p-4 Joachim WachWilhelm Dilthey    
 
EDMUND HUSSERL
Philosophie
als strenge Wissenschaft

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"Wie mannigfaltige Wahrnehmungen, bzw. Erscheinungen dazu kommen, ein und denselben Gegenstand  zur Erscheinung zu bringen,  so daß er  für sie selbst  und für das sie verbindende Einheits- oder Identitätsbewußtsein  derselbe  sein kann, das ist eine Frage, die nur durch eine phänomenologische Wesensforschung klar gestellt und beantwortet werden kann. Diese Frage empirisch naturwissenschaftlich beantworten zu wollen, heißt sie nicht verstehen und in eine widersinnige mißdeuten. Daß eine Wahrnehmung, wie überhaupt eine Erfahrung, Wahrnehmung gerade von diesem, gerade so orientierten, gerade so gefärbten, geformten etc. Gegenstand ist, das ist eine Sache ihres Wesens, mag es mit der  Existenz  des Gegenstandes wie auch immer stehen."

"Alles Leben ist Stellungnehmen, alles Stellungnehmen steht unter einem Sollen, einer Rechtsprechung über Gültigkeit oder Ungültigkeit, nach prätendierten Normen von alsoluter Geltung. Solange diese Normen unangefochten, durch keine Skepsis bedroht und verspottet waren, gab es nur  eine  Lebensfrage, wie ihnen praktisch am besten zu genügen sei. Wie aber jetzt, wo alle und jede Norm bestritten oder empirisch verfälscht und ihrer idealen Geltung beraubt wird? Naturalisten und Historizisten kämpfen um die Weltanschauung, und doch sind beide von verschiedenen Seiten am Werk, Ideen in Tatsachen umzudeuten und alle Wirklichkeit, alles Leben in ein unverständliches ideenloses Gemenge von  Tatsachen  zu verwandeln. Der Aberglaube der Tatsache ist ihnen allen gemein."

"Tiefsinn ist ein Anzeichen von Chaos, das echte Wissenschaft in einen Kosmos verwandeln will, in eine einfache, völlig klare, aufgelöste Ordnung. Echte Wissenschaft kennt, soweit ihre wirkliche Lehre reicht, keinen Tiefsinn. Jedes Stück fertiger Wissenschaft ist ein Ganzes von den Denkschritten, deren jeder unmittelbar einsichtig, also gar nicht tiefsinnig ist. Tiefsinn ist Sache der Weisheit, begriffliche Deutlichkeit und Klarheit Sache der strengen Theorie. Die Ahnungen des Tiefsinns in eindeutige rationale Gestaltungen umzuprägen, das ist der wesentliche Prozeß der Neukonstitution strenger Wissenschaften."


Was die empirische Psychologie schon seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert beständig verwirrt, ist also das Trugbild einer naturwissenschaftlichen Methode nach dem Vorbild der physikalisch-chemischen Methode. Man ist sicher in der Überzeugung, daß in prinzipieller Allgemeinheit betrachtet, die Methode aller Erfahrungswissenschaften ein und dieselbe sei, in der Psychologie also dieselbe wie in der Wissenschaft von der physischen Natur. Hat die Metaphysik solange an der falschen Imitation bald der geometrischen, bald der physikalischen Methode gekrankt, so wiederholt sich hier derselbe Vorgang in der Psychologie. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß die Väter der experimentell-exakten Psychologie Physiologen und Physiker waren. Die wahre Methode folgt der Natur der zu erforschenden Sachen, nicht aber unseren Vorurteilen und Vorbildern. Die Naturwissenschaft arbeitet aus der vagen Subjektivität der Dinge in naiv-sinnlicher Erscheinung die objektiven Dinge mit den exakten objektiven Eigenschaften heraus. So muß, sagt man sich, die Psychologie das Psychologisch-Vage der naiven Auffassung zu objektig gültiger Bestimmung bringen, und das leistet die objektive Methode, welche selbstverständlich dieselbe ist wie die in der Naturwissenschaft durch unzählige Erfolge glänzend bewährte experimentelle Methode.

Indessen, wie Gegebenheiten der Erfahrung zu objektiver Bestimmung kommen, und welchen Sinn "Objektivität" und "Bestimmung der Objektivität" jeweils haben, welche Funktion jeweils die experimentelle Methode übernehmen kann, das hängt vom eigenen Sinn der Gegebenheiten ab, bz. von demjenigen Sinn, den ihnen das betreffende Erfahrungsbewußtsein (als ein Vermeinen gerade von dem und keinem anderen Seienden) seinem Wesen nach beilegt. Dem naturwissenschaftlichen  Vorbild  folgen, das besagt fast unvermeidlich: das Bewußtsein verdinglichen, und das verflicht uns von Anfang an in einen Widersinn, woraus immer aufs neue die Neigung zu widersinnigen Problemstellungen, zu falschen Forschungsrichtungen entquillt. Überlegen wir uns das näher.

Die räumlich-zeitliche Körperwelt ist einzig und allein Natur im prägnanten Sinn. Alles andere individuelle Dasein, das Psychische, ist Natur in einem zweiten Sinn, und das bestimmt grundwesentliche Unterschiede der naturwissenschaftlichen und psychologischen Methode. Prinzipiell ist körperliches Dasein allein in einer Vielheit direkter Erfahrungen, also Wahrnehmungen, als individuell Identisches erfahrbar. Es allein kann darum, wenn die Wahrnehmungen auf verschiedene "Subjekte" verteilt gedacht sind, von vielen Subjekten als individuelle Identisches erfahren und als intersubjektiv Selbiges beschrieben werden. Dieselben Dinglichkeiten (Dinge, Vorgänge usw.) stehen uns allen vor Augen und können von uns allen nach ihrer "Natur" bestimmt werden. Ihre "Natur" aber besagt: In der Erfahrung in mannigfach wechselnden "subjektiven Erscheinungen" sich darstellend, stehen sie doch als zeitliche Einheiten bleibender oder wechselnder Eigenschaften da, und stehen sie als eingeknüpft da in den sie  alle  verknüpfenden Zusammenhang der  einen  Körperwelt mit dem  einen  Raum, der  einen  Zeit. Sie sind,  was  sie sind, nur in dieser Einheit, nur in der kausalen Beziehung zu- oder der Verknüpfung miteinander erhalten sie ihre individuelle Identität (Substanz) und erhalten dieselbe als Trägerin von "realen Eigenschaften". Alle dinglich-realen Eigenschaften sind kausale. Jedes körperlich Daseiende steht unter Gesetzen möglicher Veränderungen, und diese Gesetze betreffen das Identische, das Ding, nicht für sich, sondern das Ding im einheitlichen, wirklichen und möglichen Zusammenhang der  einen  Natur. Jedes Ding hat  seine  Natur (als Inbegriff dessen,  was  es ist,  es:  das Identische) dadurch, daß es Einheitspunkt von Kausalitäten innerhalb der  einen  Allnatur ist. Reale Eigenschaften (dinglich-reale, körperliche) sind ein Titel für kausalgesetzlich vorgezeichnete Möglichkeiten der Veränderung eines Identischen, das also, hinsichtlich dessen, was es ist, nur durch den Rekurs auf diese Gesetze bestimmbar ist. Dinglichkeiten sind aber als Einheiten der unmittelbaren Erfahrung gegeben, als Einheiten mannigfaltiger sinnlicher Erscheinungen. Die sinnlich faßbaren Unveränderungen, Veränderungen und Änderungsabhängigkeiten geben überall der Erkenntnis die Leitung, und fungieren für sie gleichsam als "vages" Medium, in dem sich die wahre, objektive, physikalisch-exakte Natur darstellt und durch das hindurch das Denken (als wissenschaftliches Erfahrungsdenken) das Wahre herausbestimmt, herauskonstruiert. (1)

All das ist nicht etwas den Dingen der Erfahrung und der Erfahrung der Dinge Angedichtetes, sondern zu ihrem Wesen unaufhebbar Gehöriges, derart, daß jede intuitive und konsequente Forschung nach dem, was das Ding in  Wahrheit  ist - das Ding, das als Erfahrenes immerfort als Etwas, Seiendes, Bestimmtes und zugleich Bestimmbares erscheint, aber im Wechsel seiner Erscheinungen und der erscheinenden Umstände immer wieder als anderes Seiendes erscheint - notwendig in kausale Zusammenhänge überleitet und in der Bestimmung entsprechender objektiver Eigenschaften als gesetzmäßiger terminiert. Die Naturwissenschaft geht also dem Sinn dessen nur konsequent nach, was das Ding selbst als erfahrenes zu sein sozusagen  prätendiert,  und sie nennt das, undeutlich genug: "Ausschaltung der sekundären Qualitäten", "Ausschaltung des bloß Subjektiven an der Erscheinung" unter "Festhaltung der übrigbleibenden, der primären Qualitäten". Doch ist das mehr als ein undeutlicher Ausdruck, es ist eine schlechte Theorie für ihr gutes Verfahren.

Wenden wir uns nun der "Welt" des "Psychischen" zu und beschränken wir uns auf die "psychischen Phänomene", die die neue Psychologie als ihr Objektgebiet ansieht - d. h. wir lassen die auf Seele und Ich bezüglichen Probleme zunächst aus dem Spiel. Liegt, fragen wir also, wie im Sinne jeder physischen Erfahrung und jeder Wahrnehmung von Dinglichem, so auch in jeder Wahrnehmung von Psychischem "Natur"objektivität beschlossen? Wir sehen bald, daß die Verhältnisse in der Sphäre des Psychischen total andere sind als in der physischen Sphäre. Das Psychische verteilt sich (im Gleichnis und nicht metaphysisch gesprochen) auf Monaden, die keine Fenster haben und nur durch Einfühlung im Commercium [verkehrsfähige Sachen - wp] stehen. Das psychische Sein, das Sein als "Phänomen", ist prinzipiell nicht eine Einheit, die in mehreren gesonderten Wahrnehmungen als individuell identische erfahrbar wäre, nicht einmal in Wahrnehmungen desselben Subjekts. In der psychischen Sphäre gibt es mit anderen Worten keinen Unterschied zwischen Erscheinung und Sein, und wenn die Natur ein Dasein ist, das in Erscheinungen erscheint, so sind die Erscheinungen selbst (die ja der Psychologe zum Psychischen rechnet) nicht selbst wieder ein Sein, das durch dahinterliegende Erscheinungen erscheint - wie jede Reflexion auf die Wahrnehmung irgendeiner Erscheinung evident macht. So wird es schon klar: Es gibt, eigentlich gesprochen, nur  eine  Natur, die in den Dingerscheinungen erscheinende. Alles was wir im weitesten Sinne der Psychologie ein psychisches Phänomen nennen, ist, an und für sich betrachtet, eben Phänomen und  nicht  Natur.

Ein Phänomen ist also keine "substanzielle" Einheit, es hat keine "realen Eigenschaften", es kennt keine realen Teile, keine realen Veränderungen und keine Kausalität: all diese Worte im naturwissenschaftlichen Sinn verstanden. Phänomenen eine Natur beimessen, nach ihren realen Bestimmungsstücken, nach ihren kausalen Zusammenhängen forschen - das ist ein reiner Widersinn, nicht besser, als wenn man nach kausalen Eigenschaften, Zusammenhängen etc. der Zahlen fragen wollte. Es ist der Widersinn der Naturalisierung von etwas, dessen Wesen das Sein als Natur ausschließt. Ein Ding ist, was es ist, und bleibt in seiner Identität für immer: Natur ist ewig. Was einem Ding - dem Naturding, nicht dem sinnlichen Ding des praktischen Lebens, dem Ding "sowie es sinnlich erscheint" - in Wahrheit zukommt an realen Eigenschaften oder Eigenschaftsmodifikationen, das kann objektiv gültig bestimmt und in immer neuen Erfahrungen bestätigt oder berichtigt werden. Andererseits, ein Psychisches, ein "Phänomen" kommt und geht, es bewahrt kein bleibendes, identisches Sein, das als solches im naturwissenschaftlichen Sinn objektiv bestimmbar wäre, z. b. als objektiv teilbar in Komponenten, im eigentlichen Sinne "analysierbar".

