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ADOLF LASSON
Das Gedächtnis
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"Gedächtnis im eigentlichen Sinne kann es geben bei den Gegenständen, die unter dem Schema des Begriffs gedacht werden. Das Ding verändert sich; es ist nachher nicht, wie es vorher war. Wird ihm dennoch Identität zugeschrieben mitten im Wechsel dessen, was ihm zustößt oder entgleitet, so ist diese Identität nicht seine eigene, sondern eine ihm von außen angetane."

"Vom Ich aus und von dem was wir in ihm als seine Tätigkeitsform und seine Vollendung vorfinden, muß das Verständnis der gesamten Welterscheinung gefunden werden. Das Ich ist das Lebendige auf höchster Stufe, damit die reinste Erscheinungsform des Begriffs. Dem Ich am nächsten verwandt ist alles Lebendige. Wie das Ich bewahrt alles Lebendige seine Vergangenheit mit allem Erlebnis, aller Erfahrung und allem Erleiden in sich und hat daran sein Gedächtnis, seine Einheit und Identität."

"Die starre tote Dinglichkeit einer seelenlosen Materie existiert nirgends in der Welt; sie ist nirgends nachweisbar, nirgends eine gegebene Tatsache. Sie wird angenommen verständigerweise als eine Hypothese zu methodischen Zwecken um die Aufgabe zu vereinfachen; behauptet wird sie dogmatisch nur durch den gröbsten Denkfehler und durch das Vorurteil, das sich Empirismus nennt, weil es sich von keiner Erfahrung, einer Tatsache, keiner Art der Widerlegung überführen zu lassen unerschütterlich entschlossen bleibt. "


VII.

Diejenige Äußerung der Einheitsfunktion, die sich unter dem Begriffsschema des Begriffs vollzieht, ist tatsächlich im Denken aller Menschen die herrschende. Das kann schon wegen der Natur der Sprache nicht anders sein, deren gesamtes Zeichensystem auf der Gliederung der Erscheinungen nach Gattungen und Arten beruth und im Erfassen des Allgemeinen wurzelt. In sprachlicher Form aber vollzieht sich alles Denken. Allerdings, dem Bewußtsein der Menschen, wenn sie sich über ihr Denken Rechenschaft ablegen wollen, stellt sich die Sache ganz anders dar. Denn nicht bloß die ungebildeten und im Denken ungeübten Menschen, sondern auch viele von den fach- und kunstmäßigen Denkern bannt die sinnliche Vorstellung in ihre Schranken, so daß sie über diese nicht hinaussehen können. Die Form der Allgemeinheit und des Begriffs, in der ihr Sprechen und Denken wirklich geschieht, erscheint ihnen als eine bloß subjektive, künstlich zu bestimmten Zwecken erfundene, die mit der Natur der Dinge selbst nichts zu tun hat und sie meinen allen Ernstes, dieses Beirrende ablegen zu können und zu sollen. Und selbst das Schema des Wesens, so unvermeidlich es ihrem Denken zugrunde liegt, bleibt doch ihrem Bewußtsein fremd. Im vollen Gegensatz zur Form, in der sich ihr Denken wirklich vollzieht, meinen sie mit dem Schema der Substanz überall auskommen zu können und keines weiteren zu bedürfen. Die Tatsächlichkeit des sinnlichen Dings als des Gegenstandes der äußeren Wahrnehmung und des Trägers der sinnlichen Erscheinungen hält ihr Urteil so gefesselt, daß sie alles, was im Denken vorkommt, in diese gleiche Form einzuspannen immer wieder den Versuch machen und sich auch durch die völlige Undenkbarkeit der so gewonnenen Meinungen von Versuchen nicht abschrecken lassen. In ihrer fanatischen Festigkeit bleiben sie gegen alle bessere Überlegung gewappnet und sperren sich gegen jede Belehrung ab. Und doch sollte die eine Tatsache des Gedächtnisses ausreichen, um sie von der wahren Natur ihres Denkens und dem Reichtum der Gestaltung desselben, der sich auf jene ärmste Form keineswegs einschränken läßt, zu überführen, wenn es überhaupt irgendetwas im Himmel oder auf Erden gibt, was diese Leute zu dem Bekenntnis zu bewegen vermöchte, überführt zu sein.

Gedächtnis im eigentlichen Sinne kann es geben bei den Gegenständen, die unter dem Schema des Begriffs gedacht werden. Das Ding verändert sich; es ist nachher nicht, wie es vorher war. Wird ihm dennoch Identität zugeschrieben mitten im Wechsel dessen, was ihm zustößt oder entgleitet, so ist diese Identität nicht seine eigene, sondern eine ihm von außen angetane. Dieser Tisch oder dieses Haus hat eine Einheit und einen gleichen Bestand wohl für mich, der sich nach seinen Zwecken oder nach bloßer Gewöhnung diese Einheit setzt und in der Veränderung das Ding als dasselbig festhält; aber ansich haben sie keinen Bestand und keine Kraft, sich in dieser Einheit selbst zu erhalten. Solange ich etwas bloß als Ding ansehe, kann ich ebensogut wie das Ding auch jeden seiner Teile als Einheit ansehen und als Einheit in der zeitlichen Veränderung festhalten und kann es ebenso machen mit den Teilen dieser Teile usw. ins Unendliche. Das Ganze ist ebensowenig eine Einheit ansich, wie der Teil, und seine Identität im Wechsel der Zeiten ist ebensowenig eine ansich seiende, wie es beim Teil oder dem Teil des Teils der Fall ist. Andererseits, wo bloß unter dem Schema des Wesens gedacht wird, da ist wohl eine Vielheit von bleibenden und beständigen Monaden; aber dafür gibt es hier kein wirkliches Geschehen, keine echte Veränderung. Das Wesen behauptet sich nicht eigentlich, es besteht nur fort in der Mannigfaltigkeit seiner Erscheinung, die es gar nicht tiefer berührt; denn es spielt sich ja nur ab, was ein für allemal auf der Walze aufgetragen war, ein überall gleicher, nirgends neuer oder eigentümlicher Inhalt. Da ist kein wirklicher Kampf und Gegensatz, nur eine erscheinende Mannigfaltigkeit in der Einheit des Wesens, und darum auch nicht die wahrhafte Form des Gedächtnisses, daß das Vergangene über die Zeit und die Vergänglichkeit triumphiert und fortbesteht, obwohl es doch vergangen ist. Erst das, was unter dem Schema des Begriffs gedacht wird, ist wahrhaft individuell, durch und durch bestimmt, an sich und in sich eine geschlossene Einheit, Gattungswesen als Einzelfall eines Allgemeinen, die Verwirklichung des Begriffs in einer unvergleichlichen und unersetzlichen Einheit. Und dieses Einzelwesen erfährt an sich eine fortwährende Veränderung und behauptet sich in dieser Veränderung als ein und dasselbe, nicht so, daß es nur von außen festgehalten würde, sondern so, daß es sich selber festhält, sich in seiner Einheit behauptet und durch die eigene Tätigkeit bleibt, was es war, und ist, was es sein wird. Erst diese Form der Identität des bestimmten einzelnen Seienden mit sich darf wirklich Gedächtnis heißen. Das Individuum, das ein Allgemeines ist in der Form der Einzelheit und einzelnes in der Form der Allgemeinheit, hat sein Gedächtnis daran, daß es ist, was es war, daß seine Vergangenheit für es nicht vergangen ist, sondern fortdauert, daß seine Zustände und Veränderungen in ihm gegenwärtig bleiben als Momente dessen, was es ist und was es hat.

Veränderungen mit den beschriebenen Kennzeichen nun heißt  Leben Dasjenige lebt, was sich durch innere Kräfte und eigene Tätigkeit in der Veränderung eines Geschehens von unendlicher Mannigfaltigkeit in einer Einheit mit sich selbst erhält als ein in sich geschlossenes, durchaus bestimmtes Individuelles. Wo Leben ist, da ist auch wirkliche Veränderung, ein eigentliches Geschehen im höchsten Sinne des Wortes, keine bloße Entfaltung eines schon vorhandenen, nur in der Latenz befindlichen Mannigfaltigen von Zuständen, sondern ein beständiges Auftreten von neuem Inhalt, der so noch nicht da war, und doch wieder kein Herantreten von beliebigem äußerlichen und gleichgültigem Inhalt an das Lebendige, sondern zugleich ein Ausblühen aus der eigenen inneren Kraft, ein Verwirklichen der im Kreis des Einzelwesens liegenden Möglichkeiten, eine Erfüllung der Anlage, eine Herausbildung des noch unbestimmten Inneren zu einer bestimmten Gestalt. Und in diesem reichen Geschehen nun bleibt die Einheit des Lebendigen mit sich gewahrt. Die Mannigfaltigkeit des Geschehens hat keine Macht über die Einheit, sondern die Einheit hat die Macht über die Mannigfaltigkeit. Die Einheit ist das Durchdringende, Übermächtige, und alle Zufälle und Vorgänge müssen doch schließlich dazu dienen, damit dieses einzelne Seiende wird, was es werden kann, und seine Anlage sich realisiert. Alles, was mit diesem Einzelwesen geschieht, das ganze Universum, das auf dieses Einzelwesen von allen Seiten eindringt, wird beständig so gelenkt und gebändigt, daß dieses Wesen sich darin behauptet als das, was es war und was es bleiben muß. In diesem Sinn heißt die sich erhaltende Einheit und Dieselbigkeit der  Zweck das gesamte Geschehen mit all seinem Reichtum ist ein System von Mitteln für diesen Zweck, und der Lebensprozeß des sich von innen behauptenden Wesens wird  Entwicklung  genannt.

