cr-3 
 
FRITZ MAUTHNER
Charakter
- Wörterbuch der Philosophie -

"Ich glaube fast, der individuelle Charakter ist ein Mittel der öffentlichen Meinung, das Individuum nach ihrem dummen Willen zu lenken..."

Charakteriologie macht Ansätze dazu, eine Wissenschaft zu heißen. Eine ganz neue Disziplin, die nur selbst noch nicht weiß, ob sie sich als Individualpsychologie der Völkerpsychologie gegenüberstellen soll, oder als Typenpsychologie der Individualpsychologie. Noch ungünstiger scheint es für die neue Disziplin, daß ihr Gegenstand, der Charakter, keine Realität besitzt, daß also, wie die Psychologie ohne Psyche mit den alten Worten weiter arbeitet, auch die Charakteriologie eine gleichberechtigte Wissenschaft werden will, uns aber niemals verraten wird, was denn Charakter eigentlich sei.

Die äußere Wortgeschichte soll uns diesmal nicht aufhalten. Uns interessiert nur die moralische Bedeutung des Wortes. Die Charaktertypen des Theaters entwickelten sich sehr langsam zu den Individualitäten, die wir jetzt allein noch von Dramatikern und von Schauspielern dargestellt sehen mögen. Die Charaktere des vorbildlichen italienischen Theaters sind durch Jahrhunderte Masken gewesen, Theaterfiguren in traditioneller Tracht und mit starren, traditionellen Gesichtszügen, wie noch die Marionetten unseres Kasperltheaters. MOLIÈRE, der vom  Theatre italien  herkam, hat diese Kunstübung nur selten verlassen. Sein Geiziger hat eigentlich keinen Eigennamen;  Harpagon  ist einem lateinischen Schimpfworte des PLAUTUS entlehnt, bedeutet wieder selbst einen geldgierigen Menschen.

Wir empfinden es als eine erstaunliche Größe SHAKESPEAREs, daß er (nicht immer) die Typendarstellung des Theaters überwunden hat und mit genialer Zeichnung Individuen hinstellt. Und auf SHAKESPEARE geht zurück und beruft sich die dramaturgische Tendenz unserer Zeit, lebendige Menschen auf die Bühne zu stellen, Individuen. Nur daß wir, besonders seit OTTO LUDWIG, diese Individualisierung der Zeichnung gern Charakterisierung nennen: wir verlangen auf der Bühne Individuen zu sehen, anstatt der alten stereotypen Masken, die nicht Charaktere hießen, aber wir nennen das neue Drama, weil es auf die alten  caratteri  verzichtet, Charakterdrama.

Dieser Bedeutungswandel auf dem kleinen Gebiete des Theaters ist nun nicht ohne jeden Zusammenhang mit der Entwicklung der Philosophie. Wir glauben längst nicht mehr an die Herrschaft der Begriffe über die Einzeldinge, an die Realität der Universalien. Als in der Philosophie die Überzeugung durchdrang, daß ein Indviduum nicht auf geheimnisvolle Weise von dem Gattungsbegriffe abhänge, da lag es sehr nahe, in der praktischen Philosophie anzuerkennen: der Mensch handelt nicht nach dem Charakter seiner näheren oder weiteren Gattung, er handelt vielmehr nach seinem indviduellen Charakter. Nach seinem empirischen Charakter, sagte KANT, um den Typus-Charakter, den intelligiblen Charakter des freien und guten Menschen zu retten.

Die Untersuchung des Begriffs führt mich immer wieder zu den Dramatikern zurück; so ist es kein Zufall, daß die hier geübte Kritik an den Worten  Charakter, Individualität, Persönlichkeit  zeitlich auf die neueste Wandlung der Theatertechnik folgt, auf IBSENs Dramaturgie, die die alten Theaterfächer nicht mehr kennt und an die alte Psychologie nicht mehr glauben läßt. Sieht man genauer zu, so ist der Charakterbegriff auf ganz anderem Gebiete schon von der Mode des Darwinismus ausgetilgt worden, der vor 50 Jahren die charakteristischen Merkmale der Arten und damit den Artbegriff aufzuheben suchte.

Ich brauche nur den ewigen Streit über den erworbenen und den angeborenen Charakter zu erinnern, um auf die Bedeutung des Darwinismus für unseren Begriff hinzuweisen; gibt es nämlich eine Vererbung erworbener Eigenschaften, was DARWIN lehrte und erst WEISMANN leugnete, so gibt es nur noch erworbene Eigenschaften oder Merkmale, so gibt es keine echten Arten mehr. Die Arten sind nur noch Menschenworte, Erkenntnis- oder Klassifikationshilfen, nicht reale Unterscheidungsadjektive.

