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Zirkular Nr. 2
Un-Gleichheit

1 Sprachlogik
3 Maske der Gewalt
4 Kontrollausschuss
5 Organisation des Wahnsinns
6 Sprachrelativismus
7 Die Abstraktionsebenen
8 Naiver Realismus
9 Abschaffung der Wahrheit
Abstraktionen sind die Recheneinheiten der Logik. Sie haben aber nichts mit Wahrheit zu tun, sondern nur mit unserem Interesse.


Zwei der wichtigsten Probleme, mit denen sich die Menschen seit tausenden von Jahren herumschlagen, will ich hier einmal  Wahrheit  und  Gerechtigkeit  nennen. Die Probleme, die hinter diesen beiden Begriffen stecken, heißen anderswo auch  Moral, Erkenntnis  oder etwa  Herrschaft,  bzw.  Begründung  und  Rechtfertigung.  Alle diese Probleme haben eines gemeinsam: Diese Probleme  gibt  es nicht, wie etwa ein Baum in der Landschaft steht, sondern diese Probleme werden von jemandem geschaffen.


Logik
Das Müssen in dieser Welt ist keine natürliche Notwendigkeit.  Notwendigkeit  ist etwas, das im Geist besteht, nicht in den Gegenständen. Es ist die Art und Weise wie wir denken, die uns diese Probleme schafft. Und es ist die Art und Weise, wie wir denken, die uns unkritisch irgendwelche Rechtfertigungen und Begründungen hinnehmen läßt, die uns benachteiligen. Wir beugen uns einer Logik, die sich als selbstverständliches, kompetentes Wissen ausgibt, ohne die wirklichen Absichten zu erkennen, die möglicherweise dahinter stecken. Die reine Logik will Recht haben und ihre Rechtfertigung zieht sie aus der zwingenden Notwendigkeit ihrer Schlüsse. Logik und Rationalität sind eng aneinander geknüpft. Unlogisch zu sein führt in seiner Konsequenz zur Irrationalität und diese, wenn sie ein gewisses Maß überschreitet, in den Wahnsinn. Es gibt keine Logik ohne Identifizierung der Dinge und das Fehlen von Identität wird gewöhnlich als Wahnsinn definiert.

Logik ist ohne irgendeine Art von Sprache nicht möglich. Der Anteil der Sprache am Denken wird jedoch gewöhnlich unterschätzt. Die logischen Schwierigkeiten bei der Begriffsbildung werden leicht übersehen. Aus praktischen Gründen werden diese gern übergangen. Zuviele Einzelheiten machen handlungsunfähig. Der Pragmatismus einer Logik, welche Schwierigkeiten aus Gründen er Praktizierbarkeit von Vorstellungen und Ideologien übergeht oder verleugnet, ist die Krankheit unserer Zeit. Ohne diese logische Blindheit gäbe es keine unheilvollen Machtansammlungen und viele Greueltaten nicht. Irrtum und Aberglaube bestimmen das Denken der meisten Menschen. Der Wortaberglaube läßt sich am leichtesten für manipulative Zwecke benützen. Wir akzeptieren die Definition unseres Lebens mit der Anerkennung von Begriffen. Die Herrschaft des Begriffs ergibt sich aus der Allgemeinheit der Gedanken..

Denken und Sprache
Kaum einer weiß wirklich, wie das Denken funktioniert und welche Rolle die Sprache dabei spielt. Das Denken, in dem die Sprache kaum wichtig ist, könnte das klassische oder aristotelische Denken genannt werden. Aristotelisch denken bedeutet, zwischen Wort und Ding keinen Unterschied machen. Die aristotelische Logik setzt die Struktur der Wirklichkeit mit der Struktur der Sprache gleich. Wäre aber die Sprache wirklich, entspräche die Logik der Welt. Setzt man den Namen mit der Sache gleich, wäre das aber das Gleiche, als würde man die Speisekarte anstelle der Mahlzeit essen..

