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FRITZ MAUTHNER
Max Müller
I -12

"Unsere Worte sind nur Zeichen für unsere Erinnerungen, bequeme Zeichen sicherlich."

Nur die beneidenswerten Philosophen und Rhetoren, welche allwissend sagen können, was der Gedanke und was die Sprache sei, kennen auch das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen. Es sind viele Sätze darüber gesagt worden. Wir anderen wollen uns hier begnügen, das Verhältnis der beiden Worte genauer anzusehen.

Die Ansichten der beneidenswerten Herren stehen einander schroff gegenüber. Die einen lehren, Denken und Sprechen sei ein und dieselbe Sache; die anderen, daß das Denken vom Sprechen verschieden sei. Wenn ich nun wahrscheinlich dazu kommen werde, mich für die erste Behauptung zu entscheiden, so mache ich mir doch wohl nicht die Gründe ihrer Verteidiger zu eigen, so habe ich vielleicht doch eine ganz andere Vorstellung von der wirklichen Sachlage. Insbesondere MAX MÜLLER scheint mir zu seiner breiten Darlegung von der Identität des Denkens und Sprechens dadurch zu gelangen, daß er den Wert der Sprache ungeheuer überschätzt, gegen das Denken aber eine natürliche Abneigung fühlt. Und weil er dann doch bemerkt, daß die Sprache ihre Mängel habe, so setzt er aus Bosheit das Denken dem Sprechen gleich. MAX MÜLLER war kein Denker. Nur ein eleganter Gelehrter. Immer unzureichend, wo es sich um erkenntnis-theoretische Fragen handelte; trotz seiner Beschäftigung mit KANT. "Alles wahre Wissen beruht auf Klassifikation" und "Jede Wissenschaft muß in ihren eigenen Grenzen bleiben". Solche Kollegienheftweisheit liest man in seiner "Einleitung i. d. vgl. Religionswissenschaft", wo doch, als auf Grenzgebieten verschiedener Disziplinen, von Klassifikation am wenigsten die Rede sein sollte.

Sein "Denken im Lichte der Sprache" ist, wo er nicht durch sein Sanskritwissen zu Dank verpflichtet, noch reicher an Banalität und Schlimmerem. In der Vorrede gesteht er ein, daß ihm Orden und Titel ein starker Antrieb waren, mit Orden und Titeln belohnte Werke zu schaffen. So konnte ihm niemals der sprachkritische Gedanke kommen: das Denken sei ebenso elend wie die Sprache. Er war Engländer genug geworden, um seine geliebte Sprachwissenschaft mit einer "vernünftigen" Theologie zu versöhnen und so lehrt er: die Sprache ist ebenso göttlich wie das Denken. Halbgöttlich wenigstens. Darum ist ein so großer Teil des Buchs der Polemik gegen den Darwinismus, gegen die Art Gleichheit von Mensch und Tier gewidmet. Darum die Deklamationen gegen die Entwicklungslehre. Schlimme Tiraden wie "Sprache ist unser Rubicon; und kein Tier wird es wagen, ihn zu überschreiten" (S. 162). Wie viel Humor in dem einen kleinen Satze! Und seine Komik wird noch überboten, wenn MÜLLER (S. 49) ganz richtig sagt, der Franzose habe kein Wort für "stehen", wohl aber den Begriff "stehen", dann aber weise hinzufügt, "zumal wenn er das lateinische stare kennt". Sonst fällt er also um. MAX MÜLLER war kein Denker; sein Buch versucht es gar nicht, die Begriffe Sprache und Denken zu analysieren; über den alten Plunder, daß Sprechen und Denken untrennbar seien, kommt er eigentlich nicht hinaus. Wie viel ich dem Gelehrten MAX MÜLLER schulde, trotz meinem unziemlichen Lachen, mag der II. Band zeigen.

