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FRIEDRICH NIETZSCHE
Der Wille zur Macht
- Versuch einer Umwertung aller Werte
[2/3]

"Das  Urteil  - das ist der Glaube:  Dies und Dies ist so.  Also steckt im Urteil das Geständnis, einem  identischen Fall  begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hilfe des Gedächtnisses. Das Urteil schafft es  nicht,  daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen solchen  wahrzunehmen;  es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt."

"Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich:  wie aber heißt  das,  was Empfindungen gleich macht, als gleich  nimmt?  - Es könnte gar keine Urteile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. -  Bevor  geurteilt wird,  muß der Prozeß der Assimilation schon getan sein:  also liegt auch hier eine intellektuelle Tätigkeit vor, die nicht ins Bewußtsein fällt."

"Was ist Wahrheit?  - Trägheit;  die  Hypothese, bei welcher Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft." "Erkenntnis ist Urteil!  Aber Urteil ist ein  Glaube,  daß etwas so und so ist! und  nicht  Erkenntnis!  Alle Erkenntnis besteht aus synthetischen Urteilen  mit dem Charakter der  Allgemeingültigkeit  (die Sache verhält sich in allen Fällen so und nicht anders), mit dem Charakter der  Notwendigkeit  (das Gegenteil der Behauptung kann nie stattfinden)."

"In jedem Urteil steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetzt); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, sodaß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte, alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgendeinem Subjekt."

"Die  Berechenbarkeit eines Geschehens  liegt nicht darin, daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde -: sie liegt in der  Wiederkehr identischer Fälle. Es gibt weder Ursachen, noch Wirkungen." 


f) Bewußtsein

523. Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen ein und derselben Substanz zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff  "Substanz ist vollkommen unbraucbar, wenn man erklären will. Das  Bewußtsein,  in zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht zu verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen -

Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte erraten, die sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden, wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären, und welche man den Nervenstrom nennt.

Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, sodaß wir eine  tausendfache Komplexität  noch als Einheit empfinden, sodaß wir eine Kausalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung uns unsichtbar bleibt, - die Aufeinanderfolge von Gedanken, von Gefühlen ist nur das Sichtbarwerden derselben im Bewußtsein. Daß diese Reihenfolge irgendetwas mit einer Kausalverkettung zu tun hat, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung.

524.  Rolle des "Bewußtseins".  - Es ist wesentlich, daß man sich über die Rolle des "Bewußtseins" nicht vergreift: es ist unsere  Relation mit der "Außenwelt", welche es entwickelt hat.  Dagegen die  Direktion,  bzw. die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns  nicht  ins Bewußtsein; ebensowenig wie die geistige  Einmagazinierung:  daß es dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: eine Art leitendes Kommité, wo die verschiedenen  Hauptbegierden  ihre Stimme und Macht geltend machen. "Lust", "Unlust" sind Winke aus dieser Sphäre her: der  Willensakt  insgleichen: die  Ideen  insgleichen.

In summa: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen Beziehungen, die uns ganz und gar vorenthalten sind, - die Aufeinanderfolge von Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß diese Folge eine kausale ist: es ist aber  scheinbar so,  im höchsten Grade. Auf diese  Scheinbarkeit  hin haben wir unsere ganze Vorstellung von  Geist, Vernunft, Logik  usw.  gegründet  (- das gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen und Einheiten) und diese wieder  in  die Dinge,  hinter  die Dinge projiziert!

Gewöhnlich nimmt man das  Bewußtseins  selbst als Gesamtsensorium und oberste Instanz; indessen, es ist nur ein  Mittel  der  Mitteilbarkeit:  es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht auf Verkehrsinteressen ... "Verkehr" hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabeit nötigen Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen  nach  Außen. Es ist  nicht  die Leitung, sondern ein  Organ der Leitung. 

525. Mein Satz, in eine Formel gedrängt, die altertümlich riecht, nach  Christentum,  Scholastik und anderem Moschus: im Begriff "Gott als  Geist"  ist Gott als Vollkommenheit  negiert  ...

526. Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat man immer den  Geist  als Ursache dieser Koordination gesetzt: wozu jeder Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines komplexen Faktums eine der Bedingungen dieses Faktums sein? oder warum müßte einem komplexen Faktum die  Vorstellung  als Ursache davon präzidieren? [vorangehen - wp] -

Wir werden uns hüten, die  Zweckmäßigkeit  durch den Geist zu erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigentümlichkeit, zu organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. Das Nervensystem hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. Im Gesamtprozeß der Adaptation [Anpassung - wp] und Systematisation spielt das Bewußtsein keine Rolle.

527. Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das  Bewußtsein,  im Maß in dem es an Helligkeit  zunimmt,  wachse im  Wert:  das hellste Bewußtsein, das logischste, kälteste Denken sei  ersten  Ranges. Indessen - wonach ist dieser Wert bestimmt? - In Hinsicht auf  Auslösung des Willens  ist das oberflächlichste,  vereinfachteste  Denken das am meisten nützliche, - es könnte deshalb das - usw. (weil es wenig Motive übrig läßt).

Die  Präzision  des  Handelns  steht im Antagonismus mit der  weitblickenden  und oft ungewiß urteilenden  Vorsorglichkeit:  letztere durch den  tieferen  Instinkt geführt.

528.  Hauptirrtum der Psychologen:  sie nehmen die undeutliche Vorstellung als eine niedrigere  Art  der Vorstellung gegen die helle gerechnet: aber was aus unserem Bewußtsein sich entfernt und deshalb  dunkel wird, kann  deshalb ansich vollkommen klar sein.  Das Dunkelwerden ist Sache der Bewußtseinsperspektive. 

529. Die ungeheuren Fehlgriffe:
    1) die unsinnige  Überschätzung des Bewußtseins,  aus ihm eine Einheit, ein Wesen gemacht: "der Geist", "die Seele", etwas, das fühlt, denkt, will -

    2) der Geist als  Ursache,  namentlich überall wo Zweckmäßigkeit, System, Koordination erscheinen;

    3) das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein, als "Gott";

    4) der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt;

    5) die "wahre Welt" als geistige Welt, als zugänglich durch die Bewußtseinstatsachen;

    6) die  Erkenntnis  absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo es überhaupt Erkenntnis gibt.
Folgerungen: 
    - jeder Fortschritt liegt im Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder Rückschritt im Unbewußtwerden; (- das Unbewußtwerden galt als Verfallensein an die  Begierden  und  Sinne  - als  Vertierung  ...)

    - man nähert sich der Realität, dem "wahren Sein" durch Dialektik; man  entfernt  sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus ...

    _ den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille, Güte - Eins;

    - alles  Gute  muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache sein;

    - der Fortschritt zum  Besseren  kann nur ein Fortschritt im  Bewußt -werden sein.



g) Urteil. Wahr - falsch.

530. Das theologische Vorurteil bei KANT, sein unbewußter Dogmatismus, seine moralistische Perpektive als herrschend, lenkend, befehlend.

Das  proton pseudos  [erste Lüge - wp]: wie ist die Tatsache der  Erkenntnis  möglich? ist die Erkenntnis überhaupt eine Tatsache? was ist Erkenntnis? Wenn wir nicht  wissen,  was Erkenntnis ist, können wir unmöglich die Frage beantworten, ob es Erkenntnis gibt. - Sehr schön! Aber wenn ich nicht schon "weiß",  ob  es Erkenntnis gibt, geben kann, kann ich die Frage "was ist Erkenntnis" vernünftigerweise gar nicht stellen. KANT  glaubt  an die Tatsache der Erkenntnis: es ist eine Naivität, was er will:  die Erkenntnis der Erkenntnis! 

"Erkenntnis ist Urteil!" Aber Urteil ist ein  Glaube daß etwas so und so ist! und  nicht  Erkenntnis! "Alle Erkenntnis besteht in synthetischen Urteilen" mit dem Charakter der  Allgemeingültigkeit  (die Sache verhält sich in allen Fällen so und nicht anders), mit dem Charakter der  Notwendigkeit  (das Gegenteil der Behauptung kann nie stattfinden).

Die  Rechtmäßigkeit  im Glauben an die Erkenntnis wird immer vorausgesetzt: so wie die Rechtmäßigkeit im Gefühl des Gewissensurteils vorausgesetzt wird. Hier ist die  moralische Ontologie  das  herrschende  Vorurteil.

Also der Schluß ist:
    1) es gibt Behauptungen, die wir für allgemeingültig und notwendig halten;

    2) der Charakter der Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit kann nicht aus der Erfahrung stammen;

    3) folglich muß er ohne Erfahrung,  anderswoher sich begründen  und eine andere Erkenntnisquelle haben!
(KANT schließt  1)  es gibt Behauptungen, die nur unter gewisser Bedingung gültig sind;  2)  diese Bedingung ist, daß sie nicht aus der Erfahrung, sondern aus der reinen Vernunft stammen.)