Etwas entwickelt sich, das heißt, es verändert sich zwar, aber es wird nichts anderes. Es nimmt neue Bestimmungen an, aber diese Bestimmungen erwachsen im aus seinem eigenen Vermögen. Es steht mitten unter den Bedingungen des rastlos sich bewegenden Universums und empfängt Einwirkungen von allen Seiten; aber was mit ihm geschieht, das ist in seiner Anlage vorgesehen und vorgedeutet, und außer dieser seiner natürlichen Anlage kann ihm nichts geschehen und nichts begegnen. Nicht alle Möglichkeiten, die in seiner Anlage enthalten sind, werden realisiert, sondern nur einige; aber gerade dadurch wird das sich Entwickelnde etwas durchaus Bestimmtes und durchaus Singuläres. Entwicklung ist eine stetige Aufeinanderfolge des Verschiedenen, die eine bestimmte Richtung innehält. Sie hat einen bestimmten Ausgang und ein bestimmtes Ende, und zwischen Anfang und Ende einen bestimmten Weg mit bestimmten Stadien. Zwischen solchen Stadien bleibt immerhin ein Sprung; aber es herrscht die Tendenz vor zur Stetigkeit und Ausgleichung, so daß das Verschiedene zu einer möglichst raschen Berührung gelangt, und der Unterschied zwar immer noch ein bestimmter bleibt, aber möglichst verringert wird. Und weil die Erhaltung des sich Entwickelnden in seiner Einheit und die Verwirklichung der Anlage alle Veränderung als das durch sie zu Bewirkende durchdringt, dem die Veränderung dienen muß und das sie nicht hindern darf, so haben die verschiedenen Stadien, wie sie aufeinander folgen, auch in Bezug auf einen solchen Zweck, der sie als immanente Macht bindet, einen verschiedenen  Wert,  und das Geschehen ist dadurch ein Wachsen und Blühen, Zeugen und Fruchttragen, Welken und Schwinden. Wo Entwicklung gedacht wird, da wird eben dies gedacht, und dieses so gekennzeichnete Geschehen ist ein Geschehen unter der Macht des Begriffs.

Damit das Geschehen eine Entwicklung sein kann, muß das, woran sich das Geschehen vollzieht, ein bestimmtes Einzelwesen sein, dessen Form sich erhält, mögen auch die Stoffe wechseln. Dieses lebendige Einzelwesen von bestimmter Form und mit einem in bestimmten Stadien verlaufenden Lebensprozesses haben die Neueren sich gewöhnt, in seiner primitivsten und ärmsten Gestalt eine  Zelle  zu nennen. Es ließe sich denken, daß man, ebenso wie man in den zusammengesetzteren organischen Gebilden die Zelle als ursprüngliches organisches Element festzuhalten gelernt hat, über das was man heute als das einfachste geschlossene lebendige Gebilde kennt, sich gezwungen sehen wird, hinauszugehen zu noch Einfacherem und noch mehr Elementarem; aber der wesentliche Charakter wird eben derselbe bleiben, wie weit man auch immer vom Zusammengesetzten auf noch Einfacheres zurückgeht. Eben darum können wir uns auch für das erste Lebendige, wie weit es auch zurückliegt, des Ausdrucks  Zelle  bedienen. Die Zelle hat, so einfach oder so verwickelt ihr Bau auch sein mag, ihre eigentümliche Form und bewahrt sie; sie hat ihre eigentümliche Anlage und entwickelt sie. Sie ist Einheit ansich und wird als solche gefunden, nicht bloß künstlich dazu erhoben; sie besitzt ein System von Kräften, die jegliches, was mit ihr geschieht, in eine bestimmte Bahn lenken und sich nicht irre machen lassen. Durch solche innere Kräfte bleibt sie in Identität mit sich; diese Identität wird ihr nicht von außen geliehen. Nicht im kleinsten Zeitteilchen bleibt sie ganz wie sie war; unendlich vieles geht mit ihr in einem kontinuierlichen Zeitstrom vor, und sie ist offen und zugänglich für die Einwirkung aller Dinge rings um sie her, des ganzen sich rastlos bewegenden Weltalls. Aber was mit ihr vorgeht, das ist für sie nicht vergangen noch verloren; es bleibt in ihr aufbewahrt und dient ihrer Entwicklung. Die Zelle hat Glieder; denn alle Teile sind in ihr auf die lebendige Einheit bezogen, die sich diese Glieder immer wieder neu anbildet, und wie die Glieder aus der Einheit hervorgehen, so erzeugt sich die Einheit immer wieder aus ihren Gliedern. Mit ihren Gliedern wird die Zelle selbst reicher und mächtiger. Es wächst ihr Vermögen, und wenn sie selbst zerfallen muß, weil ihre Kraft der Selbsterhaltung endlich ist und sich nach längerer oder kürzerer Zeit erschöpft, so hat sie aus ihrem Vermögen andere Wesen ihrer Art und Form hervorgebracht, so daß die Gattung fortbesteht im Wechsel der Individuen.

Die lebende Zelle hat somit eine wirkliche Geschichte. Denn alle Veränderung, die mit ihr vorgegangen ist, bildet ihren gegenwärtigen Bestand. Wie sie jedesmal ist, das ist das Erzeugnis ihrer gesamten Vergangenheit. Das bloße Ding hat keine Geschichte. Denn was das Ding erleidet, das bleibt nicht, weil das Ding nicht bleibt, weil es keine Einheit noch Identität an sich hat und sich nicht selbst in einem solchen Bestand erhält. Was dagegen der lebendigen Zelle geschieht, das bildet eine Veränderung in dem einheitlichen, sich in seiner Form und seinem Bestand erhaltenden Wesen. Alles wird hier aufgespeichert und erscheint in der Modifikation der dem Wesen eigenen Form wieder, nicht als eine bloße äußere Summe oder Anhäufung, sondern als unaufhebbarer Faktor in der gesamten Bestimmtheit des Wesens, der im Zusammenwirken mit allen anderen Erlebnissen dieses bestimmte Einzelwesen in seiner unvergleichlichen Singularität hat gestalten helfen. Und alles was dieses Einzelwesen noch weiter werden kann, das wird durch seine gesamte Vergangenheit festgelegt. Das Vergangene ist im Gegenwärtigen aufbewahrt und bestimmt das Zukünftige. Die innere Macht, die das Wesen besitzt, sich in seiner Einheit zu erhalten, wird beständig modifiziert durch das, was mit ihm vorgegangen ist und vorgeht; aber aus der gattungsmäßigen begrifflichen Form fällt es trotzdem nicht heraus, und schließlich dient alles Erlebnis dazu, die Kraft der Selbstentfaltung daran zu bewähren. Allem Kommenden steht das Wesen mit der durch seine Vergangenheit erlangten Macht gegenüber, und jede spätere Einwirkung, die es erfährt, wird durch die gewordene und entwickelte Eigentümlichkeit bestimmt und abgeändert. In all dem ist die lebendige Zelle das elementare Urbild unseres  Ich  und das Erlebnis der Zelle die einfachste Abspiegelung des unendlich reichhaltigen Geschehens, von dem aus unser Selbstbewußtsein Kunde gibt. Die Erfahrung dieses Selbstbewußtseins wird in der Tat für uns zum Ausgangspunkt, von dem aus wir die Lebensprozesse in allem, was uns die Erfahrung draußen darbietet, zu verstehen suchen müssen.


VIII.