Was psychisches Sein "ist", kann uns die Erfahrung nicht in demselben Sinn sagen, der vom Phyischen gilt. Das Psychische ist ja nicht als Erscheinendes erfahren; es ist "Erlebnis" und in der Reflexioni erschautes Erlebnis, erscheint als selbst durch sich selbst, in einem absoluten Fluß, als Jetzt und schon "abklingend", in schaubarer Weise stetig zurücksinkend in eine Gewesenheit. Psychisches kann auch Wiedererinnertes und so in gewisser modifizierter Weise Erfahrenes sein, und im "Wiedererinnerten" liegt "Wahrgenommen Gewesenes"; und es kann "wiederholt" Wiedererinnertes sein, in Wiedererinnerungen, die einig sind in einem Bewußtsein, das die Wiedererinnerungen selbst wieder als Wiedererinnertes oder als noch Festgehaltenes bewußt hat. In diesem Zusammenhang, in diesem einzigen, als Identisches solcher "Wiederholungen", kann a priori Psychisches als seiend "erfahren" und identifiziert sein. Alles Psychische, das  so  Erfahrenes ist, hat dann, wie wir ebenso mit Evidenz sagen können, eine Einordnung in einen umfassenden Zusammenhang, in eine "monadische" Einheit des Bewußtseins, eine Einheit die in sich gar nichts mit Natur, mit Raum und Zeit, Substanzialität und Kausalität zu tun, sondern ihre ganz einzigen "Formen" hat. Es ist ein zweiseitig unbegrenzter Fluß von Phänomenen, mit einer durchgehenden intentionalen Linie, die gleichsam der Index der alldurchdringenden Einheit ist, nämlich der Linie der anfangs- und endlos immanenten "Zeit", einer Zeit, die keine Chronometer messen.

Im immanenten Schauen dem Fluß der Phänomene nachschauend, kommen wir von Phänomen zu Phänomen (jedes eine Einheit im Fluß und selbst im Fließen begriffen) und nie zu etwas anderem als zu Phänomenen. Erst wenn immanente Schauung und dingliche Erfahrung zur Synthese kommen, tritt geschautes Phänomen und erfahrenes Ding in eine Beziehung. Durch das Medium der Dingerfahrung und einer solchen Beziehungserfahrung tritt zugleich die Einfühlung als eine Art mittelbaren Schauens von Psychischem auf, als Hineinschauen in einen zweiten monadischen Zusammenhang in sich charakterisiert.

Wiefern ist nun in dieser Sphäre so etwas wie eine vernünftige Forschung, wie eine gültige Aussage möglich? Inwiefern sind auch nur solche Aussagen möglich, wie wir sie soeben als roheste (ganze Dimensionen verschweigende) Beschreibungen gegeben haben? Nun selbstverständlich wird Forschung hier sinnvoll sein, wenn sie sich eben rein dem Sinn der "Erfahrungen" hingibt, die sich als Erfahrungen von "Psychischem" geben, und wenn sie das "Psychische" dabei genau als das nimmt und zu bestimmen sucht, als was es, dieses so Geschaute, genommen und zu bestimmen sucht, als was es, dieses so Geschaute, genommen und bestimmt zu sein gleichsam fordert. Also wenn man vor allem nicht widersinnige Naturalisierungen zuläßt. Man muß, hieß es, die Phänomene so nehmen, wie sie sich geben, d. h. als dieses fließende Bewußthaben, Meinen, Erscheinen, das sie sind, als dieses Vordergrundbewußthaben und Hintergrundbewußthaben, als dieses Bewußthaben als Gegenwärtiges oder als Vorgegenwärtiges, als Phantasiertes oder Signitives oder Abgebildetes, als Anschauliches oder Leervorstelliges usw. Dabei auch als im Wechsel der oder jener Einstellungen, der oder jener attentionalen Modi sich so der so wendend und umgestaltend. All das führt den Titel "Bewußtsein von", und "hat" eine "Bedeutung" und "meint" ein "Gegenständliches", wobei letzteres sich - heiße es nun von irgendeinem Standpunkt aus "Fiktion" oder "Wirklichkeit" - beschreiben läßt als "immanent Gegenständliches", "Vermeintes als solches", und vermeint im einen oder anderen Modus des Vermeinens.

Daß man hier forschen, aussagen, in Evidenz aussagen kann, sich dem Sinn dieser "Erfahrungs"sphäre fügend, ist absolut evident. Eben die Innehaltung der bezeichneten Forderung ist freilich die Schwierigkeit. Von der Konsequenz und Reinheit der "phänomenologischen" Einstellung hängt die Einstimmigkeit oder Widersinnigkeit der hier zu führenden Untersuchungen durchaus ab. Nicht leicht überwinden wir die urwüchsige Gewohnheit, in naturalistischer Einstellung zu leben und zu denken, und so das Psychische naturalistisch zu verfälschen. Es hängt ferner sehr viel an der Einsicht, daß in der Tat eine "rein immanente" Erforschung von Psychischem (im hier benützten weitesten Wortsinn des Phänomenalen als solchem) möglich ist, eine Forschung der Art, die soeben allgemein charakterisiert worden ist, und die im Gegensatz steht zur psychophysischen Erforschung desselben, die wir noch nicht in Erwägung gezogen haben, und die natürlich auch ihr Recht hat.

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Ist nun das immanent Psychische in sich selbst nicht Natur, sondern der Gegenwurf von Natur, was erforschen wir an ihm als sein "Sein"? Ist es nicht in "objektiver" Identität bestimmbar als substanziale Einheit immer wieder zu erfassender, erfahrungswissenschaftlich zu bestimmender und zu bestätigender realer Eigenschaften; ist es nicht aus dem ewigen Fluß herauszuheben; und ist es unfähig, zum Objekt einer intersubjektiven Geltung zu werden - was können wir an ihm fassen, bestimmen, als objektive Einheit fixieren? Dies aber so verstanden, daß wir in der reinen phänomenologischen Sphäre verbleiben und die Beziehungen zum dinglich erfahrbaren Leib und zur Natur außer Rechnung lassen. Die Antwort lautet dann: Sind die Phänomene als solche keine  Natur,  so haben sie in in unmittelbarem Schauen faßbares, und adäquat faßbares  Wesen.  Alle Aussagen, die Phänomene durch direkte Begriffe beschreiben, tun es, soweit sie gültig sind, durch Wesensbegriffe, also durch begriffliche Wortbedeutungen, die sich in eine Wesensschauung einlösen lassen müssen.

Es gilt dieses letzte Fundament aller psychologischen Methoden richtig zu erfassen. Der Bann der naturalistischen Einstellung, in dem wir alle zunächst stehen, der uns unfähig macht, von der Natur abzusehen, und somit auch das Psychische in der reinen statt in der psychophysischen Einstellung zum Gegenstand der schauenden Forschung zu machen, hat hier den Weg in eine große, beispiellos folgenreiche Wissenschaft versperrt, die einerseits die Grundbedingung für eine  vollwissenschaftliche Psychologie  und andererseits das Feld der echten  Vernunftkritik  ist. Der Bann des urwüchsigen Naturalismus besteht auch darin, daß er es uns allen so schwer macht, "Wesen", "Ideen" zu sehen, oder vielmehr, da wir sie ja doch sozusagen beständig sehen, sie in ihrer Eigenart gelten zu lassen, statt sie widersinnig zu naturalisieren. Wesensschauung birgt nicht mehr Schwierigkeiten oder "mystische" Geheimnisse der Wahrnehmung. Wenn wir uns die "Farbe" intuitiv zu voller Klarheit, zu voller Gegebenheit bringen, so ist das Gegebene ein "Wesen" und wenn wir uns ebenso in reiner Schauung, etwa von Wahrnehmung zu Wahrnehmung blickend, zur Gegebenheit bringen, was "Wahrnehmung", Wahrnehmung an sich - dieses Identische beliebiger fließender Wahrnehmungssingularitäten - ist, so haben wir das Wesen "Wahrnehmung" schauend gefaßt. Soweit Intuition, anschauliches Bewußthaben reicht, soweit reicht die Möglichkeit einer entsprechenden "Ideation" (wie ich in den Logischen Untersuchungen zu sagen pflegte) oder der "Wesensschauung". Soweit die Intuition eine reine ist, die keine transienten [vorübergehenden - wp] Mitmeinungen befaßt, soweit ist das erschaute Wesen ein adäquat Erschautes, ein absolut Gegebenes. Also umspannt der Herrschafts der reinen Intuition auch die gesamte Sphäre, die sich der Psychologe als die der "psychischen Phänomene" zueignet, wobei er sie nur rein für sich, in reiner Immanenz nimmt. Daß die im Wesensschauen gefaßten "Wesen" sich in festen Begriffen, in einem sehr weiten Umfang zumindest, fixieren lassen, und damit die Möglichkeiten für feste und in ihrer Art objektiv und absolut gültige Aussagen abgeben, ist für jeden Vorurteilslosen selbstverständlich. Die niedersten Farbdifferenzen, die letzten Nuancen mögen der Fixierung spotten, aber "Farbe" im Unterschied von "Ton" ist ein so sicherer Unterschied, wie es in aller Welt nichts noch Sichereres gibt. Und solche absolut unterscheidbare, bzw. fixierbare Wesen sind nicht nur die der sinnlichen "Inhalte" und Erscheinungen ("Sehdinge", Phantome und dgl.), sondern nicht minder die von allem Psychischen in einem prägnanten Sinn, von allen Ich-"Akten" und Ich-Zuständen, die bekannten Titeln entsprechen, wie z. B. Wahrnehmung, Phantasie, Erinnerung, Urteil, Gefühl, Wille mit all ihren unzähligen Sondergestaltungen. Ausgeschlossen bleiben die letzten "Nuancen", die dem Unbestimmbaren des "Flusses" angehören, während zugleich wieder die beschreibbare Typik des Fließens ihre "Ideen" hat, die schauend gefaßt und fixiert, absolute Erkenntnis ermöglichen. Jeder psychologische Titel, wie Wahrnehmung oder Wille, ist ein Titel für eine höchstumfassende Domäne von "Bewußtseinsanalysen", d. h. von Wesensforschungen. Es handelt sich hier um ein Gebiet von einer Weite, das in dieser Hinsicht nur mit der Naturwissenschaft verglichen werden kann - so sonderbar dies klingen mag.

Es ist nun aber die Erkenntnis von entscheidender Bedeutung, daß Wesensschauung nichts weniger als "Erfahrung" im Sinne von Wahrnehmung, Erinnerung oder gleichstehenden Akten ist, und ferner nichts weniger als eine empirische Verallgemeinerung, die in ihrem Sinn ein individuelles Dasein von Erfahrungseinzelheiten existenzial mit setzt. Die Schauung erfaßt das  Wesen  als  Wesenssein  und setzt in keienr Weise  Dasein.  Demgemäß ist Wesenserkenntnis keine matter-of-fact-Erkenntnis, nicht den leisesten Behauptungsgehalt in Bezug auf ein individuelles (etwa natürliches) Dasein befassend. Die Unterlage oder besser der Ausgangsakt einer Wesensschauung, z. B. des Wesens von Wahrnehmung, von Erinnerung, von Urteil etc.  kann  eine Wahrnehmung von einer Wahrnehmung, von einer Erinnerung, von einem Urteil etc. sein, es kann aber auch eine bloße, nur "klare" Phantasie sein, die ja als solche keine Erfahrung ist, kein  Dasein  erfaßt. Die Wesenserfassung ist dadurch gar nicht berührt, sie ist schauende  als  Wesensfassung, und das ist eben ein andersartiges Schauen als das Erfahren. Natürlich können Wesen auch vage vorgestellt, etwa signitiv vorgestellt und fälschlich gesetzt werden - es sind dann bloß vermeinte Wesen, mit Widerstreit behaftet, wie der Übergang zur Erschauung ihrer Unvereinbarkeit lehrt; die vage Setzung kann aber auch als gültig bestätigt werden durch einen Rückgang zur Intuition der Wesensgegebenheit.

