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ALLAN JANIK / STEPHEN TOULMIN
Fritz Mauthner
und die Kritik der Sprache

- I I -

"Es ist unmöglich, den Begriffsinhalt der Worte auf die Dauer festzuhalten; darum ist Weltkenntnis durch Sprache unmöglich. Es ist möglich, den Stimmungsgehalt der Worte festzuhalten; darum ist eine Kunst durch Sprache möglich, eine Wortkunst, die Poesie."

Die Sprache einer Kultur ist Teil ihres operativen Instrumentariums; im besonderen ist sie das kollektive kulturelle Gedächtnis, da sie die sprachlichen Formen der tradierten Gewohnheiten und Verfahrensweisen aufbewahrt. Daher bezieht sich MAUTHNER gelegentlich auf "Sprache" als "gesellschaftliches Sensorium" einer Kultur. Umgekehrt sind allerdings die Gebräuche und Verhaltensformen innerhalb einer Kultur die Quelle der Bedeutungen ihrer Sprache; in diesem Dualismus wird eine der zahlreichen Spannungen in MAUTHNERs Denken deutlich.

Wie die britischen Empiristen wollte MAUTHNER alle "Erkenntnis" in den Sinneseindrücken des Individuums verankern. Zugleich aber behielt er die Perspektive einer kritisch verbesserten  Völkerpsychologie  im Auge, also die Einsicht, daß Sprache ein gesellschaftliches Phänomen ist. Sinneseindrücke als solche können am sozialen Charakter der Sprache nicht teilhaben, während die Sprache als gesellschaftliche "Spielregel" keinen Anteil am privaten Status der Sinneseindrücke haben kann. MAUTHNER, der an seinem Konzept einer sinnlichen Perzeptionsbasis für das Gebäude der Sprache festhielt, löste dieses Dilemma (soweit man hier von echter Lösung sprechen kann), indem er auf den Handlungscharakter der Sprache hinwies: "Sprechen oder Denken ist Handeln."

Sinneseindrücke können in einem einfachen Sinn nicht wirklich Grundlage der Bedeutung sein: wie könnten sonst zwei Menschen jemals wissen, daß sie die "richtige" Benennung für den "richtigen", nämlich bei beiden "gleichen", Sinneseindruck verwendet haben? Wie hätten Menschen überhaupt Sinnesdaten zum Gegenstand einer sprachlichen Übereinkunft machen können? Deutlich war, daß die öffentliche Dimension der Sprache nicht einfach und vollständig auf einen Ursprung in privaten sinnlichen Erfahrungen zurückgeführt werden konnte.

Sah man aber Sprache als Teil der biologischen Ausstattung des Menschen an und damit als ein auf natürliche Weise entstandenes Instrument des Überlebens - eine Perspektive, die durch MACH zur damaligen Zeit attraktiv geworden war -, dann konnte man die Richtung eines Auswegs aus diesen Schwierigkeiten erkennen. Bestand die Primärfunktion der Worte darin, die Überlebenschancen einer durch sprachliche Kommunikation zur Gruppe zusammengeschlossenen Anzahl von Menschen in einer Umweltsituation sichern, in der ein einzelnes Individuum nicht überleben konnte, so spielte es keine praktische Rolle mehr, ob mit dem Gebrauch eines Wortes verschiedene Menschen "die gleiche" Sinnesvorstellung verbanden oder nicht.

Entscheidend war nur, daß alle im wesentlichen wußten, wie zu reagieren war und was von ihnen erwartet wurde, wenn ein bestimmter sprachlicher Ausdruck gebraucht wurde. Worauf es wirklich ankommt, und das heißt: was wirkliche  Bedeutung  vermittelt, ist nicht das innere Bild, das ein Ausdruck oder ein Satz erzeugt, sondern die  Handlung,  die er provoziert oder befiehlt, vor der er warnt oder die er verbietet.

So versuchte MAUTHNER einige seiner Schwierigkeiten zu lösen, indem er die Sprache in ihrer Primärfunktion, nämlich einer Sicherung des Überlebens der Menschengattung, und damit als notwendige Basis des gesellschaftlichen Lebens begriff: nur als "sozialem Phänomen" kam ihr "Wirklichkeit" zu. Zugleich bestritt er als philosophischer Empirist nicht die individuelle Wahrnehmung als Basis für die prinzipiell verschiedenen Vorstellungsbilder, die in verschiedenen Menschen beim Hören desselben Wortes hervorgerufen werden.