Ein ebenso unklarer wie energischer Verteidiger der entgegengesetzten Ansicht ist PREYER, der wieder das Sprechen vom Denken trennt, weil er sonst nicht so niedlich vom Denken des Kindes erzählen könnte, das noch nicht sprechen gelernt hat. Für mich gehört es in die Sammlung feinsten unfreiwilligen Humors, wenn PREYER unter dem Beifall philosophierender Zeitgenossen den Satz niederschreibt und sogar unterstreicht (Die Seele des Kindes, 4. Auflage S. 248): "Nicht die Sprache erzeugte den Verstand, sondern der Verstand ist es, welcher einst die Sprache erfand; nicht weil er sprechen gelernt hat, denkt der Mensch, sondern er lernt sprechen, weil er denkt."

Abracadabra! Wir werden sehen, daß PREYER Begriffe mit Vorstellungen verwechselt.

Solange wir abstrakt vom Denken und Sprechen reden, so lange ist eine Vergleichung unfruchtbar, wie es eine Vergleichung zwischen dem antiken Tartaros und unserer Hölle wäre. Daß eine Verbindung da sei, fühlt jedermann. Soll dieser Verbindung etwas in der Wirklichkeit entsprechen, so muß die Verbindung realer Natur sein, so muß, falls keine Identität vorliegt, ein Kausalzusammenhang bestehen. Und da es eine Wechselwirkung nicht gibt, trotzdem das Wort im Sprachgebrauch ist, so muß es ein Kausalzusammenhang historischer Natur sein.

In der Wirklichkeit und in der Geschichte gibt es nun weder ein abstraktes Denken noch eine abstrakte Sprache. Zur Not gibt es da eine Summe von Vorstellungen einer ungefähr geschlossenen Menschengruppe, von Erinnerungen, Begriffen und Gewohnheiten, die wir wohl oder übel die Kultur eines Volkes nennen können; zur Not gibt es da die Summe von Worten und Wortformen, die wir die Sprache dieses Volkes nennen. Offenbar deckt sich Kultur und Sprache eines Volkes. Die Sprache ist das treue Spiegelbild der Kultur. Welche Stellung nimmt nun das Denken zwischen der Kultur und der Sprache eines Volkes ein? Was ist das Denken, wenn die gesamte Kultur die Wirklichkeit ist und die Sprache die Summe der Gedächtniszeichen dieser Wirklichkeit?

Ein Australneger, der nie eine Eisenbahn gesehen und nie von einer gehört hat, besitzt das Wort nicht, weil er das Ding nicht kennt. Wie wäre ihm nun der Begriff Eisenbahn beizubringen? Unwillkürlich habe ich da anstatt eines Volkes ein Individuum gesetzt, einen einzelnen Australneger. Unwillkürlich, weil mir vorher nicht so deutlich wurde wie in diesem Augenblicke, daß ich bei Kultur und bei Sprache etwas Vorstellbares besitze, wenn ich eine Summe von Erscheinungen zusammenfasse, daß ich aber beim Denken unmöglich über die Vorgänge im individuellen Gehirn hinausgelangen kann. Wer sich nun damit begnügen wollte, mit Worten Fangball zu spielen, der könnte jetzt triumphierend ausrufen: die Sprache sei das gemeinsame Bewußtsein eines Volkes, etwas zwischen den Menschen, das Denken der persönliche Anteil eines jeden an diesem Bewußtsein. Das wäre vielleicht ganz hübsch gesagt.

Aber so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Es gibt ja, wie wir gesehen haben, kein Abstraktum Sprache in der Wirklichkeit; auch das verhältnismäßig konkretere Ding "Volkssprache" ist noch nicht wirklich. Wirklich sind nur Individualsprachen, wirklich ist am Ende aller Enden nur die augenblickliche Bewegung meiner Sprachorgane und ihr tönendes Erzeugnis. Wir dürfen nicht müde werden. Über den Abgrund hinüber müssen wir, und führte der Sprung auch in den Abgrund hinein. Man bedenke doch nur, daß auch der Begriff Eisenbahn ein unwirkliches Abstraktum ist. Wer das nicht erfaßt hat, der schlage das Buch zu und glaube mit den mittelalterlichen Realisten an einen wesenhaften Begriff der Dreieinigkeit, der in Realität noch älter sei als die göttliche Dreieinigkeit selbst. Die Eisenbahn ist ein Abstraktum.

