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FRITZ MAUTHNER
Geschichte
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"Fragt man gar nach dem Entscheidenden: was in der Seele des einfachen Mannes hervorging, der sich der  Lutherischen  Bewegung anschloß - fragt man, ob der einfache Mann in dem neuen Kirchenbegriff, in der Abkehr von den  guten Werken  ein Novum sah oder ein Festhalten an alter Wahrheit, so gibt es keine Antwort."


VI.

Unter allen Teilaufgaben der Geschichte geht uns hier am meisten diejenige an, die sich selbst Geschichte der Philosophie nennt. Sie steht in großem Ansehen, und sie existiert sogar. Aber die Unmöglichkeit, zu historischem Wissen zu gelangen, steigert sich in dieser Disziplin zu einer Groteske; nur daß die Forscher, die gerade jetzt wieder gepriesen werden und Preise verteilen, das Organ für Auffassung der Groteske in ihren eigenen Bemühungen verloren haben. Die Entwicklung des menschlichen Geistes in seinen höchsten Äußerungen will man darstellen; die Entwicklung von Worten will man in Worten abbilden. Wenn man aber mit dem Werkzeug der Sprache schon nicht an die Erkenntnis der Wirklichkeit herankam, so kann man mit diesem elenden Werkzeug noch viel weniger heran an die Entwicklung des Werkzeuges selbst. Und das allein wäre doch eine Geschichte der Philosophie.

Zwei Umstände verhindern philosophisch ernsthafte Arbeit auf diesem Gebiet. Wie denn auch die stärksten philosophischen Köpfe für die  Geschichte  des Geistes oder des Denkens niemals viel übrig gehabt haben, PLATON, SPINOZA, KANT als Historiker der Philosophie tief unter KUNO FISCHER zu stehen kämen. Wie auch CÄSAR und NAPOLEON Weltgeschichte gemacht, aber nicht geschrieben haben, höchstens die Geschichte ihres eignen Lebenswerks gefälscht haben, um durch solche Fälschung weiter Geschichte zu machen.

Die beiden Umstände, die eine ernsthafte Philosophiegeschichte nicht zulassen, beziehen sich auf den festen Standpunkt des Darstellers und auf die Undarstellbarkeit des Darzustellenden. Wie wenn ein Photograph die Luftbewegung auf die Platte bringen wollte, besäße aber kein Stativ für seinen Apparat und keine für die Luft empfindliche Platte.

Der Standpunkt des Beobachters verschiebt das Bild der historischen Gedankenwelt nicht nur für den Beobachter. So ein alter Philosoph ist nicht an sich veränderlich wie etwa ein tierischer Organismus, der im ganzen und großen immer der gleiche bleibt und an dem die Forscher mehr und mehr sehen und beschreiben; so ein alter Philosoph verändert sich in der Geschichte, meinetwegen in der - ungeschriebenen - Geschichte der Philosophie. Weil die Weltanschauung des Mannes in den Worten einer Individualsprache niedergelegt war, und weil alle diese Worte bis zu diesem Philosophen die Wortgeschichte der Gemeinsprache mitgemacht haben,  nach  seiner Geistestat jedoch,  durch  seine Geistestat eine neue postume Wortgeschichte beginnen, weil jeder Bahnbrecher die Bahn einer neuen Geschichte gebrochen hat, weil jeder Geschichtsschreiber diese Bahn vorwärts gar nicht und rückwärts nur von dem Punkte übersehen kann, auf den ihn der banale Zufall seiner eigenen Geburt gestellt hat: darum sieht und hört jeder Geschichtsschreiber den alten Philosophen so, wie die Zeitgenossen des Geschichtsschreibers just sehen und hören gelernt haben. Das Stativ ist auf keinen ewigen Horizont gestellt, es gibt keine Wasserwage für eine normale horizontale Ebene, und darum hängt es vom Zeitgeiste ab, ob so ein Gipfel hoch oder niedrig erscheint. Die Geschichtsschreiber, die heute andre Gipfel auszeichnen als die des 16. Jahrhunderts, sind ebenso gute Leute, wie die des 16. Jahrhunderts waren. Sie können die Geschichte der Philosophie nicht bezwingen, weil sie von der innern postumen Geschichte der einzelnen Gedankenwelten bezwungen werden. Gezwungen z.B., in SPINOZA und KANT höchste Gipfel zu sehen, auf DEMOKRIT, der noch vor fünfzig Jahren ein Gipfel war, hinabzusehen.

