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FRITZ MAUTHNER
Wortbildung
I -31

"Es ist endlich Zeit, daß die Menschheit ihre Sprache, d.h. ihr Gedächtnis entfetische, nachdem sie durch ungezählte Jahrtausende Abstraktionen oder Fetische gehäuft, und ihren Müllkasten die Schatzkammer ihres Geistes genannt hat."

Der gelehrte Logiker unterscheidet gern das laienhafte natürliche Denken vom eigentlichen, vom bewußten Denken. Für mich ist auch Selbstbewußtsein identisch mit Erinnerung, einer unerklärten Tatsache, die HERING eine Funktion der organischen Materie genannt hat, ohne sie dadurch besser zu erklären. Erinnerung ist in jedem Organismus. Wenn ich kaum geboren zu atmen beginne, so ist diese ganze Bewegungskomplikation ererbte Erinnerung der Muskeln und Nerven. Wenn der Klavierspieler mit Sicherheit ein Stück zu Gehör bringt, so arbeitet der ganze Mechanismus vom Gehörzentrum (mitunter auch ohne Gehörzentrum) bis zu den Fingerspitzen nach geübter Erinnerung. Diese beiden Erinnerungsarten, die Erinnerung der Gattung oder der Instinkt, und die Erinnerung der Übung oder die Fertigkeit, sind nicht bewußte Erinnerungen, mögen sie nun vom Rückenmark oder von einer Gehirnprovinz ressortieren.

Es ist einer der Ausgangspunkte dieser Schrift, daß es kein Denken gebe außer dem Sprechen, daß das Denken ein totes Symbol sei für eine angebliche, falsch gesehene Eigenschaft der Sprache: ihre eingebildete (von ihr selbst uns eingebildete) Fähigkeit, die Erkenntnis zu fördern. Ich weiß wohl, daß diese rein negative Behauptung eben auch die Erkenntnis nur negativ fördert; aber es ist endlich Zeit, daß die Menschheit ihre Sprache, d.h. ihr Gedächtnis entfetische, nachdem sie durch ungezählte Jahrtausende Abstraktionen oder Fetische gehäuft, und ihren Müllkasten die Schatzkammer ihres Geistes genannt hat.

Das bewußte Denken, soweit es eines gibt, hat nun die Eigentümlichkeit, daß das Gehirn sich an sein Erinnern erinnert. Die Muskeln und Nerven, die das Atmen und das Klavierspielen machen, sind offenbar autonom. Sie wechseln mit der Zentrale keine Schriftstücke. Wie sie das anfangen, um dennoch nicht anarchisch zu werden, und wie sie in ihrer engeren Verwaltung ohne Sprache fertig werden, das ist ihre Sache. Das Wesen der Zentrale liegt darin, daß sie von allen Vorgängen der Dezentralisation dennoch Kenntnis hat, und ihrer eigenen Denktätigkeit zuschauen, sich selbst über die Achsel schauen kann, wozu oder wovon der Kopf bedenklich verdreht werden muß.

Bewußtes Denken ist also wahrnehmbare Erinnerung. Das Unfaßbare dieses Vorgangs wird vielleicht heller, wenn wir beachten, daß auch beim Sehen eine Bewegung vorausgeht, die doch eigentlich das Sehen voraussetzt. Wir bewegen unsere Augäpfel so lange hin und her, bis das Bild des Gegenstandes, den wir zu unserem Vorteil prüfen wollen, auf die Netzhautstelle des deutlichsten Sehens fällt. Wir fangen also die Beute in der Sehgrube ein, und wir lassen sie wieder laufen, wenn sie uns nicht wertvoll scheint. Dem deutlichen Sehen geht ein nebelhaftes Bemerken voraus. Was demnach unsere Augäpfel in Bewegung setzt, kann also noch gar nicht eine der Nebenmaschinen des Sehzentrums sein, sondern unser Interesse, welches das Instrument regiert. So mag es auch unser Interesse sein, der Hund Vorteil, welcher unser Gehirn bei seiner Erinnerungsjagd bewacht und den Schein erweckt, als könnten wir uns selbst über die Achsel schauen. Der Wachdienst unseres hungrigen Interesses mag auch das tiefste Rätsel des Denkens, wenn nicht erklären, so doch zu Wort bringen, was ja bei Rätseln für uns Kinder genügt.