Der Umstand z.B., daß von Königsberg bis Marseille die Schienen gleich weit auseinander stehen, ist erfreulich, weil er die Eisenbahn erst fahrbar macht. Aber relativ wirklich ist nur jedes Kilo Eisen der Schienen; nicht einmal die einzelne Eisenschiene ist ganz real, weil zweckmäßige Form an ihr ist. So ist auch der Umstand, daß die Menschen eines Volkes die gleichen Zeichen für ähnliche Sinneseindrücke haben, erfreulich, er macht die Sprache brauchbar für den Verkehr. An der russischen Grenze mißt man eine andere Spurweite ab, datiert nach einem anderen Kalender, spricht man eine andere Sprache. In ähnlichem Sinne ist die Gewöhnung eines Einzelmenschen erfreulich, weil erst diese Gewöhnung die Nervenbahn fahrbar macht für die regelmäßige Anwendung der Worte. Es ist aber nur die augenblickliche Bewegung des Sprachorgans wirklich. Und nur, um nicht allen Boden unter den Füßen zu verlieren, will ich wenigstens die Gewohnheit des Einzelmenschen, die Individualsprache, als etwas Wirkliches gelten lassen.

Es wissen nun die neueren Sprachphilosophen, welche so erstaunlich genau zwischen Denken und Sprechen distinguieren, recht gut, daß sie uns mit Allgemeinheiten über das Wesen der Sprache nicht kommen dürfen. An den Individualsprachen und womöglich am Sprechenlernen eines Kindes suchen sie nachzuweisen, daß es ein wortloses Denken, eine wortlose Logik gebe. Zwischen den Zeilen ist dann zu lesen, daß bei normalen erwachsenen Menschen wohl Denken und Sprechen zusammenfallen müsse, daß - eben nach PLATONs Worte - das Denken ein inneres Sprechen sei, daß das Denken jedoch schon vor dem Sprechenlernen auftrete. Nun bemerkt PREYER ganz gut, daß die Begriffe der Kinder anders sind als die der Erwachsenen, und er stellt schulgerecht den Satz auf, daß diese kindlichen Begriffe einen engeren Inhalt und entsprechend einen weiteren Umfang haben als die unseren. Wäre diese Ausdrucksweise der Logik richtig angewendet, so müßten die Kinder mit sehr abstrakten Begriffen operieren können.

In Wirklichkeit jedoch besteht der weitere Umfang der Kinderbegriffe nur in einer unkontrollierbaren und von Tag zu Tag wechselnden Unklarheit. Der engere Inhalt ist nicht mathematisch enger, sondern das Kind erweitert den Umfang und verengt den Inhalt, je nach der augenblicklichen Anregung. Es verknüpft ein Wort oder einen Begriff mit der sich ihm augenblicklich aufdrängenden Vorstellung, weil es die Sprache noch nicht beherrscht. Die Begriffe des Kindes stehen den Begriffen der Tiere nahe. Und PREYER verwechselt immer wieder unmittelbare Vorstellungen mit begrifflich fixierten Erinnerungen. Einige Beispiele PREYERs Sprechen schlagend gegen ihn. Er findet es logisch gedacht, wenn das Kind noch vor dem Gebrauch der Sprache eine Tür daraufhin untersucht, ob sie geschlossen sei oder nicht. Dann müßte er aber auch vom Hunde, der in noch klarerer Absicht mit der Pfote an der Türe kratzt, behaupten, daß er ohne Sprache "logisch" denke.

