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FRITZ MAUTHNER
Sprache ist Bewegung
I -13

"Wenn ein Mensch deutlich und distinkt ein Wort denkt, so ist damit ein Bewegungsgefühl verbunden."

Wir sind durch diese Erwägungen unmerklich unserem Ziele etwas näher gerückt. Die Behauptungen über das Verhältnis von Denken und Sprechen schienen uns so lange ein Wortstreit, als wir nicht wußten, was Denken und was Sprechen eigentlich sei. Nun wurden wir durch die angeführten Beispiele an die Definitionen erinnert, zu welchen wir in anderem Zusammenhange gelangten. Sprache, ja selbst die schon konkretere Individualsprache ist immer nur ein Abstraktum; wirklich ist immer nur der augenblicklich durch Bewegung hervorgebrachte Laut, welcher ein Zeichen ist für irgend welche ererbte oder erworbene Erinnerung. "Der durch Bewegung hervorgebrachte Laut" ist freilich schon wieder etwas Komplexes. Wenn ich höre, achte ich allein auf den Laut; wenn ich rede, dann ignoriere ich den Laut gewöhnlich völlig. Und nicht immer ist das Zeichen ein Laut. Es kann auch ein anderes Bewegungszeichen sein, wie denn die Kinder eines englischen Taubstummenlehrers an seinen unwillkürlichen Fingerbewegungen bemerken konnten, woran der Vater beim Auf- und Abgehen im Zimmer dachte. Er bewegte die Finger wohl deshalb, weil ihm die Fingersprache zur Gewohnheit geworden war, doch nur so geläufig wie einer Bäuerin das Lesen, die nicht ohne Lippenbewegungen zu lesen vermag. Jede wirkliche Sprachäußerung ist eine Bewegung. Wenn ein Mensch deutlich und distinkt ein Wort denkt (man achte darauf, daß ich "denken" sagen muß), so ist damit - wie wir noch genauer erfahren werden ein Bewegungsgefühl verbunden, welches bei sehr bewußtem Denken bis zu einem Fühlbarwerden dieses Bewegungsgefühls sich steigern kann. Lägen die Sprachorgane nicht versteckt, wir würden sie bei angestrengtem Denken charakteristisch zucken sehen wie die Finger jenes Taubstummenlehrers. Noch einmal: wo die Sprache wirklich ist, da besteht sie aus Bewegungszeichen.

Auch daran wurden wir erinnert, was das Denken sei.

Ob laut oder leise, das Denken ist immer ein inwendiges Vergleichen dieser Erinnerungszeichen. Wir können Sinneseindrücke in uns aufnehmen ohne solche Zeichen; wir können uns in der gegenwärtigen Welt ohne solche Zeichen orientieren; und wenn wir dieses Aufnehmen und dieses Orientieren durchaus ein Denken nennen wollen, so steht dem nichts im Wege. Mein Sprachgebrauch, den ich von SCHOPENHAUER geerbt habe, sagt "Verstand" dafür und trennt Verstand gern vom Denken. Der Sprachgebrauch hat schon andere Konfusionen angerichtet. Vorläufig aber nennt man das Aufnehmen von Sinneseindrücken und die Orientierung in der gegenwärtigen Wirklichkeitswelt nicht Denken. Vorläufig versteht man unter Denken das Vergleichen von Erinnerungszeichen, denen die Sinneseindrücke und die damalige Gegenwart vorangegangen sind. Soll nun jetzt noch für uns die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sprechen einen wertvollen Sinn haben, so erhebt sie sich plötzlich in ein anderes Gebiet und müßte allgemein so formuliert werden: Besitzen wir ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen? Dieser Frage steht die Sprachphilosophie ganz hilflos gegenüber, und auch die Psychologie, weil sie nicht ernsthaft physiologisch geworden ist, weiß nichts mit ihr anzufangen. Das Verdienst dieser Fragefassung besteht eben nur - wie so oft - in der neuen Formulierung einer alten Frage. Sollte sie in der neuen Fassung einmal beantwortet werden können, so wird die neue Antwort höchst wahrscheinlich darin bestehen müssen, daß auch das Gedächtnis als ein abstraktes Wort für eine personifizierte Seelenkraft ausscheidet, und daß die wahrhaft physiologische Psychologie sich nur noch mit den Zeichen für ähnliche Sinneseindrücke beschäftigt. Und dann wird noch mehr zusammenstürzen als bloß Denken und Sprechen.

