p-4 Die Lehre von der AufmerksamkeitDas GedächtnisDas Bewußtseinsproblem    
 
ADOLPH von HEYDEBRECK
Über den Begriff
der unbewußten Vorstellung

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"Im bewußten Denken haben wir am Kausalsatz nur eine allgemeine formale Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Ursache überhaupt für jedes nicht in sich notwendige Dasein, sind aber niemals imstande, zu einer gegebenen Wirkung a priori die besondere Ursache zu konstruieren, sondern dafür auf die Beobachtung in der Zeitfolge, auf die Erfahrung angewiesen. Hier aber wird aus der Empfindung der Körper, zur Wirkung die Ursache direkt konstruiert und dieser erste Schritt aus der Empfindungs- in die Raumwelt bleibt ewig unbegreiflich und jede Analogie aus dem bewußten Denken unzulänglich, ihn zu erklären."

"Nur durch diese ideelle Bedeutung, die sie in einem Ich und für ein Ich besitzt und allein besitzen kann, ist eine  Vorstellung  Vorstellung, Anschauen, Denken, Erkennen, Vergleichen, Unterscheiden, Urteilen, Schließen - das alles hat keinen Sinn und ist gänzlich unverständlich ohne Subjekt, ohne Ich. Ich aber ist notwendig Mittelpunkt eines Bewußtseins; ohne Ich kein Bewußtsein, ohne Bewußtsein kein Ich; ohne Ich aber kein Vorstellung; also: kein Vorstellung ohne Bewußtsein."


Aber noch mehr. Nur zum Teil können wir den Inhalt der Sinneserkenntnis überhaupt zurückführen auf ein mentales Verfahren, das, wenn auch absolut unbewußt und in actu nie zu beobachten, doch der Art nach mit den Operationen des bewußten logischen und mathematischen Denkens übereinstimmt, das wir daher immer wenigstens hypothetisch nachzukonstruieren imstande sind. Zum anderen aber und gerade dem wichtigsten Teil beruth die sinnliche Wahrnehmung auf einem geistigen Akt, für den uns im bewußten Denken jedes Beispiel fehlt und vor dessen Ergebnis wir dastehn wie vor einem begreiflichen Wunder. Offenbar muß nämlich jenes unbewußte Denken im Ganzen eine Art von logischer Kette bilden, die anknüpft an die Empfindung, als einzig denkbare dem Geist wirklich gegebene Prämisse und die endet mit der allein ins Bewußtsein tretenden Konklusion, mit der sinnlichen Wahrnehmung. Lösen wir nun in letzterer das reine Vorstellungsresultat aus seiner Verflechtung mit den Empfindungsdaten, so zeigt sich zwischen Voraussetzung und Schluß eine Kluft, die wir mit all unserem bewußten Denken auszufüllen ganz und gar ohnmächtig sind. Zwar können wir uns wohl, wenn der erste Ring einmal da ist, vorstellen, wie es innerhalb der Kette von Glied zu Glied fortgeht: aber der Anfang, der Anknüpfungspunkt, wie ist der gewonnen? Wie wird der erste Schritt getan von der Empfindung zu der völlig heterogenen Vorstellung eines räumlichen Gegenstandes? Die einzige Analogie, die sich hier bietet, wäre der Grundsatz der Kausalität, nach dem wir im bewußten Denken ein Sein aus dem anderen ableiten; denn offenbar fungiert das Raumobjekt in der sinnlichen Wahrnehmung als Realgrund der Empfindung. Damit reißt die Analogie aber auch völlig ab. Denn im bewußten Denken haben wir am Kausalsatz nur eine allgemeine formale Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Ursache überhaupt für jedes nicht in sich notwendige Dasein, sind aber niemals imstande, zu einer gegebenen Wirkung a priori die besondere Ursache zu konstruieren, sondern dafür auf die Beobachtung in der Zeitfolge, auf die Erfahrung angewiesen. Hier aber wird aus der Empfindung der Körper, zur Wirkung die Ursache direkt konstruiert und dieser erste Schritt aus der Empfindungs- in die Raumwelt bleibt ewig unbegreiflich und jede Analogie aus dem bewußten Denken unzulänglich, ihn zu erklären. Von vornherein ist daher die Unmöglichkeit einzusehen, diesen schöpferischen Akt, der die Grundlage all unseres Naturerkennens bildet, ins Bewußtsein zu ziehen, da wir ihn nicht einmal hypothetisch nachzudenken vermögen. Und so haben denn auch alle Versuche, den Ursprung der Raumvorstellung nach Analogie sei es des deduktiven, sei es des induktiven Denkens zu erklären, notwendig scheitern müssen, weil sich die Anschauung weder aus dem bloßen Begriff produzieren, noch aus der Erfahrung die Vorstellung gewinnen läßt, welche den Gegenstand der Erfahrung selbst konstituiert. Besonders sind die physiologischen Erklärungen lehrreich, wo man sieht, wie die Ableitung sich immer im Kreis dreht, zur Erklärung der Raumvorstellung des Gesichts die des Tastsinns und zur Gewinnung dieser jene dienen soll, ja häufig sogar, unter gänzlicher Verkennung der Aufgabe, ganz naiv die Vorstellung des eigenen Leibes oder seiner Bewegungen als selbstverständlich bekannt und gegeben vorausgesetzt wird, während eben diese als Mittel- und Ausgangspunkt aller Raumkonstruktion zuerst und vor allem zu erklären wäre. Begreiflicherweise hat man sich denn auch über den Erkenntniswert einer Vorstellung von so dunklem Ursprung nie recht einigen können, da die Natur der Sache jede direkte Prüfung ausschließt und höchstens aus den Konsequenzen der Annahme oder Verwerfung eine Entscheidung allenfalls zu gewinnen wäre.

