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FRITZ MAUTHNER
Wesen der Sprache
I -01

So schwer fällt es, den verschiedenen Sinn und die Unvollkommenheiten der Worte darzulegen, wenn es nur mit Worten geschehen kann. - John Locke

Verstehst du nun mein Sprachprinzipium der Vernunft, und daß ich mit Luther die ganze Philosophie zu einer Grammatik mache? - Hamann an Jacobi

"Im Anfang war daß Wort." Mit dem Worte stehen die Menschen am Anfang der Welterkenntnis und sie bleiben, stehen, wenn sie beim Worte bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um den kleinwinzigen Schritt, um welchen die Denkarbeit eines ganzen Lebens weiter bringen kann, der muß sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muß seine Welt von der Tyrannei der Sprache zu erlösen versuchen.

Da hilft aber keine Einsicht, da hilft kein sprachkritischer Atheismus. In der Luft ist kein Halt. Auf Stufen muß man emporsteigen und jede Stufe ist ein neuer Trug, weil sie nicht frei schwebt. Auf jeder Stufe, und wäre sie noch so niedrig, und hielte sich der Emporstrebende noch so flüchtig bei ihr auf, berührte er sie auch nur mit seinen Zehenspitzen: im Augenblicke, der Berührung schwebt auch er nicht frei, ist auch er gefesselt an die Sprache dieses Augenblicks, dieser Stufe. Und hätte er sich auch Stufe und Sprache für diesen Augenblick selbst gebaut.

Es war also in der jahrelangen Arbeit jedesmal Selbsttäuschung, wenn er, der die Erlösung von der Sprache auf sich nehmen wollte, das Werk in einem regelrechten, stufengerechten Werke zu vollbringen hoffte. Der ist kein freier Mann, der sich noch einen Atheisten nennt, einen Gegner dessen, den er leugnet. Der kann das Werk der Befreiung von der Sprache nicht vollbringen, der mit Worthunger, mit Wortliebe und mit Worteitelkeit ein Buch zu schreiben ausgeht in der Sprache von gestern oder von heute oder von morgen, in der erstarrten Sprache einer bestimmten festen Stufe. Will ich emporklimmen in der Sprachkritik, die das wichtigste Geschäft der denkenden Menschheit ist, so muß ich die Sprache hinter mir und vor mir und in mir vernichten von Schritt zu Schritt, so muß ich jede Sprosse der Leiter zertrümmern, indem ich sie betrete. Wer folgen will, der zimmere die Sprossen wieder, um sie abermals zu zertrümmern.

In dieser Einsicht liegt der Verzicht auf die Selbsttäuschung, ein Buch zu schreiben gegen die Sprache in einer starren Sprache. Weil die Sprache lebendig ist, so bleibt sie nicht unverändert vom Anfang eines Satzes bis zu seinem Ende. "Im Anfang war das Wort"; da, beim Aussprechen des fünften Wortes, verwandelt schon das erste Wort "im Anfang" seinen Sinn.

So mußte der Entschluß reifen, diese Bruchstücke entweder als Bruchstücke zu veröffentlichen oder das Ganze dem radikalsten Erlöser zu überantworten, dem Feuer. Das Feuer hätte die Ruhe gebracht. Der Mensch jedoch, solange er lebt, ist wie die lebendige Sprache und glaubt, er habe etwas zu sagen, weil er spricht.

Was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen.

Es war einmal ein Pope, der war Pope genug, um Wanzen in seinem Bette zu haben, und Freigeist genug, um seine Wanzen als etwas Häßliches oder doch Fremdes zu empfinden. Umsonst wandte er nacheinander hundert Mittel an, seine Wanzen zu vernichten. Eines Tages aber brachte er aus der großen Stadt, wo die Universität ist ein Pulver mit, welches ihn untrüglich befreien sollte. Er streute es aus und legte sich hin. Am anderen Morgen waren alle Wanzen tot, aber auch der Pope war tot. Was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen.

Mehr als einmal bin ich daran gegangen, diese alte und wahre Geschichte zu einer Satire gegen die Poperei aller Völker umzugestalten. Jedesmal schreckte mich der Gedanke zurück, daß die Satire nicht nur die Kirchen, sondern auch die Philosophien treffen könnte, keine Philosophie so traurig wie eine, die sich vermißt, die Welt von der Sprache zu erlösen und das mit armen Worten.

In dieser lachenden Stunde des Entschlusses und des Endes, die eben zertrümmerte Sprosse berührend, auf welcher ich befreit bin von Worthunger, von Wortliebe und von Worteitelkeit, richte ich die Spitze ruhig gegen mich selbst und sage bereit: was die Wanzen tötet, tötet auch den Popen.