Ich kann an dieser Stelle die ganze Schwierigkeit nur andeuten. So wie der Begriff der menschlichen Sprache nur etwas Unwirkliches ist, und wie sogar die Individualsprachen Abstraktionen sind von ähnlichen, aber immer sich verändernden Erscheinungen, so wie also auf dem Gebiete der Sprache nur die momentane Bewegung des Sprachorgans und eigentlich nur der letzte mikroskopische Bestandteil dieser Bewegung wirklich ist, so ist auch wiederum das menschliche Denken nur ein Unwirkliches, so ist selbst die Weltanschauung (das Korrelat der Individualsprache) eines einzelnen Menschen ein Abstraktum; wirklich ist nur die momentane Erinnerung, der momentane Gedächtnisakt. Der doch irgend eine Bewegung sein muß, wie auch an "der" Sprache wirklich nur ist die momentane Bewegung mit ihren beiden Seiten: der innerlichen Bewegungsvorstellung und der äußerlichen Schallerregung. Das alles scheint einfach genug. Das Gedächtnis verrät die verdächtige Zugehörigkeit zu der märchenhaften Gruppe der Seelenvermögen schon dadurch, daß es mitunter auch Gedächtniskraft genannt wird. In der Tat ist das Gedächtnis wie üblich mit den Worten erklärbar: es sei die Kraft, Erinnerungen zu haben.

Ebensogut könnten wir von einer besonderen Nieskraft sprechen, welche uns unter besonderen Umständen niesen läßt. Alles drängt uns dazu, den Begriff Gedächtnis fallen zu lassen, und uns an die Äußerungen dieser Kraft zu halten, an die Erinnerungen. Nun aber entsteht sofort die Frage, was an der einzelnen Erinnerung denn eigentlich wirklich sei. Wenn wir nämlich die sogenannte Erinnerung bis in ihren letzten Schlupfwinkel. verfolgen, so stellt sie sich jederzeit als eine Vergleichung heraus, als eine Gleichstellung eines früheren und eines gegenwärtigen Eindrucks, wobei dann entweder der frühere oder der gegenwärtige Eindruck selbst ein Nachbild sein kann, wofür wir wieder nur das Wort Erinnerung haben. Die bisher wenig bemerkte Unklarheit dieses Begriffs steigert sich noch dadurch, daß die angebliche Gleichstellung jedesmal mit irgend einem, wenn auch noch so kleinen Gedächtnisfehler behaftet ist. Es sind zwei Fälle möglich. Entweder ich vergleiche einen gegenwärtigen Sinneseindruck mit einem Nachbild, z.B. ich treffe einen Bekannten auf der Straße und erkenne ihn wieder; dann sehe ich über kleine Unterschiede gegen seine letzte Erscheinung hinweg. Oder es steigt in meiner Erinnerung ein Nachbild auf, in welchem sich eine große Zahl ähnlicher, aber nicht gleicher Eindrücke verbunden haben. Eine solche Erinnerung ist dann ein Begriff, und aus der Vergleichung solcher Begriffe besteht, was wir ganz besonders unser Denken nennen.

Was ist nun an einer solchen Einzelerinnerung wirklich? Die vergleichende Tätigkeit ist eine Abstraktion für etwas, was wir nicht kennen. Der vergleichenden Tätigkeit liegen mindestens zwei Eindrücke zu Grunde, welche niemals völlig identisch sind und welche darum in Wirklichkeit nicht in eins zusammenfließen können. Es ist also auch der Begriff Einzelerinnerung wissenschaftlich nicht recht zu fassen. Wenn wir also als letztes Asyl unserer Unwissenheit das Gedächtnis und seine Zeichen ausgefunden haben, wenn wir das Denken ein Vergleichen von Erinnerungen und das Sprechen den Gebrauch von Erinnerungszeichen nannten, wenn wir sodann die Frage aufwarfen, ob es ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen gebe, so sind wir jetzt beinahe in der traurigen Lage, von all diesen Begriffen nur noch die Zeichen der Erinnerung als halbwegs wirkliche und bekannte Tatsachen annehmen zu können. Wir werden weiterhin mit dem Begriffe Gedächtnis nur noch als wie mit einer Unbekannten operieren können, aber dennoch viel mit ihm operieren müssen.

