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FRITZ MAUTHNER
Der Atheismus
und seine Geschichte im Abendlande
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"Plutarch  verstand unter Atheismus eine ruhige, persönliche, unangreifbare und friedliche Weltanschauung.  Bayle  verstand unter dem gleichen Worte eine gefährliche, rebellische, die öffentliche Meinung bekämpfende Überzeugung."

"Es ist zum Schreien, wenn die Zeugen der biblischen Wunder mit Psychologie und Erkenntnistheorie vorgehen und sich dann plötzlich wie auf der Kanzel eines Bibelverses als eines Beweises bedienen. Die Naturgesetze seien, was zu leugnen ich der letzte wäre, nur menschliche Formeln; der Mensch benütze diese Gesetze für seine Zwecke. Nun aber wird der Kopfsprung gemacht und behauptet: noch freier als der Mensch stehe Gott den Naturgesetzen gegenüber; er sei der Gesetzgeber, könne seine Gesetze wieder aufheben, könne aber vor allem die Gesetze, die er besser versteht als irgendein Mensch, zu neuen und überraschenden Erscheinungen verwenden."

"In der theologischen Geschichtsschreibung herrscht Streit darüber,  wann  die Wunderkraft in der christlichen Kirche nachgelassen oder aufgehört hat; daß keine Wunder mehr geschehen, wird allgemein anerkannt, wenn man nur von neueren Hintertreppen-Heiligen der katholischen Kirche absehen will. Die neuesten Wunder (Lourdes usw.) können neben den natürlichen Wundern der durch und durch naturwissenschaftlichen Gegenwart nur noch auf eine tiefe Unterschicht des Volkes Eindruck machen; die übrige Welt schreit Betrug oder geht mit einem Achselzucken weiter ihres gottlosen Weges."


Einleitung

I. Geschichte Gottes

Der große Pan ist tot oder liegt im Sterben; es ist Zeit, seine Geschichte zu schreiben. So lange noch Zeugen seiner lebendigen Herrschaft da sind. Die Geschichte des gewaltigsten Gedankenwesens, das in der Menschheit gewirkt hat. Die Geschichte der Gottesvorstellung oder des Gottes, je nachdem.

Es gibt ein gutes Buch über das Emporkommen und den Niedergang des Teufelswahns, und dieses Buch ist überschrieben "Geschichte des Teufels"; in gleicher Weise hätte ich meine Untersuchung eine "Geschichte des Gottes" nennen können, obgleich ich mich auf den zweiten Teil der Aufgabe beschränkt habe, auf den abendländischen Freiheitskampf gegen die Gottesfurcht, und den ersten Teil, die Darstellung des Emporkommens der Gottesbegriffe, gern der vergleichenden Religionswissenschaft überlasse.

Der Titel "Geschichte des Gottes" wäre aber nicht nur zu weit gewesen, sondern auch für mein Sprachgefühl noch ungenauer als der stillschweigend geduldete Buchtitel "Geschichte des Teufels". Auch da wäre es gewiß sorgfältiger gewesen, "Geschichte des Teufelswahns" zu sagen oder so ähnlich, denn ein Wahn kann als eine seelische Tatsache eine Geschichte haben, nicht aber der unwirkliche Gegenstand des Wahns. So kann man - genau genommen - auch nur eine Geschichte der Hexenprozesse oder des Hexenwahns schreiben, nicht aber eine Geschichte der Hexen, der niemals wirklichen Zauberweiber. Immerhin ist in den Kreisen der bücherlesenden Menschen der alte Teufelswahn so völlig abgestorben, daß der Titel "Geschichte des Teufels" allgemein richtig verstanden wird als eine nicht ganz genaue Bezeichnung für die Entwicklung und den Tod des Glaubens an ein Fabelwesen; als ob jemand mit behaglicher Ironie eine Geschichte des ZEUS oder der CHIMÄRA ankündigen wollte.

Etwas anders steht es doch um die Gottesvorstellung. So stetig sich auch die Gebildeten in den Kulturvölkern Europas zuerst von den positiven Gottesdefinitionen und dann von den undeutlichen Vorstellungen der Vernunftreligion oder des Deismus losgelöst haben, ist doch eine gemeinsame Seelensituation für die Gottlosen eigentlich nicht vorhanden; die leise Ironie in der Überschrift "Geschichte des Gottes" würde kaum verstanden werden, und der Ausdruck "Geschichte des Gotteswahns" würde überflüssigen Anstoß erregen. Weil das gemeinsame Wort die gemeinsame Vorstellung überdauert hat.

Doch auch abgesehen von der Frage, ob der Kampf um den Gottesglauben für so abgeschlossen gelten darf, wie der Kampf um den Teufelswahn, bringt es die ungeheure Ausdehnung des Stoffes mit sich, daß eine Geschichte des Atheismus oder der Gottlosigkeit sich selbst Grenzen ziehen muß, um die sich eine Geschichte des Teufels nicht zu kümmern brauchte. Aufbau und Abbau der Teufelsvorstellung läßt sich übersehen, Aufbau und Abbau der Gottesvorstellung ist unübersehbar.

Will ich mich aber mit der Darstellung des Abbaus begnügen, mit einer Geschichte der Befreiung vom Gottesbegriffe, so muß ich die unzähligen Erscheinungen der sogenannten Ketzer aus meinem Rahmen ausschließen; denn die Ketzer waren immer, wenn man sich nicht auf den Standpunkt einer einzigen Konfession stellen und das arme Wort zum Schimpfe für Andersgläubige machen will, am Aufbau der Religion beteiligt oder doch bemüht, eine bestimmte Religion von Verunreinigungen zu säubern. Die meisten christlichen Ketzer wenigstens strebten mit reicheren oder geringeren Kenntnissen danach, in tiefer Gläubigkeit ein unfaßbares Urchristentum wieder herzustellen.

Wir werden aber auf unserem Wege freilich auch solche Ketzer antreffen, die im Forschen nach dem wahren Sinne der Offenbarung über die Gottseligkeit zur gottlosen Bibelkritik gelangten, oder wieder Freidenker, die ihren Zweifel oder ihre Gottlosigkeit hinter einer von ihrem Zeitgeiste schon geduldeten Ketzerei verbargen. Die Ketzer der ersten Art teilen mit den ganz frommen Ketzern die Überzeugung, daß sie im Besitze der reinen Lehre sind; es ist sicherlich nur ein Zufall, verdient aber dennoch Erwähnung, daß dieses Vertrauen auf die reine Wahrheit der eigenen Lehrmeinung bereits in der Bezeichnung "Ketzer" steckt; man nimmt wenigstens allgemein an, daß der Ausdruck von den Katharern herkommt, einer gnostischen Sekte, die sich selbst als Katharer oder als "rein" von der offiziellen Kirche unterschied.

Beinahe lustig ist es, daß man die Herkunft des Namens, der im 12. Jahrhundert üblich wurde, vergaß, daß man - mit lateinischer und mit deutscher Volksetymologie - "Ketzer" von "Katze" herleitete, dem Teufelstier, und daß man diese Herleitung wiederum dazu benützte, die widernatürliche Unzucht zu erklären, die fast jede christliche Sekte der anderen vorwarf, jede Kirche ihren Ketzern; und merkwürdig genug hat die gleichbedeutende Bezeichnung Bulgaren - die Sekte der Katharer kam über Bulgarien nach dem Abendlande - im Französischen eine ähnliche Wandlung durch gemacht: "bougre" hieß ein Knabenschänder, weil ein Ketzer so ein Schuft sein mußte, und nahm erst spät den Sinn eines allgemeinen und gemeinen Schimpfwortes an, wie übrigens auch "Ketzer" in einigen Mundarten der Schweiz.

Wir werden leider die gleiche Erfahrung nur zu oft machen: ein Name, den sich eine Gruppe von Menschen zur ehrenvollen Unterscheidung von der Menge beigelegt hat, wird von dieser Menge zuerst als Ketzername gedeutet und schließlich als ein entehrendes und gefährdendes Schimpfwort gebraucht. Immer handelt es sich bei einem solchen Bedeutungswandel um die Torheit oder um die Unverschämtheit, die den eigenen Glauben für den richtigen und guten, den fremden Glauben für den falschen und schlechten hält, für den Aberglauben.

Das Wort "Aberglaube" wirft vielleicht einiges Licht auf das Wort Glaube zurück. Solange man nicht von seinem eigenen, besonders nicht von seinem eigenen leidenschaftlich ergriffenen religiösen Glauben spricht, ist Glaube die vorurteilslose und parteilose Bezeichnung für die Anerkennung oder Bejahung einer Sache, einer Idee oder eines Ereignisses; Aberglaube dagegen will immer ein abschätziges Urteil über den falschen Glauben anderer fällen. Ja selbst, wenn man einmal von seinem eigenen Aberglauben redet, will man mitverstanden wissen, daß man diesen seinen falschen Glauben zwar nicht loswerden könne, aber mit seinem Verstande verurteile.

Aberglaube ist also allgemein der von anderen Menschen angenommene Glaube, den der Sprecher nicht teilt; in der Gemeinsprache eines Volkes oder eines Volksteils: der fremde Glaube, den dieses Volk oder dieser Volksteil nicht teilt. Der gute Lutheraner WALCH führt in seinem "Philosophischen Lexikon" den römischen Gottesdienst ganz unbefangen an als ein Hauptbeispiel des Aberglaubens. Es ist, als würde daheim die Währung eines fremden Landes nicht für ein fremdes, sondern für ein falsches Geld angesehen, die Währung des eigenen Landes jedoch für gemünztes Gold.

Zu einem solchen Gegensatze zwischen Glaube und Aberglaube konnte es aber erst in der christlichen Zeit kommen, in welcher der "richtige" Glaube (in jeder Sekte anders) in sogenannten Glaubensartikeln festgelegt und vom falschen Glauben unterschieden wurde. Wir werden gleich sehen, in welcher Weise die Gemeinsprache unscharf zwischen theoretisch falschem Glauben oder Ketzerei und praktisch falschem Glauben oder Aberglauben unterschied. Die antike Welt nahm es mit der Rechtgläubigkeit nicht so genau. Die Griechen verstanden unter und etwa Gottesfurcht sowohl im guten als im üblen Sinne; richtiger: sie meinten Gottesfurcht, und es hing von der Freidenkerei oder auch nur von der Lokalreligion des Sprechenden ab, ob er diese Gottesfurcht freundlich oder unfreundlich bewerten wollte; der natürliche Gang der Entwicklung hatte zur Folge, daß später fast nur noch für die tadelnswerte Gottesfurcht, für Freiheit von Aberglauben gebraucht wurde.

Das entsprechende Wort der Römer  superstitio  ist uns vielleicht nur darum mehr im Sinne des Aberglaubens bekannt, weil die römischen Klassiker um einige hundert Jahre jünger sind als die griechischen. Die lateinischen Kirchenväter gebrauchten zwar  religio  ausschließlich für den wahren,  superstitio  für den falschen Glauben; aber der gewöhnliche Sprachgebrauch lehrt, daß  superstitio  ursprünglich nicht so sehr den falschen als den ängstlichen Glauben bedeutete, die religiöse Scheu, ja sogar die Andacht, die eine Gottheit oder ihr Tempel einflößte; auch die religiöse Schwärmerei, dann aber besonders die mystische Verehrung fremder Kulte.

 Noch zwei Beispiele für die Vorurteilslosigkeit des römischen Sprachgebrauchs: das Adverb  superstitiose  heißt soviel wie genau, peinlich, skrupulös (ein Lieblingswort sehr gewissenhafter katholischer Geistlicher); und den Schulsatz bei QINTILIANUS (IV. 4, 5), SOKRATES habe novas superstitiones  eingeführt, dürften wir gar nicht anders übersetzen als "eine neue Gottesverehrung" oder "einen neuen Glauben", weil der Schulmeister doch gar nicht hatte sagen wollen, die alten  superstitiones  seien Aberglaube gewesen. Am entscheidendsten scheint es mir jedoch, daß der Dichter VERGILIUS das Wort superstitio für einen Schwur bildlich gebrauchen durfte, für einen Eidschwur der JUNO, und daß der berühmteste Kommentator des VERGILIUS den Ausdruck  superstitio  harmlos durch religio erklärt.

Von dieser Anwendung des lateinischen Wortes sind in dem französischen  superstitions  noch sehr deutliche Spuren erhalten. Es bezeichnet ursprünglich nicht Bräuche, die von der Kirche verboten sind, sondern eine übertriebene Ängstlichkeit in der Gottesverehrung, die dann allerdings zu der Vorstellung falscher Pflichten und zum Vertrauen auf unmögliche Wirkungen führen kann; endlich eine übertriebene Sorgfalt jeder Art, auch außerhalb religiöser Dinge. FONTENELLE wendet das Wort auf die Befestigungskunst von VAUBAN an; es gebe gewisse  superstitions,  die erst bei dem Auftreten eines Genies verschwinden.

Der bewußte bibelkritische, erkenntniskritische und endlich sprachkritische Atheismus des christlichen Abendlandes ist nun aber eine ganz andere Sache als der Atheismus der antiken Welt, der zwar auch aufklärerisch war, aber an eine Kritik des Gottesworts (weil es keines gab) nicht denken konnte, an eine Kritik des Gottesbegriffs nicht dachte. Das wird besonders deutlich, wenn wir uns erinnern, mit wie kindlicher Harmlosigkeit ein so konservativer und religiöser Schriftsteller wie PLUTARCHOS den Satz aufstellen konnte: der Aberglaube sei ein größeres Unglück als der Atheismus. Die Griechen und Römer hätten, wenn sie englisch gesprochen hätten, ein bekanntes Wort abändern und sagen können: "Superstition begins at home."

