständiger und das zahlende Publikum, sie alle schließen: das künstliche Wasser enthält genau die gleichen Bestandteile wie das natürliche, die beiden Flüssigkeiten sind also gleichwertig, nach dem Satze A = A.

Ich habe aber schon einmal gelehrt (Kr.d.Spr.III, S.282), daß auch der Satz A = A-b wahr sein könne; wenn wir entscheiden wollen, ob eine totgeborene Menschenfrucht ohne Kopf, ob das (noch nicht gefundene) Zwischenglied zwischen Affe und Mensch ein Mensch sei, so hängt unsere Entscheidung nicht von der Wortbedeutung ab, sondern die neue Bedeutung von unserer Entscheidung.

In der Natur gibt es nicht einmal Identität der identischen Dinge, sobald Zeit und Raum mit zur leibhaften Natur gerechnet werden. Wir Menschen nur sehen, wie von Zeit und Raum, von kleinen Ungleichheiten ab, und reden von Gleichheit oder gar von Identität.

In der Wirklichkeit gibt es keine Gleichheit; in der lebendigen Natur gibt es Identität nicht. Der Satz A = A ist so wahr, daß er in der ganzen Welt auf nichts paßt als auf sich selber. Er ist das principium identitatis absolutae, das Prinzip ist aber auch nur auf ihn selbst anwendbar. Überall sonst gibt es nur eine identitas relativa. So ist dieser Kardinalsatz ein schönes Symbol für die Tauglichkeit der menschlichen Sprache, die Natur sprachlich zu erkennen. Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, das Symbol der ewigen Wahrheiten oder Tautologien.
LITERATUR - Fritz Mauthner, Wörterbuch der Philosophie, München/Leipzig 1910/11