So viel scheint uns aber jetzt schon gewiß, daß das Denken und das Sprechen in dem Begriff des Gedächtnisses zusammenfließen, und daß für denjenigen, der das Wesen der Erinnerung erkannt hätte, ein Gegensatz zwischen Denken und Sprechen nicht mehr vorhanden wäre. Weil aber in der Vorstellung der Menschen, in ihrem Sprechen oder Denken, zwischen Denken und Sprechen immer ein Unterschied besteht, weil immer wieder der Einwand gemacht wird, es erweitere sich das Denken sehr häufig ohne Erweiterung der Sprache, darum will ich noch an zwei kleinen Beispielen zu zeigen suchen, wie wenig das Denken von der Sprache unabhängig sei, einerlei, ob die Worte sich äußerlich ändern oder nicht.

Der krasseste Fall, in welchem auch die leiseste Änderung des Gedankens nicht ohne Änderung der Sprache möglich ist, scheint mir im einfachen Zählen zu liegen. Zähle ich von der Eins bis zu einer noch so großen Zahl, nehme ich zwischen zwei Einheiten noch so viele minimale Zwischenglieder, das heißt Bruchteile an, die Sprache hat für jeden der unendlich vielen Werte einen ganz bestimmten Ausdruck, die Schrift ein besonderes Zeichen. Dieser Ziffersprache und diesen Zifferzeichen liegt aber ein ganz bestimmtes System zu Grunde. Bevor dieses Dezimalsystem erfunden worden war, oder bevor man es nach Europa eingeführt hatte, war selbst diese allereinfachste Geistestätigkeit des Zählens bei uns nicht über eine gewisse Grenze hinaus möglich. Bei uns weiß jetzt jeder Schulknabe, daß 756318 + 1 = 756319 ist; er zählt eine sechsstellige Zahl einfach weiter, wie er von eins ab zählen gelernt hat. Ich bin gewiß, daß dieses elementare Zählen, das dem Einmaleins noch vorausgeht, manchem griechischen Weisen Schwierigkeiten gemacht hätte. Hier ist das Denken dem Sprechen nur insofern vorausgegangen, als die besseren Köpfe vor Einführung des Dezimalsystems schon davon eine Ahnung hatten, daß die Welt hinter Zehntausend nicht mit Brettern verschlagen sein könne. Wirklich zählen konnten sie aber nicht, auch im Kopfe nicht, solange sie das Zeichensystem, solange sie die Sprache dafür nicht hatten. Man kann das noch heute an den Völkern belegen, die etwa nur bis drei oder nur bis zwanzig zählen können; was über ihre Zahlworte hinausgeht, ist ihnen eine unbestimmte Vielheit. Vielleicht stand ARISTOTELES hinter Zehntausend da, wo der Patagonier heute hinter der Drei steht.

Die ungleiche Fertigkeit, zu welcher es verschiedene Völker und verschiedene Zeiten in der einfachen Kunst des Zählens brachten, wird uns nun aber in den Stand setzen, einen ganz flüchtigen und unkontrollierbaren, aber doch einen Blick hinter die Kulissen dieser Geistesäußerung zu werfen. Man hat längst bemerkt, daß es Tiere gibt, welche ebenfalls in menschlicher Weise bis drei zählen können. Jedesmal wird dann die Geschichte von der Krähe erzählt, welche ihren Zahlensinn praktisch anzuwenden wisse. Wenn drei Jäger in die Hütte hinein- und nur zwei hinausgegangen sind, dann weiß die Krähe angeblich, daß 3 - 2 = 1 ist, und soll durch keinen Köder zu bewegen sein, sich der Hütte auf Schußweite zu nähern. Mit dieser Geschichte soll jägerlateinisch, also beinahe gelehrt, bewiesen werden, daß die Krähe die Grundlagen des Zählens besitze (wie denn auch wir Menschen den Unterschied zwischen zwei und drei Äpfeln, Nüssen, Zuckerstückchen u.s.w. durch den bloßen Augenschein, also vorsprachlich erkennen), daß sie nur durch den Mangel an Sprache verhindert werde, eine Rechenmeisterin zu werden, daß also in diesem besonderen Falle das höhere Denken an das Sprechen gebunden sei. Ich nehme diese Unterstützung meiner Anschauung nicht an, weil mir eine sichere Beglaubigung des Krähenzählens fehlt. Wäre die Sache wahr, so gehörte die Krähe im Rechnen auf dieselbe Bank wie die Patagonier, und ARISTOTELES der bis zehntausend zählen konnte, käme gegen die Krähe mehr als einen herauf.

