cr-3Subjektivität 
 
FRITZ MAUTHNER
Subjektivismus
I -19

"Wie wir sagen, mein Kopf tut mir weh, so müßten wir auch sagen können, meine Zunge schmeckt gut ... man würde ausgelacht, weil die Sprache niemals der neuesten Erkenntnis entspricht."

Was nun KANT in seiner Weise, trotz allen scholastischen Wortaberglaubens und trotzdem er die bereits aufkeimende Entwicklungslehre nicht ahnte, mit Genialität erkannte, war der Gedanke: wir vermögen unser Seelenleben gar nicht in seine subjektiven und objektiven Elemente zu trennen, weil in unserer Seele gar nichts vorhanden ist als die objektive Welt, diese aber nicht an sich, sondern als Erscheinung, weil also die ganze objektive Welt in unsere Seele nur unter der Form einzieht, welche sie durch unser subjektives Denken erhalten hat, das wieder von den Sinnen abhängt. Drückt man KANTs Gedanken so aus, so fallen allerdings bald seine ewigen Kategorien der Anschauung und des Denkens hinweg, und der menschliche Verstand, der ihm noch, zum Unheil für seine Nachfolger, doch als etwas wie eine geistig wirkende Person erschien, verflüchtigt sich zu einem Worte, das bei Leibe keine bleibende oder gar ewige Bedeutung beanspruchen darf. Der Intellekt wird zur zusammenfassenden Bezeichnung für die Komplexität sich fortentwickelnder Sinne; der Intellekt wird zu einer Abstraktion sich entwickelnder Erscheinungen. Und seit hundert Jahren haben Forscher und Denker, mit oder ohne Berufung auf KANT, mit oder ohne Kenntnis von KANT, unablässig dahin gearbeitet, den Gedanken von der Unerkennbarkeit des Dings-an-sich, von der Subjektivität unseres Denkens, ja selbst unserer Empfindungen zum Gemeingut einer Wissenschaft zu machen, die resigniert den schmalen Raum zwischen dem Nichtwissenkönnen und dem Nichtwissenwollen beherrscht. In Deutschland hat die an KANT geschulte Physik und Physiologie von HELMHOLTZ und MACH, hat die allzu abstrakte und doch leidenschaftliche Theorie von AVENARIUS, in Frankreich und England hat der Positivismus von COMTE und SPENCER (SPENCER leugnet vergebens seine Abhängigkeit von COMTE) derselben Lehre zum Siege verholfen: was wir für objektiv gehalten haben an unserer Welterkenntnis, das ist erst recht subjektiv; was wir von der Außenwelt wissen, ist niemals objektive Kenntnis, sondern immer ein Symbol, eine Metapher, deren  Tertium comparationis  uns unzugänglich bleibt, weil sie uns vom Wesen unserer Sinne aufgedrängt wird. Es ist, als wären wir auf einem Maskenballe in einer fremden Stadt; wir erkennen, daß wir Masken vor uns haben, erkennen aber niemand, der hinter den Masken steckt, wobei die Zweideutigkeit des Wortes "erkennen" nicht zu übersehen ist. Es ist, als sähen wir den optischen Täuschungen zu, die ein geschickter Taschenspieler uns vorführt; wir merken, daß wir getäuscht sind, aber wir durchschauen die Täuschung nicht. Optische Täuschungen und andere Sinnestäuschungen können uns überhaupt über das Wesen des menschlichen Verstandes aufklären. Ist eine Sinnestäuschung ungewöhnlich und durch eine nichtnormale Beschaffenheit des Nervensystems bedingt, so nennen wir sie krankhaft und den armen Betrogenen nennen wir geisteskrank. Ist eine solche Sinnestäuschung von der Art, daß alle Menschen ihr gleichmäßig unterworfen sind und daß wir das objektive Verhältnis durch wissenschaftliche List aufdecken können (wie bei Nachbildern im Auge und dergleichen), so sprechen wir von eigentlichen Sinnestäuschungen.  Gehört die Täuschung  aber  zum Wesen des Sinnes,  empfinden wir bestimmte chemische Wirkungen, also nach der gegenwärtigen Lehre Molekularbewegungen, als etwas Bitteres oder Süßes, als etwas Wohlriechendes oder Stinkendes, empfinden wir Schwingungen von Atomen als Töne, Wärmeempfindungen, Farben, so sprechen wir  diesen Täuschungen,  weil sie unentrinnbar sind,  objektive Wirklichkeit  zu, und dem gemeinen Verstande kann leicht wieder derjenige für verrückt erscheinen, der sich von den Sinnen nicht betrügen läßt, die Subjektivität aller dieser Empfindungen behauptet, oder es gar ausspricht, daß diese Täuschungstätigkeit der Sinne am letzten Ende nur historisch geworden ist, nicht zum Wesen der Erkenntnis gehört, daß es auch anders hätte werden können.

