cr-4AntisthenesDie EleatenA. Richter
 
JULIUS BAUMANN
Der Wissensbegriff
bei den Griechen

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"Da dem einen süß erscheint, was dem anderen säuerlich vorkommt, dem einen warm, was dem anderen kalt und auch beim Farbensehen sich Ähnliches findet (Farbenblindheit), so sah Demokrit Geschmack, Wärme, Kälte, Farben nicht als Eigenschaften der Dinge an, denen nur zukommt, was sich aus den Atomen und leerem Raum versteht, sondern als mitbedingt durch das Sinnesorgan. Sie sind ihm nicht in seiender Weise, sondern konventionell, wie die Gesetze des einen Volkes ja darum nicht die des anderen zu sein brauchen."

"Gorgias hat das Problem des Verhältnisses vom Denken zum Sein und von Sprache zu Denken und Sein angeregt. Seiendes und Gedachtes sind verschieden, man kann vieles denken, was nicht ist, einen fliegenden Menschen, einen auf dem Meer laufenden Wagen. Der Irrtum beweist die Verschiedenheit von Seiendem und Gedachtem. Hier wird nach einem Kriterium gefragt, welchen Vorstellungen Realität zukomme und welchen nicht. Weiter argumentiert er: die Vorstellungen, durch welche ich einem anderen eine Sache mitteile, sind meist etwas ganz Verschiedenes von dieser. Alle Rede besteht in Tönen und ist für das Ohr; wie kann ich Farben durch Töne ausdrücke, Farben, die bloß dem Gesicht verständlich sind. So hat Gorgias die Fragen der Sprachphilosophie angeregt."

HERAKLIT aus Ephesus, um 500, erwähnt den PYTHAGORAS und XENOPHANES mißbilligend, bleibt dabei, daß alles Transformation eines Urelementes sei und hebt dabei hervor, daß alles in ewiger Bewegung und Veränderung sei und daß es kein beharrendes Sein gäbe. Diesem Werden zugrunde liegt das Feuer, das heißt ein warmer Hauch, dem die menschliche Seele verwandt ist. Aus dem Feuer wird nach Maß (das heißt gesetzlich) Wasser, aus dem Wasser Erde und rückwärts wieder Erde zu Wasser und Wasser zu Feuer. Wegen der beständigen Veränderung sind die beiden Wege der Verwandlung  einer.  Die Sonne z. B. bildet sich während der Nacht aus den Dünsten des Meeres immer neu. Durch das unaufhörliche und rasche Werden sind die Gegensätze eins, Leben und Tod, Wachen und Schlafen, Alter und Jugend, Licht und Dunkel, indem jederzeit dieses aus jenem und jenes aus diesem wird. Aus dem Übergang der Gegensätze ineinander entsteht der schönste Einklang, die Harmonie. In diesen Gegensätzen schwingt das Eine, das allem Werden zugrunde liegt, auf und nieder. Daher ist der Gegensatz, der Streit und Krieg, Vater und König und Herr. Der homerische Vers, der den Streit aus der Götter- und Menschenwelt wegwünscht, wünscht die Welt selbst weg. Es findet eine periodische Auflösung der Welt in das Feuer statt. Im Feuer ist auch Seele, Vernunft, Überlegung. Die menschliche Seele wird aus Luft und Licht außer uns durch die Sinne und das Atmen ergänzt. Im Atmen ziehen wir die allgemeine Weltvernunft in uns ein. Manche Menschen werden nach dem Tod Heroen, Wächter der Lebendigen und der Toten. Im Leben der Menschen sind auch Gegensätze, erst die Krankheit macht die Gesundheit süß, erst der Hunger die Sättigung, die Ermüdung das Ausruhen. Augen und Ohren helfen wenig bei unverständiger Seele. Um Wahres zu behaupten, muß man dem Weltgesetz folgen. Als eine Art Motto HERAKLITs kann sein Wahlspruch gelten: Ich habe mich selbst gesucht.