Dabei habe ich noch gar nicht in Betracht gezogen, daß der Geschichtsschreiber, wenn er nicht ein ganz kleiner Alexandriner ist, seinen Beobachterstandpunkt doch anfangs nur vorläufig wählt und während seiner ganzen Lebensarbeit notwendigerweise ändert; daß ein besonders tüchtiger Geschichtsschreiber der Philosophie doch wieder durch richtige oder falsche Aufnahmen Neuwertungen einführt, die zu Gemeinplätzen machen, was er für sich in jahrelangen Kämpfen erstritten hat. Und es macht für die historische Betrachtung wieder sehr viel aus, ob das Urteil über irgend eine alte Gedankenwelt für kühn oder für selbstverständlich gilt. Die Geltungsgeschichte der Platonischen Ideen würde genügen, um diese Unfreiheit in der Philosophiegeschichte vielfach zu belegen. Aber in unsrer raschlebigen Zeit brauchen wir nicht den Zeitraum von zweitausend Jahren. Dreißig Jahre nach dem Ende seines Schaffens ist NIETZSCHE in der posthumen Geschichte seiner Gedanken, schon soweit gekommen, daß die Professoren anfangen, "das Bourgeoise" seiner Paradoxen nachzuweisen. Nicht einmal seine Schriftstellerqualitäten konnten ihn davor schützen, daß der Zeitgeist oder die Mode ihn für die Geschichte zurechtmacht. Denn auch die Dichter halten in der sogenannten Literaturgeschichte ihr postumes Eigenleben. Fast zwei Jahrtausende war Virgil ein Gipfel und einige Jahrhunderte lang ein Zauberer dazu; jetzt treibt er als Vergilius ein kümmerliches Dasein auf dem Ausgedinge der Lateinschule.

Eine Vorstellung oder Ahnung von dieser Beweglichkeit des Standpunktes der Philosophiegeschichte hat der große Konstrukteur des philosophischen Historismus schon gehabt, Hegel; weil ihm aber die Philosophie der objektive Geist ist, "dessen denkende Natur es ist, das, was er ist, zu seinem Bewußtsein zu bringen", so sieht er in der Geschichte der Philosophie ein Ganzes auf verschiedenen Ausbildungsstufen und kommt zu einem für ihm selbst sehr schmeichelhaften Schluß (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 13): "Die der Zeit nach letzte Philosophie ist das Resultat aller vorhergehenden Philosophien und muß daher die Prinzipien aller enthalten; sie ist darum, wenn sie anders Philosophie ist, die entfaltetste, reichste und konkreteste." Mit andern Worten: HEGEL war für HEGEL der Gipfel, und die Entwicklung hätte von Rechts wegen mit ihm ein Ende haben sollen.

Drolliger ist es, wenn ein Schulmeister wie KUNO FISCHER (in der Einleitung zu der Geschichte der neueren Philosophie) den Kothurn [Jagdstiefel, wp] eines HEGEL anschnallt und auf dialektischem Wege den Beweis führt, daß nun KUNO FISCHERs Siegesallee der neuem Philosophie (in 9 Bänden) der wahre Gipfel ist. Philosophie ist Selbsterkenntnis des Menschengeistes, des objektiven. Immer sind es Wendepunkte, wenn Selbsterkenntnis zur neuen Grundlage gemacht wird. Solche Wendepunkte sind selten. "Sie erscheinen (die Wendepunkte?) immer nur, wenn die Zeiten erfüllt sind." Eigentlich dürfte es gar keine Geschichte der Philosophie geben; denn Wahrheit ist nur  eine  und hat darum keine Geschichte; aber der kritische Geschichtsschreiber der Philosophie empfängt seinen Standpunkt eben von der Geschichte; der Menschengeist, der Gegenstand der Philosophiegeschichte (auch dieses Wort stammt von HEGEL) ist lebendig, historisch; also fällt Geschichte der Philosophie und Bewußtwerden der Geschichte des Menschengeistes zusammen. "Wenn das Objekt der unendliche Geist ist, so ist die Wahrheit selbst eine lebensvolle Geschichte." So kommt auch FISCHER zu dem wiederum für ihn schmeichelhaften Schlüsse, daß Philosophie nichts andres sein kann als Geschichte der Philosophie, daß also KUNO FISCHER der Gipfel ist. Nicht nur etwa Erkenntnistheorie, sondern auch Lebensweisheit fällt unter diesen Begriff. "Wir befreien uns von unsern Leidenschaften, sobald wir sie denken; sie hören auf, unser Zustand zu sein, sobald sie unser Gegenstand werden... die Akte der Selbsterkenntnis sind in unserm Leben, was die Monologe in einem Drama; die Handlung zieht sich aus dem bewegten Schauplatz der Außenwelt in das innerste Gemüt zurück." Man konnte einwenden, daß nur der Wendepunkt-Philosoph der Dichter solcher Monologe ist, der Philosophiehistoriker aber, der den fremden Text hersagt, nur etwa ein Schauspieler.

Das große und das kleine Beispiel von HEGEL und von KUNO FISCHER zeigen, wie die Beweglichkeit des Standpunktes schließlich dazu führen kann und im Grunde immer geführt hat, den eignen Standpunkt für den äußersten Gipfel zu halten. Wie wir's zuletzt so herrlich weit gebracht. HEGEL und KUNO FISCHER standen ja nicht allein auf diesem Wahn; HEGEL hat die deutsche Welt, KUNO FISCHER Hunderte von Studenten und Professoren zu Gläubigen gemacht.

Der zweite Umstand, der eine Geschichte der Philosophie verhindert, Wissenschaft zu werden, ist, wie gesagt, die Unmöglichkeit, den Gegenstand dieser Geschichte in dauernden Worten festzuhalten. Wir verstehen kaum die Sprache unsrer Zeit, selten einer die Sprache des andern, niemals die Sprache eines Toten. Wir verzeichnen die Schlachten der Weltgeschichte und die Bücher der Helden der Philosophie. Die Psychologie der Eroberer kennen wir nicht, die Psychologie der Geisteshelden noch weniger, gerade darum noch weniger, weil nur Worte von ihnen übrig geblieben sind. Ceciderunt in profundum [Das ist das ganze Fundament, auf deutsch der ganze Grund. - wp]. Wir haben uns auf der Gondel eines Fesselballons hoch in die Lüfte gehoben; ein starkes Seil verbindet uns allein mit der Erde, mit der Vergangenheit. Wollen wir wirklich das Seil Faser für Faser aufdröseln, um unsre Verbindung mit der Erde, um unsre Vergangenheit besser zu verstehen? Eine Arbeit für Seiler. Vor dem Aufdröseln der letzten Faser wäre unser Ballon losgerissen.