Und ebenso steht es um die Charaktere, wenn man darunter, wie gewöhnlich, die (man merke die Worte) eigentümliche Natur handelnder Wesen versteht.

Man blicke nach dieser glatten Definition auf den eben beschriebenen Bedeutungswandel zurück. Neu ist, wie gesagt, die Einschränkung auf  handelnde  Wesen, auf menschliche Charaktere; bei den Alten war Charakter das unterscheidende Merkmal überhaupt, unterscheidend aber doch nur für das menschliche Unterscheidungsvermögen, für das menschliche Denken oder das Sprachbedürfnis. Die Natur oder die Wirklichkeit kennt solche Charaktere oder unterscheidende Merkmale nicht; denn die Natur oder die Wirklichkeit schafft die Zeichnung der Schmetterlingsflügel, sieht sie aber nicht, läßt sie höchstens von Intelligenzen sehen.

Die gegebene Definition ist darum auch nach guter logischer Sitte eine Häufung von Tautologien:  eigentümlich, Natur  und  Wesen  sagt im Grunde genau dasselbe aus: was uns an einer Erscheinung als besonders wichtig auffällt. An dem, was uns aufgefallen ist, was wir daran gesehen haben oder wissen, erkennen wir die Dinge wieder, belebte und unbelebte, an ihren charakteristischen Merkmalen; aber nur Kinder halten noch das Merkmal für den Realgrund des Dinges: die Zeichnung des Flügels für den Realgrund des Schmetterlings, es wäre denn, daß z.B. das Atomgewicht des Goldes wirklich der Realgrund seiner übrigen Merkmale wäre.

Ganz kindlich aber will man die neue Wissenschaft der Charakteriologie darauf aufbauen, daß bei handelnden Menschen der sog. Charakter der Realgrund ihrer Lebensäußerungen sei, obgleich schon die Schrift sagt: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Nicht: an ihrem Charakter, an einem Merkmal sollt ihr sie erkennen.

Der Charakter ist keine Realität und kann darum kein Realgrund sein. Ist nur ein Erkenntnisgrund, eigentlich eine Erkenntnishilfe für den menschlichen Ordnungssinn. Das haben RIBOT und SIMMEL wohl gemeint; RIBOT, da er den Charakter mit einer Resultierenden verglich, SIMMEL da er sagte:
"Das einzige, was gegeben ist, sind die einzelnen Handlungen des Menschen; gewisse innere oder in den Beziehungen zu anderen sich herausstellende Eigenschaften derselben fassen wir zu dem Begriffe des Charakters dieses Menschen zusammen; allein das ist ein allgemeiner Begriff, gezogen aus der Summe seiner Lebenselemente, aber nicht die hervorbringende Ursache dieser." (Moralwissenschaft I, Seite 268)
Ist der Begriff Charakter dergestalt atomisiert und also der neuen Wissenschaft der Charakteriologie ihr Gegenstand entzogen, so muß ich doch wieder die eigene Macht der Worte anerkennen und zugeben, daß der Begriff Charakter, so schlecht er zu definieren ist, doch in seiner unklaren Metaphorik auf das menschliche Handeln einwirkt. Aber, so seltsam es klingen mag, nicht der individuelle Charakter, der keine Realität hat, ist der Realgrund manches bewußten Handelns, sondern vielmehr der Wortaberglaube an die Wirklichkeit des Charakters und an seine Unveränderlichkeit.

Das hat die Sprache zuwege gebracht, indem sie die individuelle Gewohnheit oder Anlage, Entschlüsse in einer bestimmten Tendenz zu fassen, mit dem Gefühlstone von etwas Löblichem versah, so daß am Ende das Urteil "dieser Mensch hat Charakter", d.h. "seine Handlungen haben ein Merkmal" zu einem Werturteile wurde, zu einem Lobe. Nur ein gemeiner Lump ist charakterlos. Ein verbrecherischer Schuft kann Charakter haben. Und so bildet sich beim erwachsenen Menschen, bewußt oder unbewußt, der Lebensstil heraus, in dem wirren Komplexe seiner Neigungen und Anlagen einige zu unterdrücken, andere hervorzuheben, seiner  Persönlichkeit  mehr und mehr den Charakter einer Rolle zu geben oder die Rolle eines Charakters vorzuschreiben.

Auch bei handelnden Personen ersten Ranges fehlt dieser künstlerische Hang, die eigene Nase zu formen, fast niemals völlig (NAPOLEON, BISMARCK). Und so hat ein Wort, dessen landläufige Bedeutung uns in der Theatersprache geprägt worden ist, dazu beigetragen, Männer, die Besseres zu tun hatten, ein bißchen schauspielern zu lassen.