Also: die Frage ist,  woher unser Glaube  an die Wahrheit solcher Behauptungen seine Gründe nimmt? Nein, woher er seine Ursache hat! Aber die  Entstehung eines Glaubens,  einer starken Überzeugung ist ein psychologisches Problem: und eine  sehr  begrenzte und enge Erfahrung bringt oft einen solchen Glauben zustande!  Er setzt bereits voraus,  daß es nicht nur "data a posteriori" gibt, sondern auch data a priori, "vor der Erfahrung". Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit könne nie durch Erfahrung gegeben werden: womit ist denn nun klar, daß sie ohne Erfahrung überhaupt da sind?

Es gibt keine einzelnen Urteile!

Ein einzelnes Urteil ist niemals "wahr", niemals Erkenntnis; erst im  Zusammenhang,  in der  Beziehung  von vielen Urteilen ergibt sich eine Bürgschaft.

Was unterscheidet den wahren und den falschen Glauben? Was ist Erkenntnis? Er "weiß" es, das ist himmlisch!

Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit können nie durch Erfahrung gegeben werden! Also unabhängig von der Erfahrung,  vor  aller Erfahrung! Diejenige Einsicht, die a priori stattfindet, also unabhängig von aller Erfahrung  aus der bloßen Vernunft,  "eine  reine  Erkenntnis"!

"Die Grundsätze der Logik, der Satz der Identität und des Widerspruchs, sind reine Erkenntnisse, weil sie aller Erfahrung vorausgehen." - Aber das sind gar keine Erkenntnisse! sondern  regulative Glaubensartikel. 

Um die Apriorität (die reine Vernunftmäßigkeit) der mathematischen Urteile zu begründen, muß der Raum  begriffen werden als eine Form der reinen Vernunft. 

HUME hatte erklärt: "es gibt gar keine synthetischen Urteile a priori." KANT sagt: doch! die mathematischen! Und wenn es also solche Urteile gibt, gibt es vielleicht auch Metapyhsik, eine Erkenntnis der Dinge durch die reine Vernunft!

Mathematik wird möglich unter Bedingungen, unter denen Metaphysik  nie  möglich ist. Alle menschliche Erkenntnis ist entweder Erfahrung oder Mathematik.

Ein Urteil ist synthetisch: d. h. es verknüpft verschiedene Vorstellungen.

Es ist a priori: d. h. jene Verknüpfung ist eine allgemeingültige und notwendige, die nie durch sinnliche Wahrnehmung, sondern nur durch reine Vernunft gegeben sein kann.

Soll es synthetische Urteile a priori geben, so wird die Vernunft imstande sein müssen, zu verknüpfen: das Verknüpfen ist eine Form. Die Vernunft muß  formgebende Vermögen besitzen. 

531. Das  Urteilen  ist unser ältester Glaube, unser gewohntestes Für-Wahr- oder Für-Unwahr-halten, ein Behaupten oder Leugnen, eine Gewißheit, daß etwas so und nicht anders ist, ein Glaube, hier wirklich "erkannt" zu haben, -  was  wird in allen Urteilen als wahr geglaubt?

Was sind  Prädikate?  - Wir haben Veränderungen an uns  nicht  als solche genommen, sondern als ein "Ansich", das uns fremd ist, das wir nur "wahrnehmen": und wir haben sie  nicht  als ein Geschehen, sondern als ein Sein gesetzt, als "Eigenschaft" - und ein Wesen hinzuerfunden, an dem sie haften, d. h. wir haben die  Wirkung  als  Wirkendes  angesetzt und das  Wirkende  als  Seiendes.  Aber auch noch in dieser Formulierung ist der Begriff "Wirkung" willkürlich: denn von jenen Veränderungen, die an uns vorgehen und von denen wir bestimmt glauben,  nicht  selbst die Ursache zu sein, schließen wir nur, daß sie Wirkungen sein müssen: nach dem Schluß: "zu jeder Veränderung gehört ein Urheber"; - aber dieser Schluß ist schon Mythologie: er  trennt  das Wirkende  und  das Wirken. Wenn ich sage "der Blitz leuchtet", so habe ich das Leuchten einmal als Tätigkeit und das andere Mal als Subjekt gesetzt: also zum Geschehen ein Sein supponiert, welches mit dem Geschehen nicht eins ist, vielmehr  bleibt, ist  und nicht  "wird. - Das Geschehen als Wirken anzusetzen:  und  die Wirkung als Sein:  das ist der  doppelte  Irrtum, oder  Interpretation,  deren wir uns schuldig machen.