Doch nicht genug, daß wir mit unserem bewußten Denken nicht in die Genesis der Wahrnehmungsvorstellung eindringen können, sehen wir uns sogar außerstande, das Vorstellungsgebilde selbst als solches und abgelöst von seiner Beziehung zur Empfindung vollständig zu erfassen und in bewußtes Vorstellen zu verwandeln. Die sinnliche Anschauung nämlich stellt immer ein Konkretes dar und zugleich ein Stetiges, den Typus unseres bewußten Denkens aber bildet das Diskursive und das Diskrete. Nur soweit wir etwas durch allgemeine Begriffe bestimmen, durch diskrete Konstruktionsakte ordnen und abgrenzen können, wird es uns eigentlich verständlich und überhaupt faßlich. Das Konkrete aber und Stetige als solches bleibt unserem Denken stets inkommensurabel, das etwas außer sich haben muß, worauf es sich konstruierend bezieht, etwas Selbständiges aber nicht schaffen und folglich auch nicht nachschaffen kann. Daher das Geheimnisvolle und gewissermaßen Irrationale, das der Raumvorstellung anhaftet. Immer ist gegen das wirklich Bewußte darin in Plus von Halbbewußtsein und Unbewußtem vorhanden, in das wir wohl fortkonstruierend weiter und weiter dringen, das wir aber nie ganz ins Bewußtsein aufnehmen, nie völlig erschöpfen können. Das eigentlich Helle und vollkommen Bewußte ist stets nur der Punkt, den nach allen Seiten ein allmählich ins Unbewußte sich verlierendes Halbdunkel von Vorstellung umgibt, als ein Medium, welches durch das Punktsetzen nicht erst erzeugt, sondern als fertig und gegeben dabei vorausgesetzt wird. Dieses unbestimmte Element der Anschauung können wir nun zwar durch weiteres Punktsetzen in sich ferner verdeutlichen und bestimmen, aber immer bleibt zwischen den klar bewußten Grenzen ein ferner zu Teilendes und zu Verdeutlichendes übrig und ebenso jenseits zeigt sich, ununterbrochen sich anschließen und mit jedem Weiterrücken der Grenze neu aufdämmernd fernerer schon fertiger, d. h. unbewußt gebildeter Vorstellungsstoff, der fortwährend vom Unbewußten ins Halbbewußte und punktuell Bewußte übergeht oder überzugehen bereit ist, so daß der Verstand sich bald überzeugt fühlt, die Aufgabe, dieses Gebilde bewußt zu machen, nur in einem endlosen Prozess der Annäherung lösen zu können - womit die Irrationalität, d. h. im strengen Sinne die Unfaßlichkeit der Vorstellung für das bewußte Denken ausgesprochen ist. Objektiv gefaßt ist dieser Charakter der sinnlichen Anschuung im Begriff ihrer Unendlichkeit ausgedrückt. Nur also, soweit die Wahrnehmungsvorstellung selbst schon eine unbewußt entworfene Konstruktionszeichnung enthält, ist sie dem Bewußtsein vollständig zugänglich und reproduzierbar: der Grund des Sinnenbildes, bei der Wahrnehmung mit in den Raum projizierter Empfindung erfüllt, bleibt dunkel und in letzter Instanz unfaßbar.

So hätten wie denn den Kreis unseres Vorstellens nunmehr durchmustert und einen Überblick gewonnen von dem, worauf die Annahme, die uns beschäftigt, eigentlich basiert. Freilich konnten wir die Erscheinungen nur flüchtig berühren, die Gedankengänge nur ungefähr andeuten, die darauf führten. Doch auch so, glaube ich, hat sich genug ergeben, um die Tragweite und den Wert derselben einigermaßen zu würdigen, um einzusehen, daß man es beim Begriff der unbewußten Vorstellung, nicht mit einer willkürlich ersonnenen, luftigen Hypothese, sondern mit einer Vorstellungsweise zu tun hat, die sich dem Psychologen auf Schritt und Tritt unwillkürlich aufdrängt und für die Erklärung der gewöhnlichsten Erscheinungen wie der Grundphänomene unseres Geisteslebens geradezu unentbehrlich erscheint. -