Im Gegenteil erklärte MAUTHNERs pragmatische Sprachtheorie aus dieser Perspektive noch ein weiteres Phänomen, das er als zum Wesen der Sprache gehörig ansah: das Phänomen des  Mißverstehens. Gerade als Mittler zwischen den  handelnden  Menschen wird Sprache zur Schranke für den, der  wissen  und den anderen  vollständig verstehen  will. Wie ein Ozean Kontinente zugleich verbindet und trennt, so ist auch die Sprache zugleich Brücke und Schranke zwischen den Menschen.
"Die Sprache ist kein Besitz des Einsamen, weil sie nur zwischen den Menschen ist; aber die Sprache ist auch zwei Menschen nicht gemeinsam, weil auch bloß zwei Menschen niemals das gleiche bei den Worten sich vorstellen."
Nach MAUTHNER ist dies so, weil Sprache notwendig metaphorisch ist. Daher ist sie ihrer eigentlichen Natur nach immer mehrdeutig. Niemand kann absolut sicher sein, den anderen wirklich zu verstehen oder von ihm verstanden zu werden. Zudem befinden sich Worte stets  in statu nascendi.  [im Zustand der Geburt, wp] Nicht nur die Sprache, sondern die ganze Kultur ist ständig im Zustand der Wandlung. Nichts steht still.

In den praktischen Dingen des täglichen Lebens gestattet die unausweichliche Mehrdeutigkeit der Sprache gleichwohl die Möglichkeit, mit hinreichender Klarheit eine pragmatische Einigung über gemeinsame Ziele herzustellen. Aber als Instrument der Welterkenntnis ist die Sprache im strengen Sinn wertlos. Selbst wenn es für die Menschen einen Weg zu einer irgendwie unmittelbaren Objektivität in ihrer Erkenntnis gäbe, wäre als deren Träger und Vermittler die Sprache zu vieldeutig. (MAUTHNER illustriert dies durch eine Analyse der ersten beiden Zeilen von GOETHEs Gedicht  An den Mond  - ganzen nur acht Worte. Die längst nicht erschöpfende Diskussion der möglichen einzelnen Wortbedeutungen und ihrer verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten füllt sieben Seiten.)

Aus dieser der Sprache inhärenten Mehrdeutigkeit folgert MAUTHNER, daß sie allerdings gut geeignet ist, subjektive "Seelen"-Zustände zwischen den Individuen zu vermitteln, also als Träger von Emotionen zu fungieren. Gerade wegen ihres essentiell metaphorischen Charakters ist die Sprache so gut geeignet für die Dichtung wie sie ungeeignet für Wissenschaft und Philosophie ist.
"Es ist unmöglich, den Begriffsinhalt der Worte auf die Dauer festzuhalten; darum ist Weltkenntnis durch Sprache unmöglich. Es ist möglich, den Stimmungsgehalt der Worte festzuhalten; darum ist eine Kunst durch Sprache möglich, eine Wortkunst, die Poesie."
Die metaphorische Natur der Sprache verhindert jede klare Eindeutigkeit und macht jede Art präziser wissenschaftlicher Erkenntnis unmöglich. Auch die Wissenschaft ist bestenfalls Dichtung.
"Die Gesetze der Natur- und Geisteswissenschaften werden dann zu einer sozialen Erscheinung, zu den natürlichen Regeln des Gesellschaftsspiels der menschlichen Welterkenntnis, sie sind die Poetik der fable convenue oder des Wissens."
So schien MAUTHNERs  Kritik  vernichtende Folgen für die Wissenschaft zu haben. Auch die tatsächliche Existenz und der Erfolg der Logik, Mathematik und Naturwissenschaften stand mit MAUTHNERs Erkenntnisskepsis in keinem Widerspruch und störte ihn nicht im geringsten. Durch logische Schlußfolgerungen konnte man nie zu  neuen  Erkenntnissen gelangen, denn "Schlußfolgerungen (sind) nur sprachliche Abänderungen anderer Urteile", die Logik gewährt daher keinerlei Möglichkeit, "durch Schlußfolgerungen im Denken fortzuschreiten", während wirklich neue Sinneserfahrungen (als einzige Erkenntnisgrundlage) immer nur wieder in hoffnungslos metaphorischer Sprache ausgedrückt werden können.