Den Römern war (und ähnlich stand es um die noch deutlichere der Griechen) "superstitio" auch die Furcht vor falschen, ausländischen Göttern, aber jede Ängstlichkeit in der Religion, jede Schwärmerei, ja endlich der Kultus selber hieß "superstitio"; dem Christentum war es vorbehalten, die hochmütige Unterscheidung zu befehlen: was ich glaube, das ist Glaube, was die anderen glauben, das ist Aberlaube. Es braucht nicht wieder darauf hingewiesen zu werden, daß jede christliche Sekte die Meinung jeder anderen Sekte für Aberglauben erklärt, daß namentlich die Protestanten über den Aberglauben der Katholiken schreien.

Die Philosophen bekämpften eigentlich niemals den Gottesbegriff, sondern nur die Gottesfurcht; darum war ein Mann wie EPIKUROS nicht ein Atheist in unserem Sinne, sondern nur frei von Gottesfurcht, frei von Aberglauben. Erst die lateinischen Kirchenväter änderten die Wortbedeutung und wollten "superstitio" unduldsam auf den Volksglauben, den Glauben an die antiken Götter angewandt wissen. Die Beschränktheit der neuen Religion ging so weit, daß sie den Wahnsinn gar nicht bemerkte, zu welchem die Umkehrung der Begriffe führte; als nämlich bald darauf die unglückselige Lehre aufkam, hinter VENUS, DIANA und den anderen Göttern stecke der Teufel, da wurde diese Lehre unter die Glaubensartikel aufgenommen und jeder Zweifel daran nach einer noch späteren Entwicklung mit dem Feuertode bestraft; der einfache Glaube der Römer aber an das Dasein ihrer Götter hieß auch dann noch Aberglaube, als die Kirche das Dasein des Teufels (in diesen Göttern) zu einem Glaubenssatze gemacht hatte. Und niemand scheint die Zudringlichkeit in dieser Dummheit beachtet zu haben.

Als nun BAYLE den Satz wieder auf die Bahn brachte, der Atheismus sei nicht so schlimm wie der Aberglaube, da tat er zwar sehr unschuldig und stellte sich auch so an, gelegentlich, als verstünde er unter dem Aberglauben den Götzendienst der Heiden; sein Satz war aber wirklich vom Standpunkte der Kirche ungleich gefährlicher als der Satz des PLUTARCHOS. Dieser, obgleich sonst ein Gegner des EPIKUROS, war doch Grieche genug, um ungefähr zu meinen: die Furcht vor göttlichen Strafen, die Angst vor überirdischen Einmischungen ist schlimmer als eine Philosophie, die eine allgemeine Geltung der Naturgesetze lehrt und den Gott einen guten Mann sein läßt.

Was BAYLE, oft mit überraschender Offenheit, öfter mit begreiflicher Vorsicht, lehrt, das ist, mehr als anderthalb Jahrtausende später, etwas ganz Neues: der Aberglaube, worunter man jedes unduldsame, fanatische Religionssystem verstehen mag, ist für die Ruhe der Bürger, für den Frieden im Staate und zwischen den Staaten gefährlicher als die Überzeugung, daß es einen Gott überhaupt nicht gebe. PLUTARCHOS verstand unter Atheismus eine ruhige, persönliche, unangreifbare und friedliche Weltanschauung. BAYLE verstand unter dem gleichen Worte eine "gefährliche", rebellische, die öffentliche Meinung bekämpfende Überzeugung. In der Zeit zwischen PLUTARCHOS und BAYLE war "Atheist" zu einem Schimpfworte geworden; und blieb noch lange in solcher Geltung.

Streng genommen bedeutet "Atheismus" nur den Seelenzustand eines Menschen, der ohne Gott lebt, der z. B. vom Dasein eines Gottes niemals gehört hat oder der einfach an das Dasein von Göttern nicht glaubt. In diesem Sinne gab es im alten Indien, gab es in Griechenland Atheisten genug. Der Atheismus im neueren Abendlande, der christliche Atheismus, wenn ich so sagen darf, besaß nicht diesen ruhigen, einfach negierenden oder nichtwissenden Charakter. Inmitten der Christenheit, die tausend Jahre lang eine Theokratie war und die eine Priesterherrschaft heute noch in vielen Bestimmungen des Rechts und der Sitte duldet, mußte die einfache Gottesleugnung aktiv werden oder scheinen, wurde jeder Atheist zu einem Aufrührer, der seiner Überzeugung nur mit der äußersten Lebensgefahr Ausdruck geben konnte.

Der drohende Feuertod hat sich zu der immerhin kleineren Gefahr gemildert, daß der Atheist nicht Briefträger werden kann, auch nicht Minister, auch am Stammtisch einer Kleinstadt nicht unbehelligt lebt, aber die Sachlage blieb: die gesamte Christenheit bekennt sich, ehrlich oder nicht, zum Glauben an einen Gott; auch der Gottesleugner ist in diesem Glauben und zu diesem Glauben erzogen worden und hat sich früher oder später von diesem Glauben losmachen, losketten, losdenken müssen. Er hat sich durch eigene Arbeit befreien müssen. In dem Wörtchen "los" liegt die Vorstellung einer Befreiung aus Gefangenschaft oder Knechtschaft.

Diese Bedeutung hat "los" fast immer vor einem Verbum und hinter einem Nomen. Verbindungen wie "arglos, achtlos, bewußtlos" werden zwar nicht falsch verstanden, wenn man die Nachsilbe wie eine reine Negation auffaßt, sie etwa mit "ohne" gleichsetzt; aber im Falle der Zusammensetzung "gottlos" liegt die Sache doch etwas anders. Die Einigkeit, ja die Vereinigung mit Gott scheint dem tief christlichen Jahrtausend eine Selbstverständlichkeit; der Fromme - der Pietist ist darin womöglich noch sicherer als der Rechtgläubige - kann es sich gar nicht vorstellen, daß ein Volksgenosse einfach ohne Beziehung zu dem Gotte des allgemeinen Volksglaubens stehe, daß er das Band nicht gewaltsam (z. B. durch einen Bund mit dem Teufel, der dann in ganz besonderem Sinne "los" ist) zerrissen habe.

Aber auch der Atheist, bis tief in unsere Zeit hinein, empfindet es als eine Tat (nicht als eine Unterlassung), Gott los geworden zu sein. So hätte auch im Sprachgebrauche der Atheisten das Wort "gottlos" einen aktiven, heroischen Charakter annehmen können. Doch die Minderheit schafft nicht den Sprachgebrauch; die Mehrheit, die gottgläubig war, gewöhnte sich daran, an eine (strafbare) Handlung zu denken, wenn sie ein Geschehen oder einen Menschen gottlos nannte.

In LUTHERs Bibelübersetzung konnte mit "gottlos" noch der unbekehrte, der über Gott unbelehrte Mensch bezeichnet werden, der Heide; im Sprachgebrauche der Frommen aber wurde "gottlos" schließlich zu einem Scheltworte, mit welchem jeder Andersgläubige als nichtswürdig gebrandmarkt wurde. Der Ausdruck kam dadurch so herunter, daß er auch einen viel leiseren Tadel mitumfaßte; man redete von gottlosen Knaben, gottlosen Streichen, wo man vielleicht nur scherzend einen Mutwillen nicht ganz am Platze fand; wie umgekehrt "göttlich" zur Bezeichnung lobenswerter Eigenschaften des Geistes oder des Körpers verwandt wurde, besonders von witzigen Schriftstellern, wie ADELUNG meint, und mißbräuchlich.

Durch den etymologischen Hinweis auf die Tätigkeit des Befreiungskampfes hätte sich das Wort "Gottlosigkeit" für den Hauptbegriff dieses Buches empfohlen; aber der alte Sprachgebrauch, der aus einer ehrlichen Bezeichnung einen Schimpf gemacht hat, haftet dem deutschen Worte doch fester an als dem Fremdworte, und so will ich doch lieber eine Geschichte des Atheismus schreiben als eine Geschichte der Gottlosigkeit. Das Fremdwort, noch im 18. Jahrhundert auch in Deutschland eine häufige Schelte, hat langsam seinen rein sachlichen Sinn wiedergewonnen, es klingt vorurteilsloser als das deutsche Wort.


II. Philosophen

Und die Geschichte des Atheismus wird und soll sich zu einer Geschichte der Freidenkerei erweitern. Eine Geschichte der Freidenkerei ist nicht eine Geschichte der Philosophie. Daß die Philosophen zu allen Zeiten Gottesleugner gewesen seien oder doch Förderer des Atheismus, ist ein Satz, der früher ebenso allgemein gegen die Philosophie ausgespielt wurde, wie er jetzt unbesehen zugunsten des Atheismus benützt wird. Eine ernsthafte, also sprachkritische Geschichtschreibung wird wieder einmal darauf hinweisen müssen, daß die Leugnung eines Glaubens verschieden ist je nach der Art des Glaubens, daß der heidnische Atheismus ein anderer war als der christliche, und daß die Meinung, alle Philosophen seien Gottesleugner gewesen, eigentlich falsch ist, weil die Scholastiker des wirklich ganz frommen 10. und 11. Jahrhunderts, weil also diese logischsten Theologen ganz wohl das Recht hatten, sich nach ihrer Disziplin und ihrer Methode etwa auch Philosophen zu nennen.

Wir sind nur durch den Atheismusstreit der christlichen Geschichte zu befangen geworden, um das gern zuzugeben; man achte aber darauf, daß der Glaube oder Unglaube - an das Dasein der Götter nämlich - in den antiken Philosophenschulen eine sehr kleine Rolle spielte. Als dann die alte Philosophie durch die Renaissance wieder bekannt wurde, wurden freilich viele christliche Gelehrte zum Abfall verlockt; nicht aber gleich zum Zweifel am Dasein eines Gottes, sondern zunächst nur zum Zweifel an der Wahrheit des Christentums.

Noch früher ist die Renaissance des ARISTOTELES der jüdischen und der mohammedanischen Orthodoxie gefährlich geworden. Es ist beschämend für den Bekenntnismut auch dieser für fanatisch ausgegebenen Nationen, daß die Araber sogleich Freigeister wurden, da aufgeklärte Kalifen das Studium des ARISTOTELES begünstigten, daß viele Juden unter der Herrschaft aufgeklärter Kalifen die heidnische Philosophie annahmen und sogar das Gesetz MOSES preisgaben. Das Denken war so frei, wie der Herrscher es erlaubte.

Philosophie ist freilich heute noch ein vielumstrittener Begriff; es gäbe für geduldige Leser einen nicht unlustigen Folianten, wollte man zusammenstellen, was auch nur seit BACON von VERULAM unter Philosophie verstanden worden ist. Immerhin ist selbst die positivistische Philosophie, deren bester und diesseitigster Teil der Erkenntnissehnsucht der Griechen (natürlich nicht der griechischen Unbehilflichkeit des Ausdrucks und der griechischen Unwissenheit) am nächsten stehen dürfte, doch ein Versuch, über allen Wissenschaften einen höheren Standpunkt zu finden und von ihm aus das Sein der Welt (nicht den sogenannten Sinn des Lebens) zu erklären; dieser höchste Standpunkt verlangt die Anwendung der schärfsten Methoden der Logik oder der Psychologie, je nachdem, weil die moderne Philosophie Erkenntnistheorie geworden ist, auch bei denen, die es nicht zugeben wollen. Von alledem finden sich im Altertum nur erst leise Spuren.

Zur Zeit des CICERO hieß freilich Philosophie längst nicht mehr, wie in den kindlichen Anfängen, der bloße Wunsch nach irgendeiner Weisheit; aber er definiert sein bißchen Philosophie doch noch ungefähr so: als die Übung in jeder Kenntnis von allerlei sehr guten und interessanten Dingen. Zu diesen Dingen gehörten für ihn auch die Götter des Volksglaubens; er war mit den weit besseren griechischen Denkern nicht zufrieden, die ihren Witz just an solchen Dingen übten.

Wissen ist der neueren Philosophie, eben weil sie Erkenntnistheorie ist, ein ernstlich relativer Begriff geworden. Nun war eine gewisse Relativität des Wissens den Griechen durchaus nicht fremd; die besten Sophisten und die Skeptiker lehrten das, aber, mit den Ergebnissen des HUMEschen Zweifels und des französischen und englischen Agnostizismus verglichen, sind alle diese antiken Kühnheiten nur dogmatische Spielereien begabter und streitsüchtiger Jünglinge. SOKRATES und PLATON, die von allen späteren Philosophen zumeist verehrt wurden, ja auch ARISTOTELES glaubten absolut zu wissen, was sie etwa wußten. Unkritisch, wortabergläubisch trugen darum die Griechen, die gläubigen wie die ungläubigen, auch das vor, was sie von den Begriffen zu wissen glaubten, die man damals um den Gottesbegriff herum sprechen hörte.