Dieses Suchen muß HERAKLIT, im Wechsel der Vorstellungen und Stimmungen, das Werden als das Bleibende gezeigt haben und doch mit einer gewissen Freude daran (Harmonie der Gegensätze). Werden als der Grundzug der äußeren Erscheinungen war schon bei THALES, ANAXIMANDER und ANAXIMENES, er hat die Schnelligkeit und den Übergang der Gegensätze ineinander dazu getan. Durch die Einheit der Gegensätze entsteht Harmonie (hohe und tiefe Töne in der Musik). Spielende Werde- und Lebenslust ist der Sinn Gottes und der Welt. "Die Ewigkeit ist wie ein Kind, das mit Steinen Brett spielt."

Der Eindruck des HERAKLIT auf die Griechen war ein nachhaltiger, die ewige Veränderung der Dinge erschien nach ihm als das Leben Gottes selbst, die Gegensätze nicht feindlich, sondern wie in der Ästhetik als belebend. In der Neuzeit werden uns in GIORDANO BRUNO, in SCHELLINGs Naturphilosophie, in GOETZE verwandte Denkweisen und Stimmungen begegnen.

Hatten die Eleaten das beharrende Sein für allein wirklich gehalten, HERAKLIT das Werden, so kommen jetzt eine Reihe von Männern, welche sowohl ein Sein als auch das Werden anerkennen, beide aber so verbinden, daß das Werden eine immer andere Ordnung des Seienden oder der Seienden ist. Bei EMPEDOKLES, ANAXAGORAS, DEMOKRIT treffen wir formal diese Grundauffassung. EMPEDOKLES aus Agrigent, geb. um 500, erklärt zu oberst, daß das, was die Menschen Entstehen und Vergehen nennen, bloß Mischung und Trennung des Gemischten ist, Seiendes muß allem zugrunde liegen. Diesen Satz wird er gewiß teils den Eleaten verdanken, teils wohl aber auch Beobachtungen bei genauer Betrachtung der nächsten Sinneserscheinungen. Daß er Feuer, Wasser, Luft, Erde als die seienden, in sich unveränderlichen Urstoffe bestimmte, beweist allerdings einen großen Scharfblick, denn mit diesen als Elementen, freilich in der aristotelischen Auffassung derselben, kam man ja Jahrtausende aus. Nach EMPEDOKLES hat z. B. die Mischung der Knochen ein bestimmtes Maß dieser Elementarstoffe, nämlich 4 Teile Feuer, 2 Teile Erde, je einen Teil Wasser und Luft. Daß die Knochen brennbar sind, bewies ihm, daß latentes Feuer in ihnen ist, die Aschenreste zeigten die Erde in ihnen an, die Feuchtigkeit beim Anfühlen das Wasser, der Dunst beim Verbrennen die Luft. Daß die Elementarstoffe bald zusammentreten, bald auseinandertreten, geschah nicht durch diese selbst, sondern es gab gesonderte trennende und einigende Mächte, Liebe und Haß oder Zank. Diese Vereinigung und Trennung ist unaufhörlich, die Elemente selbst bleiben dabei unverändert. Herrscht die Liebe vor, dann wird alles eins, es gestaltet sich die Kugel des Weltalls, ringsum der Ruhe sich freuend, der Streit hat sich an die Grenzen des Sphäros zurückgezogen; aber der Streit regt sich wieder, die Elemente trennen sich, da eilt die Liebe ihnen nach zu neuen Vereinigungen. Der Wechsel von Einigung und Trennung ist ein periodischer.

