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MARTIN KURZREITER
Mauthners Ideologiekritik

"Weil wir  ICH sagen können, darum glauben wir an uns."

MAUTHNERs Sprachskeptizismus und Erkenntnisrelativismus liegt nicht nur ein spezifischer Ideologiebegriff zugrunde, vielmehr auch eine Umdeutung des populären Verhältnisses von Theorie und Praxis. Die Destruktion einer allgemeinen Logizität des Wirklichen hebt zunächst nicht nur den Geltungsanspruch der traditionellen Metaphysik auf, sondern sie stellt darüber hinaus auch den Wert einzelwissenschaftlicher Erkenntnisse in Frage.
    "Wir können mit Hilfe der Sprache immer nur erfahren, was die Dinge für den Menschens sind, wir besitzen gar keine sprachlichen Mittel, um das zu bezeichnen, was diese Dinge etwa ansich sein mögen."
Eine sich als sprachkritisch verstehende Epistemologie kann daher von dieser Grundposition aus eine Trennung von Theorie und Praxis nicht länger aufrechterhalten. Die Praxis kann nicht länger als bloße Konsequenz der Theorie verstanden werden, vielmehr ist für MAUTHNER der Praxisbezug schon unmittelbar in den Ergebnissen seiner erkenntnistheoretischen Überlegungen verankert.

Insofern Sprachkritik sich in den verschiedensten Bereichen des Wissens erprobt und den erhobenen Anspruch, ein adäquates Bild der Wirklichkeit zu offerieren, negiert, muß sie bereits auf eine praktische Verwirklichung abzielen und auch eine grundlegende Bewußtseinsveränderung bewirken. MAUTHNER konstatiert nämlich:
    "Die meisten Menschen leiden an dieser geistigen Schwäche, zu glauben, weil ein Wort da sei, müsse es auch das Wort für Etwas sein; weil ein Worte da sei, müsse dem Wort etwas Wirkliches entsprechen. Wie wenn jede Verwitterung in einem Steine der Abdruck einer Pflanze sein müßte! Oder wie wenn zufällig von einem Narren hingekritzelte Linien immer ein auflösbares Rätsel sein müßten."
Die Schwierigkeit, MAUTHNERs Position hier zu verdeutlichen, besteht nicht zuletzt darin, daß seine Kritik sich nicht allein nur gegen den gesellschaftlich vermittelten Wortfetischismus richtet, sondern ebenso gegen seine eigene Position als Intellektueller. MAUTHNER schickt daher auch seine Kritik an der persönlichen Befangenheit des Sprachkritikers selbst voraus. Dieser analysiert Sprache nicht wertneutral, vielmehr ist auch er jeweils schon in den sprachlichen Vollzug eingelassen, der sowohl die Auswahl der Themen als auch deren Behandlung mitdeterminiert.

MAUTHNER gibt schon eingangs zu seinem "Wörterbuch der Philosophie" zu:
    "Persönlich ist die Auswahl der Wörter oder Begriffe geworden, deren Geschichte und Kritik ich vorlege."
MAUTHNER will damit nicht sagen, die von ihm miteinbezogenen Kriterien der Selektierung und Katalogisierung der Begriffe soweie seine Grundzüge der sprachkritischen Epistemologie wären ein rein private Angelegenheit. Er will jedoch den Einwand abweisen, seine Position als Sprachkritiker wäre grundsätzlich wertneutral und beziehe die Interessensbedingtheit des Wissens nicht ein. Sein Verweis auf die persönliche Absicht und Ansicht deutet an, daß seine eigene Position als Sprachkritiker ebenfalls hinterfragbar ist und daß der von ihm eingeschlagene Weg nicht zwingend für einen späteren Fortschritt der Sprachkritik ist.

MAUTHNER ist davon überzeugt, daß die Historizität der Worte und Begriffe selbst im Dienste einer praktischen Veränderung stehen muß. Sie schärft die Skepsis des Forschers und verhindert den Rückfall in einen starren Dogmatismus. Gerade die Unterlassung solcher Untersuchungen hat nach MAUTHNER vor allem die Philosophie schwer belastet.