Ich glaube die Geschichte jedoch fürs erste nicht, weil sie in einem entscheidenden Punkte mit dem Zahlensinn anderer Tiere in Widerspruch gerät. Es lassen sich bekanntlich Pferde, Esel und Elefanten dazu abrichten, bis zu zehn zu zählen und sogar die menschlichen Zahlworte dafür zu verstehen, obgleich auch da einige Täuschung mit unterlaufen kann. Was nun dieses tierische Zählen vom menschlichen Zählen unterscheidet, das ist doch offenbar, daß diese Tiere trotz ihrer Abrichtung niemals auf den Einfall gekommen sind, ihre Rechenkunststücke in ihrem eigenen Interesse anzuwenden. Wie der Papagei nicht "spricht", solange er nicht in seinem Interesse spricht, nicht seine eigenen Gedanken ausspricht. (MONTAIGNE weiß von Ochsen zu erzählen, Ochsen in Susa, die das große Bewässerungsrad genau hundertmal drehten, nachher aber unter keinen Umständen veranlaßt werden konnten, weiter zu arbeiten; aber die Geschichte ist historisch und psychologisch unkontrollierbar.) Im menschlichen Verkehr ist der bessere Rechner im Vorteil gegen den schlechteren; er kann nicht nur Ingenieur werden, wo der andere einfacher Arbeiter bleibt, er kann auch, wenn er z.B. ein gewandter Arbitrageur ist, auf der Börse einen einwandfreien Gewinn erzielen, er kann auf dem Markte besser einkaufen. Wenn ein Europäer von einem Patagonier Schafe kauft, so kann er ihm zwölf abnehmen, während er nur zehn bezahlt hat, weil der Patagonier den Unterschied zwischen zehn und zwölf nicht genau kennt. Niemals aber hat man davon gehört, daß ein dressierter Esel seinen ungelehrten Mitesel auf Grund seiner Rechenkunststücke betrogen habe.

Was also dem Zählen der dressierten Tiere fehlt, das ist die Verknüpfung ihres Zahlenbegriffs mit ihrem Interesse. Die Menschen aber haben von jeher am Zählen ein sehr hohes Interesse gehabt, sind darum von Einheit zu Einheit immer weiter fortgeschritten und haben sich endlich die vier Spezies erfunden und das Dezimalsystem, mit dessen Hilfe heute jeder Schulknabe prinzipiell bis ins Unendliche zählen kann. Die Mathematik ist eigentlich nur eine Fortentwicklung dieser Kategorienreihe. Das Multiplizieren ist eine Abkürzung des Zählens, das Logarithmieren eine Abkürzung des Multiplizierens und die Algebra bis hinauf zur höheren Analysis eine Abkürzung des zahlenlosen Rechnens. Man hat gesagt, die Krähe könne nicht über drei hinaus zählen, weil ihr die Sprache fehle, weil sie nicht mit Hilfe der Sprache die Zahlenwerte (die man also für wirklich hält) zergliedern könne. Auch darum nehme ich diese Unterstützung meiner Anschauung nicht an. Die Zahlenwerte sind nicht in der Wirklichkeit. Nur der Mensch hat sich in seinem Interesse den Begriff der Einheit geschaffen und hat dann gelernt, diese Einheit zu vervielfältigen und zu vergleichen. Und so lange die Welt steht, wird kein Kopf sich irgend eine Zahl vorstellen können, ohne sich mit Hilfe unseres praktischen Zahlensystems ein ganz besonderes Zeichen für diese besondere Zahl zu bilden. Das ist nun der klassische Fall, in welchem offenbar der Gedanke und sein Zeichen absolut identisch sind. Man kann sogar behaupten, daß der praktische Rechner gewissermaßen gedankenlos mit den bloßen Zeichen operiere; und die Rechnung muß immer stimmen, weil die Zahlenzeichen eindeutig sind. Erst in den abstraktesten Regionen der Mathematik beginnt die Mehrdeutigkeit einiger Zeichen, die denn auch sofort Schwierigkeiten verursachen.