Ja sogar die Negation "nichts", die ich vorhin voreilig oder vorläufig unverändert genannt habe, ist es nur gewissermaßen in logischer Beziehung; in Verbindung mit dem Wissensbegriff hat auch diese Negation ihre Wandlung durchgemacht. Der moderne Agnostizismus ist freilich nicht positiv, wie HERBERT SPENCER gern glauben machen möchte; aber er ist (in sehr ungeschickter Form) doch ein verständlicher Ausdruck der neuen Erkenntnistheorie und dürfte sogar für KANTs letzte Überzeugung angesprochen werden; die Agnosie des SOKRATES sein berühmtes "ich weiß, daß ich nichts weiß", geht aber auf keine erkenntnistheoretische Methode zurück, sondern bezeichnet offenbar nur die ironische Weise seiner Gesprächführung; er stellte sich unwissend, damit der Gegner sich Blößen gäbe; nirgends findet sich in dem, was von ihm berichtet wird, der tiefe Gedanke der Unerkennbarkeit des Wesens.

Und bei den anderen Griechen erst recht nicht. Gott ist scheinbar kein so abstraktes Wort wie Philosophie und Wissen, und der Begriff ist auch darum in der Hauptsache für unverändert gehalten worden. Aber nicht einmal in der Zeit von HOMEROS bis zu den Neuplatonikern haben wir es mit dem gleichen Gottesbegriffe zu tun; und trotz der Abhängigkeit des christlichen Gottesbegriffs von diesen Neuplatonikern ist der Gott, der etwa in einer protestantischen Kirche verehrt wird, etwas ganz anderes als der Gott, der leibhaftig in einem griechischen Tempel wohnte. Was sich verhältnismäßig wenig verändert hat in den 3000 Jahren der irgendwie bekannten Geschichte des Abendlandes, das ist der Mensch, vor allem der ungelehrte Mensch.

So mag es freilich gekommen sein, daß die Pöbelvorstellung von Gott heute noch ungefähr die gleiche ist, wie die Pöbelvorstellung der vorhomerischen Zeit: offener oder heimlicher Fetischismus. Ich werde es noch oft wiederholen: eine Theologie, d.h. ein schulgerechtes Wissen von Gott, kannte das gesamte Altertum zu seinem Glücke überhaupt nicht, und so hätte man unseren Satz dahin erweitern können, daß die antike Welt (eigentlich auch das Christentum bis zu seinem ersten Konzil) nichts von Gott "wußte".

So wird man es nicht mehr für einen unziemlichen Scherz halten, sondern für eine wortgeschichtliche Parallele, wenn ich jetzt einen ganz fernabliegenden Satz neben den unseren stelle. "Die Sansculotten (Ohnehosen) waren immer Königsmörder." Zum Erweise dieses Unsinns hätten deklamierende Prediger noch vor hundert Jahren sich vielleicht darauf berufen, daß im Orient, wo die Beinkleider zu Hause waren, kaum ein Königsmord vorkam, daß die griechischen und römischen Tyrannenmörder wirklich keine Hosen trugen und daß die Bergschotten, die die Hosen heute noch nicht kennen, vornehmlich an der englischen Revolution beteiligt waren. Man lache nicht zu überlegen; die Negation einer Tracht gibt keinen viel unklareren Begriff als die Negation eines unvorstellbaren Abstraktums.

Der Bedeutungswandel aller Begriffe, besonders der abstrakten Begriffe, warnt also vor der Aufstellung eines Satzes wie: die Philosophie hat kein Wissen von Gott. Es gibt keine ewige Philosophie, kein unveränderliches Wissen, keinen feststehenden Gottesbegriff, nicht in verschiedenen Ländern und nicht in verschiedenen Zeiten, genau genommen kaum bei zwei verschiedenen Menschen; der Mann, der nach altem Herkommen die religiösen Angelegenheiten eines Staates zu verwalten hat, auch den sogenannten Gottesdienst, sollte Götterkultusminister heißen.

Die Philosophie als solche hat sich mit der Gottesvorstellung ebensowenig zu befassen wie mit dem Stein der Weisen. Was schließlich zum Atheismus führen mußte und geführt hat, das war nur die Anwendung philosophisch geschulter Kritik auf geschichtlich gewordene Begriffe, zuletzt die Sprachkritik. Wäre der Gottesbegriff nicht vorher in der Gemeinsprache entstanden, so hätte keine Kritik Veranlassung gehabt, ihn zu untersuchen. So handelt es sich überall in der Geschichte der Freidenkerei nur um eine Prüfung der geschichtlichen Wahrheit, um die Untersuchung geschichtlich gewordener Worte.


III. Wahrheit

Ich habe (Wörtb. d. Phil., Art. "Wahrheit") hoffentlich überzeugend nachgewiesen, daß "Wahrheit" ein relativer Begriff sei, daß zwischen Wahrheit und Glaube kein Unterschied bestehe, daß "glauben" nichts weiter bedeute als: geloben, ja-sagen, gut-heißen, für-wahr-halten. Aus subjektiven Gründen natürlich für wahr halten; denn Wissen unterscheidet sich von Glauben nur durch einen höheren Grad von Wahrscheinlichkeit.

Man hat aus guten Gründen zwei Arten von Glauben unterschieden: den Eigenglauben und den (auf dem Glauben oder dem vermeintlichen Wissen eines andern beruhenden) historischen Glauben; man hat, von Schwierigkeiten des Begriffes gedrängt, ganz unlogisch wieder zwei Formen des Eigenglaubens angenommen: den Glauben des Individuums (eine alte Frau hält sich selbst für eine Hexe) und den Glauben der Menge (ein ganzes Volk glaubt an Hexen). Ich brauche nicht erst zu versichern, daß ein solcher Eigenglaube dadurch nicht wahrscheinlicher werde, daß er von Millionen geteilt wird.

Die ganze feine Distinktion wird dadurch hinfällig, daß auch der historische Glaube, also die Zuversicht auf das Wissen eines andern, fast immer oder immer erst dann wirksam wird, wenn der historische Glaube gemeinsamer Eigenglaube geworden ist. Jeder religiöse Glaube, auch der Glaube an Gott (was immer man zu seiner Begründung aus der Vernunft gesagt haben mag), beruht auf Tradition und zuletzt auf einem historischen Glauben, den man in diesem Falle Offenbarungsglauben nennt.

Wer für andere historische Traditionen aus Mangel an Autoritätsglauben wenig Zuversicht hat, um so weniger, je weiter in die vorgeschichtliche Zeit die Meldung eines geschichtlichen Ereignisses zurückgeht, der wird natürlich um so weniger geneigt sein, die Kunde von der allerältesten Tatsache der Weltgeschichte zu glauben, daß Gott nämlich die Welt geschaffen habe. Schließlich ist die so viel jüngere und wahrscheinlichere Legende von der Gründung Roms für die Kritik lange nicht so herausfordernd.

Auf die Textkritik jenes uralten Satzes (die aber den ganzen Inhalt einer "Geschichte des Theismus" ausmachen müßte) kommt es mir hier viel weniger an, als eben auf den einfachen Hinweis darauf, daß der Glaube an Gott - ganz logisch betrachtet und ohne jede sogenannte Blasphemie - teils zu der Art des Massenglaubens gehört, wie der Glaube an den Teufel oder an die Hexen, teils zu der Art des historischen Glaubens, wie der Glaube an die Gründung Roms durch ROMULUS und der Glaube an die Gründung der schweizerischen Eidgenossenschaft durch WILHELM TELL.

Die Vergleichung mit solchen legendären Persönlichkeiten kann am besten erklären, warum die Welt es nicht dulden will, nicht von Gott geschaffen worden zu sein; so wahr das Festhalten an alten Überzeugungen mit Recht als ethisch geschätzt wird, so wahr waren ethische Mächte im Spiel, als das gelehrte Europa sich seinen ROMULUS (und seinen HOMEROS) nicht nehmen lassen wollte, als die Schweiz die Existenz des historischen TELL verteidigte. Ganz ähnliche ethische Mächte, nur in besonders individueller Färbung, bewirken eine Empörung, sobald ein Mensch die Nachricht für wahr halten soll, der Mann, den er bisher für seinen Vater hielt, sei nicht sein Vater gewesen; er, der bisher so sichere Mensch, sei unbekannter Herkunft, sei ein "natürliches" Kind.

Dieser Gedankengang kann und will nichts behaupten, als daß die Frage nach dem Dasein Gottes eine historische, eine Frage des historischen Glaubens ist. Es hat nach dem Auftreten des Christentums gut anderthalb Jahrtausende gedauert, bevor freie Menschen (immer noch mit Lebensgefahr) daran dachten, den Sinn der Evangelien und den leibhaftigen Erdenwandel JESU CHRISTI philologisch zu untersuchen, also historisch. Nur einen Schritt weiter auf diesem Wege scheint mir die Pflicht zu liegen, die Nachricht von dem Dasein der Götter überhaupt, insbesondere die Nachricht von der Weltschöpfung durch den alten Judengott, wie sie den ersten Satz der Bibel ausmacht, einfach als einen Gegenstand historischer Kritik zu behandeln, die Frage nach dem Dasein Gottes als eine historische Frage.


IV. Theologie

Wir werden, um die innere und äußere Geschichte des Atheismus verstehen zu können, manche Anleihe machen müssen bei der Geschichte des Aberglaubens, der Ketzerei und der Philosophie; und wir werden die Erfahrung machen, daß die Meinungen des Aberglaubens und der Ketzerei einander ebenso oft berühren wie die Meinungen der Ketzerei und der Philosophie, daß darum auch die Kluft zwischen Aberglauben und Philosophie nicht unüberbrückbar ist; überall tönen uns nur arme Menschenworte entgegen, und vor der rücksichtslosen Wortkritik wandelt sich leicht auch Metaphysik wie Physik in Wortaberglauben.

Die eigentliche Theologie als die vermeintliche Wissenschaft derer, die von dem Wesen und den Eigenschaften Gottes unglaublich viel auszusagen wissen, sollte nach dem ursprünglichen Plane von dieser Darstellung ausgeschlossen werden; wie es aber nicht angeht, eine Geschichte der Heilkunst zu schreiben, ohne sich mit den Verirrungen und den Betrügereien der Zauberer und Scharlatane zu beschäftigen, wie die Alchimie notwendig zu einer Geschichte der Chemie gehört, die Astrologie zu einer Geschichte der Sternenkunde - schon um der lebendigen Menschen willen, die auf diesen Wissensgebieten gearbeitet haben -, so ist für einen Geschichtschreiber des Atheismus der geistige Kampf nicht zu umgehen, der sich nicht unmittelbar gegen das Dasein Gottes richtete, sondern mittelbar gegen theologische Sätze, welche das Dasein des alten Gottes als unzweifelhaft annahmen und darüber hinaus über das Verhältnis zwischen Gott und Welt allerlei zu erzählen wußten: über die Art und Weise der göttlichen Weltregierung oder über die Vorsehung, über die Unabhängigkeit Gottes von den Naturgesetzen oder über die Wunder, über die Gerechtigkeit Gottes, die sich bei der Ungerechtigkeit des Weltlaufs nur in jenseitigen Belohnungen und Strafen äußern konnte, oder die Unsterblichkeit der Seele.

Heutzutage noch gibt es Menschen genug, welche an die Vorsehung, an Wunder, an die Unsterblichkeit der Seele nicht glauben und dennoch in dem geheimsten Schreine ihres Herzens einen konfessionslosen, unbekannten Gottschöpfer irgendwie verehren; um so weniger darf es überraschen, wenn wir in den Zeiten der Aufklärung, der Renaissance und des mittelalterlichen Nominalismus (um nur die wichtigsten Perioden der älteren Freidenkerei zu nennen) Männer kennen lernen werden, die einen Zweifel am Dasein oder Wesen Gottes niemals aussprachen, die aber bereits Vorsehung oder Wunder oder Seelenunsterblichkeit leugneten und so das Aufkommen der Gottesleugnung selbst vorbereiteten; vom Wesen Gottes blieb wirklich nichts mehr übrig, wenn man dem Wesen seine Eigenschaften genommen hatte.

Die schwierigste und wichtigste Aufgabe wird in jedem Falle der Versuch sein müssen, sich auf den Standpunkt so eines alten Freidenkers zu versetzen, der z. B. die Unsterblichkeit oder die Geister oder die Hexen nicht anerkannte, dennoch aber für einen Gottgläubigen gelten wollte. Wir werden ja von unserer Darstellung fast immer die frommen Ketzer auszuschließen haben, die die eine oder andere Meinung der Theologen nicht teilten, an dem Gotte der Offenbarung aber mit um so stärkerer Inbrunst hingen; wir werden bei den eigentlichen Aufklärern oder starken Geistern, die jedoch nur einzelne Eigenschaften Gottes bestritten, nicht aber sein Dasein, sehr genau zusehen müssen, ob sie in dieser schwankenden Haltung - die oft erst uns schwankend erscheint - mehr von der Macht des Zeitgeistes und der Sprache oder mehr von ihrem eingewurzelten Kinderglauben oder gar mehr von der Gefahr beeinflußt wurden, die durch ein Bekenntnis zum Atheismus ihnen drohte.

Es wird also nötig sein, den Begriff des Atheismus auch auf viele dogmenfeindliche Bestrebungen auszudehnen und die Aufmerksamkeit besonders auf solche Schriftsteller zu lenken, die unter dem Scheine der Ketzerei die rechtgläubige Lehre über Vorsehung, Wunder, Unsterblichkeit und über ähnliche leere Worthülsen bekämpften. Die Aufgabe ist freilich, eine Geschichte der Leugnung Gottes zu entwerfen; der Gott, um den es sich da handelt, bleibt aber immer der Gott des christlichen Abendlandes, der zwar nicht einer und derselbe geblieben ist durch die Jahrhunderte, der aber bis zum Schatten verblassen muß, wenn man ihn seiner Tätigkeiten und seiner Eigenschaften beraubt.