Hier sind die Gefühlsweisen mannigfach, es herrscht nicht eine allein wie bei den Eleaten, HERAKLIT. EMPEDOKLES hat einen stark theoretischen Zug; lang war es dunkel, wie er darauf kam, was schon ARISTOTELES bemerkte, daß die organischen Wesen sich nicht auf einmal gebildet hätten, sondern erst ihre Teile, Arme für sich, Kopf für sich etc. Diese vereinigte dann die Liebe und das Zusammenpassende blieb dauernd, das Nichtzusammenpassende verging. Er berief sich dafür auf Gebeine von Riesen. Seitdem festgestellt ist, daß in Sizilien fossile Nilpferdknochen vorkommen, darf man annehmen, daß diese ihn auf jene Vorstellung brachten. Das Auge erklärte er für eine Laterne, d. h. ein Licht in einer durchscheinenden Haut; die Alten ließen ja oft einen Lichtstrahl aus dem Auge ausgehen auf den Gegenstand. Er wirft die Frage auf, wie es eigentlich kommt, daß wir die Dinge erkennen und beantwortet sie dahin, weil wir selbst sie sind; das Wasser außer uns erkennen wir durch das Wasser in uns, Gleiches mit Gleichem. Er hat also den Elementarstoffen auch Seelisches beigelegt, wie er ja auch aus den vier Elementen die Götter bestehen ließ, "die langlebenden, an Ehren ausgezeichneten."

ANAXAGORAS aus Klazomenae, geb. um 500, lebte lange Zeit als Freund des PERIKLES in Athen, entwich von dort vor der Anklage auf Atheismus und starb in Lampsakos. Vergehen und Entstehen ist Auseinandersichtung und Zusammensichtung seiender Dinge oder Ursamen. Diese selbst sind ewig, unveränderlich, unendlich viele, nicht sinnlich wahrnehmbar, ebenso mannigfach von Qualität, als es überhaupt verschiedene Qualitäten gibt: "wie sollte aus dem Nichthaar Haar, aus dem Nichtfleisch Fleisch werden?" In ihrer Gesamtheit können die Urdinge weder vermehrt noch vermindert werden. Jedes sinnlich wahrnehmbare Ding besteht aus kleinsten, aber nicht notwendig unteilbaren, unter sich überwiegend gleichen Teilen, so Wasser aus Wassertropfen, Gold aus Goldkörnern etc. Es sind aber in jedem Ding aus überwiegend gleichen Teilen auch andere darunter.

Hier ist das Eigentümliche, daß er sich diese qualitatie Verschiedenheit als ein Letztes und Ursprüngliches denkt, wie sollte Fleisch aus Nichtfleisch werden? Er kann sich Übergänge verschiedener Qualitäten nicht denken, also sind sie ursprünglich. Daß es kein reines Gold, kein reines Wasser gibt, beruth wohl auf Beobachtung. Er folgert daraus, daß ursprünglich die Ursamen alle zusammen, ungeschieden waren. In Bewegung und die jetzige Ordnung kamen sie durch die Vernunft. Die Vernunft erkannte alle Trennungen und Vereinigungen, alles, was war, sein wird und ist, ordnete die Vernunft durch die Bewegung, die der Geist, die Vernunft, von einem Punkt anfing, seine Bewegung geht noch immer von da auf mehreres. Der Geist ist unendlich, von sich aus mächtig, mit nichts vermischt, allein für sich; wäre er mit den Dingen vermischt, so wäre er ihrer nicht mächtig.

"Der Geist des Anaxagoras" soll augenscheinlich Gott sein, dieser als erkennend und die Ursamen bewegend.