Beim Zählen, wo die minimalste Änderung der Vorstellung eine entsprechende und so starke Veränderung des Ausdrucks zur Folge hat, hat das Gedächtnis eigentlich außer den ersten zehn Zahlworten und etwa noch einem Dutzend anderer nichts zu merken, als die Bezeichnungen des Dezimalsystems. Die außerordentliche Bequemlichkeit dieses Systems besteht gerade darin, daß diese wenigen Zeichen durch Kombinationen und Permutationen zur vollkommen sicheren Darstellung unendlich vieler Möglichkeiten genügen. Das Gedächtnis merkt sich die Ausdrucksmittel der Kategorien ähnlich, wie es sich in der gewöhnlichen Sprache die Kategorien der Grammatik merkt, die Silben, mit deren Hilfe die Fälle des Substantivs, die Konjugationsformen des Verbums und andere Wortzusammensetzungen gebildet werden. Diese Kategorien des Zählens sind uns so geläufig, daß wir für den momentanen Zweck einer besonderen Zahl sofort auch ihren besonderen Ausdruck bei der Hand haben. Die oben genannte sechszifferige Zahl 756318 gehört dem Sprachschatz nicht mehr und nicht weniger an als irgend eine Tempusform des Verbums "zählen", z.B. "ihr würdet gezählt haben". Weder diese Tempusform noch die Zahl sind darum in einem Wörterbuche zu finden. Beide gehören der Momentsprache an. Das Gedächtnis braucht mit den unzähligen Zahlen so wenig belastet zu werden, wie mit den zahlreichen Wortformen.

Das Gedächtnis behält nur das mathematische Schema; es hält dieses Schema für die Momentsprache bereit. Im Gebrauch der übrigen Sprache arbeitet das Gedächtnis - ich kann die Abstraktion der Kürze wegen nicht entbehren ebenfalls mit Kategorien, mit denen der Grammatik; aber der Sprachschatz umfaßt so unendlich mehr Worte als die einfachen ersten zehn Zahlen. Natürlich. Denn beim elementaren Geschäfte des Zählens handelt es sich eigentlich um einen einzigen Begriff, um den menschlich bequemen Begriff der Einheit; richtiger: um das Verhältnis der Einheit zur Zweizahl. Und ich kann mir eine Sprache ausdenken, in welcher auch die zehn ersten Zahlworte aus einem gebildet würden, in welcher die besonderen Worte für hundert, tausend u.s.w. verschwinden, in der sämtliche Zahlworte schematisch aus dem Worte für die Einheit (richtiger: aus dem Verhältnis 1: 2) hervorgehen.

Die Begriffe der übrigen Sprache lassen eine so schematische Entwicklung nicht zu. Unzählige Sinneseindrücke drängen und stoßen sich in unserem Kopfe, und wir sind froh, daß wir sie in unserem Sprachschatz einigermaßen geordnet beisammen haben. Das formale Gedächtnis für die grammatischen Kategorien ist beim Sprechen eine besondere Bequemlichkeit; aber erst das Sachgedächtnis, das heißt das Gedächtnis für die die Sinneseindrücke zusammenfassenden Worte, bildet du eigentliche Fundament der Sprache. Und jetzt können wir die Frage ins Auge fassen: Wie ist es möglich, daß diese zusammenfassenden Worte, während sie sich selbst gar nicht oder nur unmerklich verändern, in ihrer Bedeutung so außerordentlich großen Wandel erfahren? Wie "Erde" durch die Verbesserungen der Astronomie, wie "Lampe" durch die Verbesserungen der Beleuchtungstechnik. Glauben wir an die Abstraktion eines objektiv über dem Einzelgehirn schwebenden Denkens, welches fortschreitet, und daneben an die verhältnismäßige Stabilität der Volkssprache, in welcher dieses Denken fortschreitet, so ist allerdings ein klaffender Gegensatz zwischen Denken und Sprechen vorhanden. Dann ist das Denken eine körperlose Gottheit, und die Sprache wird zu ihrem körperlichen Werkzeuge. Dann wird das Denken zur Seele und die Sprache zum Stoffe dieser Seele.