Im Ich ist das alles versammelt und potenziert, was sich uns im elementaren Leben der Zelle objektiv darbietet. Das Ich ist im höchsten Sinne die Macht, sich mitten im Wechsel des Erlebens und der Veränderung in Einheit und Identität mit sich zu erhalten. Als solche Macht erfaßt sich das Ich ausdrücklich in seinem Wissen von sich; es hat nicht nur diese Macht, es bezieht sich auch auf sich in reflektierender Weise mit dieser seiner Macht und indem es sich ausdrücklich festhält, wächst ihm das bewußte Wollen der Selbstbehauptung zu gegenüber allem Äußeren und aller Einwirkung, die es vom Äußeren erfährt. Das Ich unterscheidet sich in seinem Wissen und Wollen von aller Bestimmtheit, die es an sich erlebt, und vermag sich aus seiner Singularität heraus in seiner Reflexion über jeden zeitlichen Moment zu erheben und in seine reine Form wieder einzukehren. Die Macht der Selbstbehauptung wird hier zu dem Vermögen, in der Einzelheit seines Daseins das Allgemeine, in seiner Besonderheit den reinen Gattungscharakter, in seiner Zufälligkeit das Typische und Ideale an sich auszuprägen. Die Erhaltung der Form in einem uendlichen Wechsel des Geschehens, des Erlebens und Erleidens stellt sich im Ich dar als die Einkehr in die Vernunft, als das Herausbilden und Festhalten des Allgemeingültigen mitten in der konkreten Einzelheit der Individualität, die ebensowohl von der unendlichen Anlage wie von einem geschichtlichen Zufall der unvergleichlichen und unersetzlichen Besonderung zeugt. Indem das Ich sich als allgemeines festhält und die Allgemeingültigkeit seines Wesens mehr und mehr realisiert, erfüllt es seinen Beruf, alles was auf niederen Stufen des Daseins in der Welt als Übereinstimmung der Wirklichkeit mit dem Begriff gefunden wird, in sich im höchsten und vollkommensten Sinn so zu steigern, daß im Ich das Zeitliche zum Ewigen wird, daß sein Wollen sich zu einem sittlichem Schaffen unter dem Gesichtspunkt der freien Selbstentschließung seine Phantasietätigkeit zur Erzeugung der reinen Formen, sein Denken zu selbstloser Hingebung an die Vernunft der Sache gestaltet.

Vom Ich aus und von dem was wir in ihm als seine Tätigkeitsform und seine Vollendung vorfinden, muß das Verständnis der gesamten Welterscheinung gefunden werden. Das Ich ist das Lebendige auf höchster Stufe, damit die reinste Erscheinungsform des Begriffs. Dem Ich am nächsten verwandt ist alles Lebendige. Wie das Ich bewahrt alles Lebendige seine Vergangenheit mit allem Erlebnis, aller Erfahrung und allem Erleiden in sich und hat daran sein Gedächtnis, seine Einheit und Identität. Im Lebendigen ist das Ewige über allen Zeitverlauf hinaus als ein wirklich Vorhandenes da und zeigt sich uns in der beharrenden Form, die in der Zeugung sich stetig erneuernd, stetig sie selber bleibt und das Geschehen immer wieder lenkt und regelt. Im Ich kennen wir die höchste Form solcher Lebendigkeit. Hier bietet sie sich uns dar als die stetige Selbsthervorbringung des  Geistes  mit allen seinen unabtrennbaren ewigen Formen; hier haben wir zugleich die vollendete Rückbeziehung auf sich als Wissen von sich, von seinem Ergehen und seinem Tun, seiner Vergangenheit und Gegenwart in einem im höchsten Sinn einheitlichen Wesen, das ganz in seinen Mittelpunkt versenkt alles zum Umkreis Gehörige in dieser zentralen Einheit seines Selbstbewußtseins sammelt.

Aber diese höchste und vollendetste Stufe ist von den niederen Stufen der Lebendigkeit doch nicht getrennt; vielmehr ruht sie auf ihnen und geht aus ihnen nicht bloß das eine oder das andere Mal, sondern stetig hervor. Die Stufenfolge dieses Aufsteigens von den niederen Stufen der Lebendigkeit zur höchsten ergibt die unendlich vielen Grade der Helligkeit und Dunkelheit des Selbstbewußtseins und damit des Bewußtseins überhaupt. Nicht auf einmal, nicht unvermittelt springt der höchste, reinste Grad des Bewußtseins hervor; nicht mühelos und kampflos als etwas Selbstverständliches wird er behauptet. Vielmehr in ihm ist die reichste, die mannigfaltigste, tiefgehendste Vermittlung, ist die stärkste Arbeit und ernsteste Anstrengung der Selbstbehauptung vorausgesetzt. Die obersten Stufen der Selbstverwirklichung werden deshalb selten überhaupt erreicht; eine Allgemeingültigkeit der Anschauung, des Denkens und Wollens tritt in diese Welt wie ein seltener Gast durch Offenbarung und Eingebung, unter der Gunst der Anlage und der Bedingungen als die Erscheinung großer typischer Persönlichkeiten hinein. Die Masse bleibt in der Vermittlung und den niederen Stufen stecken bis an die Grenze des Tierischen und Pflanzlichen heran. Geist ist überall die Krone der Entwicklung, der Abschluß eines unendlich mannigfaltigen Geschehens, das sich nicht bloß einmal, das sich stetig vollzieht. Darum ist der Geist nicht wie ein ruhendes Ding, sondern wie ein lebendiger Prozeß, als die höchste Spitze des Lebensvorganges selber zu betrachten. Geist ist auch kein Sein als bloßes Gesetzwerden, sondern ein stetiges tätiges Sichselbstsetzen.

Gehen wir vom Geist auf seine Voraussetzungen zurück, so finden wir sie zunächst in den verschiedenen Stufen und Formen des  Bewußtseins Gehen wir hinter diese zurück, so stoßen wir, wenn wir ohne Voreingenommenheit den Tatsachen folgen, nicht etwa auf das Unbewußte, sondern immer nur auf das weniger Bewußte. Von Bewußtsein sprechen wir erst, wo die wissende Reflexion des Wesens in sich einen gewissen höheren Grad der Helligkeit erreicht hat, und können dann verfolgen, wie innerhalb der Sphäre, die Bewußtsein heißt und doch noch nicht  Geist  im eigentlichen Sinne genannt werden darf, diese Helligkeit zunimmt bis dahin, wo dem Ich sein allgemeingültiger Inhalt als gewußter aufgeht und wo es sich dadurch als Geist erfaßt und Geist wird. Dem Bewußtsein als dem höheren Grad voraus liegen niedere Grade der Helligkeit, wie sie uns im Empfindungs- und Triebleben auch schon der Tiere entgegentreten. Wir nennen dieses ganze Gebiet des weniger Bewußten  Seele  und beziehen es auf einen  Leib  als dessen äußerliches Korrelat. Nun mögen wir die Äußerlichkeit, den ding-ähnlichen, materiellen Charakter des Leibes noch so sehr betonen: zwischen Leib und Seele den Bruch setzen, der zwischen Seele und Bewußtsein, zwischen Bewußtsein und Geist unzulässig ist, wäre in jedem Sinn verkehrt und beruhte einfach auf einem Denkfehler. Vielmehr gerade zwischen Leib und Seele ist das Band so eng, die Beziehung so innig, die Grenze so bis zur Ununterscheidbarkeit flüssig, daß hier offenbar erst recht nur von zwei Stadien in der Entwicklung ein und desselben Wesens gesprochen werden kann, das ebenso wie es Bewußtsein und Geist zu werden veranlagt und berufen ist, von vornherein Leib und Seele, beseelter Leib, verleiblichte Seele ist, so daß Seele und Leib nicht zeitlich aufeinanderfolgende und sich etwa ablösende, sondern stetig ineinander umschlagenden Bestimmtheiten seines Lebensvorganges darstellen.

Man darf sich nur nicht verleiten lassen, mit der groben Befangenheit der gemeinen Anschauung unter "Leib" die materielle Masse zu verstehen. Diese kann mit allen ihren einzelnen Bestandteilen kommen und gehen, der Leib wird dadurch nicht verändert. Der im Wechsel materieller Vorgänge identisch sich erhaltende Leib ist vielmehr eine bleibende und sich entwickelnde Form, ein Prinzip der Anordnung, ein System von Beziehungen, ein Ganzes teleologisch bestimmter Vorgänge, nimmermehr aber selbst ein Ding oder ding-ähnlich. Damit ist er durchaus seelenverwandt, und sein Unterschied von der Seele besteht darin, daß seine Äußerlichkeit nichts weiter als einen niederen Grad seelischer Innerlichkeit bedeutet, daß er als noch weniger Bewußtes die Vorstufe des höher Bewußten als der Seele bezeichnet, wie diese der ausdrücklichen Stufe des Bewußtseins, diese Bewußtseinssphäre aber dem Geist vorangeht. Mein Leib ist die Gesamtheit all der Präpositionen, all der aufgesammelten Kräfte und Fertigkeiten, durch welche es geschieht, daß ich gehen und klettern, Klavier spielen und einen Vortrag halten, eine eigene Abhandlung schreiben, eine fremde verstehen kann, soweit diese Kräfte und Fertigkeiten möglichst weit hinter meinem Bewußtsein zurückliegen. Alle diese Prädispositionen sind zugleich in der Seele gesetzt als Elemente meiner Innenwelt, und im Leib gesetzt als Kraft und Grund, Prinzip und Ordnung materieller Vorgänge. Was dem Leib angehört, das umfaßt selbst wieder einen weiten Bereich von Stufen werdender Innerlichkeit. Das Niedrigste am Leib grenzt an das Unbewußte, wie die materielle Äußerlichkeit überhaupt daran angrenzt; das Höchste an ihm, wie wir es in seinen Zentralteilen erfassen, geht unmittelbar in eine seelische Innerlichkeit über. Was wir in äußerlicher Gegenständlichkeit in den kortikalen Schichten der Hemisphären des großen Gehirns vor uns haben mit der Verflochtenheit ihrer Elementarteile und den Leitungen und Bahnen zwischen ihnen, mit all den Koordinationen, die als völlig eingeübt und fertig ein dauernder Bestandteil des Organismus, typisch für die Gattung oder singulär für das Individuum geworden sind, das ist ganz dasselbe, was uns in anderer Form als das System der Triebe, Gebärden und Instinkte entgegentritt, nur dort als verflochten mit der Äußerlichkeit eines materiellen räumlichen Daseins, hier als aus der räumlichen Erscheinungsform umgewandelt zu Bestimmtheiten der Innerlichkeit, wie sie sich zeitlich ausbreitet, zeitlich verläuft und sich im Zeitverlauf in sich einheitlich zu einer Identität des Wesens sammelt.