VII.

Mitten inne zwischen den Historien der Naturdinge, die wir tot oder unorganisch nennen, und der psychologischen Menschengeschichte stünde die Entwicklung der Organismen auf der Erdkruste, die auch zeitlich ein Zwischenglied zwischen Geologie und Menschengeschichte wäre. Wäre diese Entwicklungslehre mehr als eine anregende Kampfhypothese gegen den Bibelglauben, wäre sie verifiziert, so stünde sie der Geschichte der toten Naturdinge wissenschaftlich etwas näher als die Menschengeschichte, weil sie frei ist von Psychologie. Ganz frei sein sollte.

Auch mit der Hypothese des Panpsychismus, der die Elemente und die Gestirne, die Gesteine und die Organismen mit menschenähnlichen Seelen begaben möchte (wird auf Menschenähnlichkeit Verzicht geleistet, so verliert die Metapher jeden Sinn), ist für die große Geschichte der Naturdinge nichts anzufangen. Möchte man dann die treibende Kraft der Entwicklung Panpsychismus nennen, einerlei, es wäre doch nur eine philosophische Terminologie für unsre Unwissenheit, und die Geschichte der Naturdinge würde um so mehr zufällig, je mehr wir uns bemühten, sie der Menschengeschichte ähnlich, sie innerlich zu fassen.

Daß aber Weltgeschichte ein Werk des Zufalls sei, daß keine gewollten Zwecke irgend einer weltbaumeisterlichen Intelligenz in ihr zu entdecken seien, das gerade bestritten und bestreiten die ganz edlen Menschen, die das Schöne und das Gute auch dann noch in der Vergangenheit suchen, wenn. sie es in ihrer Gegenwart nicht aufgefunden haben. Sie wollen nicht glauben, daß die Geschichtsschreibung längst erstrebt hat, was die literarische Bewegung vor dreißig Jahren als neues Dogma verkündete: von jeher war Geschichte eine künstlerische Erzählung von äußerstem Naturalismus. Und die besten Romane des Naturalismus (ZOLAs Débâcle, STENDHALs Kartause von Parma) sind Geschichte. Die ganz edeln Menschen, die immer auf einige Worte des Glaubens schwören, sind übrigens modern und lassen der Ästhetik ihr Recht. Die Ästhetik mag auf ihrem Gebiete den Begriff des Sollens abschaffen. Aber beileibe die Ethik nicht anstecken. Die edlen Menschen wollen nicht begreifen, daß beide Begriffsgruppen aus ähnlichen Werturteilen bestehen, daß Ethik so etwas wie innere Ästhetik ist, daß in den Wirkungen der Musik z.B. ethische und ästhetische Erregungen schwerlich rein zu trennen sein dürften. Die Weltgeschichte soll ethisch sein, oder sie soll den Namen einer Wissenschaft nicht verdienen. Der Mensch als Objekt der Poesie braucht nicht zu sollen; aber der handelnde Mensch, der doch immer gewissenlos ist, muß sollen, die Menschheit als Ganzes muß erst recht sollen. Die Geschichte soll.

