|
|
Apperzeption - Wörterbuch der Philosophie -
I. Für den Begriff, aus welchem LEIBNIZ den strengem Begriff Apperzeption gebildet hat, für den Begriff, den die Franzosen und Engländer, mit ungleicher Aussprache, perception nennen (ital. percezione), haben wir Deutsche etwa seit der Mitte des 18. Jahrh. das uralte und sehr merkwürdige Wort Wahrnehmung eingeführt. Das deutsche Wort war sehr glücklich gewählt; wir werden erfahren, daß es schon in seiner altern und ältesten Bedeutung ziemlich genau das ausdrückt, was die Psychologie unter Perzeption verstanden wissen will. Ich kann aber nicht umhin, gleich hier zu melden, daß recht berühmte Sprachforscher und Philosophen das deutsche Wort in seiner Herkunft arg mißverstanden haben. Es ist nicht gebildet aus wahr = verus, sondern aus einem alten Substantiv War (ich schreibe es zur Unterscheidung ohne Dehnungs-h, willkürlich genug, aber so schreiben noch LUTHER und HANS SACHS) ahd. wara, das auch in verwandten Sprachen (engl. aware) Aufmerksamkeit, Acht bedeutete; in unserer Sprache ist es noch in gewar erhalten, zwar fast ausschließlich in gewar werden, war außer in warnehmen noch selten genug in War haben (veraltet, davon vielleicht irrtümlich das norddeutsche Wort haben). War halten (im Sinne von Wacht halten: "ach freilich wird uns stets des Todes Netz umgeben, das noch viel schärfer War als eine Spinne hält", aus einem geistl. Gedichte von 1686), wahrnehmen hat eine sehr reiche Geschichte, schwankt lange zwischen den Bedeutungen "auf etwas acht geben" und "etwas bemerken", bis es im 18. Jahrh., jedenfalls schon bei KANT, aber noch nicht bei ADELUNG zur Übersetzung des Terminus percipere benützt wird. Aber CAMPE hat mit strafbarer Etymologie wahrnehmen definiert: "mit den Sinnen das, was von selbst schon in dieselben fällt und von denselben erkannt werden kann, gleichsam wahr d.h. als wirklich nehmen, als wirklich empfinden". Mit scheinbarem Tiefsinn ist HEGEL auf diese Etymologie hereingefallen: "während das bloß sinnliche Bewußtsein die Dinge uns weist, d.h. bloß in ihrer Unmittelbarkeit zeigt, erfaßt dagegen das Wahrnehmen den Zusammenhang der Dinge, tut dar, daß, wenn diese Umstände vorhanden sind, dieses darauf folgt, und beginnt so, die Dinge als wahr zu erweisen.". Des gleichen Schnitzers hat sich auch der gemacht: "wir sagen... daß wir es wahr-nehmen, weil es sich uns unmittelbar darstellt als etwas Wahrhaftes oder Wirkliches". Und den gleichen Schnitzer finde ich bei WUNDT, der doch Philosoph und Sprachforscher in einer Person ist. Verdächtig war schon in seiner physiologischen Psychologie (Bd. II, Seite 1) die Äußerung: "Bei dem Ausdruck Wahrnehmung haben wir die Auffassung des Gegenstandes nach seiner wirklichen Beschaffenheit im Auge". Aber in seiner "Logik" (2. Auflage, Bd. I, Seite 423) ist klipp und klar zu lesen: "Die Wahrnehmung ist, wie es der Name andeutet, das als wahr Angenommene". Ich will nun vor allem zu zeigen suchen, daß der internationale Terminus Perception und der deutsche Terminus Wahrnehmung genau den gleichen Gegenstand bedeuten und daß man sich durch den Zufall, der zwei Worte zur Verfügung stellt, nicht verleiten lassen solle, das eine vom andern zu unterscheiden. Auch ich möchte an das Wort Wahrnehmung anknüpfen, nicht aber an den Bestandteil wahr, sondern an nehmen. Ich kann es nur nicht belegen, daß dieses nehmen eine Übersetzung des in percipere enthaltenen capere ist; aber die Analogie spräche dafür, und weil mir in spätem Artikeln oft genug Zeit und Raum fehlen wird, solche Übersichten über ganze Wortfamilien zu geben, will ich hier einmal reichlichere Beispiele sammeln. Mir ist es nun darum zu tun, daß in appercipere, in wahrnehmen, ein aktives Verbum steckt; nicht die Wahrheit ist das Wesentliche an der Wahrnehmung, sondern die Tätigkeit des Aufnehmens. Die Überzeugung, daß der Vorgang der Wahrnehmung aus zwei Teilen bestehe, einem passiven und einem aktiven, daß - wie ich es ausdrücken möchte - eine Wahrnehmung