Jedes Urteil, das zu adäquatem Ausdruck bringt, in festen adäquat gebildeten Begriffen, was in Wesen liegt, wie Wesen gewisser Gattung und Besonderung mit gewissen anderen zusammenhängen, wie z. B. "Anschauung" und "leere Meinung", wie "Phantasie" und "Wahrnehmung", wie "Begriff" und "Anschauung" usw. sich miteinander vereinen, aufgrund der und der Wesenskomponenten notwendig "vereinbar" sind, etwa zueinander als "Intention" und "Erfüllung" passen, oder umgekehrt unvereinbar sind, ein "Bewußtsein der Enttäuschung" fundieren usw.: jedes dieser Urteile ist eine absolute, generell gültige Erkenntnis und als Wesensurteil von einer Art, die durch Erfahrung begründen, bestätigen oder widerlegen zu wollen, ein Widersinn wäre. Es fixiert eine "relation of idea", ein Apriori in dem echten Sinn, den HUME zwar vorschweben hatte, aber durch seine positivistische Vermengung von Wesen und "idea" - als Gegensatz zur "impression" - verfehlen mußte. Gleichwohl wagt selbst sein Skeptizismus nicht, hier konsequent zu sein und an einer solchen Erkenntnis - soweit er sie sieht - zu rütteln. Hätte ihn sein Sensualismus nicht für die ganze Sphäre der Intentionalität eines "Bewußtseins von" blind gemacht, hätte er sie in Wesensforschung genommen, dann wäre er nicht der große Skeptiker, sondern der Begründer einer wahrhaft "positiven" Theorie der Vernunft geworden. All die Probleme, die ihn im Treatise so leidenschaftlich bewegen und von Verwirrung zu Verwirrung treiben, Probleme, die er in seiner Einstellung gar nicht angemessen und reinlich formulieren kann, liegen durchaus im Herrschaftsbereich der Phänomenologie. Sie sind durch eine Verfolgung der Wesenszusammenhänge der Bewußtseinsgestaltungen, sowie der ihnen korrelativ und wesentlich zugehörigen Gemeintheiten restlos zu lösen, in einem generell schauenden Verständnis, das keine  sinnvolle  Frage mehr offen läßt. So die gewaltigen Probleme der Identität des Gegenstandes gegenüber der Mannigfaltigkeit der Impressionen, bzw. Perzeptionen  von  ihm. In der Tat: Wie mannigfaltige Wahrnehmungen, bzw. Erscheinungen dazu kommen, ein und denselben Gegenstand "zur Erscheinung zu bringen", so daß er  für sie selbst  und für das sie verbindende Einheits- oder Identitätsbewußtsein "derselbe" sein kann, das ist eine Frage, die nur durch eine phänomenologische Wesensforschung klar gestellt und beantwortet werden kann (auf die unsere Weise der Formulierung freilich schon vordeutet.) Diese Frage empirisch naturwissenschaftlich beantworten zu wollen, heißt sie nicht verstehen und in eine widersinnige mißdeuten. Daß eine Wahrnehmung, wie überhaupt eine Erfahrung, Wahrnehmung gerade von diesem, gerades so orientierten, gerade so gefärbten, geformten etc. Gegenstand ist, das ist eine Sache ihres Wesens, mag es mit der "Existenz" des Gegenstandes wie auch immer stehen. Daß diese Wahrnehmung sich in eine Wahrnehmungskontinuität, aber nicht in eine beliebige schickt, in der stetig "derselbe Gegenstand sich in stetig anderer Orientierung usw. darstellt", das ist wieder rein eine Sache der Wesen. Kurz: hier liegen die großen, literarisch noch ganz unbebauten Felder der "Bewußtseinsanalyse", wobei der Titel "Bewußtsein", sowie oben der Titel "Psychisches", mag er ernsthaft passen oder nicht, so weit gespannt werden müßte, daß er alles Immanente, also auch alles Bewußtseins-Gemeinte als solches und in jedem Sinne, zu bezeichnen hätte. Die in Jahrhunderten so viel beredeten Ursprungsprobleme sind von ihrem falschen, sie widersinnig verkehrenden Naturalismus befreit, phänomenologische Probleme. So die Probleme vom Ursprung der "Raumvorstellung", der Zeit-, Ding-, Zahlvorstellung, der "Vorstellungen" von Ursache und Wirkung usw. Erst wenn diese reinen Probleme sinnvoll bestimmt formuliert und gelöst sind, erhalten die empirischen Probleme der Entstehung solcher Vorstellungen als Vorkommnisse menschlichen Bewußtseins einen wissenschaftlich faßbaren und für die Lösung anfaßbaren Sinn.

Aber alles kommt darauf an, daß man sieht und es sich ganz zu eigen macht, daß man genau so unmittelbar wie einen Ton hören, so ein "Wesen", das Wesen "Ton", das Wesen "Dingerscheinung", das Wesen "Sehding", das Wesen "Bildvorstellung", das Wesen "Urteil" oder "Wille" usw. schauen und im Schauen Wesensurteile fällen kann. Andererseits aber, daß man sich hütet vor der HUMEschen Vermengung, und demgemäß nicht phänomenologische Schauung mit "Selbstbeobachtung", mit innerer Erfahrung, kurzum mit Akten verwechselt, die statt Wesen vielmehr diesen entsprechende individuelle Einzelheiten setzen. (2)

Reine Phänomenologie als Wissenschaft kann, solange sie rein ist und von der existenzialen Setzung der Natur keinen Gebrauch macht,  nur  Wesensforschung und gar nicht Daseinsforschung sein, jede "Selbstbeobachtung" und jedes Urteil aufgrund einer solchen "Erfahrung" fällt außerhalb ihres Rahmens. Das Einzelne in seiner Immanenz kann nur als dies da! - diese dahinfließende Wahrnehmung, Erinnerung und dgl. - gesetzt un allenfalls unter die der Wesensanalyse verdankten strengen Wesensbegriff gebracht werden. Denn das Individuum  ist  zwar nicht Wesen, aber es  "hat"  ein Wesen, das von ihm evidentgültig aussagbar ist. Es aber als Individuum fixieren, ihm eine Stellung einer "Welt" individuellen Daseins geben, das kann eine solche bloße Subsumtion offenbar nicht leisten. Für sie ist das Singuläre ewig das  apeiron  [Unfaßbare - wp]. Objektiv gültig kann sie nur Wesen und Wesensbeziehungen erkennen und damit alles leisten und endgültig leisten, was zum aufklärenden Verständnis aller empirischen Erkenntnis und aller Erkenntnis überhaupt nötig ist: die Aufklärung des "Ursprungs" aller formal-logisch und natur-logisch uns sonst irgendwie leitenden "Prinzipien" und aller damit innig zusammenhängenden Probleme der Korrelation von "Sein" (Natursein, Wertsein, etc.) und "Bewußtsein". (3)

Gehen wir nun zur psychophysichen Einstellung über. In ihr erhält das "Psychische" mit dem gesamten ihm  eigenen  Wesen Zuordnung zu einem Leib und zur Einheit der physischen Natur: das in immanenter Wahrnehmung Gefaßte und als wesensmäßig so geartet Aufgefaßte tritt in Beziehung zum sinnlich Wahrgenommenen und damit zur Natur. Erst durch diese Zuordnung gewinnt es eine indirekte naturhafte Objektivität, mittelbar eine Stellung im Raum und in der Zeit der Natur, in derjenigen, die wir durch Uhren messen. In einigem, nicht näher bestimmten Umfang gibt die erfahrungsmäßige "Abhängigkeit" vom Physischen ein Mittel, das Psychische als individuelles Sein intersubjektiv zu bestimmen und zugleich in fortschreitendem Maße die psychophysischen Beziehungen zu durchforschen. Das ist die Domäne der "Psychologie als Naturwissenschaft", die dem wörtlichen Sinn nach psychophysische Psychologie und dabei natürlich, im Gegensatz zur Phänomenologie empirische Wissenschaft ist.

Es ist freilich nicht unbedenklich, die Psychologie, die Wissenschaft vom "Psychischen", nur als solche von den "psychischen Phänomenen" und deren Verknüpfungen mit dem Leib anzusehen. De facto ist sie doch überall geleitet von jenen urwüchsigen und unvermeidlichen Objektivierungen, deren Korrelate die empirischen Einheiten Mensch und Tier, andererseits Seele, Persönlichkeit, bzw. Charakter, Disposition der Persönlichkeit sind. Indessen für unsere Zweck ist es nicht nötig der Wesensanalyse dieser Einheitsbildungen nachzugehen und dem Problem, wie sie von sich aus die Aufgabe der Psychologie bestimmen. So viel wird nämlich alsbald klar, daß diese Einheiten von prinzipiell anderer Artung sind als die Dinglichkeiten der Natur, die ja ihrem Wesen nach Gegebenheiten durch abschattende Erscheinungen sind, während dies von den fraglichen Einheiten in keiner Weise gilt. Nur die fundierende Unterlage "Menschenleib", nicht aber der Mensch selbst, ist eine Einheit dinglicher Erscheinung, und erst recht nicht Persönlichkeit, Charakter usw. Offenbar werden wir mit all diesen Einheiten zurückgewiesen auf die immanente Lebenseinheit des jeweiligen Bewußtseinsflußes und auf morphologische Eigentümlichkeiten, die verschiedene solche immanente Einheiten unterscheiden. Demgemäß sieht sich auch alle psychologische Erkenntnis, selbst wo sie primär auf menschliche Individualitäten, Charaktere, Dispositionen bezogen ist, zurückverwiesen auf jene Einheiten des Bewußtseins und somit auf das Studium  der Phänomene selbst  und ihrer Verflechtungen.

Man braucht nun insbesondere nach all den gegebenen Ausführungen, keiner Umstände mehr, um klar und aus tiefsten Gründen einzusehen, was oben schon dargelegt worden ist: daß alle im gewöhnlichen Sinne psychologische Erkenntnis  Wesenserkenntnis  des Psychischen  voraussetzt,  und daß die Hoffnung, durch psychophysische Experimente und durch jene unabsichtlichen inneren Wahrnehmungen, bzw. Erfahrungen das  Wesen  der Erinnerung, des Urteils, des Willens und dgl. erforschen zu wollen, um  dadurch  die strengen Begriffe zu gewinnen, die der Bezeichnung des Psychischen in den psychophysischen Aussagen, und ihnen selbst, allein wissenschaftlichen Wert geben können - der Gipfel der Verkehrtheit wäre. Der Grundfehler der modernen Psychologie, der sie hindert Psychologie im wahren, voll-wissenschaftlichen Sinn zu sein, ist, daß sie diese phänomenologische Methode nicht erkannt und ausgebildet hat. Sie ließ sich durch historische Vorurteile davon abhalten, die in aller klärenden Begriffsanalyse gelegenen Ansätze zu einer solchen Methode zu nützen. Damit hängt es zusammen, daß die meisten Psychologen die schon vorliegenden Anfänge der Phänomenologie nicht verstanden, ja öfters sogar die in rein intuitiver Einstellung vollzogene Wesensforschung für - metaphysische-scholastische Substraktion gehalten haben. In der schauenden Haltung Erfaßtes und Beschriebenes kann aber nur in schauender Haltung verstanden und nachgeprüft werden.

Es ist nach all dem Ausgeführten klar, und wird, wie ich Grund genug habe zu hoffen, bald allgemeiner anerkannt sein, daß eine wirklich zureichende empirische Wissenschaft vom Psychischen in seinen Naturbezügen erst dann im Werk sein kann, wenn sich die Psychologie auf eine  systematische  Phänomenologie baut; wenn also die Wesensgestaltungen des Bewußtseins und seiner immanenten Korrelate, im systematischen Zusammenhang rein schauend erforscht und fixiert, die Normen abgeben für den wissenschaftlichen Sinn und Gehalt der Begriffe von jederlei Phänomenen, also der Begriffe, mit denen der empirische Psychologe das Psychische selbst in seinen psychophysischen Urteilen ausdrückt. Nur eine wirklich radikale und systematische Phänomenologie, nicht nebenher und in vereinzelten Reflexionen betrieben, sondern in ausschließlicher Hingabe an die höchst vielfältigen und verwickelten Probleme des Bewußtseins, und betrieben mit einem völlig freien, durch keine naturalistischen Vorurteile geblendeten Geist, kann uns  Verständnis  von "Psychischem" - in der Sphäre des individuellen wie des Gemeinschaftsbewußtseins - geben. Dann erst wird die gewaltige experimentelle Arbeit unserer Zeit, die Fülle gesammelter empirischer Tatsachen und zum Teil sehr interessanter Regelmäßigkeiten durch auswertenden Kritik und psychologische Interpretation ihre rechten Früchte tragen. Dann wird man auch wieder zugestehen können, was man für die heutige Psychologie in keiner Weise zugestehen kann: daß Psychologie zu Philosophie in naher, ja nächster Beziehung stehe. Dann wird auch das Paradoxon des Antipsychologismus, daß eine Theorie der Erkenntnis keine psychologische Theorie sei, allen Anstoß verlieren, sofern jede wirkliche Erkenntnistheorie notwendig auf Phänomenologie beruhen muß, die so das gemeinsame Fundament jeder Philosophie und Psychologie ausmacht. Und endlich wird dann auch jene Art philosophischer Scheinliteratur nicht mehr möglich sein, die heutzutage so üppig wuchert, und die uns mit der Prätention auf ensteste Wissenschaftlichkeit ihre Erkenntnistheorien, logischen Theorien, Ethiken, Naturphilosophien, Pädagogiken auf naturwissenschaftlicher und vor allem "experimentell-psychologischer Grundlage" darbietet. (4) In der Tat kann man angesichts dieser Literatur nur staunen über den Verfall des Sinnes für die abgrundtiefen Probleme und Schwierigkeiten, denen die größten Geister der Menschheit ihre Lebensarbeit gewidmet haben, und leider auch über den Verfall des Sinnes für echte Gründlichkeit, die uns doch innerhalb der experimentellen Psychologie selbst - trotz der prinzipiellen Mängel, die ihr nach unserer Auffassung anhaften - so viel Achtung abnötigt. Ich bin fest überzeugt, daß das historische Urteil über diese Literatur dereinst sehr viel härter ausfallen wird als über die so viel getadelte Popularphilosophie des 18. Jahrhunderts. (5)

Wir verlassen nun das Streitfeld des psychologischen Naturalismus. Vielleicht dürfen wir sagen, daß der seit LOCKEs Zeiten vordringende Psychologismus eigentlich nur eine getrübte Form war, in der sich die allein rechtmäßige philosophische Tendenz auf eine phänomenologische Begründung der Philosophie durcharbeiten mußte. Zudem, sofern phänomenologische Forschung Wesensforschung, also im echten Sinne apriorische ist, trägt sie zugleich allen berechtigten Motiven des Apriorismus volle Rechnung. Jedenfalls dürfte unsere Kritik deutlich gemacht haben, daß, den Naturalismus als eine prinzipiell verfehlte Philosophie erkennen, noch nicht heißt, die Idee einer streng wissenschaftlichen Philosophie, einer "Philosophie von unten" preisgeben. Die kritische Scheidung der psychologischen phänomenologischen Methode weist in der letzteren den wahren Weg zu einer wissenschaftlichen Theorie der Vernunft und desgleichen zu einer ausreichenden Psychologie.