532. Das  Urteil  - das ist der Glaube: "Dies und Dies ist so." Also steckt im Urteil das Geständnis, einem "identischen Fall" begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hilfe des Gedächtnisses. Das Urteil schafft es  nicht,  daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle gibt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel  älter,  früher arbeitend sein muß, welche ansich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche aufgrund dieser ersten usw. "Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich": wie aber heißt  das,  was Empfindungen gleich macht, als gleich "nimmt"? - Es könnte gar keine Urteile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtnis ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. -  Bevor  geurteilt wird,  muß der Prozeß der Assimilation schon getan sein:  also liegt auch hier eine intellektuelle Tätigkeit vor, die nicht ins Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimilieren, Ausscheiden, Wachsen usw.

Wesentlich: vom  Leib  ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. er ist das viel reichere Phänomen, welches eine deutlichere Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt als der Glaube an den Geist.

"Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit." Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die  Stärke  ein Kriterium, z. B. in Betreff der Kausalität.

533. Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit ("omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur" [All das ist wahr, was klar und deutlich wahrgenommen wird. - wp], DESCARTES): damit ist die mechanische Welt-Hypothese erwünscht und glaublich.

Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie simplex sigillum veri [die einfache versiegelte Wahrheit - wp]. Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in  diesem  Verhältnis zu unserem Intellekt steht? - Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese am meisten von ihm  bevorzugt, geschätzt und folglich  als  wahr  bezeichnet wird? - Der Intellekt setzt sein  freiestes  und  stärkstes Vermögen  und  Können  als Kriterium des Wertvollsten, folglich  Wahren  ...
    "Wahr": von Seite des Gefühls aus -: was das Gefühl am stärksten eregt ("Ich");

    von Seiten des Denkens aus -: was dem Denken das größte Gefühl von Kraft gibt;

    von Seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus -: wobei am stärksten Widerstand zu leisten ist.
Also die  höchsten Grade in der Leitung  erwecken für das Objekt den Glauben an dessen "Wahrheit", das heißt "Wirklichkeit". Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des Widerstandes überredet dazu, daß es  Etwas gibt,  dem hier widerstanden wird.

534. Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.

535. "Wahrheit": das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht notwendig einen Gegensatz zum Irrtum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedener Irrtümer zueinander: etwas daß der eine älter, tiefer als der andere ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; während andere Irrtümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen tyrannisieren, vielmehr, gemessen an solchen "Tyrannen", beseitigt und "widerlegt" werden können.

Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, - warum sollte sie deshalb schon "wahr" sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche  ihre  Grenzen als Grenzen der  Dinge  ansetzen: aber diesem Logiker-Optimismus habe ich schon lange den Krieg erklärt.

536. Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht "wahr". Was aber wirklich, was wahr ist, ist weder Eins, noch auch nur reduzierbar auf Eins.

537.  Was ist Wahrheit?  - Inertia; [Trägheit - wp];  die  Hypothese, bei welcher Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.

538. Erster Satz. Die  leichtere  Denkweise siegt über die schwierigere; - als  Dogma: simplex sigillum veri.  - Dico [Ich sage -wp]: daß die  Deutlichkeit  etwas für die Wahrheit aufweisen soll, ist eine vollkommene Kinderei ...

Zweiter Satz. Die Lehre vom  Sein vom Ding, von lauter festen Einheiten ist  hundertmal leichter  als die Lehre vom  Werden,  von der Entwicklung ...

Dritter Satz. Die Logik war als  Erleichterung  gemeint: als  Ausdrucksmittel, - nicht  als Wahrheit ... Später  wirkte  sie als  Wahrheit  ...

PARMENIDES hat gesagt "man denkt das nicht, was nicht ist"; - wir sind am anderen Ende und sagen "was gedacht werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein".

540. Es gibt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen -: und folglich gibt es vielerleit "Wahrheiten", und folglich gibt es keine Wahrheit.

541.  Überschriften über einem modernen Narrenhaus. 
    "Denknotwendigkeiten sind Moralnotwendigkeiten." - Herbert Spencer

    "Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung." - Herbert Spencer
542. Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte - das wäre nämlich möglich -, was wäre dann die Wahrheit, alle unsere Wahrheit? ... Eine gewissenlose Umfälschung des Falschen? Eine höhere Potenz des Falschen? ...