Die Angemessenheit einer sprachlichen Wiedergabe von Sinneseindrücken kann immer nur in sprachlicher, also metaphorischer Form festgestellt werden. Es führt auch im Wissenschaftsfortschritt keine Brücke von der Sprache zur "wahren" Wirklichkeit, immer nur eine von Sprache zu Sprache:
"Selbst der hohe Begriff der Wahrheit (ist) menschliches Gerede, ... sogar der schlichte Ausdruck "mein Sinneseindruck ist richtig" (läuft) auf die bettelarme Tautologie hinaus: "Mein Sinneseindruck ist mein Sinneseindruck."
Die Logikanalysen MAUTHNERs zeigen Gemeinsamkeiten mit den Auffassungen JOHN STUART MILLs. Da seine Thesen auch mit den Ansichten MACHs und des Physikers KIRCHHOFF manche Übereinstimmung zeigten, hatten sie an sich Chancen auf wissenschaftliche Reputation unter seinen Zeitgenossen. Dem großen Echo, das MAUTHNER vor allem bei Schriftstellern und nichtprofessionellen Philosophen hatte, stand freilich das fast vollständige Schweigen einer eisigen Ablehnung in akademischen Kreisen gegenüber (wobei hier ERNST MACH selbst eine bemerkenswerte Ausnahme darstellt).

MAUTHNER qualifizierte wissenschaftliche Hypothesen als prinzipiell nur der Sphäre von - mehr oder weniger guten, d.h. nützlichen - Vermutungen zugehörig, als sozusagen blind erzielte Treffer. Die Grundlage aller Wissenschaft sind besonders scharfsinnige, induktiv gewonnene Feststellungen. Aber die Induktion ist keine echte Schlußform, eine induktive Logik ist für MAUTHNER eine naive Phantasmagorie. "Induktion führt nur zu Worten, nicht zu Beweisen." Die sogenannten Naturgesetze sind nichts anderes als historische Generalisierungen, wobei die "Abstraktion" aus induktiven Erfahrungen keinerlei logische Zwangsläufigkeit besitzt, vielmehr nichts anderes als eben die Induktion selbst ist.

MAUTHNER unternahm bedeutende Anstrengungen, den lediglich historischen Ursprung der Vorstellung aufzuzeigen, daß Naturgesetze "unerbittlich" seien. Der Terminus "Naturgesetz" ist eine bloße Metapher, ein Überrest aus vergangenen Zeiten mythologischer Erklärungen, als die Natur im Bemühen sie zu begreifen, noch personifiziert wurde. MAUTHNER verfolgt die bildhaften Ursprünge des Begriffs bis zu PLATON und ARISTOTELES und vor allem zu LUKRETIUS zurück, wo das Wort "Naturgesetze" - anders als bei den beiden Griechen - schon in seiner technischen Bedeutung verwendet wird.

Im Mittelalter wurde es in die Theologie als "das natürliche Gesetz Gottes" inkorporiert, als die von der göttlichen Vorsehung gesetzte Ordnung des Universums. Mit SPINOZAs  Deus sive Natura,  mit seiner Gleichsetzung von Gott und Natur also, wurde der Begriff säkularisiert, zusammen mit vielen anderen Vorstellungen, die früher ausschließlich zur theologischen Sphäre gehört hatten. Auf diese Weise wanderte der Mythos des "Naturgesetzes" durch die Zeiten bis in die Gegenwart; der Ausdruck entstand als Metapher, wurde später verdinglicht, von den Wissenschaften aufgenommen und zum "leeren Wort, das mit seiner Bildlichkeit und Sinnlichkeit jeden Sinn verloren hat".

Tatsächlich, sagt MAUTHNER, gibt es in der Natur keine zwingenden "Gesetze", sondern nur Zufallsphänomene:
"Was wir also Naturgesetze nennen, ist nichts weiter als unsere Seelenstimmung gegenüber den in uns entstandenen induktiven Begriffen oder Worten."
Die moderne Naturwissenschaft verfiel derselben Art von Mythologisierung wie die Anhänger DARWINs, welche die "Evolution" von einem Erklärungsprinzip, einer "genialen Hypothese", in eine wortabergläubische Metaphysik der Natur verwandelten.

MAUTHNERs Analyse der Logik gleicht, wie gesagt, in vielen Zügen deutlich der von JOHN STUART MILL. Beide verwerfen die Behauptung, daß der Syllogismus unser Wissen erweitern kann. Die einzige "Notwendigkeit" in der Logik ist die der "Identität", die nichts zur Erweiterung unserer Erkenntnis beiträgt: jeder substantielle Syllogismus fällt entweder in die Klasse des  non-sequitur  oder des petitio-principi-Arguments.