Diese hübsche Vorstellung, dieser Katechismus aller guten Menschen ist kaum jemals so geradlinig aufgestellt worden, zum Umwerfen geradlinig, wie in einer Rektoratsrede von LAZARUS vom Jahre 1863. Sie ist im dritten Bande der Zeitschrift für Völkerpsychologie, von 1865, abgedruckt. Der liberale Professor polemisiert noch gegen BISMARCK und weiß noch nichts von DARWIN; er macht noch rituelle Verbeugungen vor Rom und Hellas, eine besonders tiefe von dem Gotte Israels. Klug, beredt und geistreich spricht LAZARUS "über die Ideen in der Geschichte". In der Zeit des historischen Höhepunktes ist er, der Schüler WILHELM von HUMBOLDTs, besonnen und scharfsichtig genug, alles zu wissen und zu sagen, was sich gegen die wissenschaftliche Qualität der Geschichte einwenden läßt. Erforschung und Darstellung der Geschichte sei alt; der Versuch, sie als Wissenschaft zu behandeln, sei neu (389). Geschichtsschreibung könne die unendliche Fülle der Chroniken kürzen, könne aber nichts verallgemeinern. Die Wahrheit der Ereignisse werde nach ihrer Vereinbarkeit mit den uns bekannten Naturgesetzen beurteilt (393). Aber diese Negation genügt ihm nicht. Die Auffassung der Geschichte und ihre Darstellung als die Folge der mechanisch wirkenden Kausalität sei nur eine niedrige Form der Erkenntnis, beides dem Werte und der Wahrheit nach; sie könne unser höchstes Interesse nicht reizen, noch weniger befriedigen (399). Und LAZARUS tut, was die armen Menschen immer tun, wenn sie ihr höchstes Interesse reizen oder gar befriedigen wollen: er legt Ideen hinein. Ideen werden nun nicht bloß Zwecke, sondern Prinzipien der Geschichtsschreibung, weil sie auch die Prinzipien, die Quellen des Geschichtslebens sind. LAZARUS verwahrt sich umsonst dagegen, ein Hegelianer zu sein. Die Ideen haben es ihm angetan. Er sieht, daß das Wirkliche nicht vernünftig ist, daß keine Harmonie besteht zwischen den vernünftigen Ideen und der wirklichen Geschichte; und er quält sich ab, den Gegensatz dialektisch zu überwinden. Die Ideen müssen wirklich sein, absolut, weil sie dem Unedeln gegenüberstehen. "Nicht die Wirkung der Ideen ist absolut, sondern nur ihr Wert; nicht ihre Leistungen sind unbedingt, sondern nur ihre Forderungen" (422). Dieser Gregers Werle [Person in Ibsens Wildente, wp] hält seine idealen Forderungen nicht den einzelnen armen Menschen vor, aber um so dringender der ganzen Menschheit. Er glaubt an das Abstractum Menschheit, die gar keine juristische Person ist und die Forderung nicht einzulösen braucht. "Daß die Ideen wirklich die Geschichte beherrschen, kann man so wenig bestreiten, daß man vielmehr sagen möchte, sie seien fast gar die Geschichte selbst, alles andere nur Mittel und Erfolg" (433). Ideen müßten freilich erst verwirklicht werden, daneben seien sie aber auch wirklich; "unser Denken ist eben so eine unvollkommene Auffassung (Nachbildung) der Ideen, wie die wirkliche Welt eine unvollkommene Gestaltung derselben ist" (440). Die Ideen bringen es fertig, zugleich subjektiv und objektiv zu sein; sie haben objektive Wahrheit "auch vor und außer dem menschlichen Geiste an und für sich gedacht". Auf die entscheidende Frage, wie und wo diese reinen objektiven Ideen etwa existieren, antwortet er so wie alle Fachgelehrten, seitdem es Fachwissenschaften gibt, die die letzten Fragen nach den obersten Begriffen ihres eignen Fachs beantworten, beantworten müssen; man wird, wie auf einem schlechten Polizeibureau, von Zimmer zu Zimmer, von Hörsaal zu Hörsaal geschickt: "der Ort, wo diese Frage einen Sinn gewinnen und Antwort heischen kann, ist die Metaphysik... wir dürfen selbstverständlich diesen Weg hier nicht betreten" (477). LAZARUS, dem Mitbegründer der neuen Disziplin der Völkerpsychologie, genügt es, die Ideen den einzelnen Menschen abgenommen und sie der Gesamtheit aufgebürdet zu haben; "nur als Glieder und Träger des Gesamtgeistes sind sie Träger und Förderer der Ideen" (482).

LAZARUS ist der Sprecher, der Prediger des Gesamtgeistes. Die sittlichen Ideen in ihrer historischen Entfaltung sind ihm eine empirische Tatsache. "Sodann aber ist, so sicher und unleugbar wie jedes andre empirische Faktum, dies eine empirische Tatsache, daß das mit den Ideen verbundne Sollen, die kategorische Verpflichtung auf den Inhalt, die innere Notwendigkeit der Anerkennung, die unabbeugliche und unausweichliche Kraft der Überzeugung im Bereiche des Sittlichen ebenso stark, so unbedingt, so zuversichtlich ist, wie in jeder sinnlichen Wahrnehmung, in jeder mathematischen Anschauung" (478). So lehrte LAZARUS just die ewige Wahrheit des kategorischen Imperativs, als der Historismus in seiner Selbstzersetzung schon die ewigen Wahrheiten der Arten und der Zwecke gebrochen hatte, als der Historismus sich anschickte, die ewigen Wahrheiten der ethischen Begriffe zu brechen. Und ich habe soviel von LAZARUS angeführt, weil er faßlicher und besser als mancher Neuere das metaphysische Bedürfnis der ganz edeln Menschen ausgesprochen hat, weil mit gleichem dialektischen Wortaberglauben seit der angeblichen großen Revolution der Ethik und der Geschichtsauffassung, die LAZARUS noch entsetzt miterlebte, just das alte Dogma gesprochen und gepredigt wird. Auch mit den neuesten Ideen wird ein Sollen verbunden. Schön wird häßlich, häßlich schön, aber wir sollen immer mit. Gut wird zu böse, böse wird zu gut; wir sollen mit. Der Brecher des Sollbegriffs ist noch nicht erschienen, kann nicht erscheinen, solange die Sprache nicht über ihren eignen Schatten gesprungen ist.


VIII.