Bewundernswert logisch findet es PREYER auch, wenn ein anderthalbjähriges Kind Vergnügen daran findet, mit einer leeren Gießkanne von Blumentopf zu Blumentopf zu gehen und jeden scheinbar zu begießen; er sagt ausdrücklich, es sei da für das Kind der Begriff "Gießkanne" identisch mit dem Begriffe "gefüllte Gießkanne". Ein Erwachsener wäre um diese Art Logik nicht zu beneiden. Der Denkprozeß, wonach in einer Gießkanne unbedingt Wasser enthalten sei müsse, weil in dem Worte der Begriff "gießen" stecke, erinnert ganz verzweifelt an die unerträglichen Spitzfindigkeiten der Scholastiker; hätte das Kind wirklich einen solchen Schluß gezogen, so wäre es beinahe so sophistisch weise wie ANSELM von CANTERBURY und seine Nachfolger, welche in ihrem berühmten ontologischen Beweise die Existenz Gottes daraus herstellen, daß im Begriff der Vollkommenheit auch der Begriff der Wirklichkeit mit verborgen sei. So dumm ist aber das Kind gar nicht. Es hat mit der Gießkanne nicht logisch operiert, sondern in kindlicher Weise gespielt. In einer Weiße, die unentschieden Iäßt, wie weit das Kind sich des Spieles bewußt ist. Kinder dieses Alters halten auch das Versteckspielen für eine ernsthafte Beschäftigung. Was PREYER für vorsprachliche Logik gehalten hat, für eine wortlose Schlußfolgerung, das ist Phantasie, das ist Poesie.

Viel tiefer dringen wir in das angeblich wortlose Denken des Kindes, wenn wir erfahren, daß das Kind sich ganz gewiß vor jeglicher Kenntnis der Sprache Raumbegriffe bildet, daß es schon nach wenigen Monaten im Raume Bescheid weiß, also sicherlich auf diesem Gebiete ohne Sprache denkt. Wir sehen aber sofort, daß hier wieder nur die Unzulänglichkeit der philosophischen Sprache an einer schlimmen Begriffsverwirrung die Schuld trägt.

Es ist nämlich in der Tat nach dem gegenwärtig geltenden Sprachgebrauche vollkommen richtig, daß auch unsere einfachsten Sinnesempfindungen, das heißt die sogenannten Nachaußenprojizierungen unserer Sinneseindrücke, nicht ohne unsere Verstandestätigkeit entstehen können. DESCARTES hat diesen Gedanken geahnt, LOCKE hat ihn vorausgesetzt, KANT hat ihn genial formuliert, SCHOPENHAUER hat ihn überzeugend verteidigt und HELMHOLTZ hat ihn durch populäre Darstellung zum Gemeingut der Halbgebildeten gemacht. Mit schärferer Terminologie als die anderen hat SCHOPENHAUER unter den verschiedenen sogenannten Seelenvermögen gerade den Verstand zum Meister dieser Tätigkeit ernannt. Wer sich nun unter dem Verstande das göttliche oder halbgöttliche Wesen in unserem Kopfe vorstellt, welches im Dienste einer oberen Gottheit, der Seele nämlich, dem Denkgeschäft vorsteht, der ist in seinem Rechte, wenn er mit PREYER die Orientierung im Raum für einen Denkakt erklärt. Wir anderen aber, die wir nichts wissen, die wir den Begriff Verstand aus unserer Terminologie zu streichen schon fast entschlossen sind, wir sehen gerade aus der Schlußfolgerung solcher Kinderpsychologen, wie gefährlich es war, die Entstehung der Sinneseindrücke im Gehirn dem Verstand als einem besonderen Ressortminister zuzusprechen. Was wir davon wirklich wissen, das ist doch nur die negative Tatsache, daß unsere Sinnesorgane ohne ein Zentrum (ich sage "Zentrum" nur widerstrebend, mit schlechtem Gewissen; "Zentrum" ist auch nur so ein provisorisches Anstandswort für "Seele") ebenso ungeeignet wären, die Welt wahrzunehmen, wie ein Mikroskop ohne das menschliche Auge.