Man hat wohl daran gedacht, einen Einfluß jüdischer Propheten auf ihn, durch Kleinasien vermittelt, anzunehmen, aber dann müßte es ein Einfluß aus der Zeit sein, wo man etwa den Eingang des ersten Buches MOSIS so verstand: "Im Anfang, da Gott Himmel und Erde gestaltete, da war die Erde wüst und leer und Finsternis war auf dem Urmeer (Thehom) und der Geist Gottes brütete über den Wassern, da sprach Gott." Schöpfung im späteren sinne was das nicht und die Vorstellung im einzelnen stimmt nicht überein. Eine Herleitung von außen ist aber gar nicht angezeigt. Nach den Pythagoreern war die Ureins das gestaltende Prinzip der Welt, bei XENOPHANES ist  ein  göttlicher Geist der höchste, bei EMPEDOKLES sind Liebe und Haß selbständige geistige Mächte, vorbereitet war also die "Vernunft" des ANAXAGORAS durchaus. Dem PLATO und ARISTOTELES erschien ANAXAGORAS mit seinem "Geist" gegenüber den gleichzeitigen und früheren Philosophen wie ein Nüchterner unter Trunkenen, aber er tat ihnen mit Erkennen der möglichen Vereinigungen und Trennungen und ihrer Bewirkung nicht genug, er sollte unter den ungleichen Vereinigungen die jedesmal nach Beschaffenheit der Ursamen beste aussuchen, also nach Zwecken verfahren, was er nach ihrer Meinung nicht grundsätzlich ausgeführt hat.

Wie sehr ANAXAGORAS die Beobachtung als Ausgangs- und Stützpunkte seiner Ansichten suchte, geht daraus hervor, wie er einen in seiner Zeit vorgekommenen Herabfall von Meteorsteinen als Beispiel anwendete. Er schloß daraus, daß die Sterne Steinmassen sein müßten und bildete sich daraus die Vorstellung: Bei der Trennung des ursprünglichen Zusammen der Urdinge trat das überwiegend Gleiche unten zusammen zu Erde, oben zu Äther (Blau des Himmels). Die erste Gewalt der Bewegung war sehr groß, durch sie wurden Steinmassen von der Erde losgerissen, im Äther glühend geworden sind sie die Sterne und die Sonne, welche letztere er ausdrücklich mit einer glühend gemachten Stein- oder Eisenkugel verglich, wie sie bei der Folterung von Sklaven benutzt wurden. Diese Auffassung trug ihm die Anklage auf Gottlosigkeit ein, denn das Griechenvolk wollte sich seinen Gott APOLLO mit den Sonnenrossen und dem Sonnenwagen nicht rauben lassen. Daß er das Belebende in Tieren und Pflanen den "Geist" sein ließ, der ihnen aber in verschiedenem Maße mitgeteilt sei, ist uns bei seiner allgemeinen Trennung des Geistes von den Urstoffen nicht mehr deutlich. Dagegen beruth die Behauptung, daß das Gleichwarme und Gleichkalte keine Empfindung errege, auf Beobachtung. Er zog daraus den Schluß, daß das Gleiche nicht am Gleichen leidet.