nicht zustande kommen kann, ohne daß zwei Veränderungen stattfinden, die eine am Objekt, die andere am Subjekt, diese Überzeugung ist ungefähr so alt wie die Psychologie. Wir müssen nur nicht, um diese Überzeugung noch älter zu datieren, die schlecht überlieferten und noch schlechter verstandenen psychologischen Erklärungen der alten vorpsychologischen griechischen Philosophen, wie es ja vorkommt, umdeuten wollen; die Ausflüsse (aporrhoai), mit deren Hilfe EMPEDOKLES das Eindringen in unsere Sinneswerkzeuge erklären wollte, die Bilderchen (eidôla) des DEMOKRITOS, die sich von den Außendingen loslösen und in die Seele drängen, der Satz des ARISTOTELES, daß Gleiches nur von Gleichem wahrgenommen werde (Goethe: wär' nicht das Auge sonnenhaft usw.), all das kindische Zeug (GOETHEs Mystik in Ehren) war ja noch nicht Psychologie. Die Annahme einer Aktivität unserer Seele steht am Anfang der ernsthaften Seelenlehre. AUGUSTINUS lehrt schon, daß die Seele beim Wahrnehmen tätig sei; CAMPANELLA weiß gar schon, daß mit der Wahrnehmung ein Urteilsakt verbunden ist; DESCARTES gar hat das erkenntnistheoretische Problem begriffen, daß wir nur Bewegungen empfinden, wenn wir eine Fackel zu sehen, eine Glocke zu hören glauben, die Wirkungen von Bewegungen auf unsere Nerven und auf unser Gehirn, daß wir diese Empfindungen auf äußere Objekte als ihre Ursachen beziehen, daß also (was er freilich nicht ausdrücklich sagt) Wahrnehmung Verstandesarbeit sei. Daß eine Wahrnehmung, die den Alten so einfach ein Bildchen zu sein schien, eine unendlich zusammengesetzte Sache sei, das wurde seit DESCARTES immer deutlicher eingesehen oder wahrgenommen. Nur waren die Denker nicht einig darüber, welches von den vielen geistigen Vermögen die Wahrnehmung erst zur Wahrnehmung mache. Es konnte ganz allgemein der Verstand sein, wie es unter allen Männern aus der Zeit der Vernunftkritik AENESIDEMUS SCHULZE, trotzdem er ein Gegner KANTs war, der scharfsinnigste und der ebenbürtigste übrigens, am einfachsten ausgedrückt hat in seiner klaren, deutschen, undogmatischen Sprache: "Zum Anschauen und Wahrnehmen ist schon viel Mitwirksamkeit des Verstandes erforderlich". KANT selbst, der da mit Recht Perzeption und Apperzeption zusammenwarf, will eine Erscheinung, wenn sie mit Bewußtsein verbunden ist, Wahrnehmung genannt wissen. ERASMUS DARWIN sieht in der Aufmerksamkeit das, was die idea erst zur perception macht. Andere haben wieder die Auffassung eines Mannigfaltigen unter der Form der Einheit zur Bedingung des Zustandekommens einer Wahrnehmung gemacht. Namentlich die Engländer hatten sich seit LOCKE bemüht, das Verhältnis zwischen Sensation und perception klarzustellen; ihrer Weisheit letzter Schluß war wohl: daß der Unterschied sich nicht scharf bestimmen lasse, daß nur ein Gradunterschied vorhanden sei. Was doch wieder nicht ganz richtig ist. Hat man nämlich nur den Terminus im Sinn, abstrakt, dann ist die Empfindung oder der Sinneseindruck wirklich etwas anderes als die bewußte Wahrnehmung, die den Sinneseindruck auf seine Ursache projiziert. Nur daß im wirklichen Seelenleben ein Sinneseindruck ohne Wahrnehmung nicht beobachtet werden kann. Wie der Teilnehmer am Telefonnetz für mich nicht existiert, solange er mich nicht durch das verabredete Zeichen gerufen oder geweckt hat, ebenso existiert die Wirkung der Außenwelt auf meine Sinne nicht, solange mein Bewußtsein nicht, durch Überschreiten der Reizschwelle, geweckt worden ist. Ich will auf die seltenen Fälle nicht eingehen, wo denn doch Erinnerung ohne Wahrnehmung möglich ist. Ich will hier nur festhalten, daß die seelische Tätigkeit, die Reaktion gegen die physische Aktion der Außenwelt, am häufigsten und besten (neuerdings wieder von SPENCER und von ZIEHEN) als Aufmerksamkeit bestimmt worden ist. Verstand, Bewußtsein, Form der Einheit, und was sonst herangezogen worden ist, ist uns als eine Gedächtnisarbeit der Aufmerksamkeit nahe verwandt. Ich kann für die vielseitigen Beziehungen zwischen