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ALFRED LIEDE
Fritz Mauthner -
Sprachskepsis und Mystik

- I I -

"An Goethes Verachtung der Worthändler, an dessen Wissen um die Wertlosigkeit von Schillers Sprachklage hat sich seine Sprachkritik entzündet..."

Du tust nach deiner Erkenntnis. Du atmest nicht einmal mehr. Und du bist endlich eines geworden mit der Welt, welche einst Gott genannt worden ist, eins mit dem Bruder Sol, der einst ein Gott genannt worden ist. Schon ist's. Tausend Farben, tausend Töne, Harmonie, Himmlische Heerscharen. Auch die Heiligen, die du für ein Märchen hieltest, fehlen nicht. Sie sammeln sich um dich und flüstern dir stumme Worte zu. An ihren geschwiegenen und schweigenden Worten errätst du, was sie einst hießen im Scheine des Lebens. CAKHIA MUNI, der Buddha, flüstert mit dir, und der FRANZISKUS und GOETHE und der NOVALIS und MEISTER ECKHART und ein Bauer lacht dazu und schreit:
Es kann dir nix g'schehn! Selbst die größt' Marter zählt nimmer, wanns vorbei is! Ob d'jetzt gleich sechs Schuh tief da unterm Rasen liegst, oder obs das vor dir noch viel tausendmal siehst - es kann dir nix g'schehn! Du g'hörst zu dem allín und dös all g'hört zu dir! Es kann dir nix g'schehn!
Hätte er doch nicht so laut geschrien. Seine Menschenstimme legt sich wie ein Alp auf deine Brust. Luft! Du willst nicht, aber du mußt. Nur einen Atemzug. Mörder! Unsinn. Das ist ja das Leben. Nehmen, was man braucht. Leben wollen. Vorüber ist die kurze Stunde heiliger Mystik. Du bist zurückgekehrt zum Scheine des Lebens, zu seinen Motiven, zu seinem Wissen. Armesle.

Wir wissen nicht, wie tief MAUTHNERs eigenes mystisches Erleben gewesen ist. Die zahlreichen Anleihen - am Schluß beim Steinklopferhanns aus ANZENGRUBERs "Kreuzelschreiber - und die Schwächen der Darstellung sprechen zumindest gegen seine schöpferische Gestaltungskraft. Aber der Abschnitt macht klar, wie verzweifelt er einen Ausweg aus seiner Skepsis sucht. Er muß die Mystik aller Zeiten und aller Völker um sich versammeln, um in der Resignation an den Grenzen der Sprache als den Grenzen der Menschheit, in der Einheit der Natur vor den Widersprüchen in der Sprache und durch die Sprache Ruhe zu finden. Noch zweimal hat er sein Erleben zu gestalten versucht. Das eine Mal in der Gedankendichtung "Der letzte Tod des Gautama Buddha", wo er eine höchste gottlose Mystik verkündet. MARIE EBNER von ESCHENBACH hat dieses Buch "schön bis zur Heiligkeit" genannt und damit jenes dumme Wort vom "Nihilisten MAUTHNER" Lügen gestraft, das z.B. die ganze Morgenstern-Literatur durchzieht. Der "Letzte Tod des Gautama Buddha" endet:
Stille und Frieden hatte er gesucht; jetzt war er die Stille und der Friede und wußte es nur nicht mehr.

Das Nichtsein hatte er gepriesen; jetzt war er das Nichtsein und wußte es nur nicht mehr.

All-Einheit hatte er gelehrt, Einheit mit dem All der Tierlein, der Blumen und der Steinbröckchen; jetzt war er die Einheit mit allem und wußte es nicht. Und war die Einheit ganz, weil er es gar nicht wußte.