Die Atomistik setzt gleichfalls seiende Elemente voraus und sieht das Weren in deren mannigfacher Umordnung. LEUKIPP soll zuerst die Atome erdacht, DEMOKRIT aus Abdera, zur Zeit des peloponnesischen Krieges lebend, soll die weitere Ausführung gegeben haben. Wenn DEMOKRIT gesagt hat, die Wahrheit sei in einem tiefen Schacht oder Brunnen verborgen, so hat er damit gemeint, die gewöhnliche Sinneswahrnehmung sei dunkel, man müsse zur echten vordringen, die nach seinen Ausführungen ein geschärftes, gleichsam mathematisch-sinnliches Wahrnehmen ist. Er berief sich auf die Sonnenstäubchen (im Sinn des gewöhnlichen Lebens), diese sind unter gewöhnlichen Umständen nicht, unter besonderen aber wohl sichtbar. In ihnen sah er den Allsamen der Welt. Diese ersten Größen sind unteilbar (Atome), nicht qualitativ, sondern nur quantitativ voneinander verschieden. Das qualitativ Verschiedene könnte nicht aneinander leiden, das Gleiche wird vom Gleichen bewegt. Ihm ist also das Ungleiche zugleich, das, was sich nichts angeht, man kommt ja im Denken nicht von einem zum andern dabei, dagegen Gleiches macht sich im Denken miteinander zu tun (Schlüsse) und "immer führt den Ähnlichen zum Ähnlichen ein Gott" (HOMER). Wie man sich unendlich viele Gestalten nach DEMOKRIT denken kann, so gibt es unendlich viele quantitative Unterschiede und die Atome sind unendlich an Zahl. Der Größe jedes Atoms entspricht sein Gewicht. Es gibt aber nicht bloß Atome, es gibt auch leeren Raum. Es gibt ja Bewegung, Bewegung ist aber nicht denkbar ohne leeren Raum. Das Volle kann kein anderes in sich aufnehmen, sonst müßten sich unendlich viele Körper im selben Raum befinden können. Ist die Stelle  a  voll und nimmt trotzdem noch  b  auf, so kann ebensogut  c, d  etc., kurz die ganze Welt in sich aufnehmen, was mit der sinnlichen Wahrnehmung streitet. Ein mit Asche gefülltes Gefäß nimmt fast ebensoviel Wasser in sich auf, als wenn es leer wäre. Das kommt von den leeren Räumen zwischen den Aschenteilchen, in diese tritt das Wasser ein. - Aus dem leeren Raum und den festen Atomen erfolgt die Bewegung von selbst. Es gibt nur drei Wirkliche Unterschiede des Seienden, Gestalt, Ordnung, Lage, wie (nach ARISTOTELES)  A  von  N  verschieden ist durch Gestalt,  AN  von  NA  durch Orndung,  Z  von  N  durch Lage. Die Atome tun und leiden untereinander durch Berührung. Treten sie zusammen, so machen sie Entstehen; treten sie auseinander, Vergehen. Wachstum geschieht durch Eintreten fester Teile in noch leere Stellen. Qualitative Änderung hängt ab von Lage und Ordnung. Alles geschieht dabei nach Grund und Notwendigkeit (eben der Beschaffenheit der Atome). Hierbei findet sich das quantitativ Ähnliche zueinander, leichter Sand am Meeresufer wird tiefer ins Land geweht, schwerer bleibt näher am Ufer. Wie sich aus denselben Wörtern eine Tragödie und eine Komödie zusammensetzen läßt, so gestalten sich aus den gleichartigen Atomen verschiedene Dinge. Die Weltbildung kam so zustande: viele Atome, mannigfach an Gestalt und Schwere, stürzen im leeren Raum, die leichteren werden dabei zur Seite gestoßen; so entsteht eine Wirbelbewegung; die zusammenbleibenden bilden einen kugelförmigen Körper. Die Bewegung der Dinge im leeren Raum findet immer staat. Es gibt sehr mannigfache Welten, einige davon sind im Wachsen, andere im Vergehen. Wenn zwei Welten aneinanderstoßen, so zertrümmern sie. Die Sterne sind glühend geworden wegen ihrer schnellen Bewegung.

Bei der Seele hielt sich DEMOKRIT an das Atmen und die Lebenswärme. Im Atmen stoßen wir Seelenatome aus und ziehen neue ein, daher dauert das Leben, solange wir atmen. Aufgrund der Lebenswärme bestehen Seele und Feuer aus denselben Atomen, den kugelförmigen, wie sie in den Sonnenstäubchen sichtbar sind. Diese können wegen ihrer Gestalt durch alles hindurchdringen und alles mit in Bewegung ziehen. In allen Dingen ist soviel Seele, als Wärmestoff in ihnen ist. Daher ist eine Art Beseelung überall verbreitet. Zur Entstehung der organischen Wesen gehört aber auch Feuchtigkeit, aus der feuchten Erde sind sie hervorgegangen.