Aufmerksamkeit und Gedächtnis hier besonders auf ein Kapitel meiner Kr. d. Spr. (Bd. I, Seite 547-570) verweisen. "Aufmerksamkeit ist die Anpassungsarbeit des Gedächtnisses." Alles Wahrnehmen ist Bereicherung unsers Gedächtnisses, ist niemals Ohne das Gefühl der Gedächtnisarbeit, niemals ohne das Gefühl der Aufmerksamkeit. Wir merken uns etwas, nachdem wir darauf aufmerksam geworden sind. Die alten Deutschen waren also gar nicht so dumm, als sie percipere mit war nehmen, gewar werden, aufmerksam werden übersetzten. Die Wahrnehmung ist begrifflich von dem einfachen Sinneseindruck zu unterscheiden, ist aber in der psychologischen Wirklichkeitswelt nur dem Grade nach von ihm verschieden. Die Wahrnehmung oder Perzeption ist vom bloßen Eindrucke nur zu unterscheiden durch das Gefühl der Aufmerksamkeit, durch diese Arbeitsleistung des Gedächtnisses. Weiter habe ich nun zu untersuchen, wodurch sich die sogenannte Apperzeption von der Perzeption unterscheide. Das, was die wissenschaftliche Psychologie so nennt. Denn: in der französischen Gemeinsprache bedeutet apercevoir, für das Gebiet der Gesichtseindrücke, gerade den geringem Grad von Aufmerksamkeit (vgl. Kr. d. Spr. III, Seite 335) Da ist es denn erwähnenswert, und dennoch meines Wissens bisher nicht erwähnt worden, daß der Mann, welcher den Terminus apperception in die Psychologie einführte, der deutsche Philosoph war, der in französischer Sprache schrieb: LEIBNIZ. Er beherrschte die französische Sprache genug, um das verbe apercevoir nach dem Sprachgebrauche anzuwenden; aber er war Gelehrter und Lateiner genug, um besser als die Franzosen zu wissen, daß das Wort von ad-percipere herkam. Er konnte also einen Sinn heraushören und darum hineinlegen, der dem französischen Sprachgebrauche widersprach. Ad-percipere fügte dem percipere etwas hinzu; also mußte apperception mehr sein als bloße perception. So eignete sich der neu gebildete Terminus, den ein geborener Franzose kaum erfunden hätte, zur Unterscheidung der höchsten Rangstufe unter den Monaden von den niedrigen Monaden, die nur einer perception fähig sind. Die erstklassigen Monaden sind die Geister, die animae rationales, die zum Sinneseindruck und seiner Perzeption noch die Apperzeption hinzufügen und so zum Selbstbewußtsein gelangen. Es läßt sich nicht leugnen, daß LEIBNIZ eine klare Unterscheidung zwischen Perzeption und Apperzeption nicht durchgeführt hat, so wenig wie eine zwischen den Monaden zweiter und dritter Rangklasse. Der scharfsinnige Anreger, der in so vielen Disziplinen die Arbeiten seiner nächsten Vorgänger kritisiert und überboten hat, hatte auch in diesem Falle das Problem des Selbstbewußtseins, das bei LOCKE langsam heraufzudämmern begann, klar gefaßt und dem Probleme seine richtige Stellung angewiesen: in der Frage nach der Einheit oder der Vereinigung unserer Wahrnehmungen. Wir werden gleich sehen, wie HERBART diese Bedeutung der Apperzeption erfaßt hat. KANT erwähne ich nur, weil ich bestimmt glaube, daß er mit seinem schwierigen Begriff der transzendentalen Apperzeption gerade an LEIBNIZ angeknüpft hat. Die empirische Apperzeption interessierte ihn nicht; aber das Ichgefühl, die Bedingung der Einheit alles Denkens und Vorstellens, die Einheit des Selbstbewußtseins, das sollte durch die transzendentale oder erkenntnistheoretische Apperzeption erklärt werden. Nach KANTs Sprachgebrauch sagt es ein und dasselbe: "die Einheit des Selbstbewußtseins ist transzendental" und "aus der Einheit des Selbstbewußtseins ist Erkenntnis a priori möglich". Ich habe (Kr. d. Spr. III, Seite 204f und 339f) den Versuch gemacht, die alten Termini a priori und a posteriori umzudenken und in jedem Wahrnehmungsakte, in jeder Apperzeption die aktive Rolle des a priori der Sprache zuzuweisen. Ich weiß, daß ich dabei von STEINTHAL, dem Schüler HERBARTs, abhängig war. HERBART verdient Dank dafür, daß wir den Vorgang der Apperzeption besser begreifen gelernt haben. Die älteren Vorstellungsmassen unseres Bewußtseins