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Sprachrelativismus
Sprache - was ist das? - Das umfassendste und differenzierteste Ausdrucksmittel, das uns potentiell zur Verfügung steht. Die höchste Erscheinungsform des menschlichen Denkens. Wie hat sich die Sprache entwickelt? - Aus Naturlauten. Jeder Schrei ist schon eine Art Sprache. Der Schrei wurde immer mehr gestaltet, in seine Bestandteile zerlegt. Es ergab sich eine Reihe von Lauten, die dem Schrei zunächst nur eine andere Klangfarbe gegeben haben. Der Laut löste sich vom Schrei ab und ist zu anderen Lautgestalten wieder zusammengewachsen die dann zu Bausteinen für Wörter wurden. Die Lautgestalten werden mit der Gegenwart oder dem Verschwinden eines bestimmten Gegenstandes verknüpft und immer wenn der Gegenstand erscheint, stellt sich die Lautgestalt wie von selbst ein. Der Vorgang ist auch umkehrbar: wenn die Lautgestalt gehört wird, kehrt der Gegenstand (allerdings als Vorstellung) wieder. Das Lautzeichen wird zum magischen Wort, welches die Kraft hat, den Gegenstand sozusagen "herbeizuzaubern". Bei manchen Naturvölkern ist dieser Glaube noch heute lebendig. Gebärdensprache und Lautsprache ergänzten sich wahrscheinlich gegenseitig einige Zeit bis dann wohl aus praktischen Gründen die Lautsprache allmählich der Gebärdensprache vorgezogen wurde. Wir lernen die Sprache im Grunde durch Nachahmung. Grammatik und Satzbau üben wir ein durch ständige Wiederholung. Die einzelnen Wörter sind zuerst einmal Namen. Für ein Kind ist alles, was auf vier Beinen rumläuft, zuerst einmal ein Wau-Wau. Erst nach und nach lernt es zu differenzieren. Es kommen immer mehr Unterschiede und Namen dazu. Bald erkennt es, daß Wörter nicht nur Namen sind, sondern zusätzlich auch noch etwas bedeuten, also Zeichen sind, die für ganze Vorgänge stehen sollen, für eine komlexe Tätigkeit oder Eigenschaften. Unter diesen Bezeichnungen finden sich auch Namen für Zusammenhänge und Vorgänge, die nicht gegenständlich in der Außenwelt vorhanden sind, sondern Vorstellungen des Denkens betreffen. Wörter, die es nur als Gedanken oder Vorstellungen gibt und die ihr Dasein in der Kombination mit anderen Wörtern haben, wie z.B. das Wort "Gott". Gewöhnlich lernen wir die Namen der Dinge durch Zeigen und Sehen. Die Mutter deutet auf einen "Ball" und spricht das Wort "Ball" aus. Aber auch über das Gefühl lernen wir neue Wörter. Die Mutter nimmt das Kind an der Hand und hält es vorsichtig an die Heizung und sagt gleichzeitig "heiß", ohne daß sich das Kind natürlich verbrennt. Wir machen uns dann ein Bild von der Sache und speichern es im Gedächtnis. Diese Bilder, die wir uns von den Dingen machen, behalten wir ziemlich lange und sie ändern sich erst allmählich mit anderen Erlebnisse und Erfahrungen. Eine Stelle aus einer Biographie über FRIEDRICH HEBBEL soll das noch deutlicher machen. HEBBEL schreibt da über ein Erlebnis, das er als Kind hatte. Es heißt da über "den ersten Ausgang des Kindes": "Es tritt, wenn es zum ersten Mal von der Mutter oder vom Vater mitgenommen wird, den Gang durch den Straßenknäuel gewiß nicht ohne Staunen an, es kehrt noch weniger ohne Schwindel von ihm zurück. Ja, es bringt von vielen Objekten vielleicht ewige Typen mit heim, ewig in dem Sinn, daß sie sich im Fortgang des Lebens eher unmerklich bis ins Unendliche erweitern als sich jemals wieder zerschlagen lassen; denn die primitiven Abdrücke der Dinge sind unzerstörbar und behaupten sich gegen alle späteren, wie weit diese sie auch an sich übertreffen mögen... Die Kirche, .... der Gottesacker, ... ein uraltes Haus,.. all diese