543. In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine  widernatürliche Tendenz:  eine solche könnte nur Sinn haben als Mittel zu einer besonderen  höheren Potenz von Falschheit.  Damit eine Welt des Wahren, Seienden fingiert werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich "wahrhaftig" glaubt).

Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich gleichbleibend, ohne Falte, Volte [Drehung - wp], Vorhang, Form: ein Mensch derart konzipiert eine Welt des Seins als  "Gott"  nach seinem Bild.

Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vorteil in jedem Sinn auf Seiten des Wahrhaftigen sein. - Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen erregen ...

544. Die Zunahme der "Verstellung" gemäß der aufwärtssteigenden  Rangordnung  der Wesen. In der anorganischen Welt scheint sie zu fehlen - Macht gegen Macht, ganz roh -, in der organischen beginnt die  List;  die Pflanzen sind bereits Meister in ihr. Die höchsten Menschen wie CÄSAR, NAPOLEON (STENDHALs Wort über ihn), insgleichen die höheren Rassen (Italiener), die Griechen (ODYSSEUS); die tausendfältige Verschlagenheit gehört ins  Wesen  der Erhöhung des Menschen ... Problem des Schauspielers. Mein  Dionysos-Ideal  ... Die Optik aller organischen Funktionen, aller stärksten Lebensinstinkte: die irrtum wollende  Kraft in allem Leben; der Irrtum als Voraussetzung selbst des Denkens. Bevor "gedacht" wird, muß schon "gedichtet" worden sein; das  Zurechtbilden  zu identischen Fällen, zur  Scheinbarkeit  des Gleichen ist ursprünglicher, als das  Erkennen  des  Gleichen. 



h) Gegen den Kausalismus

545. Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ist ewig. Aber ansich gibt es nicht Raum, noch Zeit. "Veränderungen" sind nur Erscheinungen (oder Sinnes-Vorgänge für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, so ist damit nichts  begründet  als eben diese Tatsache, daß es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das post hoc [danach - wp] ein propter hoc [deswegen - wp] ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können nicht "Ursachen" sein!

546. Die Auslegung eines Geschehens als  entweder  Tun  oder  Leiden (- also jedes Tun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und Einen,  an dem  "verändert" wird.

547. Psychologische Geschichte des Begriffs  "Subjekt."  Der Leib, das Ding, das vom Auge konstruierte "Ganze" erweckt die Unterscheidung von einem Tun und einem Tuenden; der Tuende, die Ursache des Tuns, immer feiner gefaßt, hat zuletzt das "Subjekt" übrig gelassen.

548. Unsere Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen zu nehmen, schließlich als  Ursache,  z. B. vom Blitz zu sagen: "er leuchtet". Oder gar das Wörtchen "ich". Eine Art von Perspektive im Sehen wieder als  Ursache des Sehens selbst  zu setzen: das war das Kunststück in der Erfindung des "Subjekts", des "Ich"!

549. "Subjekt", "Objekt", "Prädikat" - diese Trennungen sind  gemacht  und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Tatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube,  ich  bin es, der etwas tut, etwas leidet, der etwas "hat", der eine Eigenschaft "hat".

550. In jedem Urteil steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß jede Wirkung Tätigkeit sei und daß jede Tätigkeit einen Täter voraussetzt); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, sodaß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es gibt Subjekte, alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgendeinem Subjekt.

Ich bemerke etwas und suche nach einem  Grund  dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer  Absicht  darin, und vor allem nach Einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Täter: alles Geschehen ein Tun, - ehemals sah man in  allem  Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Tier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach  sich  angewiesen? - Die Frage "warum?" ist immer die Frage nach der causa finalis [Endzweck -wp], nach einem "Wozu?" Von einem "Sinn der causa efficiens" [Nutzgrund - wp] haben wir nichts: hier hat HUME Recht, die Gewohnheit (aber  nicht  nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser oft beobachteter Vorgang auf den anderen folgt: weiter Nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an die Kausalität gibt, ist  nicht  die große Gewohnheit des Hintereinanders von Vorgängen, sondern unsere  Unfähigkeit,  ein Geschehen anders  interpretieren  zu können denn als ein Geschehen aus  Absichten.  Es ist der  Glaube  an das Lebendige und Denkende als an das einzig  Wirkende  - an den Willen, die Absicht -, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Tun sei, daß alles Tun einen Täter voraussetzt, es ist der Glaube an das "Subjekt". Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikatbegriff nicht eine große Dummheit sein?