Und dennoch andererseits, sehen wir von den Tatsachen ab, auf die er sich gründet und erwägen wir den Begriff rein als solchen, so fühlen wir trotz seiner anscheinenden Notwendigkeit die stärkste Abneigung ihn zuzulassen und unser formelles Denken vermag sich nicht mit ihm zu befreunden. Und allerdings, das muß eingeräumt werden, vollständig mit Recht. Denn, obgleich der Begriff der Vorstellung nicht ausgesprochen den des Bewußtseins enthält, so scheint er denselben doch unleugbar zu involvieren. Zwar ist das Bewußtsein als ein unmittelbares Wissen um einen Inhalt mit demselben nicht identisch, allerin nur mit der Form dieses Wissens verbunden kennen wir den Inhalt und das, was er ist, scheint er nur in und mit dieser Form sein zu können. Der Inhalt unseres Bewußtseins ist Empfindung und Vorstellung und zum Wesen der einen gehört die Bewußtseinsform ebenso notwendig, wie zu dem der anderen. In der Tat, mag man sonst "Vorstellung" definieren wie man will, mag sie im übrigen sein was sie will, das was sie zur Vorstellung macht, ist doch einzig und allein die in ihr und durch sie stattfindende, durch keine Real-Kategorie zu denkende, rein ideelle Beziehung eines vorstellenden Subjekts, eines Ichs, zu einem vorgestellten Objekt, einem Gegenstand. Nur durch diese ideelle Bedeutung, die sie in einem Ich und für ein Ich besitzt und allein besitzen kann, ist eine "Vorstellung" Vorstellung, Anschauen, Denken, Erkennen, Vergleichen, Unterscheiden, Urteilen, Schließen - das alles hat keinen Sinn und ist gänzlich unverständlich ohne Subjekt, ohne Ich. Ich aber ist notwendig Mittelpunkt eines Bewußtseins; ohne Ich kein Bewußtsein, ohne Bewußtsein kein Ich; ohne Ich aber kein Vorstellung; also: kein Vorstellung ohne Bewußtsein. Der Begriff "unbewußte Vorstellung" ist also undenkbar, eine contradictio in adjecto [Widerspruch in sich - wp], sein Gegenstand folglich ein Unding. Gegen diese Schlußfolge läßt sich, scheint mir, absolut nichts einwenden. - Wir haben also hier einen Begriff, den die Tatsachen dem Verstand unabweisbar aufdrängen, den die Logik unerbittlich zurückstößt. - Wie kommen wir aus diesem Dilemma?

Mit den kümmerlichen Versuchen, durch Erklärungen aus dem bloßen Bewußtsein, unter Voraussetzung unendlich kurzer Dauer und sofortigen Vergessenwerdens der Vorstellungen, den ganzen Begriff überflüssig zu machen, brauchen wir uns wohl nicht aufzuhalten. Sie laufen, genau besehen, alle auf die Annahme eines Bewußtseins außerhalb des Bewußtseins hinaus, enthalten also den Widerspruch, den sie beseitigen wollen, nur viel schreiender, selbst; und ein Blick auf Natur und Umfang der zu erklärenden Tatsachen, sollte, denke ich, allein schon hinreichen, um alle solche Bemühungen von vorn herein als ohnmächtig zu erkennen. - So viel ist gewiß; es muß etwas außerhalb des Bewußtseins im vorstellenden Wesen vorhanden sein, was in unzähligen Fällen den Zusammenhang seines bewußten Vorstellens vermittelt und in letzter Linie sogar das gemeinsame Fundament und die Möglichkeit desselben begründet. Als Vorstellung im strengen Sinne kann es nicht gedacht werden und dennoch soll es Vorstellung in der Weise von Vorstellung begründen. Was kann das sein? Jedenfalls doch wohl nur etwas Geistiges, der Vorstellung Homogenes und innigst Verwandtes? - Oder, das wäre noch ein Ausweg, sollte vielleicht die all unser Vorstellen, so viel wir wissen, gesetzmäßig begleitende organische Bewegung, die physische Tätigkeit des Gehirns dasjenige sein, was, auch ohne den Nebeneffekt des Bewußtseins wesentlich gleichartig und denselben Verknüpfungsgesetzen folgend wie während des Bewußtseins, durch alle Unterbrechungen desselben fortbestände und fortliefe und so auf materiellem Wege jenen Zusammenhang herstellte, den die Erscheinungen des Bewußtseins, in sich betrachtet, vermissen lassen? - Das klingt ganz plausibel und ist jedenfalls formell-denkbar und widerspruchsfrei. Allein es stehen sachliche Bedenken entgegen und auch diese Annahme, man mag dabei das Verhältnis von Geist und Körper denken wie man will, erweist sich bei näherer Prüfung als unhaltbar.

Freilich bei materialistischer Fassung würde ja alles sehr einfach und verständlich werden, indem der ganze Unterschied von Bewußt und Unbewußt sich auf eine bloße Modifikation des wesentlich gleichartigen physischen Gehirnvorgangs, der Denken heißt, zurückführte; der ganze Standpunkt aber ist in sich absurd und kann überhaupt bei psychologischen Fragen nicht berücksichtigt werden, weil Geistiges sich weder als materielle Substanz noch als Akzidenz an einer solchen denken läßt. Die entgegengesetzte idealistische Anschauung kommt ohnehin nicht in Betracht, da sie ja das Materielle überhaupt leugnet und nur Geistiges kennt. Es bleiben daher auf dogmatischem Boden nur die dualistische Ansicht und die von der wesenseinen Substanz mit entgegengesetzten Attributen.

Was zunächst die  dualistische  Ansicht betrifft, so würde bei derselben die fragliche Erklärungsart möglich sein, wenn die geistige Tätigkeit beim bewußten Denken gleichsam nur die Spiegelung der parallel laufenden materiellen bildete und wenn das bloße Vorhandensein eines Stadiums der letzteren ohne weiteres das Eintreten des entsprechenden Stadiums im geistigen Prozeß mit sich führte. Dann allerdings würde der Zusammenhang einer lückenhaft gegebenen Vorstellungsreihe auf materiellem Wege zustande kommen. Es wäre z. B. im Bewußtsein nur Anfang und Ende einer logischen Kette gegeben, so dürfte man nur annehmen, der dem geistigen Anfang entsprechende materielle Vorgang habe sich nach seinem inneren Gesetz beim Aussetzen des Bewußtseins durch dieselben materiellen Übergangsstadien hindurch, die er durchlaufen haben würde, wenn der ganze Vorgang sich als Vorstellung gespiegelt hätte, zu dem der Vorstellung des logischen Resultats entsprechenden und dieselbe hervorrufenden Endstadium entwickelt und der vermißte Kausalzusammenhang wäre hergestellt, da der ganze Vorgang sich von dem bei vollständigem Bewußtsein stattfindenden nur dadurch unterschiede, daß die idelle Spiegelung lückenhaft geblieben wäre und es wäre erklärt, warum die zerstreuten Spiegelbilder in demselben ideellen Verhältnis zueinander stehen, das sie zu zeigen pflegen, wenn sie durch die sämtlichen Mittelbilder hindurch sich in einer vollständigen Vorstellungsreihe auseinander entwickeln.