Was mit dem Leib eigentlich gemeint ist, das ist also das einheitliche  Subjekt,  das sich auf höchster Stufe als Geist bewährt. Der Leib ist Voraussetzung dieses einheitlichen Subjekts, der Inbegriff der äußeren Bedingungen für seine Herausbildung, nicht als ihm fremd, sondern als ihm selber immanent, als seine organische Vorstufe, als des Geistes eigene Außenwelt, aus der sich der Geist stetig zurückgewinnt; alle sonstige Äußerlichkeit aber, die gesamt gegenständliche Welt überhaupt, fließt dem Geist mittels seines Leibes zu, der in einem allseitigen Zusammenhang mit allen Elementen dieser gegenständlichen Welt ebenso auf sie wirkt, wie er Einwirkungen von ihr empfängt. Im letzten Grund hat der Geist seinen Leib an der gesamten Außenwelt, deren höchstes Gebilde der organisierte menschliche Leib ist. Was in diesem Leib einheitlich gesammelt ist in engster wechselseitiger organischer Beziehung, das ist in der Außenwelt zerspreitet [ausgebreitet - wp] und auseinandergelegt, gewissermaßen eine Verlängerung und Erweiterung des Leibes zu einem System von Bedingungen für die Herausbildung des Geistes, und damit zugleich ein einheitliches, von Zweckbeziehungen allseitig durchwirktes Universum.


IX.

Der leibliche Organismus, der die Voraussetzung des zum Geist veranlagten Subjekts, seine unterste Entwicklungsstufe ist, ist nicht bloß hier und da, in diesem oder jenem Teil, sondern durch und durch organisiert. Alles an ihm vom Größten zum Kleinsten ist Glied, und das bloße Aggregat äußerlich verbundener Teile wird nirgends an ihm gefunden, auch nicht im kleinsten Umfang, wenn auch Wert und Bedeutung der Glieder für die zentrale Einheit und die Form und Selbsterhaltung des Ganzen eine unendlich abgestufte ist. Das Element des Organismus ist selbst organisiert, die in geschlossener Form als Einheit sich erhaltende, wachsende und zeugende Zelle, die wie ihre eigene Form und eigene Geschichte so auch ihr eigenes Gedächtnis und ihre eigene Innerlichkeit hat. Undenkbar, daß sich dieser Elementar-Organismus einfindet in einer ihm völlig fremdartigen Welt, sich bildet aus Teilen und Vorgängen, die seiner Natur völlig unangemessen wären, seinen Lebensprozeß fortsetzt und unterhält mit totem Stoff, der ganz ohne eigene Form, rein mechanisch bewegt, eine starre Äußerlichkeit wäre. Eine Welt, in der das Organische nicht bloß zufällig vorkommt, sondern als die regelmäßige, selbstverständliche Erscheinung, in der das Lebendige leben und zeugen, die Gattung sich fortpflanzen, das Organisierte sich zum Ich, zum Geist entwickeln und der Geist denkend, dichtend, handelnd seine Innerlichkeit und Freiheit äußern, das Äußere mit seinem Stempel prägen kann, - eine solche Welt ist selber organisch, nicht bloß hier und da, sondern durchgängig, und nicht bloß so, daß sie das Organische zu ertragen oder zu erzeugen und zu ernähren vermag wie einen seltsamen Spezialfall im weiten Umkreis ihrer Erscheinung, oder daß sie auf das Organische von vornherein veranlagt und abgemessen ist, sondern vielmehr so, daß es ein schlechthin Unorganisches, schlechthin Formloses, Seelenloses, etwas was schlechthin ohne Innerlichkeit und Bewußtsein wäre, in ihr nicht geben kann, an keiner Stelle ihres Umkreises geben kann. In dieser Welt, in der wir leben, die die Heimat unseres Geistes ist, zu der wir als Bestandteile gehören, die das Objekt unseres denkenden, fühlenden, wollenden Bewußtseins bildet, kann das Unorganische immer nur bedeuten weniger Organisiertes, das Äußerliche weniger Innerliches, die Materie weniger Geformtes, das Tote weniger Lebendiges, das Sinnliche weniger Geistiges, und die Fülle ihrer Erscheinungen muß sich gliedern lassen in Reihen und Gruppen nach den unendlichen Stufen der Organisiertheit, Lebendigkeit und Beseeltheit von der niedersten bis zur höchsten.

In der Tat, so betrachten alle denkenden Menschen das Objekt, wie wir es auch nennen mögen: Natur, Welt, Universum; nur wenn sie sich über ihre Weltbetrachtung Rechenschaft ablegen, ihre Gedanken ausdrücken sollen, dann vergreifen sie sich und lassen sie sich durch die falschen Analogien ihres sinnlichen Bewußtseins verführen. Niemand vermag etwas zu denken, was selbst ohne Form, ohne Qualität, ohne Kraft wäre, etwas worauf nur gewirkt würde, ohne daß es mitwirkt, etwas was nicht bleibt, was es ist, was sich nicht im Wechsel des Geschehens zu erhalten vermöchte, etwas, wofür das Vergangene schlechthin vorüber wäre ohne jede Art von Gegenwärtigkeit. Wo aber irgendwie die eigene Form und der Bestand in dieser Form, wo irgendwie Einheit und Geschlossenheit, eine bestimmte Eigenheit und ein bestimmter Unterschied als bleibend und sich behauptend gegeben ist, da ist auch Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit der organisierten Zelle in einem näheren oder ferneren Grad gegeben. Und es ist auch nirgendwo Chaos. Diese Welt, in der wir leben und die der Gegenstand unserer geistigen Tätigkeiten, die äußere Bedingung und Voraussetzung unseres geistigen Lebens ist, zeigt überall eine begriffliche Bestimmtheit. Wir erwarten sie von ihr, und nirgends werden wir in unserer Erwartung getäuscht. Wir halten sie für erkennbar und treten mit dieser Erwartung an sie heran; wir können nicht anders, weil ein entgegengesetztes Verhalten sich selber aufheben, in einen Unsinn umschlagen würde, erkennen zu wollen oder erkannt zu haben, das sich nichts erkennen läßt. Die erkennbare Welt aber muß unserem Denken entgegenkommen durch ihren eigenen Gedankengehalt. Diesen bringt sie uns entgegen in Prinzipien und Konsequenzen, Gründen und Folgen, Gesetzen, Kräften, Formen, die sich erhalten, die den Bestand der Welt dauernd ausmachen, die neben, mit, durch einander bestehen und in ihrem Zusammenwirken in einer einheitlichen Harmonie das große Gewebe des organisierten sinnlich-geistigen Universums stetig herstellen. Denn in diesem Universum besteht nur, was sich mit allem anderen verträgt, was nicht durch den allumfassenden Zusammenhang der Wesen ausgeschlossen ist, was die Bedingungen und Voraussetzungen seines Bestandes in der Gesamtheit aller übrigen Wesen und aller übrigen Vorgänge hat.

Organisiertheit, Beseeltheit, Leben - das ist also keineswegs ein Fremdling in der uns umgebenden Welt der Wirklichkeit, zu der ja auch wir gehören, kein Spezialfall, kein zufälliges Gebilde, das auch fehlen könnte, ohne daß die Welt aufhört, sie selbst zu sein; sondern wir haben daran das eigenste Wesen der wirklichen Welt selber, das sich dem unbefangenen Sinn leicht erschließt und nur der vorurteilsvollen Verblendung verborgen bleibt. Leben, Beseelung, eine bestimmte Form ist in der wirklichen Welt überall die eigentliche Wirklichkeit, und die Unterschiede zwischen den Gruppen der Wesen sind Unterschiede des Grades in der Stufenfolge des allverbreiteten Lebens. Und so steht die äußere Welt in tiefer Harmonie mit dem organisierten Leib, der des Geistes eigene Außenwelt und zugleich seine Voraussetzung und die niederste Stufe seiner Entwicklung bildet.  Der Leib ist, wie die Welt auch ist.  Die unendliche Abstufung der Grade der Organisiertheit, Beseeltheit und Innerlichkeit kehrt in ihm wieder wie in einem konzentrierten Auszug. Der Leib ist der Spiegel der Welt, die Welt der auseinander gelegte Leib. Im Menschen, in dem sich die Organisiertheit bis zum Hervorgang des Geistes steigert, sind alle Elemente der Welt versammelt; in ihm erscheint verwirklicht, was die Welt ansich ist. Der Mensch ist der Mikrokosmos.