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens?
    Oder ist auch das Jllusion? Ist sie nicht  das  Geschehen selbst?
551.  Kritik des Begriffs "Ursache".  - Wir haben absolut keine Erfahrung über eine  Ursache;  psychologisch nachgerechnet, kommt uns der ganze Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß  wir  Ursache sind, nämlich, daß der Arm sich bewegt ...  Aber das ist ein Irrtum.  Wir unterscheiden uns, die Täter, vom Tun, und von diesem Schema machen wir überall Gebrauch, - wir suchen nach einem Täter zu jedem Geschehen. Was haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als Ursache  mißverstanden,  oder den  Willen  das und das zu tun, weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.

"Ursache" kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben schien und wo wir aus uns sie projiziert haben zum  Verständnis des Geschehens,  ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser "Verständnis eines Geschehens" bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches verantwortlich wurde dafür, daß etwas geschah und wie es geschah. Wir haben unser Willens-Gefühl, unser "Freiheits"-Gefühl, unser Verantwortlichkeits-Gefühl und unsere Absicht zu einem Tun in den Begriff "Ursache" zusammengefaßt: causa efficiens und causa finalis ist in der Grundkonzeption Eins.

Wir meinten, eine Wirklung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt würde, dem sie bereits inhäriert [innewohnt - wp]. Tatsächlich erfinden wir alle Ursachen nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt ... Umgekehrt sind wir außerstande, von irgendeinem Ding vorauszusagen, was es "wirkt". Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht - alles inhäriert der Konzeption "Ursache". Wir suchen nach Dingen, um zu erklären, weshalb sich etwas verändert hat. Selbst noch das  Atom  ist ein solches hinzugedachtes "Ding" und "Ursubjekt" ...

Endlich begreifen wir, daß Dinge - folglich auch Atome - nichts wirken:  weil sie gar nicht da sind,  - daß der Begriff  Kausalität  vollkommen unbrauchbar ist. - Aus einer notwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt  nicht  deren Kausalverhältnis (- das hieße deren  wirkende Vermögen  von  1  auf  2,  auf  3,  auf  4,  auf  5  springen machen).  Es gibt weder Ursachen, noch Wirkungen.  Sprachlich wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran liegt nichts. Wenn ich den  Muskel  von seinen "Wirkungen" getrennt denke, so habe ich ihn negiert ...

In summa:  ein Geschehen ist weder bewirkt,  noch  bewirkend.  Causa ist ein  Vermögen zu wirken,  hinzu erfunden zum Geschehen ...

Die Kausalitäts-Interpretation eine Täuschung  ... Ein "Ding" ist die Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff, Bild. Tatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Kausalität seines Inhalts entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnisformel, bei der es im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei Komplexzuständen (Kraftkonstellationen) die Quanten Kraft gleich bleibt.

Die  Berechenbarkeit eines Geschehens  liegt nicht darin, daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Kausalität von uns in jedes Geschehen projiziert wurde -: sie liegt in der  Wiederkehr  "identischer Fälle."

Es gibt nicht, wie KANT meint, einen  Kausalitäts-Sinn.  Man wundert sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich halten kann ... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeichnet wird, sind wir beruhigt. Der angebliche Kausalitäts-Instinkt ist nur die  Furcht vor dem Ungewohnten  und der Versuch, in ihm etwas  Bekanntes  zu entdecken, - ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.

552.  Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie.  - Daraus, daß etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergibt sich nicht, daß es  notwendig  erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Fall auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht es nicht zum "unfreien Willen". Die "mechanische Notwendigkeit" ist kein Tatbestand:  wir  erst haben sie in das Geschehen hineininterpretiert. Wir haben die  Formulierbarkeit  des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Necessität [Notwendigkeit - wp]. Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes tue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen tue. Der  Zwang  ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte,  "Täter"  in die Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge von einem Subjekt ausgeübten  Zwang  ist, - ausgeübt von wem? wiederum von einem  "Täter".  Ursache und Wirkung - ein gefährlicher Begriff, solange man ein  Etwas  denken, das  verursacht,  und ein Etwas, auf das  gewirkt  wird.
    a) Die Notwendigkeit ist kein Tatbestand, sondern eine Interpretation.

    b) Hat man begriffen, daß das "Subjekt" nichts ist, was  wirkt,  sondern nur eine Fiktion, so folgt Vielerlei.