Unserem Plan gemäß gehen wir nun zur Kritik des Historizismus und zur Erörterung der Weltanschauungsphilosophie über.


Historizismus und Weltanschauungsphilosophie

Der Historizismus nimmt seine Position in der Tatsachensphäre des empirischen Geisteslebens, und indem er es absolut setzt, ohne es gerade zu naturalisieren (zumal der spezifische Sinn von Natur dem historischen Denken fern liegt und es jedenfalls nicht allgemein bestimmend beeinflußt), erwächst ein Relativismus, der seine nahe Verwandtschaft mit dem naturalistischen Psychologismus hat, und der in analoge skeptische Schwierigkeiten verwickelt. Uns interessiert hier nur das Eigentümliche der historizistischen Skepsis, mit dem wir uns eingehender vertraut machen wollen.

Alle Geistesgestaltung - das Wort in einem möglichst weiten Sinn gedacht, der jede Art gesellschaftlicher Einheit, zu unterst die des Individuums selbst, aber auch jedwede Kulturgestaltung befassen mag - hat ihre innere Struktur, ihre Typik, ihren wunderbaren Reichtum äußerer und innerer Formen, die im Strom des Geisteslebens selbst erwachsen, sich wieder umwandeln und in der Art der Umwandlung selbst wieder strukturelle und typische Unterschiede hervortreten lassen. In der anschaulichen Außenwelt bieten uns Struktur und Typik des organischen Werdens genaue Analoga. Es gibt da keine festen Spezies und keinen Bau derselben aus festen organischen Elementen. Alles scheinbar Feste ist ein Strom der Entwicklung. Leben wir uns durch innerliche Intuition ein in die Einheit des Geisteslebens, so können wir die in ihm waltenden Motivationen nachfühlen und damit auch Wesen und Entwicklung der jeweiligen Geistesgestalt in ihrer Abhängigkeit von den geistigen Einheits- und Entwicklungsmotiven "verstehen". In dieser Art wird uns alles Historische "verständlich", "erklärlich", in seiner Eigenart des "Seins", das eben "geistiges Sein", Einheit innerlich sich fordernder Momente eines Sinnes ist und dabei Einheit des sich sinngemäß nach innerer Motivation Gestaltens und Entwickelns. In dieser Art kann also auch intuitiv die Kunst, die Religion, die Sitte und dgl. erforscht werden. Ebenso die ihnen nahestehende und in ihnen zugleich mit zum Ausdruck kommende Weltanschauung, welche, wenn sie die Formen der Wissenschaft annimmt und in der Art der Wissenschaft Anspruch auf objektive Geltung erhebt, Metaphysik oder auch Philosophie genannt zu werden pflegt. Es ergibt sich also im Hinblick auf solche Philosophie die große Aufgabe, die morphologische Struktur, die Typik derselben, sowie ihre Entwicklungszusammenhänge zu durchforschen und durch innerstes Nachleben die ihr Wesen bestimmenden Geistesmotivationen zu historischem Verständnis zu bringen. Wie Bedeutsames und in der Tat Bewunderungswürdiges in dieser Hinsicht zu leisten ist, das zeigen WILHELM DILTHEYs Schriften, insbesondere die jüngst erschienene Abhandlung über die Typen der Weltanschauung. (6)

Bisher war natürlich von Historie, nicht aber von Historizismus die Rede. Wir erfassen die zu ihm hindrängenden Motive am leichtetsten, wenn wir in einigen Sätzen DILTHEYs Darstellung folgen. Wir lesen: "Unter den Gründen, welche dem Skeptizismus immer von neuem Nahrung geben, ist einer der wirksamsten die Anarchie der philosophischen Systeme" (Seite 3) "Viel tiefer aber als die skeptischen Schlüsse aus der Gegensätzlichkeit der menschlichen Meinungen reichen die Zweifel, welche der fortschreitenden Entwicklung des geschichtlichen Bewußtseins erwachsen sind" (Seite 4). "Die Entwicklungslehre (als naturwissenschaftliche Evolutionslehre, verwoben mit der entwicklungsgeschichtlichen Erkenntnis der Kulturgestaltungen) ist notwendig verbunden mit der Erkenntnis der Relativität der geschichtlichen Lebensform. Vor dem Blick, der die Erde und alle Vergangenheiten umspannt, schwindet die absolute Gültigkeit irgendeiner einzelnen Form von Lebensverfassung, Religion und Philosophie. So zerstört die Ausbildung des geschichtlichen Bewußtseins gründlicher noch als der Überblick über den Streit der Systeme den Glauben an die Allgemeingültigkeit irgendeiner der Philosophien, welche den Weltzusammenhang in zwingender Weise durch einen Zusammenhang von Begriffen auszusprechen unternommen haben." (Seite 6)

An der  tatsächlichen Wahrheit  des hierin Gesagten ist offenbar kein Zweifel. Die Frage ist aber, ob es, in  prinzipieller Allgemeinheit  genommen, berechtigt sein kann. Gewiß, Weltanschauung und Weltanschauungsphilosopie sind Kulturgestaltungen, die im Strom der Menschheitsentwicklung werden und verschwinden, wobei ihr Geistesgehalt ein unter den gegebenen historischen Verhältnissen bestimmt motivierter ist. Dasselbe gilt aber auch von den strengen Wissenschaften. Entbehren sie  darum  der objektiven Gültigkeit? Ein ganz extremer Historizist wird dies vielleicht bejahen, er wird hier auf den Wandel der wissenschaftlichen Ansichten hinweisen, wie das, was heute als bewiesene Theorie gilt, morgen als nichtig erkannt wird, wie die Einen von sicheren Gesetzen sprechen, was die Anderen bloße Hypothesen und die Dritten vage Einfälle nennen. Usw. Hätten wir danach, angesichts dieses ständigen Wandels der wissenschaftlichen Ansichten, wirklich kein Recht von Wissenschaften nicht nur als von Kulturgestaltungen, sondern als von objektiven Geltungseinheiten zu sprechen? Man sieht leicht, daß der Historizismus konsequent durchgeführt in den extremen skeptischen Subjektivismus übergeht. Die Ideen Wahrheit, Theorie, Wissenschaft würden dann, wie alle Ideen, ihre absolute Gültigkeit verlieren. Eine Idee habe Gültigkeit, bedeutete, sie sei ein faktisches Geistesgebilde, das für geltend gehalten wird und in dieser Faktizität des Geltens das Denken bestimmt. Gültigkeit schlechthin oder "ansich", die ist, was sie ist, auch wenn niemand sie vollziehen mag und keine historische Menschheit sie je vollziehen würde, das gäbe es nicht. Dann also auch nicht für den Satz vom Widerspruch und alle Logik, die ja ohnehin in usnerer Zeit in vollem Fluß ist. Vielleicht ist das Ende, daß die logischen Prinzipien der Widerspruchslosigkeit in ihr Gegenteil verkehren. Und in weiterer Folge hätten auch all die Sätze, die wir jetzt ausgesprochen, und selbst die Möglichkeiten, die wir erwogen und als gültig bestehende in Anspruch genommen haben, ansich keine Gültigkeit, usw. Es ist nicht nötig, hierin weiterzugehen und Erörterungen zu wiederholen, die an einem anderen Ort gegeben sind. (7) Es wird wohl genügen, um das Zugeständnis zu gewinnen, daß - wie große Schwierigkeiten das Verhältnis zwischen fließendem Gelten und objektiver Gültigkeit, zwischen Wissenschaft und Kulturerscheinung und Wissenschaft als System gültiger Theorie dem aufklärenden Verständnis bieten mag - der Unterschied und Gegensatz anerkannt werden müsse. Haben wir aber Wissenschaft als gültige Idee zugestanden, welchen Grund hätten wir noch, ähnliche Unterschiede zwischen historisch Geltendem und Gültigem nicht auch sonst mindestens für offen zu halten - mögen wir sie "vernunftkrtisch" verstehen können oder nicht? Historie, empirische Geisteswissenschaft überhaupt, kann von sich aus gar nichts darüber ausmachen, nicht in positivem und nicht in negativem Sinn, ob zwischen Religion als Kulturgestaltung und Religion als Idee, d. h. als gültiger Religion, ob zwischen Kunst als Kulturgestaltung und gültiger Kunst, ob zwischen historischem und gültigem Recht, und schließlich auch zwischen historischer und gültiger Philosophie zu unterscheiden sei; ob oder ob nicht zwischen dem Einen und Anderen, platonisch gesprochen, das Verhältnis der Idee und ihrer getrübten Erscheinungsform bestehe. Und wenn Geistesgestaltungen in Wahrheit unter dem Gesichtspunkt solcher Gegensätze der Gültigkeit betrachtet und beurteilt werden können, so ist die wissenschaftliche Entscheidung über die Gültigkeit selbst und über ihre idealen normativen Prinzipien nichts weniger als Sache der empirischen Wissenschaft. Der Mathematiker wird sich ja auch nicht an die Historie wenden, um Belehrung über die Wahrheit mathematischer Theorien zu gewinnen; es wird ihm nicht einfallen, die historische Entwicklung der mathematischen Vorstellungen und Urteile mit der Frage der Wahrheit in Beziehung zu bringen. Wie sollte also der Historiker über die Wahrheit der gegebenen philosophischen Systeme und erst recht über die Möglichkeit einer ansich gültigen philosophischen Wissenschaft überhaupt zu entscheiden haben? Und was hätte er je beizubringen, das den Philosophen im Glauben an seine Idee, an die einer  wahren  Philosophie wankend machen könnte? Wer ein bestimmtes System leugnet, nicht minder wer die ideale Möglichkeit eines philosophischen Systems überhaupt leugnet, muß Gründe beibringen. Historische Tatsachen der Entwicklung, auch allgemeinste der Entwicklungsart von Systemen überhaupt, mögen Gründe, gute Gründe sein. Aber historische Gründe können nur historische Folgen aus sich hergeben. Aus Tatsachen sei es begründen oder widerlegen zu wollen, ist Widersinn -  ex pumice aquam  [Aus Bimsstein Wasser pressen - wp], wie KANT zitierte. (8)

Die Historie kann danach wie gegen die Möglichkeit absoluter Gültigkeiten überhaupt, so im besonderen gegen die Möglichkeit einer absoluten, d. h. wissenschaftlichen Metaphysik und sonstigen Philosophie nichts Relevantes vorbringen. Selbst die Behauptung, daß es  bisher  keine wissenschaftliche Philosopie gegeben habe, kann sie als Historie nimmermehr begründen, sie kann es nur aus anderen Erkenntnisquellen begründen, und das sind offenbar schon philosophische. Denn es ist klar, daß auch philosophische Kritik, sofern sie wirklich auf Gültigkeit Anspruch erheben soll, Philosophie ist und in ihrem Sinne die ideale Möglichkeit einer systematischen Philosophie als strenger Wissenschaft impliziert. Die  unbedingte  Behauptung, jede wissenschaftliche Philosophie sei eine Chimäre, mit der Begründung, daß die angeblichen Versuche der Jahrtausende die innere Unmöglichkeit einer solchen Philosophie wahrscheinlich machen, ist nicht nur darum verkehrt, weil ein Schluß von den paar Jahrtausenden höherer Kultur auf eine unbegrenzte Zukunft keine gute Induktion wäre, sondern verkehrt als ein absoluter Widersinn, wie  2 x 2 = 5.  Und das aus dem angedeuteten Grund: Entweder philosophische Kritik findet etwas vor, es objektiv gültig zu widerlegen, dann ist auch ein Feld da, etwas objektiv gültig zu begründen. Sind die Probleme nachgewiesenermaßen "schief" gestellt, so muß es eine mögliche Zurechtstellung und gerade Probleme geben. Erweist Kritik, daß die historisch erwachsene Philosophie mit verworrenen Begriffen operiert, Begriffsmengungen, Trugschlüsse begangen habe, so liegt darin unleugbar, wenn man nicht in Sinnlosigkeiten verfallen möchte, daß sich, ideal gesprochen, die Begriffe verdeutlichen, klären, unterschieden erhalten, daß sich gegebenen Feld richtige Schlüsse ziehen lassen usw. Jede rechte, tief dringende Kritik gibt selbst schon Mittel des Fortschritts, weist idealiter auf rechte Ziele und Wege hin und somit auf eine objektiv gültige Wissenschaft. Es wäre zu alldem natürlich auch zu sagen, daß die historische Unhaltbarkeit einer Geisteshaltung als Tatsache gar nichts zu tun hat mit der Unhaltbarkeit im Sinne der Gültigkeit; was, wie alles bisher Ausgeführte für jederlei Sphären prätendierter Gültigkeit seine Anwendung findet.