So glaube ich logisch und sogar historisch erwiesen zu haben, daß die Daten der Menschengeschichte sich zu keiner Wissenschaft ordnen lassen, weil ihr Erscheinen immer nur einmalig ist und ihre Motive immer psychologisch sind. Nur der Hinweis darauf bleibt mir noch übrig, daß die Daten selbst viel weniger gesichert sind, als der gutgläubige Leser eines Geschichtsschreibers sich suggerieren läßt. Wollte man den Begriff der Wahrscheinlichkeit, der doch in der Blütezeit der mathematischen Wahrscheinlichkeitslehre auf den Abstimmungswert der Majorität und auf den Wahrheitswert gerichtlicher Urteile angewandt worden ist, gar auf die Gewißheit geschichtlicher Tatsachen anwenden, das Ergebnis würde erschrecken. Selbst die trockenen Tatsachen, die zusammen nach Sprachgebrauch noch nicht Geschichte geben, sondern nur Chronik, sind um so weniger gesichert, je weiter wir in die Vergangenheit zurück und je weiter wir ins Detail gehen. Die meisten Schlachten sind so ausgefallen, wie in der Chronik steht, aber wir wissen von Waterloo doch viel genauere Details als von PAVIA oder von ARBELA. Wir kennen die letzten Stunden Kaiser WILHELM I. und NAPOLEONs des Großen, als ob wir unter der Dienerschaft dabei gewesen wären; wir wissen von der Ermordung CÄSARs, deren Wahrscheinlichkeit doch wohl gleich 1 ist, erstaunlich viel; wir wissen trotz aller Berichte wenig über die Todeskrankheit ALEXANDERs des Großen. Wir wissen fast zuviele Lebensdaten von GOETHE, wir wissen fast nichts von SHAKESPEARE, von HOMER nicht einmal, ob er gelebt hat.

Nicht einmal brutale Tatsachen, die unsre Großeltern aufs heftigste erregten, lassen sich verifizieren. Ist das Söhnchen von LUDWIG XVI., das offizös als LUDWIG XVII. gezählt wird, im Temple gestorben oder nicht? War der Uhrmacher NAUNDORFF, der 1845 in Holland unter dem Titel des Dauphin begraben wurde, der Erbe LUDWIG XVI. oder nicht? Wenn aber der Tod im Temple erfolgte: war das Kind, das am 8. Juni 1795 starb und obduziert wurde, der richtige Dauphin? oder ist der richtige Dauphin schon am 19. Januar 1794 ermordet und durch ein todgeweihtes, skrofulöses Proletarierkind ersetzt worden? Hundertjährige Kleinarbeit der Historiker hat die Fragen nicht entschieden.

Wenn die Revolution von 1789 in ihren Ereignissen (und nun gar in ihrer Psychologie) nicht wahrhaftiglich erzählt werden kann, was sollen wir von der Wahrheit über die andre Revolution halten, die die Reformation heißt? "Die Ursachen der Reformation." Jedes kleinste Schülerbuch zählt die Ursachen auf. Unter ihnen die Aussaugung Deutschlands durch die Geldgier des päpstlichen Hofes. Aber nicht einmal über die Vorfrage ist man einig: ob deutsches Geld um 1500 in stärkeren Strömen nach Rom geflossen sei als früher; katholische und protestantische Historiker kommen zu entgegengesetzen Ergebnissen, mit gleicher Wahrscheinlichkeit. Fragt man gar nach dem Entscheidenden: was in der Seele des einfachen Mannes hervorging, der sich der LUTHERischen Bewegung anschloß - fragt man, ob der einfache Mann in dem neuen Kirchenbegriff, in der Abkehr von den  guten Werken  ein Novum sah oder ein Festhalten an alter Wahrheit, so gibt es keine Antwort.

Und weiter zurück. Ist JESUS am Kreuze gestorben? oder haben seine Getreuen ihn noch lebendig bergen können? Beide Behauptungen werden mit gleicher Wahrscheinlichkeit bewiesen. Über das Seelenleben aber der ersten, welche in JESUS den Christus sahen, wissen wir nichts. Und toll gewordene Modeschreiber werfen dazu die Frage auf, ob JESUS ein Arier gewesen sei oder nicht. Als ob diese Frage überhaupt einen wissenschaftlichen Sinn hätte. Als ob sie einen andern Sinn haben könnte als den: nachdem wir das Seelenleben Jesu Christi so genau kennen, als ob wir mit ihm einen Scheffel Salz gegessen hätten, beschließen wir aus innern Gründen, ihn einen Arier zu nennen.

Der neueste Methodiker der Geschichtswissenschaft, BERNHEIM, hat in seinem großen Lehrbuch und dann in der kleinen "Einleitung in die Geschichtswissenschaft" Wesen und Arbeitsmittel dieser Disziplin im Geiste unserer Zeit gut und anregend behandelt. Er hat natürlich gründliche Kritik der Quellen gefordert und gibt schlagende Beispiele zu den Fehlern einer unkritischen Zeit. Aus jener Zeit solle das geflügelte Wort stammen: l'histoire n'est qu'une fable convenue [Geschichte ist nicht ohne weitere Prüfung für wahr Angenommenes. - wp], das doch wohl auf VOLTAIRE zurückgehen wird. Aber die aufräumende und einschneidende Kritik habe keinen Zweifel an der Erreichbarkeit sichrer historischer Kenntnisse überhaupt mit sich gebracht. BERNHEIM fährt fort (Einleitung, Seite 76): "Die alte grundsätzliche Skepsis gegen die Gewißheit aller menschlichen Erkenntnis im allgemeinen ist unsrer Wissenschaft kaum nahegetreten, weil der Gegenstand der Geschichte (die Betätigungen der Menschen) zu überzeugend dem entspricht, was wir täglich in unserm eignen Geistesleben als wirklich erfahren, um dem Zweifel Raum zu lassen, ob es nicht Wirklichkeit, sondern nur Sinnenschein sei, was die Geschichte unsrer Erkenntnis darbiete." Du ahnungsloser Engel du! Dabei kennt Bernheim sehr gut William Sterns radikale Untersuchungen zur "Psychologie der Aussage", kennt die Gebrechlichkeit der menschlichen Erinnerung und zitiert selbst die Anekdote von Sir WALTER RALEIGH, "der das Manuskript zum 2. Band seiner Weltgeschichte ins Feuer geworfen haben soll, weil ihm ein Straßenauflauf, den er vom Fenster aus mit angesehen hatte, gleich darauf von einem andern Augenzeugen wesentlich anders berichtet wurde, als er selbst beobachtet hatte".