Die Philosophen leisteten ihre Beiträge zur Fundierung der Epistemologie, ohne freilich die Wortbefangenheit ihrer eigenen System erneut zu reflektieren.
    "Sie nahmen das Erbteil ihres Volkes und der Menschheit, die Sprache, einfach  cum beneficio inventarii  (als segensreiche Erfindung) an und bestritten die Kosten ihres Denkens von diesem Erbe, ohne sich viel um die Herkunft und um die Prägung und um die Schönheit der Wortmünzen zu bekümmern. SPINOZA, HUME, KANT waren keine Historiker der Sprache; keine menschliche Geisteskraft ist groß genug, um zugleich die Architektur eines neuen Weltsystems zu schaffen und daneben die Kleinarbeit der Wortkritik zu leisten."
Gerade diese Unterlassung aber führte die Philosophie erst in ihr eigentliches Dilemma. Sie hinterfragte nicht die sprachlichen Konstitutionsbedingungen ihren Wissenschaftlichkeit und lieferte sich dadurch dem Wortaberglauben aus. Vor allem unterließen die Philosophen eine in MAUTHNERs Augen wesentliche Aufgabe. Sie verabsäumten es nämlich, eine epistemologische Grundlage zu schaffen, von der her Begriffe und Scheinbegriffe voneinander getrennt werden konnten.

MAUTHNERs Definition des "Scheinbegriffs" verdient besondere Beachtung. Denn unter der Prämisse, daß die Sprache als Medium einer adäquaten Welterkenntnis völlig ungeeignet ist, stellt sich nun die Frage, inwieweit es überhaupt Richtlinien für die Unterscheidung von brauchbaren Begriffen und Scheinbegriffen geben kann. Zunächst muß eine abgerundete, stichhaltige Definition gefunden werden, da nur von ihrer Basis aus der "Wortaberglauben" bekämpft werden.

In der Tat ist MAUTHNER der Ansicht, daß sich hierfür nur sehr schwer zureichende Kriterien finden lassen. Er wehrt vor allem das Mißverständnis ab, daß die geschichtliche Rekonstruktion ein klare Definition ermöglichen würde, denn
    "die Falschheit kann dem Begriffe von Anfang an angehaftet haben, kann aber auch im Verlaufe der Wortgeschichte entstanden sein, braucht nicht erst von einem wissenschaftlich und kritisch fortgeschrittenen Geschlechte erkannt worden sein; ein Begriff kann tot gewesen sein von Anfang, der Tod kann aber auch nach kürzerem oder längerem Leben des Wortes eingetreten sein, unbemerkt für den Sprachgebrauch".
Die Wortgeschichte kann also keine grundlegenden Gesetzmäßigkeiten vermitteln, die einen brauchbaren Begriff von einem Scheinbegriff trennen könnten. Aber gerade darin besteht für MAUTHNER paradoxerweise ihr eigentlicher Vorteil. Wenn die Grenze zwischen brauchbaren Begriffen und Scheinbegriffen immer nur äußerst schematisch vollzogen werden kann, ist die faktische Geschichte der Worte der durch die Worte kreirten Theorie immer überlegen.

MAUTHNER erläutert diese These an einem Beispiel: Der Begriff  Hexe  und dessen Korrelatbegriff  Teufel  sind heute für die gebildete Welt abgestorben. Nichts desto trotz entwickelten sie in vergangenen Geschichtsperioden eine enorme Breitenwirkung. Die Wortgeschichte aber zeigt nicht die jenen Begriffen inhärente Gesetzmäßigkeit des Bedeutungswandels, denn sie kann vielmehr belegen, daß es eine gesetzmäßige oder gar lineare Abfolge der Bedeutungen niemals gegeben hat und geben wird.

Ein gesetzmäßiger Wandel der Bedeutung ist für MAUTHNER schon deshalb nicht möglich, "weil Begriffe (wie Teufel) für die Wissenschaft und für die gebildeten Kreise schon tot sein können, die in der Sprache weiter Volkskreise, die in der Gemeinsprache noch lustig fortleben". Geläufige Unterscheidungen zwischen toten und lebendigen Begriffen müssen nach MAUTHNER daher verabschiedet werden. Zudem sind Kriterien der Korrektheit bzw. der Falschheit eines Begriffes unsauber, da auch ein "Scheinbegriff" wie eben der Teufel eine kaum zu überschätzende "reale Wirkung" erzielt. Gleichwohl beruht MAUTHNERs Sprachkritik auf der Intention, die fatale Wirkung solcher Scheinbegriffe zu entlarven. Insofern ist MAUTHNER in der schwierigen Lage, doch Kriterien angeben zu müssen, die einen Scheinbegriff jeweils von einem brauchbaren Begriff trennen.