Allein es kann, wenn man, wie hier geschieht, Geist und Körper als zwei gesonderte und heterogene Substanzen betrachtet, eine Vorstellung niemals als etwas durch einen materiellen Vorgang direkt bewirktes gedacht werden; sie setzt als ihre nächste Ursache eine Selbsttätigkeit des Geistes voraus, für welche der materielle Vorgang nur die Anregung und Veranlassung bilden kann. Nun handelt es sich hier aber nicht um das die Vorstellung bloß veranlassende Materielle, sondern um eine die Geistestätigkeit selbst während des Vorstellens begleitende organische Bewegung und diese kann offenbar nur als eine Rückwirkung des geistigen Vorgangs auf die Materie des Organismus gefaßt werden. Fällt also die geistige Tätigkeit fort, so kann auch die entsprechende materielle Bewegung nicht stattfinden und die einer lückenhaften Vorstellungsreihe entsprechenden Stadien des organischen Prozesses würden ebenso unvermittelt nebeneinander stehen, wie die zerstreuten Vorstellungsglieder, da auch die erforderlich materielle Vermittlung nur unter Mitwirkung der vermittelnden Vorstellungstätigkeit zustande kommen kann. - Die materielle Erklärung ist also bei dieser Fassung des Verhältnisses unmöglich.

Nimmt man dagegen - und dieser Standpunkt berührt sich schon mit dem kritischen -  nur eine Substanz  an und Geistiges und Körperliches als parallele Seiten desselben Wesens, so muß man ja schon so wie so jedem materiellen Vorgang etwas Geistiges, als entsprechenden Modus des anderen Attributs, zur Seite geben, wieviel mehr also jenen organischen Bewegungen, von denen wir sogar erfahrungsmäßig wissen, daß sie in speziellster Beziehung zu einem bestimmten und bekannten Geistigen stehen und es fehlt jede Veranlassung, die Substanz hier auch nur vorzugsweise unter dem Attribut der Ausdehnung zu denken, wo man die idelle Reihe nach den bekannten Gesetzen des Vorstellungszusammenhangs oft mit Sicherheit zu ergänzen imstande ist, während man sich für die materielle Reihe auf die vagsten Vermutungen beschränkt sieht und selbst, wäre sie konstruiert, dieselbe doch schließlich wieder in ein Geistiges übersetzen müßte, um den Zusammenhang der ideellen Seite herzustellen, um den es sich hier doch eigentlich allein handelt.

Um endlich die Sache auch noch vom  kritischen  Gesichtspunkt zu betrachten, für den äußere wie innere Welt nur Erscheinung eines unbekannten Ansich ist, so könnte man etwa sagen: Das Ansich der geistigen wie der materiellen Vorgänge bleibt ja freilich gleich unerkennbar; wo aber, wie beim denkenden Wesen, das Ding uns unter beiderlei Form erscheint, sowohl in äußerer als auch in innerer Wahrnehmung, da müssen wir, wenn die eine ausgeht, uns der anderen bedienen, unser eigenes Wesen also, soweit wir es nicht innerlich als geistig und vorstellend wahrnehmen, in der Form des äußeren Sinnes, d. h. als Materie im Raum denken, ohne uns dabei anzumaßen, das Geistige etwa durch das Räumliche zu erklären und überhaupt das Ansich unseres Wesens auf die eine oder die andere Art adäquat vorstellen zu können.

So etwa müßte die materielle Auffassung des Unbewußten sich wohl hier formulieren. Es ist aber dagegen Folgendes zu erinnern. Unsere aktuelle Wahrnehmung, sowohl äußere als innere, bietet uns überhaupt nur Stückwerk, das wir durch Verstandesschlüsse erst zu ergänzen und zu einem zusammenhängenden Weltbild, allerdings immer nur unter der Form unserer Anschauung, zu verbinden haben, indem wir die Dinge, auch wo sie uns nicht in wirklicher Erscheinung gegeben sind, nach den Gesetzen ihrer Erscheinungsform konstruieren, d. h. sie uns vorstellen, wie sie uns erscheinen müßten und erscheinen würden, wenn unsere Wahrnehmung vollständig wäre, d. h. wenn die Bedingungen überall erfüllt wären, unter denen die Objekte sich als aktuelle Erscheinung in unserem Bewußtsein darstellen. Ob es sich um Gegenstände innerer oder äußerer Wahrnehmung handelt, kann dabei keinen Unterschied machen. Wir verfahren daher nur korrekt und ganz analog wie auf äußerem Naturgebiet, wenn wir eine im Bewußtsein lückenhaft gegebene Reihe  wirklicher  innerer Wahrnehmungen durch die vom geistigen Zusammenhang geforderten Gegenstände einer  möglichen  inneren Wahrnehmung ergänzt denken, die Vorstellungen im Bewußtsein also durch Vorstellungen außerhalb desselben, die wir demnach als potentielle Vorstellungen denken, d. h. als dasjenige im Ansich unseres Wesens, was, wenn die Bedingungen seines aktuellen Erscheinens erfüllt wären, uns notwendig als unsere Vorstellung und als ein Gegenstand innerer, nicht äußerer Wahrnehmung erscheinen würde. Wollten wir also hier aus der ideellen Erscheinungsreihe in die materielle überspringen, so würden wir denselben Fehler begehen, als wenn wir in den Zusammenhang der materiellen Reihen Geistiges mischten.