Indem ich mich also anschicke, eine Kritik der menschlichen Sprache zu geben, muß ich - eben weil der Gegenstand meiner Untersuchung mit dem Mittel der Untersuchung gleich bezeichnet wird, durch das Wort Sprache" nämlich - noch viel genauer, als das anderswo geschieht, die Begriffe prüfen. Mit dem Begriff "Kritik" freilich brauche ich mich nicht lange aufzuhalten. Kritik heißt von altersher die scheidende oder unterscheidende Tätigkeit des menschlichen Verstands; das aufmerksame Beobachten zweier ähnlicher Tatsachen muß notwendig zur Beachtung ihrer unterscheidenden Merkmale führen, wenn der Unterschied für unsere Organe groß genug ist; denn es gibt keine identischen Tatsachen. Wer also die Kritik einer Erscheinung verspricht, verspricht. nicht mehr und nicht weniger als eine gewissenhafte Beobachtung oder Untersuchung dieser Erscheinung. Das kann jedermann mit gutem Gewissen tun, und das Ergebnis seiner Untersuchung hängt nachher nicht von seinem Willen ab, sondern von der beobachteten Wirklichkeit und von der Schärfe seiner Sinnesorgane.

Was aber ist die Sprache, die aufmerksam zu beobachten ich mir vorgenommen und den Lesern versprochen habe? Ich will ja nicht wie der Verfasser eines Wörterbuchs auf die einzelnen Worte einer bestimmten Sprache achten; ich will nicht wie ein Grammatiker die verschiedenen Formen einer einzelnen Sprache gruppenweise zusammenstellen. Aber auch die Geschichte einer einzelnen Sprache will ich nicht schreiben, ebensowenig die Geschichte einer Sprachfamilie, wie sich das die vergleichende Sprachwissenschaft, zuerst für unsere eigene "Sprachfamilie " und dann für alle Sprachen der Erde, zur unlösbaren Aufgabe gestellt hat. Ich will doch offenbar dasjenige untersuchen, was den Sprachen der Menschen gemeinsam ist, was man hübsch abstrakt etwa das Wesen der Sprache nennen kann. Da fällt es zuerst auf, daß "die Sprache" in diesem Sinne etwas ganz anderes bedeutet als "eine Sprache" oder "die Sprachen" wobei man schließlich zur Not an etwas Wirkliches denken kann, wenn dieses Wirkliche auch nur, weil es ein flüchtiger Schall ist, kaum zu den materiellen Dingen gerechnet werden darf.

Doch welches Wirkliche wäre am Ende mehr als flüchtige Form? Ich lasse mich dabei auf gar keine Spitzfindigkeiten ein. Wenn man die architektonischen Denkmäler und die versteinerten Überreste der Urwelt eine Sprache genannt hat, in welcher die Vorzeit der Kultur oder der Natur zu uns spricht, so ist das ein bildlicher Ausdruck. Wenn man an die Hieroglyphen und an die Keilschrift erinnert, wo irgend ein altes Volk nur noch durch Schriftzeichen, also nur durch sichtbare Zeichen zu uns zu reden sucht, so würde doch jeder solchen Sprache, falls sie wirklich enträtselt wäre, eine gesprochene Sprache zu Grunde liegen. Selbst die sichtbare Fingersprache unserer Taubstummen ist ja doch nur eine den Verhältnissen angepaßte sichtbare Fixierung einer Volkssprache und weist auf eine gesprochene Sprache ebenso zurück wie unsere gewöhnliche Schrift. Es gehört in einen anderen Gedankengang was freilich die Zusammengehörigkeit der Tatsachen nicht ausschließt - daß wir Büchermenschen durch unaufhörliche Übung des Lesens es so weit bringen können, die gesprochene Sprache in unserem Bewußtsein auszuschalten; unbewußt arbeitet jedoch das sogenannte Zentrum der hörbaren Sprache auch beim Lesen des Büchermenschen mit.

Die einzelnen Sprachen sind also die außerordentlich komplizierten Lautgruppen, durch welche sich Menschengruppen miteinander verständigen. Was aber ist "d i e Sprache", mit der ich es zu tun habe? Was ist das Wesen der Sprache? In welcher Beziehung steht "die Sprache" zu den Sprachen.

Die einfachste Antwort wäre: "d i e Sprache" gibt es nicht; das Wort ist ein so blasses Abstraktum, daß ihm kaum mehr etwas Wirkliches entspricht. Und wenn die menschliche Sprache als "Werkzeug" der Erkenntnis, wenn insbesondere meine Muttersprache als Werkzeug auch zuverlässig wäre, so müßte ich den Versuch dieser Kritik von vornherein aufgeben, weil dann der Gegenstand der Untersuchung ein Abstraktum, ein unwirklicher und unfaßbarer Begriff ist. Damit stehe ich vor dem ersten betrübenden Dilemma. Nur wenn die menschliche Sprache und insbesondere meine Muttersprache nicht zuverlässig und nicht logisch ist, nur dann werde ich hinter dem äußersten Abstraktum "die Sprache" noch etwas Wirkliches entdecken; dann aber werde ich wegen der Unzuverlässigkeit des Werkzeugs die Untersuchung nicht so gründlich vornehmen können, wie ich möchte. Da ich aber diese Eingangssätze nicht tatsächlich am Anfang meiner Beobachtungen abfasse, sondern nach jahrelangen Mühen, so weiß ich schon, daß dieses betrübende Dilemma mich von Schritt zu Schritt verfolgen wird.

