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FRITZ MAUTHNER
Spinoza
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"Ihm ist es gewiß, daß unsere Begriffe nur verworrene Bilder der Wirklichkeitswelt sind; die verworrendsten sind natürlich die allgemeinsten, abstraktesten Begriffe..."

SPINOZA zweifelt nicht an der Erkennbarkeit der  natura naturans,  des Wirksamen, das freilich auch für uns nicht weniger begreiflich ist, als die  natura naturata,  als das Wirkliche. Ihm ist die Welt ein Buch. Auf der ersten Stufe buchstabiert das Kind gedankenlos; auf der zweiten Stufe faßt es die einzelnen Sätze, auf der dritten Stufe versteht es den Sinn des Ganzen.

So glaubt SPINOZA ganz ehrlich und aufrichtig seinen Deus zu verstehn. Und weil er nichts anderes ist, als die Welt selbst, und weil SPINOZA Freude hat an der ehernen Weltkette, darum liebt er seinen Deus. Denn Spinoza hat die Liebe scheinbar so nüchtern und doch so tief erklärt als: Fröhlichkeit, verbunden mit der Vorstellung ihrer äußern Ursache. Er fühlt den Deus in der ganzen Welt, auch in sich selbst, als Ursache der Welt, als Ursache seiner selbst (nämlich Gottes sowohl als SPINOZAs), und so liebt er ihn, seine mystische Weltseele, er liebt ihn mit übermenschlicher Liebe, mit lächelnder Resignation, ohne Hoffnung auf Gegenliebe, ohne Eifersucht, er liebt ihn, wie man die einzig Geliebte lieben würde, wenn sie zeitlos und körperlos wäre, ein Gedankenbild.

SPINOZA wäre nicht, der er war, der größte und heiterste Denker, wenn er nicht bei allem Scharfsinn doch die blaue Blume gepflegt hätte, die letzte Zuflucht des gequälten Denkens, die Mystik. Wie wir noch sehen werden.

Diese Heiterkeit verliert, wer nicht in den mystischen Abgrund springt, wer jede Mystik für das Asyl der Verzweiflung hält und doch die Verzweiflung nicht fürchtet, wenn nur heiliger Zweifel zu ihr führt.

Noch einmal so: SPINOZA hat in gutem Glauben an den Wert der menschlichen Sprache den Begriff "Gott" so ruhig untersucht, wie den Begriff "Substanz"; er hat in Beiden etwas Wirkliches erblickt, und sogar in beiden ein und dasselbe: das Wirksame.

So ist auch sein Deus kein Grund, auf seine Aufrichtigkeit einen Verdacht zu werfen; wohl aber ist sein Deus das erste und stärkste Beispiel dafür, wie sich SPINOZA wohl in seiner Weltanschauung über alle Zeiten erheben konnte, in seinem Sprachgebrauch aber niemal sicher war, zurückzusinken in die Scholastik.

SPINOZA wurde durch seine Theorie der Erkenntnis, weil der letzte Zweifel fehlte, weil er die mathematischen Wahrheiten (wie ja auch noch KANT) für belehrende, synthetisch belehrende Kenntnisse nahm und weil er an der Existenz der höchsten Essentien oder Begriffshülsen festhielt, - SPINOZA wurde so zu der unfruchtbaren Darstellung seiner Lehre verlockt. Aber den unerhört tiefen Blick in das eiserne Räderwerk der Natur zu tun, hinderte ihn keine Theorie; und in den genialsten Apercus hat er der Folgezeit den Weg gewiesen.

Sogar über seinen unerkennbaren Gott sagt er einmal (und verrät damit ahnungsvoll eine köstliche Verachtung der Sprache): es wundre ihn nicht, daß man dem Deus gern menschliche Eigenschaften andichte;
    "denn ich glaube, daß ein Dreieck, wenn es sprechen könnte, ebenso sagen würde, Gott sei hervorragend dreieckig, daß ein Kreis sagen würde, Gott sei hervorragend rund" (56., nach früherer Zählung 60. Brief).
Dieser Ausspruch mit seinem übermütigen "hervorragend dreieckig" (Deum eminenter triangularem esse) ist weder von KANT noch auch von FEUERBACH überboten worden; er ist nur zu begreifen, wenn wir annehmen, Spinoza habe den unscheinbaren Zwischensatz "wenn das Dreieck sprechen könnte" in seiner ganzen Ironie gefaßt.

Wir Menschen sind Dreiecke, die sprechen könnnen; Naturwesen, die so wenig imstande sind, ihre Notwendigkeit anders als durch Worte zu begreifen, daß wir dieser Notwendigkeit selbst menschensprachliche, also menschliche Eigenschaften andichten.