Wollen wir diesen Einwand entkräften, so müssen wir schärfer als bisher das Wesen des Bedeutungswandels betrachten. Zwar im allgemeinen ist der Sache mit der vielleicht schon allzu oft hervorgehobenen Tatsache beizukommen, daß es in der Wirklichkeitswelt keine konkrete Volkssprache gibt, sondern nur eine Ähnlichkeit von Individualsprachen, daß auch die Individualsprache noch eine Abstraktion aus einem Menschenleben ist, daß wirklich und konkret uns nur noch die Momentsprache sein kann. Dann wird auch der Begriff des Bedeutungswandels zu einem verworrenen Bilde eines Vorgangs im Einzelgehirn, und zwar eines wirklichen, also momentanen Vorgangs. Doch so ist die landläufige Anschauung nicht zu widerlegen. Glaubt doch WHITNEY (Sprachwissenschaft S. 195) gerade durch den Bedeutungswandel beweisen zu können, daß das Denken früher da sei als die Sprache, die es darstellt. Ganz naiv verwechselt er binnen sechs Zeilen die Ausdrücke "Vorstellung", "Denken" und "Begriff". Diese Verwechslung ist bis zur Stunde im Betriebe der Sprachwissenschaft so alltäglich, daß man, wenn sie sich bei einem so verdienstvollen Manne wiederfindet, vor Zorn das Buch ergreifen und es um den Kopf schlagen möchte, in welchem Vorstellung und Begriff nicht unterschieden werden. WHITNEY sagt an dieser Stelle ganz ahnungslos, der unzertrennbare Zusammenhang zwischen Begriff und Wort sei darum abzulehnen, weil jede Vorstellung schon für sich bestanden habe, ehe sie mit einem besonderen Zeichen umkleidet wurde. Ich glaube, das ist ein handgreiflicher Beleg zu dem oben Gesagten, daß nämlich nicht zwischen Denken und Sprechen die Differenz vorhanden sei, sondern zwischen unserem Denken und unseren Eindrücken von der Wirklichkeitswelt.

WHITNEY bekämpft meine Anschauung im voraus (wir sehen aus dem historischen Teile seines Werkes, welche Lehren ihm dabei vorschwebten) durch das Beispiel des Galvanismus: er sei doch als eine Naturkraft anerkannt worden, bevor noch seine Entdecker sich darüber geeinigt hatten, welchen Namen sie ihm beilegen sollten. Die Sachlage wird deutlicher werden, wenn ich vorerst anstatt des Galvanismus, dessen Namensgeschichte zu weit führen würde, das Beispiel von den Röntgenstrahlen nehme. Der seelische Vorgang ist völlig der gleiche. Eines Tages bemerkte der Professor Röntgen in seinem Laboratorium, daß bei gewissen elektrischen Erscheinungen Schatten entstanden, die eines der bekannten Lichter nicht geworfen hatte. Er hatte also einen bis dahin noch unbekannten Sinneseindruck. Er hatte eine neue Beobachtung gemacht, ein neues Apercu. Diese neue Beobachtung wurde, nebenbei bemerkt, zu einer neuen Entdeckung, weil die Beschreibung des neuen Eindrucks dazu führte, von allen bishergekannten Naturursachen abzusehen und eine neue Ursache einzufügen.