Einzelheiten flossen für mich, zu einem ungeheuren Totalbild zusammen. ... Ich habe seitdem den Dom von St. Peter und jeden deutschen Münster gesehen, ich bin auf dem Pére la Chaise und an der Pyramiden der Ägypter gewandelt, aber wenn ich gewöhnlich an Kirchen, Friedhöfe usw. denke, so schweben sie mir noch jetzt in der Gestalt vor, in der ich sie an jenem Abend erblickte.Diese vorgefertigten und bereits vorhandenen Bilder sind es, die sich dann später auch als Vorurteile bemerkbar machen. Wir denken eigentlich kaum nach und sind auch nicht wirklich für neue Informationen und Erfahrungen offen, sondern übertragen nur unsere schon vorhandenen alten Bilder auf einen aktuellen Vorgang. Das ist, was die sinnlich erfahrbar gegenständliche Welt betrifft eigentlich auch sehr praktisch. Problematisch wird es aber immer dann, wenn es um Zusammenhänge bei nichtgegenständlichen "abstrakten" Sachverhalten geht, wie "Hoffnung", "Idealismus" oder "Gemeinheit". Hier kann es leicht zu Mißverständnissen und Fehlinterpretationen kommen. Die Welt der Sinne Unsere fünf Sinne sind wie fünf Tore, durch die wir mit der Welt Kontakt haben. Durch die Sinne empfangen wir sozusagen unsere Wahrnehmungen. Wenn wir über die Beschaffenheit der Welt reden, müssen wir notgedrungen auch über die Beschaffenheit unserer Sinnesorgane nachdenken, weil sie ja die Instrumente sind, mit denen wir beobachten. Hauptsächlich ist unser Weltbild von unserer Sehfähigkeit geprägt. Die sogenannte "schöne Welt" wird vom Auge wahrgenommen. Am zweitwichtigsten dürfte das Gehör sein. Wie schwierig es ist, sich ohne Gehör und ohne Sehkraft, ein differenziertes Weltbild zu machen, zeigt das Beispiel der gehörlosen und taubblinden Menschen. Das wohl berühmteste Beispiel ist die taubblinde HELEN KELLER, die im Alter von 19 Monaten nach einer Fieberkrankheit nicht mehr hören und sehen konnte. Von ihr gibt es viele Aufzeichnungen über ihren Lebensweg und ihre Erfahrungen als Taubblinde. HELEN KELLER konnte nur fühlen, riechen und schmecken. Dementsprechend hat sie sich ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit gemacht: In der ihr eigenen Bewertung der Sinne stellte sie den Geruch ein wenig tiefer als das Ohr, das Gefühl aber viel höher als das Auge. Der Tastsinn kann zwar, im Gegensatz zu Auge und Ohr, keine Entfernungen überbrücken, ist aber in seiner Empfindsamkeit für ihre Seelenregungen weit bedeutender. Ob blind oder sehend: wir unterscheiden uns von einander nicht durch unsere Sinne, sondern durch den Gebrauch, den wir von ihnen machen. "Ich bin neben Leuten geschritten, deren Augen voll von Licht sind, und die doch nicht sehen, nichts in Wald, Meer oder Himmel nichts in den Straßen der Weltstadt, nichts in Büchern. Welch eine witzlose Maskerade ist solches Sehen! Es wäre weit besser, mit Verstand und Gefühl in ewiger Nacht der Blindheit zu wandeln, als sich so mit der bloßen Verrichtung des körperlichen Sehens zu begnügen! Sie haben Sonnenuntergang, haben Morgenhimmel, haben den Purpur der Berge - und ihre Seele geht durch diese Zauberwelt und sieht von aller Schönheit nichts."Die Relativität der Sinne Die sinnliche Wahrnehmung beginnt mit einzelnen Gegenständen. Für die Benennung von Gegenständen von entscheidender Bedeutung sind der Sehsinn und das Gespür, bzw. der Tastsinn. Von einem Ton kann ohne kombinierende Gedanken, nicht direkt auf einen Gegenstand geschlossen werden. Dasselbe gilt für den Geruch. Vom Geschmack nur insofern als wir ja einen Gegenstand im Mund haben müssen, um ihn schmecken zu können. Was den Gegenstand ausmacht ist seine Begrenzung im