Und doch ist diese letzte Behauptung notwendig, wenn wir uns den Intellekt als etwas Gewordenes und immer noch Werdendes vorstellen wollen. Jedermann weiß, daß Stärke und Qualität unserer Empfindungen bei Völkern und Individuen, ja sogar beim selben Individuum in verschiedenen Lebensaltern oder selbst innerhalb derselben Stunde unter verschiede Umständen wechselt. Die antiken Skeptiker haben schon solche "Tropen" gesammelt, bald sehr scharfsinnig, bald sehr sophistisch. Dann geriet die skeptische Lehre von der Unzuverlässigkeit unserer Empfindungen in Verruf. Der Sensualismus vollends war materialistisch, also dogmatisch, also nicht skeptisch. Er vertraute den Empfindungen. Er definierte die Körper als die Möglichkeit von Empfindungen. Von den Möglichkeiten wissen wir nichts, drum halten wir die Empfindungen für wirklich. Aber diese Empfindungen täuschen. Dem Kinde und dem Kranken erscheinen Gewichte schwer, die dem gesunden Erwachsenen leicht erscheinen. Stecke ich die rechte Hand in ganz kaltes, die linke in heißes Wasser und dann beide Hände in ein Bad von 25 Grad REAUMUR, so glaube ich, das heißt doch wohl mein Intellekt, die beiden Hände in verschiedene Flüssigkeiten eingetaucht zu haben, die rechte in sehr warmes, die linke in ein sehr kaltes Bad. Abgestumpften Sinnen erscheint Wohlgeruch und Süssigkeit erst gleichgültig, dann widerwärtig. Ton- und Lichterscheinungen täuschen uns an allen Ecken und Enden. Die Subjektivität der Empfindungen, aus denen wir erst auf die Körper als auf ihre Möglichkeiten schließen, steht über allem Zweifel. Die wissenschaftliche List hat die Luftstöße, die unseren Ohren als Töne erscheinen, den Augen als Schwingungen sichtbar gemacht; eine unendlich feinere wissenschaftliche List hat es uns vorstellbar gemacht, daß auch Farben schwingende Stöße sind, wobei freilich die Aetherschwingungen wieder nur Symbole für etwas den Luftschwingungen Ähnliches sein mögen. Die einfachsten Empfindungen unserer Sinne täuschen uns also über die Welt viel allgemeiner und gründlicher, als die antiken Skeptiker sich das träumen lassen konnten.