Ein Wissen war untergegangen, war heimgegangen. Eine Sonne war untergegangen, klar bewußt untergegangen, gern untergegangen, um niemals wieder aufzugehen, niemals wieder. Eine Sonne war heimgegangen.
Wie das ursprüngliche Erschrecken über die Sprache der Keim zu den "Beiträgen war, so wuchs nun aus dem mystischen Erleben das umfangreiche Werk "Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande" ( 1920/23). Damit vollendete MAUTHNER den letzten seiner großen Jugendpläne. Das Werk ist eine Geschichte der Auflösung des persönlichen Gottesbegriffs. "Der große Pan ist tot oder liegt im Sterben; es ist Zeit, seine Geschichte zu schreiben ... Die Geschichte des gewaltigsten Gedankenwesens, das in der Menschheit gewirkt hat. Die Geschichte der Gottesvorstellung oder des Gottes, je nachdem. " Das Ziel wird im Vorwort festgelegt: "Was ich zwischen den Zeilen des niederreißenden Buches aufbauend zu bieten suche, mein Kredo also, ist eine gottlose Mystik, die vielleicht für die Länge des Zweifelsweges entschädigen wird." MEISTER ECKHART gehört wegen seines oft scholastischen Gesichts nicht zu ihren Verkündern; die gelegentlich wörtliche Negation des Gottesbegriffs in inbrünstiger Gottüberlegenheit ist nur Rebellion aus übergroßer Liebe. Auch SPINOZA ist kein gottloser Mystiker? "Der Pantheismus war der letzte geistige und zunächst auch ehrliche Versuch, den alten Gott vor dem Ansturm des neuen Naturwissens zu schützen. Das Wort  Gott  wenigstens zu retten, indem man es hinter der neuen Gottheit versteckte, der Natur. Auch dieser große Pan ist tot." Drei Namen stechen unter denen, die MAUTHNER gottlose Mystiker nennt, besonders hervor: ROUSSEAU, GOETHE und GOTTFRIED KELLER.

Der letzte Teil des Schlußbandes, "Der Friede in gottloser Mystik" überschrieben, ist MAUTHNERs Testament, das er "abschiedsmüde" im Wissen um seinen nahen Tod schreibt. Noch einmal faßt er alles zusammen, was für ihn die gottlose Mystik bedeutet, und bekennt:
Ich flüchte also mich aus der in allen letzten Fragen bankrotten  Wissenschaft  in das eingestandene Nichtwissen, aus dem Reiche der Vernunft in das innere Jenseits des Übervernünftigen, aus dem Markttreiben der Wortwechsler in die Geborgenheit und Verborgenheit der Mystiker ... Und wenn ich diese ... Mystik, diesen meinen mystischen Monismus mit heiterer Selbstsicherheit auch noch gottlos nenne, so muß ich also bekennen, daß ich an dem alten Worte Mystik einen Bedeutungswandel verübt oder doch einen langsam werdenden Bedeutungswandel vollendet habe ... Daß der Begriff Mystik verschlissen worden ist, weniger durch die vernünftigen Angriffe der Aufklärer, als durch den Mißbrauch, den fromme oder schein-heilige Metaphysiker mit den Geheimnissen ihrer Inspiration und Intuition getrieben haben, kann mich am wenigsten kümmern. Kein Begriff ist vor Mißbrauch sicher, auch nicht der des Unbegreiflichen. Und ganz mein eigen ist immer nur das Unbegreifliche, das sprachlos Unbegriffliche.
Etwas von diesem Unbegreiflichen glaubt MAUTHNER über alle Zeiten und Sprachen hinweg im Tao des LAO TSE zu finden. Sein letztes Wort jedoch ist Entsagung:
Die Vorstellung eines bleibenden Ich ist nicht mehr zu retten, wie die Vorstellung eines seienden Gottes nicht mehr zu retten ist. Die agnostische Mystik, zu welcher ich hinführe und die beileibe nichts zu schaffen hat mit irgendeiner Kirche oder sonstigen Zaubermagie, die Mystik, oder das Bekenntnis zu einer Mythologie aller Wissenschaft, ist ganz sicher gottlos, des Gottes ledig. Wie das Denken und das Wollen dieser Jahre ichlos geworden ist, ledig des Ichwahns. Und doch habe ich, bevor ich scheide, den Gegnern bloßer Negation, wenn sie nur nicht zu einer Kirche zurückstreben, eine Möglichkeit zu bieten, eine biologische Möglichkeit, in dieser kalten und dünnen Höhenluft zu atmen. Das Ich, der Wille, das Denken, die Seele sind nicht, gewiß nicht. Sie sind nicht einmal mehr notwendige Fiktionen für eine Psychologie der Zukunft. Sie sind aber, was ich einmal normale Täuschungen genannt habe; gesunde Lebenslügen, unvermeidliche, nur mit dem Leben selbst auszulöschende Illusionen. Ich glaube fast - und ich fürchte es nicht -, auch der Gottesbegriff, von dem Unrat der Theologen gereinigt, ist so eine normale Täuschung, eine gesunde Lebenslüge, eine unvermeidliche, lebenslange Illusion.