So wird in meiner Darstellung der Deismus und die Aufklärung einen breiten Raum einnehmen, obgleich die meisten Vertreter beider Richtungen ängstlich bemüht waren, sich zum Gotte einer Vernunftreligion zu bekennen. Eine Geschichte des Atheismus wäre unvollständig, wenn sie z.B. VOLTAIRE, den Advokaten eines konfessionslosen Gottes, nicht ausführlich behandeln wollte. Unter den Tätigkeiten und Eigenschaften Gottes gibt es aber eine (Tätigkeit oder Eigenschaft? ich wüßte es nicht zu sagen), die bei dem bloßen Glauben an das Dasein Gottes im Abendland fast immer mitgedacht wird: die göttliche Weltregierung, die sogenannte Vorsehung.

Zu den Atheisten wurde also auch gerechnet, vom Standpunkt der christlichen Gottesvorstellung mit vollem Recht, wer nur die Weltregierung durch die göttliche Vorsehung anzweifelte oder leugnete. Bei den Alten standen sich in dieser Frage die Epikureer und die Stoiker schroff gegenüber; aber selbst EPIKUR leugnete die Götter nicht ausdrücklich, die freilich bei ihm müßig und überflüssig waren, das fünfte Rad am Weltwagen, und das "Schicksal" der Stoiker war doch etwas ganz anderes als etwa die Vorsehung beim heiligen THOMAS. Wo die theistischen oder deistischen Theologen in Gott die erste Ursache und den Schöpfer und Regierer der Welt sahen, daneben aber doch das Bestehen der Naturgesetze, der sogenannten zweiten Ursachen anerkannten, da verwickelten sie sich in unlösbare Widersprüche, am meisten die lutherischen Theologen mit ihrm  concursus,  einer Mitwirkung von Schöpfer und Geschöpf; der fromme Volksglaube, besonders der der Katholiken, kennt solche Widersprüche nicht, weil er, wenn man ihn zu einer Besinnung darüber zwingen wollte, außer der ersten Ursache keine zweiten Ursachen, d. h. keine unabänderlichen Naturgesetze kennen würde. Nach diesem einfachen Glauben wird die Welt unaufhörlich, im größten wir im kleinsten, vom wandelbaren oder unwandelbaren Willen Gottes regiert, ohne Rücksicht auf die naturgesetzliche Ursächlichkeit, in jedem Augenblick durch unzählige Wunder; nicht die poetisch so genannten Wunder der Natur sind damit gemeint, sondern richtige Wunder im kirchlichen Sinn, unmittelbare Wirkungen der ersten Ursache. Die göttliche Vorsehung des abendländischen Volksglaubens, übrigens auch die des Judentums und des Islam, ist nicht die unzerreißbare Kausalkette des naturwissenschaftlichen Denkens, sondern eine unendliche unzusammenhängende Reihe von Wundern. Wer also die Vorsehung leugnet, der leugnet wirklich die Wunder und damit den Gott des gemeinen Volksglaubens. Wie eng die beiden Vorstellungen miteinander verwachsen sind, mag man daraus erkennen, daß der Fromme die Vorsehung personifizieren und anstatt Gott "die Vorsehung" sagen kann. In dichterischer Sprache heute noch "die Vorsicht".

"Vorsicht" ist natürlich die ältere (schon althochdeutsche), "Vorsehung" die jüngere Lehnübersetzung von  providentia;  das griechische Modellwort  pronoia  bedeutet mehr das Vorherbemerken, in der Gemeinsprache dann soviel wie menschliche Klugheit. Auch das Vorhersehen war in einem gewissen Umfang nicht der Gottheit vorbehalten; auch der kenntnisreiche Mensch, freilich besonders der von der Gottheit beratene, konnte mancherlei vorhersehen, vorherwissen, vorhersagen (propheta). Im Deutschen wie im Lateinischen ist aber, sicherlich nicht unabhängig voneinander, zu unterscheiden zwischen  praevidentia  und  providentia,  zwischen Vorsehung und Fürsehung, wie man die beiden Worte noch vor hundert Jahren und auch noch einige Jahrzehnte später auseinander hielt.  Prae  und  pro, vor  und  für  wurden im Sprachgebrauch oft miteinander verwechselt oder doch vermischt, wahrhaftig ebenso oft wie in der älteren Philosophie vorausgehende Ursachen und Endursachen. Worüber nachzudenken wäre. In den Begriff der  Vor sehung wurde so, auch nachdem man nicht mehr "Fürsehung" schrieb, der Begriff der  Für sorge gemischt. BUDDEUS sagt also ungefähr die Wahrheit, wenn er sich vernehmen läßt: unter denjenigen Lehrsätzen, welche mit dem Atheismus eng verbunden sind, hat wohl den vornehmsten Platz die Verleugnung göttlicher Vorsehung inne.
    "Denn gleichwie ein Atheist dieselbe nicht zuläßt, also ist ein solcher, der sie leugnet, nicht viel von einem Atheo unterschieden; zumindest hebt er allen Grund der Religion und Gottesdienst auf."
Auch ist BUDDEUS dem Skeptiker BAYLE gegenüber vollkommen im Recht, wenn er die in den Artikeln über ORIGENES, über die  Marcioniten,  die  Manichäer  und die  Paulicianer  hervorgehobenen Schwierigkeiten so deutet, daß BAYLEs Absicht mehr die Vorsehung zu bekämpfen als den Manichäismus zu unterstützen war. Und BAYLE wiederum ist im Recht gegen SPINOZA, der zwar alle Wunder und damit eine wunderbare Vorsehung Gottes entschiedener bestritt als irgendjemand vor ihm, die  providentia  also durchaus ablehnte, die  praevidentia  jedoch an einigen Stellen, die leider nicht gut spinozistisch sind, anzunehmen schien; freilich ist BAYLEs Artikel "Spinoza", wie wir in einem anderen Zusammenhang sehen, ein wunderliches Gemisch von erstaunlicher Überlegenheit und ebenso erstaunlichen Vorurteilen.

Die rechtgläubigen Schriftsteller, die zu einem Atheisten machten, wer auch nur die göttliche Vorsehung leugnete, waren demnach in ihrem guten Recht; wer die wesentlichen Eigenschaften eines Dinges nicht sieht, der kann das Ding nicht sehen und die Vorsehung - mit dem was drum und dran hängt -gehört zu den wesentlichen Eigenschaften des abendländischen Gottes. Ich wiederhole auch, daß die rechtgläubigen Schriftsteller auch diejenigen zu Atheisten stempelten, die die Wunder nicht anerkannten; ich werde bald zu zeigen haben, daß der kirchliche und der volkstümliche Begriff der Vorsehung mit dem Wunderglauben stehen und fallen muß.

Was aber die Griechen unter einer Erhaltung der Welt, die sie allerdings auch den Göttern zuschrieben, verstanden, das hat wenig zu tun mit der Vorsehung, die die Haare auf dem Kopf jedes Menschen gezählt hat. Die ältere griechische Philosophie, die Naturwissenschaft sein wollte, staunte über die Regelmäßigkeit der Himmelskörper und nahm einen menschenähnlichen Verstand an, der die Ordnung der Sterne hergestellt hätte; noch bei ARISTOTELES, bei welchem bereits eine Art Teleologie eine Rolle spielt, erstreckt sich die Aufsicht des ersten Bewegers - wenn er an so etwas wie eine Aufsicht gedacht hat - nicht auf die sublunare Welt; nur daß schon seit SOKRATES die Vorstellung aufgekommen war, die Naturvorgänge hätten eine Beziehung zum Nutzen des Menschen. Die Stoiker bemühten den Begriff  providentia  allerdings sehr gern; aber auch bei ihnen hat das, was doch nur ihr Fatum (heimarmene) ist, mit der christlichen Vorsehung nichts zu schaffen. SENECA hat eine besondere Abhandlung über die  providentia  geschrieben; und da sieht man deutlich, daß sich seine  providentia,  sein Fatum ganz gut mit dem vertrug, was heute die Gottlosen die eherne Kette der Notwendigkeit nennen. "Causa pendet ex causa. Cuncta veniunt, non incidunt." [Ein Grund ergibt sich aus dem anderen. Alles wird uns zugeteilt, nichts fällt uns zu. - wp] Wie auch die Religion der Stoiker sich ebensogut in christlichen als in atheistischen Worten ausdrücken ließe. SENECA sah sehr richtig, daß z. B. die Folge der Jahreszeiten nicht um der Menschen willen da ist; LACTANTIUS aber schon legte in die stoische Philosophie die kleine Menschenvorstellung hinein, der Mensch sei die Zweckursache der Welt.

Diese Vorstellung, noch vergröbert durch den Glauben, der Lokalgott habe das kleine Volks  Israel  zum Zweck seiner Schöpfung gemacht, lag der altjüdischen Lehre zugrunde. Irgendein naturwissenschaftliches Denken gab es nicht; der Gott regierte die Welt nach seinem Willen oder nach seiner Laune, wie er sie ebenso erschaffen hatte; Fruchtbarkeit und Mißernte, Landplagen und Glück, Sieg und Niederlage kamen unmittelbar von Gott, der unaufhörlich zu arbeiten hatte, ein angestrengter Zauberer. Es gab gar keinen ordentlichen Zusammenhang der Dinge, also konnte ein außerordentliches Ereignis gar nicht als ein besonderes Wunder angesprochen werden. Eine Schwierigkeit entstand erst, als die Juden die ethische Forderung stellten, ihr Gott müßte die Gerechten belohnen, die Ungerechten bestrafen; dieser Forderung widersprach der Weltlauf. So regten sich bereits in einigen Büchern des Alten Testaments Zweifel an der Gerechtigkeit und an der Güte Gottes, pessimistische Zweifel an dem, was alle späteren Theodizeen [Gerechtigkeit Gottes - wp] unter der Vorsehung verstanden. Erst die Phariäer scheinen die Gerechtigkeit der göttlichen Vorsehung durch die Annahme jenseitiger Belohnungen und Strafen haben retten zu wollen.

Unter dem Bild des Vaters stellte sich  Jesus  seinen Gott vor, wieder einen unermüdlichen Zauberer, der die Blumen des Feldes kleidet, der beim Tod jedes Sperlings mitwirkt und der demnächst sichtbar werden wird, um sein Reich auf der Erde zu errichten. Dem Vater im Himmel ist kein Ding unmöglich; kein Naturgesetz steht der Erhörung des Gebetes entgegen. Daraus entwickelte sich gleich im apostolischen Zeitalter das Vertrauen auf eine Vorsehung, die mit unausdenkbarer Geschäftigkeit die alltäglichen Schritte jedes Menschen leitet, die bedeutungsvollen Schritte hervorragender Menschen erst recht; PAULUS macht seinen Reiseplan vom Willen Gottes abhängig, wie viel später die Pietisten (SPENER) jedes Ereignis ihres kleinen Lebens als eine Leistung der allwirksamen Vorsehung zu betrachten lieben. Nur langsam dringen aus Alexandrien naturphilosophische Begriffe in das altchristliche Weltbild ein und bringen Unsicherheit in den Glauben an das behagliche Zauberwesen. Wer sich durch Anerkennung der Naturgesetze oder des Fatums an der naiven Zaubervorsehung irremachen ließ, der schien jetzt die christliche Glaubenslehre zu leugnen; wohl konnte selbst ein Kirchenvater (HIERONYMUS) die Konsequenz absurd finden, daß Gott sich um Geburt und Tod jeder Mücke kümmert, aber allgemein sah man nicht so genau hin, und ohne dogmatische Definition schien der Vorsehungsglaube eine selbstverständliche Voraussetzung der Lehre. Und eine optimistische Geschichtsauffassung (AUGUSTINUS) verließ sich darauf, Gott könnte und würde alles zu seinen guten Zielen lenken: die Weltgeschichte wurde zum Weltgericht. Mit seiner erstaunlichen Sophistik behandelte der heilige THOMAS die Vorsehung als ein Element seines Systems. Die Kirche aber hütete sich, einen theologischen Streit über den schwierigen Begriff anzuregen; sie ließ es, auch in ihrem Katechismus, bei einem gemütlichen Volksglauben bewenden, bis die mechanistische Welterklärung der neuesten Zeit sie zwang, auch den Vorsehungsglauben dogmatisch festzulegen. Das geschah erst in einem Syllabus [Register theologischer Ächtungen - wp] PIUS IX. und dann noch strenger im Vatikanum. Verdammt war erst von jetzt ab, wer nicht glaubte, daß Gottes Vorsehung die Welt regierte und auch die künftigen Regungen des freien Menschenwillens voraus wüßte.