Zur klaren Schärfe ist SPINOZA in der Frage der Sprache leider nicht gelangt. Es ist vorhin gesagt worden, daß er drei Stufen der Erkenntnis unterschied, daß nach ihm die erste Stufe, die der Begriffe oder Universalien, zum Irrtum führte, die zweite aber erst zu einer Art Wahrheit; ich habe das "Gemeinsame" dieser zweiten Stufe in den Gesetzen der Natur zu finden geglaubt, aber SPINOZA - der unter den Rabbinern ebenso eifrig Naturwissenschaften trieb, wie DESCARTES unter den Jesuiten - vermeidet das Wort, und läßt die Möglichkeit offen, auch bei der zweiten Stufe an Begriffe, an seine unerklärten adäquaten Begriffe zu denken.

Mir aber scheint es gewiß, daß seine ganze Darstellung zu dem Schlusse führen muß und auch ihn selbst führen mußte: die von der Wirklichkeitswelt abstrahierten Begriffe sind es, unser Denken also ist es, was uns verwirrt, was uns irreführt, was unsere Vorstellungen fälscht. Unsere Irrtümer kommen von den Worten her, "wenn wir uns nicht außerordentlich vor ihnen in acht nehmen."

Für diese Stellung SPINOZAs und dafür, daß ich mich auf ihn bei meinen sprachkritischen Nachforschungen als einen Eideshelfer berufen kann, finde ich einen Beweis in der Art, wie er zuverlässig den Sprachgebrauch der Scholastiker verläßt oder gar verächtlich fortschiebt, wo seine Weltanschauung klar und fest ist. Wofür das größte Beispiel seine Leugnung der Willensfreiheit ist, eben sein sieghafter Gedanke von der Lückenlosigkeit der Kausalität, ich möchte fast sagen, von der Undurchdringlichkeit der notwendigen Kette der Natur.

SCHOPENHAUER hat 200 Jahre später ein geistreicheres Buch über die Unfreiheit des Willens geschrieben; der Beweis ist bei SCHOPENHAUER ebenso scholastisch, weil von der Apriorität des Kausalitätsbegriffes ausgegegangen, also eigentlich gar nichts bewiesen wird; und in der Kritik des Willensbegriffs selbst, also des Wortes "Wille", bleibt SPINOZA unerreicht.

Ihm ist es gewiß, daß unsere Begriffe nur verworrene Bilder der Wirklichkeitswelt sind; die verworrendsten sind natürlich die allgemeinsten, abstraktesten Begriffe, und wenn er also die berühmten Universalien (Begriffe) schon als für die Erkenntnis unbrauchbar denunziert, so kann er mit den transzendentalen Kunstausdrücken (termini transcendentales dicti) noch weniger anfangen.

Als Beispiele solcher transzendentalen Kunstausdrücke, d.h. solcher Worte, welche über die Erfahrung hinausgehen oder vielmehr den Zusammenhang mit der Anschauung verloren haben, als Beispiele nennt er zunächst nur drei: Wesen, Ding, Etwas (Ens, res, aliquid). Aber er läßt keinen Zweifel darüber, daß ihm auch andere höchst abstrakte Worte zu der Gattung solcher unnützen Lufterschütterungen gehören.

"In der Seele gibt es keinen unabhängigen oder freien Willen", sagt er an der Spitze des Paragraphen; er beweist es logisch, also schlecht; dann aber fügt er hinzu, ebenso könne man beweisen (ebenso behauptete er also), daß es in der Seele  keine unabhängige Fähigkeit des Denkens, des Begehrens, die Liebens  usw. gebe. Also seien alle diese Begriffe Einbildungen oder bloße Worte, so sehr, daß ein "Verstand" oder ein "Wille" sich zu unsern wirklichen einzelnen Vorstellungen oder einzelnen Willensakten verhalten, wie der Begriff der "Steinität" (Lapideitas) zu einzelnen Steinen, der Begriff "Mensch" zu Peter und Paul.

Die Bedeutsamkeit dieser Stelle leuchtet ein. SPINOZA erhob sich da über seine eigene Sprache und vermochte so, indem er überhaupt die Existenz eines "Willens" beseite schob, die Unfreiheit der menschlichen Willensakte fester anzuschauen, als 200 Jahre später sein Kritiker SCHOPENHAUER - wie SPINOZA auch durch die Auflösung des Begriffs der Vollkommenheit, also durch Streichung dieses Wortes, KANTs spätere Kritik der Beweise für das Dasein Gottes überflüssig machte, wie er von Rechts wegen auch der Existenz der 2000 Jahre alten "Ideen" PLATONs für jeden Philosophen hätte ein Ende gemacht haben müssen.

Er war der einzige Denker, der Ernst machte mit dem Begriff der Notwendigkeit; und wenn es bei den Alten eine Unklarheit war, daß sie ihre Götter unter eine über ihnen stehende Ananke, unter das Fatum beugten, wenn es bei SCHILLER und seinen Mitstrebenden ein Spiel des Geistes war, sobald sie von einem allherrschenden Schicksal (über Göttern und Menschen) sprachen, so war SPINOZAs Deus wirklich unfrei, wie er verstandlos war, weil dieser Deus oder Natura ernsthaft und wirklich ohne Zwecke gedacht wurde.