Zwischen den drei logischen Grundgesetzen (Identität, Widerspruch und ausgeschlossenes Drittes) besteht kein echter, sondern "nur ein Unterschied der Sprachform". MAUTHNERs Kritik reduzierte die Logik auf die Psychologie des Denkens und damit a fortiori [umso mehr - wp] auf die Psychologie der Sprache. Als solche hat sie keinen Wert für die Suche nach Erkenntnis:
"Ich will sagen, daß unser Glaube an die Logik, unser Glaube, es werde durch logische Operationen unsere Welterkenntnis vermehrt, ein theologischer Glaube sei."
Die Vorstellung, daß es einen "Gegenstand" wie Logik gibt, im Sinne von etwas Universellem und allen Sprachen Immanentem, ist eine weitere unhaltbare Reifikation. Der Glaube an so etwas ist, auch wenn er einen ganzen Bereich unseres Wissens auszumachen scheint, Aberglaube. "Alles Denken ist psychologisch", sagt MAUTHNER, "logisch ist nur das Schema unseres Denkens", aber dieses ist nichts als eine "tote Formel".

Jedenfalls wird das Schema des menschlichen Denkens - und Sprechens, was dasselbe ist - bestimmt durch die jeweilige Kultur, in der ein Mensch lebt, und wirkt seinerseits bestimmend auf sie zurück, da sich beide miteinander und zugleich entwickeln; das logische Schema ist nichts Vorgegebenes, das von "unveränderlichen Denkgesetzen" abgeleitet werden könnte.
"Der gesunde Menschenverstand hätte lernen müssen, daß es von nun an so viele Logiken gebe, wie es Sprachen mit verschiedenem Bau gibt."
Logik wird so zu einer Angelegenheit der Kulturanthropologen, da es keine gemeinsame Struktur, kein allemeines kulturelles Schema gibt, das allen Sprachen zugrunde läge. MAUTHNER gelangt daher schließlich zu einem prinzipiellen Kulturrelativismus. Als Relativist macht er sich lustig über das "Absolute" der Theologen und Metaphysiker:
"Selbst die gewisseste Wahrheit ist nur á peu a prés wahr. Wirkliche Wahrheit ist ein metaphysischer Begriff; zum Wahrheitsbegriff sind die Menschen ohne jede Erfahrung gelangt wie zum Gottesbegriff. In diesem Sinne darf man freilich sagen: Gott ist die Wahrheit."
Tatsächlich hat MAUTHNERs Versuch, die Grenzen der Sprache zu bestimmen, ihn zu der radikal selbstkritischen Einsicht des NICOLAUS CUSANUS von der "docta ignorantia" geführt und zur gelehrten Unwissenheit des ironischen SOKRATES, den das Orakel als den weisesten der Weisen pries, weil er seine eigene Unwissenheit begriffen hatte. Nach MAUTHNER ist die negative Konklusion des Skeptikers das, was der Wahrheit am nächsten kommt.
"Faust ist ein Philosoph, nicht weil er neben Juristerei, Medizin und Theologie, ach! Philosophie durchaus studiert hat, sondern weil er sieht, daß wir nichts wissen können, und weil ihm das schier das Herz verbrennen will."
MAUTHNER meint resignierend, daß die Philosophie sich auf ihre pythagoreischen Ursprünge zurückbesinnen und sich mit der Liebe zur Weisheit und dem Streben danach begnügen müsse, statt den Besitz der Wahrheit zu beanspruchen. Die Konzeption einer radikalen Sprachkritik steht selbst bereits vor der Schwierigkeit, in und mit Worten unternommen werden zu müssen. Sie ist mit diesem Widerspruch geboren und endet im Schweigen, in dem, was MAUTHNER den "Selbstmord" der Sprache genannt hat.
"Das wäre freilich die erlösende Tat, wenn Kritik geübt werden könnte mit dem ruhig verzweifelnden Freitod des Denkens oder Sprechens, wenn Kritik nicht geübt werden müßte mit scheinlebendigen Worten."
Das Ende des Weges durch die Sprachkritik ist MAURICE MAETERLINCKs "heiliges Schweigen": "Sobald wir uns aber wirklich etwas zu sagen haben, sind wir gezwungen zu schweigen." Doch dieses Schweigen ist von einem weit größeren Wert als alles, das sprachlich ausdrückbar ist. Das ist das Ende von MAUTHNERs Weg; mit diesem Glauben nimmt er in der Geistesgeschichte einen Platz neben MEISTER ECKHART und CUSANUS ein. Er teilt deren Vorstellung vom Höchsten, jenes unaussprechliche Gefühl der mystischen Einheit mit dem Universum. Das erhellt den Satz in der Einleitung von MAUTHNERs "Wörterbuch", auf den WITTGENSTEIN nur wenig später im "Tractatus" anspielen sollte. MAUTHNER schreibt, daß es ihn freuen würde,
"wenn ein ganz guter Leser am Ende des Weges sich sagen muß: die skeptische Resignation, die Einsicht in die Unerkennbarkeit der Wirklichkeitswelt, ist keine bloße Negation, ist unser bestes Wissen; die Philosophie ist Erkenntnistheorie, Erkenntnistheorie ist Sprachkritik, Sprachkritik aber ist die Arbeit an dem befreienden Gedanken, daß die Menschen mit den Wörtern ihrer Sprachen und mit den Wörtern ihrer Philosophen niemals über eine bildliche Darstellung der Welt hinausgelangen können."
Immer wieder haben in der Geschichte der Philosophie die Verfechter eines erkenntnistheoretischen Skeptizismus als Reaktion einen erkenntnistheoretischen "Transzendentalismus" hervorgerufen, der die Möglichkeit von Erkenntnis für unbestreitbar hält und statt dessen fragt, wie und unter welchen Voraussetzungen sie möglich ist. MAUTHNERs drei zentrale, miteinander zusammenhängende Behauptungen- daß "die Menschen niemals über eine bildliche Darstellung der Welt hinausgelangen können", daß weder in der Philosophie noch in den Wissenschaften "wahre" Erkenntnis möglich ist, und daß die sogenannten Naturgesetze nicht anderes als abstrakte "soziale Phänomene", oder  fable convenues  sind - diese drei Thesen forderten unmittelbar den Gegenbeweis heraus, daß systematische Erkenntnis in Logik und Naturwissenschaft sehr wohl möglich ist und daß es gerade diese beiden Disziplinen sind, die uns unter bestimmten Voraussetzungen in die Lage versetzen, die reale Welt wirklich zu erfassen.