Nun hüte sich der Leser, dem ich in dieser Stunde den ichlosen, den traumlosen Schlaft wünsche - auch wenn er wach ist -, davor, in diese Lebensillusion etwas anderes, etwas  Positiveres  hineinzudenken, als ich im Sinne habe. Illusion ist niemals Wirklichkeit. Der handelnde Mensch mag eine Illusion als eine Fiktion benützen  (als ob es Götter gebe),  der dichtende Mensch mag eine Illusion zu gestalten suchen (als sein  Ideal),  beide dürfen an ihre Illusionen nicht glauben, dürfen nicht Ja zu ihnen sagen. Sprachkritik war mein erstes und ist mein letztes Wort. Nach rückwärts blickend ist die Sprachkritik alles zermalmende Skepsis, nach vorwärts blickend, mit Illusionen spielend, ist sie eine Sehnsucht nach Einheit, ist sie Mystik. EPIMETHEUS oder PROMETHEUS, immer gottlos, in Frieden entsagend.
An GOETHEs Verachtung der Worthändler, an dessen Wissen um die Wertlosigkeit von SCHILLERs Sprachklage hat sich seine Sprachkritik entzündet, und mit ihm weiß er sich nun in den letzten Konsequenzen einig: "Tun ohne Reden muß jetzt die Losung sein." "Die Entsagenden" heißen Wilhelm Meisters Wanderjahre, aus denen dieser Satz stammt, im Untertitel. Entsagung, Resignation aber ist griechisch  Aphasie,  was auch Verzicht auf das Wort bedeutet.
"Überall wo echte Kunst waltet - vielleicht selbst wieder ein unerreichbares Ideal, dem die Größten sich nur annähern können -. begreift ein Genie die eine Welt ohne Begriffe, ohne Sprache."
MAUTHNERs Sprachkritik wird von den Dichtern - mit Ausnahme MORGENSTERNs - kaum erwähnt, auch wo sie ihnen sicher bekannt war, wohl deshalb, weil sie die Seele der Dichtung bedrohte. MAUTHNER selbst lag dieser Gedanke fern. In einer knappsten Formulierung seiner Kritik schreibt er:
"In der Wissenschaft verrät die Sprache ihre Ohnmacht; in der Poesie zeigt sie die Macht ihrer Schönheit; in der Religion tyrannisiert uns die Macht der Sprache in der nichtswürdigsten Form als Macht des toten Worts, des Totenworts."
Wenn die Sprache eine Welt von Metaphern ist, dann ist sie auch das geeignetste Werkzeug für eine Wortkunst, "weil die Bilder des Dichters nicht die Wirklichkeit wiedergeben, sondern nur des Dichters Stimmungen gegenüber der Wirklichkeit".
"Die menschliche Sprache ist zwar ein elendes Werkzeug für die Erkenntnis, aber ein vorzügliches Werkzeug für die Poesie, die Worte der menschlichen Sprache taugen gerade durch das Verschweben und Verschwimmen ihrer Bedeutungen besser als jedes andere Kunstmittel zur Darstellung von Stimmungen."
MAUTHNERs Sprachkritik will nicht die Dichtung treffen, sondern im Gegenteil alle Sprache in Dichtung auflösen. Diese ist jedoch nur schöner Schein und vermittelt keine Erkenntnis. Ihm genügte das offenbar; doch kein wirklicher Dichter kann sich damit zufrieden geben - mit Ausnahme von HOFMANNSTHAL. Denn dessen Brief des Lord Philipp Chandos an FRANCIS BACON, "um sich bei diesem Freunde wegen seines gänzlichen Verzichts auf literarische Betätigung zu entschuldigen", ist im Erscheinungsjahr der "Beiträge" entstanden und könnte unter dem Eindruck von deren Lektüre geschrieben sein. Da er aber für das spätere Schaffen HOFMANNSTHALs ohne Folgen blieb, muß sich der Dichter mit einer Dichtung des schönen Scheins resignierend abgefunden haben.