Wir halten es dann für wahrscheinlich, daß die von den Sinnesorganen aufgenommenen Empfindungen irgendwo im Gehirn sich assoziieren und daß aus der Regelmäßigkeit dieser Empfindungen und aus der Möglichkeit unserer Reaktionen das Zufallsbild der Welt entsteht, in welchem wir uns mit einiger Sicherheit bewegen. Niemand kann wissen, ob er dieses Zufallsbild der Welt nicht träume. Wenn aber der Verstand der göttliche Minister ist, der in unserem Kopfe denkt, so kann von ihm die Orientierung unserer Sinne nicht ressortieren; denn die Verarbeitung der Sinneseindrücke im Gehirn hat - nach psychologischem Sprachgebrauch - wenig mit dem zu tun, was wir sonst das Denken nennen. Fassen wir aber das Sehen, das Hören u.s.w. unter dem Begriff des Denkens zusammen, dann haben wir den Umfang dieses Begriffes phantastisch erweitert, als ob wir Kinder wären. Mir will es viel eher scheinen, als ob die ererbte Orientierungsfähigkeit, unsere Auffassung von den sichtbaren, hörbaren, schmeckbaren, harten und weichen, schweren und leichten Dingen u.s.w., also das Zustandekommen unseres Weltbildes in unserem Gehirn, d.h. die Anpassung der Wirklichkeitswelt an unsere vorher an die Wirklichkeitswelt angepaßten Sinnesorgane, weit mehr Ähnlichkeit hätte mit der instinktiven Thätigkeit unseres Atmens und der mit ihr verknüpften Herztätigkeit, wo auch bestimmte Nerven unter chemischen und wer weiß was für Einflüssen unser Leben erzeugen und erhalten. Denkt das Kind, wenn es sieht und hört, so denkt es auch, wenn es atmet.

Von einem anderen Punkte aus sind vorsichtigere Forscher dazu gelangt, ein Denken ohne Sprechen bei Kindern und Erwachsenen anzunehmen. Ohne Zweifel denken Taubstumme, auch solche, die nicht in besonderen Anstalten oder durch die Not des Umgangs eine Verständigung mit ihrer Umgebung künstlich erlernt haben. Bevor wir die Psychologie eines Taubstummen genauer kennen, sollten wir freilich nur von einem Denken ohne Hören reden. Ein solches Denken ohne Hören ist keine seltene Erscheinung. Das Denken bei sensorischer Aphasie ist freilich gewiß weniger als ein Denken ohne Hören, weil es ein Denken ohne Sprache ist; die meisten Tiere sind uns gegenüber mit sensorischer Aphasie behaftet.

Das Experiment ist zwar noch nicht gemacht worden, ich will aber gern glauben, die allgemeine Meinung treffe das Richtige, wenn sie sagt: Ein vollkommen vereinsamter Mensch verlernt seine Muttersprache; ein einsam aufwachsendes Kind lernt nicht sprechen. Experimente sind in diesem Falle überflüssig, weil der Zustand der Taubstummen uns ausreichend darüber belehrt, wie notwendig das Gehör für den Gebrauch unserer Sprache ist. Die Taubstummen sind stumm, weil sie taub sind. Es sind auch mit genügender wissenschaftlicher Genauigkeit Fälle beobachtet worden, in denen vier- und fünfjährige Kinder nach vollständiger Erlernung ihrer Muttersprache das Gehör verloren und darüber ebenso taubstumm wurden wie taub geborene Kinder. Es ist bekannt, wie undeutlich Leute reden, die auch in späterem Alter taub werden.