Es ist seit mehr als hundert Jahren für die Schüler der älteren Engländer und KANTs ausgemacht, daß es keine Brücke gibt von unserem Denken zur Wirklichkeit, vom Subjekt zum Objekt, vom Ich zur Welt. Was immer wir von der Wirklichkeit wissen, die Bewegung der Sterne und das Gewicht eines Mehlsacks, die Geschichte Persiens und die Nässe dieses Wassertropfens, alles wissen wir gleich indirekt durch unser Sprechen oder Denken, also nur subjektiv. Ob dieser Wassertropfen oder dieser Mehlsack in der Welt an sich, d.h. außerhalb unseres Kopfes mit unseren Vorstellungen identisch oder irgendwie ähnlich sei, daß zu wissen haben wir niemals ein anderes Mittel als unser Denken. Denn selbst den verhältnismäßig unmittelbarsten Eindruck lernen wir erst als Nervenerregung kennen.

So mußte die Metaphysik einmal zu der verzweifelten Anschauung BERKELEYs kommen, welcher in all seiner Gottgläubigkeit an die Existenz der Welt nicht mehr glaubte. Das Denken konnte ihn nicht belehren, denn es liefert keine Kontrolle der Wirklichkeit. Wohl aber besitzen wir eine solche in unserem hungrigen Interesse. Wenn wir das Bild einer Sache wahrnehmen und dieses Bild auf dem Umwege des Wortdenkens unseren Willen beeinflußt, so daß unser Wille tätig nach diesem Ding reflektiert und der Wille danach befriedigt ist, so wird wohl das Ding irgendwie wirklich gewesen sein. Deutsch gesprochen: Wenn wir ein Brot sehen, danach langen, es fressen und dadurch unseren Hunger stillen, so wird es wohl Nahrung gewesen sein. Die Befriedigung unseres Interesses garantiert für die Wirklichkeit. Und der Fabelhund, der das wirkliche Stück Fleisch fallen ließ, um nach dem Spiegelbilde zu schnappen, war nicht der gesunde Hund des wachthabenden Interesses, sondern ein idealistischer Hundephilosoph.

Abgesehen von diesem Zerstörungsverdienst - vielleicht hat HEROSTRATOS auf der Folter etwas Falsches ausgesagt, vielleicht hat er den Artemistempel von Ephesos aus Freigeisterei angezündet - hat die Annahme, daß es neben dem Sprechen kein besonderes Denken gebe, noch den Vorteil, einige Hauptfragen zu vereinfachen.

Die alte Frage: "Wie können Geist und Körper, Denken und Räumliches aufeinander wirken?" - ist trotz DESCARTES und SPINOZA, trotz unseren Materialisten und ihrer Physiologie noch heute unbeantwortet. Nimmt man eine denkende Seele an, so ist die Schwierigkeit eine doppelte; man weiß nicht, wie die Schallerregung durch einen anderen Menschen (bei Entstehung der Sprache und bei ihrer Neuentstehung in jedem Kinde) bestimmte Gedanken in der Seele wecken könne, und ebensowenig, wie ein Gedanke der Seele die Sprechorgane zu einem verständlichen Schalle innervieren könne. Man müßte geradezu sowohl für die sensiblen wie für die motorischen Nervenbahnen eine Art Dirigenten, einen Umschalter, eine Überseele annehmen, und auch dann wäre das eigentliche Rätsel nur zurückgeschoben. Doch auch die gemeine materialistische Redensart, daß das Gehirn denke, Gedanken fabriziere (wie nach dem Worte VOGTs die Niere Harn), bietet die gleiche Doppelschwierigkeit für den gewöhnlichen Gebrauch, aber auch für die Entstehung der Sprache. Denn - abgesehen davon, daß ein Fortschritt der Erkenntnis durch diese Hirnsekretion eine abenteuerliche Vorstellung sein müßte - das Verständnis des Schalls ist ebenso unerklärbar wie die Rückverwandlung des Verstandenen in einen Schall. Hören und Sprechen sind zwei Rätsel, und zwar verschiedene Rätsel.