Welchen Sinn das Abstraktum "die Sprache" habe, das wird etwas deutlicher werden, wenn wir vorerst erfahren haben, wie abstrakt und unwirklich eigentlich dasjenige ist, was wir eben vorläufig mit gutem Glauben als etwas Wirkliches hingenommen haben: die Einzelsprachen. Was sind diese Einzelsprachen, die das Objekt der Sprachwissenschaft abgeben, der blutjungen Wissenschaft, die in diesem Jahre (1896) 80 Jahre alt geworden ist? Wenn man bedenkt, daß diese Wissenschaft es sich zur Aufgabe gestellt hat, die verschiedenen Sprachen der Menschen nach Stämmen, Völkern und dann wieder nach Mundarten u.s.w. zu sondern, so muß man anerkennen, daß die Sprachwissenschaft nur vorläufig und mit Vorbehalt von den Einzelsprachen ausgehen darf. Ihr Gegenstand ist vielmehr die ungeheure Masse aller menschlichen Laute, die jemals irgendwo auf der Erde von Menschen zum Zwecke der Verständigung gesprochen oder geschrieben worden sind.

Die Sprachwissenschaft hat sich die Aufgabe gestellt, diesen ungeheuren Vorrat nach Worten und nach Bildungsformen, sodann oder vorher nach näherer und weiterer "Verwandtschaft" zu ordnen. Die volkstümliche Abgrenzung nach Volkssprachen und nach Mundarten dient, wie gesagt, nur zur vorläufigen Orientierung. Es kann eines Tages entdeckt werden, daß die Sprache der alten Inder der unseren nahe "verwandt" ist; es kann wieder einmal entdeckt werden, daß die niederdeutsche Mundart der hochdeutschen Sprache ferner steht, als der plattdeutsch redende Mecklenburger wohl glaubt. Auf dem Gebiete der ostasiatischen Sprachen gehören solche Überraschungen zu den alltäglichen Ereignissen.

Aus dieser Lage der Sprachwissenschaft wird klar, daß ihre einzelnen Sprachen nicht so sicher definierbare Einheiten sind, wie man wohl glauben möchte. In Wirklichkeit ist auch der Begriff der Einzelsprache nur ein Abstraktum für die Fülle von Ähnlichkeiten, von allerdings sehr großen Ähnlichkeiten, welche die Individualsprachen einer Menschengruppe bieten, eines sogenannten Volkes.

Wir müssen hier gleich festhalten, was sich später übersichtlicher ergeben wird, daß die Individualsprache eines Menschen niemals der irgend eines anderen Menschen vollkommen gleich ist, und daß ein und derselbe Mensch in verschiedenen Lebensaltern nicht die gleiche Sprache redet, auch wenn man von den Besonderheiten seiner Kindersprache absieht. Die Ungleichheit der Individualsprachen ist bei einiger Aufmerksamkeit gar nicht zu übersehen. Jeder charaktervolle Schriftsteller ist an seiner charakteristischen Individualsprache zu erkennen. Auf hundert Schritte. Wie das Bild eines charaktervollen Malers. Wer seinen eigenen Stil nicht hat, ist kein geborener Schriftsteller.

Aber auch die Ungleichheit einer Individualsprache in verschiedenen Lebensperioden ist größer, als man wohl glauben möchte. Man kann allgemein annehmen, daß der einzelne Mensch im ganzen und großen die Sprachentwicklung der durchlebten Zeit mitmacht, wenn auch viele Gewohnheiten seiner Jugend ebenso haften bleiben werden, wie in der Fremde die Gewohnheiten seiner heimatlichen Mundart. Stelle man sich einen deutschen Mann vor, der im selben Jahre mit WALTHER von der VOGELWEIDE geboren worden wäre und nun noch, etwas mehr als 700 Jahre alt, in voller Frische des Geistes und Körpers leben würde. Manche nüchtern wissenschaftliche Hypothese unserer Sprachforscher setzt mehr Phantasie voraus. Wie wir nun heute die Gedichte WALTHERs erst mit Hilfe eines mittelhochdeutschen Lexikons verstehen, wie WALTHER selbst unsere Romane und Zeitungsartikel erst nach viel anstrengenderen Studien (weil er viel mehr Tatsächliches hinzuzulernen hätte) verstehen könnte, so behaupte ich: mein Siebenhundertjähriger würde im ganzen und großen die Sprache unserer Tage reden, würde bei der Lektüre von LESSING zum Beispiel freundlich angemutet werden von den Gewohnheiten des 18. Jahrhunderts, seinen Jugendgenossen WALTHER aber würde er ebensowenig ohne wissenschaftliche Hilfe lesen können wie wir. Begegnete er sich mit WALTHER, sie würden einander nicht mehr verstehen.

Wir können also sagen, daß die Einzelsprachen, mit welchen die Sprachwissenschaft sich wie mit wirklichen Dingen abzugeben gewohnt ist, Strömen gleichen, in welchen an jedem einzelnen Punkte der Wassertropfen zeitlich unaufhörlich von anderen Wassertropfen abgelöst wird, räumlich in der Mitte von anderen Wassertropfen dahinfließt. Der alte griechische Satz "man kann nicht zweimal in denselben Fluß hinabsteigen" gilt auch für die Sprache. Ihre Worte und Formen haben sich unaufhörlich verändert. Wenn unser "Helm" wirklich von dem alten indischen  carman  herkommt (gotisch  hilms),  so ist die Veränderung in unscheinbaren Abschattierungen der Laute ganz allmählich vor sich gegangen; aber je unbedeutender die Lautveränderungen von Geschlecht zu Geschlecht vor sich gehen, je sicherer jedes Geschlecht glaubt und hofft, das ererbte Wort unverfälscht weiter zu geben, desto unaufhörlicher muß der Fluß dieser Veränderungen sein, damit aus  carman  Helm werde. Hundert Jahre bedeuten da so wenig, daß "Helm" z.B. noch ganz mundgerecht war, als die preußischen Heeresorganisatoren zu Anfang des 19. Jahrhunderts das Wort (mit der Sache) wieder einführten, nachdem es gegen zweihundert Jahre lang in bloß poetischhistorischem Gebrauche geruht hatte.

