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FRITZ MAUTHNER
Mißverstehen durch Sprache
I -04

"Für die Praxis genügt die menschliche Sprache, wahrscheinlich darum, weil es jedem einzelnen nur um sich selbst zu tun ist."

Unser Nachdenken über das Wesen der Sprache hat uns zu dem ersten scheinbaren Widerspruche geführt: die Sprache (mag man nun an das Abstraktum oder an die Einzelsprachen, ja mag man selbst an Individualsprachen denken) ist nichts Wirkliches und dennoch kann sie etwas Wirksames sein, eine Waffe, eine Macht. Wir werden auf die Sprache als wirksame Ursache anderer Erscheinungen bald zurückkommen. Jetzt hält uns der Gedanke auf, daß Widersprüche im Denken, das heißt im logischen Gebrauche der Sprache, möglich sind. Er wird uns in seiner vollen Grausamkeit erst in der Kritik der Logik aufgehen. Hier, am Anfang, wollen wir noch nicht die Notwendigkeit des Irrens behaupten, wollen wir nur davon reden, daß die sprechenden Menschen einander und sich selbst mißverstehen.

Zu den Gründen, weshalb die Menschen einander nicht verstehen können, gehört zunächst das allmähliche Wachsen der Worte, also die Geschichte jeder Sprache.

Und zwar werden die Worte, aller Logik entgegen, gleichzeitig nach ihrem Inhalt und nach ihrem Umfang reicher. Man vergleiche, was ein Kind oder ein Bauer unter "Stern" begreift, und was ein Astronom. So wenig nun die Kontinuität, die Erinnerung, die Persönlichkeit dadurch abgerissen ist, daß aus dem Säugling von 10 Pfund eine Amme von 200 Pfund geworden ist, so wenig hat jemals eine Unterbrechung stattgefunden im Leben des Worts. Und da das Wort von einem Menschen auf den anderen übergeht, so kann man wohl sagen, daß unsere Worte ein Wachstum von ungezählten Jahrtausenden hinter sich haben. Wie der Weinstock, der heute in der Forster Gemarkung Früchte trägt, im Grunde derselbe ist, der in Urzeiten etwa in Persien wuchs, dann auf Umwegen über wer weiß welche Kulturländer als ein Steckling nach Italien kam, von dort durch die Laune eines Kaisers an den Rhein, und von da wieder an die HARDT, wie also das, was man nicht benennen kann, was aber das Leben dieses Weinstocks ausmacht, unsterblich seit Jahrtausenden weiter treibt: so jedes Wort, das wir gebrauchen. Aber wie nur einzelne dieser Weinstöcke etwa persönlich 100 Jahre alt werden, wie der uralte persische Weinstock in jedem Individuum der Forster Gemarkung neu zu treiben beginnen muß, so wächst das Wort in den Jahrtausenden ruhig weiter, während es doch in jedem einzelnen Menschenindividuum neu zu keimen beginnen muß.

So wie aber nun an den unzähligen Weinstöcken der gleichen Art mit ihren tausendmal unzähligen Blättern und Beeren nicht zwei gleiche Blätter oder zwei gleiche Beeren sind, so hat das einzelne Wort, das in Millionen von Volksgenossen millionenmal keimen mußte, nicht bei zweien genau den gleichen Inhalt, den gleichen Umfang, den gleichen Wert.

Bei den Blättern achtet man nicht darauf, wenn sie nur im Winde rauschen. Und auch bei den Beeren kommt es für die Praxis nicht darauf an, wenn sie nur unter der Kelter ein Gemengsel geben, das sich trinken läßt. Für die Praxis genügt auch die menschliche Sprache, wahrscheinlich darum, weil es jedem einzelnen nur um sich selbst zu tun ist. Nur die Narren, die verstehen und verstanden werden wollen, ein finden die Unzulänglichkeit der Sprache.

Mit ihren alten und jungen Worten stehen die Menschen einander gegenüber. Wie törichte Greise und törichte Jünglinge. Kein Mensch kennt den anderen. Geschwister, Eltern und Kinder kennen einander nicht. Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen voneinander bei den einfachsten Begriffen nicht, ob wir bei einem gleichen Worte die gleiche Vorstellung haben. Wenn ich grün sage, meint der Hörer vielleicht blaugrün oder gelbgrün oder gar rot. Leise Unterschiede sind zwischen dem C des einen Musikers und dem C des anderen, Moschusgeruch erzeugt gewiß grundverschiedene Empfindungen bei dem gleichen Worte. Wenn ich Baum sage, so stelle ich mir - ich persönlich - so ungefähr etwas wie eine zwanzigjährige Linde vor, der Hörer vielleicht eine Tanne oder eine mehrhundertjährige Eiche. Und das sind die einfachsten Begriffe.

