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Zirkular Nr. 8
Naiver Realismus

1 Sprachlogik
2 Un - Gleichheit
3 Maske der Gewalt
4 Kontrollausschuss
5 Organisation des Wahnsinns
6 Sprachrelativismus
7 Die Abstraktionsebenen
9 Abschaffung der Wahrheit
Daß die Kommunikation der Menschen untereinander so funktioniert wie sie funktioniert, liegt nicht daran, daß die Wörter 1:1 die Wirklichkeit abbilden, sondern weit mehr daran, daß die meisten Menschen von verschiedenen Begriffen feste Vorstellungen haben.


Das Problem, das für die philosophische Sicht der Dinge wichtig ist, ist die Frage, inwieweit bei der Bildung eines Begriffes die sinnliche Erfahrung mitspielt. Dieses Problem betrifft die Frage nach dem Abstrakten und Konkreten. Als konkret Vorhanden, d.h. als "wirklich" angesehen, werden gewöhnlich die Vorgänge, Dinge und Qualitäten, die wir mittels unserer Sinneswahrnehmungen sehen, hören, fühlen, riechen oder schmecken können. Was nur gedacht ist, ist im landläufigen Sinn auch nicht wirklich.

Die Frage lautet nun: Welche Rolle spielt die Sprache bei der Art und Weise, wie wir uns ein Bild von der Wirklichkeit machen? Eine Antwort könnte lauten: Die Sprache ist eine Art und Weise, wie wir uns ein Bild von der Wirklichkeit machen. Sie ist das Bild der Gedanken, so wie ein Ton für uns ein Bild des Gehörs ist.

Viele Menschen glauben, daß die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen, und die sinnlichen Qualitäten in den Dingen selber stecken. Aber eine solche Behauptung läßt sich nicht aufrechterhalten. Die Dinge sind nicht so, wie sie zu sein scheinen. Das wird durch die Erfahrung des Alltags, aber auch durch sog. wissenschaftliche Erfahrung deutlich. Die mikroskopische, bzw. die makroskopische Sicht der Dinge zeigt uns eine Welt, die unseren Sinnen ohne Hilfsmittel nicht zugänglich ist. Wir dürfen davon ausgehen, daß die Qualitäten, die wir mit unseren Sinnen erfahren nicht in den Dingen selber stecken, sondern sie werden je nach Wahrnehmungsapparat verschieden wahrgenommen.

Die alltägliche Erfahrung erweckt in uns den Eindruck, daß unser Wahrnehmungssystem in direktem Kontakt mit der Welt steht und daß diese Welt mit Begriffen allgemeingültig beschreibbar ist. Aber dieser Eindruck täuscht.

Die Widerspiegelungstheorie ist so alt wie die klassische Definition der Wahrheit. Die klassische Definition der Wahrheit, die seit Jahrtausenden in der Theorie der Wahrheit herrscht, ist faktisch eine spezifische Formulierung der Widerspiegelungstheorie und außerhalb ihrer überhaupt nicht möglich.

Eine Widerspiegelung impliziert die Anerkennung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit, die außerhalb und unabhängig vom erkennenden Verstand ein Sein hat und die durch den Geist "widergespiegelt" bzw. "abgebildet" wird. Das ist der realistische Standpunkt.

Wirklichkeit wird gewöhnlich als Summe von Gegenständen verstanden, die sich dadurch kennzeichnen, daß sie außerhalb und unabhängig von uns, das heißt objektiv, existieren.

Die Frage ist also, ob es einen Unterschied gibt zwischen dem Erlebnis und dem Erlebnisinhalt von der Wirklichkeit. Ist die Widerspiegelung etwas anderes, als die Wirklichkeit selber?

Die Frage ist deshalb so wichtig, weil wir dann etwas für real nehmen, was es gar nicht ist und das ist immerhin eine Täuschung, wenn nicht gar ein direkter Fehler.