Und nun wird sich Ernst damit machen lassen, daß die Welt nach einer Analogie zum Menschen zu denken sei. Freilich, sie anders zu denken, ist sowieso unmöglich. Denn aus sich und seinen Gedanken herauszukommen, kann ja doch in keinem Fall gelingen. Wer die Welt als ein äußerliches Aggregat toter, nur mechanisch bewegter Dinge denkt, der denkt sie so doch auch nur, weil er dem eingeborenen Zug seines Denkens folgt und darin die Notwendigkeit, daß so gedacht werden muß, meint nachweisen zu können. Im Grunde aber denkt er die Welt als tot, weil er sich selbst auch für tot hält dem Wesen nach und nur durch Zufall für lebendig. Vollzöge er den Begriff der Lebendigkeit und Geistigkeit, die jedem Denkenden die erste und nächste, die grundlegende Tatsache sein sollte, so würde er auf dieselbe Gedankenreihe kommen müssen, die wir eben darzulegen versucht haben. Die starre tote Dinglichkeit einer seelenlosen Materie existiert nirgends in der Welt; sie ist nirgends nachweisbar, nirgends eine gegebene Tatsache. Sie wird angenommen verständigerweise als eine Hypothese zu methodischen Zwecken um die Aufgabe zu vereinfachen; behauptet wird sie dogmatisch nur durch den gröbsten Denkfehler und durch das Vorurteil, das sich Empirismus nennt, weil es sich von keiner Erfahrung, einer Tatsache, keiner Art der Widerlegung überführen zu lassen unerschütterlich entschlossen bleibt. Nach der Analogie dieser willkürlich künstlich entseelten äußeren Dinglichkeit dann auch den Menschen, seinen Geist, sein Bewußtsein, seine Seele, ja auch nur seinen Leib verstehen zu wollen, muß dann, wenn es nicht bloß vorläufig, bloß zum Zweck der Veranschaulichung oder der Vereinfachung dient, sondern ganz ernsthaft für die bare Wirklichkeit der Sache ausgegeben wird, zu den ungeheuerlichsten Irrtümern und zur völligen Verwilderung des Denkens führen, wie wir es ja heutzutage so oft zu beobachten reichlichste Gelegenheit haben.

Der menschliche Leib, so sehen wir, ist eine ganze Welt für sich und ein Gleichnis und Auszug des Universums. Seine Elemente sind selbst wieder Organismen mit eigener Form und eigenem Leben. Aber eben deshalb sind diese Elementar-Organismen oder lebendigen Zellen nicht für sich abgeschlossen, sondern stehen in stetiger Beziehung zueinander. Sie schließen sich zusammen zu  Systemen  mit einer neuen, einer höheren Einheit, in der doch die relative Selbständigkeit der Einzelzelle ebenso gewahrt bleibt, wie sie sich zugleich als dienendes Glied in das System einreiht. Das Zellen-System tritt dann wiederum als Glied unter eine neue höhere Einheit, und es wiederholt sich an ihm, was von der Einzel-Zelle gilt. So baut sich System auf System; jedes höhere hat das niedere zur Voraussetzung und erhebt sich über das niedere mittels der ihm von diesem zugeführten Kräfte. Je höher sich diese aufsteigende Reihe sich übereinander türmender Systeme erhebt, desto mächtiger betätigt sich in jedem dieser Systeme die Einheitsfunktion, die es zum Ganzen zusammenhält. Immer gewaltiger werden die Differenzen, immer ernster die Spannung zwischen der unerschöpflichen Vielheit der Elemente, immer siegreicher die Kraft, die sie der Einheit des Ganzen unterwirft. Aber ins Unendliche und Unbestimmte vermag sich die organisierte Form am allerwenigsten zu verlaufen. Ein höchster Abschluß krönt die Bewegung und wird damit der Zeiger an der Uhr, der den Sinn und Zweck des ganzen Apparates klar macht. In demselben Maß, wie die sich übereinander aufbauenden Systeme an Spannung der Gegensätze und Kraft des Zusammenhalts gewinnen, steigt zugleich die Bedeutung und der Wert jedes dieser Einzelsysteme für die höchsten Funktionen des obersten Gipfels, des  Systems der Systeme,  mit dem diese ganze Stufenleiter in eine letzte Einheit ausläuft. An niedrigster Stelle stehende Systeme üben Funktionen, die noch nahe an eine mechanische Äußerlichkeit angrenzen; je höher wir in dieser Reihe aufsteigen, desto sicherer und deutlicher treten die Analogien seelischer Innerlichkeit hervor. So geht es aufwärts vom System der Knochen und der Bänder zum Muskel- und Gefäßsystem, bis zuletzt zum zentralen Nervensystem, den motorischen und sensorischen Zentralorganen und der Hirnrinde als dem Organ der obersten Einheitsfunktion des Selbstbewußtseins. Und was wir hier auf dem engen Gebiet des einheitlichen Menschenleibes an Unterschieden und Graden der Organisation zur Einheit des Trägers geistigen Lebens zusammengefaßt vorfinden, das zeigt sich uns auseinandergelegt draußen in einem weiten Umfang des Universums als die Reihenfolge der Organisationsstufen, die sich zu der Fülle selbständiger Gebilde ausbreitet, vom Tierreich hinab zum Pflanzenreich und weiter zu den mit dem niedrigsten Grad der Lebendigkeit ausgestatteten Dingen. Wie die Differenzierung der Organe, so nimmt die Macht der Einheitsfunktion in dieser absteigenden Reihe stetig ab. Die in sich geschlossene Form verliert immer weiter an Bedeutung, und die Innerlichkeit der Selbstbewegung aus dem Trieb des in einem beherrschenden Zentrum gesammelten Systems der Kräfte verschwindet bis an die Grenze, wo das Minimum der Lebendigkeit uns gestattet, den Zusammenhang als einen nur noch mechanischen zu konstruieren und von dem unendlich schwachen Abglanz, in den die stetig abnehmende Macht der Organisiertheit schließlich ausläuft, abzusehen als von einer für das Resultat nicht mehr in Betracht kommenden Größe.


X.

Wo schlechthin keinerlei Art und keinerlei Grad der Organisation wäre, da gäbe es auch in keinem Sinn ein Gedächtnis; da wäre alle Identität des sich in einem zeitlichen Wechsel seiner Zustände erhaltenden Wesens ausgeschlossen. Erst wo wir die lebendige Zelle vor uns haben, da haben wir auch die Möglichkeit, von Gedächtnis zu sprechen. Denn die Zelle bleibt ein Wesen für sich, ein in sich geschlossenes Eines, nach allen Seiten hin unterschieden und abgegrenzt, mit seiner eigentümlichen Form und seinen eigentümlichen Lebensprozessen. Jetzt wird es klar sein, mit welchem Recht wir sagen durften: die Zelle erst hat eine Geschichte, weil ihre Vergangenheit für sie nicht vorüber ist, sondern ihre Gegenwart das einheitliche Ergebnis ist all dessen, was jemals mit ihr, an ihr und in ihr vorgegangen ist. Daraus ergeben sich die entscheidenden Kennzeichen für das innere Leben der Zelle. Wir erinnern an das oben Ausgeführte. Ihre bestimmte Form schreibt der Zelle auch ihre Anlage vor, den Umfang dessen was sie zu werden vermag, und jede auf sie geübte Einwirkung wird durch diese ihre eigene bleibende Natur modifiziert. Sie bleibt unter allen diesen Einwirkungen eben das was sie war, und ihre Anlage kann sie nicht durchbrechen. Aber sie verändert sich fortwährend und ist im nächsten Augenblick doch nicht mehr ganz so wie sie vorher war. Offen für den Verkehr mit allen anderen Wesen empfängt sie Eindrücke von allen Seiten her; jeder empfangene Eindruck verleiht ihr in dem alten Rahmen ihrer Anlage eine neue Bestimmtheit, und diese Bestimmtheit ist ein bleibender Erwerb ihres Lebensprozesses. Dem neuen Eindruck also bietet sie sich nicht mehr ganz genauso dar, wie dem alten. Die Intensität oder die Richtung ihrer Kraft hat sich durch den alten Eindruck geändert. Sie ist elastisch genug, um sich dieser Veränderung gegenüber in ihrer Identität mit sich zu behaupten, aber auch reich genug an Anlagen, um in dieser ihrer wesentlichen Identität immer neuen Veränderungen zugänglich zu sein. Jedes Erlebnis hinterläßt in ihr seine Spur, und die wiederholten Erlebnisse von gleicher Art und Richtung führen zu einer Vertiefung und Verstärkung dieser Spuren, die das Wesen immer entschiedener bestimmt, immer einseitiger in einer Richtung befestigt. Denn in dieser begrifflich geordneten Welt, wo das ganz Singuläre nicht gefunden wird, wo das Allgemeine der Gattung wie des Gesetzes alle Wirklichkeit beherrscht und alle Variation nur an diesem Allgemeinen und innerhalb des Umkreises auftritt, den es vermöge seiner Natur offen läßt, da ist die Zelle selber in diesem Sinne ein Individuelles und Gattungsmäßiges, und ebenso individuell und gattungsmäßig ist jegliches Ding, das auf sie wirkt, jegliche Wirkung, die auf sie geübt wird. Das Erlebnis bleibt nie vereinzelt; es wiederholt sich das Gleiche und sein Eindruck. Leben ist deshalb ein immer entschiedener hervortretendes, fortwährend sich steigerndes  Gewöhnen Die sich vertiefenden Spuren der im Lebensprozeß sich wiederholenden Geschicke verleihen unausbleiblich dem Lebendigen eine feste Bestimmtheit wie eine zweite Natur, die doch nur eine Determination der ersten Natur als der ursprünglichen Anlage ist. Leben ist insofern gar nichts anderes als das Gewöhntwerden und sich Gewöhnen, und in dieser Gewöhnung besteht das, was man die Entwicklung des Lebendigen nennen darf. Der empfangene Eindruck hat das Lebendige dem wiederkehrenden Eindruck gegenüber gekräftigt, es abgestumpft; die vollzogene Gegenwirkung hat ihm die erneuerte Gegenwirkung erleichtert, seine Fertigkeit vermehrt. Damit erweist sich das Leben als eine beständige Verstärkung der Innerlichkeit und Selbständigkeit gegenüber der äußeren Einwirkung; es liegt im Leben selber eine Kraft der  Befreiung,  weil Leben und Übung untrennbar verbunden sind. Das Lebendige  lernt  unablässig, indem es Vergangenes in sich aufhäuft; alles Erlebnis wird ihm zur Bereicherung seines Inhalts in seiner Form behauptet und seine Einheit fest bewahrt.