Raum. Ein Ding muß feste Grenzen haben. Diese Grenzen sind für das Auge sichtbar und für den Tastsinn fühlbar. Beim Tasten stoßen ja zwei Oberflächen, d.h. zwei Grenzen aufeinander. Daß sich die Geräusche in unserer Umgebung ständig verändern, merken wir bei bewußter Aufmerksamkeit, ebenso die Gerüche, wobei ein Hund natürlich einen anderen Geruchssinn hat als ein Mensch. Beständiger sind da schon die Gegenstände. Aber auch das täuscht. Die Dinge sind nur fest relativ zu unserem Sinnesapparat. In der Wirklichkeit finden laufend Veränderungen statt. Es hängt aber von unserer Wahrnehmung ab, wie wir die Welt sehen. Wenn ein Tisch heute fast so aussieht, wie er gestern oder vielleicht vor hundert Jahren ausgesehen hat, dann nicht deswegen, weil er sich nicht verändert hat, sondern weil diese Veränderungen für unsere grobe Wahrnehmung zu geringfügig gewesen sind. Für die moderne Naturwissenschaft gibt es keine festen Körper. Wenn die Körper für uns fest aussehen, so nur deshalb, weil die Bewegung ihrer kleinsten Teilchen zu rasch oder zu sehr im Kleinen abläuft, um wahrgenommen zu werden. Sie sind fest nur in dem Sinne, in dem eine schnell rotierende Farbkarte weiß ist oder eine sich schnell drehende Kreiselspitze stillsteht. Unsere Sinne haben enge Wahrnehmungsgrenzen, so daß wir ständig Instrumente wie Mikroskope, Teleskope, Tachometer, Stethoskope und Seismographen benutzen müssen, um die Vorgänge entdecken und aufzuzeichnen, die unsere Sinne nicht unmittelbar wahrnehmen können. Wir nehmen Unterschiede nicht wahr, bevor sie nicht eine gewisse endliche Größe überschritten haben. Die Art, in der wir Gegenstände sehen wahrnehmen, ist das Ergebnis der Besonderheiten unseres Gehirns. Es gibt Lichtwellen, die wir nicht sehen können, und, wie selbst Kinder heutzutage mit ihren Hochfrequenzpfeifen wissen, Schallwellen, die wir nicht hören können. Es ist deshalb absurd zu glauben, daß wir jemals etwas wahrnehmen, wie es wirklich ist. So wenig ausreichend unsere Sinne sind, so sagen sie uns doch mit Hilfe von Instrumenten vielerlei. Die Entdeckung der Mikroorganismen mit Hilfe des Mikroskops hat uns eine gewisse Herrschaft über die Welt der Bakterien gegeben. Wir können keine elektromagnetischen Wellen sehen, hören oder fühlen, aber wir können sie für nützliche Zwecke erzeugen und umwandeln. Das meiste bei der Eroberung der äußeren Welt, in der Technik, in der Chemie und in der Medizin verdanken wir der Anwendung von allerlei ausgeklügelten Mechanismen, um die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns zu erhöhen. Im alltäglichen Leben genügen unsere Sinne noch nicht einmal zur Hälfte, um ohne Hilfsgeräte in der Welt durchzukommen. Wir können nicht einmal den Vorschriften über die Geschwindigkeitsbegrenzungen nachkommen oder unsere Gas- und Elektrizitätsrechnungen ohne Meßinstrumente aufstellen. Daß die Farben keine objektiven Eigenschaften der Dinge sind gilt heute in wissenschaftlichen Kreisen allgemein als gesicherte Behauptung. Es gibt weder Licht noch Farbe, es gibt allenfalls elektronische Welle; es gibt weder Schall noch Musik, sondern allenfalls periodische Schwankungen des Luftdrucks; und es gibt weder Wärme noch Kälte, sondern allenfalls Moleküle, die sich mit mehr oder weniger großer kinetischer Energie bewegen. Keine wissenschaftliche Theorie oder Erklärung kann mehr sein, als bestenfalls ein Bild, eine bestimmte Deutung der Welt und nicht die Wirklichkeit als solche. Das Bild ist nicht das Abgebildete, der Name ist nicht das Benannte. Wir gehen nicht mit einer Wirklichkeit ansich um, sondern stets nur mit unseren