Was beweist das für unsere Frage? Doch nur, daß unsere Sprache, die bequeme Lautsprache, aufs innigste mit unserem Gehör zusammenhängt, was wohl nicht erst zu beweisen war. Es gibt im Gehirn vielleicht ein Gebiet, auf welchem sich unsere Gehörempfindungen und die Bewegungsempfindungen unserer Sprache aufs innigste assoziieren, so innig, daß man erst in allerneuester Zeit gelernt hat, diese beiden Empfindungen auseinander zu halten. Durchaus aber nicht bewiesen ist dadurch, daß die Taubstummen, während sie denken, nicht ihre eigene Sprache besitzen. Es ist nachgewiesen, daß die Taubstummen aller Länder, unabhängig von ihrer gelernten Zeichensprache, einander durch instinktive Zeichen verstehen können, durch Gesten, Mienen u.s.w., die ihnen viel ausdrucksvoller sind als den hörenden und redenden Menschen. Unsere Worte sind nur Zeichen für unsere Erinnerungen, bequeme Zeichen sicherlich. Wie aber die Streckenwärter der Eisenbahn anstatt ihrer bequemen sichtbaren Zeichen, die sie bei Tage gebrauchen, bei Nacht und bei Nebel unbequemere Feuerzeichen oder gar Hornsignale gebrauchen müssen, so ersetzen die Taubstummen in dem Nebel und der Nacht ihrer Taubheit die bequeme Lautsprache durch eine andere.

Meine Betrachtung scheint sich von ihrem Ausgangspunkte zu entfernen, und doch hängen diese Fragen nach den Raumvorstellungen und dem Verstande einerseits, nach dem Geistesleben der Taubstummen anderseits aufs engste damit zusammen, wie wir das Denken und wie wir das Sprechen definieren. Wenn wir es Denken nennen, daß das Kind sich nach dem Maßstabe seiner Sinnesorgane in der Außenwelt zurechtfindet, dann erweitern wir den Begriff Denken ins Ungemessene, dann kann sich die Qualle nicht ohne Denken im Wasser bewegen, dann kann sich die Pflanze nicht ohne Denken dem Lichte zuwenden, dann ist die Nahrungsaufnahme der Qualle wie der Pflanze ein Denkakt, dann ist nicht daran zu zweifeln, daß es ein Denken ohne Sprechen gebe. Und weil es nur dem allgemeinen Sprachgebrauche widerspricht, Atmen, Bewegung, Nahrungsaufnahme Denkakte zu nennen, weil wirklich eine fortschreitende Entwicklung besteht zwischen den Lebenserscheinungen der niedersten Tiere und den angestrengten Denkprozessen eines Philosophen, weil das Denken auch etwas wie eine Lebensäußerung ist, darum müssen wir uns hüten, den Begriff "Denken" als einen klar definierten Begriff anzusehen.

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sprechen und Denken wird so zu einem Wortstreit, wird abhängig von der Definition des Begriffs "Denken", die wir uns freilich bemühen müssen dem Sprachgebrauch anzupassen. Denn ohne den Versuch eines gemeinsamen Sprachgebrauchs, wenigstens eines Gebrauchs zwischen Autor und Leser, ist keine gemeinsame Seelensituation, ist keine Mitteilung möglich. Umgekehrt ist es nur eine Folge des Sprachgebrauchs, wenn wir die Lebensäußerungen eines intelligenten Taubstummen, der sieh ohne künstlich gelernte Sprache dennoch recht gut in unseren Kulturverhältnissen zurechtfindet, ein Denken ohne Sprache nennen. Wir definieren den Begriff "Sprache" dann zu eng, um aus diesem Fehler den Schluß zu ziehen, daß Denken ohne Sprache möglich sei. So stehen sich die Vertreter beider Parteien wie in einem ergebnislosen Duell gegenüber; beide schießen aus blindgeladenen Pistolen und erschüttern nur die Luft, indem sie Worte aussprechen. Der Wind, der zwischen ihnen weht, leistet nicht weniger. Die Worte können mitunter ganz hübsche Bilder hervorrufen, wie z.B.: die Sprache sei das Kleid des Denkens, wie der Leib die Hülle der Seele sei. Aber auch der Streit über das Verhältnis von Leib und Seele ist ebenso ein Duell, in welchem die Gegner mit blindgeladenen Pistolen knallen.