Was den Historizisten noch irre führen mag, ist der Umstand, daß wir durch das Einleben in eine historisch rekonstruierte Geistesgestaltung, in das in ihr waltende Meinen, bzw. Bedeuten, sowie in die zugehörigen Zusammenhänge der Motivation, nicht nur ihren inneren Sinn verstehen, sondern auch ihren relativen Wert beurteilen können. Versetzen wir uns etwa assumptiv [unvollständig - wp] in die Prämissen hinein, über welche ein historischer Philosophe zu verfügen hatte, so können wir eventuell die relative "Konsequenz" seiner Philosophie anerkennen, ja bewundern, in anderer Hinsicht die Inkonsequenzen mit Problemverschiebungen und Verwechslungen entschuldigen, die bei der damaligen Stufe der Problematik und Bedeutungsanalyse unvermeidlich gewesen seien. Wir können die gelungene Lösung eines wissenschaftlichen Problems als eine große Leistung einschätzen, das heute einer Problemklasse angehört, die in Gymnasiast leicht bewältigen würde. Und Analoges gilt in allen Gebieten. Demgegenüber bleiben wir selbstverständlich dabei, daß die Prinzipien auch solcher relativen Wertungen in den idealen Sphären liegen, die der  wertende  Historiker, der nicht bloße Entwicklungen verstehen will, nur voraussetzen, nicht aber - als Historiker - begründen kann. Die Norm des Mathematischen liegt in der Mathematik, die des Logischen in der Logik, die des Ethischen in der Ethik usw. In diesen Disziplinen hätte er Gründe und Begründungsmethoden zu suchen, wenn er eben wissenschaftlich auch in der Wertung verfahren wollte. Gibt es in dieser Hinsicht keine streng entwickelten Wissenschaften, nun dann wertet er auf eigene Verantwortung, etwa als ethischer oder religiösgläubiger Mensch und jedenfalls nicht als wissenschaftlicher Historiker. Wenn ich danach den Historizismus als eine erkenntnistheoretische Verirrung ansehe, die vermöge ihrer widersinnigen Konsequenzen genauso schroff abgelehnt werden müsse, wie der Naturalismus, so möchte ich doch ausdrücklich betonen, daß ich den ungeheuren Wert der Geschichte im weitesten Sinn für den Philosophen voll anerkenne. Für ihn ist die Entdeckung des Gemeingeistes ebenso bedeutsam, wie die Entdeckung der Natur. Ja dem Philosophen bietet die Vertiefung in das allgemeine Geistesleben ein ursprünglicheres und darum fundamentaleres Forschungsmaterial als diejenige in die Natur. Denn das Reich der Phänomenologie, als einer Wesenslehre, erstreckt sich vom individuellen Geist alsbald über das ganze Feld des allgemeinen Geistes, und wenn DILTHEY in so eindrucksvoller Weise zur Geltung gebracht hat, daß die psychophysische Psychologie nicht diejenige sei, welche als "Grundlage der Geisteswissenschaften" dienen könne, so würde ich sagen, daß es einzig und allein die phänomenologische Wesenslehre ist, welche eine  Philosophie  des Geistes zu begründen vermag.

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Wir gehen jetzt dazu über, den Sinn und das Recht der Weltanschauungsphilosophie zu erwägen, um sie nachher der Philosophie als strenger Wissenschaft gegenüberzustellen. Die Weltanschauungsphilosophie der Neuzeit ist, wie schon angedeutet worden, ein Kind des historizistischen *Skeptizismus. Normalerweise macht dieser Halt vor den positiven Wissenschaften, denen er, inkonsequenz wie er nach Art jedes Skeptizismus ist, wirklichen Geltungswert beimißt. Die Weltanschauungsphilosophie setzt demgemäß die sämtlichen Einzelwissenschaften als Schatzkammern objektiver Wahrheit voraus, und sofern sie nun ihr Ziel darin findet, unserem Bedürfnis nach abschließender und vereinheitlichender, allbegreifender und allverstehender Erkenntnis nach Möglichkeit Genüge zu tun, sieht sie alle Einzelwissenschaften als ihre Fundamente an. Sie nennt sich mit Rücksicht darauf mitunter selbst wissenschaftliche, eben auf festen Wissenschaften bauende Philosophie. Indessen, da recht verstanden, zur Wissenschaftlichkeit einer Disziplin nicht nur gehört die Wissenschaftlichkeit der Grundlagen, sondern auch die Wissenschaftlichkeit der zielgebenden Probleme, die Wissenschaftlichkeit der Methoden und insbesondere auch eine gewisse logische Harmonie zwischen den Leitproblemen auf der einen Seite und gerade solchen Grundlagen und Methoden auf der anderen, so hat die Bezeichnung wissenschaftliche Philosophie noch wenig zu besagen. Und in der Tat wird sie allgemein nicht im vollen Ernst verstanden. Die meisten Weltanschauungsphilosophen fühlen sehr wohl, daß es bei ihrer Philosophie mit dem Anspruch auf wissenschaftliche Strenge nicht sehr gut bestellt sei, und manche von ihnen gestehen offen und ehrlich zumindest den niederen wissenschaftlichen Rang ihrer Resultate zu. Trotzdem schätzen sie den Wert solcher Art Philosophie, die eben mehr Weltanschauung als Weltwissenschaft sein will, sehr hoch ein, und umso höher, je skeptischer sie, eben unter dem Einfluß des Historizismus, dem Absehen auf strenge philosophische Weltwissenschaft gegenüberstehen. Ihre Motive, die zugleich den Sinn der Weltanschauungsphilosophie näher bestimmen, sind etwa folgende.

Jede große Philosphie ist nicht nur eine historische Tatsache, sondern sie hat auch in der Entwicklung des Geisteslebens der Menschheit eine große, ja einzigartige teleologische Funktion, nämlich als höchste Steigerung der Lebenserfahrung, der Bildung, der Weisheit ihrer Zeit. Verweilen wir einen Augenblick bei der Klärung dieser Begriffe.

Erfahrung  als persönlicher Habitus ist der Niederschlag der im Ablauf des Lebens vorangegangenen Akte natürlicher erfahrender Stellungnahme. Er ist durch die Art wesentlich bedingt, wie die Persönlichkeit sich, als diese besondere Individualität, durch Akte eigenen Erfahrens motivieren, und nicht mindern wie sie fremde und überkommene Erfahrungen in der Weise eigener Zustimmung oder Ablehnung auf sich wirken läßt. Was die Erkenntnisakte anlangt, die der Titel Erfahrung befaßt, so können es Erkenntnisse von natürlichem Dasein jeder Art sein, entweder schlichte Wahrnehmungen und sonstige Akte unmittelbar anschaulicher Erkenntnis oder die darauf gegründeten Denkakte in verschiedenen Stufen logischer Verarbeitung und Berechtigung. Aber das reicht nicht hin. Erfahrungen haben wir auch von Kunstwerken und von sonstigen Schönheitswerten; nicht minder von ethischen Werten, sei es aufgrund unseres eigenen ethischen Verhaltens oder der Hineinschauung in dasjenige Anderer; ebenso von Gütern, praktischen Nützlichkeiten, technischen Verwendbarkeiten. Kurzum wir machen nicht nur theoretische, sondern auch axiologische und praktische Erfahrungen. Die Analyse zeigt, daß die letzteren auf wertendes und wollendes Erleben als Anschauungsunterlagen zurückweisen. Auch auf solche Erfahrungen bauen sich Erfahrungserkenntnisse höherer, logischer Dignität. Danach hat der allseitig Erfahrene, oder wie wir auch sagen  "Gebildete",  nicht nur Welterfahrung, sondern auch religiöse, ästhetische, ethische, politische, praktisch-technische u. a. Erfahrung oder  "Bildung".  Indessen gebrauchen wir dieses, freilich sehr abgegriffene Wort Bildung, sofern wir ja das Gegenwort Unbildung haben, nur für die relativ höherwertigen Formen des beschriebenen Habitus. Auf besonders hohe Wertstufen bezieht sich das altmodische Wort  Weisheit  (Weltweisheit, Welt- und Lebensweisheit) und zumeist auch der jetzt beliebte Ausdruck Welt- und Lebensanschauung, oder  Weltanschauung  schlechthin.

Weisheit oder Weltanschauung in diesem Sinne werden wir als eine wesentliche Komponente jenes noch wertvolleren menschlichen Habitus ansehen müssen, der uns in der Idee der vollkommenen Tugend vorschwebt, und der die habituelle Tüchtigkeit in Bezug auf alle möglichen Richtungen menschlicher Stellungnahme, auf erkennende, wertende und wollende, bezeichnet. Denn es geht offenbar mit dieser Tüchtigkeit Hand in Hand die wohlgebildete Fähigkeit, über die Gegenständlichkeiten solcher Stellungnahmen, über Umwelt, Werte, Güter, Taten usw. vernünftig urteilen, bzw. seine Stellungnahmen ausdrücklich rechtfertigen zu können. Das aber setzt Weisheit voraus und gehört mit zu deren höheren Formen.

Weisheit oder Weltanschauung in diesem bestimmten, obschon eine Mannigfaltigkeit von Typen und Wertabstufungen beschließenden Sinne, ist, wie nicht weiter ausgeführt zu werden braucht, keine bloße Leistung der vereinzelten Persönlichkeit, die ohnehin eine Abstraktion wäre; sie gehört zur Kulturgemeinschaft und Zeit, und es hat mit Beziehung auf ihre ausgeprägtesten Formen einen guten Sinn, nicht nur von Bildung und Weltanschauung eines bestimmten Individuums, sondern von derjenigen Zeit zu sprechen. Insbesondere gilt das von den jetzt zu behandelnden Formen.

Die denkmäßige Fassung der in einer großen philosophischen Persönlichkeit lebendigen, innerlich reichsten, aber sich selbst noch dunklen, unbegriffenen Weisheit, eröffnet die Möglichkeiten logischer Verarbeitung; auf höherer Kulturstufe die Anwendung der in den strengen Wissenschaften ausgebildeten logischen Methodik. Daß der Gesamtinhalt dieser Wissenschaften, die ja dem Individuum als geltende Forderungen des Gemeingeistes gegenüberstehen, auf dieser Stufe zum Unterbau einer wertvollen Bildung oder Weltanschauung gehört, ist selbstverständlich. Indem nun die lebendigen und darum überzeugungskräftigsten Bildungsmotive der Zeit nicht nur begriffliche Fassung, sondern auch logische Entfaltung und sonstige denkmäßige Verarbeitung erfahren und die so gewonnenen Ergebnisse im Wechselspiel mit neu zufließenden Anschauungen und Einsichten zu wissenschaftlicher Vereinheitlichung und konsequenter Vollendung gebracht werden, erwächst eine außerordentliche Erweiterung und Steigerung der ursprünglich unbegriffenen Weisheit. Es erwächst eine  Weltanschauungsphilosophie,  die in den großen Systemen die relativ vollkommenste Antwort auf die Rätsel des Lebens und der Welt gibt, nämlich auf die bestmögliche Weise die theoretischen, axiologischen, praktischen Unstimmigkeiten des Lebens, die Erfahrung, Weisheit, bloße Welt- und Lebensanschauung nur unvollkommen überwinden können, zur Auflösung und befriedigenden Klärung bringt. Das Geistesleben der Menschheit mit seiner Fülle immer neuer Bildungen, neuer Geisteskämpfe, neuer Erfahrungen, neuer Wertungen und Zielgebungen schreitet aber weiter; mit dem erweiterten Horizont des Lebens, in den all die neuen Geisteshaltungen eintreten, ändern sich Bildung, Weisheit und Weltanschauung, ändert sich die Philosophie zu höheren und immer höheren Gipfeln emporsteigend.