Es bleibt also dabei, wir müssen die unbewußte Vorstellung als etwas Geistiges denken, dem zum wirklichen Vorstellungsein nur das Erscheinen im Bewußtsein, die aktuelle Beziehung zum Ich fehlt. Was aber dieses Geistige, abgelöst von jener Beziehung, an sich selbst sei, wie wir es doch denken müssen, sofern wir es als unbewußt denken, das scheint völlig unbestimmbar, da wir, wenn wir vom Vorstellen den bekannten Charakter der Vorstellung abziehen, nur ein völlig dunkles  X  von geistigem Prozeß, geistiger Tätigkeit überhaupt übrig behalten, worunter wir uns absolut nichts Bestimmtes mehr vorzustellen vermögen. Und dieses  X  wären wir also als den Erklärungsgrund unzähliger psychologischer Erscheinungen, ja als die Grundlage all unseres bewußten Vorstellens zu denken genötigt und so kämen wir denn, scheint es, durch die Gewalt der Tatsachen getrieben, hier wieder auf die verschrienst der Kantischen Paradoxien zurück, auf die kritische Lehre, daß wir auch die Natur unseres eigenen Geistes, ja unseres Denkens selbst nicht erkennen nach dem, was sie an sich ist, sondern nur wie sie uns erscheint in der beschränkten Form unseres Bewußtseins.

Verhält es sich denn nun aber auch wirklich so, daß wir von unserer geistigen Tätigkeit nichts im Bewußtsein haben als das bloße Vorstellungsresultat? Können wir nicht Vorstellungen bewußt produzieren oder wenigstens reproduzieren und, bei gehöriger Reflexion, unseres tätigen Verfahrens dabei ebensowohl gewahr werden wie des erzielten Resultates? Und hat nicht KANT selbst gerade diese Tätigkeiten als solche erforscht und beschrieben und auf die Erkenntnis ihres Wesens eben hauptsächlich seine Kritik des Vorstellungsvermögens gegründet? Wenn man also von dieser ihrer Natur nach erkennbaren, im Selbstbewußtsein direkt angeschauten geistigen Tätigkeit das Vorstellungsresultat abzieht, so hat man ja, scheint es, jenes gesuchte geistige Ansich in Händen, was man sich unter dem Unbewußten zu denken hätte. - So scheint es in der Tat; allein es scheint auch nur so und dieser Schein, zu dessen Entstehung KANT allerdings durch die für das wesentliche Resultat ganz überflüssige Wendung namentlich seiner Kategorienlehre die Veranlassung gegeben hat, ist für die ganze Entwicklung der nachkantischen Philosophie verhängnisvoll geworden.

Bei näherer Prüfung nämlich erweisen sich alle jene immanenten Prozesse und Tätigkeiten, für deren letztes Produkt die Vorstellung gilt, als reine qualitates occultae, d. h. als die bloß durch den allgemeinen Begriff der Ursache gedachten, aber absolut nicht weiter bestimmbaren Seinsgründe für die Existenz ihres Produkts, der Vorstellung. Sie sind also nur bekannt, sofern die Vorstellung als solche bekannt ist; sobald aber von diesem ihrem Resultat abgesehen und gefragt wird, was sie an sich seien, wie es beim Begriff des Unbewußten geschieht, so befinden wir uns vollständig im Dunkeln und das hat KANT, wenn auch nicht klar entwickelt, doch sehr wohl gefühlt, wie die seinen Nachfolgern und Gegnern immer unverständlich gebliebene Hartnäckigkeit beweist, mit der er die intellektuelle Selbstanschauung leugnete und daran festhielt, daß wir von uns selbst auch nur wüßten, sofern wir uns erscheinen. In der Tat, fragt man, was denn nun jenes Apprehendieren und Synthetisieren, jenes Trennen und Zusammenfassen, jenes Teilen und Verbinden, was wir beim Prozeß der bewußten Vorstellungsbildung in uns wahrnehmen sollen, eigentlich an sich selbst sei, so möchte wohl jeder Transzendental-Philosoph sich in der äußersten Verlegenheit befinden, irgendetwas Verständliches oder auch nur Vorstellbares anzugeben, da uns jede Anschauung der Substanz unseres Geistes abgeht, wir also auch keine Mittel besitzen, irgendetwas, was mit oder in derselben realiter vorgeht, vorstellig zu machen. Wir können die betreffenden Tätigkeiten immer nur durch den sonst leeren Begriff der Ursache des bezüglichen Vorstellungseffektes definieren: die Synthesis als diejenige Funktion, durch welche die Vorstellung der Einheit des Gegenstandes zustande kommt, die Scheidung als die, welche die Vorstellung der gegenständlichen Getrenntheit bewirkt usw.