    Wir haben nur nach dem Vorbild des Subjekts die  Dinglichkeit  erfunden und in den Sensationen-Wirrwarr hineininterpretiert. Glauben wir nicht mehr an das  wirkende  Subjekt, so fällt auch der Glaube an  wirkende  Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.

    Es fällt damit natürlich auch die Welt der  wirkenden Atome:  deren Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte braucht.

    Es fällt endlich auch das  "Ding-ansich":  weil das im Grund die Konzeption eines "Subjekts ansich" ist. Aber wir begriffen, daß das Subjekt fingiert ist. Der Gegensatz "Ding-ansich" und "Erscheinung" ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff  "Erscheinung"  dahin.

    c) Geben wir das wirkende  Subjekt  auf, so auch das  Objekt,  auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhäriert weder dem, was Subjekt, noch dem, was Objekt genannt wird: es sind Komplexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Komplexe scheinbar dauerhaft, - also z. B. durch eine Verschiedenheit im Tempo des Geschehens (Ruhe - Bewegung, fest - locker: alles Gegensätze, die nicht ansich existieren und mit denen tatsächlich nur  Gradverschiedenheiten  ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maß von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es gibt keine Gegensätze: nur von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes - und von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).

    d) Geben wir den Begriff "Subjekt" und "Objekt" auf, dann auch den Begriff  "Substanz"  - und folglich auch dessen verschiedene Modifikationen, z. B. "Materie", "Geist" und andere hypothetische Wesen, "Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs" usw. Wir sind die  Stofflichkeit  los.
Moralisch ausgedrückt,  ist die Welt falsch.  Aber insofern die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch. Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest- machen,  ein Wahr-Dauerhaft- machen,  ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes  falschen  Charakters, eine Umdeutung desselben ins  Seiende.  "Wahrheit" ist somit nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken wäre, - sondern etwas,  das zu schaffen ist  und das den Namen für einen  Prozeß abgibt,  mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der ansich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein  processus in infinitum,  ein  aktives Bestimmen, - nicht  ein Bewußtwerden von etwas, das ansich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den "Willen zur Macht".

Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, umso breiter muß die erratbare gleichsam  seiend gemachte  Welt sein. Logisierung, Rationalisierung, Systematisierung als Hilfsmittel des Lebens.

Der Mensch projiziert seinen Trieb zur Wahrheit, sein "Ziel" in einem gewissen Sinne außer sich als  seiende  Welt, als metapyhsische Welt, als "Ding ansich", als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender  erdichtet  bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg; diese Vorwegnahme (dieser "Glaube" an die Wahrheit) ist seine  Stütze. 

Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von Grad- und Kraftverhältnissen, als ein  Kampf  ...

Sobald wir uns Jemanden  imaginieren,  der verantwortlich ist dafür, daß wir so und so sind usw. (Gott, Natur), ihm also unsere Existenz, unser Glück und Elend als  Absicht  zulegen, verderben wir uns die  Unschuld des Werdens.  Wir haben dann Jemanden, der durch uns und mit uns etwas erreichen will.

Das "Wohl des Individuums" ist ebenso imaginär als das "Wohl der Gattung": das erstere wird  nicht  dem letzteren geopfert, Gattung ist aus der Ferne betrachtet etwas ebenso Flüssiges wie Individuum.  "Erhaltung  der Gattung" ist nur eine Folge des  Wachstums  der Gattung, d. h. der  Überwindung der Gattung  auf dem Weg zu einer stärkeren Art.

Thesen.  - Daß die anscheindende  "Zweckmäßigkeit"  ("die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit") bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden  Willens zur Macht  ist -: daß das  Stärker-werden  Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeits-Entwurf ähnlich sehen -: daß die anscheinenden  Zwecke  nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine Ordnung des  Ranges,  der Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß.

Gegen diese anscheinende  "Notwendigkeit": 
    - diese nur ein  Ausdruck  dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas Anderes ist.
Gegen die anscheinende  "Zweckmäßigkeit": 
    - letztere nur ein  Ausdruck  für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel.
LITERATUR - Friedrich Nietzsche, Der Wille zur Macht, 3. Buch, Nietzsches Gesammelte Werke, Musarionausgabe, Bd. 19, München 1926