Von den gar vielen ernsten Männern, deren Skepsis allerdings auch der Geschichtswissenschaft nahezutreten wagte, will ich nur noch einen nennen.

LESSING, der doch alten Autoren mehr als dem Evangelium zu glauben geneigt war, kam durch seine Beschäftigung mit der Kirchengeschichte dazu, "die Schranken der Menschheit und das Gewerbe des Geschichtsschreibers näher anzusehen". Aus VOPISCUS zitiert er ("Duplik"): Neminem scriptorum, quantum ad historiam pertinet, non aliquid esse mentitum. "Welcher Geschichtsschreiber wäre jemals über die erste Seite seines Werkes gekommen, wenn er die Beläge aller ... kleinen Bestimmungen jedesmal hätte bei der Hand haben müssen... So straff den Zügel in der Hand, kann man wohl eine Chronik zusammenklauben, aber wahrlich keine Geschichte schreiben."

Vielleicht darf ich einen krassen Fall von gebrechlicher Erinnerung und gefälschter Aussage aus eigenem Erleben beifügen. In einem Mordprozeß als Zeuge vorgeladen, passierte es mir, daß ich den des Mordes verdächtigen Mann, und zwar wenige Minuten nach der Vorführung, mit einem zweiten Strolche verwechselte, der dem ersten weder im Gesicht, noch in Gestalt, noch in Sprache, noch in Kleidung irgendwie ähnlich war, einfach unter der Suggestion der beiden gleich konfiszierten Gesichter. Die Gläubigkeit BERNHEIMs wird verständlicher, wenn man seine Definition (Seite 33) aufmerksam liest: "Die Geschichtswissenschaft ist die Wissenschaft, welche die Tatsache der Entwicklung der Menschen in ihren Betätigungen als soziale Wesen in psycho-physischem Kausalzusammenhang erforscht und darstellt." Es stecken mancherlei Dogmen in dieser Definition: das Dogma von der Entwicklung, das vom sozialen Wesen und das vom psycho-physischen Zusammenhang. Diese Dogmen werden, wie es die Arbeitsleistung verlangt, aus andern Disziplinen geholt und hinterher als bekannt vorausgesetzt. Und nicht leicht wird man es mir zugeben, daß zwei dieser Dogmen einander sogar gröblich widersprechen, daß der psychische Zusammenhang allein (auf das Modewort psycho-physisch wird Bernheim nach einigen Jahren kein Gewicht mehr legen) zur Erklärung der Ereignisse gar nicht genügt, wenn es in der Geschichte der Menschheit eine Entwicklung gibt, d. h. einen transzendenten oder immanenten Plan, eine Zielstrebigkeit, oder wie immer man die eindeutige Richtung, die Tendenz der Entwicklung ausdrücken mag.

Abgesehen davon, ist der psycho-physische oder psychologische Zusammenhang just das Ideal, dem sich weder die christlich-theokratische, noch die pragmatische, noch die positivistische, noch die materialistische Geschichte jemals auch nur annähern konnte. So wie wir uns nämlich von den res gestae, der alten Chronik der Psychologie der Geschichte zuwenden, die allein unsere Wißbegier reizen und befriedigen kann, wird die Wahrscheinlichkeit auch der neuern Ereignisse so gering wie die der ältesten Daten. Über Gesundheits- und Geisteszustand Napoleons während der Schlacht von Waterloo wird gestritten; über den Gemütszustand des Königs WILHELM vor den beiden letzten Kriegserklärungen sollte gestritten werden. Menschenkenntnis und Wahrscheinlichkeitsrechnung sind armselig, wenn sie nicht beide die Kompliziertheit der Motive in Betracht ziehen. Vielfache Motive aber, die zugleich (sowohl als auch) die Entschlüsse herbeiführen, lassen den Wahrscheinlichkeitswert der Wahrheit kleiner und kleiner werden für die psychologische Ursache, die der Geschichteschreiber aus künstlichen Gründen hervorgehoben hat. Und für die Gebiete der Völkerpsychologie, besonders für deren älteste Geschichte, wo doch unendlich viele und sehr schlecht bezeugte Faktoren zusammenwirkten, wird der Wahrscheinlichkeitswert der Wahrheit unendlich klein. Ich empfehle einem müßigen Mathematiker die Berechnung der unendlich kleinen Wahrscheinlichkeitsgröße für die Wahrheit der Behauptungen, die von den scharfsinnigen Forschern über die Urgeschichte der Menschheit, über die Ursprache oder gar (ohne den psychologischen Faktor) über die Entstehung des Kosmos aufgestellt worden sind. Die Wahrscheinlichkeit der psychologischen Literaturgeschichte und überhaupt der intimen Philologie, der wichtigsten Hilfswissenschaft der Geschichte, ist nicht unendlich klein, aber doch klein genug. Man mache die Rechnung auch für die äußere Philologie. Wenn jede Konjektur [Vermutung, Deutung - wp] so gut wäre, daß Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit sich die Wage hielten, so wäre dennoch bei der großen Zahl der Konjekturen, die zusammen erst zu einer geistreichen neuen Behauptung führen, die Wahrscheinlichkeit dieser neuen Behauptung sehr klein. Ars conjectandi [Wahrscheinlichkeitsrechnung, wp] nannte sich die Wahrscheinlichkeitslehre zuerst und hoffte, die Wahrheit auf den Vermutungskalkül zu stellen. Aber bei den Belustigungen des Verstandes und Witzes der Philologen scheint jede Konjektur lobenswert, probabel, wenn sie sich nur im fernsten Bereiche der Möglichkeit bewegt. Aus allen diesen Gründen scheinen mir die Daten der Geschichte nicht wahrscheinlich genug, nicht probabel genug, um aus ihnen eine glaubhafte pragmatische Darstellung gestalten zu können; auch spätere und gründlichere Zeiten, auf welche SCHILLER und KANT hofften (gründlicher als der Historismus kann keine Zeit sein), werden daran nichts ändern.