Machen wir uns die Sache an einem Beispiel deutlich. KANT bemerkt, die Vorstellung eines bestimmten Objektes im Raum beruhe auf einer Funktion des sukzessiven Durchlaufens, Zusammenfassens und synthetischen Verbindens des in der Anschauung gegebenen schlechthin Mannigfaltigen: so könnten wir uns keine Linie vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen etc. Die Sache an sich hat ihre Richtigkeit, nur daß man vielleicht besser die Behauptung auf das klare Vorstellen als solches einschränkte, da, wie die sinnliche Wahrnehmung beweist, die halbbewußte, undeutliche Vorstellung auch ohne das stattfindet und selbst beim Denkenwollen einer Linie schon ein unbewußt erzeugtes Bild dunkel vorzuschweben scheint, das beim wirklichen Denken nur gewissermaßen nachgezogen und bewußt gemacht wird. Sei es wie es wolle, was beobachten wir denn nun eigentlich bei dem ganzen Vorgang? Sehen wir etwa unseren Geist durch den Raum laufen, die einzelnen Punkte fassen, zusammennehmen und verbinden? Nichts von alle dem. Was wir wahrnehmen, ist einfach das: Wenn wir uns einen aus gleichartigen Teilen oder sonst einen zusammengesetzten Gegenstand deutlich machen wollen, so entsteht auf irgendeinem uns weiter nicht erkennbaren Weg in unserem Bewußtsein sukzessive die deutliche Vorstellung der Teile und aus dieser erst die des Ganzen. So habe ich bei der Linie erst irgendein Anfangsstück deutlich, dann ein folgendes, das sich mit jenem zur Vorstellung eines einzigen zusammensetzt, dann ein drittes usw., bis mir die ganze Linie klar im Bewußtsein steht. Ich habe freilich während des ganzen Vorganges ein Gefühl geistiger Tätigkeit, erkenne aber von dieser nichts als die bloße Vorstellungsleistung und benenne die einzelnen Funktionen lediglich nach ihrem vorausgesetzten Anteil an derselben. Weil nach und nach aneinandergereihte Linienstücke zur Vorstellung kommen, spreche ich von einem Durchlaufen des Raumes, einem sukzessiven Auffassen seiner Teile; weil mit dem Eintreten der Vorstellung eines neuen Stücks die der früheren nicht schwindet, sondern mit derselben zur Vorstellung eines stetig verbundenen Ganzen zusammengeht, spreche ich von einem Zusammenfassen und Verbinden, wobei ich im Grunde nichts weiter denke als die an sich unbekannte geistige Ursache, auf der das Werden der Vorstellung beruth, sofern sie Grund der Vorstellung des Verbundenseins der Teile im Gegenstand ist.

Mag es also immerhin sein - und wir können es wohl kaum anders denken - daß das beim bewußten Vorstellen Tätige und Schaffende in uns jenes Geistige ist, welches den eigentlichen Inhalt der sogenannten unbewußten Vorstellung bildet, so bleibt es uns jedenfalls in seiner von der Vorstellungswirkung losgelösten Existenz absolut unerkennbar und wir können es immer nur als dasjenige im Ansich unseres Geistes bestimmen, was mit Bewußtsein verbunden eine Vorstellung ergibt.

Hier liegt, meines Wissens noch nirgends recht hervorgehoben, der zarteste und verfänglichste Punkt der gesamten Erkenntnistheorie, worauf gar nicht nachdrücklich genug hingewiesen werden kann. Denn in der unvollkommenen Erkenntnis, der dunklen und schwankenden Darstellung dieses Verhältnisses bei KANT, im völligen Verkennen und Verkehren desselben bei seinen Nachfolgern ist vornehmlich die Ursache zu suchen, daß der kritische Standpunkt sich nicht hat behaupten können und auf seinem eigenen Boden eine neue Dogmatik hat erwachsen sehen müssen, gegen welche alle Verirrungen des vorkritischen Denkens ein Kinderspiel gewesen waren.