Auch das ist jetzt nahezu Gemeingut der Denker und Forscher, daß die einzelnen Sinne sich zu ihrer gegenwärtigen Schärfe "entwickelt" haben. Der verblüffende Einfall des DEMOKRIT; es seien alle Sinne nur Modifikationen des Tastsinnes, ist von der nachkantischen Physiologie zum Range eines wissenschaftlichen Satzes beinahe erhoben worden. Die Entwicklungslehre hat gezeigt, daß das für unsere Sinne (und wenn sie noch so listig verfeinert wären) gleichmäßige Protoplasma der niedersten Tiere alle Funktionen ausübt, die sich beim Menschen einerseits in Atmung, Ernährung, Fortpflanzung, andererseits in die Sinne und das Zentralnervensystems differenzieren. Es scheint mir übrigens, daß wir nicht gut umhin können, diese undifferenzierte aktive und passive Beschaffenheit des Protoplasmas auch beim Menschen wirksam zu denken, dort nämlich, wo unsere Augen und das Mikroskop uns im Stiche lassen, wo z.B. die Nerven die Muskeln berühren oder die sensiblen und motorischen Nerven unsichtbar miteinander verbunden sind. Es scheint mir sogar, daß ich diese biologische Bemerkung nur in halbem Ernste gemacht habe. Denn Protoplasma, undifferenziertes Protoplasma und alle seine Begriffsverwandten sind doch nur Asyle der Ignoranz. Wortasyle, wie die "monistische Psychologie" mit ihrem "Psychoplasma". Nach dem bekannten Scherzvers der lateinischen Grammatik könnte man das "undifferenzierte" Protoplasma, das uns noch beschäftigen wird, auch "neutral" nennen.

In die Sprache unserer Sprachkritik übersetzt führen diese Ergebnisse zu einem sehr merkwürdigen Einblick in den Wert unserer Begriffe oder Worte. Wir wissen, daß die substantivischen Worte nicht nur dann Abstraktionen sind, wenn sie Personifikationen wie Gerechtigkeit und Gewissen, wenn sie Schatten oder Schatten von Schatten bezeichnen, sondern daß auch konkrete Substantiva subjektive Hypothesen unseres Intellekts sind, daß wir die mögliche Ursache unserer Empfindungen, daß wir die Möglichkeiten überhaupt als Körper oder Dinge in den Raum hineinprojizieren, daß die durch konkrete Substantiva, ausgedrückten Dinge keine objektive Wirklichkeit haben. Wir wissen ferner, daß Verba Beziehungen dieser Dinge untereinander oder Beziehungen dieser Dinge auf uns bezeichnen, daß also Verba erst recht nur Symbole von wirklichem Geschehen und Sein, von wirklichen Veränderungen sein können (vgl. III. 55-102.) Nun aber haben wir erfahren, daß auch die Eigenschaften der Dinge oder die uns höchst objektiv erscheinenden Wirkungen auf unsere Sinnesorgane nur Täuschungen sind, normale Täuschungen allerdings, daß also auch die Adjektive nichts Objektives bezeichnen, nicht einmal etwas unveränderlich Subjektives, sondern daß unsere Augen und Ohren, während die Organismen sich entwickelt haben, aus lichtempfindenden Flecken und tonempfindenden Körnchen immer leistungsfähigere optische und akustische Instrumente geworden sind, die dann im Laufe der Jahrtausende dem Intellekt immer reicheren Stoff zu seinen Schlüssen, in diesem Falle Empfindungswerten, geliefert haben.  Alles fließt. Die Welt wird durch unsere werdenden Sinne; zugleich werden die Sinne durch die werdende Welt.  Wo soll da ein ruhiges Weltbild entstehen?

Da ist es nun merkwürdig, daß wir, deren Sinne für die sogenannte objektive Welt sich so feinmechanisch entwickelt haben, für das Interessanteste unserer subjektiven Innenwelt, für Lust- und Schmerzgefühle, keine besonderen Sinne haben, das heißt keine besonderen Organe. Denn der Sinn, du heißt hier das Verständnis für Lust und Schmerz ist gewiß älter als unsere Außenweltsinne, ist gewiß älter als der Ursinn, der Tastsinn. Der organlose Sinn für Schmerz und Lust, die Empfindung für Schmerz und Lust, ist neuerdings nur metaphorisch dem Vitalsinne zugewiesen worden. Auf die Bedeutung des Schmerzes für die Entwicklung der Organismen, auf die Beziehung zwischen Schmerzempfindlichkeit und Intelligenz, auf die besondere Stellung des Menschen (der allein außer dem Schmerz auch den Tod fürchtet und abzuwenden sucht) hat vor hundert Jahren schon LAMARCK hingewiesen.