Auch die Mühlen der Sprache mahlen langsam, aber sicher. So ist - um beim Bilde vom Strome zu bleiben - jeder folgende Tropfen dem vorangegangenen so ähnlich, daß kein Mikroskop einen Unterschied herausfinden könnte; und doch ist es nicht ausgeschlossen, daß das Wasser eines Stromes im Laufe der Jahrhunderte die in ihm aufgelösten Bestandteile ändert, weil durchflossene Minerallager erschöpft worden sind oder weil irgend ein Gebirge durch, Abholzung rascher überflutet wird oder weil Bodenveränderungen stattgefunden haben u.s.w. Was beim Strome eine wenig beachtete Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit ist, das ist in der Sprache zuverlässig Wirklichkeit. Unablässig wandeln die Sprachen die Bedeutung ihrer Worte und bei dem unübersehbaren Verkehr des letzten Jahrhunderts, bei dem starken Aufwand an neuen Begriffen kann die Sprache dem Bedürfnis an Bedeutungswandel kaum nachkommen. So hat sich z.B. der Bedeutungswandel der Worte innerhalb der großen Gruppe der Eisenbahnbegriffe bis heute nicht vollständig vollzogen. Man denke an "Platz" in "Platzkarte". Oder an den Begriff "Stunde" beim Berliner ("Nach Hamburg sind es vier Stunden") und beim Gebirgsbewohner ("Gute vier Stund' bis hinauf ").

Unablässig geht auf der anderen Seite der Lautwandel vor sich, der sich in der Hauptsache auf das einzige Bedürfnis der physiologischen Bequemlichkeit zurückführen läßt. Denn wenn einerseits allgemein anerkannt wird, daß der Lautwandel zum großen Teile vorgenommen wird, um den Sprachorganen Arbeit zu ersparen, so ist doch auch derjenige Wandel in den Bildungsormen, der auf Erweiterung und neuerungssüchtige Ausdehnung der Analogien hinausläuft (z.B. im Deutschen das Ersetzen der starken Konjugation durch die schwache, wie backte statt buk, ähnlich wie in der Kindersprache trinkte statt trank), eine Bequemlichkeit für die Nervenbahnen. Beispiele sind beinahe überflüssig. Im Deutschen ist aus dem spätlateinischen merkwürdigen Worte  paraverêdus  schließlich "Pferd" geworden, das überdies vielfach "Ferd" ausgesprochen wird, so daß eine künftige Orthographie das  p  vielleicht weglassen wird. Aus dem griechischen Worte  eléémosyne  (deutsch Almosen) ist das englische  alms  geworden, das  ams  ausgesprochen wird. Wir können diese heimliche Tätigkeit zu Gunsten einer bequemeren Aussprache mitunter bei der Arbeit beobachten. So schreibt heute noch jeder Schulmeister und jeder Dorfschüler "sehen" und "gehen". Schauspieler, Kanzelredner und ihresgleichen bemühen sich, das stumme  e  deutlich auszusprechen. In der Umgangssprache wird aber dieses stumme e, welches im Gotischen ein a ( saihwan),  nicht mehr gesprochen, und die Sprachmeister sind in Verlegenheit, welche Regel sie aufstellen sollen. Noch vor wenigen Jahren schrieb ein Sprachforscher, die Weglassung des  e  in der Endsilbe en (gesehn) sei vulgär. Seitdem habe ich diese Weglassung sehr häufig gesehn.

Ist nun die zeitliche Veränderung der Worte schon vielseitiger und feiner, als wie die Verschiedenheit der aufeinanderfolgenden Wassertropfen bisher gekennzeichnet worden ist, so ist offenbar die Verschiedenheit der Wassertropfen, die im Strombett nebeneinander fließen, auch nicht so groß wie die Verschiedenheit der Individualsprachen unter Volksgenossen. Habe ich also die EinzeIsprache mit dem ewig veränderlichen Flusse verglichen, so ist die Strömung der Sprache zwar eine langsamere, aber, worauf es ankommt, die Unfaßbarkeit und Flüchtigkeit des einzelnen Moments scheint mir bei der Sprache noch größer zu sein. Wir kämen weiter, wenn wir zur Vergleichung an regelmäßige Luftströme und Luftstrombette denken dürften. Will man also die Einzelsprache nicht als ein unwirkliches Abstraktum anerkennen, so wird nichts übrig bleiben, als das Strombett selbst, die sich gleichbleibende Form mit der Einzelsprache zu vergleichen, weil das Strombett sich denn doch langsam genug verändert.