Sofern der Wert der Weltanschauungsphilosophie und damit auch des Strebens nach einer solchen Philosophie, zunächst bedingt ist durch den Wert von Weisheit und von Weisheitsstreben, ist eine besondere Erwägung des Ziels, das sie sich stellt, kaum nötig. Faßt man den Begriff der Weisheit so weit, als wir es taten, so drückt sie ja eine wesentliche Komponente des Ideals der nach Maßgabe der jeweiligen Phase des Menschheitslebens erreichbaren vollkommenen Tüchtigkeit aus, mit anderen Worten, einer relativ vollkommenen konkreten Abschattung der Idee der  Humanität.  Es ist also klar, wie jedermann danach streben soll, eine möglichst und allseitig tüchtige Persönlichkeit zu sein, tüchtig nach allen Grundrichtungen des Lebens, die ihrerseits den Grundarten möglicher Stellungnahmen entsprechen, so auch in jeder dieser Richtungen möglichst "erfahren", möglichst "weise" und darum auch möglichst "weisheitsliebend". Der Idee nach ist jeder strebende Mensch notwendig "Philosoph" im ursprünglichsten Wortsinn.

Aus den natürlichen Reflexionen über die besten Wege, das hohe Ziel der Humanität und zugleich der vollkommenen Weisheit zu erreichen, ist bekanntlich eine Kunstlehre erwachsen, die vom tugendhaften oder tüchtigen Menschen. Wird sie, wie in der Regel, als Kunstlehre vom richtigen Handeln definiert, so kommt das offenbar auf dasselbe hinaus. Denn das konsequent tüchtige Handeln, das ja gemeint ist, führt zurück auf den tüchtigen praktischen Charakter, und dieser setzt habituelle Vollkommenheit in axiologischer und intellektueller Hinsicht voraus. Bewußtes Streben nach Vollkommenheit wieder setzt voraus Streben nach allseitiger Weisheit. In materialer Hinsicht verweist diese Disziplin den Strebenen auf die verschiedenen Gruppen von Werten, die in den Wissenschaften, Künsten, der Religion usw., die jedes handelnde Individuum als übersubjektive und bindende Geltungen anzuerkennen hat. Und einer der höchsten dieser Werte ist die Idee dieser Weisheit und vollkommenen Tüchtigkeit selbst. Natürlich tritt auch diese, ob mehr populär oder wissenschaftlich gehaltene ethische Kunstlehre mit in den Rahmen einer Weltanschauungsphilosophie hinein, die ihrerseits mit allen ihren Gebieten, sowie sie im Gemeinschaftsbewußtsein ihrer Zeit erwachsen sist und dem Individuum überzeugungskräftig als objektive Geltung gegenübertritt, zu einer höchst bedeutsamen Bildungsmacht werden muß, zu einem Ausstrahlungspunkt wertvollster Bildungsenergien für die wertvollsten Persönlichkeiten der Zeit.

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Nachdem wir dem hohen Wert der Weltanschauungsphilosophie volle Gerechtigkeit haben angedeihen lassen, möchte es scheinen, daß nichts uns abhalten dürfte, das Streben nach einer solchen Philosophie  unbedingt  zu empfehlen.

Vielleicht läßt sich doch zeigen, daß im Hinblick auf die Idee der Philosophie, noch anderen und  von gewissen Gesichtspunkten  höheren Werten genug zu tun ist, nämlich denjenigen einer  philosophischen Wissenschaft.  Es ist folgendes zu bedenken. Unsere Erwägung vollzieht sich von der Höhe der wissenschaftlichen Kultur unserer Zeit aus, die eine Zeit zu gewaltigen Mächten objektivierter strenger Wissenschaften ist. Für das neuzeitliche Bewußtsein haben sich die Iden Bildung oder Weltanschauung und Wissenschaft - als praktische Idee verstanden - scharf getrennt, und sie bleiben von nun an für alle Ewigkeit getrennt. Wir mögen es beklagen, aber als eine fortwirkende Tatsache müssen wir es hinnehmen, die unsere praktischen Stellungnahmen entsprechend zu bestimmen hat. Die historischen Philosophien waren sicherlich Weltanschauungsphilosophien, insofern als der Weisheitstrieb ihre Schöpfer beherrschte; aber sie waren genau ebensosehr wissenschaftliche Philosophien, insofern auch das Ziel einer strengen Wissenschaft in ihnen lebendig war. Beide Ziele waren entweder noch gar nicht oder nicht scharf geschieden. Im praktischen Streben flossen sie zusammen; sie lagen auch in endlichen Fernen, so hoch über sich der Strebende sie empfunden haben mochte. Das hat sich seit der Konstitution einer überzeitlichen  universitas  strenger Wissenschaften gründlich geändert. Generationen um Generationen arbeiten mit Begeisterung am gewaltigen Bau der Wissenschaft und fügen ihm ihre bescheidenen Werkstücke ein, sich dessen immer bewußt, daß der Bau ein unendlicher, nie und nimmer abzuschließender sei. Auch Weltanschauung ist zwar eine "Idee", aber die eines im Endlichen liegenden Zieles, in einem Einzelleben in der Weise steter Annäherung prinzipiell zu verwirklichen, ebenso wie die Sittlichkeit, die ja ihren Sinn verlieren würde, wenn sie die Idee von einem prinzipiell transfiniten Unendlichen wäre. Die "Idee" der Weltanschauung ist dabei für jede Zeit eine andere, wie aus der obigen Analyse ihres Begriffes ohne weiteres ersichtlich ist. Die "Idee" der Wissenschaft hingegen ist eine überzeitliche, und das sagt hier, durch keine Relation auf den Geist einer Zeit begrenzt. Mit diesen Unterschieden hängen nun wesentliche Unterschiede praktischer Zielrichtungen zusammen. Überhaupt sind ja unsere Lebensziele von doppelter Art, die einen für die Zeit, die anderen für die Ewigkeit, die einen unserer eigenen Vollkommenheit und der unserer Zeitgenossen dienend, die anderen der Vollkommenheit auch der Nachlebenden, bis in die fernsten Generationen. Wissenschaft ist ein Titel für absolute, zeitlose Werte. Jeder solche Wert, einmal entdeckt, gehört hinfort zum Wertschatz  aller  weiteren Menschheit und bestimmt offenbar sogleich den materialen Gehalt der Idee der Bildung, Weisheit, Weltanschauung, sowie den der Weltanschauungsphilosophie.

Es treten also scharf auseinander: Weltanschauungsphilosophie und wissenschaftliche Philosophie als zwei in gewisser Weise aufeinander bezogene aber nicht zu vermengende Ideen. Es ist dabei auch zu beachten, daß die erstere nicht etwa die unvollkommene Realisierung der letzteren in der Zeit ist. Denn wenn unsere Auffassung richtig ist, so gibt es bisher überhaupt noch keine Realisierung jener Idee, d. H. keine aktuell in Gang befindliche Philosophie als strenge Wissenschaft, kein, wenn auch unvollständiges "Lehrsystem" objektiv herausgestellt im einheitlichen Geist der Forschergemeinschaft unserer Zeit. Andererseits Weltanschauungsphilosophien gab es schon vor Jahrtausenden. Gleichwohl kann man sagen, daß die Realsierungen dieser Ideen (von beiden solche vorausgesetzt), sich im Unendlichen einander asymptotisch annähern und decken würden, wofern wir uns das Unendliche der Wissenschaft fiktiv als einen "unendlich fernen Punkt" vorstellen wollten. Der Begriff der Philosophie wäre dabei entsprechend weit zu fassen, so weit, daß er neben den spezifisch philosophischen Wissenschaften alle Einzelwissenschaften umspannte, nachdem sie durch vernunftkritische Aufklärung und Auswertung in Philosophien verwandelt wären.

Nehmen wir die beiden unterschiedenen Ideen als Inhalte von Lebenszielen, so ist danach gegenüber dem Weltanschauungsstreben ein ganz anderes forschendes Streben möglich, welches, dessen völlig bewußt, daß Wissenschaft nimmermehr vollendete Schöpfung des Einzelnen sein kann, gleichwohl die größten Energien daran setzt, in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten einer wissenschaftlichen Philosophie zum Durchbruch und zu schrittweiser Fortentwicklung zu verhelfen. Die große Frage der Gegenwart ist, neben der klaren Scheidung, die relative Wertung dieser Ziele und hierbei auch die ihrer praktischen Vereinbarkeit.

Von vornherein sei zugestanden, daß vom Standpunkt der philosophierenden Individuen aus eine allgemeingültige praktische Entscheidung für die eine oder andere Art des Philosophierens nicht gegeben werden kann. Die einen sind vorwiegend theoretische Menschen, von Natur aus geneigt, ihren Beruf in streng wissenschaftlicher Forschung zu suchen, sofern nur das sie anziehende Gebiet einer solchen Forschung Aussichten darbietet. Dabei mag es sein, daß das Interesse, sogar leidenschaftliche Interesse für dieses Gebiet aus Gemütsbedürfnissen, etwa Weltanschauungsbedürfnissen stammt. Hingegen für ästhetische und praktische Naturen (für Künstler, Theologen, Juristen usw.) verhält es sich anders. Ihren Beruf sehen sie in der Realisierung ästhetischer oder praktischer Ideale, also von Idealen einer außertheoretischen Sphäre. Hierher rechnen wir auch theologische, juristische, im weitesten Sinne technische Forscher und Schriftsteller, sofern sie durch ihre Schriften nicht die reine Theorie fördern, sondern primär die Praxis beeinflussen wollen. Freilich ganz rein ist, in der Lebenswirklichkeit selbst, die Scheidung nicht; und gerade in einer Zeit, in der praktische Motive übermächtig empordrängen, wird auch eine theoretische Natur der Kraft solcher Motive stärker nachgeben können, als dies ihr theoretischer Beruf gestatten würde. Hier liegt aber im Besonderen für die Philosophie unserer Zeit eine große Gefahr.

Die Frage ist aber nicht nur vom Standpunkt des Individuums, sondern von dem der Menschheit und der Geschichte zu stellen, so fern wir nämlich erwägen, was es für die Entwicklung der Kultur, für die Möglichkeit einer stetig fortschreitenden Realisierung der Ewigkeitsidee der Menschheit- nicht des Menschen in individuo - bedeute, ob die Frage vorwiegend im einen oder anderen Sinne entschieden werde, mit anderen Worten: ob die Tendenz zu der einen Art von Philosophie die Zeit ganz beherrsche, und die zur anderen - sagen wir der wissenschaftlichen Philosophie - zum Absterben bringe. Auch das ist eine praktische Frage. Denn bis zu den weitesten Weiten des ethischen Ideals, bis zu denen, die die Idee der Menschheitsentwicklung bezeichnet, reichen unsere historischen Einflüsse und somit auch unsere ethischen Verantwortungen.

Wie sich die fragliche Entscheidung für eine theoretische Natur stellen würde,  wenn  schon zweifellose Anfänge philosophischer Lehre vorlägen, ist klar. Blicken wir auf andere Wissenschaften hin. Alle naturwüchsige mathematische oder naturwissenschaftliche "Weisheit" und Weisheitslehre hat so weit ihr Recht eingebüßt, als die entsprechende theoretische Lehre objektiv gültig begründet ist. Die Wissenschaft hat gesprochen, die Weisheit hat von nun an zu lernen. Das naturwissenschaftliche Weisheitsstreben vor dem Dasein strenger Wissenschaft war nicht etwa unberechtigt, es wird nachträglich nicht für  seine  Zeit diskreditiert. Im Drang des Lebens, in der praktischen Notwendigkeit, Stellung zu nehmen, konnte der Mensch nicht warten, bis - etwa in Jahrtausenden - Wissenschaft da sein würde, selbst gesetzt, daß er überhaupt die Idee strenger Wissenschaft schon kannte.