Der Begriff des Zweckes widerspricht schnurstracks dem ernst genommenen Begriff der Notwendigkeit oder  Kausalität.  So gehört bei SPINOZA der "Zweck", der "Wille", der "Verstand" so gut wie "Wesen", "Ding" zu den "Transzendentalen", zu den Hülsen ohne Inhalt, zu den bloßen Worten, die unfruchtbar sind für die menschliche Erkenntnis.

SPINOZA war in diesen Einsichten doch nicht ganz konsequent. Er konnte seinem System zuliebe ganz zuversichtlich von denselben transzendentalen Worten darauf losreden, konnte von den Attributen seines Deus erzählen, als ob er mit ihm und ihnen einen Scheffel Salz gegessen hätte, dann aber konnt er wieder zu verstehen geben, daß die Attribute der obersten Substanz nur in unsrem Denken (d.h. für uns in der Sprache) zu finden seien und in dem 9. (nach früherer Zählung 27.) Briefe an einen strebsamen, treuen, jungen Verehren konnte er gar lachend (es ist gewiß etwas Scherz mit dabei) die Erklärung beifügen: man könnte sich ganz gut eine Substanz unter zwei Bezeichnungen oder Namen (d.h. Worten) denken, wie ja auch der dritte Patriarach sowohl Jakob als Israel geheißen habe.

Worte, Worte, Worte sind ihm die verehrungswürdigsten Begriffe, und einmal erkennt er sogar Verstand und Wille für zwei Worte, die nur ein und dasselbe besagen; Verstand und Wille sind Jakob und Israel. Insbesondere der Wille (voluntas) ist nichts und nicht mehr als die einzelnen Willensakte (volitiones). So löst SPINOZA allein die Frage nach der Willensfreiheit, indem er die Worte ihres Sinnes entkleidet. Wie das Dreieck, wenn es sprechen könnte, sich seinen Gott hervorragend dreieckig, höchst dreieckig denken müßte, so würde der geworfene Stein, wenn er denken könnte, von seinem Entschlusse, seiner Freiheit, durch die Luft zu fliegen, sprechen.

Überall da, wo sein System ihn nicht scholastisch machte, verzichtete SPINOZA auf den Gebrauch von transzendentalen Begriffen. Ihm waren die handelnden Menschen dem Schein unterworfen, wie der geworfene Stein; und wie dem Scheine aller andern Ideen oder Ideale. Denn das darf nicht verschwiegen werden, daß der Selbstdenker SPINOZA die Platonischen Ideen, die unser Ideal geworden sind - wie wir schon bei den Begriffen "gut" und "schön" gesehen haben - nicht anerkannte.

Denn hinter ihm im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, - das "Ideal". Er hat sein Hauptwerk nach dem Beispiel seines Vorgängers GEULINX (nachträglich) Ethik genannt. In seiner undurchbrechlichen Kette der Notwendigkeit hat das "Sollen" so wenig Platz wie das "Wollen". Er stellt keine Ideale auf; ganz anders als bei HEGEL ist alles vollkommen, was ist; es ist vollkommen, weil es nicht anders sein kann, als es ist.

So kennt SPINOZA auch in seiner Staatslehre keine knechtenden Worte; er glaubt nicht an einen Idealstaat (wie vor ihm HOBBES), nicht an einen Idealmenschen (wie nach ihm ROUSSEAU); und die mächtigen Utopisten der Gegenwart, die Kommunisten, können sich darum nicht auf SPINOZA berufen.

Seine Ethik predigt keine Moral. Außer sich findet der Mensch dieselbe Notwendigkeit wie in seinem Innern. Nur Freudigkeit erzeugt die Erkenntnis von Deus oder der Natur, nicht das Bewußtsein eines äußeren Gebots. Und in sich selbst findet SPINOZA nicht, was man ein Gewissen genannt hat; er kennt es nicht. Mit einer Überlegenheit, für deren volles Verständnis wir vielleicht heute noch nicht ganz reif sind, geht er in dem ruhigen Abschnitt "von den Leidenschaften" über das Gewissen hinweg. Alles führt er auf Schmerz und Freude, also auf unsere Natur zurück.

Gegenwart und Zukunft werden eins vor seinem Blick. Freudiges erwarten heißt hoffen, Trauriges erwarten heißt fürchten. Ein Gaudium ist es, wenn das erwartete Traurige nicht eingetroffen ist, wenn die Furcht unbegründet war; wenn aber die Hoffnung unbegründet war, "wenn wir uns blamiert haben", so empfinden wir - Gewissensbisse.

Wer über diese Worte erschrickt, wer es nicht für möglich hält, daß SPINOZA wirklich diesen Ärger als Gewissenbiß aufgefaßt haben kann, der ist wohl noch nicht sehend für den Stern SPINOZA, noch nicht reif für seine Lehre von dem Unwert der Worte.
LITERATUR - Fritz Mauthner, Spinoza - Ein Umriß seines Lebens und Wirkens, Dresden 1922