Erinnern wir uns aber, daß MAUTHNER in einer kritischen Analyse der Begriffe  Erscheinung, Vorstellung  und  Ding-ansich  auf die zentrale Bedeutung der menschlichen Sinnesempfindung verwies. MAUTHNER verwahrte sich zwar vor einem Rückfall in die naive Ansicht, daß die Sinnesempfindungen gegenüber bloßen Täuschungen und Vorstellungen uns eine reale Auslegung der Welt ermöglichen. Zwar klafft auch zwischen der Sinnesempfindung und einer an sich bestehenden Wirklichkeit ein Hiatus, dieser aber wird von MAUTHNER selbst wieder als sprachlicher Irrtum nachgewiesen.

Da die Sinnesempfindungen uns die Welt in bestimmter Weise auslegen, sind sie ihrer Unmittelbarkeit wegen die eigentlichen Garanten für die Unterscheidung brauchbarer und scheinbarer Begriffe. Scheinbegriffe sind derart
    "substantivische Begriffe ..., denen in der Wirklichkeit nichts entspricht (um es richtiger auszudrücken), wovon adjektivische Wirkungen nicht ausgehen, denn das ist ja eben die Gefahr der Scheinbegriffe, daß sie von keiner Realisation abstrahiert sind als Vorstellungen und so als Vorstellungen, Motive des Handelns werden können, sehr häufig zu Mord und Totschlag geführt haben (Religionskriege, Hexenverbrennungen) mitunter auch zu erfreulichen und nützlichen Handlungen. Die Zerstörung von Scheinbegriffen, die Aufdeckung ihrer Falschheit ist also nicht nur ein theoretisches Bedürfnis für die menschliche Erkenntnis, sondern in sehr vielen Fällen auch ein praktischer Vorteil, weshalb der Sprachkritiker es sich gefallen lassen muß und mag, zu den Aufklärern gerechnet zu werden".
Sprachkritik kann also keineswegs allein nur auf philosophische Begriffe beschränkt werden und erschöpft sich auch nicht in der skeptischen Durchforstung des naturwissenschaftlichen Begriffsarsenals. Wenn Sprachkritik in sich bereits einen dialektischen Übergang von Theorie und Praxis birgt, greift sie durch ihre Tätigkeit selbst schon ins gesellschaftliche Leben ein. MAUTHNERs Methode erweist sich in dieser Beziehung als universell, weil ihre Vorgangsweise sowohl auf gesellschaftswissenschaftliche aber auch naturwissenschaftliche Methoden und Wissensgebiete ihrerseits angewandt werden kann.

MAUTHNER hat als äußerst unsystematischer Denker kein klar umrissenes, in sich geschlossenes Konzept einer Ideologiekritik entwickelt. Dieser Mangel kann jedoch zu einem beträchtlichen Teil auf die bereits erörterte Ansicht MAUTHNERs zurückgeführt werden, daß eine sprachkritisch orientierte Erkenntnistheorie unmittelbar auch in die Praxis umschlagen muß. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die Diskursebene einer Analyse naturwissenschaftlicher oder philosophischer Scheinbegriffe nicht andere Regeln kennt als diejenige gesellschaftlich und politisch relevanter Scheinbegriffe.