Und wir werden sehen, wie der junge, vom theoretischen Ingenieur zum Philosophen gewordene LUDWIG WITTGENSTEIN seinen "Tractatus logico-philosophicus" auf die Konzeption einer "bildlichen Darstellung" der Welt gründet, wie sie ihn beschäftigt hatte. Allerdings wird dieser Ausdruck für WITTGENSTEIN eine von MAUTHNERs "metaphorischer Beschreibung" vollständig verschiedene Bedeutung haben: für WITTGENSTEIN wird er sich auf eine "Darstellung" der Welt in der Form eines "mathematischen Modells", eines "logischen Bildes", beziehen.

Um 1900 war die Zeit reif für eine umfassende Kritik der Sprache, in der die vereinzelten Fäden jeweils partikulärer Kritik an tradierten Mitteln des Ausdrucks und der Kommunikation (etwa in Logik und Musik, Dichtung und Architektur, Malerei und Physik) zusammengezogen würden. Solch eine philosophische Kritik mußte ganz offensichtlich über die Grenze spezialisierter Bereiche hinaus den Grundgedanken jener Trennung von Tatsachen und Werten aufnehmen und seine Berechtigung erweisen oder verwerfen.

MAUTHNER hatte den ersten Versuch einer prinzipiellen Sprachkritik unternommen, und in gewisser Hinsicht war das Ergebnis sehr beeindruckend. Die radikale geistige Konsequenz, mit der er die verzweigten Implikationen seiner nominalistischen Prinzipien zu Ende dachte, mußte seine Sprachkritik unweigerlich an die Grenzen der Mystik führen, hinter denen erst die wirklichen Fragen nach dem "Sinn des Lebens" auf Antwort hoffen konnten.

In dieser Hinsicht war MAUTHNERs Denken dem geistigen Kern von SCHOPENHAUERs, KIERKEGAARDs und TOLSTOIs Ethikauffassung durchaus nahe: der Ablehnung jedes intellektuellen Fundaments für die Probleme der Lebensführung und der Moral. MAUTHNERs Sprachkritik bestätigte diese Auffassung freilich um einen hohen Preis: nicht nur Ethik und der "Sinn des Lebens" sind keine möglichen Gegenstände des Verstandeswissens; eine konsequente nominalistische Skepsis mußte schließlich jede Möglichkeit einer Erkenntnis der Welt jenseits bloßer metaphorischer Beschreibung auch für Logik und Naturwissenschaft verwerfen.
LITERATUR - Allan Janik / Stephen Toulmin, Wittgensteins Wien, München/Wien 1984
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