Habe ich es mir nun zur Aufgabe gestellt, nicht die Form und die Geschichte der Einzelsprachen zu verfolgen, sondern dasjenige zu beobachten, was den Einzelsprachen gemeinsam ist, so werde ich Ähnlichkeiten zwischen ihnen auffinden müssen. Ist zwischen den Einzelsprachen keine andere Ähnlichkeit vorhanden als die in der Definition liegende, daß sie nämlich zur Verständigung zwischen den Menschen dienen, so wird meine Untersuchung bald zu Ende sein oder doch kein positives Ergebnis liefern. Doch auch dann wäre es nützlich, manchen Aberglauben zu zerstören, den Grammatik und Logik an die Sprache geknüpft haben. Ich hoffe aber, noch um einen kleinen Schritt weiter kommen zu können. Vergleicht man die einzelnen Sprachen miteinander etwa so, wie die Erdbeschreibung die einzelnen Strombette miteinander vergleicht, nach ihrer Lage, ihren Linien und dergleichen, so scheint mir dabei nur eine überflüssige Wissenschaft herauszukommen.

Es wäre aber auch möglich, bei sehr genauer Beachtung und vollständiger Kenntnis aller Begleitumstände, jedes einzelne Strombett als die Wirkung seiner eigenen Wassermassen bis ins kleinste zu erklären. Die bekannten physikalischen und chemischen Eigenschaften des Wassers sind die alleinige Ursache der gegenwärtigen Strombette, die dann freilich wieder den neuen Wassermassen ihren Weg weisen. Diese Weisheiten sind so wohlfeil wie Brombeeren. Jeder Schafhirt versteht sie und kennt sie auch ungefragt. Dennoch gab es eine Zeit, in welcher die Menschheit unter dem Zwang eines lebhafteren mythologischen Bedürfnisses sich irgend einen Gott, ein Mannsbild oder ein Frauenzimmer, am Ursprung eines Flusses sitzend dachte, welcher Gott nach geheimnisvollen Absichten viel oder weniger Wasser, warmes oder kaltes Wasser, gutes oder schlechtes Wasser in das Strombett oder aus der Quelle fließen ließ. Eine Nachwirkung dieser Mythologie finden wir heute noch in Ausdrücken wie Vater Rhein oder auch in den lächerlichen Frauenzimmern, welche auf lächerlichen Denkmälern mit unpraktischen griechischen Krügen in der Hand deutsche Flüsse darstellen- Wir dachten uns nichts dabei, sagen die Leute zur Entschuldigung.

In den Geisteswissenschaften, namentlich in den Anschauungen von der menschlichen Sprache, ist aber dieses mythologische Bedürfnis noch ungeschwächt vorhanden. Was nicht allein Pfaffe und Pöbel von der Sprache behauptet, was fast alle Sprachforscher - einer dem anderen - nachschreiben, daß nämlich die Sprache ein Werkzeug unseres Denkens sei (ein bewunderungswürdiges Werkzeug noch dazu), das erscheint mir als eine Mythologie. Nach dieser Vorstellung, welche heute noch von allen Köpfen geteilt wird, sitzt irgendwo am Strombett der Sprache eine Gottheit, Mannsbild oder Frauenzimmer, das sogenannte Denken, und herrscht unter den Einflüsterungen einer ähnlichen Gottheit, der Logik, über die menschliche Sprache mit Hilfe einer dritten dienenden Gottheit, der Grammatik. Ich würde es für das stolzeste Ergebnis meiner Untersuchung halten, wenn ich die Menschen von der Unwirklichkeit, von der Wertlosigkeit dieser dreieinigen Göttinnen überzeugen könnte, denn der Dienst unwirklicher Götter ist immer opfervoll, also immer schädlich.

Ich vermute, daß "die Sprache", die Sprache im allgemeinen oder das Wesen der Sprache, bei genauer Betrachtung nichts mehr von der Herrschaft des Denkens, der Logik und der Grammatik wird wissen wollen. "Die Sprache" wird sich größtenteils als ein leeres Abstraktum herausstellen; wo wir aber dennoch zwischen den Einzelsprachen, die freilich selbst Abstraktionen sind, tatsächliche Ähnlichkeit wahrnehmen werden, wo "die Sprache" uns eine Bezeichnung werden wird für eine wirkliche Art des menschlichen  Handelns,  da werden wir niemals nötig haben, auf Denken, auf Logik oder Grammatik als den Ursprung zurückzugehen. Vielmehr werden wir wohl finden, daß Denken, Logik und Grammatik Merkmale der Sprache sind, gewissermaßen in der Sprache drinstecken und nur von müßigen Ordnungsfanatikern herausgezogen worden sind. So gibt es in der Natur kein anderes Blau als an blauen Erscheinungen. Es wäre auch da, wenn die Sprache das Adjektivum blau zu abstrahieren sich nicht die Mühe genommen hätte. Wie die Elektrizität da war, bevor man sie entdeckte, d.h. ihre Wirkungen unseren Sinnen wahrnehmbar machte. Wie in der Natur alle die Elemente schon da sind, die wir noch nicht kennen. Am Ende wird aber auch diese Kritik nur wollen, was alle Sprachwissenschaft von jeher wollte: die Erscheinung der Sprache erklären.