Die Seelenzustände haften an einzelnen Organen: die Begierden an der Leber, der Zorn im Herzen, das Denken im Gehirn. Er scheint sich dafür auf Ohnmachtszustände berufen zu haben, die etwa mit Schwindelgefühlen im Kopf anfingen. Das Seher erklärt er vom Bilchen im Auge aus: von den sichtbaren Gegenständen lösen sich Ausflüsse ab, diese behalten die Gestalt der Körper, es sind Bilder, die sich in der Luft abdrücken, das Auge berühren und von den gleichartigen Atomen in uns aufgefaßt werden. Ähnlich dachte er sich den Vorgang beim Gehör. Da dem einen süß erscheint, was dem anderen säuerlich vorkommt, dem einen warm, was dem anderen kalt und auch beim Farbensehen sich Ähnliches findet (Farbenblindheit), so sah er Geschmack, Wärme, Kälte, Farben nicht als Eigenschaften der Dinge an, denen nur zukommt, was sich aus den Atomen und leerem Raum versteht, sondern als mitbedingt durch das Sinnesorgan. Sie sind ihm nicht in seiender Weise, sondern konventionell, wie die Gesetze des einen Volkes ja darum nicht die des anderen zu sein brauchen. Das Denken im Unterschied von der sinnlichen Wahrnehmung entsteht, wenn die Seele nach dem Eindruck symmetrisch ist, er sagt ausdrücklich: nicht zu warm oder zu kalt, sonst tritt Ohnmacht ein oder Mangel an verständiger Besinnung (wohl solcher, die sich theoretisch und praktisch nach der Wahrnehmung richtet). Dementsprechend ist sein Ideal die Gemütsruhe, die Seele im Gleichgewicht und wie in Meeresstille. Mittelmaß wird empfohlen,  Erkenntnis  sehr hoch gestellt. Das Vaterland einer guten Seele ist die ganze Welt. Unrechttun macht unglücklicher als Unrechtleiden. Von Ehe und Kinderzeugung soll er abgeraten haben wegen der Unruhe.

Einen schlechthin unvergänglichen Gott gibt es nicht, wohl aber die Götter des Volksglaubens. Es sind Gestaltungen, welche den Menschen nahen, groß und über Menschenwuchs, schwer vergänglich, sie sagen die Zukunft voraus, wenn sie gesehen werden und Stimmen von sich geben. Es sind (darunter) wohltätige und übelbringende, die Alten, welche die Vorstellung (Eindrücke) von denselben erhielten, nannten sie Götter.

Diese übermenschlichen Gestaltungen (Bilder) denkt sich DEMOKRIT natürlich aus Atomen bestehend. Daß er ihre Vorstellungen den Alten zuschreibt, beruth wohl darauf, daß er selbst keine solchen Erscheinungen erlebte und auch wohl keiner aus seiner Bekanntschaft, aber mit seiner Weltauffassung schienen solche Gebilde verträglich. Daß sie die Zukunft voraussagen, geht wohl auf die Erzählungen eingetroffener Orakel, die DEMOKRIT selber auf die größere Erkenntnis der übermenschlichen Gestalten zurückführte.

Ich habe absichtlich an DEMOKRIT herausgestellt, wie er sich aus Beobachtungen und Denken sein mathematisch-sinnliches Weltbild entwarf; es eignet ihm eine Anschaulichkeit, daß es, wenn auch mit Umänderungen, stets wieder versucht worden ist. Man muß sich nur hüten, unsere Vorstellungsweisen einzumischen, z. B. bei den schweren Atomen sofort an die newtonsche Gravitation zu denken. Materialist in unserem Sinne war DEMOKRIT nicht, das sieht man an seiner Beibehaltung der Volksgötter, deren Sichtbarkeit und Hörbarkeit er auf Treu und Glauben der Alten nicht bezweifelt.