lassen neue Vorstellungen mit sich verschmelzen. Von seinem Schwellenbild ausgehend, sagt er: "Anstatt daß die apperzipierten Vorstellungen sich nach ihren eigenen Gesetzen zu heben und zu senken im Begriff sind, werden sie in ihren Bewegungen durch die mächtigeren Massen unterbrochen, welche das ihnen Entgegengesetzte zurücktreiben, obschon es steigen möchte, und das ihnen Gleichartige, wenngleich es sinken sollte, anhalten und mit sich verschmelzen." (Lehrbuch der Psychologie, Seite 32) Apperzeption ist eine Tätigkeit, der auf deutsch der Name Zueignung gegeben wird. Fast immer sind es die älteren Vorstellungsmassen, die sich die neue Vorstellung zueignen. Die alten Vorstellungsmassen sind für die Tätigkeit der Apperzeption als Kategorien der Sprache vorgebildet, als allgemeine Begriffe. HERBART interessierte sich wieder für die empirische Apperzeption. An der transzendentalen Apperzeption KANTs ging er so gleichgültig vorüber, daß er sich über die Frage der Einheit des Selbstbewußtseins nicht deutlich aussprach. Der Vorgang der Apperzeption scheint etwas wie eine Selbstbewegung der Vorstellungen zu sein (nicht zu verwechseln mit HEGELs Selbstbewegung der Begriffe), der die sogenannte Seele interessiert, aber unfrei zusieht. HERBARTs Gefahr, daß er bei seinem Schwellenbegriff das Bewußtsein und überhaupt alle psychischen Vorgänge und Empfindungen (also: verbale und adjektivische Vorstellung) zu substantivieren und dadurch zu vergröbern geneigt war, kann uns nicht mehr schrecken; die Selbstbewegung der Vorstellungen führte ja doch ein wenig über KANTs Psychologie heraus. Da habe ich aber freilich schon die Lehren im Sinne, zu denen STEINTHAL (LAZARUS kopierte, wie so häufig, nur die Sätze seines Schwagers und verzierte sie mit Filigranarbeit) die Gedanken HERBARTs erweitert hat. Ihm ist Apperzeption ein weit umfassender Begriff: die Summe aller Aneignungen, durch welche das Individuum das Weltbild in sich aufnimmt. Die Aufnahme einer neuen Vorstellung durch eine ältere Vorstellungsmasse. Da sonach zu jeder Erkenntnis oder ihrer Apperzeption eine ältere Vorstellungsmasse erfordert wird, so ist es klar, daß Erkenntnis nicht möglich ist ohne vorausgegangene Erkenntnis. Der Anfang der Kulturgeschichte, ja der Vernunft überhaupt, wird so in ähnlicher Weise zurückgeschoben, wie etwa der Anfang des organischen Lebens auf Erden. Bei aller Hochachtung für die Geistesarbeit STEINTHALs kann ich ein sonderbares Kleben am Worte bei ihm nicht übersehen. So gelangt er zum Begriffe des Selbstbewußtseins durch die Fiktion, daß eine Apperzeption erst durch Apperzeption bewußt werde. Was der Teufel verstehen mag. Sodann sieht er zwar sehr gut ein, daß es eine Wahrnehmung ohne Apperzeption nicht gebe; anstatt nun aber den Begriff der simplen Perzeption aus dem Wortschatze der Psychologie hinauszuweisen, füllt er den alten Schlauch mit einem neuen Inhalt und nennt gegen jeden Sprachgebrauch das bewußte geistige Erfassen: Perzeption. Dagegen muß anerkannt werden, daß STEINTHAL in diesen Untersuchungen für die Eliminierung des Seelenbegriffs sehr viel getan hat. Auf demselben Boden wie HERBART steht auch, trotzdem er es nicht Wort haben will,WUNDT. Als Voluntarist freilich schreibt er dem Willen beim Vorgang der Apperzeption eine höchst aktive Rolle zu und lehrt so etwas wie Einheit der Seele. Das ist aber nur Aufputz. Er ist HERBARTianer und hat den Vorzug, HERBARTs Mathematik doch oft durch gute Beobachtungen ersetzen zu können. Sehr gut ist WUNDTs optisches Bild: der Eintritt einer Vorstellung in das Blickfeld sei der Perzeption zu vergleichen, der Eintritt in den Blickpunkt, in den Fleck des deutlichsten Sehens, der Apperzeption. Die Versuche, den persönlichen Fehler beim Apperzipieren (was die Astronomen die physiologische Zeit genannt haben) durch Experimente über die Apperzeptionsdauer genauer zu bestimmen, waren verdienstvoll, wenn auch die ganze physiologische Psychologie nicht halten konnte, was sie versprach. |