Die Sprache erklären! Schon die naiven Griechen versuchten so etwas, als sie darüber stritten, ob die Sprache durch die Natur oder durch einen Gesetzgeber entstanden sei. Die Entstehung durch einen Gesetzgeber muß die älteste, die theologische Antwort gewesen sein. Diese Antwort wurde übrigens von den wenig dogmatischen Griechen noch etwas vernünftiger gegeben als von den Christen des Mittelalters; die Griechen dachten doch halbwegs an einen menschlichen Gesetzgeber, einen Heros, einen Erfinder, wie sie denn in ihren Göttern gern die Erfinder wichtiger Kulturarbeiten verehrten. Auch darin waren sie den Christen vorzuziehen, daß sie bei der Sprache an etwas Konkreteres dachten, nämlich an ihre eigene Landessprache, an Griechisch. Die Christen - um unter diesem Namen die Völker der neueren abendländischen Entwicklung zusammenzufassen - gelangten sehr früh zu dem Bewußtsein, daß es viele und gleichberechtigte Sprachen gebe, und faßten so zuerst "die Sprache" als ein Abstraktum, das ungefähr den Sinn von "Sprachvermögen " enthielt, wenn davon die Rede war, daß Gott den Menschen die Sprache verliehen habe. Dieser für uns fast monströse Gedanke findet sich noch ganz ungeschwächt und pfäffisch in einem sonst so vorzüglichen Überblick über die bisherigen Ergebnisse der Sprachwissenschaft, wie es die Vorlesungen von WHITNEY sind. Es heißt da ("Die Sprachwissenschaft", bearbeitet von JOLLY, 1874, Seite 555):
"Der göttliche Ursprung der Sprache ist in dem Sinne aufrecht zu erhalten, in welchem die Menschennatur überhaupt mitsamt all ihren  angeborenen und angenommenen Gaben  Gottes Werk ist."
Solche Komplimente für den lieben Gott können bewußte Heuchelei sein (woran ich an ähnlichen Stellen aus MAX MÜLLERs "Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft" nicht gern glauben möchte); sie können aber auch unbewußte Höflichkeit sein, Anpassung an die Volksgemeinschaft; und dann gehören sie schon selbst dem Gebiete des Bedeutungswandels an.

Wir müssen uns aber natürlich davor hüten zu glauben, alle diese Sätze, Fragen und Antworten hätten zu allen Zeiten den gleichen Sinn gehabt. Zu der Entwicklung der Sprache gehört es als ein begleitender Nebenumstand, daß die Worte auch da einen Bedeutungswandel erfahren, wo wir es nicht wissen. Und wo wir es wissen, bleiben wir uns des Wandels nicht immer bewußt.

So verbanden die Griechen ganz gewiß mit dem Gedanken, daß ein Gesetzgeber die Sprache gemacht habe, die kindliche Vorstellung, daß dieser Gesetzgeber die einzig richtige Sprache gemacht habe, natürlich die griechische. Ein Pferd hieß nicht nur  hippos,  es war auch ein  hippos.  Darin nun waren ihnen die Christen wieder überlegen, daß in ihrer Lehre von dem göttlichen Ursprung der Sprache ebenso gewiß die Vorstellung von einer gewissen Willkür steckte. Gottes Wille ist eo ipso [selbstverständlich, wp] Zufall. Es war Gottes Wille, daß es mehrere Sprachen gab; aber es gab doch mehrere gleichberechtigte Sprachen. Nationaler Dünkel mußte der internationalen Christenheit ursprünglich fremd sein. Auf den närrischen Einfall, die Sprachen etymologisch vom Hebräischen abzuleiten, kam man erst später, auf philologischem Wege. Es war kein theologisches Dogma.

Als nun dem Satze, die Sprache sei  thesei  (durch einen Gesetzgeber) entstanden, die neue Lehre entgegengestellt wurde, sie sei  physei  (natürlich) entstanden, waren ebenso naive Vorstellungen mit dem richtigen Gedanken verbunden. Es wäre darum ganz falsch, die gegenwärtige Auffassung von einer natürlichen Entwicklung der Sprache schon den Nachfolgern des HERAKLEITOS zuzutrauen. Wir können uns eben kaum mehr in das Gehirn von Leuten hineindenken, welche die künstliche Sprachschöpfung leugneten, aber daß Unbewußte des Vorgangs nicht ahnten und noch dazu von Natur eine "richtige" Sprache entstehen ließen. Die die Entstehung  physei  lehrten, fragten dabei immer noch nach dem Ursprung der griechischen Sprache. Unsere Sprachforscher lehren ebenfalls die Entwicklung auf natürlichem Wege; aber sie kennen seit LEIBNIZ das Unbewußte der menschlichen Tätigkeit, die solche Wirkung erzeugt, und sie nehmen die einzelnen Sprachen als Tatsachen hin. Ihre Frage geht darum nicht mehr nach dem Ursprung der einzig richtigen Sprache, auch nicht einmal mehr nach dem Ursprung der Sprache überhaupt. Ihre Frage lautet vielmehr ganz bescheiden etwa so: durch welche historische Entwicklung ist es gekommen, daß wir (z.B. die Einwohner eines Fleckens in der Altmark) so sprechen, wie wir sprechen, daß die heutigen Bantuneger wiederum so sprechen, wie sie sprechen.