MAUTHNER ist nun der Ansicht, daß die von ihm hypostasierte [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] Trennung von brauchbaren Begriffen und Scheinbegriffen vor allem im praktischen Lebensvollzug sogar die höchste Relevanz besitzt. MAUTHNER bringt dafür ein besonders drastisches Beispiel: Begriffe wie Tugend oder Güte sind zwar in aller Munde, gleichwohl ist ihr Abstraktionsbereich dermaßen hoch, daß sie sich in ausgetrocknete Worthülsen verwandeln.
    "Nehmen wir z.B. die Güte als den Typus menschlicher Tugend, so werden nur wenige Menschen entdecken, welche als Genies der Güte in diesem Sinne tugendhaft sind. Die meisten guten Menschen sind nur gut, weil der Begriff der Güte einmal besteht und weil in ihnen eine Neigung wirkt, sich diese Bezeichnung  gut  wie einen Orden zu erwerben. Sie handeln gut, sie verzichten auf böse Handlungen und üben gute, weil sie gut heißen möchten. In praktischer Beziehung ist zwischen ihnen und natürlich guten Menschen nur ein geringer Unterschied. Lebten sie aber in einem Volke, welches den Begriff der Güte noch nicht ausgebildet hätte, so hätten sie nur wenig oder gar nicht den Antrieb gut zu sein. Die Worte sind also in diesem Falle ein moralförderndes Motiv."
Durch den sprachlichen Vollzug werden nach MAUTHNER Wertschätzungen vermittelt. Die den Worten inhärenten Wertsetzungen werden sodann Richtlinien des Handelns und leisten damit eine Orientierungsfunktion, die MAUTHNER allerdings ausgesprochen problematisch erscheint. Denn entscheidet über die eigentlichen Kriterien eines "guten" bzw. eines "schlechten" Menschen ein als selbstverständlich empfundenes und nicht mehr weiter hinterfragtes Begriffsinventar, so erweist sich das Subjekt als Träger jeglicher Handlung grundsätzlich gefährdet. Insofern handelt ein jeweils durch Scheinbegriffe bereits zurecktgerücktes "Pseudosubjekt".