Gegenüber dieser einfachen und klugen Haltung Roms macht das Schwanken des Protestantismus einen kläglichen Eindruck. LUTHER blieb zwar dabei, den Vorsehungsglauben als eine Herzenssache des Christen zu betrachten und ihn nicht philosophisch zu erklären; so ungefähr dachten auch ZWINGLI und CALVIN. Doch die späteren protestantischen Theologen wollten die Vorsehungsfragen (Willensfreiheit, Theodizee) in einem System unterbringen und gerieten bald auf die Abwege einer neuen Scholastik. Sie waren eben Theologen und wußten darum über Gottes Wissen und Wirken mehr, als unsereiner sich träumen läßt. Wie sie die psychologische Tätigkeit Gottes (Vorwissen, Vorsatz und Ausführung), wie sie seine regierende Tätigkeit einteilten, das ist heillose Begriffsspalterei; es gibt da im Walten der Vorsehung ein Ordinarium und ein Extraordinarium, was recht bedenklich an die oft auf Täuschung berechnete Einteilung des Budgets erinnert. Zum Glück für den Glauben kümmert sich das Volk nicht viel um solche Angehörigkeiten; es blieb bei seinem zudringlichen Gottvertrauen und hielt sich an das Kirchenlied von NEUMARK "Wer nur den lieben Gott läßt walten". Die Pietisten machten - wie gesagt den lieben Gott besonders zu einem Mädchen für alles; als FRANCKE mit der Stiftung seines Waisenhauses Erfolg hatte und dies unter ein speziellstes Extraordinarium der Vorsehung buchte, eigentlich doch ganz christlich, wurd das von den Orthodoxen gerügt, die eben mit Gott nicht auf so vertrautem Fuß standen. Und die Rationalisten, die den Pietisten nicht so entgegengesetzt waren, wie man gewöhnlich glaubt, machten den Vorsehungsglauben, wenn auch nicht den ganz plumpen, zu einem Teil ihrer Naturreligion. Nicht nur der in allen Sätteln gerechte LEIBNIZ, auch der in Freiheit tapfere LESSING erblickten eine Annäherung an Gottes Ziele in der Weltgeschichte; ROUSSEAU fühlte das Schicksal als den Willen einer Vorsehung, und selbst VOLTAIRE ließ diese Vorstellung gelten, bis das Erdbeben von Lissabon 1755 ihn stark machte, seinen unheimlichen und unwiderstehlichen "Candide" gegen den optimistischen Glauben an eine sittliche Weltregierung zu schreiben.

Insofern der Protestantismus höhere Bibelkritik und die unmetaphysische Philosophie Erkenntniskritik wurde, hätten beide darauf verzichten müssen, den Vorsehungsbegriff zu behandeln, der der Lebenserfahrung widersprach und in logischer Beziehung noch widerspruchsvoller war. Die Aufgabe war jedoch von der Kirche und daher auch von den Staatsbehörden gestellt, und so versuchten sich Theologen und Philosophen eifrig oder schamlos an ihrer Lösung. Die Schultheologie und die Schulphilosophie hielten es nicht uner ihrer Würde, die alten Haarspaltereien wieder aufzunehmen und mit Schlußfiguren sophistisch beweisen zu wollen, was den frommen Christen von jeher schlichte Andacht und kindliche Sehnsucht gewesen war. Anstatt bescheiden zu beschreiben und zu berichten, als eine seelische Erscheinung, wie der gläubige Christ sich durch die Vorstellung einer allweisen und allgütigen Vorsehung in diesem Jammertal von Elend und Sünde zurechtfand, wie er so seine Sehnsucht innerlich erlebte und das Irdische überwand, wollten diese Sophisten ein Dogma, das für sie gar nicht da war, theoretisch demonstrieren, wollten Naturnotwendigkeit, Willensfreiheit und Vorsehung zusammenmischen und die Theodizee gegen den Augenschein aufrecht halten. Sie wollten nicht zugestehen, daß es für keine Wissenschaft eine Theodizee oder eine Vorsehung geben kann, nicht für die Geschichte und nicht einmal für eine logisch anständige Theologie. Auch die Schulphilosophie sank in diesem Wettbewerb auf eine sehr niedrige Stufe hinab. Was bei uns namhafte Philosophieprofessoren, in Frankreich BOUTROUX (auch BERGSON dürfte noch auf diesen Weg gelangen) über die begriffliche Vereinigung von Naturgesetz und Vorsehung mit scheinbarer Freiheit vorgetragen haben, das würde in seiner ganzen Unwürdigkeit kenntlich werden, wollte man die Gedanken nach Gebühr in das scholastische Latein des Mittelalters zurückübersetzen, woher sie geholt sind.

Da war SCHLEIERMACHER, der frivole Offiziosus des "christlichen Glaubens", beinahe noch moderner, da er die Religion als ein Gefühl definierte, als das Gefühl der "schlechthinnigen Abhängigkeit", und so eine Tür für sich offen ließ, um vielleicht unter vier Augen erklären zu können, eine Tatsache wäre durch ihre Abhängigkeit von Gott nicht unabhängig vom Naturzusammenhang, d. h. doch wohl: er fände keinen Unterschied zwischen Gott und Natur.

Die frommen Geschichtsschreiber des Atheismus haben nun nicht nur die Leugner der Vorsehung, sondern auch die Leugner der Wunder zu Atheisten gemacht, wieder mit einigem Recht; aber sie haben die Apologie des Wunderglaubens in einem besonderen Kapitel untergebracht und dabei übersehen, daß jede Äußerung der göttlichen Vorsehung ein Wunder ist, daß also ein besonderes Eingreifen der Vorsehung anzunehmen keine Ursache hat, wer vom Dasein der Wunder überzeugt ist; so oft der alte Zauberer einen Finger rührt, von selbst oder auf ein Gebet hin, tut er Wunder.

GOTTFRIED KELLER hat einmal ("Grüner Heinrich" III. Seite 19) so ein Wunder den "theatralischen Fall" der allgemein angenommenen Hilfe Gottes genannt; wirklich besteht gar kein begrifflicher Unterschied zwischen dem alltäglichen Walten der Vorsehung, die einem frommen Mann oder einem gläubigen Volk das Leben erleichtert, und den außerordentlichen Fällen, in denen Tote erweckt und Lebensmittel in Rosen verwandelt werden. Und wie die Vorsehung, so entspricht auch das Wunder völlig dem vorwissenschaftlichen Weltbild der alten Juden und der ersten Christen; mit den gleichen Mitteln, mit denen der alte Zauberer die Welt aus Nichts hervorgebracht hat, erhält und regiert er sie auch; die Naturkräfte sind Gesetze seiner Willkür, sind Wunderkräfte. Es läuft fast nur auf einen bequemen Sprachgebrauch hinaus, wenn man die alltäglichen Gaben Gottes unter dem Ordinarium, die seltenen und auffallenden Gunstbezeugungen unter dem Extraordinarium des göttlichen Budgets verrechnet.

Wunderbare, d. h. aller Erfahrung entgegengesetzte und darum unglaubliche Erscheinungen finden sich in der vorwissenschaftlichen Zeit überall, im Abendland wie im Morgenland, bei Geschichtsschreibern, Naturbeobachtern und Theologen. Auf dem Gebiet der Religionen naturgemäß besonders häufig, weil doch die Götter nicht einmal an den mangelhaft genug beobachteten Naturlauf gebunden sind. Selbst die Heilswunder, die der inneren Erfahrung angehören, waren den griechischen Mysterien nicht fremd; und der Volksaberglaube der antiken Welt war voll von überaus tollen Wundergeschichten. Die fabelhaften Überraschungen, von denen die christlichen Heiligenlegenden wimmeln, in solchem Übermaß, daß nicht nur Modernisten eine Säuberung des heute noch üblichen Breviers für nötig halten, fallen uns nur darum so auf, weil die Quellen aus den ungebildeten Kreisen des Altertums nur sickern, die Quellen aber aus dem wissenschaftlich ebenso ungebildeten Mittelalter überreichtlich fließen. Das Wunder ist auch des Volksglaubens liebstes Kind. Nun war die katholische Kirche wieder einmal ganz folgerichtig und eigentlich tapfer, da sie dem Volk diese Fabeltiere mit Haut und Haar zu verspeisen gestattete. Die geistigen Führer der Kirche waren um eine Begründung umso weniger verlegen, als ihnen damals noch naturgesetzliches Denken fremd ear und es ihnen schon darum auf ein Mehr oder Weniger nicht ankommen konnte. AUGUSTINUS half sich mit dem vernünftigen Satz, daß ein Wunder nicht gegen die Natur geschieht, sondern nur gegen die uns bekannte Natur; also - wenn man von einem Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Naturwissen absehen will - mit dem scheinbaren Agnostizismus, der in unseren Tagen die Okkultisten, Spiritisten, Theosophen rüstige Anstalten zu einer neuen Religionsgründung treffen läßt. Der heilige THOMAS, der große Systematiker, half sich schon mit gelehrter Schlauheit. Ein Wunder sei, was von Gott außerhalb der uns bekannten Ursachen, außerhalb der Naturgewohnheit geschieht; innerhalb der von Gott bestimmten Naturgesetze seien die Wunder so ungefähr Ausnahmegesetze. Einige scholastische Distinktionen kamen hinzu, und dabei ist die katholische Kirche bis zur Stunde stehengeblieben. Der einzig mögliche Standpunkt, wenn man den Wunderglauben nicht fallen lassen will.

Die Reformation war wieder einmal nicht folgerichtig und verstrickte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, jemehr sie sich vor der Wissenschaft schämte, mehr und mehr in abenteuerliche Unmöglichkeiten. Da sie die Verehrung der Heiligen aufgab, brauchte sich sich mit der ganzen Masse der Heiligenwunder nicht abzuschleppen; auch fügte sie sich in die Zeit, und selbst LUTHER gab zu, daß neuerdings keine rechten Wunder mehr geschehen; er hatte kein Bewußtsein davon, daß die Greuel von Teufeln und Hexen, an die er glaubte, den Heiligenlegenden an Wunderbarkeit nicht nachstanden. Umso fester hielt sich die Reformation zunächst an die alten Wunder, die durch Gottes Wort verbürgt wurden; und an das umfassende Wunder der Offenbarung selbst. In der Hauptsache war also die Reformation zunächst katholisch geblieben. Als aber die protestantische Scholastik nicht mehr aufrecht zu erhalten war, als die gebildeten Theologen Kompromisse mit der jeweiligen Naturwissenschaft schlossen, verriet sich die langsame Selbstzersetzung des Protestantismus besonders deutlich in der unehrlichen Behandlung des Wunderglaubens. Was heutzutage darüber von den Halben vorgetragen wird, um weder bei der Kirche noch bei der Wissenschaft anzustoßen, das muß ich doch recht unhöflich eine Affenschande nennen. Dem Wort  Wunder  wird Gewalt angetan; man redet sehr vornehm und geistig, als handle es sich gar nicht darum, ob MOSES (vom neuen Testament zu schweigen) einen Holzstab in eine lebendige Schlange verwandelt hat oder nicht, als handle es sich einzig und allein um eine innere Wundererfahrung. Der psychologische Vorgang des Glabens oder des Gebets sei das wahre Wunder. Der Wunderbegriff wird in eine poetische Metapher aufgelöst. Aber das dicke Ende kommt nach. An die Wunder der Metamorphosen des OVID braucht ein gebildeter Mensch selbstverständlich nicht zu glauben; wohl aber hat er zu glauben oder glaubt er - das Sollen wird verschleiert - an die Wunder, die Gottes Wort an die Stiftung der Religion knüpft, welche heute noch die herrschende ist. Kurz (was die Herren freilich nicht so eindeutig sagen): unser Glaube allein ist kein Aberglaube und alles Wirkliche ist vernünftig. Eine Kritik an der Wahrheit der biblischen Wundergeschichten wird nicht geradezu abgelehnt; aber die Kritik wird dadurch unwirksam gemacht, daß die Herren sagen: Wer das Dasein der Wunder leugnet und Gründe für sein Leugnen beibringt, der ist an die Frage bereits mit einem Vorurteil herangetreten. Daß diese Wunder sich in der Vorzeit ereigneten und sich jetzt nicht mehr wiederholen, das spreche erst recht für die Wahrheit der Wunder. Die Herren kennen Gottes Absicht wieder genau: er habe einer wundersüchtigen Zeit mit Wundern kommen müssen, um sie zur wahren Gotteserkenntnis zu erziehen; Gott habe sich eben (diese Leute bemerken die Blasphemie gar nicht!) dem geschichtlich gewordenen Zustand der damaligen Menschheit angepaßt - wie ein heutiger Theologieprofessor der Wirklichkeit, die immer vernünftig ist. (Diese Anpassung der göttlichen Vorsehung an die Kulturstufen der Menschheit wird gern durch eine Berufung auf LESSING unterstützt; man vergißt dabei, daß LESSING in seiner "Erziehung des Menschengeschlechts" das Lehrbuch des Alten und das des Neuen Bundes nur in Kauf nahm, um das dritte Reich verkünden zu können.) Nun hätte ja die erzieherische Anpassung Gottes an das Jugendalter der Menschheit auch darin bestehen können, daß die Zeugen der biblischen Wunder sich das alles nur einbildeten; die psychologische Erziehungskraft der geglaubten Tatsachen hätte darum nicht geringer zu sein brauchen; dann hätte man aber auch das Wunder der Offenbarung unter die Einbildungen oder Selbsttäuschungen rechnen müssen, dazu einige Wunder der Christologie, und das alles wollten die Halben doch festhalten. Sie lehrten also fröhlich weiter: die Naturgesetze gelten gegenwärtig, haben aber nicht immer gegolten. Und noch schlimmer, bald unehrlicher, bald törichter, sind die Sophismen, mit denen die Halben solche alte Wunder gegenüber der modernen Anschauung von der Unverbrüchlichkeit der Naturgesetze erklären wollen; es ist zum Schreien, wenn sie mit Psychologie und Erkenntnistheorie vorgehen und sich dann plötzlich wie auf der Kanzel eines Bibelverses als eines Beweises bedienen. Die Naturgesetze seien, was zu leugnen ich der letzte wäre, nur menschliche Formeln; der Mensch benütze diese Gesetze für seine Zwecke. Nun aber wird der Kopfsprung gemacht und behauptet: noch freier als der Mensch stehe Gott den Naturgesetzen gegenüber; er sei der Gesetzgeber, könne seine Gesetze wieder aufheben, könne aber vor allem die Gesetze, die er besser versteht als irgendein Mensch, zu neuen und überraschenden Erscheinungen verwenden. Und zuletzt wird das Wort Gottes zu einem Zauberspruch, der je nach den Umständen körperliche oder seelische Verwandlungen hervorruft.

