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Maske der Gewalt
Die Wiege der westlichen Wissenschaften und unseres logischen Rationalismus liegt in Griechenland. Das Denken unserer Kultur ist im wesentlichen von Aristoteles geprägt. Die aristotelische Logik verkörperte die Theorie des wahren, gesicherten und zureichend begründeten Wissens. Erkenntnisse wurden durch Messungen erlangt und konnten bewiesen werden. Das reine Wissen sollte frei sein von allen weltanschaulichen Prämissen und deshalb objektive Geltung haben. WILHELM von OCKHAM war der erste, der diesem Dogma entschieden widersprach. Ockham war der Überzeugung, daß alles Wissen abstrakt sei und nicht der Wirklichkeit entspräche. Die Bildung der Begriffe geschieht durch Abstraktion. Um etwas zu erkennen, müssen wir abstrahieren. Die Abstraktion ist aber bereits etwas Verallgemeinertes und nicht mehr das konkret einzeln Wirkliche. Die Gleichsetzung ist genau das Problem. Wir fassen im Grunde verschiedene, nur ähnliche Dinge im gleichen Wort zusammen. Hinter jedem Begriff steckt ein Ordnungszweck, gelinde ausgedrückt, der uns ein Wort bilden läßt. Es gibt keinen neutralen Begriff. Diese Debatte steht als Universalienstreit in den Geschichtsbüchern. Ockhams Lehre wurde als Nominalismus bezeichnet. Auch heute noch ist der Nominalismus der gefährlichste Gegner des logischen Absolutismus, der sich als Objektivität der Tatsachen tarnt. Der Begriff Sprachkritik hat seine entscheidende Bedeutung durch FRITZ MAUTHNER erhalten. Für Mauthner, der einigen vielleicht als enger Freund von GUSTAV LANDAUER bekannt ist, war Sprachkritik die wichtigste Aufgabe der Erkenntnistheorie. Der Hauptgedanke der Sprachkritik ist, daß unser Denken maßgeblich von unserer Sprache abhängt. Wir können keine Wirklichkeit erkennen und drücken nur das aus, was uns die Sprache zur Beschreibung erlaubt. Das zur Sprache Gebrachte ist aber nie das objektiv Wirkliche, sondern nur eine mehr oder weniger gute Annäherung. Die erfolgreichste Art der Vernebelung besteht deshalb darin, objektive Tatsachen sprechen zu lassen. Sprachkritisch denken bedeutet, das ideologische Moment in der Sprache und damit gleichzeitig auch der Logik zu berücksichtigen. Durch unsere Sprache klassifizieren und kategorisieren wir die Dinge. Wir stecken die Wirklichkeit in die Schubladen unserer Sprache. Wir schaffen Kategorien, um uns den praktischen, d.h. zweckbedingten Umgang mit den Dingen zu erleichtern. Abstrahieren heißt, verschiedene Dinge miteinander gleichsetzen. Es gibt aber keinen Begriff, der eine Tatsache voll ausschöpft. Immer muß etwas weggelassen oder unterdrückt werden. Ein Wort wird durch ein anderes definiert und so dreht sich der Kreis. Wenn Schwierigkeiten auftreten, dann muß die bloße Bezeichnung oder Definition als Beweis herhalten. Die Abstraktion ist die Methode des abstrakten Denken. Denken und Wirklichkeit sind jedoch etwas grundsätzlich Verschiedenes. Worte sind nichts Reales. Kein Wort trifft die Wirklichkeit. Wir erkennen keine Realität, sondern schaffen Wirklichkeit nach unseren Bedürfnissen und Zwecken, bzw. unseren Voraussetzungen. Wenn alle Begriffe aber letztlich willkürlich angewandt werden und hinter jedem Begriff ein Zweck steht, der verfolgt wird, dann gibt es keine Objektivität und damit gibt es auch keine Tatsachen. Wenn alle Gesetzlichkeit, die wir in der Natur festzustellen glauben, bereits in unseren Begriffen festgelegt ist, dann gibt es keine Wirklichkeit, d.h. keine objektive Wirklichkeit, also nicht die Wirklichkeit. Die Tatsache ist eine Idee, wie viele andere Ideen, von uns geschaffen, damit wir uns in der Welt besser zurechtfinden. Aber unsere Ideen sind unsere Ideen und Tatsachen sind Tatsachen. Das Reale an den Tatsachen liegt in ihrem Bedeutungswert. Bedeutunswerte aber sind individuell verschieden. Was gewöhnlich als Realismus bezeichnet wird, ist im Grunde Begriffsrealismus. Der Begriffsrealist setzt Wort und Sache gleich. Für HANS VAIHINGER ist genau diese Gleichsetzung das Wesen der Fiktion. Es ist wahrlich eine verkehrte Welt, wo die Realisten die Träumer sind. Immer wieder hat es in der Vergangenheit Menschen und Strömungen gegeben, welche sich kritisch mit der Sprache auseinandergesetzt haben. Aber nur wenige, wie etwa die Dadaisten, haben ihre sprachkritischen Einsichten bis auf den Grund getrieben. Immer war es ein gewisses Herrschaftsmoment, oder nennen wir es Ordnungsmoment, das die Leute daran hinderte, die Sprachkritik wirklich bis ins Letzte konsequent anzuwenden. Das bleibt wohl den Anarchisten vorbehalten. Aber auch unter diesen gibt es höchstwahrscheinlich viele Träumer, die nicht begreifen wollen, daß sie weniger wissen, als an Begriffe glauben. Und daran ist eigentlich auch nichts auszusetzen, sobald es bewußt getan und auch erkannt wird. Wir verwechseln aber oft das, was uns wichtig ist mit dem, was ist. Freilich gibt