Die lebendige Zelle aber ist doch nicht die Gattung, das Allgemeine selbst, sondern nur ein Individuelles, Gattungsmäßiges. Ihre Kraft der Selbsterhaltung in dieser ihrer Individualität ist endlich und vergänglich; dafür hat sie Zeugungskraft, und wie sie in sich wächst und sich ernährt, so wächst sie über sich hinaus und entläßt aus sich ein Bild ihrer selbst, ein Wesen von gleicher Art und gleicher Form und Anlage. Im Gezeugten kehrt sie wieder, nicht ohne Abwandlung, aber mit überwiegender Ähnlichkeit, und der Erwerb ihres Lebensprozesses, der Ertrag ihrer Gewöhnung und Übung hilft die neue Natur und Anlage dieses ihres Ebenbildes bestimmen im Zusammenwirken mit dem Typus der Gattung. Zeugung ist  Vererbung  nicht bloß des Gattungscharakters, sondern auch der individuellen Züge. Aber diese Vererbung hat verschiedene Grade je nach dem Reichtum der Erlebnisse, nach dem Maß des Lernens, dessen das lebendige Wesen seiner Natur und Anlage gemäßt fähig ist. Die Stufenleiter der Organisiertheit, der Differenzierung der Organe, der Mächtigkeit der Einheitsfunktion ergibt auch eine Stufenleiter des Vermögens, innerhalb der Grenzen der ursprünglichen Anlage zu erwerben und zu vererben. Auf den niederen Stufen überwiegt darum die Gleichheit des gattungsmäßigen Typus durch alle Folge der Generationen; je höher wir heransteigen, desto entschiedener bereichert sich in der Aufeinanderfolge der Zeugungen die sich erhaltende Gattung mit dem Erwerb und Reichtum der vorangegangenen Geschlechter.

Die Zelle zeugt, das heißt, sie stirbt nicht ganz. Nicht bloß ihre Form überdauert sie in der ihr ähnlich gezeugten Zelle, sondern selbst vom materiellen Substrat ihres Gerüstes besteht ein Teil fort in der Reihe ihrer Nachkommen, sei es auch in immer weitergehender Zerteilung. Denn irgendwie muß eine Kraft und ein Trieb zur Herausbildung der gleichen Form an ein stoffliches Substrat sei es auch von äußerster Feinheit gebunden sein. Irgendwie bringt noch nach einer unausdenkbaren Reihe von Generationen jedes Lebendige seine gesamte Ahnenreihe mit all ihren Erlebnissen wieder als ein Stück der unmittelbar vorhandenen Wirklichkeit, und selbst in seinem materiellen Substrat ist die entfernteste Vergangenheit mit einem Rest von unvergänglicher Art erhalten.

In all dem nun ist das Ich, wie wir es als die erste und ursprünglichste aller Tatsachen kennen, allem Lebendigen gleichartig; aber dem Grad nach erscheint im Ich dieses Gemeinsame als die höchste Steigerung dessen, was die Eigentümlichkeit des Lebens überhaupt ausmacht. Von der elementaren Zelle bis zum Ich, sozusagen der höchsten Verwirklichung dessen, was in der Zellenform als solcher schon gesetzt ist, führt ohne Bruch oder Sprung eine kontinuierliche Reihe nächst aneinander grenzender Stufen empor. Wer den Dualismus von Leib und Seele in irgendeinem Maß, irgendeiner Weise zuläßt, der hat von vornherein das Ganze verfehlt. Das eben ist die Aufgabe, über den sinnlichen Schein des unvermittelten Gegensatzes hinauszuheben; aber diese völlig berechtigte Tendenz würde zum gröbsten Mißverständnis führen, wollte man das zunächst sich am deutlichsten Aufdrängende, die sinnlich materielle Erscheinung selber, für das Ganze gelten lassen. Wer nicht im Sinnlichen schon das Übersinnliche zu ergreifen vermag, der verschließt sich jede Erklärung und jedes Verständnis der Welterscheinung. Eben in diesem Leib des Todes das Ich selber wiederzuerkennen, nur auf seiner niedrigsten Entwicklungsstufe, das ist die unumgängliche Voraussetzung, um dem voreiligen Verzicht auf alle Wissenschaft, um dem geistesträgen Unkenruf des  Ignoramus et Ignorabimus  [Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen. - wp] und dem Herunterziehen aller wertvollen Geistesgüter der Menschheit in den Tod der nur mechanisch bewegten, tauben und stummen Materie zu entgehen.

Was von der lebendigen Zelle gilt, das gilt alles vom Ich im höchsten Sinne. Wie es unter allen Wesen das am meisten in sich geschlossene, in zentraler Einheit gesammelte ist, so steht es auch in der reichsten Beziehung zu den anderen Wesen. Indem es die machtvollste Tätigkeit ist, sich in der Einheit mit sich zu erhalten, bewahrt es auch am sichersten all sein Erlebnis als seinen Schatz in sich, und intensiver als jedem anderen Wesen ist ihm seine Vergangenheit gegenwärtig. Was in allem Lebendigen als Gewöhnung und Übung, als Abstumpfung und Fertigkeit mit dem Leben selbst gegeben ist, das erscheint hier in seiner ausgeprägtesten Gestalt und seiner größten Fülle. Der unendlich gesteigerte Reichtum der Anlage und der Vermögens läßt auch ein unendlich gesteigertes Lernen und Erwerben zu, und die ursprüngliche Kraft setzt eine unabsehbare Entwicklung und Steigerung von Kräften. Wenn schon von der elementaren Zelle gesagt werden darf, daß sie nicht stirbt, daß sie in der Reihe der Generationen mit einer Spur und einem Rest vorhanden bleibt, so gilt es vom Ich in einem unendlich höheren Sinn, so viel höher und geschlossener die Form des Ich ist als jede andere im Reich der Organismen. Das Ich ist zugleich die reinste und allgemeinste Verwirklichung des Begriffs und das umfassendste Gefäß für die Unendlichkeit singulärer Bestimmungen. Indem es sich in der Reihenfolge der Zeugungen wiederholt, gibt es der abstraktesten Form den konkretesten Inhalt, und mächtiger als irgendwo bezeugt sich am Ich das Phänomen der Vererbung. Im Ich steigert sich die individuelle Bestimmtheit des Für-sich-seins und sich auf sich Beziehens zur Klarheit des  Wissens  von sich und seinem Objekt und zur Freiheit des  Wollens.  Damit wird der Erwerb im Lebensprozeß ausdrücklich festgehalten und ausdrücklich übertragen, nicht bloß auf organischem Weg, sondern in der höheren Form des Bewußtseins. Zum Lernen kommt ein ausdrückliches  Lehren,  zum Geübt- und Gewöhnt-werden ein ausdrückliches  Üben  und  Gewöhnen;  die sich eben dadurch steigernde Befreiung und Herrschaft über das Objekt ergibt die Erzeugung eines Systems von Mitteln, um in sinnlichen Zeichen allen geistigen Erwerb von Geschlecht zu Geschlecht zu überliefern. Daraus gestaltet sich der innigste Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit auf dem Weg der  Erziehung Schon dem leiblichen Substrat nach, weit mehr noch der geistigen Kraft und Anlage nach ist jeder Mensch im höchsten Sinne der Erbe der gesamten Vergangenheit des menschlichen Geschlechts. Mit all seinem geistigen Besitz und Vermögen weist er auf die Reihenfolge der Ahnen hin, in die er sich als ein mitwirkendes Glied am großen Gesamtorganismus einreiht. Durch und durch historisches Produkt aller Taten und Leiden der Vorfahren, und damit das Resultat aller vorangegangenen Weltprozesse überhaupt, ist der Mensch das geschichtliche Wesen im höchsten Sinne des Wortes. Gerade dadurch steht er an der Spitze aller organischen Wesen, daß für ihn das Vergangene nicht vergangen, daß es in ihm und für ihn konserviert, daß er dadurch in der Zeit über die Zeit erhaben ist und mitten in der Singularität der Gegenwart über sie hinausgerückt ist in das Zeitlose, wo ihn die ewigen Güter des Geistes trotz ihrer nachweisbaren zeitlichen Genesis als der reine Ausdruck seines geistigen Wesens in unverwelklicher Frische umblühen.