Wenn wir von Logik reden, dann geht es dabei um Schlüsse, die gezogen werden. Geschlossen wird entweder vom Einzelnen aufs Allgemeine (Induktion) oder vom Allgemeinen aufs Einzelne (Deduktion). Wer sich irrt, verwechselt die logischen Typen und das sind Individuum und Klasse. Der logische Fehler besteht in der falschen Verallgemeinerung. "Alles was Füße hat, kann gehen" - "Der Sessel hat Füße" - "Also kann der Sessel gehen.", so könnte diese Schwierigkeit einfacherweise genannt werden. Viele Probleme und Schwierigkeiten entspringen diesem Grundirrtum. Es handelt sich hier um eine logische Folge der Nichtbeachtung des Unterschieds von Einzelheit und Allgemeinheit..

Logische Zugehörigkeit kann sich nur zwischen Elementen der gleichen Klasse abspielen. Den Erlebnissen werden deshalb Zeichen zu geordnet und mit diesen Zeichen wird dann weiter gerechnet. Die Logik ist Rechnung. Ohne das Wörtchen  ist,  was nichts anderes bedeutet, als  ist gleich,  gäbe es keine Logik. Äpfel und Birnen können wir nicht zusammenzählen. Wir brauchen die gleiche Benennung, deshalb ist auch die Voraussetzung allen Schließens die gleichbleibende Bedeutung der Wörter.

Gleichheit und Ungleichheit
Alles Denken ist Erkennen der Beziehung von Gleichheit und Ungleichheit. Die Grundvoraussetzung der Logik ist, daß es gleiche Dinge gibt. In der logischen Definition wird dem Schwanken der Wortbedeutung eine künstliche Grenze gesetzt. Definieren heißt Grenzen setzen und das geschieht über die Abstraktion. Allgemeingültiges erhalten wir, indem wir die angeblich unwichtigen Einzelheiten vernachlässigen..

Die Kategorien sind die Formen die das Rohmaterial der Empfindungen zum Gegenstand machen. Sie sind das logische Urphänomen. Das Wesen der Logik ist Verdinglichung und Kategorisierung. In der Logik existiert die bloße Form unabhängig vom Gehalt. Wir können von keinem Gegenstand alle, wirklich alle Details berücksichtigen, weil wir letztlich auf der atomaren Ebene landen würden. Noch schwieriger ist es bei Gegenständen, die sich in Bewegung befinden. Logisch denken heißt deshalb von zuvielen Details zu abstrahieren. Durch Abstraktion - das heißt: auf logischem Weg.
"Wenn uns ständig bewußt wäre, daß nichts bleibt, wie es ist, würden wir uns kaum die Mühe machen, die Dinge zu benennen. Durch die Benennung legen wir ihnen Identität bei. Dadurch lenken wir die Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten und vernachlässigen die Unterschiede"
so ANATOL RAPOPORT.

Die logische Ordnung funktioniert deshalb am besten, wo wir es mit Allgemeinbegriffen zu tun haben. Wir klassifizieren die Dinge, um zwingende Schlüsse zu ermöglichen. Ist erst die Klassifikation, bzw. Kategorisierung und Definition anerkannt, rattert die logische Maschine nur mehr ihr Programm herunter. Die Klassifikation beruht aber auf Ähnlichkeit und nicht auf Gleichheit. Deswegen sind alle logischen früher oder später schief und damit unlogisch. Ist alles logisch, dann wäre auch alles gerechtfertigt..

Der logische Fehler ist die Gleichsetzung von Ungleichem. Die Vergleichung von Ähnlichkeiten ergibt keinen logischen Schluß. Der zwingende Schluß ist deshalb ein Irrtum, weil es keine gleichen Dinge gibt. Begriff und Wirklichkeit sind im Grunde unvergleichbar verschieden und können nicht logisch ineinander übergeführt werden. Die Logik setzt eine Gleichheit voraus, die es nicht gibt. Sie funktioniert nur, wo wir Unterschiede bewußt oder unbewußt vernachlässigen. In ihrer konkreten Existenz sind die Dinge einzeln. Gemeinsamkeit ist eine Idee, die es nur in unserem Denken gibt.  Gemeinsamkeit  und  Gleichheit  sind Ideale. Das Individuelle ist nicht logisch. Alle Gleichheit ist bloß Abstraktion. Allgemeingültigkeit ist immer ein Fehlschluß..