Nun hätte das Bedürfnis der Vereinfachung längst dazu führen sollen, diese beiden - offenbar reziproken - Rätsel auf eines zurückzuführen, Hören und Sprechen gewissermaßen auf eine Formel zu bringen.

Etwas Ähnliches - das hätte man bemerken müssen scheint vorzuliegen, wenn wir einen Gegenstand zugleich sehen und greifen können.

Was ist denn ein "Gegenstand"? Doch immer nur eine (mechanische oder organische) Einheit von bewegten Molekülen oder Molekularbewegungen (unser Wissen hat eben keine klareren Worte, ich muß sie brauchen). Es ist ein unerklärtes Wunder, daß diese Molekularbewegungen sich durch unsere natürlichen Augengläser, dann durch den Sehnerv u.s.w. bis zu einem "Zentrum" fortpflanzen, daß das Zentrum eine Ursache seiner Gereiztheit als "Gegenstand" nach außen projiziert; es ist ein zweites "Wunder" daß dasselbe oder ein benachbartes, einverstandenes Zentrum die Beine und Arme nach dem Gegenstande hinbewegt und durch Fingerbewegungen, tastend, dieselben Molekularbewegungen, das ist denselben "Gegenstand", wahrnimmt, den die Augen "gesehen" haben. Das Wunder ist damit nicht erklärt; aber es ist doch schon etwas, zwei Wunder auf ein und dasselbe Bekannte, hier die Bewegung, zurückgeführt zu haben. Freilich wird dadurch die altbekannte Bewegung ihrerseits wieder zum Wunder.

Wir haben bisher gesehen, daß die Eigenschaft des Gedächtnisses, immer nur das dem Vorurteil Entsprechende zu merken, das Ende der jeweiligen Erkenntnis bewirkt. Darum ist jede Besiegung eines Vorurteils auch eine so achtunggebietende Tat, weil sie dem naiven Menschengeiste, widerspricht, weil der Entdecker der neuen Beobachtung dazu aus seiner Weltanschauung heraustreten, weil er jedesmal die Grenzen seiner Sprache überspringen muß. Jetzt aber werden wir sehen, daß auch der Anfang der Erkenntnis, die Wortbildung nämlich, auf dieser Eigenschaft des Gedächtnisses beruht, nämlich so, daß nicht etwa bloß dieser Mangel des Gedächtnisses die Wortbildung begleitet, daß er vielmehr die Wortbildung erst möglich macht, daß also die Entstehung der menschlichen Sprache auf der Eigenschaft des Gedächtnisses beruht, die sein Grundfehler ist. Man halte dabei nur fest, was oben über die Ähnlichkeit gesagt worden ist: daß sie überall für die Gleichheit eintritt und sogar schon bei den klassifizierenden Wahrnehmungen der Sinne ihre Rolle spielt. Dasselbe gilt für die Erinnerungen.

Wenn nämlich das Gedächtnis des Menschen nur solche Sinneseindrücke zu einer gemeinsamen Vorstellung verschmelzen könnte, die vollkommen gleich oder identisch sind, so könnte es überhaupt zu keiner Erinnerung, zu keinem Vorstellungsbilde, zu keinem Begriff kommen. Die Geschichte aller Naturwissenschaft gibt Belege dafür, daß die Menschen die Arten der Tiere und Pflanzen immer provisorisch nach ungefähren Ähnlichkeiten unter einem Namen zusammenfaßten, und daß dann die fortschreitende Beobachtung die Begriffe je nach Bedarf entweder einschränkte oder ausdehnte, um sie mit den besseren und neueren Beobachtungen in Übereinstimmung zu bringen. In vorhistorischen Zeiten mögen gar die Menschen - wie die Sprachwissenschaft wenigstens lehrt - z.B. die Bäume mit eßbaren Früchten gemeinsam benannt haben, während Eichenvarietäten, wenn die eine eßbare Früchte trug und die andere nicht, verschieden benannt wurden.