Es wird seit SCHOPENHAUER viel darüber gestritten, ob die Summe der Schmerzen oder die Summe der angenehmen Empfindungen im Menschenleben überwiege. Eine Statistik darüber wird sich schwer aufstellen lassen, ebenso schwer eine überzeugende Rechnung. Wo möglich noch schwerer dürfte die Frage zu beantworten sein, ob, gewissermaßen nach einem Mehrheitsbeschluß, der Schmerz oder sein Gegenteil als der positive Begriff zu betrachten sei. Der vergnügte Alltagsmensch wird geneigt sein, seine Vergnügtheit als etwas höchst Positives aufzufassen, jeden Schmerz als eine Negation; der pessimistische Philosoph erklärt den Schmerz für das Positive, jedes Lustgefühl für ein Freisein von Schmerzen. Wir an unserer Stelle haben mit solchen Spitzfindigkeiten nichts mehr zu tun. Ich glaube, auch der Optimist wird übrigens einen heftigen Zahnschmerz, der Pessimist einen Augenblick der Wollust nicht für etwas Negatives halten.

Es hängt aber damit die merkwürdige Erscheinung zusammen, daß die lebendige Sprache des einfachen Mannes wohl die Abstraktion Schmerz gebraucht und darunter alle Unlustgefühle zusammenfaßt, daß sie aber für Lustgefühle ein gemeinsames Wort nicht besitzt. Denn dieses "Lustgefühl" selbst gehört nur der wissenschaftlichen Sprache an; ebenso wie ."Lust" im Sinne eines Gegensatzes zu Schmerz dem Volke nicht geläufig ist. Man sagt dafür bald Wollust, bald Freude, bald Vergnügen (ähnlich in anderen Sprachen); es gibt keine volkstümliche Abstraktion der Lustgefühle. Auch besitzen wir gegenüber dem fast zur Interjektion gewordenen Komparativ "leider" für die Freude höchstens den metaphysischen Ausruf "gottlob".

Wir werden auf eine ähnliche Armut der Sprache bei einer Untersuchung des Geruchssinns stoßen. Seine Sinneseindrücke geben der menschlichen Sprache einen verschwindend kleinen Teil ihrer Erinnerungen und eigentlich kein einziges unmittelbares Wirt, weil wir die einzelnen Gerüche regelmäßig nach den Körpern benennen, die sie erregen. Der Geschmackssinn liefert schon einige fest umgrenzte Abstraktionen wie: süß, bitter, sauer. Der Geruchssinn kennt nur die scharfe Unterscheidung der Gegensätze von angenehm und unangenehm, gut und schlecht. Er gleicht am meisten dem moralischen "Sinn", der auch zuletzt nur den Gegensatz von gut und schlecht noch kennt und die einzelnen Tugenden und Laster kaum an Beispielen beschreiben kann.

Das Gemeingefühl, der Vitalsinn, ist also nicht einmal so deutlich wie der dumpfe Geruchssinn. Es faßt die unangenehmen Gefühle unter dem Begriff Schmerz zusammen, hat aber für die angenehmen kein Wort. Wenn der Schmerz dem Gestank entspricht, so entspricht in der Volkssprache nichts dem Geruch, dem Wohlgeruch. Es gibt aber dennoch einige unbestimmte Bezeichnungen für Gruppen von Geruchsempfindungen, und diese lassen sich ganz wohl mit einzelnen undeutlichen Worten für Schmerzempfindungsgruppen vergleichen. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß z.B. der sogenannte stechende Geruch vielleicht nur eine schmerzhafte Begleiterscheinung gewisser Gerüche ist, daß also das Einatmen von Chlor zugleich den besonderen Chlorgeruch im Organ hervorruft und einen stechenden Schmerz in den Schleimhäuten.