Mit alledem soll ja nicht gesagt werden, daß Geschichte nicht ebenso schön, wertvoll, erhebend, was man will, sein könne wie die eigentlichen Wissenschaften. Noch einmal: "das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt". Nur sollte man nicht vergessen, daß die enthusiastischen Wirkungen der Geschichte selbst wieder ihre Geschichte haben, daß immer wieder weggeworfen worden ist, was durch Jahrhunderte ein Kleinod war. Auch Religionen können schön, wertvoll, erhebend und dennoch falsch sein, Lebenslügen oder Lebensträume der Völker.

Eins aber ist gewiß: da wir uns mit unserm Menschenverstande die Menschengeschichte wie alles nur kausal, nur als stetige Verkettung vorstellen können, so ist alle Gegenwart, in die wir hineingestellt sind mitsamt unserm Ich, eine Folge der Geschichte, eine zeitliche und eine ursächliche Folge. Die Hoffnung der besten Begründer des Historismus war: die genaue Kenntnis der Geschichte wieder zu einer neuen Triebkraft des gegenwärtigen Lebens zu machen. Zweimal sollte wirken, was einmal irgendwo gewesen war. Zweimal die wirkliche Vergangenheit, einmal unser armes Wissen von der Vergangenheit. Fast könnte man versucht sein, die Geschichte darum zur Metaphysik zu rechnen, weil auch die die Menschheit zum Doppeltsehen anleiten möchte. Der alte Dualismus zwischen Leib und Seele. Es ist etwas außer der neuen materialistischen Schulweisheit. Es ist etwas außer den Daten der Chronik. Aber wir wissen von der Geschichte soviel wie von der Seele. Und der Kulturmensch ließe sich wohl einmal als ein Tier definieren, das seine Geschichte wissen möchte.


X.

Die Geschichte hat keine Gesetze der Geschichte zum Ergebnis; doch auch um die einfachen Tatsachen, deren Erzählung ihre Aufgabe ist, ist es schlecht bestellt. Die Geschichte der Ereignisse ist die Geschichte von menschlichen Handlungen, die entweder durch die Macht des einzelnen handelnden Menschen oder durch die Masse der gemeinsam handelnden Menschen wichtig erscheinen. Verzichten wir nun darauf, in der Darstellung solcher Veränderungen sog. Gesetze zu entdecken, ähnlich wie z.B. bei chemischen Veränderungen, so bleibt als reine Beschreibung der Tatsachen ungefähr das übrig, was in den Geschichtstabellen von Schülern auswendig gelernt wird. Schlacht von Waterloo 1815, Gefangennahme NAPOLEONs III. und seiner Armee am 2. September 1870. Die menschlichen Handlungen werden aber von unzähligen Ursachen bestimmt; den letzten Entschluß in der einzelnen handelnden Person nennt man gar den Willen. Eine pragmatische Geschichte müßte den wirklichen Uraachen der historischen Tatsachen nachspüren; eine vollständige Geschichte müßte auch jedesmal den Willen der handelnden Person, müßte wenigstens den Willen der Führer kennen. Wir haben gelernt, daß dieses letzte Ideal niemals zu erreichen ist, weil es einen Willen in der Wirklichkeitswelt nicht gibt, weil der einzelne Willensakt selbst nur ein sprachlicher Ausdruck ist für die Resultierende bewußt oder unbewußt wirkender Ursachen. Aber auch ohne diese natürliche Logik können wir einsehen, daß - wie Scipio Sighele das von einem beschränktem Standpunkt ausgedrückt hat - man der Geschichte nicht glauben darf.