Solange den Worten ein im Sprachgebrauch nicht weiter hinterfragter Bedeutungsbereich zuerkannt wird, determinieren sie die Handlungen. Aber es herrscht für MAUTHNER kein Grund zur Annahme vor, daß jene durch Worte vermittelten Richtlinien nicht wiederum grundlegenden Änderungen unterzogen werden können. Deshalb gibt es für Mauthner auch keinen Unterschied zwischen naturwissenschaftlichen und ethischen Begriffen oder Gesetzen.
    "Gesetze und Gesetzgeber (wenn wir genau hinsehen, werden wir oft oder immer bemerken, daß es Personifikationen, daß es also aktive Gesetzgeber sind, was wir in den Naturwissenschaften Gesetze nennen) sind für uns so lange wirksam, als wir an sie glauben. Wie wir ein geliebtes Weib so lange für eine Göttin halten, als wir es gläubig lieben, so sind uns diese hohen Worte übernatürlich, metaphysisch, solange wir ihnen unser Denken unterwerfen. Eines Tages werden diese Worte, Gesetze oder Gesetzgeber inhaltslos wie verlassene Liebchen und abgesetzte Könige."
Da nun jene Begriffe einem steten historischen Wandel unterliegen, muß es Instanzen geben, die den Menschen - der Geschichtlichkeit der Wertvorstellungen zum Trotz - deren scheinbare Gleichförmigkeit und Unantastbarkeit vermitteln. MAUTHNER lokalisiert solche Instanzen vor allem im Staats- und Schulwesen. Da jenen Instanzen in MAUTHNERs Augen eine umfassende erzieherische Funktion zukommt, wird der Einzelne von Kindheit an zur Erlernung möglichst vorstellungsarmer Begriffe abgerichtet.
    "Man hat es einmal die furchtbarste Strafe genannt, wenn man Verbrecher im Zuchthaus eine völlig fruchtlose Arbeit verrichten ließ, wie z.B. Wasser aus dem Fluß schöpfen und wieder hineingießen. Die griechische Mythologie hat eine Menge sysiphusSymbole für solche Arbeitsstrafen, z.B. das Danaidenfass. Büßende Anachoreten (Einsiedler) des vierten Jahrhunderts haben sich dieses furchtbare auferlegt, z.B. Wüstensand von einer Stelle zur anderen zu tragen. Der Staat ist jetzt zu ökonomisch, um solche Strafen einzuführen. Aber der Staat legt den Kindern, die er zwangsweise in seine Schulen sperrt und die doch nichts verbrochen haben, dieselbe furchtbare Strafe auf, indem er sie unter Androhung von Prügeln zwingt, in das Danaidenfass ihres Gedächtnisses unverstandene Wörter hineinzugießen."
Je unverstandener und abstrakter diese Worte sind, desto "verzogener" aber auch unmündiger wird der Mensch. Eine grundlegende Änderung dieses Mißstandes kann nur dann bewirkt werden, wenn es auch zu einer umbruchartigen Veränderung des gesamten Erziehungssystems kommt. MAUTHNER ist daher immer leidenschaftlich für eine Schulreform eingetreten. Seine Vorwürfe faßt er häufig im Tonfall scharfer Polemik zusammen:
    "Wir beginnen eher eine Bierrevolution um eines Kreuzers willen als eine Schulrevolution um der Rettung der Kinder willen. Bevor so ein unschuldiges Kind noch gefehlt haben kann, muß es die Namen der jüdischen und römischen Könige auswendig lernen. Das ist nicht zum Lachen. Denn das ist der Beginn der sogenannten Bildung, die Worte kennt ohne Vorstellungen. Ebensogut könnte man die Jugend Münchens das Adreßbuch von Königsberg auswendig lernen lassen, vielleicht mit mehr Vorteil. Bevor ein Kind die Sache ahnen kann, lernt es mit dem sechsten Gebot den Begriff des Ehebruchs kennen. Bevor ein Kind die Unschuld seiner konkreten Vorstellungen verloren hat, wird ihm der Schädel trepaniert und wird ihm z.B. im zweiten Hauptstück des Lutherischen Katechismus gleich ein Dutzend unvorstellbarer Vorstellungen eingegossen... In das arme Kindergehirn werden da jahrelang mit allen Zwangsmitteln sogenannte Begriffe eingehämmert, mit denen die Lehrer der Lehrer unsere berühmten Gelehrten durchaus nichts mehr anzufangen wissen, Begriffe, leere Worthülsen, Schlacken aus einer Gärungszeit, da die Welt ein paar Jahrhunderte lang theologisch delirierte, hieroglyphische Lautzeichen, deren Rätsel nur noch von ein paar Dutzend hieroglyphischen Schächern verstanden werden."
Der Zweck der Bildung kehrt sich für MAUTHNER in sein Gegenteil. Gerade aber diese Umkehrung der eigentlichen Bildungsziele will MAUTHNER als die geheime Intention des Erziehungssystems entlarven. Erziehung forciert damit nicht das größtmögliche Ausmaß an Mündigkeit, sondern degradiert sich selbst zum probaten Allheilmittel einer möglichst weitreichenden Anpassung an das Bestehende. Durch jene falsche, wenngleich mit Absicht eingesetzte Erziehung wird ein eigentliches Mißverstehen der eigenen Sprache möglich. Der in das Erziehungs- und Bildungssystem eingepreßte Mensch hält schließlich die ihm angelernten Begriffe für Faktizitäten.
    "Nicht nur Ausnahmsmenschen, aus der Art geschlagene Menschen, haben das Schicksal, ihre eigene Sprache nicht immer zu verstehen. Auch der einfache Art- und Herdenmensch mißversteht sich selbst - durch die Sprache. Weil wir das Wort  frei  haben, darum halten wir uns für frei. Weil wir  wollen  sagen können, darum glauben wir zu wollen. Ich will, der Stein muß. Weil wir  ich  sagen können, darum glauben wir an uns".
MAUTHNER sieht eine der größten Schwierigkeiten darin, aus jenem System der anerzogenen Unmündigkeit auszubrechen. Denn gerade für den Intellektuellen hat dieses System fatale Konsequenzen. Dem Intellektuellen bleibt nur mehr die Möglichkeit offen, sich selbst und sein Wissen in den Dienst der erzieherischen Instanzen zu stellen. Damit aber stärkt er die Erziehung zur Unmündigkeit und führt damit seine eigene Rolle ad absurdum. Entledigt sich der Intellektuelle jedoch seiner erzieherischen Haltung, so fällt er der gesellschaftlichen Verachtung anheim, die ihrerseits eine aktionshemmende Orientierungslosigkeit bewirkt.
    "Gerade die besseren Gehirne aber halten die sinnleeren Begriffe entweder fest und sind dann für immer künstlich wahnsinnig gemacht, oder sie suchen den fremden Körper los zu werden und müssen die Fieberkrankheit des Zweifels durchmachen."

rückerLITERATUR - Martin Kurzreiter, Sprachkritik als Ideologiekritik bei Fritz Mauthner, Ffm 1993