Der Physiologe BRÜCKE teilt die Schmerzempfindungen begrifflich so ein, daß er eine sehr schmerzhafte Erregung einer fest umgrenzten kleinen Nervengruppe einen stechenden Schmerz nennt, die lineare Fortpflanzung dieses Schmerzgefühls aber einen schneidenden Schmerz; die gleichzeitige schwächere Erregung einer größeren Nervenmenge nennt er einen drückenden Schmerz. Es scheint mir außer allein Zweifel zu stehen, daß diese Namengebung zwei Dinge miteinander verwechselt: den Schmerz selbst und die Mitteilungen des Tastgefühls. Ich möchte wissen, ob der Schmerz beim Abgestochenwerden und beim Geschächtetwerden wesentlich verschieden ist. Die Art der Verletzung hat mit dem Schmerz nichts zu tun. In der natürlichen Volkssprache wird der Schmerz ähnlich so nach seiner Herkunft genannt wie der Geruch. Wir klagen ohne jede Rücksicht auf die Fortschritte der Anatomie und der Nervenphysiologie heute wie vor Jahrtausenden über Kopfschmerz Augenschmerz, Halsschmerz, Zahnschmerz (man irrt oft im Zahn), Brustschmerz, Bauchschmerz, Fußschmerz. Daran hat die Lehre, daß jeder Schmerz erst im Gehirn empfunden und von dort nach denn Endpunkt des Nervs projiziert werde, so wenig geändert, wie die Astronomie an dem Worte Sonnenaufgang. Daran hat aber auch die genauere Einsicht in die Gewebeverhältnisse der schmerzenden Körperteile nichts geändert. Und wenn der Arzt den Leidenden quält, ihm doch genau zu sagen, was für einen Schmerz er empfinde, so hilft sich der Leidende, da er kein Wort zur Verfügung hat, mit einer vergleichenden Beschreibung. Und das ist ganz in der Ordnung. Denn der Arzt wollte ja eben eine Erklärung, das heißt eine Beschreibung des Leidens haben. Wenn nun WUNDT die Schmerzen wieder anders begrifflich einteilt, in bohrende, stechende und brennende Schmerzen, so liegt es auf der Hand, daß er die subjektive vergleichende Beschreibung des Leidenden zu einer festen Definition zu verwandeln versucht hat, indem er mit genauerer Anatomie als das Volk seine Einteilung nach inneren Körperteilen entwirft. Sie kann aber nicht Eigentum der Volkssprache werden, weil die Vergleichung zu ungenau ist, ja vielleicht nur wieder der sich immer gleich bleibende Schmerz von einem Lokalgefühl begleitet wird.

Eine Gegenüberstellung der Geruchsempfindungen und der Schmerzempfindungen wird uns aber noch mehr lehren, als bisher beachtet worden ist. Vor allem ist es auffallend, daß wir immerzu von einem Geruchsinn sprechen, nicht aber von einem Schmerzensinn. Und doch verhält sich die menschliche Haut - ihre übrigen Funktionen beiseite gelassen zu den Schmerzen nicht anders als die Nasenschleimhaut zu den Gerüchen. Ja vielleicht ließe sich aus der Nützlichkeit, Nützlichkeit im Sinne der echten Naturforscher, die nicht wortabergläubisch bei der mechanistischen Theorie DARWINs stehen geblieben sind, - vielleicht ließe sich aus der Nützlichkeit der Haut als eines Schmerzensinns die Entwicklung der Sinne überhaupt besser als bisher erklären. Denn keine äußere Einwirkung, nicht Licht und Schall, ist dem tierischen Organismus so wichtig als die unmittelbare und störende, das heißt schmerzhafte Berührung anderer Körper. Daß aber der Schmerzensinn in seiner Anwendbarkeit, in seiner Mitteilbarkeit vor allein, das heißt in seiner sprachlichen Ausdrucksfähigkeit also doch noch tiefer stehe als der niederste der bisher so genannten Sinne, das wird uns vorsichtig machen müssen. Es handelt sich uni eine Zusammenfassung allbekannter Tatsachen, die meines Wissens noch nicht in Zusammenhang gebracht worden sind.