Diese Frage läßt sich teilweise beantworten; bald auf zwei oder drei, bald auf fünfzig, ja bis auf hundert Generationen zurück. Wie es Familien gibt, welche höchstens noch wissen, wie der Großvater geheißen hat und was er trieb, wie es andere, stolzere Familien gibt, die noch Nachrichten von ihrem Urahn besitzen, so gibt es junge und alte Sprachgeschichten. Hinter diesen beglaubigten Entwicklungen liegt aber jedesmal die Paläontologie der Sprache. Und die Frage der modernen Sprachwissenschaft ist darum so bescheiden, weil sie sich mit so dürftigen Nachrichten begnügt, und die vagen Hypothesen, welche die Vorgeschichte aufhellen sollen, noch dankbar mit in Kauf nimmt.

Während also die Alten das Abstraktum "die Sprache" nicht so wie wir fassen konnten, weil sie über ihre eigene Landessprache (wozu die Römer noch Griechisch trieben) nicht hinausdachten, konnten sie doch wieder nicht das Konkrete an der Sprache so erfassen, wie unsere Forscher, die wirklich bis zum Konkretesten, den Schallwellen, beinahe vorgedrungen sind. Die Sprachlaute werden als bewegte Luft zwar nicht mathematisch bestimmt, aber wohl physikalisch begriffen.

Doch die Götzendienerei ist dem Menschen angeboren. Immer wieder versucht er den Sprung von den drei bis hundert Generationen, die er kennt, zurück zu den unzähligen, die er nicht kennt; immer wieder fragt er nach dem Ursprung "der" Sprache. Da er nämlich, wenn er ein besonnener Sprachforscher ist, wirklich nicht nach dem Ursprung eines jetzt gesprochenen Sprachstamms fragen dürfte, da die Frage nach dem Ursprung z.B. der Sanskrit-Wurzeln, mit welchen unsere indo-europäischen Sprachen begonnen haben sollen, wirklich nur wie ein kindischer Scherz klingt, so ist jede Untersuchung über den Ursprung der Sprache nicht mehr eine Beschäftigung mit irgend etwas Konkretem, sondern - was nur noch nicht in die Köpfe eingegangen ist - eine Rückkehr zu dem Abstraktum: "die" Sprache. In diesem Sinne ist also "d i e Sprache" ungefähr dasselbe wie das, was die ältere Psychologie "das Sprachvermögen" genannt hat. Es würde demnach die Frage nach dem Ursprung der Sprache, das heißt doch nach der ersten Betätigung des Sprachvermögens, identisch sein mit der Frage nach dem Ursprung des Sprachvermögens. Was ein Unsinn zu sein scheint.

Nur scheint. Wir müssen eben die Sprache unter die übrigen Tätigkeiten des Menschen rechnen als wie das Gehen, das Atmen. Da ist es für einen Biologen gar kein unsinniger Gedanke, daß der Mensch nicht geht, weil er Beine hat, sondern daß er Beine hat, weil er geht; daß der Mensch nicht atmet, weil er eine Lunge hat, sondern daß er eine Lunge hat, weil er atmet.

Richtiger: die Entwicklung des Werkzeugs und die Steigerung der Tätigkeit gehen parallel nebeneinander her. Nehmen wir nun das wirkliche Sprachwerkzeug (unter Sprachwerkzeug verstehe ich außer dem Tonapparat auch alle ihm dienenden oder befehlenden Muskeln und Nerven) als den tatsächlichen Ausdruck für ein geträumtes Sprachvermögen, so ist es allerdings möglich, daß die Entwicklung der menschlichen Sprache neben der Entwicklung der menschlichen Sprachorgane einhergegangen sei.

Fassen wir diesen Gedanken ganz scharf ins Auge, so sehen wir hoffentlich, daß - in wie unendliche Zeiträume wir auch den Ursprung der Sprache zurückverfolgen mögen - wir doch niemals an einen Moment gelangen, wo wir die Vorstellung konkreter Sprachlaute verlassen müßten, wo wir nach dem Ursprung des Abstraktums Sprache fragen müßten.

Der Wert dieses Gesichtspunktes scheint mir darin zu bestehen, daß wieder einige Abstrakta aus dem wissenschaftlichen Gebrauche hinausgeworfen wurden. "Sprachvermögen" oder "die Gabe der Sprache" wird definitiv überflüssig, wenn klar erkannt wird, daß der Sprachgebrauch, d.h. hier die Ausübung der Sprachtätigkeit, sich erst das Sprachwerkzeug ausgebildet hat. Man wird dann den Begriff "Sprachvermögen" ebenso absurd finden, als etwa ein besonderes "Gehvermögen" oder ein besonderes "Atmungvermögen". Gewiß liegt im selbsttätigen Fortbewegen des Tieres gegenüber dem Abwarten der Pflanze die Möglichkeit höheren Komforts; doch hat sich das Bewegungswerkzeug durch Gehen erst entwickelt. Ebenso ist das Atmen der Luft durch Lungen wahrscheinlich komfortabler, als die Benützung der Luft im Wasser durch die Kiemenatmer; doch wird kein Mensch die allmähliche "Entwicklung" dieser "Gabe" übersehen können, da jeder Frosch ein Beispiel bietet.