Nun bietet andererseits jede noch so exakte Wissenschaft ein nur begrenzt entwickeltes Lehrsystem, umgeben von einem unendlichen Horizont noch nicht wirklich gewordener Wissenschaft. Was soll nun für diesen Horizont als das rechte Ziel gelten, Fortbildung der strengen Lehre oder "Anschauung", "Weisheit"? Der theoretische Mensch, der Naturforscher von Beruf, wird mit der Antwort nicht zögern. Er wird, wo Wissenschaft sprechen kann, und sei es erst in Jahrhunderten, vage "Anschauungen" geringschätzig abweisen. Er würde es für eine Versündigung an der Wissenschaft halten, das Entwerfen von Natur"anschauungen" zu  empfehlen.  Sicherlich vertritt er damit ein Recht der künftigen Menschheit. Ihre Größe, die Kontinuität und Kraftfülle ihrer fortschreitenden Entwicklung verdanken die strengen Wissenschaften zumindest gerade nicht dem Radikalismus einer solchen Gesinnung. Gewiß, jeder exakte Forscher bildet sich "Anschauungen", er blickt schauend, ahnend, vermutend über das fest Begründete hinaus; aber nur in methodischer Absicht, um neue Stücke strenger Lehre zu entwerfen. Diese Stellungnahme schließt nicht aus, daß, wie der Naturforscher selbst sehr wohl weiß, Erfahrung im vorwissenschaftlichen Sinn, obschon sich verbindend mit Einsichten der Wissenschaft, innerhalb der naturwissenschaftlichen Technik eine große Rolle spielt. Die technischen Aufgaben wollen erledigt, das Haus, die Maschine soll gebaut sein; es kann nicht gewartet werden, bis die Naturwissenschaft über alles Einschlägige exakte Auskunft geben kann. Der Techniker als Praktiker entscheidet darum anders als der naturwissenschaftliche Theoretiker. Von diesem nimmt er die Lehre, aus dem Leben die "Erfahrung".

Nicht ganz ebenso verhält es sich hinsichtlich der wissenschaftlichen Philosophie, eben weil noch nicht einmal ein Anfang wissenschaftlich strenger Lehre ausgebildet ist, und die historisch überlieferte, sowie die in lebendiger Entwicklung begriffene Philosophie, die für sie eintritt, höchstens ein wissenschaftliches Halbfabrikat ist, oder ein ungeschiedenes Gemenge von Weltanschauung und theoretischer Erkenntnis. Andererseits können wir leider auch hier nicht warten. Die philosophische Not als Weltanschauungsnot bezwingt uns. Sie wird nur immer größer, je weiter sich der Umkreis positiver Wissenschaften dehnt. Die ungeheure Fülle wissenschaftlich "erklärter" Tatsachen, mit denen sie uns beschenken, kann uns nicht helfen, da sie prinzipiell, mit den ganzen Wissenschaften, eine Dimension von Rätseln mit sich führen, deren Lösung uns zur Lebensfrage wird. Die Naturwissenschaften haben uns die aktuelle Wirklichkeit, die Wirklichkeit, in der wir leben, weben und sind, nicht enträtselt, an keinem einzigen Punkt. der allgemeine Glaube, daß  dies  zu leisten ihre Funktion und sie nur noch nicht genug weit seien, die Meinung, daß sie dies - prinzipiell - leisten können, hat sich Tieferblickenden als ein Aberglaube enthüllt. Die notwendige Sonderung zwischen Naturwissenschaft und Philosophie - als prinzipiell anders tendierter, obschon auf Naturwissenschaft in einigen Gebieten wesentlich bezogener Wissenschaft - ist auf dem Weg sich durchzusetzen und zu klären. Mit LOTZE zu sprechen: "Den Weltlauf berechnen heißt nicht, ihn verstehen." Nicht besser aber sind wir dran mit den Geisteswissenschaften. Das Geistesleben der Menschheit "verstehen", ist sicherlich eine große und schöne Sache. Aber leider kann auch dieses Verstehen uns nicht helfen und darf nicht mit dem philosophischen verwechselt werden, das uns die Welt. und Lebensrätsel enthüllen soll.

Die geistige Not unserer Zeit ist in der Tat unerträglich geworden. Wäre es doch nur die theoretische Unklarheit über den Sinn der in den Natur- und Geisteswissenschaften erforschten "Wirklichkeiten", was unsere Ruhe störte - inwiefern nämlich in ihnen Sein im letzten Sinne erkannt wird, was als solches "absolutes" Sein anzusehen ist und ob dergleichen überhaupt erkennbar sei. Es ist vielmehr die radikalste  Lebens not, an der wir leiden, eine Not, die an keinem Punkt unseres Lebens halt macht. Alles Leben ist Stellungnehmen, alles Stellungnehmen steht unter einem Sollen, einer Rechtsprechung über Gültigkeit oder Ungültigkeit, nach prätendierten Normen von alsoluter Geltung. Solange diese Normen unangefochten, durch keine Skepsis bedroht und verspottet waren, gab es nur  eine  Lebensfrage, wie ihnen praktisch am besten zu genügen sei. Wie aber jetzt, wo alle und jede Norm bestritten oder empirisch verfälscht und ihrer idealen Geltung beraubt wird? Naturalisten und Historizisten kämpfen um die Weltanschauung, und doch sind beide von verschiedenen Seiten am Werk, Ideen in Tatsachen umzudeuten und alle Wirklichkeit, alles Leben in ein unverständliches ideenloses Gemenge von "Tatsachen" zu verwandeln. Der Aberglaube der Tatsache ist ihnen allen gemein.

Es ist sicher, daß wir nicht warten können. Wir müssen Stellung nehmen, wir müssen uns mühen, die Disharmonien in unserer Stellungnahme zur Wirklichkeit - zur Lebenswirklichkeit, die für uns Bedeutung hat, in der  wir  Bedeutung haben sollen - auszugleichen in einer vernünftigen, wenn auch unwissenschaftlichen "Welt- und Lebensanschauung". Und wenn uns der Weltanschauungsphilosoph darin hilfreich ist, sollten wir es ihm nicht danken?

So viel Wahrheit in dem soeben Geltendgemachten liegt, so wenig wir die Erhebung und Herzerquickung missen möchten, die uns alte und neue Philosophien darbieten, so muß auf der anderen Seite darauf bestanden werden, daß wir auch der Verantwortung eingedenk bleiben, die wir hinsichtlich der Menschheit haben. Um der Zeit willen dürfen wir die Ewigkeit nicht preisgeben, unsere Not zu lindern, dürfen wir nicht Not um Nöte unseren Nachkommen als ein schließlich unausrottbares Übel vererben. Die Not stammt hier von der Wissenschaft. Aber nur Wissenschaft kann die Not, die von Wissenschaft stammt, endgültig überwinden. Löst die skeptische Kritik der Naturalisten und Historizisten die echte objektive Gültigkeit in allen Sollensgebieten in Widersinn auf; hemmen unklare, unstimmige, obschon natürlich erwachsene Begriffe der Reflexion, hemmen infolge davon vieldeutige oder verkehrte Probleme ein Verständnis der Wirklichkeit und die Möglichkeit einer vernünftigen Stellungnahme zu ihr; wird eine spezielle, aber für eine große Klasse von Wissenschaften erforderliche methodische Einstellung, gewohnheitsmäßig geübt, zur Unfähigkeit, in andere Einstellungen überzugehen und hängen mit solchen Vorurteilen das Gemüt bedrängende Widersinnigkeiten der Weltauffassung zusammen - so gibt es gegen diese und alle ähnlichen Übel nur  ein  Heilmittel: wissenschaftliche Kritik und dazu eine radikale, von unten anhebende, in sicheren Fundamenten gründende und nach strengster Methode fortschreitende Wissenschaft: die philosophische Wissenschaft, für die wir hier eintreten. Weltanschauungen können streiten, nur Wissenschaft kann entscheiden und ihre Entscheidung trägt den Stempel Ewigkeit.

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Also wohin auch immer die neue Unwendung der Philosophie sich richten mag, es ist außer Frage, daß sie den Willen auf eine strenge Wissenschaft nicht preisgeben darf, vielmehr sich dem praktischen Weltanschauungsstreben als theoretische Wissenschaft gegenüberstellen und sich von ihm vollbewußt  trennen  muß. Denn hier müssen auch alle Vermittlungsversuche abgelehnt werden. Vielleicht werfen ja die Befürworter der neuen Weltanschauungsphilosophie ein, daß dieser nachgehen nicht heißen müsse, die Idee strenger Wissenschaft fahren zu lassen. Der rechte Weltanschauungsphilosoph werde nicht nur wissenschaftlich in der Grundlegung sein, nämlich alle Gegebenheiten der strengen Einzelwissenschaften als feste Bausteine brauchen, er werde auch wissenschaftliche Methode üben und jede Möglichkeit streng wissenschaftlicher Förderung der philosophischen Probleme gern ergreifen. Nur werde er im Gegensatz zur metaphysischen Zaghaftigkeit und Skepsis der vorangegangenen Epoche, mit kühnem Wagemut auch den höchsten metaphysischen Problemen nachgehen, um das Ziel einer nach Lage der Zeit Intellekt und Gemüt harmonisch befriedigenden Weltanschauung zu gewinnen.

Sofern dies als Vermittlung gemeint ist, dazu bestimmt, die Linie zwischen Weltanschauungsphilosophie und wissenschaftlicher Philosophie zu verwischen, müssen wir dagegen unsere Verwahrung einlegen. Es kann nur zu einer Verweichligung und Schwächung des wissenschaftlichen Triebes führen und eine scheinwissenschaftliche Literatur fördern, der es an intellektueller Ehrlichkeit gebricht. Es gibt hier keine Kompromisse, hier so wenig, wie in jeder anderen Wissenschaft. Theoretische Ergebnisse dürften wir nicht mehr erhoffen, wenn der Weltanschauungstrieb zum  allherrschenden  würde und durch seine wissenschaftlichen Formen auch theoretische Naturen täuschte. Wo in Jahrtausenden die größten wissenschaftlichen Geister, leidenschaftlich beherrscht vom Wissenschaftswillen, es in der Philosophie zu keinem Stück reiner Lehre gebracht haben, und all das Große, das sie, wenn auch in unvollkommener Ausreifung, geleistet, nur aus diesem Willen heraus geleistet haben, da werden die Weltanschauungsphilosophen doch nicht meinen können, nebenher philosophische Wissenschaft fördern und endgültig begründen zu können. Sie, die das Ziel im Endlichen stellen, die ihr System haben wollen und zeitig genug, um auch danach leben zu können, sind dazu in keiner Weise berufen. Es gibt hier nur Eins: daß die Weltanschauungsphilosophie selbst in voller Ehrlichkeit auf den Anspruch, Wissenschaft zu sein, verzichtet und damit zugleich aufhört - was doch sicher ihren reinen Intentionen zuwider ist - die Geister zu verwirren und den Fortschritt der wissenschaftlichen Philosophie zu hemmen.

Ihr ideales Ziel bleibe rein die Weltanschauung, die eben ihrem Wesen nach nicht Wissenschaft ist. Sie darf sich hierin nicht durch jenen Wissenschaftsfanatismus beirren lassen, der in unserer Zeit nur zu sehr verbreitet ist, und der alles nicht "wissenschaftlich-exakt" zu demonstrierende als "unwissenschaftlich" abwertet. Wissenschaft ist  ein  Wert unter anderen, gleichberechtigten Werten. Daß insbesondere der Wert der Weltanschauung auf eigenem Grund durchaus feststeht, daß sie als Habitus und Leistung der Einzelpersönlichkeit zu beurteilen ist, die Wissenschaft aber als kollektive Arbeitsleistung der Forschergenerationen, das haben wir uns oben zur Klarheit gebracht. Und wie beide ihre verschiedenen Quellen des Wertes haben, so ihre verschiedenen Funktionen, ihre verschiedenen Weisen zu wirken und zu lehren. Die Weltanschauungsphilosophie lehrt, wie eben Weisheit lehrt: Persönlichkeit wendet sich an Persönlichkeit. Lehrend darf sich daher im Stile einer  solchen  Philosophie an den weiteren Kreis der Öffentlichkeit nur wenden, wer dazu berufen ist durch eine besonders bedeutsame Eignart und Eigenweisheit, oder auch als Diener hoher praktischer - religiöser, ethischer, juristischer und anderer Interessen. Die Wissenschaft aber ist unpersönlich. Ihr Mitarbeiter bedarf nicht der Weisheit sondern theoretischer Begabung. Was er beiträgt, bereichert einen Schatz ewiger Gültigkeiten, welcher der Menschheit zum Segen gereichen muß. In einem annehmend hohen Maß gilt das aber, wie wir oben sahen, von der philosophischen Wissenschaft.