Auch bezüglich der Wunder haben sich einzelne Philosophen der Zeit angepaßt, wie Gott den Kulturstufen der Menschheit. LOTZE ist in dieser Nachgiebigkeit nicht am weitesten gegangen, soll aber hier als warnendes Beispiel stehen, gerade weil man ihm die Bemühung anmerkt, mit der Kirche einen Frieden zu schließen, ohne sich zu unterwerfen. Sein "Mikrokosmus" steht in hohem Ansehen und ist doch nur ein hübsches Lesebuch für hochgebildete Beschränktheit. Er hat sich da (Bd. II, Seite 44f) mit dem Begriff des Wunders in der Weise auseinandergesetzt, daß er ihn der angenommenen Einheit der Natur entgegenstellt, ihn also eigentlich rundweg ablehnen müßte. Er sagt auch ausdrücklich, man würde die Kompensation der Störungen im Naturlauf gleich sehr mißverstehen,
    "sowohl wenn man sie nur für eine im Fortarbeiten jedes Mechanismus sich von selbst verstehende Erhaltung der Ordnung ansähe, als wenn man in ihr eine von oben her eingreifende, dem Mechanismus gänzlich fremde Wiederherstellung dieser Ordnung vermutete."
LOTZE nimmt also, was für das geschlossene System eines Organismus sicherlich angeht, aber für die gesamte Natur sehr bedenklich ist, eine Naturheilkraft an, die von selber bessernd eingreift; er konstruiert sich das Vorkommen von Wundern, die mehr sein sollen als bloß ungewöhnliche Erscheinungen, doch auch weniger sein sollen als bloß ungewöhnliche Erscheinungen, doch auch weniger als eine völlige Durchbrechung der Naturgesetze.
    "Die wunderbar wirkende Macht, welche sie auch sein mag, richtet sich nicht unmittelbar gegen das Gesetz, um seine Gültigkeit aufzuheben, sondern indem sie die inneren Zustände der Dinge durch die Kraft ihres inneren Zusammenhangs mit ihnen (?) ändert, verändert sie mittelbar den gewohnten Erfolg des Gesetzes, dessen Gültigkeit sie bestehen läßt und fortdauernd benutzt."
Die Macht, "welche sie auch sein mag", wirkt also mittelbar auf die innere Natur, die durch den "Sinn der Welt" bestimmbar ist. Ob dieser Konstruktion eine Wirklichkeit entspricht und  welcher  Kraft die "Berechtigung" zum Wundermachen zuzschreiben ist, will LOTZE nicht entscheiden. So ungefähr sagt das der Pfarrer auch, nur mit schlichteren Worten.

Die Aufklärung hat den Wundern von jeher ihre Anerkennung versagt; häufig nur in der Weise, daß sie die Berichte allegorisch oder sonstwie umzudeuten suchte. Selbstverständlich stellte sich LEIBNIZ auf die Seite des Wunderglaubens, und das zu einer Zeit, als SPINOZA den Wunderbegriff schon kritisch vernichtet hatte. Nur den Begriff, mit Hilfe seiner begrifflichen Abstraktion. Gott und Natur seien dasselbe; Ereignisse gegen die Natur seien also Ereignisse gegen Gott; das Wunder sei also unmöglich. Diese Beweisführung genügte den Freidenkern, war aber zu metaphysisch und zu theologisch, um in einer Zeit überdauern zu können, die der Metaphysik und der Theologie nicht mehr vertraute. Die Axt an die Wurzel des Wunderglaubens schien erst der starke HUME zu legen, da er an die Wunderberichte den gleichen Maßstab anlegte, wie an andere geschichtliche Nachrichten. Die Wunder seien so unwahrscheinlich, daß die Zeugnisse für ihre Wahrheit stärker sein müßten als die Zeugnisse von wahrscheinlicheren Begebenheiten.

Über diese Wahrscheinlichkeitsrechnung HUMEs hinausgehen kann nur eine sprachkritische Beleuchtung der aufdringlichen Begriffe "Wunder" und "Vorsehung".

Schon bei substantivischen Gestalten des Glaubens (Götter, Teufel, Engel, Hexen) ist es eine ungehörige Zumutung der Gläubigen, von den Nichtgläubigen den Erweis der Nichtexistenz solcher Personen zu verlangen; die Beweispflicht ist bei der bejahenden Partei, und diese hat eine solche Pflicht durch endlose Beweisversuche anerkannt. Das Wunder ist keine Person, ist nur ein angeblicher Vorgang, aber der Erweis der Wahrheit müßte ebenso der bejahenden Partei zugeschoben werden. Dazu kommt jedoch, daß es einen Vorgang wie ein Wunder in irgendeiner Wirklichkeitswelt objektiv gar nicht geben kann; nur subjektiv könnte der Mensch diese Bezeichnung gebrauchen, und zwar für einen Vorgang, der gut beobachtet ist und über den er sich trotzdem "wundert". (1) Auf die richtige Beobachtung trifft die Kritik HUMEs zu; es gibt in der ganzen Religions- und Weltgeschichte keinen widernatürlichen Vorgang, der so einwandfrei bezeugt wäre, daß ein vorurteilsloser Mann ihn glauben müßte. Was aber das Wundern betrifft, so ist dieser Geisteszustand des Beobachters ohne Frage von einem Weltbild abhängig, das ihm nach der allgemeinen und der persönlichen Beschaffenheit der Naturerkenntnis geläufig ist; es hat nachweisbar Zeiten gegeben, in denen gerade die besten Köpfe sich über den Blitz und das Aufflammen von Holz, über die regelmäßige Wiederkehr der Jahreszeiten, über Geburt und Tod, über die seltsamen Beziehungen im Zahlensystem wunderten, und alle diese Sachen dem Einfluß übernatürlicher Kräfte zuschrieben. Alle diese Erscheinungen waren solange Wunder, bis ihre natürlichen Ursachen mehr oder weniger erkannt wurden und so  gegen  den Wunderglauben ins Treffen geführt werden konnten. Das Wunder ist also, geschichtlich genommen, ein relativer Begriff, ein Korrelatbegriff zum Naturerkennen; man nannte "Wunder", was noch nicht begreiflich war, und der Umfang des Unbegreiflichen wurde immer kleiner, wenn man davon absah, daß auch die Begreiflichkeit nur wieder ein relativer Begriff der armen Menschensprache ist. Objektiv aber, positiv, ist der Wunderbegriff unfaßbar, unmöglich. Für den Gottlosen fallen - um es wieder anders auszudrücken - diese Handlungen eines Gottes, der außerhalb der Weltordnung stünde, von selber fort. Der Gläubige muß sich aber sagen oder uns zugestehen: bei Gott ist nichts unmöglich, es ist also schon eine Ketzerei oder eine Sünde, von einem Wunder zu reden, sich über irgendetwas zu wundern; die Weltschöpfung aus dem Nichts, die Offenbarung eines unkörperlichen Wesens an körperliche Menschen, die nur durch ihre Sinnesorgane Mitteilungen erhalten können, widersprechen den für Naturgesetze erklärten Regelmäßigkeiten viel stärker als etwa die erstaunlichsten Heilungen oder Verwandlungen, und dennoch gehören Schöpfung und Offenbarung zu den wichtigsten Tatsachen der göttlichen Weltordnung; einerlei, ob Gott heute noch als Wundertäter aktiv ist oder nicht, die sogenannten Wunder gehören zur Ordnung seiner Welt, und nicht die Gottlosen, sondern die Frommen sollten sich vor dem Gebrauch des Wortes Wunder hüten; Gott kann keine Wunder tun, weil alles, was er tut, zur Weltordnung gehört; wer das leugnet, wer also von Wundern redet, der weiß nichts von Gott. Mit einiger Heiterkeit könnte ich zeigen, daß diese Aufdröselung des Wunderbegriffs im wesentlichen mit der Wunderlehre des heiligen THOMAS zusammentrifft; nur daß THOMAS trotzdem jedes, aber auch jedes Wunder glaubte.

Leichter scheint es mir, die Unfaßbarkeit, die Undenkbarkeit des Vorsehungsbegriffs zu sehen, schwerer, sie aufzuzeigen; wenn dieser Begriff dennoch für Millionen und Abermillionen meist ganz ungelehrter Leute denkbar und sogar ganz einfach scheint, so spricht das weniger gegen meine Kritik, als gegen das Denken oder Sprechen dieser Leute, d. h. der Menschen überhaupt. Da ist zunächst zu beachten, daß der Volksglaube - natürlich unter Billigung der Theologie - mit gewohnter Realisierungssucht die drei Bilder der Welt (2) durchschritten hat, um aus einer Eigenschaft eine Tätigkeit und aus der Tätigkeit eine Person zu machen. Ich bitte mir aufmerksam zu folgen. Die alte  providentia  war zwar nach der Wortform bereits so etwas wie eine personifizierte Tätigkeit, aber es lag dem Altertum fern, sich unter dem Wissen oder gar dem Vorwissen Gottes eine Geistestätigkeit vorzustellen, wie das die Menschenpsychologie nötig macht; zum Wissen und nun gar zum Vorwissen gehört eine ungeheure Arbeitsleistung an Beobachtung und Schlußfolgerung. Eine solche Tätigkeit mutet aber der Fromme seinem Gott gar nicht erst zu. Das Wissen und Vorwissen ist für den Frommen eine  Eigenschaft  Gottes, die noch an gar keine Tätigkeit geknüpft ist; es gehört zum Wesen oder zum Zustand Gottes, allwissend zu sein. Seine Person hat diese Eigenschaft. Und das scheint mir die erste Unfaßbarkeit im Vorsehungsbegriff zu sein. Wir stellen uns Gott nach dem Menschenbild vor und Gott sieht keinem Menschen ähnlich. Wir erkennen den adjektivischen Charakter von Gottes Vorsehung besser, wenn wir das Wort "witzig" in der veralteten Bedeutung (klug) verwenden und so Gott "allwitzig" nennen wollen; ohne Gehirnarbeit weiß er alles, was in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft irgendwie geschieht, sieht alles voraus; unverständlich ist es nur, wie er ein künftiges Ereignis zugleich vorauszusehen und zu ändern vermag. Da ist doch das antike Fatum, das voraussieht, aber nicht ändert, eine viel logischere Gottheit; freilich hatten Gebete zu ihr keinen Zweck, weil sie eben nicht erhören konnte.

Das Bedürfnis nach einer erhörenden, einer das Fatum ändernden Gottheit mochte dazu führen, der Vorsehung, die eigentlich eine Eigenschaft Gottes war, eine  Tätigkeit  beizulegen, übrigens (der Sperling, die Haare auf dem Kopf) eine bis zur Würdelosigkeit vielseitige Geschäftigkeit. Dieser Gott hat sich nach dem Volksglauben wie nach der Theologie in alles hineinzumischen; er ist tätig beim Wüten des Sturms und bei entscheidenden Völkerschlachten, beim Reifen des Korns und bei der Frage, ob die Brotschnitte auf die Butterseite fällt. Er ist unaufhörlich wundertätig und überall zugleich. Abgesehen nun von den Unfaßbarkeiten, was da noch ein Wunder ist und sich wie ein Vorherwissen mit einer Änderung des Fatums verträgt, ist diese ganze Wundertätigkeit Gottes durchaus anthropomorphisch vorgestellt; wird aber Gott erst zu einem so menschenähnlichen Wesen gemacht, dann läßt sich seine Ruhe oder gar seine Seligkeit mit einer solchen verteufelten Zauberhetze nicht vereinigen.

Schließlich haben Volksglauben und Theologie, vielleicht ohne diese Schwierigkeiten zu beachten, aus der Vorsehung ein  Substantiv  gemacht, eine Person. Der Gläubige verläßt sich auf die Vorsehung wie auf eine besondere hilfreiche Gottheit. Da diese Vorsehung jedoch in einer monotheistischen Religion nicht ein besonderer menschenfreundlicher Gott sein kann, etwa ein Gegenteufel, so fällt die Vorsehung mit dem lieben Gott zusammen, dem Schöpfer des Himmels und der Erden. Und da meldet sich als letzte Unfaßbarkeit die uralte Frage, die man in unzähligen Theodizeen immer vergebens zu beantworten versucht hat: Wie konnte ein Gott mit so vielen Alleigenschaften eine solche Pfuscherarbeit leisten? Wie konnte er eine Welt schaffen, in welcher einerseits die eherne Kette der Notwendigkeit eine Vorsehung, d. h. ein Vorherwissen möglich macht, in der andererseits ohne unaufhörliches Eingreifen der Vorsehung, d. h. einer wunderbaren Hilfeleistung, der Jammer und das Elend unerträglich wären? Nur Theologen können sich da zurechtfinden.