In dem Wahn nämlich, an jenen psychologischen Hilfsbegriffen eine intellektuelle Anschauung zu besitzen, durch die das eigentliche Wesen unseres Denkens erst erkannt würde, glaubte man sich des gewöhnlichen landläufigen Denkens und Erkennens, mit dem man bisher dem metaphysischen Rätsel immer nicht hatte beikommen können, nunmehr gänzlich überheben und an dessen Stelle ein höheres, gar nicht mehr gegenständliches, dem gemeinen Verstand überhaupt unfaßliches und unzugängliches Denkens setzen zu müssen, das eigentlich gar nicht mehr ein bloßes Denken, sondern ein schöpferisches Tun des Geistes, ein spontan aus der absoluten Freiheit des Ichs sich entspinnender Prozeß wäre, den man nur durch die freie Geistestat in Bewegung zu setzen und zu erhalten hätte, der aber weiter keines Deduzierens, Beweisens etc. bedürfte, sondern dem man nur zuzusehen und der erstaunten Welt Bericht davon zu erstatten hätte. Denn all jene Aporien, Antinomien, Zweifel und Widersprüche, mit denen sich früher Kritik und Spekulation abgemüht hatten, sie liegen für diesen Standpunkt ja samt dem ganzen Gegensatz von Denken und Sein in der Sphäre jenes gegenständlichen Vorstellens, in der das alte Denken sich herumdreht, das aber nichts ist, als der tote Rest des lebendigen Prozesses der an dessen Grenzen entsteht, da wo die Bewegung stockt und abstirbt. Der lebendige Prozeß erkennt nicht eine Welt, die außer ihm Bestand hätte, sondern er erschafft sie und die Frage, ob das so Gedachte auch wahr sei, kann gar nicht aufgeworfen werden, weil dieses Denken eben an sich ist und die absolute Wirklichkeit und Wahrheit hat. Daher denn auch die unendliche Verachtung, mit der von diesem Standpunkt aus auf alles andere, auf alles gewöhnliche Denken, auf Verstand und Vernunft, was Menschen sonst so nannten, herabgesehen wird, daher die Unmöglichkeit für die Kritik, dieser Dogmatik beizukommen, in deren Augen jedes Räsonnement als solches schon gerichtet ist und unter ihr liegt, in jener starren gebundenen Sphäre es gegenständlichen Denkens, zu der sie sich aus der Freiheit ihres Tuns überhaupt nicht mehr herablassen kann. Daher aber auch die fast beispiellose Dunkelheit und Unverständlichkeit fast aller Produktionen dieser Schule, über deren eigentlichen Sinn meist schon die Allernächststehenden uneins sind, ja bei denen man oft stark zu zweifeln versucht ist, ob der Urheber sich selbst verstanden hat. Kein Wunder: denn diese hyperlogischen Metaphysiker, auch sie müssen sich doch, um ihre Offenbarungen mitzuteilen, der menschlichen Sprache bedienen, die aber ist leider durchaus nur für das tote, gegenständliche Denken eingerichtet und ihre Worte bezeichnen immer nur die tote Vorstellungsschlacke, nie den lebendigen Prozeß, der sie abstößt. Damit können aber jene nichts anfangen; bedienen sie sich also irgendeines Wortes, ich will sagen "Substanz", so meinen sie nicht den gewöhnlichen fixierten oder doch fixierbaren Begriff damit, sondern Gott weiß welchen wunderseltsamen Evolutionsprozeß des absoluten Ichs, des Sub-Objekts, der Idee, aus dem sich, nach ihrem Bericht, für das gemeine Denken das tote Produkt des Begriffs "Substanz" absetzt. Jene Prozesse aber sind nur in ihren Büchern zu finden, das allgemeine Bewußtsein weist sie nicht auf und jeder berichtet darüber anders. Da muß dann schließlich jede Möglichkeit der Verständigung aufhören und ein Zustand der Verwirrung und Verschlemmung aller Begriffe eintreten, bei dem überhaupt keine Wissenschaft mehr, geschweige denn Philosophie bestehen kann. -

Der Grund der Nichtigkeit aller dieser Bestrebungen aber leuchtet ein, sobald man den Punkt, von dem das ganze Irrsal sich angesponnen hat, fest ins Auge faßt und sich klar macht, daß nicht die bloß begrifflich vorausgesetzte, an sich unverkennbare mentale Tätigkeit es ist, die das durch sich selbst offenbare Wesen des Denkens und Vorstellens erklären, geschweige denn dasselbe ersetzen könnte, sondern vielmehr umgekehrt jener an sich leere und bestimmungslose, durch keinerlei Anschauung ausgefüllte Begriff alles Licht eben von der Vorstellung empfängt und, soweit er zu erklären ist, durch sie erklärt wird. Man wird sich demnach wohl bescheiden müssen und von jenem weltschöpferischen Aufschwung auf den Boden des gewöhnlichen, d. h. allein wirklichen und möglichen Denkens zurückkehren, wo Gedanke und Gegenstand, Subjekt und Objekt nicht eins sind, sondern zweierlei.

Hier aber tritt die Kritik wieder in ihr Recht mit der Frage nach den Grenzen des Erkennens und aus dem dargelegten Verhältnis des Bewußten und Unbewußten in unserem Geist dürfte es ihr, meine ich, nicht schwer fallen, das notwendige Vorhandensein einer unübersteiglichen Schranke nachzuweisen, die uns hindert, dem Wesen der Dinge weiter als bis auf einen gewissen Punkt nahe zu kommen.

Stellen wir, wie es in der Metaphysik geschieht, das kahle, voraussetzungslose Ich dem unbekannten Sein gegenüber, so fühlen wir uns völlig ohnmächtig, dasselbe mit dem Gedanken oder auch nur mit der Phantasie zu erreichen und versinken in bodenlose Leere. Denn unser Ich ist tatsächlich kein voraussetzungsloses, ursprüngliches, wie es zur bewußten Produktion absoluter Erkenntnis erforderlich wäre, sondern es findet sich selbst immer nur vor innerhalb eines von ihm nicht geschaffenen, mithin unbewußt gebildeten geistigen Mediums, als Mittelpunkt eines außer ihm bereits vorhandenen Vorstellungskreises, der von ihm zwar sein Licht, aber nicht sein Dasein erhält und durch alle Stufen des Halbbewußten allenthalben sich ins Unbewußte verliert. Und alle Konstruktionen des bewußten Denkens müssen von diesem Mittelpunkt aus in das umgebende Element des unbewußt gebildeten Vorstellungsstoffes gezogen werden, den sie wohl allseitig durchsetzen und überspannen, aber nicht ursprünglich hervorbringen können. Sie setzen also ihrer Natur nach etwas außer sich im Bewußtsein Gegebenes, d. h. durch unbewußten Intelligenzakt Hervorgebrachtes voraus, worauf sie sich beziehen können, sind durchaus ein mittelbares, ein Vorstellen aus zweiter Hand. Die Fundamentalvorstellungen, durch welche direkt ein Konkretes und Reales gedacht wird, die Anschauungen, sind unbewußten Ursprungs und da alles Denken auf ihnen basiert, so könnte ein eigentliches Wissen vom Sein der Dinge nur stattfinden, sofern wir ihrer absoluten Wahrheit versichert wären. Nun ist uns aber, wie wir sahen, der Einblick in die Genesis der sinnlichen Anschauung versagt, wir können sie aus den Empfindungsdaten nicht bewußt konstruieren und müssen sie als etwas mit diesen zugleich schlechtweg Gegebenes hinnehmen. Und wenn demgemäß ihr Erkenntniswert schon  dahingestellt  bleiben muß, so scheint die besprochene Irrationalität ihres Gehalts - der Quell der bekannten Antinomien - es sogar unmöglich zu machen, das aus ihnen gewonnene Weltbild für mehr als die bloße Erscheinung eines seinem wahren Wesen nach nicht dadurch erkannten Ansichs zu halten. So müssen wir unser denkendes Ich für ein bedingtes, unsere Erkenntnis für beschränkt erklären, weil unsere Geistestätigkeit und unser Bewußtsein nicht ineinander aufgehen und al unser bewußtes Vorstellen ein unauflöslich unbewußtes zur Grundlage hat.