Sogar die äußern Tatsachen sind nicht immer glaubhaft verbürgt. SIGHELE führt aus der neuesten Zeit zwei frappante Beispiele an. Die Aussagen aller Mitbeteiligten werden nicht Sicherheit darüber verschaffen, ob z.B. CRISPI an einem Gefecht unter GARIBALDI teilgenommen habe oder nicht, ob der berühmte Reiterangriff bei Sedan von diesem oder jenem General kommandiert worden sei. Während im Gerichtssaale oder gar in der Logik eine große Zahl von Zeugen den Wahrheitsbeweis ermöglichen soll, gibt die Geschichte Beispiele in Menge, wo Hunderte oder Tausende von Zeugen falsch gesehen oder belichtet haben. Es bleibt dabei, daß die Geschichte eine fable convenue [nichtverbürgtes Märchen, wp] ist.

Wären aber auch die Tatsachen sichergestellt, so würde man von der Geschichtsschreibung doch wenigstens noch eine Beschreibung, eine pragmatische Geschichte fordern dürfen, eine Mitteilung der materiellen Ursachen, wie ich die Ursachen der Massenbewegungen ungenau im Gegensatze zu den Willensakten der Führer nennen möchte. Ungenau, weil doch auch die Massenbewegungen zuletzt auf Willensakte einzelner Personen zurückgehen. Diese materiellen Ursachen sind in der Kriegsgeschichte wie in der Kulturgeschichte so unendlich komplizierter Natur, daß die Geschichtsschreibung, trotzdem sie die Statistik zu Hilfe genommen hat, an ihnen zuschanden wird. Kein Offizier und kein Geschichteschreiber kann sagen, warum in einem gegebenen Augenblicke einer Schlacht das eine Bataillon tapfer vorrückte und das andre davonlief. Und doch setzt sich aus solchen unerklärten Tatsachen die Weltgeschichte zusammen. Niemand kann erklären, aus wie vielen Ursachen heraus gerade JESUS, BUDDHA und MOHAMMED die Welt umgestalteten, während es andern Religionsstiftern mißlang.

Bis zu dem Willen von JESUS, MOHAMMED und BUDDHA gar vorzudringen, bis zu ihren bewußten Absichten, ist der Geschichte versagt. Doch der bewußte Wille ist selbst bei den geschichtlichen Persönlichkeiten der Gegenwart kaum jemals zu ergründen. Es ist eine der interessantesten Fragen, die uns noch heute alle beschäftigt, ob es Kaiser WILHELM war oder BISMARCK, der die Einigung Deutschlands  wollte.  Wir wissen, daß BISMARCK die weitaus genialere Persönlichkeit war, und neigen darum dazu, ihm das Hauptverdienst zuzuschreiben um eine Sache, die wir lieben. Wir müssen aber bedenken, daß der Kaiser während der Vorbereitungen und noch lange nachher gute Gründe hatte, die Verantwortung seinem Minister zuzuschieben. Es wäre also möglich, auch wenn entgegengesetzte Äußerungen des Kaisers WILHELM vorlägen, daß der Wille zu einer Vergrößerung von Preußen ursprünglich bei ihm war.

Die Wichtigkeit der geschichtlichen Ereignisse, ihre ungeheure Sichtbarkeit, ihr unvergleichliches Größenverhältnis zu den mikroskopischen Erscheinungen der Natur darf uns also nicht darüber täuschen, daß wir - vom Standpunkt der Erkenntniskritik - die Erscheinungen der Geschichte noch weniger kennen als etwa die Erscheinung eines einzelnen Blattes an einem Baume. Von den materiellen Ursachen, welche dieses einzelne Blatt gerade so und nicht anders werden und welken ließen, wissen wir nicht mehr und nicht weniger als von den materiellen Ursachen des Erblühens und des Niedergangs eines Volkes. Die letzten Ursachen aber in der Geschichte eines Blattes können wir wenigstens auf sogenannte Gesetze zurückführen; die letzten Ursachen eines Blattes Geschichte sind uns mit dreifachem Siegel verschlossen: oft sind uns die Tatsachen unbekannt, meistenteils die materiellen Gründe, immer der Wille der handelnden Menschen.

RANKE, der unerreichte Lehrer unserer Historikerschule, hatte eine feste Gewohnheit, beinahe eine fixe Idee, durch welche seine eindringende Darstellung der Vorgänge, die Anspruch machen historisch zu heißen, den Schein einer Wissenschaft erhielt. Er fragt bei Epochen, bei Ereignissen, bei Regierungen von Königen und bei der Herrschaft von Ministern jedesmal stereotyp nach dem, was an dieser Epoche, diesem Ereignis usw. das Wichtigste war. Das Wichtigste wofür? Für die Mitwelt? Für die Nachwelt? Für den herrschenden Mann? Oder für das Volk? Für das Bewußtsein des herrschenden Mannes? Oder für LEOPOLD von RANKE? Man konnte auch die Geschichte einer Wolkenbildung, die man von einem festen Punkte aus betrachtet, während obere und untere Winde mit Wolke und Nebelfetzen spielen und die Bilder sich noch dazu perspektivisch verschieben, so darstellen, daß man die wichtigste Wolkenform heraushebt: der Löwe ist wichtiger als der Frosch. Und wenn einzelne Wolkenformen beliebt werden, um das Wetter des künftigen Tages vorauszusagen, so könnte ein Skeptiker immer noch fragen: ob diese Wolkenform, ihre Eignung zur Voraussage angenommen, für die Wolken irgendwie wichtiger sei als eine andere. Aber auch Meteorologie nennt sich eine Wissenschaft.
LITERATUR - Fritz Mauthner, Wörterbuch der Philosophie, München/Leipzig 1910/11