Wer ein Produkt der Abstraktion für etwas Wirkliches nimmt, begeht einen Fehler in doppelter Hinsicht, wenn er versucht auf diese Grundlage hin, sein Gedankengebäude zu errichten. Wenn wir aber unser Denken für die Wirklichkeit halten, schreiben wir der Welt Eigenschaften der Sprache zu. Es ist jedesmal wie eine Verkehrung unseres Wissens, wenn wir unsere Auslegung für die Wirklichkeit selbst halten.

Daß die Kommunikation der Menschen untereinander so funktioniert wie sie funktioniert, liegt nicht daran, daß die Wörter 1:1 die Wirklichkeit abbilden, sondern weit mehr daran, daß die meisten Menschen von verschiedenen Begriffen feste Vorstellungen haben. Die Bedeutung vieler Begriffe ist ihnen eine Selbstverständlichkeit. Im gewöhnlichen Umgang mit anderen Menschen verwenden wir meist die Worte, von denen wir annehmen, daß der andere sie auch versteht.

Die alltägliche Erfahrung dagegen erweckt in uns den Eindruck, daß unser Wahrnehmungssystem in direktem Kontakt mit der Welt steht und daß diese Welt mit Begriffen allgemeingültig beschreibbar ist.

Diese Sicht der Dinge wird heute als naiver Realismus bezeichnet. Der naive Realismus ist unter einem anderen Namen der "Common Sense". Der naive Realist geht davon aus, daß z.B, "grün" die objektive Eigenschaft eines Gegenstandes ist. Die Erfahrung aber, daß die Dinge selbst "süß" oder "weiß" sind, ist ein Relikt aus unseren Kindertagen. Wir haben es hier lediglich mit dem Sprachgebrauch zu tun, der uns zur Gewohnheit geworden ist. Nichts auf der Welt wäre weiß, gäbe es keine Augen, nichts auf der Welt wäre süß, hätten wir keine Geschmacksorgane. Es ist lediglich unser Nervensystem, das unsere Sinneseindrücke derart verarbeitet, daß wir einen Gegenstand als etwas wahrnehmen. Aus der ungegenständlichen Empfindung werden gegenständliche Objekte. Was wir erleben, sind keine Dingeigenschaften, sondern Ähnlichkeiten und Gegensätze, die unser neuro-sensorischer Apparat dann zu etwas verarbeitet. Alle Eigenschaften entstehen erst in Bezug auf unser Bewußtsein. Ein Ding mit seiner Eigenschaft zu identifizieren, ist ein direkter logischer Fehler.

Es ist im Grunde alles naive Namensgebung. Definition ist auch nichts anderes, als die Verteilung von Namen für bestimmte, eingegrenzte Sachverhalte und Dinge. Definieren heißt Grenzen setzen. Wir schaffen Einheiten, wenn wir Definitionen schaffen. Diese besagen aber nichts über die Wirklichkeit, sondern nur etwas über die Zwecke, die wir verfolgen. Unser praktisches rechnerisches Denken will die Dinge zählen können und messen. Eine Gaswolke können wir nicht zählen, wir müssen sie anderweitig einfassen, um ihrer rechnerisch habhaft werden zu können. Zählbarkeit verlangt die Einheit eines Dings. Es gibt aber keine Einheit in der Natur. Einheit ist ein geistiges Wunschbild. Die Natur ist "maßlos".

Keine wissenschaftliche Theorie oder Erklärung kann mehr sein, als bestenfalls ein Bild, eine bestimmte "Deutung", bzw. Interpretation der Welt und nicht die Wirklichkeit als solche. Das Bild ist nicht das Abgebildete, der Name ist nicht das Benannte. Wir haben es nicht mit einer Wirklichkeit ansich zu tun, sondern nur mit unserer eigenen Erfahrung. Die vermeintlich da draussen objektiv existierende Wirklichkeit gibt es nicht ohne gewisse Grundannahmen, die wir fälschlicherweise für die Wirklichkeit halten, während es nur die Folgen unserer Möglichkeiten zu erkennen sind.