eigenen Erfahrungswirklichkeiten. Wir gehen an die vermeintlich da draussen objektiv bestehende Wirklichkeit immer mit gewissen Grundannahmen heran, die wir für feste Aspekte der Wirklichkeit halten, während es nur die Folgen der Art und Weise sind, in der wir nach der Wirklichkeit suchen. Die Wahrnehmung vollzieht sich nicht in den Sinnesorganen, sondern in bestimmten Gehirnregionen. Wahrnehmung ist Konstrukion und Interpretation. Es gibt keinen z.B. Tisch, sondern meine Tastwahrnehmung läßt in Verbindung mit einem visuellen Eindruck eine Erfahrung entstehen, die ich mit hier steht ein Tisch beschreiben kann. Der Gegenstand unserer Wahrnehmung ist nicht das Ding-ansich, sondern eine Wechselwirkung zwischen unserem Gehirn und etwas, das außerhalb unseres Gehirns ist. Wahrnehmbarkeit ist ein relativer Begriff. Wir können gar nicht anders sehen, als unser Auge es zuläßt. Das grüne Blatt ist nur darum grün, weil es für unser menschliches Auge grün ist. Verschiedene Wellenlängen erzeugen verschiedene Farbempfindungen, aber es gibt auch Bereiche, für die unser Auge einfach nicht empfindlich ist. Farben sind also optische Deutungen. Das Wahrnehmungsdatum ist immer Ausdruck einer Beziehung zwischen dem Wahrnehmenden und dem Gegenstand der Wahrnehmung. Alle Ruhe, alles Gleichgewicht ist nur relativ, hat nur einen Sinn in Bezug auf diese oder jene Bewegungsform. Alle Relationen, wie etwa die von Zeit und Raum oder von Tun und Leiden, sind definitionsgemäß nicht absolut, existieren also nicht ansich. Die Befriedigungen, die wir uns durch Essen und Trinken verschaffen, sind abhängig vom Hunger und vom Durst, den wir haben. "Der Wohlgeschmack eines Weines gehört nicht zu den objektiven Bestimmungen des Weines, sondern zu der besonderen Beschaffenheit des Sinnes an dem Subjekte, das ihn genießt." heißt es bei IMMANUEL KANT. Schmerzen können nicht objektiv festgestellt werden. Schmerz und Freude sind genausogroß, wie sie gefühlt werden. Wir empfinden die Verringerung von Schmerzen als Freude und die Verkleinerung einer Freude als Schmerz. Wenn ich einen schweren Gegenstand trage, dann fühle ich einen Druck der Schwere; aber nicht der Gegenstand selbst ist schwer, sondern er ist es nur im Verhältnis zu meiner Kraft. Für jedes "subjektive" Sinnesorgan, wie auch für jedes "objektive" Meßgerät, existiert eine untere Grenze der Ansprechbarkeit, unterhalb derer nichts mehr registriert wird, so daß wir ständig Instrumente wie Mikroskope, Teleskope, Tachometer, Stethoskope oder Seismographen benützen müssen, um die Vorgänge entdecken und aufzeichnen zu könne, die unsere Sinne nicht unmittelbar wahrnehmen. Es ist deshalb absurd zu glauben, wir könnten jemals etwas wahrnehmen, wie es wirklich ist. Der normale Menschenverstand dagegen nimmt an, daß es eine Wirklichkeit gibt und daß diese Wirklichkeit gefunden werden kann. Das ist aber nicht der Fall. Was immer wir über die Welt sagen, es sind Aussagen über unsere Erfahrungen und die Funktion der Sprache besteht nicht in der Übermittlung von Informationen oder in der Beschreibung einer unabhängigen Außenwelt. Das ganze Universum ist in ständigem Fluß. Die Sterne wachsen, kühlen sich ab, explodieren. Selbst die Erde bleibt nicht gleich; Berge werden abgetragen, Flüsse wechseln ihr Bett, Täler vertiefen sich. Auch alles Leben ist im Prozess der Verwandlung durch Geburt und Wachstum zu Verfall und Tod. Sogar was wir als leblose Materie - Stühle, Tische, Steine - zu nennen pflegen, ist nicht starr, wie wir jetzt wissen, denn auf submikroskopischer Ebene besteht sie aus einem Wirbel von Elektronen. |