Aber das Gefühl, das MAUTHNER in den Satz faßt: "Wie diese Worte heimlich lachen", hat andern Dichtern die Sprache unheimlich gemacht. Die Worte lachen über die Mißverständnisse, die sie hervorrufen; sie lachen aber auch, weil sie, lachend geboren, ernst genommen werden. Denn unsere Sprache ist eine Sprache der Metaphern, und jede Metapher ist witzig:
"Die gegenwärtig gesprochene Sprache eines Volkes ist die Summe von Millionen Witzen, ist die Pointensammlung von Millionen Anekdoten, deren Geschichte verloren gegangen ist."
Die Sprache ist ohne versteckte Katachresen unmöglich, da jedes Wort in jeder seiner Bedeutungen auf andere bildliche Vorstellungen zurückgeht und schon bei der alltäglichsten Zusammenstellung zweier Wörter eine Vermischung zweier unzusammenhängender Bilder entsteht:
Ich darf vor der äußersten Konsequenz des Gedankens nicht zurückschrecken. Ich bin mir bewußt, sprachliche Anarchie auszudenken, wenn ich sage: ist man imstande, sich für eine Minute vom Zwange des üblichen Bildergebrauchs zu befreien, so hat man es vollständig in seiner Gewalt, ob man eine Katachrese, ein Wippchen ernst nehmen will. Denn Sprachgesetze sind wie andere Gesetze nur Bräuche; und wir brauchen nur unhistorisch das heißt anarchisch zu empfinden, um uns der Pietät auch dieses Brauches zu entziehen. Es gibt kein noch so tolles Wippchen, das nicht von der Sprachanarchie hübsch gefunden werden könnte... Ich werde das übermütige Gefühl nicht los, daß in der Sprache wie im Leben, häufiger als man glaubt, etwas Gesetz, Mode oder Brauch geworden ist, weil es bei seinem ersten Auftreten durch ungeheure Komik imstande war, sich dem Gedächtnisse einzuprägen.
Schon an diesem Zitat wird klar, daß MORGENSTERN MAUTHNERs "Leitgedanken weitergeführt" hat. Da das Wort keine Erkenntnis geben kann und zudem heimlich über uns lacht, ist der Weg für jede erdenkliche Freiheit ihm gegenüber offen. Alles Spiel mit der Sprache ist erlaubt. In MORGENSTERNs Werk verdichtet sich jene Konsequenz aus MAUTHNERs Sprachkritik, die GUSTAV LANDAUER in seinem Büchlein der Verehrung "Skepsis und Mystik. Versuch im Anschluß an FRITZ MAUTHNERs Sprachkritik" (1903) zieht:
Der Mann, den die Sprachkritik, wie sie von FRITZ MAUTHNER begründet ist, gefesselt und befreit hat, weiß, daß er träumt, wenn er versucht, die Welt zu einem Bilde zu gestalten ... Aber doch! was wäre die große Tat wert, die alles Absolute getötet hat und jede Wahrheit vernichtet - wenn dieser Nihilismus und diese Ironie nicht der Weg wäre zum Spiele des Lebens, zur Heiterkeit und zur ungeglaubten Illusion? Illusion - eine geglaubte Idee, ein heiliges Ziel - das war bisher der Bann der Völker, der alle Kultur geschaffen hat. Da nun dieser Bann von uns genommen ist - da wir keine Religiosi mehr sind - wollen wir nicht Träumer sein? Fliegende? Künstler? Freie? ... Hinter MAUTHNERs Sprachkritik öffnet sich das Tor zu neuer Kunst und zum Spiel des Lebens, das nicht mehr ernsthaft genommen wird und das deshalb gerade großen Kämpfen, großen Wagnissen, unerhörtem Frevel, wunderbarer Schönheit geweiht sein wird.
Noch wichtiger ist für die Unsinnspoesien des zwanzigsten Jahrhunderts MAUTHNERs Verkündigung des Selbstmords der Sprache. Er begründet 1901 das Gefühl von der Häßlichkeit der abgegriffenen Sprache, das alle unsinnspoetischen Strömungen des zwanzigsten Jahrhunderts miteinander verbindet:
Man hat unsere Zeit oft und richtig mit dem verfallenden Altertum verglichen. Wie die Gesellschaft der römischen Kaiserzeit keine geschlossene Weltanschauung mehr hatte, weil ihr alle möglichen Anschauungen zu bunter Auswahl gefällig vorlagen, So glaubt auch heute eigentlich keiner mehr an etwas. Religionen und Philosophien werden nebeneinander in Jahrmarktbuden ausgeschrieen, so wie in den Möbelhandlungen die Stoffe und Formen aller Zeitstile und Stilrevolutionen nebeneinander zu haben sind. Und wie damals die Männer, die aus der Jesuslegende das Christentum schufen, zu groß oder zu klein, um für sich selbst aus der Welt zu gehen, der Weltsehnsucht nach dem Tode Worte liehen, wie der Selbstmord der Weltfreude anfing, die Gedanken der damals Modernen zu beherrschen, so äußert sich die Verrottung unserer Gesellschaft in den Predigten aller unserer Dichter und Denker seit mehr als hundert Jahren. Wer modern ist, sehnt sich nach dem Ende, und wer modern scheinen will, spricht vom Ende.