Etwas anders gestaltet sich die Frage sprachlich, wenn wir den Wunderbegriff nicht mehr einseitig logisch, sondern psychologisch untersuchen. Die Sehnsucht nach dem Wunderbaren ist zu tief in der armen menschlichen Natur begründet, als daß nicht bei allen Völkern der Glaube an Wunder hätte entstehen müssen. Zwischen dem Wunder der christlichen Religion aber und dem Wunderbaren in der Vorstellung anderer Gemeinschaften ist doch der wesentliche Unterschied, daß die Christenlehre  gegen  die Vernunft Wunder zu glauben befiehlt, anderswo jedoch das Erstaunliche oder Wunderbare mit dem übrigen Volksbewußtsein nicht in Widerspruch gerät. Man achte auf den psychologischen Bedeutungswandel des Wortes und seiner Ersetzungen.

Im Lateinischen hieß  portentum  (von  portendere = ankündigen) wirklich nur das Vorzeichen, das Wunderzeichen, wie dann auch im Altertum der Glaube an die Möglichkeit von Prophezeiungen zur Seelensituation aller Menschen, mit wenigen Ausnahmen, gehörte; aber  portentum  glitt bald nach abwärts in die Bedeutungen  Erdichtung, Mißgeburt, Ungeheuer, Abschaum  hinein. In die modernen Sprachen ist das andere Wort  miraculum  (von  mirari = sich wundern) steht sogar noch bei Kirchenschriftstellern für das substantivische Staunen und für den Gegenstand des Staunens; die "sieben Wunder", die erstaunliche Menschenwerke waren, sind in unsere Schulsprache übergegangen. Die deutsche Lehnübersetzung ist sehr belehrend. "Sich wundern" entspricht völlig dem lateinischen  mirari;  auch "Wunder" bezeichnet (allgemein noch heute im Alemannischen) den Zustand der Verwunderung. "Wunderhalber" = "um der Seltsamkeit willen" nähert sich dem Sinn von "ausnahmsweise" (PAUL). Die Redensart "das nimmt mich Wunder" heißt nichts weiter als "dessen ergreift mich Verwunderung".

Gegenstände nun und Ereignisse, über die der Mensch ihrer Seltenheit oder Seltsamkeit wegen staunt oder sich verwundert haben nicht aufgehört, sind nur in unserer Zeit des allgemeinen Schulunterrichts scheinbar nicht mehr so zahlreich wie früher. Gegenstände und Veränderungen, über die man sich in einem höheren Sinn verwundert, daß man die Unbegreiflichkeit ihrer letzten Ursachen zugeben muß, haben sich wiederum gerade für den Höchstgebildeten vermehrt, seitdem die Erkenntniskritik uns gelehrt hat, uns mit dem Rationalismus nicht zu begnügen, Beschreibung mit Erklärung nicht zu verwechseln. Just die Wissenschaft stößt am Ende überall auf das Wunder der Unbegreiflichkeit.

Im Gegensatz dazu ist das Wunder der christlichen Theologie für jedes Kind begreiflich; man braucht nur übernatürliche Ursachen, den Willen Gottes oder des Teufels, anzunehmen und hat neben den natürlichen Wundern, die uns rings umgeben, eine zweite Welt von Wundern, die uns nur erzählt werden. Sicher ist, daß diese Gottes- und Teufelswunder nur aus alter Zeit berichtet werden; was heute davon noch gelegentlich vorkommt, wird ja gar nicht mehr geglaubt. Sicher ist ferner, daß jene Art von Wundern mit dem Aufkommen der historischen Kritik und mit dem Wachstum der naturwissenschaftlichen Erfahrung fast aufgehört hat. Sicher ist schließlich, daß der Glaube an die ersten christlichen Wundert (Heilung von Kranken, Auferweckung von Toten, Austreibung von Teufeln) zur Festigung der jungen Religion und zur Propaganda unter leichtgläubigen Heiden beigetragen hat; die Kirche selbst scheint geneigt zu sein, das Vorkommen der Wunder auf die Zeit ihrer historischen Zweckmäßigkeit einzuschränken, da sie das Nachlassen dieser Wundergabe nach dem Sieg des Christentums nicht leugnet. (Besonders protestantische Theologen knüpfen dieses Versiegen der Wunderkraft an das letzte Wunder, das die Bekehrung von KONSTANTINUS veranlaßte; andere Kirchenhistoriker denken an das Ableben der Apostel oder an die Ausrottung der arianischen Ketzerei.)

Niemand wird von mir erwarten, daß ich zu den durchaus theologischen Fragen Stellung nehme, ob es diese übernatürlichen Wunder gegeben hat, ob  Moses  seine Wunder mit Gottes und der ägyptische Priester die seinen mit des Teufels Hilfe vollzogen hat. Für mich ist das übernatürliche Wunder wieder nur ein Wort, dessen Vorkommen in der Gemeinsprache nicht beweist, daß dem Wort irgendetwas in der sogenannten Wirklichkeit entspricht. Nur über die psychologische Geschichte des Begriffes oder Wortes, über das Wunderbedürfnis habe ich mich zu äußern, wie bei den Begriffen  Gott  und  Teufel;  auch beim Wunderbegriff nur anzugeben, wie er vom skeptischen Geist langsam überwunden wurde und im Zeitalter des Deismus schließlich verblaßte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß das katholische Mittelalter überaus wundersüchtig war, aber nicht um des Katholizismus willen, sondern eben weil es das Mittelalter war. LECKY sagt sehr hübsch: die Nachfrage nach Wundern sei grenzenlos gewesen und das Angebot habe der Nachfrage entsprochen. Ich verzichte auf den wohlfeilen Erfolg, aus den Legenden über die wohl 25 000 Heiligen, deren Lebensgeschichten fast alle erst im Mittelalter entstanden sind, wunderbare Züge zusammenzustellen, die beim Leser ein allzu selbstgerechtes Lachen hervorrufen könnten.

Die protestantische Kirche war gar nicht konsequent, unterstützte eigentlich den schlimmsten und gefährlichsten Aberglauben, als sie das Aufhören der Gotteswunder lehrte und die (gewöhnlich durchaus moralischen) Heiligenlegenden gerade um ihrer zudringlichen Wunder willen nicht glaubte, dagegen die (fast immer sehr unmoralischen) Teufelswunder und Hexenlegenden anerkannte. Diese Inkonsequenz ist umso verwunderlicher, als bei den Begründern des Protestantismus außer der Heiligen Schrift auch die wunderschwangeren Kirchenväter in hohem Ansehen standen. Immerhin waren die Begründer des Protestantismus schon so weit kritisch und naturwissenschaftlich geschult, daß sie moderne Wunder (immer mit Ausnahme der Hexenzaubereien) nicht mehr zugaben und so bei protestantischen Denkern und Historikern die Stimmung erzeugten, die schließlich auch den Glauben an die alten Wunder in Schimpf und Ernst bekämpfte.

Der wirksamste Bekämpfer des psychologischen Wunderglaubens war JOHN LOCKE, der eben auch der philosophische Vater des Deismus war, der Denker, von dem alle Verteidiger der Vernunftreligion ihre besten Waffen holten; das ist für England umso bemerkenswerter, als noch der große NEWTON, LOCKEs jüngerer Zeitgenosse, als ein guter Christ den Glauben an die Wunder der ersten Jahrhunderte festzuhalten suchte. Noch bemerkenswerter ist aber der Gedankengang, der den Erneuerer unserer Psychologie dazu führte, auch die Wahrheit der alten Wunder zu kritisieren.

Die Theologen hatten nämlich, um die Verfolgungen um des Glaubens willen zu rechtfertigen, die abscheuliche Behauptung aufgestellt: in den Jahrhunderten vor KONSTANTINUS hätte Gott die Bestrafung und Vernichtung der Ungläubigen durch Wunder bewirkt; alsdann wäre das Christentum zur Staatsreligion geworden, die Wunder hätten als überflüssig aufgehört und Inquisition, Ketzerverfolgung und jede Unduldsamkeit fiele als Erbe dem christlichen Staat zu. Gegen diese nichtswürdige Theorie hatte sich (allerdings erst nach BAYLE) also LOCKE zu wenden, als er seinen bis in die Gegenwart nachwirkenden Brief "On Toleration" schrieb; es ist verrückt, aber es ist so: ein freier Geist wie LOCKE mußte sich auf den theologischen Standpunkt stellen und die alten Wunder aus dem Plan der Vorsehung löschen, wollte er logisch und psychologisch die Ansicht bekämpfen, daß die blutigen Glaubensverfolgungen im Plan der Vorsehung liegen.

Während nun LOCKEs Philosophie auf dem Kontinent die reichsten Früchte trug, in Frankreich den Übergang zum politischen Liberalismus, zum psychologischen Sensualismus und zum religiösen Indifferentismus bildete, in Deutschland den immer eifersüchtigen LEIBNIZ sehr stark beeinflußte, mischten sich in England die politischen und religiösen Parteien so sehr, daß gerade in LOCKEs Heimat die Wirkung auf die öffentliche Meinung zunächst verfälscht wurde. Er war sich selbst untreu gewesen als er die Toleranz mit theologischen Gründen verteidigte; die Theologen gewannen die Oberhand und konnten sich gelegentlich gegen die Nachfolger LOCKEs, gegen die Prediger einer Vernunftreligion oder die Deisten, LOCKEscher Argumente bedienen. Das werden wir an einer anderen Stelle sehen. Nur in einem Punkt kamen die Freidenker und einige radikale Theologen einander nahe, darin nämlich, daß man allgemein anfing, auch die Wunder der ersten christlichen Jahrhunderte und somit die Zuverlässigkeit der Kirchenväter in Zweifel zu ziehen. Man trennte sich bald wieder. Der Weg der Freidenker führte weiter in unchristlichen Deismus, hinter welchem, sich doch bei vielen ein vorsichtiger Atheismus verbart; der andere Weg führte zu einem vermeintlich evangelischen, in Wirklichkeit ganz traditionslosen Festhalten am starren Bibelwort. Wir haben nur den konsequenten negativen Gedankengang der Freidenker zu verfolgen.

CONYERS MIDDLETON († 1750) hatte schon 1729 - im Gegensatz zu anderen Engländern - den Katholizismus nicht so sehr als Fälschung des Christentums bekämpft, es vielmehr als eine Rezeption des Heidentums gut historisch betrachtet; er machte zuerst Ernst damit, die sogenannte heilige Geschichte ebenso kritisch zu prüfen wie die Profangeschichte. Im Jahre 1748 erschien dann sein grundlegendes Werk:  Inquiry into the miraculous powers  etc. Dieser konsequenz deistische Theologe wagte es da einfach, den Glauben an die Wahrhaftigkeit der wundersüchtigen Kirchenväter zu erschüttern. Er ging in doppelter Beziehung noch weiter. Auf dem Boden des rationalistischen Zeitalters, das immer schroffer (neuerdings, nach seinem Vorgehen) jede Religion und jeden Aberglauben als das absichtliche Werk abgefeimter Betrüger betrachtete, bezichtigte er die Kirchenväter einer systematischen und bewußten Geschichtsfälschung und ließ schon damals durchblicken, daß solche Fälschungen in eine noch ältere Zeit zurückreichten. (In den nachgelassenen Schriften von CONYERS MIDDLETON findet sich schon der Verdacht, die Evangelisten seien nicht inspiriert und auf die Wahrheit nicht genügend aufmerksam gewesen.) Die Schrift erregte ungeheures Aufsehen. Natürlich stellte sich die Universität Oxford dem Ketzer entgegen, wie dann auch in Frankreich die Sorbonne - früher die Verteidigerin des ARISTOTELES gegen DESCARTES - sich jetzt an die Spitze der Cartesianer gegen die Schüler LOCKEs stellte.

In England selbst haben berühmtere Männer als MIDDLETON seine Richtung weiter verfolgt. Der gottlose GIBBON scheint seine große Geschichte der römischen Kaiserzeit in der Hautabsicht geschrieben zu haben, die Legenden über die ersten christlichen Jahrhunderte zu zerstören; er rüttelt überall an der Glaubwürdigkeit der Kirchenväter, behandelt die Wunder der Heiligen des 4. Jahrhunderts mit höflichem Spott und geht an den Wundern der Apostelzeit und damit an der Begründung des Christentums mit merklicher Ironie vorüber; sein Werk wird heute noch in England mit Entzücken gelesen und darf auch von uns gerühmt werden, so vielfach es seitdem in Einzelheiten von der Detailforschung verbessert worden sein mag.

Viel tiefer, doch ebenfalls in der Richtung MIDDLETONs, drang der überlegene Erbe des LOCKEschen Geistes in die Frage ein, der Skeptiker HUME.