Treiben wir die Sache weiter, so kommen wir schließlich dazu, was wir nach der Kritik der Logik genauer sehen werden, daß nämlich jedes Wort nur à peu près ein Ausdruck für gleichartige Dinge ist, daß den unzähligen und unendlich verschiedenen Individuen der Wirklichkeit keine sprachliche Zusammenfassung gegenüber steht. Wir haben Worte gebildet, nicht weil wir ein gutes, sondern weil wir ein schlechtes Gedächtnis besitzen. In der Wirklichkeit gibt es nur Individuen, gibt es keine Arten, keine Ideen, keine substantiellen Formen; in der Sprache gibt es  nur  Arten, nur Ideen, nur substantielle Formen. In unseren Köpfen ist die Wirklichkeit nur als Naturerklärung, d.h. als Naturbeschreibung vorhanden. Wenn wir die Karte eines Landes mit dem Lande selbst ähnlich finden, so hat das eine Berechtigung, weil wir von der Karte wie vom Lande Sinneseindrücke haben, die einen Vergleichungspunkt darbieten; unsere Naturerklärung aber ist die unsichtbare Karte einer sichtbaren Wirklichkeitswelt, wir können Bild und Original nicht vergleichen. So sehen wir auch hier, daß die Sprache nichts bieten kann als unvergleichbare Bilder, und begreifen schon hier, warum die Entwicklung der Sprache allein auf dem Wege der Metapher vor sich gehen konnte.

Ich verbinde also wieder einmal zwei Anschauungen, welche zu einem unlösbaren Widerspruch führen müssen. Einerseits führe ich alles geistige Leben des Menschen, all sein Denken oder Sprechen, sein Selbstbewußtsein, sein Bewußtsein u.s.w. u.s.w. auf das Gedächtnis zurück als auf die einzige uns noch halbwegs zugängliche und wirklich beobachtete Tätigkeit seines Gehirns, anderseits behaupte ich, daß es dieser Tätigkeit durchaus wesentlich sei, unzuverlässig zu sein, Fehler zu machen, Ungleiches gleich zu setzen. Es ist klar, daß infolgedessen allein schon unsere Gedankenwelt der Wirklichkeitswelt niemals entsprechen kann. Darin liegt aber noch nicht der unlösbare Widerspruch, den ich meine. Denn die Unrichtigkeit unserer Vorstellungswelt ist dann eben eine Tatsache mehr, mit der wir uns abzufinden haben. Nicht das ist so unerträglich, daß unser Gedächtnis lügt, sondern vielmehr das, daß unser Gedächtnis bisher für unseren treuesten Begleiter galt und daß wir nicht mehr wissen, was das Gedächtnis irgend noch sein kann, wenn es nicht treu ist.

Ich maße mir nicht an, zur Lösung dieses entsetzlichen Widerspruchs etwas beitragen zu können; aber ich möchte darauf aufmerksam machen, daß uns ganz genau der gleiche Widerspruch auf einem scheinbar entlegenen Gebiete begegnet.

Man hat nämlich, wie erwähnt, von einem Gedächtnis der organisierten Materie gesprochen, damit nichts erklärt, aber dennoch ganz richtig die biologische Erblichkeit mit dem Gedächtnis verglichen. Beruht nun die Tätigkeit unseres Gedächtnisses in ihrer tiefsten Grundlage auf dem falschen Gedächtnis, d.h. auf dem unabwendbaren Schicksal des Gedächtnisses, Ungleiches gleich zu setzen und zwar - um die Worte des Ausgangs zu wiederholen - zumeist nur diejenigen Fälle zu merken, welche die vorgefaßte Meinung bestätigen, so liegt der Entwicklung des organischen Lebens auf der Erde ein ähnlicher Vorgang zu Grunde. Dem von der bisherigen Psychologie angenommenen, zuverlässigen, treuen, schematischen Gedächtnis entspricht die Erblichkeit der Eigenschaften bei Pflanzen und Tieren. Der organische Keim enthält etwas wie ein Gedächtnis für die Geschichte und für die Form des Mutterorganismus beziehungsweise der beiden Formen und Organismen von Vater und Mutter. Wäre dieses Gedächtnis treu, so gäbe es keine Entwicklung.