Allerdings, indem wir unseren Intellekt als einen unvollkommenen, eigentümlich bedingten setzen, räumen wir eben damit zugleich ein, daß unsere Beschränktheit der Intelligenz als solcher nicht wesentlich sei. Vielmehr in jenem Aufgehen des Mentalen in Vorstellung und Bewußtsein, das in uns nur bis zu einer gewissen Grenze stattfindet, worauf eben unsere Beschränktheit beruth, müssen wir das Normale und die eigentliche Bestimmung aller Geistestätigkeit erblicken, worin dieselbe erst ihren letzten Zweck erfüllt und ihr Wesen vollendet. Ein Verstand, in dem Schauen und Schaffen, Tätigkeit und Bewußtsein absolut und durchweg eins wären, wäre nicht wie der unsere ein diskursiver, sondern ein anschauender Verstand und für den gäbe es keine Schranken. Freilich besitzen  wir  einen solchen nicht uner er ist kein Gegenstand unserer Erfahrung. Aber dennoch können wir ihn nicht nur der Idee nach denken, sondern wir sind sogar gewissermaßen genötigt, aufgrund unseres Bewußtseins die Möglichkeit desselben zu postulieren. Denn unsere Vorstellungen fordern ihre vollständige geistige, d. h. vorstellungsmäßige Begründung; diese aber muß vielfach in etwas unbewußt Mentalem gesucht werden, das als virtuelle Vorstellung zu denken, mithin auf ein mögliches Bewußtseins zu beziehen ist. Da nun jenes Mentale seiner Natur nach nur zum Teil in unser Bewußtsein eingehen kann, das zum Ursprung seiner Realvorstellungen nicht hinabreicht, trotzdem aber, um unsere Vorstellungen nicht hinaubreicht, trotzdem aber, um unsere Vorstellungen ideell begründen zu können, irgendwie unter den Begriff der Vorstellung gedacht werden muß, so bleibt nichts übrig, als dasselbe, soweit es unserem Bewußtsein unzugänglich ist, auf ein mögliches Bewußtsein überhaupt und auf die Idee einer Intelligenz zu beziehen, die von den zufälligen Fesseln der menschlichen frei wäre, für welche daher auch der die Anschauung produzierende Prozeß intelligibel, d. h. wirkliches bewußtes Vorstellen sein würde. Und so scheint uns die Einsicht in die Grenzen unseres Bewußtseins gerade eine Aussicht über dasselbe hinaus zu eröffnen. Doch ich breche hier ab, um mich nicht vom Boden meines Gegenstandes in die Tiefen der Metaphysik zu verlieren, indem ich das Ergebnis unserer Betrachtung noch einmal zusammenfasse.

Der Begriff der unbewußten Vorstellung hat sich uns im strengen Sinne als undenkbar erwiesen, weil mit einem Widerspruch behaftet. - Als haltbaren Kern fanden wir das Unbewußte als ein Geistiges gefaßt, das unter der Bedingung des Bewußtseins ein Geistiges gefaßt, das unter der Bedingung des Bewußtseins sich als Vorstellung darstellen müßte. So verstanden, steht dem Gebrauch des Begriffs logischerweise nichts im Wege und daß er in der Psychologie nicht nur brauchbar, sondern sogar notwendig und unentbehrlich ist, das glaube ich zur Genüge dargelegt zu haben. Daß derselbe auch für die Erkenntnistheorie von höchster Bedeutung, daß die richtige Bestimmung und Würdigung des Verhältnisses von Bewußtem und Unbewußtem in unserem Denken geeignet sei, namentlich auf die kritische Grundfrage neues Licht zu werfen und der Kantischen Lehre ein festeres, widerspruchfreies Fundament zu geben, - auch das habe ich andeutungsweise zu zeigen versucht. Ob ich damit auf der rechten Spur bin, mag Ihr Urteil entscheiden.
LITERATUR - Adolph von Heydebreck, Über den Begriff der unbewußten Vorstellung, Vortrag gehalten am 27. Oktober 1883 mit der dabei stattgehabten Diskussion, Philosophische Vorträge der Philosophischen Gesellschaft Berlin, Neue Folge Heft 7, Halle/Saale 1884