XI.

Für alles, was organisch ist, ist dies das bezeichnendste Merkmal: das Lebendige hat nicht nur Gedächtnis, wie es auch anderes hat, sondern  es ist das daseiende Gedächtnis selber.  Seine eigenste Natur ist die Identität mit sich und die bestimmte Form, die sich im Wechsel des Geschehens behauptet, und in dieser Einheit seines Wesens bewahrt es sich die Fülle seiner Erlebnisse und Erfahrungen als die zu singulärer Bestimmtheit gewordenen und in seiner Einheit aufgehobenen, mit ihr völlig verschmolzenen Modifikationen seiner ursprünglichen Anlage. Darum ist am Organischen das Gedächtnis selbstverständlich; das Rätsel liegt im Vergessen.

Wie man gemeinhin vom Gedächtnis spricht, so hat man gerade diese Erscheinung vor Augen, daß dem Lebendigen, und an höchster Stelle dem sich und sein Objekt wissenden Subjekt, doch nicht alle seine vergangenen Erlebnisse im gleichen Sinn und Maß präsent sind, daß das meiste wie in einen Abgrund versenkt ist und nur einzelnes zu einem mühelosen Gebrauch in jedem Augenblick zur Verfügung steht. Für die gewöhnliche Anschauung ist darum gerade das Vergessen das Selbstverständliche, und das Gedächtnis erscheint als ein auffallendes besonderes Vermögen mit unendlich verschiedenen Graden der Kraft und unendlich verschiedenen Richtungen seiner Wirkungsweise.

Wir haben vom Gedächtnis von vornherein in einem anderen, weit umfassenderen Sinn gesprochen. Aber das eben bezeichnete Phänomen liegt doch nicht außerhalb des von uns umschriebenen Gebietes; es fällt vielmehr in dasselbe hinein als eine besondere Äußerungsform des allgemeinen Grundvermögens alles Organischen. Hier handelt es sich um Erscheinungsformen, die uns bei den Wesen von höchster Organisationsstufe, und insbesondere beim Menschen begegnen. Haben wir bisher vom Gedächtnis im allgemeinsten Sinn gesprochen, so müssen wir jetzt die verschiedenen Arten des Gedächtnisses unterscheiden. Denn es gibt offenbar so viele Arten des Gedächtnisses, als es wesentlich verschiedene Formen der organischen Tätigkeit gibt. Da ist insbesondere ein leibliches und ein seelisches, ein Bewußtseins- und ein Geistes-Gedächtnis. Eignet das leibliche Gedächtnis allem Organischen, so kommt das seelische Gedächtnis nur dem Organischen von höherer Stufe zu, bei dem die reicher entwickelte Innerlichkeit von einer Seele zu sprechen die Berechtiung verleiht; ebenso engt sich dann weiter das Gebiet für das Vorkommen des Bewußtseins- und noch mehr für das des Geistes-Gedächtnisses ein. Wie sich das Gedächtnis weiter für die Unterabteilungen innerhalb jedes dieser umfassenderen Gebiete verzweigt, vermag die Sprache nicht mehr ohne besondere terminologische Nachhilfe auszudrücken. Mit den geläufigen Wörtern:  Gewöhnung, Übung, Fertigkeit, Gedächtnis selber,  müssen wir auf den verschiedensten Gebieten haushalten, wobei dann nur die gemeinsamen Züge, nicht die charakteristischen Unterschiede vor das Bewußtsein treten. Wenn man von einem Zellen-Gedächtnis und sogar von einem Gedächtnis der unorganischen Materie spricht, so geschieht es mit relativem Recht, sobald man sich bewußt bleibt, daß man damit einem verallgemeinernden Sprachgebrauch folgt, wie wir ihn ja auch für angemessen gehalten haben. Hier gilt es nun zu betonen, daß die niederen Formen des Gedächtnisses, das Gedächtnis der niederen Organisationsstufe, die Voraussetzung bilden für die höheren und für die höchste Form, daß jene in dieser konserviert sind, diese sich auf jenen auferbaut und daß das Verständnis der höchsten Form erreicht werden muß durch die Betrachtung der niederen, in der das allgemeine Wesen des Gedächtnisses sich dem aufmerksamen Beobachter am unmittelbarsten und einfachsten darbietet.

Gerade so wie das Empfindungs-, das Trieb- und Gebärden-Gedächtnis, der Instinkt, die Übung, die Fertigkeit, wie alle seelische Gewöhnung überhaupt auf einem organisch leiblichen Gedächtnis beruth, gerade so gilt es auch von der Gewöhnung des Bewußtseins, der Selbst-Anschauung und Objekt-Anschauung, und gerade so auch vom geistigen Gedächtnis, wie es sich zuletzt an die Sprache und die sprachlichen Gebilde anknüpft. Was überhaupt in uns als fertiger Inhalt erscheint, das ist irgendwie auch scon als leibliche Bestimmtheit vorhanden. Was in der Seele der Tiere als Triebgewöhnung im Instinkt erscheint, das ist im Leib des Tieres vorhanden als ein System stehend gewordener, zum Bestandteil des leiblichen Organismus befestigter Reflexe. Und was an höchster Stelle als geläufige, eingeübte, selbstverständliche Begriffs- und Gedankenverknüpfung das geistige Leben bestimmt, das stellt sich leiblich dar als gewohnheitsmäßige Leichtigkeit der Leitungen zwischen den Elementarteilen des obersten Zentralorgans. So läßt sich gar nichts dagegen einwenden, daß sich auch die höchsten Grundformen des geistigen Lebens in gewissem Sinne als geschichtlicher Erwerb des Lebensprozesses der Menschheit, als eine Frucht des Gedächtnisses darstellen, wenn man nur darüber nicht vergessen wollte, daß diese Frucht keine zufällige, dieser Erwerb kein blinder und unvorhergesehener ist, der ebensowohl auch fehlen oder ganz anders beschaffen sein könnte. Das wäre wieder ein Gedanke, der sich selbst aufheben würde. Denn ist dieser Gedanke durch Denkformen gewonnen, die ansich nur eine zufällige Gewöhnung ohne innere Notwendigkeit sind, so ist auch der Gedanke völlig wertlos, und ebenso wertlos ist alle Wissenschaft, die ja auf dieselben Denkformen angewiesen bleibt. So kann man im Ernst gar nicht sprechen. Die Denkformen verlieren durch die Art, wie sie durch Gewöhnung und Gedächtnis zu einem selbstverständlichen Gehalt des Geistes werden, nichts weder an ihrer ewigen Notwendigkeit, noch an ihrem streng apriorischen Charakter. Die Gewöhnung ist eben eine Gewöhnung des Geistes, der darin seine Form behauptet, seine Identität mit sich bewahrt, und die Frucht seines Erlernens und Erwerbens ist eben das, was in seiner Anlage vorausgegeben und mit ihm selbst gesetzt war. Denn der Geist ist die Spitze alles Organischen. Er kann niemals aus sich heraus, nur immer tiefer sin sich hinein gelangen.