Die Ähnlichkeit zwischen Gehen u.s.w. und Sprechen würde heller werden, wenn wir schon hier mit klarer Einsicht das Abstraktum "Sprache" immer durch das Tätigkeitswort Sprechen" ersetzen dürften.

Unser Gesichtspunkt ist weiter darin wertvoll, daß die Frage nach dem Ursprung "der" Sprache ihren alten Sinn verliert. Der Ursprung muß immer weiter und weiter zurückverlegt werden und die Untersuchung der Sanskritwurzeln sinkt zu einer Sprachgeschichte des gestrigen Tages herab. Wo ich selbst - dem unbesiegbaren Sprachgebrauche folgend ebenfalls von einem Ursprung der Sprache rede, denke ich darum nicht an den wirklichen unnahbaren Ursprung, sondern an einen irgendwo weit zurückliegenden Punkt des Stromlaufs, an einen Ruhepunkt, der aber nur in meiner Vorstellung existiert.

Die zweckmäßigen Bewegungen, welche wir unter dem Namen Sprache zusammenfassen, oder besser unter dem Verbum "Sprechen" (jedes Verbum ein Ordnungsbegriff unter dem menschlichen Gesichtspunkte eines Zwecks), machen den allgemeinen Weg von der unbewußten Bewegung durch das bewußte Wollen zum Unbewußten zurück, und zwar sowohl in der allgemeinen Sprachentwicklung wie in der Sprache des Individuums. Die Äußerungen des Schmerzes und der Freude gehen noch aus keinem bewußten Willen hervor; sie kommen, um den Sprachgebrauch französischer Psychologen anzuwenden, aus Volitionen, nicht aus der volonté. Das Sprechenlernen des Kindes ist mit Bewußtsein verbunden wie das Gehenlernen; auch in der genetischen Entwicklung der Sprache müssen wir behaupten, daß jede Bereicherung, jede neue kühne Metapher, mit Bewußtsein verbunden war. Am Ende wird aber das gewöhnliche Sprechen so automatisch, daß es dem Laien zuerst schwer fällt, nur in den Bewegungen das Wirkliche der Sprache zu sehen. Denn er achtet zuletzt nur noch auf die Ergebnisse der Bewegungen, die Töne, und nicht auf die Bewegungen selbst. Mit dem bewußten oder unbewußten Wollen bleibt das Sprechen oder Denken, bleibt alles Erkennen immer verbunden, weil alles Erkennen zuletzt auf die durch das Individualinteresse erweckte Aufmerksamkeit und die durch das Vorfahreninteresse ererbte Aufmerksamkeit zurückgeht.

Hätten die Menschen nicht sprechen gelernt, und nur ein einzelner unter ihnen würde sprechen, so wäre es dem Beobachter natürlich, die Erscheinung als eine Reihe von Bewegungen aufzufassen, und es würde ihm kaum einfallen, diesen Bewegungen einen Gesamtnamen zu geben. So fällt dem Kinde an dem brüllenden Ochsen sehr deutlich die Anstrengung auf, die das Tier macht. Die Sprachbewegungen des unter sprachlosen Mitmenschen allein redenden Individuums wären aber gar nicht Sprache. Ein einzig sprechender Mensch unter sprachlosen Volksgenossen ist ebensowenig vorstellbar wie ein redender Gott, der den Menschen die Sprache erst schenkte. Oder er wäre wie der Teilnehmer an einem ausgedehnten Telephonnetze, das keinen zweiten Teilnehmer hätte. Seine Zweckbewegungen wären nicht Sprache. Sprache werden diese Bewegungen erst durch ihre über das Individuum und über die Wirklichkeit hinausgehende Eigentümlichkeit, daß sie bei einer Gruppe von Menschen die gleichen Vorstellungen hervorrufen, daß sie dadurch verständlich, daß sie nützlich sind. Als sozialer Faktor erst wird die Sprache, die vor Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht einmal in einem Wörterbuch beisammen war, etwas Wirkliches. Eine soziale Wirklichkeit ist sie; abgesehen davon, ist sie nur eine Abstraktion von bestimmten Bewegungen.

Ich brauche nicht erst hinzuzufügen, daß die gebrauchten Begriffe Volitionen und Wollen selbst wieder Abstraktionen sind, denen nichts Wirkliches entspricht. So führt man die Sprachbewegungen zuletzt auf einen Mitteilungstrieb zurück, der neben dem Atmungstrieb, dem Ernährungstrieb (wovon der Atmungstrieb doch nur eine Unterart wäre), dem Geschlechtstrieb (wovon der Ernährungstrieb wieder nur ein Diener wäre), dem Spieltrieb und dem Wahrnehmungstrieb sauber aufgezählt wird. Der Wahrnehmungstrieb ließe sich ebensogut in einen Sehtrieb, einen Hörtrieb u.s.w. zerlegen. Aber alle diese Triebe sind doch nur entstanden durch den menschlichen Klassifikationstrieb, der ihrer würdig ist, d.h. durch die Ökonomie des menschlichen Gedächtnisses; in der psychologischen Wirklichkeit kann es auch keinen Trieb geben außer dem individuellen Willen zum Leben, für den sich dann natürlich die Bezeichnung Selbsterhaltungstrieb findet.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I,
Zur Sprache und Psychologie, Stuttgart/Berlin 1906