Erst wenn die entschiedene Trennung der einen und anderen Philosophie sich im Zeitbewußtsein durchgesetzt hat, ist auch daran zu denken, daß die Philosophie die Form und Sprache echter Wissenschaft annehme und als Unvollkommenheit erkenne, was an ihr vielfach gerühmt und gar imitiert wird - den Tiefsinn. Tiefsinn ist ein Anzeichen von Chaos, das echte Wissenschaft in einen Kosmos verwandeln will, in eine einfache, völlig klare, aufgelöste Ordnung. Echte Wissenschaft kennt, soweit ihre wirkliche Lehre reicht, keinen Tiefsinn. Jedes Stück fertiger Wissenschaft ist ein Ganzes von den Denkschritten, deren jeder unmittelbar einsichtig, also gar nicht tiefsinnig ist. Tiefsinn ist Sache der Weisheit, begriffliche Deutlichkeit und Klarheit Sache der strengen Theorie. Die Ahnungen des Tiefsinns in eindeutige rationale Gestaltungen umzuprägen, das ist der wesentliche Prozeß der Neukonstitution strenger Wissenschaften. Auch die exakten Wissenschaften hatten ihre langen Perioden des Tiefsinns, und so wie sie in den Kämpfen der Renaissance, so wird sich - das wage ich zu hoffen - die Philosophie in den Kämpfen der Gegenwart von der Stufe des Tiefsinns zu derjenigen wissenschaftlicher Klarheit durchringen. Dazu aber bedarf es nur der rechten Zielsicherheit und des großen, vollbewußt auf das Ziel gerichteten und alle verfügbaren wissenschaftlichen Energien anspannenden Willens. Man nennt unsere Zeit eine Zeit der Dekadenz. Ich kann diesen Vorwurf nicht für gerechtfertigt halten. Man wird in der Geschichte kaum eine Zeit finden, in welcher eine solche Summe von arbeitenden Kräften in Bewegung gesetzt und mit solchem Erfolg am Werk waren. Wir mögen die Ziele nicht immer billigen; wir mögen es auch beklagen, daß in stilleren, behaglicher dahinlebenden Epochen Blüten des Geisteslebens erwuchsen, wie wir ähnliche in der unsrigen nicht finden und erhoffen können. Und doch, mag zumal das Gewollte und immer wieder Gewollte in unserer Zeit den ästhetischen Sinn abstoßen, dem die naive Schönheit des frei Erwachsenen so viel näher geht, wie ungeheure Werte liegen doch in der Willenssphäre, wofern die großen Willen nur die rechten Ziele finden. Es hieße unserer Zeit aber sehr Unrecht tun, wenn man ihr den Willen zum Niedrigen andichten wollte. Wer den Glauben zu wecken, wer für die Größe eines Ziels Verständnis und Begeisterung zu erregen vermag, wird die Kräfte leicht finden, die sich diesem zuwenden. Ich meine, unsere Zeit ist ihrem Beruf nach eine große Zeit - nur leidet sie am Skeptizismus, der die alten, ungeklärten Ideale zersetzt hat. und sie leidet eben darum an der zu geringen Entwicklung und Macht der Philosophie, die noch nicht weit, noch nicht wissenschaftlich genug ist, um den skeptischen Negativismus (der sich Positivismus nennt) durch den wahren Positivismus überwinden zu können. Unsere Zeit will nur an "Realitäten" glauben. Nun, ihre stärkste Realität ist die Wissenschaft, und so ist die philosophische Wissenschaft das, was unserer Zeit am meisten nottut.

Wenn wir uns aber den Sinn unserer Zeit deutend diesem großen Ziel zuwenden, so müssen wir uns auch klar machen, daß wir es nur in  einer  Weise erreichen können, nämlich wenn wir mit dem Radikalismus, der zu Wesen echter philosophischer Wissenschaft gehört, nichts Vorgegebenes hinnehmen, nichts Überliefertes als Anfang gelten und uns durch keinen noch so großen Namen blenden lassen, vielmehr in freier Hingabe an die Probleme selbst und die von ihnen ausgehenden Forderungen die Anfänge zu gewinnen suchen.

Gewiß bedürfen wir auch der Geschichte. Nicht in der Weise der Historiker freilich, uns in die Entwicklungszusammenhänge zu verlieren, in welchen die großen Philosophien erwachsen sind, sondern um sie selbst, nach ihrem eigenen Geistesgehalt auf uns anregend wirken zu lassen. In der Tat aus diesen historischen Philosophien strömt uns, wenn wir uns in sie hineinzuschauen, in die Seele ihrer Worte und Theorien zu dringen verstehen, philosophisches  Leben  entgegen, mit dem ganzen Reichtum und der Kraft lebendiger Motivationen. Aber zu Philosophen werden wir nicht durch Philosophien. Am Historischen hängen bleiben, sich daran in historisch-kritischer Betätigung zu schaffen machen und in eklektischer Verarbeitung oder in anachronistischer Renaissance philosophische Wissenschaft erreichen zu wollen: das gibt nur hoffnungslose Versuche.  Nicht von den Philosophien sondern von den Sachen und Problemen muß der Antrieb der Forschung ausgehen.  Philosophie ist aber ihrem Wesen nach Wissenschaft von den wahren Anfängen, von den Ursprüngen, von den  rizomata panton  [die Wurzel aller Dinge - wp]. Die Wissenschaft vom Radikalen muß auch in ihrem Verfahren radikal sein und das in jeder Hinsicht. Vor allem darf sie nicht ruhen, bis sie  ihre  absolut klaren Anfänge, d. h. ihre absolut klaren Probleme, die im eigenen Sinn dieser Probleme vorgezeichneten Methoden und das unterste Arbeitsfeld absolut klar gegebener Sachen gewonnen hat. Nur darf man sich  nirgends  der radikalen Vorurteilslosigkeit entheben und etwa von vornherein solche "Sachen" mit empirischen "Tatsachen" identifizieren, also sich gegenüber den Ideen blind stellen, die doch in so großem Umfang in unmittelbarer Anschauung absolut gegeben sind. Wir stehen zu sehr unter dem Bann von Vorurteilen, die noch aus der Renaissance stammen. Dem wahrhaft Vorurteilslosen ist es gleichgültig, ob eine Feststellung von KANT oder THOMAS von AQUIN, ob sie von DARWIN oder von ARISTOTELES, von HELMHOLTZ oder PARACELSUS herstammt. Es bedarf nicht der Forderung, mit eigenen Augen zu sehen, vielmehr: das Gesehene nicht unter dem Zwang der Vorurteile wegzudeuten. Da in den eindruckvollsten Wissenschaften der Neuzeit, den mathematisch-physikalischen, der äußerlich größte Teil der Arbeit nach indirekten Methoden erfolgt, sind wir nur zu sehr geneigt, indirekte Methoden zu überschätzen und den Wert direkter Erfassungen zu mißkennen. Es liegt aber gerade im Wesen der Philosophie, sofern sie auf die letzten Ursprünge zurückgeht, daß ihre wissenschaftliche Arbeit sich in Sphären direkter Intuition bewegt, und es ist der größte Schritt, den unsere Zeit zu machen hat, zu erkennen, daß mit der im rechten Sinn philosophischen Intuition, der  phänomenologischen  Wesenserfassung, sich ein endloses Arbeitsfeld auftut und eine Wissenschaft, die ohne den Apparat der Schlüsse und Beweise, doch eine Fülle strengster und für  alle  weitere Philosophie entscheidender Erkenntnisse gewinnt.
LITERATUR Edmund Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Logos - Zeitschrift für Philosophie und Kultur, Bd. 1, Tübingen 1910/11
    Anmerkungen
    1) Es ist dabei zu beachten, daß dieses Medium der Phänomenalität, in dem sich naturwissenschaftliches Anschauen und Denken ständig bewegt, vom letzteren selbst nicht zum wissenschaftlichen Thema gemacht wird. Seiner bemächtigen sich neue Wissenschaften, die Psychologie (zu der ein gut Teil Physiologie gehört) und die Phänomenologie.
    2) Immer wieder sind die "Logischen Untersuchungen", die in ihren Bruchstücken einer systematischen Phänomenologie zum ersten Mal eine Wesensanalyse in dem hier charakterisierten Sinn üben, als Versuche einer Rehabilitation der Methode der Selbstbeobachtung mißverstanden worden. Freilich ist daran die mangelhafte Kennzeichnung der Methode in der "Einleitung" zur 1. Untersuchung des 2. Bandes, die Bezeichnung der Phänomenologie als deskriptive Psychologie mit schuld. Die nötigen Klarstellungen bringt schon mein III. Bericht über deutsche Schriften zur Logik in den Jahren 1895 - 99 im IX. Band des Archivs für systematische Philosophie (1903), Seite 397 - 400.
    3) Die Bestimmtheit, mit der ich mich in einer Zeitumgebung ausdrücke, für welche die Phänomenologie allenfalls ein Titel für Spezialitäten ist, für ganz nützliche Kleinarbeit in der Sphäre der Selbstbeobachtung, anstatt der systematischen Fundamentalwissenschaft der Philosophie, der Eingangspforte in die echte Metaphysik der Natur, des Geistes, der Ideen, hat hier überall ihren Hintergrund in vieljährigen und unablässigen Untersuchungen, auf deren fortschreitenden Ergebnissen meine Göttinger philosophischen Vorlesungen seit dem Jahr 1901 aufgebaut sind. Bei der innigen funktionellen Verflochtenheit aller phänomenologischen Schichten, und somit auch der auf sie bezogenen Forschungen, und bei der außerordentlichen Schwierigkeit, die die Ausbildung der reinen Methodik selbst mit sich führte, habe ich es nicht für ersprießlich gehalten, vereinzelte und noch mit Fraglichkeiten behaftete Ergebnisse zu veröffentlichen. Ich hoffe die inzwischen allseitig gefestigten und zu umfassenden systematischen Einheiten gediehenen Forschungen zur Phänomenologie und phänomenologischen Kritik der Vernunft in nicht zu ferner Zeit der weiteren Öffentlichkeit vorlegen zu können.
    4) Nicht im mindesten dankt sie ihre Förderung dem Umstand, daß die Meinung, Psychologie - und selbstverständlich "exakte" Psychologie - sei das Fundament der wissenschaftlichen Philosophie, wenigstens in den naturwissenschaftlichen Gruppen der philosophischen Fakultäten zum festen Axiom geworden ist, und diese nun, dem Druck der Naturwissenschaftler nachgeben, sehr eifrig dabei sind, eine philosophische Professur nach der andern Forschern zu übertragen, die auf ihrem Gebiet vielleicht sehr hervorragende sind, mit der Philosophie aber nicht mehr innere Fühlung mehr haben als etwa die Chemiker oder Physiker.
    5) Zufällig kommt mir, während ich diesen Aufsatz niederschreibe, das vortreffliche Referat "Über das Wesen und die Bedeutung der Einfühlung" von Dr. M. GEIGER, München im "Bericht über den IV. Kongreß für experimentelle Psychologie in Innsbruck" (Leipzig 1911) zur Hand. In sehr lehrreicher Weise bemüht sich der Verfasser, die echten psychologischen Probleme, die in den bisherigen Versuchen um eine Deskription und Theorie der Einfühlung teils klar zutage getreten sind, teils sich unklar einander mengten, zu scheiden und bespricht das, was im Hinblick auf ihre Lösung versucht und geleistet worden ist. Das wurde ihm von der Versammlung, wie aus dem Bericht über die Diskussion zu ersehen, übel gedankt. Unter lautem Beifall sagt Fräulein MARTIN: "Als ich hierherkam, habe ich erwartet etwas zu hören über die Experimente auf dem Gebiet der Einfühlung. Aber was habe ich eigentlich gehört - lauter alte, uralte Theorien. Nichts von Experimenten auf diesem Gebiet.  Das ist keine philosophische Gesellschaft.  Es schien mir, daß die Zeit gekommen ist, daß derjenige, welcher eine solche Theorie hierherbringen will, zeigen sollte, ob sie durch Experimente bestätigt sind. Auf dem Gebiet der Ästhetik sind solche Experimente gemacht, z. B. die Experimente von STRATTON über die ästhetische Bedeutung der Augenbewegungen, auch meine Untersuchungen über diese Theorie der inneren Wahrnehmung." Ferner: MARBE "sieht die Bedeutung der Lehre von der Einfühlung in der Anregung zu experimentellen Untersuchungen, wie solche übrigens auf diesem Gebiet auch schon angestellt wurden. Die Methode der Vertreter der Lehre von der Einfühlung verhält sich zur experimentell-psychologischen vielfach wie die Methode der Vorsokratiker zu der der modernen Wissenschaft." Ich habe zu diesen Tatsachen nichts weiter zu sagen.
    6) Vgl den Sammelband  Weltanschauung,  Philosophie und Religion in Darstellungen von WILHELM DILTHEY usw., Berlin 1911.
    7) Im ersten Band meiner Logischen Untersuchungen.
    8) DILTHEY lehnt a. a. O. ebenfalls den historizistischen Skeptizismus ab; ich verstehe aber nicht, wie er aus seiner so lehrreichen Analyse der Struktur und Typik der Weltanschauungen entscheidende Gründe  gegen  den Skeptizismus gewonnen zu haben glaubt. Denn wie im Text ausgeführt, weder gegen noch  für  irgendetwas, das auf objektive Gültigkeit Anspruch erhebt, kann eine, doch empirische, Geisteswissenschaft argumentieren. Die Sache wird anders, und das scheint innerlich sein Denken zu bewegen, wenn die empirische Einstellung, die auf empirisches Verstehen geht, mit der phänomenologischen Wesenseinstellung vertauscht wird.