Da tritt aber dieser bloß angenommenen, niemals rein vorhandenen Erblichkeit die  Anpassung  zur Seite, welche ich in diesem Zusammenhange nicht anders als den Grundfehler der Erblichkeit nennen möchte, die falsche Erblichkeit, auf der aber wiederum erst die Möglichkeit des Fortschritts beruht, die Entwicklung. Wie das Gedächtnis neue, niemals ganz gleichartige Fälle so assimiliert, daß die vorgefaßte Meinung dadurch bestätigt, der vorhandene Begriff dadurch mit bestimmt und nur unbewußt erweitert wird, genau so assimiliert das Leben im neuen Organismus (was wir dann in unserer Sprache in Erblichkeit und Anpassung auseinanderspalten) die neuen Eindrücke aus Klima, Nahrung, Kampf ums Dasein u.s.w. zu einer scheinbaren Fortsetzung des Mutterorganismus, welche Fortsetzung jedoch immer ein winziges Teilchen zur Entwicklung hinzufügt. Der neue Organismus glaubt ehrlich, daß er die Art fortsetze; so glaubt das Gedächtnis ehrlich, daß es gleiche Vorstellungen zu einem Begriffe verbinde; es gibt aber keine unveränderliche Art und es gibt keinen Begriff aus identischen Vorstellungen.

Die Sache wird vielleicht durch ein Beispiel klarer. Die Entwicklung der Sprache, wie sie seit jeher vor sich ging und wie sie noch vor unseren Augen vor sich geht, beruht in Tausenden von Fällen darauf, daß ein Sprachfehler allgemach zu einem neuen Sprachgebrauche wird. Als zum ersten Male jemand die vergangene Zeit des starken Verbums backen so bildete, daß er anstatt "buk" "backte" sagte, da machte er denselben Sprachfehler, wie wenn ein dreijähriges Kind "ich trinkte" sagt anstatt "ich trank". Aber der ursprüngliche Sprachfehler wurde vom Sprachgebrauch angenommen, und es war gar nicht so übel, als diese Art von Formwandel mit dem Worte "falsche Analogie" bezeichnet wurde. Der ganze hier behandelte Grundfehler des Gedächtnisses besteht in solcher falschen Analogie. Die Sprachwissenschaft bietet zahllose Beispiele für diese Entwickelung.

Nun aber ist der neueren Naturwissenschaft der Gedanke auch nicht mehr fremd, daß diejenigen Varietäten, welche relativ konstant werden und so zur Bildung neuer Arten führen, ursprünglich als Fehler, als eine Art von Krankheit angesehen werden können. Einer der schönsten Zierbäume unserer Gärten, der weißblätterige Ahorn, ist so ein Sprachfehler der Natur, der Sprachgebrauch geworden ist, eine Modefarbe, ein Modewort, eine Entartung, welche zu einer neuen Art führte; wie denn vielleicht auch die oft beschriebene Unruhe unserer Generation, die man Nervosität, Entartung, Decadence oder wie immer nennt, eine gewisse Entwicklungskrankheit ist, die möglicherweise in der Zukunft zu einer sogenannten höheren Differenzierung der Rasse werden kann. Ich will diesen Gedanken hier nicht verfolgen. Ich wollte nur festhalten und darauf hinweisen, daß der Grundfehler unseres Gedächtnisses, seine Unfähigkeit zwischen Gleichem und Ungleichem zu unterscheiden, sein wesentlichster Fehler, der aber zugleich der Anfang und das Ende unseres bewußten Geisteslebens ist, ebenso auch der wesentliche Grundfehler oder vielmehr (da der Gebrauch des Wortes Fehler eine menschliche Anmaßung ist) das Wesen des unbewußten Gedächtnisses, das Wesen aller Entwicklung ist.
rückerLITERATUR - Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache I,
Zur Sprache und Psychologie, Stuttgart/Berlin 1906