Unsere ganze Welterkenntnis, das heißt unsere Sprache, geht auf unsere Sinneseindrücke zurück. Es wäre aber die Summe all unserer Sinneseindrücke, falls wir dann noch eine Erinnerung an sie haben könnten, ein wahnsinniges Chaos, wenn unsere Sinne nicht die Kraft oder die Gewohnheit hätten, ihre Eindrücke nach außen zu verlegen, an den Ort ihrer Herkunft, wie wir annehmen. Durch diese Eigentümlichkeit der Sinne erst entsteht das, was wir die Außenwelt nennen, was für uns die Wirklichkeitswelt ist. Das ist ja eben im Anschluß an KANT ausgeführt worden. Es bleibe - nebenbei bemerkt - dahingestellt, wie weit die Sinne der niederen Tiere die Sinneseindrücke ebenso nach außen projizieren, wie weit also die niederen Organismen überhaupt ihr Ich von einer Außenwelt unterscheiden können.

Es bleibe ferner dahingestellt, ob alle Tiere einen Schmerzensinn besitzen, da auch die Entwicklung anderer Sinnesorgane nicht differenziert bis zu den niederen Tieren zurückgeht. Es handelt sich bei dieser Zwischenbemerkung sprachlich darum, ob wir nicht immer in Metaphern reden, wenn wir über den Schmerz der niederen Tiere sprechen; wie es doch eine ganz offenbare und recht abgeschmackte Metapher ist, wenn in unserer wehleidigen Zeit die Blümelein bedauert werden, weil man sie bricht.

Nun sind wir so daran gewöhnt, daß unsere Sinne ihre Eindrücke in die Außenwelt verlegen, daß wir es für eine Krankheit halten, wenn unsere Sinne ohne Außenwelt funktionieren, daß wir dagegen wiederum Wunder schreien, wenn die Außenwelt etwas indirekt verrät, was wir nicht unmittelbar mit unseren Sinnen wahrnehmen. Die sogenannten höheren Sinne, das Gesicht und das Gehör, bieten ein weites Feld für solche Betrachtungen. Die Grenzen werden sich aber leichter an, den niederen Sinnen entdecken lassen. Beim Geruchssinn z.B. ist es äußerst merkwürdig, daß wir den wahrgenommenen Geruch nach außen verlegen. Denn es ist zweifellos, daß nur die unmittelbare Einwirkung riechender Stoffteilchen auf die Nasenschleimhaut dort einen Geruch erzeugen kann. Am letzten Ende aller Enden wird ja die Einwirkung eines entfernten Gegenstandes auf unsere Netzhaut auch auf unmittelbare Berührung von irgend etwas zurückzuführen sein. Da wir aber von diesem Etwas nichts wissen, da wir ferner mit Hilfe des Gesichtsinns die Eindrücke äußerst genau nach außen projizieren, so besteht zwischen Gesicht und Geruch ein gewaltiger Unterschied. Bei genauester Selbstbeobachtung bin ich aber endlich doch zu der vollen Sicherheit gekommen, daß wir Gestank und Geruch innerhalb unseres Körpers, auf unserer Nasenschleimhaut empfinden, daß wir die Eindrücke nicht nach außen projizieren. Und ich behaupte, es ist nur eine sprachliche Gewohnheit, wenn wir von riechenden oder stinkenden Gegenständen reden.