Die Herren, welche die Sprache nur als ein Kleid des Denkens ansehen, und zwar als ein schlecht gearbeitetes, mangelhaft sitzendes Kleid (während MAX MÜLLER wieder die Sprache für ein Kleid hält, das dem Denken wunderbar gut sitzt, wie ein Handschuh der Hand), berufen sich darauf, daß eine tadellose Verständigung zwischen zwei Menschen, eine Gedankenübertragung ohne Rest, nicht möglich sei. Diese Tatsache wird uns immer geläufiger werden. Es gibt nur Individualsprachen, und nicht nur zwei Söhne des gleichen Sprachvolkes, sondern selbst leibliche Zwillingssöhne der gleichen Mutter haben in ihrer Sprache Differenzen, die im Gespräch zu kleinen Mißverständnissen führen können und müssen. Wenn nun über diesen Mängeln, welche jeder Individualsprache anhaften und welche ihnen anhaften müssen, weil doch unmöglich die unzähligen verschiedenen Hohlspiegelbilder einer und derselben Welt identisch sein können, - wenn über diesen schlecht sitzenden Gewändern der Sprache ein allgemein gültiges Denken schwebte, dann wäre allerdings ein klaffender Unterschied zwischen dem Denken und dem Sprechen stabiliert und bewiesen. Und die bis zur Stunde landläufige Anschauung von unserer Welterkenntnis müßte notwendig zu der Anerkennung eines solchen Unterschiedes führen.

Sieht man in der Wirklichkeitswelt etwas absolut Gegebenes, sieht man in unserem Denken oder unserer Erkenntnis der Wirklichkeitswelt ein noch unvollständiges, aber treues Spiegelbild, dann ist allerdings jede Individualsprache nur ein verzerrtes Spiegelbild, ein Bild, das subjektiv geformte Hohlspiegel hervorgerufen haben. Und so unverscheuchbar spukt das Gespenst von einem absoluten. Denken auch in guten Köpfen, daß unbewußt und unklar, aber überall neben der Existenz mangelhafter Individualsprachen, die der Hoheit des Denkens nicht eben nur den Sinn, daß man den starken oder groben Ausdruck, den die Sprache bietet, aus irgend einer Rücksicht nicht gebrauchen wolle. Wo aber für Gefühle wirklich in der Sprache keine Worte sind, da ist das Gefühl von einem ungewohnten Eindruck erzeugt, da ist die Stimmung dieses Gefühls noch nicht eingeübt, noch kein Erbe der Menschheit geworden, da fehlt das Wort, weil die Erinnerung, weil das Bewußtsein von der Ähnlichkeit solcher Gefühle noch fehlt. So hatte die Sprache noch vor zweihundert Jahren keine Worte für Stimmungen des Naturgefühls (am Meere, im Gebirge), die heute jedem Schneider auf seiner Sommerreise geläufig sind. Die Beziehung zwischen dem Denken und der Wirklichkeit mangelt, nicht die Beziehung zwischen der Sprache und dem Denken. Ähnlich liegt der Fall, wenn wir sagen, daß wir bei einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung ein Wort erst suchen müssen.