Was die älteste griechische Philosophie instinktiv als das Selbstverständliche gelehrt hatte,  einen  Urstoff für alles, der zugleich belebt ist, das hat DIOGENES von Apollonia (auf Kreta um 430) mit Bewußtsein gegen die Vielfachheit der Dinge und den Dualismus vertreten. Nach ihm ist die Luft der ewige und unsterbliche Urstoff, sie geht durch alles hindurch. Auch Tiere und Planzen haben ihr Leben durch die Luft; sobald diese sie verläßt, sterben sie. Der Luft muß auch Denken innewohnen, darum ist Maß in allen Dingen, darum ist alles so schön, wie nur tunlich, geordnet. Das Denken entsteht, indem die Luft mit dem Blut den ganzen Körper durch die Adern einnimmt; ist die Luft rein und trocken, so ist das Denken am besten.

DIOGENES hat für seinen hylozoistischen [belebte Materie - wp] Monismus [alles aus einem Prinzip - wp] seinen beseelten Urstoff, das Argument, das bis heute jedem Monismus unterlegt wird. "Wirklich in letzter Instanz verschiedene Dinge könnten nicht aufeinander wirken, sich nicht mischen, nicht eins dem andern helfen. Keine Pflanze könnte wachsen, kein Tier entstehen, überhaupt nicht werden, wenn es nicht so entstünde, daß es dasselbe ist. Alles muß aus  Einem  sein, damit es Tun und Leiden (Wechselwirkung) unter dem Seienden gibt."

Die Sophisten, mit welchen die Philosophie vor SOKRATES abschließt, nennen sich selbst Lehrer der Weisheit, geben Unterricht in der Kunst der Haus- und Staatsverwaltung, vor allem in der Redekunst, dem großen Mittel öffentlicher Wirksamkeit bei den Griechen seit der Ausbreitung der Demokratie. Diese Männer dachten auch nicht bloß selbständig über Staat und Recht, sondern auch über allgemeine Fragen gerade der Erkenntnis nach, wobei sie sich von der bisherigen Philosophie angeregt zeigen. So hat PROTAGORAS aus Abdera, geboren etwa 480, der zuerst als Lehrer der Weisheit und Tugend auftrat, in vielen Städten Griechenlands darauf hingewiesen, daß die Wahrnehmungen bei denselben Menschen verschieden sind nach Krankheit und Gesundheit, nach Wachen und Schlafen, nach Jugend und Alter. Wie aber dem Menschen die Wahrnehmung ist, so ist ihm die Sache. Der Mensch ist daher das Maß aller Dinge. Nicht bloß die kranke Empfindung ist subjektiv, sondern ebenso auch die gesunde; die kranke ist so durch die Beschaffenheit des Organs, aber ebenso ist es auch mit der gesunden. Man darf daher nicht sagen: etwas ist so, sondern etwas ist für mich so oder in meiner Empfindung so. Er kritisierte auch die Geometrie: die sinnlich wahrgenommenen Linien decken sich nicht mit den geometrischen, keine sinnliche Linie ist streng genommen gerade oder krumm. Einen Unterschied für die Lebensführung erkannte er an zwischen den Empfindungen: es gibt kranke und gesunde Empfindung, der Arzt verwandelt die erste in die zweite. So ist es auch im Sittlichen: die Belehrung macht den schlechteren Zustand zu einem besseren. Tugend ist, sein Haus gut zu verwalten und in politischen Dingen geschickt zum Handeln und Reden zu sein. Der Beredtsamkeit rühmte er nach, daß sie die schwächere Sache zur stärkeren machen könne.

Ein Wissen über Existenz oder Nichtexistenz von Göttern lehnte er ab, weil die Sache dunkel (nicht offenbar zu machen) sei und das menschliche Leben kurz. Das letztere soll wohl auf eine praktische Bewährung hindeuten, für die nur in längerer Zeit Raum sei. Diese Behauptung über die Götterfrage trug ihm die Verbannung aus Athen gegen Ende seines Lebens ein.