Treten wir in ein Zimmer, in welchem eine Hyazinthe blüht, so sagen wir sofort, hier riecht es nach Hyazinthe, anstatt analogisch zu sagen: ich rieche eine Hyazinthe. Solange wir die Blume nicht sehen, projizieren wir den Geruch ins Zimmer im allgemeinen. Insofern mit Recht, als wir den flüchtigen und fein verteilten Stoff an jeder Stelle wieder spüren. Wollen wir mit geschlossenen Augen den Ort der Herkunft des Geruchs entdecken, so schnüffeln wir, wie der Hund nach der Fährte des Herrn schnüffelt, bis wir die Stelle des stärksten Geruchs gefunden haben. Dann projizieren wir den Geruch nicht mehr in das Zimmer im allgemeinen, sondern auf die kleine Stelle. Haben wir die Blume vorher erblickt, so projizieren wir den Geruch sofort dorthin, aus alter Gewohnheit, aber nur sprachlich, nicht sinnlich. Habe ich damit recht, so ist es nicht wahr, daß unsere Sinne die Eindrücke nach außen werfen, daß sie uns eine Außenwelt schaffen, sondern es ist nur die Erinnerung an frühere Sinneseindrücke, die unseren Verstand, das heißt unsere Sprache die Ursache aller Wirkungen nach außen verlegen läßt. Es wäre vielleicht gut, schon in diesem Zusammenhang die Entstehung der Raumvorstellung zu erklären. Sie entsteht nicht durch die Sinne selbst, sondern durch unseren Verstand, durch die Sprache. Und wenn erst die Hypothese vom Lichtäther irgend eine greifbarere Gestalt angenommen haben wird, dann wird man vielleicht zugeben, was heute kaum verständlich scheint, daß auch unser Gesicht seine Eindrücke nicht wirklich nach außen projiziert, daß es vielmehr nur eine Gewohnheit unserer Sprache oder Weltanschauung ist, wenn wir ferne Gegenstände in der Ferne zu sehen glauben, wie wir glauben, daß es die Hyazinthe ist, die riecht. Und heute schon sollte man zugeben, daß auch der Tastsinn keine Veranlassung gibt, den berührten Körper nach außen zu verlegen.

Ich hätte mir diesen gefährlichen Umweg ersparen können, wenn ich vom Geschmackssinn ausgegangen wäre. Beim Geschmack, der vielleicht nur eine andere Form des Geruchs ist, liegt es wirklich so, daß wir uns der unmittelbaren Berührung unserer Geschmacksnerven und des schmeckenden Gegenstandes bewußt werden. Aber dieses Bewußtsein ist nur scheinbar. Wohl ist der Zucker, die Zitrone innerhalb unseres Organismus, in unserem Munde, wohl fühlen wir die Süßigkeit, die Säure nur in unseren eigenen Schleimhäuten, aber genau wie beim Geruch, eher noch deutlicher, haben wir uns gewöhnt, das Ding- selbst anstatt unserer Empfindung süß, sauer u.s.w. zu nennen. Es kommt aber beim Geschmackssinn etwas anderes Neues hinzu, was bei den höheren Sinnen und auch beim Geruchssinn fehlte: die Lokalempfindung. Wir haben keine Lokalempfindung von der Stelle unserer Netzhaut, unseres Gehörgangs, unserer Nasenschleimhaut, die einen Eindruck empfangen hat. Wir wissen aber ganz genau, sobald wir nur darauf achten, welche Stelle unserer Zunge und unseres Gaumens süß oder sauer berührt worden ist. Der Grund liegt übrigens auf der Hand. Die Zunge prüft nicht allein die chemische Beschaffenheit der Speisen, sondern sie hilft sie auch mechanisch in den Magen befördern; sie muß also neben dem Geschmack auch Tastgefühl haben. Und so leitet der Geschmackssinn zum Schmerzensinn hinüber, der ja auch in den Tastorganen neben anderen Sinnen tätig ist. Und wenn dieser Schmerzensinn seine Eindrücke genau oder ungenau innerhalb des Körpers lokalisiert, anstatt sie - was von ihm ein grober Irrtum wäre - nach außen zu projizieren, so wissen wir jetzt, daß auch die Projizierung der anderen Sinne nicht in ihrer Tätigkeit selbst liegt. Es gibt also von daher keinen Grund, nicht einen besonderen Schmerzensinn anzuerkennen.

Das freilich darf man mir nicht einwenden, daß auch andere Sinnesorgane als das Tastgefühl bei übertriebenen Ansprüchen Schmerzen empfinden. Was dann weh tut, ist ja nicht das Gesichtsorgan oder das Gehörorgan, sondern eben die mit Schmerzensinn ausgestatteten Hilfsgewebe des Organs. Dem Tastsinn aber ist der Schmerzensinn wesentlich. Die Druckempfindung und der drückende Schmerz gehen ineinander über. Fahre ich mir mit einem Fingernagel über eine Hautstelle, so kann ich recht gut die Empfindung vom angenehmen Reiz bis zum Schmerz steigern.