Der Unterschied sich zwischen den verschiedenen Formen, in denen sich das Gedächtnis auf den verschiedenen Stufen der organischen Funktion darstellt, liegt in den Graden der Klarheit und Helligkeit, in der das Wesen sich seines Inhaltes zu bemächtigen vermag. Verschwinden kann keine Bestimmung, die jemals das organische Wesen betroffen hat; immer geht sie in den Gesamtzustand als Moment desselben ein und bleibt in ihm aufbewahrt, eine unaufhebbare Umgestaltung des ursprünglich Gegebenen. Aber in diesem Gesamtzustand, den sie hat, bilden und bestimmen helfen, ist sie zunächst mit allem anderen organisch verschmolzen und als einzelne nicht mehr nachzuweisen oder nicht mehr wirksam. Sie befindet sich damit in einem Zustand der Latenz; dieser ist es, den man das  Vergessensein  nennt. Messen wir an der vollen Klarheit wissender Reflexion, so dauert im Organischen auf der leiblichen Daseinsstufe zwar die gesamte Vergangenheit fort, aber in unbewußter Weise. Nicht bloß für uns ist die leibliche Veränderung nicht nachweisbar, sondern an und für sich ist das leibliche Erlebnis in der Gesamtheit des leiblichen Zustandes aufgehoben, was ja ebensogut heißen kann konserviert oder überwunden. Der kontinuierliche Strom der Lebensprozesse ergibt den einheitlichen Gesamtzustand der gegebenen Moments und einen unaufhörlichen Wechsel dieses Zustandes mit jedem unendlich kleinen Zeitteilchen. Die Gesamtveränderung läßt sich nach Ablauf längerer Perioden mit Bestimmtheit bezeichnen; die identische Grundform gibt sich immer noch als solche zu erkennen, aber mit Modifikationen, für die es wieder einen im Großen und Ganzen typischen Verlauf gibt, der doch unendlichen Abwandlungen offen bleibt. Wir erkennen den Menschen leiblich auch nach Jahrzehnten wieder, wir erschließen die Zahl seiner Jahre; denn im Großen und Ganzen ergibt der gleiche Zeitverlauf auch die gleichartige Veränderung. Aber die einzelnen Lebensmomente lassen sich in dieser Gesamtveränderung nicht mehr unterscheiden. Das leibliche Gedächtnis erweist sich so als ein unausgesetztes, kontinuierliches Vergessen, als ein stetiger Übergang aus der Aktualität in die Latenz, aus der das einzelne als solches nie wieder herausgehoben werden kann.

In ähnlicher Weise vergißt auch noch die Seele; aber hier ist doch schon der Latenzzstand nicht definitiv. Innerlichkeit von höherem Grad ist nicht ohne Erinnerung. Für die Seele existiert ihre vergangene Bestimmtheit, wenn auch nicht als isolierte, so doch als isolierbare fort. Oder genauer, nicht der vergangene seelische Zustand kann wiederkehren, - denn der ist schlechthin vorüber, - aber wohl ein anderer von gleichem Inhalt, und dies aus dem eigenen erworbenen Schatz der Seele. Nicht bloß eine allgemeine Gewöhnung und Stimmung ist in der Seele der Niederschlag ihrer Vergangenheit, sondern auch schon ein Vermögen der Reproduktion, wenn auch nur erst in dumpfester Form und auf niederster Stufe der Entwicklung. Damit liefert das seelische Empfindungs- und Triebleben für jede höhere Betätigung der Innerlichkeit das Material und die Bedingung.

Noch entschiedener tritt dies auf der höheren Stufe der Innerlichkeit hervor, die wir die Bewußtseinsstufe nennen. Die klare Sonderung von Subjekt und Objekt auf dieser Stufe läßt dem Subjekt auch den einzelnen Vorgang seiner Innerlichkeit als sein Objekt gegenübertreten. Das Subjekt unterscheidet sich und seine reine abstrakte Form wie von seinem jedesmaligen Gesamtzustand, so auch von jeder einzelnen seiner Bewußtseinserscheinungen, und hat eben deshalb eine hellere und reinere Erinnerung vom einzelnen, was in seinem Gesamtzustand als Moment aufbewahrt ist.

Die ganze Bewegung vollendet sich auf der höchsten, der Geistesstufe des organischen Lebens. Mit dem größten Helligkeitsgrad der Reflexion in sich verbindet sich die sicherste Unterscheidung und die festeste Bestimmtheit im Erfassen des Inhalts der eigenen Innerlichkeit. Hier ist am energischsten die chaotische Unbestimmtheit getilgt und ausgeschlossen, die den niederen Stufen in irgendeinem Maß noch anhängt. Im Fühlen, Denken, Wollen erfaßt der Geist jedesmal einen bestimmten Inhalt, und wie der kontinuierliche Zeitverlauf sich für den urteilenden Geist in diskrete Zeitmomente zerlegt, so wandelt sich ihm der kontinuierliche Strom des psychischen Geschehens in begrifflich gesonderte, wohl unterschiedene und in sich geschlossene Einheiten, die jedesmal den Vordergrund der Innerlichkeit einnehmen:  ein  Gefühl,  eine  Vorstellung,  ein  Willensakt. So ist im Geiste das eine jedesmal aktuell, alles andere latent. Das Unbewußte liegt überall dahinter und darunter und aus diesem Unbewußten holt sich der sondernde und bestimmende Geist das Material, das er zu seinen Gebilden verwendet. Hier wird die Reproduktion des Vergangenen, das als solches vergessen, als solches aufgehoben und in den Gesamtzustand eingegangen ist, zur freien Tat des sich Besinnens. Der Geist erarbeitet sich das in Latenz Versunkene zurück je nach seinem Bedürfnis und seinem Interesse; er befestigt in sich das, was für ihn Wert hat, mit angestrengter Aufmerksamkeit und verschärft dessen Spuren, um das, was seinen Zwecken dient, zu jeder Zeit frei emporrufen zu können; anhand der vom Geist gebildeten sinnlichen Zeichen prägt er dem Leib, der Seele und dem Bewußtsein die vollkommene Herrschaft über die geistigen Gebilde als eine mechanische Fertigkeit ein, vermöge deren auf den geistigen Antrieb nur das erste Glied emporgerufen zu werden braucht, um auch alle anderen Glieder in rechter Folge nacheinander in das volle helle Licht des Geistes treten zu lassen. Die Befestigung der Koordinationen in den leiblichen Leitungsbahnen unter immer weiter fortschreitender Ausschaltung der Hemmungen; die Fülle der seelischen Assoziationen, die zu einer zweiten Natur angewöhnt werden; die zu einem unmittelbaren Selbstgefühl und Objektsgefühl verschmolzenen, völlig geläufigen und die Eigentümlichkeit der Person festlegenden Rekognitionen und Reproduktionen des Bewußtseins: dies alles sind die Voraussetzungen und Elemente, auf denen sich das geistige Gedächtnis aufbaut mit seiner Tendenz auf einen allgemeingültigen, vernünftigen Gehalt in der Form des Gefühls, der Phantasie, des Verstandes und des Willens.



Damit mag der Begriff und das Wesen des Gedächtnisses in seinen äußersten Umrissen bezeichnet sein. In die einzelnen Gedächtniserscheinungen näher einzugehen, ist hier der falsche Platz. Was aus diesen Erörterungen als ihr hauptsächlichstes Resultat hervorgehen sollte, läßt sich kurz so bezeichnen: das Geistesleben mit seinen Vorbedingungen und Vorstufen ist der eigentliche Inhalt aller Welterscheinung.  Der Geist selber ist das ewige Gedächtnis der Dinge.  Im Geist sind sie aufbewahrt in einer höheren Form als in der sie ansich sind, und damit gerade in ihrer idealen Wahrheit. Das sinnlich-geistige Universum ist der Inbegriff aller verschiedenen Stufen des Gedächtnisses von der niedersten, an das formlose Auseinandersein des räumlich Ausgedehnten angrenzenden Dinglichkeit bis hinauf zur freien Selbsterzeugung des sich und seinen Inhalt tätig festhaltenden Geistes. Die Welt ist in der Unendlichkeit ihrer Erscheinungen ein in sich Einiges und Geschlossenes durch das Gedächtnis; das Vergangene ist gegenwärtig und wird immer sein. Der stetig strömende Fluß der Zeit vernichtet nicht, sondern hebt in ideeller Weise auf, was dereinst war und sich bewegte; denn im Gedächtnis ist alles aufbewahrt. Wie es nur durch das Gedächtnis  einen  Satz und  eine  Rede gibt, so auch nur durch jenes  eine  Welt und  eine  Weltgeschichte. Gedächtnis ist zuhöchst im Geist und ist der Geist selber; darum ist die Welt Geist und alle ihre Erscheinung eine Geisteserscheinung und Geistesgeschichte. Der letzte Grund aber all dieser erscheinenden Vielheit mit der Gestaltenfülle ihrer Entwicklung ist die ewige Selbsterhaltung und Selbsterzeugung der absoluten Idee. Das Denken folgt ihren Spuren, indem es nach seinem eingeborenen Trieb die Welt der Vielheit und grenzenlosen Veränderung zur abstrakten Einheit der Substanz bindet, indem es weiter in der unendlichen Erscheinungsreihe das einheitliche Wesen als den bildenden Grund festhält, und indem es schließlich unter dem Schema des Begriffs in der Vielheit der Formen, der Zwecke und Typen die bunt bewegte Welt als eine Stufenfolge der Entwicklung begreift, in der die Idee ihre Momente auseinanderlegt und verwirklichkt. Das sich selbst wissende, wollende, offenbarende Absolute ist zuletzt das einzige, was von Menschen erkannt und gewußt werden kann; denn es ist die letzte Wurzel aller Organisation, allen Lebens, aller Beseeltheit, allen Bewußtseins, aller Geistestat, und was erkannt wird, wird in ihm erkannt. Aus ihm fließt, was im Denken erfaßt wird als der eigentliche Gehalt der Welterscheinungen: die Bestimmtheit, die Identität und damit auch das Gedächtnis.
LITERATUR - Adolf Lasson, Das Gedächtnis, Berlin 1894
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