GORGIAS aus Sizilien lebte während des peloponnesichen Krieges und darüber hinaus in Griechenland und Thessalien und war vor allem durch seine Redekunst von Einfluß auf den griechischen Stil. Er hat das Problem des Verhältnisses von Denken und Sein und von Sprache zu Denken und Sein angeregt. Seiendes und Gedachtes sind verschieden, man kann vieles denken, was nicht ist, einen fliegenden Menschen, einen auf dem Meer laufenden Wagen. Der Irrtum beweist die Verschiedenheit von Seiendem und Gedachtem. Hier wird nach einem Kriterium gefragt, welchen Vorstellungen Realität zukomme und welchen nicht. Weiter argumentiert er: die Vorstellungen, durch welche ich einem anderen eine Sache mitteile, sind meist etwas ganz Verschiedenes von dieser. Alle Rede besteht in Tönen und ist für das Ohr; wie kann ich Farben durch Töne ausdrücke, Farben, die bloß dem Gesicht verständlich sind. So hat GORGIAS die Fragen der Sprachphilosophie angeregt.

Da sich die Sophisten zunächst mit dem praktisch-politischen Leben abgaben, so langen ihnen auch hier Probleme nahe. Sie erklärten zum Teil das Recht für den Vorteil des Stärkeren. Die Natur lehre, daß es recht ist, wenn der Stärkere mehr habe als der Schwächere, der Mächtige mehr als der Ohnmächtige. Dem gegenüber seien die gewöhnlichen Gesetze eine Erfindung der Schwachen und der Menge, um sich hiergegen zu wehren; sie sind also gegen das Naturrecht. KRITIAS erklärte die Religion für die Erfindung kluger Staatsmänner: um die Menschen von Gewalt und Unrecht abzuschrecken, machten sie Gott zum Aufseher über die guten und schlechten Taten. - Man stellte so einander konventionelle Einrichtungen und Festsetzungen von Menschen und darum wandelbar dem gegenüber, was Natur sei, welche Natur man auf die Götter zurückdeutete. Gute Gedanken, aber von PLATO und ARISTOTELES verworfen, wurden durch einzelne Sophisten hier aufgestellt, so hat nach ALKIDAMAS Gott alle freigelassen, keinen hat die Natur zum Sklaven gemacht.

Auch um Wissenschaft im Unterschied von Philosophie haben Sophisten sich bemüht, so unterrichtete HIPPIAS aus Elis in Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, auch in Geschichte. PROTAGORAS unterschied zuerst in der griechischen Sprache das männliche, weibliche und sächliche Geschlecht bei den Wörtern, er legte also den Grund zur Grammatik. PRODIKUS war Erfinder der Synonymik. Man darf nur daran denken, daß in der alexandrinischen Zeit sich als Fächer der allgemeinen Bildung herausarbeiteten Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik, so erkennt man, daß sechs von diesen Disziplinen durch die Sophisten schon betrieben wurden, die Dialektik mußte freilich aus ihrem Witz erst durch PLATO und ARISTOTELES zur Besonnenheit gebracht werden.

Ich habe die vorsokratische Philosophie auf ihren Wissenbegriff eingehender durchgegangen, weil in diesen Männern eine Fülle origineller Erstlingsversuche vorliegt: mit Beobachtung, mit Mathematik, mit bloßem Denken, mit Verbindung von alledem such man eine Gesamtansich zu gewinnen, manche haben entschieden einen theoretischen Zug, bei anderen mischen sich Wertgefühle als bestimmend ein. Wie groß die Gegensätze gerade hier sein können, zeigen die Eleaten einerseits, HERAKLIT andererseits. Bei der Fülle und Verschiedenheit der Versuche zu einer Philosophie war es nicht zu verwundern, daß man zuletzt auch rein subjektivistische Ansichten aufstellte oder bloß Probleme aufstellte ohne die Kraft ihrer Lösung. Der Zauber des Selbstgedachten wohnt all diesen Bestrebungen ein und wirkt noch immer anziehend.
LITERATUR - Julius Baumann, Der Wissensbegriff, Heidelberg 1908