Die Logik begründet nur Urteile, die unsere Begriffe betreffen, nicht aber die Wirklichkeit. Alles Logische ist kategorial. Probleme der Logik sind in der Regel Probleme der Kategorisierung.
"Alle Beziehungen des Logikkalküls lassen sich ableiten aus der Beziehung  und  und deren Negation. Die Verknüpfung  und  kommt nur durch uns selbst zustande. Denn es liegt in unserer Wahl, welche Elemente wir durch  und  verbinden wollen. Diese Beziehung liegt also nicht in der Wirklichkeit. Daß die Negation nicht in der Wirklichkeit liegt, ist offenbar. Denn sie verneint ja gerade die Wirklichkeit. Daraus folgt, daß keine der logischen Beziehungen der Wirklichkeit angehört",
so HUGO DINGLER.

Alle Logik ist Wenn-Dann-Logik. Auch alle Gesetze sind Wenn-Dann-Beziehungen und keine Weil-Beziehungen.  Wie  ein Stein fällt ist logisch, aber nicht  daß  ein Stein fällt. Wir erkennen keine Wirklichkeit, sondern definieren sie nur so gut wir können. Jede Definition ist aber subjektiv und beruht auf bestimmten Zwecken, die sie erfüllen soll.
"Denn es gibt keine Beobachtung, ohne daß wir eine bestimmte Frage an die Natur stellen; und keine solche Frage kann gestellt werden, ohne daß wir in ihr einen möglichen Zusammenhang von Einzeldaten gedanklich antizipieren. Die "Idee" ist somit nicht etwas, das nachträglich zur Tatsache hinzutritt, sondern sie ist bereits in der bloßen Setzung und Bestimmung des Faktum unverkürzt und in ihrer gesamten Funktion enthalten." (ERNST CASSIRER)
PAUL NATORP hat es noch treffender ausgedrückt:
"Gegebenes gibt es nur im Sinn einer gestellten Aufgabe, nicht aber als ein Datum der Erkenntnis. Das vermeintlich Erstgegebene ist eigentlich vielmehr das Gesuchte."
Die Logik ist das Prinzip der Setzung, aber wir setzen eher das, was wir gerne hätten und weniger das, was  ist.  Darin liegt der verborgene Optimismus, bzw. Idealismus der Logik. Praktisch ist es unmöglich immer logisch zu sein. Das rein Logische ist ein utopischer Idealzustand. Es ist unmöglich, bis ans Ende logisch zu sein. Die Kette der logischen Begründungen würde niemals aufhören. Alle Logik mündet in eine Psycho-Logik. Am Ende landen wir bei allen Überlegungen immer bei uns selber. Wir stoßen immer wieder auf irgendwelche Gründe, aber wir haben keinen wirklichen Grund, daß dieser unser Grund ist und kein anderer. In unseren zwischenmenschlichen Beziehungen folgen wir oft einer eigenen  Logik.  Reine Logik und menschliches Vertrauen vertragen sich nicht..

Die Logik ist kein Werkzeug zur objektiven Erkenntnis der Welt. Logik ist auch nicht neutral. Alle Logik ist nur praktisch, nützlich und pragmatisch. Zu bestimmten Zwecken ist sie auch sinnvoll, aber sie soll nur gebraucht werden, wo sie einen Wert besitzt, darüberhinaus müssen wir ihr Einhalt gebieten. Im wirklichen Leben ist nicht immer alles so, wie es sein sollte. Jede Logik ist nur eine Technik, die Technik des Denkens.

Abstraktionen sind die Recheneinheiten der Logik. Sie haben aber nichts mit Wahrheit zu tun, sondern nur mit unserem Interesse. Abstraktionen haben lediglich einen Kurswert, wie Aktien. MARX hat einmal gesagt: "Die Logik ist das Geld des Geistes." Der buddhistische Mönch GOVINDA drückt es so aus: "Der Gebrauch der Logik im Denken ist ebenso notwendig und berechtigt, wie der Gebrauch der Perspektive in der Malerei - jedoch nur als Ausdrucksmittel und nicht als Kriterium der Wirklichkeit." Begriffe können weder wahr noch falsch sein. Das Problem  wahr  oder  falsch  ist prä- oder postsemantisch.