es Unterschiede, aber diese Unterschiede bestehen nicht zwischen Wissen und Glauben, sondern sind lediglich Unterschiede im Glauben, abhängig von den Prämissen des jeweiligen Denkens. Es gibt immer viel mehr, als ein einzelner Mensch wissen kann und daß jemand dies oder das weiß und nicht etwas anderes, ist reiner Zufall. Nicht was wir wissen ist wichtig, sondern was uns die Dinge bedeuten, was sie uns Wert sind. Es sind die Werte, an die wir glauben, die unser Denken und Handeln bestimmen, nicht Tatsachen. Wir streiten aber immer um die Tatsachen. Der Sprachnebel erzeugt viele Scheinprobleme. Sprachkritisches Denken ist darum äußerst praktisch und effizient. Wir könnten uns die ganze Nationalismus-, Semitismus-, Feminismus-, Ökonomiedebatte sparen, oder erheblich aufs Wesentliche verkürzen, wenn wir die Begriffe nach ihrem Verallgemeinerungsgrad beurteilen würden. Wobei die Faustregel gilt: Je allgemeiner der Begriff, desto nichtssagender ist er. Umso abstrakter, desto leerer ist das Wort. Wieviel weiter könnten wir sein, wenn wir erkennen würden, daß es z.B keine Arbeit gibt. Arbeit ist eine Idee und keine Tatsache. Dasselbe gilt vom Geld. Es ist immer das selbe Problem - überall, wo Diskussionen stattfinden. Es ist müßig, den Frauen oder den Männern irgendein Wesen zuzuschreiben. Die Frau gibt es genausowenig, wie es Deutschland gibt. Beides sind logische Konstruktionen, konstruiert aus einem praktischen Zweck heraus, der im Laufe der Zeit aus unserem Bewußtsein verschwunden ist. Wenn wir bestimmte Gewohnheitsworte hören, kommen wir gar nicht auf die Idee, daß daran in irgendeiner Weise etwas zu zweifeln wäre. Eine Flasche ist eine Flasche. Der Wortrealismus ist aber ein Aberglaube. Die Frage ist nicht, ob es etwas gibt oder nicht, sondern was es uns bedeutet. Die "Wahrheit ansich" ist ein Ideal, etwas, das in der Realität nicht vorkommt. Trotzdem gibt es viele Menschen, für die eine absolute Wahrheit eine ganz konkrete Bedeutung hat. Wer allerdings seine eigene Wahrheit als absolut und allgemeingültig hinstellt, hat damit schon den Grundstein für endlose Konflikte gesetzt. Solange es noch den Glauben an eine absolute Wahrheit gibt wird es Menschen geben, die glauben, diese Wahrheit mit allen Mitteln durchsetzen zu können. Gerade weil Gewalt und Grausamkeit durch rechtfertigende Ideologien verharmlost werden können, werden sie so schnell kein Ende haben. Oft meinen wir, es mit Tatsachen zu tun zu haben - es ist aber meist nur ein Wort, das wir hören oder lesen. Wir glauben, ein Wort könnte gleichbedeutend mit einer Wirklichkeit sein. Die Idee, die im Begriff steckt, wird nicht mehr vom Wort getrennt. Die größten Probleme aber haben wir immer dann, wo wir die Idee mit der Wirklichkeit verwechseln. Wir hätten schon viel erreicht, wenn jedem Einzelnen wirklich klar werden würde, was ihm ganz persönlich ein Wort bedeutet und was seine eigenen Gründe sind. Es ist müßig, eine allgemein anerkannte Standarddefinition eines Begriffs erzielen zu wollen. Zweck der Allgemeingültigkeit von Logik und Objektivität ist es immer, ein zwingendes Wissen bereitzustellen. In der Allgemeingültigkeit steckt der Wille zur Macht. Das Mehrheitsprinzip ist bereits in der Sprache verwirklicht. "Politik" könnte als das Bemühen definiert werden, möglichst viele Leute von der Definition eines Begriffs zu überzeugen. Eine solche Politik wäre schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil gerade mit dieser Vorgehensweise die Leute wieder benachteiligt werden, allerdings ohne daß es die meisten Menschen merken. Sie verspüren bestenfalls irgendein Unbehagen an den Reden der Politiker, ohne dieses Unbehagen anders als in Gemeinplätzen formulieren zu können. Im manipulativen Diskurs werden einfach Realitäten geschildert, die zwingend das eine oder andere Handeln verlangen. Dieser Zwang erscheint in der Maske einer logischen Notwendigkeit, als sogenannter Sachzwang. Wir müssen uns den Sachzwängen fügen, weil wir die Grundvoraussetzungen dieser oder jener politischen Entscheidung nicht in Frage stellen dürfen. Wortgeklingel und bloße Rhetorik beherrscht den politischen Diskurs. Wir sind gefangen in einem Netz sprachlicher Repräsentation, das letztlich nicht weniger grausam sein kann, als pure Gewalt. Über Begriffe wird geistige Herrschaft ausgeübt, immer da, wo der Abstraktionsgrad der Begriffe nicht bewußt ist. Besonders lustig wird es zum Beispiel, wenn Daimler-Benz Arbeitsplätze abbaut und dieses Programm dann Dolores nennt. Manipulation geschieht genau so. Wer kann denn schon Dolores böse sein. Erst wer die Namensgebung als logische Methode bzw. sprachliche Methode durchschaut, kann kritisch denken. Wer unkritisch allgemeine Begriffe übernimmt, denkt eigentlich nicht. Und Menschen, die nicht selbständig denken können, waren schon immer das Material, aus dem Unterdrückung und Benachteiligung gestrickt sind. |