Die Herkunft aus dem Theaterjargon scheint sich auch darin zu verraten, daß ein grübelnder Dichter und halber Philosoph, HEBBEL, der gegenwärtig für den Schöpfer des Charakterdramas gilt, in den unzähligen Bemerkungen seiner Tagebücher, die den Charakter betreffen, fast jedesmal nach der Technik des Dramatikers oder des Novellisten hinüberschielt. HEBBEL, der, auch da ein Vorläufer IBSENs, die alten Rollenfächer zerschlug und komplexe Menschen anstatt der alten Typen darstellen wollte
"Eigensinn ist das wohlfeilste Surrogat für den Charakter."

"Daß poetische Charaktere zugleich individuell und allgemein sein sollen: was ist's denn weiter, als die Aufgabe, die die Natur alle Tage und in jedem Menschen löst."

"Falstaff ist ein komischer Charakter. Warum? Weil er ein Bewußtsein seiner Unabhängigkeit von den Natureinflüssen hat, denen er sich hingibt."

"Jeder Charakter ist ein Irrtum."

"Dein Charakter ist das Wort, das du der ganzen Welt gibt. Wirst du also deinem Charakter ungetreu, so brichst du der ganzen Welt dein Wort."

"Es stählt den Charakter mehr jemand totzuschlagen, als ihm die Hühneraugen zu schneiden."
Sublimes und schwitzender Witz durcheinander. Bei Gelegenheit eines Sehnsuchtseufzers nach guten SHAKESPEARE-Studien:
"Im dramatischen Katechismus, wie ihn die kritischen Jungen auswendig lernen, stehen bis auf den heutigen Tag Artikel, die zu vertilgen ein größeres Verdienst sein möchte, als neue Dramen zu schaffen. Welche Dummheiten z.B. werden fortwährend über Charaktere, über ihre Treue, ihre Übereinstimmung mit der Geschichte usw. abgeleiert."
Aber "der nächste Nachbar des echten Dichters" (das von HEBBEL auf LESSING geprägte Wort paßt auf HEBBEL selbst noch besser als auf LESSING) war doch Menschenkenner genug, um, was eben von der Macht des Wortes Charakter gesagt ist, auf die Werturteile überhaupt auszudehnen:
"Wie groß die Macht der Worte ist, wird selten recht bedacht. Ich bin überzeugt, ein Mensch kann dadurch schlecht werden, daß man ihn schlecht nennt. Und wie viele mögen sich nur deswegen auf dem rechten Pfade erhalten, weil die ganze Welt sagt, daß sie ihn wandeln. Ein Verdammungsgrund mehr gegen die Verleumdung."
So gelangt HEBBEL durch seine dramaturgischen Grübeleien zu der gleichen Auffassung von der Macht der Worte, wie ich durch meine sprachkritischen Grübeleien.

Ich glaube fast, der individuelle Charakter ist ein Mittel der öffentlichen Meinung, das Individuum nach ihrem dummen Willen zu lenken; wie der verliehene  Charakter  ein Mittel ist, Charaktere zu brechen; frei ist nur, wem diese beiden Charaktere gleichgültig sind.

Unter  Verleihung eines Charakters  versteht man etwa die Gnadenäußerung des Fürsten, der einem Beamten einen leeren Titel ohne dazugehöriges Amt verleiht. Wenn z.B. einem Lehrer der  Charakter  eines Professors verliehen wird, d.h. ihm ausdrücklich erlaubt wird, eine Rolle zu spielen, eine Maske zu tragen, so mag man an die Herkunft des Wortes Charakter aus der Komödie erinnert werden.

Aber auch der Ersatz des Wortes durch das beliebte  Persönlichkeit  mahnt wieder, wenn auch anders, an die Theaterwelt; man weiß, daß  persona  ursprünglich eine Theatermaske bezeichnete, dann genau das, was der frz. Theaterausdruck  caractère  besagen wollte.

Es wird der neuen Charakterologie schwer fallen, das vieldeutige Wort zum festen Mittelpunkte einer moralischen Gedankenwelt zu machen. Sie mag ja mit scheinbarem Radikalismus darauf ausgehen, die alte kategorische Moral dadurch zu ersetzen, daß sie den  Soll begriff ausschaltet und das Handeln des Menschen von seinem Charakter allein bestimmt sein läßt. Sehr schön. Individualismus. Der Mensch handle, wie er will, wenn er nur die Nase seines Charakters im Gesichte behält; doch in diesem  wenn er nur  scheint mir der alte Sollbegriff wieder versteckt zu sein: der Mensch  soll  gar nichts mehr, nur Charakter  soll  er haben. Eine Individualität soll er sein, eine Persönlichkeit. Ist er's nicht, so wird er getadelt; wie er früher getadelt worden ist, wenn er sich von  persönlichen Motiven  leiten ließ.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Wörterbuch der Philosophie, München und Leipzig 1910