Eine Sprache, welche unseren bis heute erreichten Naturkenntnissen entspräche, würde schon heute die Bezeichnungen des Schmerzensinns und der übrigen Sinne haben analog bilden müssen; wie wir sagen, mein Kopf tut mir weh, so müßten wir auch sagen können, meine Zunge schmeckt gut. Man würde ausgelacht, weil die Sprache niemals der neuesten Erkenntnis entspricht. Nun sagen wir zwar: ich rieche eine Hyazinthe, ich sehe einen Stern, ich höre einen Schuß. Ein feineres Sprachgefühl wird aber nicht unbemerkt lassen, daß die Verben schmecken , riechen, sehen, hören ganz anders transitiv gebraucht sind, als wenn ich sage: ich fühle Kopfschmerz. Mit jenen Verben projiziert eben die Sprache über die Sinnesorgane hinaus.

Aber Geschmack, Geruch und Schmerzensinn haben auch tatsächlich in der gebräuchlichen Sprache verwandte Äußerungen, wenn man eben jede verständliche Äußerung als Sprachäußerung betrachten darf. Daß zwar die Schlingorgane eine bekömmliche Speise nach innen befördern, die unbekömmliche nach außen, das wird mir kein Leser auch nur als die primitivste Sprachäußerung zugestehen. Wohl aber wird man zugeben müssen, daß es Sprachäußerungen sind, wenn ich einen angenehmen Geruch (dazu ein langgezogenes "Ah") mit der Luft einsauge, wenn ich einen Mißgeruch durch ein heftiges kurzes "Ä" mit der Luft ausstoße. Oder gar mit dem Speichel auszuspucken suche. Ganz ähnliche Äußerungen erzeugt der Schmerzensinn; sein Schreien und Weinen, sein Ächzen und Stöhnen gehört der ursprünglichsten Sprache an.

Für denienigen, der sich selbst genau zu beobachten vermag, wird die Schmerzvorstellung nebenbei beweisen, daß das Denken nur ein Worterinnern ist. Wäre das nicht, so müßte die Vorstellung eines vergangenen Schmerzes wieder Schmerz erwecken, meinetwegen einen abgeschwächten Schmerz, aber immer müßte die Vorstellung eine Verwandtschaft mit sich selber haben. Das ist aber doch nicht der Fall. Wenn ich Zahnschmerz habe, so ist das nicht gedacht, so fühle ich den Schmerz ohne jede Denktätigkeit ganz wohl - da. Wenn ich mich aber an Zahnschmerz erinnern will, - notabene  will,  nicht wenn die Erinnerung durch ein leises Wehtun geweckt worden ist -, wenn ich mich bei gesunden Zähnen an Zahnschmerz erinnern  will,  dann hilft mir kein Denken und kein Vorstellen, sondern nur das ausgesprochene oder inwendig angeschlagene Wort "Zahnschmerz". Und dann habe ich eben auch nicht die Vorstellung. vom Schmerz, sondern nur das Zeichen für die bekannte Sache. Und das Wort tut so wenig weh, wie etwa die Einschreibung von tausend Zentnern Getreide in der Registratur, die Tinte auf dem Papier, jemanden satt macht. Worte, wenn sie nicht ausnahmsweise Waffen sind, als wie Drohungen oder Denunziationen, tun nicht weh. Der Fetischismus aber, der seit Jahrtausenden mit Worten getrieben wird, ist so groß, daß der Pöbel nicht anders als die realistischen Philosophen des Mittelalters denkt und sich euphemistisch vor Worten scheut. Viele Leute fürchten so besonders das Wort Tod, das das allerunschuldigste ist, weil es nicht nur ebensowenig weh tut wie das Wort Zahnschmerz, sondern sogar unvorstellbar ist, da ja doch niemand eine Erinnerung an seinen Tod hat. Die Furcht vor Schimpfworten und der eingebildete Schmerz, nachdem man sie vernommen hat, gehören auch hierher.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I,
Zur Sprache und Psychologie, Stuttgart/Berlin 1906