Worte für innere Seelenvorgänge sind natürlich von den vielen Werten oder Begriffen ihres Inhalts abhängig und darum bei zwei Menschen niemals gleich, sobald auch mir ein einziger der Inhaltswerte, ungleich vorgestellt wird. Je vergeistigter das Wort, desto sicherer erweckt es bei verschiedenen Menschen verschiedene Vorstellungen. Daher auch so vielfach Streit unter sonst vernünftigen und ruhigen Menschen. Leute mit verschiedenen Sprachen müssen eben streiten, wenn sie so dumm sind, miteinander sprechen zu wollen. Das abstrakteste Wort ist das vieldeutigste. Wollte man - nicht etwa alle Menschen - sondern nur alle von einer Konfession zwingen, von sich zu geben, was sie sich z.B. unter ihrem Gott vorstellen, es würden die wahnsinnigsten Phantastereien aller Völker und Zeiten zu Tage treten. Und doch ist das ein Wort, worüber sie alle einig zu sein glauben. Mut, Liebe, Wissen, Freiheit sind ebenso zerfahrene Worte. Durch die Sprache haben es sich die Menschen für immer unmöglich gemacht. einander kennen zu lernen.

Ich leugne nicht die Nützlichkeit in Anbetracht der armseligen Menschennatur nicht die Notwendigkeit des Staates. Der einzelne ist so sehr eigener, so sehr Individualist, daß der Staat sein muß und ein bißchen konservativ sein muß. Und in der gemeinen Wirklichkeitswelt schadet es gar nicht so viel, wenn absterbende Institutionen, wenn halb verbrauchte Maschinen noch eine Zeitlang weiter arbeiten. Unerträglich ist es aber, wenn der Staat auf dem Gebiete des Denkens, das ihn nichts angeht, konservieren will, wenn er alternde Begriffe künstlich am Leben erhalten will. Da sollte man wirklich stoßen, was fällt. Und die Bildung, die in unseren staatlichen Gelehrtenschulen, in unseren "Konservatorien" mitgeteilt wird, ist ein ewiges Bemühen, alternde Begriffe zu retten.

Man hat es einmal die furchtbarste Strafe genannt, wenn man Verbrecher im Zuchthaus eine völlig fruchtlose Arbeit verrichten ließ, wie z. B. Wasser aus dem Fluß schöpfen und wieder hineingießen. Die griechische Mythologie hat eine Menge Symbole für solche Arbeitsstrafen, z.B. das Danaidenfaß. Büßende Anachoreten des vierten Jahrhunderts haben sich dieses Furchtbare auferlegt, z.B. Wüstensand von einer Stelle zur anderen zu tragen. Der Staat ist jetzt zu ökonomisch, um solche Strafen einzuführen.

Aber der Staat legt den Kindern, die er zwangsweise in seine Schulen sperrt, und die doch nichts verbrochen haben, dieselbe furchtbare Strafe auf, indem er sie unter Androhung von Prügeln zwingt, in das Danaidenfaß ihres Gedächtnisses unverstandene Worte hineinzugießen. Es ist wahr, auch ohne Schulzwang würde dem Kinde von seinen Eltern allerlei Gespensterkram "und solches Teufelszeug" in den Kopf gesetzt werden. Man denke sich einmal alle Schulen fort; der Bauer würde dann seinem Söhnchen blödsinnige Wetterregeln, eine unhaltbare Zoologie und Botanik beibringen, und die Bäuerin hübsche Legenden von BISMARCK, den Heiligen und dem Werwolf. Der Junge hätte sonach viele falsche Begriffe in seinem Schädel - aber doch nur so viele, als sich mit dem Umfang des Schädels und mit dem Inhalt seiner Lebensarbeit vertragen, sogar gut vertragen. Der Staat jedoch hat es in seinem Wesen, daß er geistig herunter bringt, was er anfaßt. Er nimmt den Wetterregeln den Reiz des Reims und den Legenden ihren Märchenzauber. Er trocknet die Wetterregeln nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft ein und läßt seine Priester die schönen Märchen zum Katechismus verknöchern. Wir haben kein Mitleid mit unseren Kindern, sonst hätte ihre geistige Not uns längst alle zu einer Schulrevolution treiben müssen. Wir sind feiger als die Väter, die ihre Kinder dem Moloch opfern ließen; die glaubten vielleicht an eine Pflicht dabei.