Die englischen Theologen, welche den Glauben an die Wahrheitsliebe und schließlich auch an jede Sittlichkeit der Kirchenväter zerstörten, hatten dabei mit mehr oder weniger Bewußtsein ihre Feindschaft gegen den Katholizismus bewiesen; hatte doch soagar der feine AUGUSTINUS mit seiner ganzen Autorität so viele Wunder aus seiner eigenen Zeit berichtet, daß wirklich nur das Dilemma übrig zu bleiben schien: entweder die Lehren der katholischen Kirche sind wahr oder selbst der heilige AUGUSTINUS war ein Fälscher. Ganz anders entwickelte sich die Logik der  Freidenker  gegenüber den Wundern. War nicht auch die Schöpfung der Welt ein Wunder? War nicht sogar jede Offenbarung, die erst durch die Wundertaten der Boten Gottes beglaubigt werden sollte, selbst ein Wunder für sich? Auf die kleinen Wunder der Märtyrer und Heiligen kann es gar nicht mehr viel an, wenn man die großen Wunder der Schöpfung und der Offenbarung glaubte. Noch war man den Wundern gegenüber nicht so übermütig frei wie in unseren Tagen, in denen ANZENGRUBER (im "G'wissenswurm") den frommen Bauern in seiner Not ganz einfach fragen lassen konnte, ob denn in der Bibel "nix Dummes geschrieben" sein könnte; aber man war doch vom Zweifel an der Wahrheitsliebe der Kirchenväter zu einem Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Bibel übergegangen. Eine neue vorurteilslose Bibelkritik setzte ein; nach der philologischen Bibelkritik SPINOZAs folgte die rationalistische Bibelkritik des 18. Jahrhunderts, und die streng historische Bibelkritik von DAVID STRAUSS und seinen Genossen machte den Beschluß. Aus dem neuen Glauben wurde das Wunder der Offenbarung und zuletzt das Wunder der Schöpfung ausgemerzt. Der kritische Protestantismus hatte den Begriff des Wunders untergraben und damit auch - oft ohne es zu wollen - den Gottesbegriff. Die katholische Kirche ist wirklich nicht im Unrecht - wobei ich mich freilich ihren Werturteilen nicht anschließe -, wenn sie behauptet, die Begründung des Protestantismus mit seiner Bibelkritik und mit seiner Verwerfung der Heiligen habe dem Atheismus die Wege geebnet; die katholische Kirche befürchtet ebenso mit Recht vom Auftreten der heutigen Modernisten ähnliche Folgen; ist es doch kein Zufall, daß die besten Engländer, welche zuerst Traktarianer waren (Anhänger PUSEYs) und dann Katholiken wurden, schließlich in das modernistische Lager übergingen.

Aber auch die Gemäßigten, die wohl auf alle Wunder, aber nicht auf den Gott der Deisten verzichten wollen, sogar die Eigenbrödler, die an irgendeinem fast nur noch individuellen Christentum festhalten, unterscheiden sich von den wahrhaften Christen der christlichen Zeit dadurch, daß ihre Gedanken nicht mehr theologisch gerichtet wind. Das Wunder war ein ganz volkstümliches Seelenbedürfnis der theologischen Zeit; sie ist vorüber, und das Wunder ist zu einem veralteten leeren Wort der Gemeinsprache geworden.

Die Leerheit des Wortes entbindet uns aber nicht von der Pflicht, seine Geschichte zu studieren. Wir sind so psychologistisch geworden und so vorurteilslos sprachkritisch, daß wir den Glauben an Gott und den Glauben an Wunder auch dann noch  begreifen  möchten, nachdem wir den einen und den anderen Glauben verloren haben. Und wir möchten am Ende noch klarstellen, daß der alte Gottesbegriff sehr eng mit dem Wunderbegriff zusammenhing, daß der deistische oder pantheistische, kurz der immanente, wunderfreie Gott gar nicht mehr der scheinbar so transzendente, in Wahrheit ganz persönliche und darum robuste, eigentlich materielle Gott des lebendigen Christenglaubes ist.

Als die englischen Deisten des 18. Jahrhunderts (und nach ihnen LESSINGs  Reimarus) vor dem Dilemma standen, die Wunder des Alten und auch schon des Neuen Testaments entweder allegorisch zu deuten oder für gemeinen Betrug zu erklären, da war LESSINGs Wort von den "betrogenen Betrügern" noch nicht geprägt, das also eine unbewußte Täuschung zuließ, da war eine psychologische Erklärung von Religionsentwicklungen noch nicht gefunden. Das ist der Punkt, wo wir Modernen in aller Gottlosigkeit religionsfreundlicher geworden sind als die radikaleren englischen Deisten waren und deren französische und deutsche Nachfolger. Es ist gar nicht daran zu zweifeln, daß die führenden Christen der ersten Kirche nicht nur die Wunder der unmittelbaren göttlichen Dazwischenkunft (die Schöpfung, den Stillstand der Sonne) glaubten, daß sie sich selbst sogar wunderbare Kräfte gegen den Teufel, gegen Krankheiten usw. zuschrieben. Kein Zweifel auch, daß viele Polytheisten ebenso wundergläubig und wundersüchtig waren und darum in den sehr wunderwirkenden Bund der Christen eintraten. Wie schon berichtet, herrscht in der theologischen Geschichtsschreibung ein Streit darüber,  wann  diese Wunderkraft in der christlichen Kirche nachgelassen oder aufgehört hat; daß keine Wunder mehr geschehen, wird allgemein anerkannt, wenn man nur von neueren Hintertreppen-Heiligen der katholischen Kirche absehen will. Die neuesten Wunder (Lourdes usw.) können neben den natürlichen Wundern der durch und durch naturwissenschaftlichen Gegenwart nur noch auf eine tiefe Unterschicht des Volkes Eindruck machen; die übrige Welt schreit Betrug oder geht mit einem Achselzucken weiter ihres gottlosen Weges.

Eine geringe Oberschicht nur glaubt zu wissen, daß die sogenannten natürlichen Wunder unserer Physik, Chemie und Technik zwar ebenso real sind, wie die übernatürlichen irreal waren, daß aber der Übergang der Bezeichnung "Wunder" auf diese schlauen Maschinen gar nicht unberechtigt war: daß es eine Begriffsähnlichkeit gibt zwischen den Wundern Gottes und den Wundern der Technik. Das möchte ich klarer, als es meines Wissens bisher geschehen ist, mir und anderen zum Bewußtsein bringen.

Für die katholischen und protestantischen Theologen ist DAVID FRIEDRICH STRAUSS der leibhaftige Satan, weil er mit der Bibelkritik wissenschaftlichen Ernst gemacht und das  Leben Jesu  (vor mehr als 80 Jahren) in einen Mythos aufgelöst hat. Der Wandel der Zeiten ist deutlich wahrzunehmen: in den ersten christlichen Jahrhunderten erschien die neue Religion besonders darum glaubhaft, weil an ihrem Stifter und durch ihren Stifter Wunder geschehen waren; in den zwei Jahrhunderten von den englischen Freidenkern bis auf STRAUSS erschienen alle die gleichen Tatsachen unglaubhaft, eben weil Wunder an sie geknüpft waren. Und als der böse Feind stand vor allem STRAUSS da, weil seine Kritik die gründlichste war. Man übersah aber oder wollte übersehen, daß STRAUSS damals den letzten Versuch gemacht hatte, das christliche Religionsgefühl psychologisch zu retten. Für die Freidenker des 18. Jahrhunderts waren alle Religionsstifter bewußte Betrüger gewesen, gemeine oder geistig hochstehende Betrüger, aber immer doch Betrüger. Diesem unhistorischen Gerede machte STRAUSS, 20 Jahre nach dem Auftreten des Historismus, dadurch ein Ende, daß er den Begriff des  Mythos  einführte und auch in der Religion die unbewußte Entstehung für die bewußte Erfindung einsetzte; was OTFRIED MÜLLER für die griechische Mythologie erkannt hatte, was vorsichtig schon auf die Mythologie des Alten Testaments angewandt worden war, das führte STRAUSS mit freier Kühnheit für die Mythologie des Neuen Testaments folgerichtig durch. Von Gottlosigkeit kann noch keine Rede sein. Der junge STRAUSS des "Leben Jesu" steht noch im Bann von HEGEL; er schaut noch gläubig zum Absoluten auf und das Absolute ist ihm so etwas wie der pantheistische Gott, durch welchen sich in den dreißiger Jahren die deutsche Aufklärung des 19. Jahrhunderts von der französischen Aufklärung des 18. wesentlich unterscheidet. Dort überall Spott, hier überall eine letzte Andacht für die christliche Heilslehre.

Erst mehr als ein Menschenalter später hat der zum Atheisten gewordene STRAUSS dem alten Glauben seinen neuen mechanistischen Glauben entgegengestellt: wir sind keine Christen mehr, wir haben eigentlich keine Religion mehr. Das kritische "Leben Jesu" war - wenn man von den Theologen absieht - mit Begeisterung aufgenommen worden; das reife und abschließende Bekenntnisbuch wurde von Theologen und Philosophen mit Nasenrümpfen abgetan und der edle STRAUSS starb in Verbitterung. Die gebildeten Deutschen, die heute den Monisten nachlaufen und die Naturnotwendigkeit an die Stelle des lieben Gottes setzen, haben 40 Jahre vorher noch an dem viel feiner begründeten Glauben das alten Stifters Anstoß genommen; freilich hatte STRAUSS seinen SPINOZA und seinen KANT gut verstanden und benützt, während die Monisten den großen Denkern nur einige unverstandene Zitate als Zierat entnehmen. Wir hoffen wirklich um eine ganze Stufe (um die Kritik der Sprache) höher zu stehen als STRAUSS, möchten uns darum aber doch nicht vermessen, auf ihn herunter zu blicken. Nur darzulegen, welche weitere Aussicht der um eine Stufe höhere Standpunkt etwa gewährt.

Man könnte von STRAUSS sagen, daß er die Wunder gegen die Natur für Mythen erklärt hat, aber beinahe anbetend vor den Wundern der Natur und den Naturwissenschaften steht. Auch bei ihm tritt an die Stelle eines wundersamen Gottes die notwendige Kette der Kausalität. Und hätte eine ehrliche Abstimmung unter den gebildeten Deutschen darüber zu befinden, was jetzt in Deutschland geglaubt werden soll, dieses Bekenntnis zu einer unentrinnbaren, wunderlosen Notwendigkeit des Naturverlaufs würde sich als die Grundlage der gegenwärtigen Weltanschauung herausstellen.

Auch wir - die persönliche Einzahl bei einem solchen Bekenntnis widerstrebt mir, wie sie STRAUSS widerstrebte - wissen wahrlich nichts mehr mit dem robusten, materiellen lieben Gott anzufangen, der den unentrinnbar notwendigen Naturverlauf, wann er will, durch ein Wunder unterbrechen kann. Wahrlich nichts mehr. Aber für uns sind einige Begriffe, ohne die wir die Kette der Kausalität nicht vorstellen können, ungefähr ebenso leer geworden, wie die Begriffe  Gott  und  Wunder.  Wir streiten nicht mehr über die  modi  der Substanz von SPINOZA, wie wir über die Eigenschaften Gottes nicht mehr streiten. Wir glauben nicht mehr den Kausalzusammenhang des Naturverlaufs dadurch erklärt zu haben, daß nach unserer Erfahrung Gleichförmigkeiten in den Erscheinungen vorkommen und wir für diese Gleichförmigkeiten den bildlichen Ausdruck "Gesetze" haben. Wir haben erkannt, daß wir immer heimlich an solche strenge, unentrinnbare Gesetze denken, wenn wir von der ehernen Kette der Notwendigkeit oder der Kausalität reden. Das Bild  Kette  ist ebenso falsch wie das Bild  Gesetz.  Verfolgen wir die Glieder der Kette von der Erscheinung an, die wir eben erleben, zurück zu ihrem Ursprung, so ist das letzte Glied jedesmal irgendetwas Luftiges, eben das Wort  Gesetz,  wenn so ein Luftglied nicht am Ende gar jedesmal zwei reale Glieder der Kette verbindet. Und mit einigem Schrecken werden wir uns dazu noch sagen müssen, daß auch die Kausalität auf einem ganz anderen Gebiet, auf dem des menschlichen Handelns, ebenso eine Kette mit einem Luftglied oder mit vielen Luftgliedern darstellt. Wir können nicht anders, wir müssen auch an die Notwendigkeit, an die notwendige Motivation aller menschlichen Handlungen glauben. Unsere Seele, unser Wille werden determiniert wie alles Körperliche. Nur daß Seele und Wille zu Luftgliedern geworden sind, zu leeren Wortschällen wie die Begriffe  Gott  und  Wunder. 

Darin nun sind wir duldsamer geworden, als die Freidenker des 18. Jahrhunderts waren oder gar die Monisten sind, daß wir bei der Überzeugung vom Unwert aller Worte keinen rechten Haß mehr haben, selbst gegen das Wort  Gott.  Mag man doch, wenn man den gefährlichen Wunderbegriff durch einen Bedeutungswandelt auf die Wunder der Natur und der Technik bezogen und so - "worüber man sich wundert" - auf seinen Ursprung zurückgeführt hat, auch den noch gefährlicheren Gottesbegriff durch Bedeutungswandel auf alles beziehen, was man zur Welterklärung nicht weiß und doch wissen möchte.
LITERATUR - Fritz Mauthner, Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande, Stuttgart/Berlin 1922
    Anmerkungen
    1) Vorläufig: "Wunder" ist, was der Erwartung widerspricht. Bedenken wir nun, daß die sogenannten Naturgesetze letzten Enes nur Formeln sind, welche unsere Zuversicht auf die Regelmäßigkeit zusammenfassen, unsere bestimmte Erwartung der Folge hinter einer Ursache, so ergibt sich der Sprachgebrauch: was der Erwartung widerspricht, widerspricht den Naturgesetzen. Ein Wunder in diesem Sinn, ein Ereignis gegen die Naturgesetze, erscheint dem unmöglich, dem die Naturgesetze Dogmen sind; erscheint dem nicht nur möglich, sondern alltäglich, also nicht mehr wunderbar, dem die Allmacht Gottes über alle Naturgesetze ein Dogma ist; und ist uns ganz Dogmenfreien ein leeres Wort.
    2) Vgl. meinen Versuch: "Die drei Bilder der Welt".