Professor RÖNTGEN war zuerst von dem Anblick verblüfft, wie vielleicht vor ungezählten Jahrtausenden ein Mensch darüber verblüfft war, daß Feuer brannte, oder daß ein Stein fiel, oder daß aus einem aufgerissenen Menschenleibe Blut floß. Auch das waren einmal neue Entdeckungen. Und wenn es wahr ist, daß des Professors Diener die Erscheinung zuerst sah, was man so sehen nennt, so wurde auch unsere Entdeckung zuerst von einem Menschen gemacht, der nicht einmal verblüfft war, Nun wollte Professor Röntgen seine neue Beobachtung mitteilen. Er ist ein so moderner Kopf, daß er weniger an eine Erklärung als an eine Beschreibung dachte. Auch zur Beschreibung mußte er die Sprache gebrauchen. Sprache ist aber allerwege nur die Erinnerung an frühere Sinneseindrücke; sie ist nie und nimmer ohne Bedeutungewandel der Worte zur Beschreibung einer neuen Beobachtung zu gebrauchen, Diesen Bedeutungswandel mußte Professor RÖNTGEN momentan in seinem individuellen Gehirn vornehmen, damit er in die Sprache der Zeitgenossen überginge. Konnte er die neuen Begriffe für die neue Beobachtung nicht durch Bedeutungswandel aus dem vorhandenen Sprachschatze schöpfen, so mußte er neue Worte bilden.

Er hat beides getan. Den Bedeutungswandel hat er offenbar unbewußt vorgenommen, die Neubildung bewußt und ungeschickt. Der Bedeutungswandel bestand darin, daß er die Ursache des neuen Wunders, der Fluoreszenz und des Schattens, überhaupt "Strahlen" nannte; ich habe noch nirgends die Bemerkung gelesen, daß die Bezeichnung "Strahlen" für die Hervorrufer jener Schattenwirkung eine Metapher gewesen sei, eine bildliche Anwendung des Wortes "Strahl", welches, nebenbei bemerkt, wieder nur eine bildliche Anwendung eines älteren "Strahl" war. Strahl bedeutete einst so viel wie "Pfeil" und es war schon metaphorisch, wenn im Althochdeutschen Donnerstrahl (donarstrala) so viel wie Blitzstrahl oder Blitzpfeil hieß; in slavischen Sprachen heißt das Wort noch immer Pfeil und hängt mit dem Worte für schießen zusammen. Aus einer veralteten Optik, welche sich die Lichtquelle gewissermaßen schießend dachte, ist unser scheinbar so verständliches Wort Strahl schon als eine Metapher durch Bedeutungswandel hervorgegangen. Im Grunde denken wir uns unter Strahl eine unbekannte Ursache von Lichtwirkungen. Als nun Professor Röntgen die Ursache der von ihm neu beobachteten Licht- und Schattenwirkung zu den Strahlen rechnete, erweiterte er den Begriff metaphorisch wieder um ein Stück, nämlich: von den unbewußt unbekannten Ursachen von Lichtwirkungen auf die ganz und gar unbekannten. Es erfuhr also der Gattungsbegriff "Strahl" einen Bedeutungswandel, der möglicherweise in den Definitionen künftiger Optiken seinen Ausdruck finden wird.

Nun aber handelte es sich darum, der angenommenen besonderen Art dieses Gattungsbegriffs Strahl auch einen besonderen Namen zu geben. Professor RÖNTGEN schlug den bequemsten Weg ein, In der Mathematik wird mit X die Unbekannte bezeichnet, und so nannte er in seiner ersten Beschreibung die unbekannten Strahlen "X-Strahlen". (Hie und da wurde das seltsame Wort sogar fälschlich als "Zehner-Strahlen" gelesen.) Da wir unter Strahlen nur die unbekannten Ursachen verstehen, so ist für uns der Ausdruck X-Strahlen freilich nur ein X2. Das nebenbei. Die Bezeichnung X-Strahlen war ebenso gut wie eine andere. Die freundlichen Zeitgenossen haben sie jedoch nicht angenommen. Binnen wenigen Monaten führten sie in den Zeitungen das Wort Röntgenstrahlen ein, zu Ehren des Entdeckers, so wie vor hundert Jahren der erste Entdecker gewisser Elektrizitätserscheinungen dem Galvanismus seinen Namen gab, trotzdem er die Erscheinung falsch erklärt hatte, und trotzdem die eine Zeitlang konkurrierende Bezeichnung Voltaismus den besseren Beobachter und Beschreiber geehrt hätte.