Wir aber lassen unsere Kinder martern, mit der feinen Waffe des Wortes martern, gegen unsere Überzeugung, gegen unser Wissen. Wir beginnen eher eine Bierrevolution, um eines Kreuzers willen, als eine Schulrevolution, um der Rettung der Kinder willen. Bevor so ein unschuldiges Kind noch gefehlt haben kann, muß es die Namen der jüdischen und der römischen Könige auswendig lernen. Das ist nicht zum Lachen. Denn das ist der Beginn der sogenannten Bildung, die Worte kennt ohne Vorstellungen. Ebensogut könnte man die Jugend Münchens das Adreßbuch von Königsberg auswendig lernen lassen, vielleicht mit mehr Vorteil. Bevor ein Kind die Sache ahnen kann, lernt es mit dem sechsten Gebot den Begriff des Ehebruchs.

Bevor ein Kind die Unschuld seiner konkreten Vorstellungen verloren hat, wird ihm der Schädel trepaniert und wird ihm z.B. im zweiten Hauptstück des lutherischen Katechismus gleich ein Dutzend unvorstellbarer Vorstellungen eingegossen: die Allmacht, das Eingeborensein, die Empfängnis vom heiligen Geist, die Niederfahrt zur Hölle, die Auferstehung von den Toten, das Sitzen zur Rechten Gottes, das Gericht über die Toten, der heilige Geist, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben. In das arme Kindergehirn werden da jahrelang mit allen Zwangsmitteln sogenannte Begriffe eingehämmert, mit denen die Lehrer der Lehrer, unsere berühmten Gelehrten, durchaus nichts mehr anzufangen wissen, Begriffe, leere Worthülsen, Schlacken aus einer Gärungszeit, da die Welt ein paar Jahrhunderte lang theologisch delirierte, hieroglyphische Lautzeichen, deren Rätsel nur noch von ein paar Dutzend hieroglyphischen Schächern verstanden werden. Die Kinder von Artisten, denen die Gelenke zerrissen werden für ein Zirkuskunststück, werden für eine Form des Daseinskampfes abgerichtet; allen unseren Kindern wird in der Schule das Hirn zerrissen für nichts, für den Molochdienst toter Wortsymbole.

Es gibt unter den menschlichen Gehirnen viele richtige Danaidenfäuer, wo die unvorstellbaren Vorstellungen nur bis zum Examen haften bleiben und dann durchrinnen, wie durch ein Sieb. Bei diesen ist der Schaden nur Zeitverlust und etwas erhöhte Dummheit. Gerade die besseren Gehirne aber halten die sinnleeren Begriffe entweder fest und sind dann für immer künstlich wahnsinnig gemacht, oder sie suchen den fremden Körper los zu werden und müssen dazu die Fieberkrankheit des Zweifels durchmachen. Und um den armen Kindern diese furchtbare Marter aufzulegen, vereinigen sich die Eltern mit dem Staat. Der Staat legt dem Lehrer Stock und Zensuren in die Hand, und wenn das Kind noch so frisch ist, daß es sich wehrt gegen die römischen Könige und gegen den Katechismus, dann wird es zu Hause mit Schlägen und Fasten so lange gequält, bis es sich beugt. Diese grauenhafte Veranstaltung nennen Leute, die sonst für die Inquisition starke Ausdrücke übrig haben, eine Grundlage unserer Kultur. Wahrlich, den beneide ich nicht, der solchen Dingen gegenüber, hat er sie erst erkannt, seine Ruhe gelassen behaupten kann.

Nachträglich lehrt aber ruhigste Durcharbeitung, daß da die Menschen, die sich zum Staate und seinen Aufgaben vereinigt haben auf Grund gemeinsamer Sprache, einander nicht verstehen, nicht einmal in den obersten Zielen dieses Staates. Nirgends sind die Mißverständnisse so schreiend als in Moral, in Politik, im Rechtsleben, in Kulturfragen alle diese Worte heimlich lachen!

Auch den schärfsten Denkern ist von ihren Kritikern mitunter nachgewiesen worden, daß sie sich da und dort selbst mißverstanden haben. Dies wäre doch ganz unmöglich, sind solche Ansichten oben nur Worte, und auf die Dauer wird die Fülle des menschlichen Denkens oder Gedächtnisses von Worten so wenig vermehrt oder vermindert, als das Meer durch den stärkeren Lufthauch, den Sturm, der dahin und dorthin darüber bläst.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I,
Zur Sprache und Psychologie, Stuttgart/Berlin 1906