Kaum aber ist bisher beachtet worden, daß der faulige Zustand der Weltanschauung sich zumeist und für helle Ohren am deutlichsten in der Sprache verrät. Das Latein der Kaiserzeit war eine todkranke Sprache, bevor es eine tote Sprache wurde. Und unsere Kultursprachen von heute sind zerfressen bis auf die Knochen. Nur bei den Ungebildeten, beim Pöbel, gibt es noch gesunde Muskeln und eine gesunde Sprache. Die Sprache der Bildung hat sich metaphorisch entwickelt und mußte kindisch werden, als man den Sinn der Metaphern vergessen hatte. Wie die römische Dame in ihrem Boudoir Fetische oder Götter aller Zeiten und Völker beisammen hatte, und darum in der Not nicht wußte, zu welchem beten, so hat der Dichter und der Denker unserer Zeit alle Wortfetische zweier Jahrtausende in seinem Gehirn beisammen und kann kein Urteil mehr fällen, kann kein Gefühl mehr ausdrücken, ohne daß die Worte wie ein gespenstischer Verwandlungskünstler auf dem Drahtseil ein Maskenkostüm nach dem andern abstreifen und ihn auslachen und unter den Kleidern durch das Rasseln ihrer Knochen verraten, daß sie halbverweste Gerippe sind.

In bunten Farben schimmern unsere Sprachen und scheinen reich geworden. Es ist der falsche Metallglanz der Fäulnis. Die Kultursprachen sind heruntergekommen wie Knochen von Märtyrern, aus denen man Würfel verfertigt hat zum Spielen. Kinder und Dichter, Salondamen und Philosophieprofessoren spielen mit den Sprachen, die wie alte Dirnen unfähig geworden sind zur Lust wie zum Widerstand. Alt und kindisch sind die Kultursprachen geworden, ihre Worte ein Murmelspiel.

Abseits von der Sprache steigert sich der wollüstige Komfort bis zum Blödsinn und glaubt darum an einen Höhepunkt der Menschheit. In der Sprache verrät sich ihr tiefer Stand. Und zum ersten Mal, seitdem Menschen sprechen gelernt haben, wäre es gut. wenn die Sprachen der Gesellschaft vorangingen mit ihrem Schuldbekenntnis, mit dem Eingeständnis ihrer Selbstmordsehnsucht. Um sich zu verständigen, haben die Menschen sprechen gelernt. Die Kultursprachen haben die Fähigkeit verloren, den Menschen über das Gröbste hinaus zur Verständigung zu dienen. Es wäre Zeit, wieder schweigen zu lernen.

LITERATUR - Alfred Liede, Dichtung als Spiel - Studien zur Unsinnspoesie an den Grenzen der Sprache, Berlin / New York 1992