Wenn man nun sagt, die Beobachtung der Wirkungen von Röntgenstrahlen sei früher dagewesen als das Wort, so ist das gewissermaßen mechanisch richtig; aber nur die Beobachtung war früher da, nicht der Begriff. Und selbst die Beobachtung, die neue Entdeckung entstand in der Individualseele des Professors Röntgen erst in dem Augenblicke, als er die Lichtwirkung zum ersten Male apperzipierte, das heißt als er die Wirkung als eine Lichtwirkung wahrnahm, das heißt als er sie mit den Wirkungen anderer unbekannten Ursachen, anderer Strahlen in seinem Gedächtnisse verglich. Ich sagte eben: Sprache ist immer nur Erinnerung, kann ohne Bedeutungswandel nie auch nur zur Beschreibung neuer Beobachtungen benützt werden. In diesem Augenblicke der Vergleichung erweiterte sich für Röntgen (was seitdem zu einer Erweiterung des Sprachgebrauchs geworden ist) der Begriff der Strahlen, und ob man diesen erweiterten Begriff X-Strahlen oder Röntgenstrahlen nennt, das ist so individuell und so momentan wie die Frage, ob ich Bicycle oder Rad sage. Wirklich stattgefunden hat nur ein Akt des Gedächtnisses. Die Erinnerung daran ist zugleich eine Bereicherung unseres Denkens und unserer Sprache, einerlei ob die Bereicherung der Sprache durch Bedeutungswandel oder durch eine Neubildung zu stande gekommen ist.

Hier wie an vielen anderen Stellen könnte man mir einwerfen: Daß sagen ja andere auch, selbst MAX MÜLLER. Selbst MAX MÜLLER nimmt ja in hellen Augenblicken einen vollkommenen Parallelismus zwischen Denken und Sprechen an, ein Verhältnis etwa wie zwischen Seele und Leib. Desto besser, wenn andere dasselbe sagen. Nur genügt mir eben der Parallelismus nicht. Das Bild ist grundfalsch. Ich kann "Leib" sagen und ihn vorstellen und von seiner Innenseite völlig abstrahieren. Ich kann mir die Seele oder geistige Vorgänge vorstellen und dabei von der Außenseite, dem Leibe, abstrahieren. Ich kann an Denken denken und vom Sprechen absehen. Niemals aber kann ich mir ein "Sprechen" vorstellen ohne seine Innenseite, das Denken.

Wie beim Zählen ist also auch beim ganz anderen Bedeutungswandel Denken und Sprechen nicht zu trennen. Sprache ist immer Erinnerung. Freilich sollte man weiter nicht eben fragen, ob ein Gedächtnis ohne Gedächtniszeichen möglich sei. Vielmehr: ob eine Erinnerung an die Wirklichkeitseindrücke ohne Zeichen möglich sei. Die Menschen sind geneigt, das Zeichen von der Kraft zu unterscheiden, die es geschaffen hat. Wir wollen nicht zugeben, daß der preisgegebene Nordpolfahrer, der vor seinem Tode auf einer fernen Insel zum Zeichen seiner Anwesenheit Steine übereinander schichtete, identisch sei mit diesem Monument seines Lebens.

Aber die Zeichen der Sprache sind ja ohne äußerliche Hilfsmittel hergestellt; man braucht für diese Zeichen keine Steine. Der Bildner der Sprachlaute ist nicht wie ein Architekt, der Material braucht. Die Sprache des redenden Menschen besteht aus Zeichen, die ein Teil seines Lebens sind, ein Teil seiner Lebensbewegungen. So gehören die Zeichen der Sprache noch inniger zu seinem Ich, als etwa selbst die Gebeine des armen Nordpolfahrers zu ihm selbst gehört haben, die jahr aus, jahrein im Eise der einsamen Insel verborgen liegen, ungesehen und unverändert, und dennoch ein gültigeres Zeichen seiner Anwesenheit als der Steinhaufe, den er errichtet hat.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I,
Zur Sprache und Psychologie, Stuttgart/Berlin 1906