Der Vorgang ist alltäglich; bei jedem Satze dieses Buches kann es mir passieren, daß ich ein Wort suchen muß. Sehr häufig liegt da ein einfaches Vergessen vor, eine größere oder geringere Sprachstörung, die nicht gleich über die physiologische Breite hinaus in das Gebiet der psychischen Störungen gehören muß. Je nach der momentanen Geistesfrische tritt dieses sogenannte Suchen nach Worten seltener oder häufiger auf. Wo es aber auch in bester Arbeitsstimmung notwendig ist, für einen minderwertigen Ausdruck einen besseren zu suchen, das prägnante Wort zu finden, da wird nicht nachträglich zu dem Gedanken das Wort herbeigeschafft, sondern der Gedanke ist es, der nicht prägnant war. Und eine genaue Selbstbeobachtung hat mir gezeigt, was zu erwarten war, daß dieses Forschen nach dem prägnanten Gedanken nichts anderes ist als die unaufhörlich wiederholte Bemühung, über das zuerst im Bewußtsein auftauchende Wort oder den Begriff hinüberzugeIangen zu meinem Bilde von der Wirklichkeitswelt und auf diesem Wege zu prüfen, ob das sich mir zuerst aufdrängende Wort, ob der bereite Begriff meinem Bilde von der Wirklichkeit entspreche. Nicht auf meine Sprache besinne ich mich, wenn ich ein Wort suche, sondern auf meine Erkenntnis, das heißt auf mein subjektives Bild von der Wirklichkeit.

Nur einen einzigen Fall gibt es, in welchem Wort und Gedanke noch nicht zusammenstimmen, nur einen einzigen Fall gibt es, wo wir das Wort zu unserem Gedanken erst suchen, weil wir es erst bilden müssen: das geschieht nur dann, wenn ein besonders gut veranlagter Kopf, wenn ein glücklicher Finder oder Erfinder etwas Neues gesehen, etwas Neues entdeckt oder beobachtet hat, wenn er also den Schatz der ererbten und erworbenen Erfahrungen durch ein Apercu zu bereichern im Begriffe steht. Dann freilich knüpft er die Erinnerung an die neue Beobachtung oder die neue Entdeckung an ein Wort, sei es durch Lautwandel oder Bedeutungswandel, das heißt an ein neugebildetes oder an ein bekanntes Wort. Dann ist aber unsere Erkenntnis der  Wirklichkeit  zunächst bereichert worden; die Erinnerung daran bereichert mit einem Schlage das Denken und die Sprache.

Einen sehr kleinlichen Einwand gegen die Identität von Denken und Sprechen hat man davon hergeholt, daß der gleiche Gedanke sich in verschiedenen Sprachen und auch von verschiedenen Menschen desselben Volkes ungleich ausdrücken lasse, und daß umgekehrt gleichlautende Worte oder Wortfolgen verschiedene Gedanken ausdrücken können. Die Antwort lautet wieder: Es gibt nur individuelles Denken und nur individuelle Sprachen. Alles andere ist Abstraktion. Ob ich einen Nagel aus dem Holz mit den Nägeln herausziehe oder mit einer Zange oder mit Hilfe eines Stemmeisens, das Verhältnis zwischen meiner Kraft und der Wirklichkeit ist immer dasselbe. Ich wende Hebelkraft an, auch dann noch, wenn ich anstatt des Nagels eine Schraube mit dem Schraubenzieher herausdrehe. Es ist eine verschiedene Form für dieselbe Sache. Und wieder: wenn ich die Zange umdrehe und sie als Hammer benutze, um einen Nagel einzuschlagen, so mag das der Zange schaden, aber nur ein törichter Zunftmeister könnte es mir verwehren, die Zange darum als Hammer zu benutzen, weil die Zange Zange heiße und der Hammer Hammer. Zange und Hammer sind Abstraktionen. Wirklich ist nur das Stück Eisen, wirklich ist eigentlich nur die Schwere des Eisenstücks und die angewandte Hebelkraft, soweit nicht auch diese Begriffe Abstraktionen sind.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I,
Zur Sprache und Psychologie, Stuttgart/Berlin 1906