p-4 Die Lehre von der AufmerksamkeitDas GedächtnisDas Bewußtseinsproblem    
 
ADOLPH von HEYDEBRECK
Über den Begriff
der unbewußten Vorstellung

[ 3 / 6 ]

"Es ist bei der heutigen Stimmung der Gemüter ganz unmöglich, mit Anschauungen der genannten Richtung an die Leute heranzukommen; sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, schütteln das Haupt, bekreuzigen sich und rufen dreimal: Tatsachen! Tatsachen! Tatsachen! und damit ist das Phantom in die Hölle zurückgeschleudert, der es entstammt."

"Dieser Gegenstand oder dieses Ding, an welches das Denken immer heran möchte und doch nicht heran kann, ist die unverständlichste aller Vorstellungen. Der Grundirrtum aber ist eben dieser, daß man sich das Objekt des Denkens in gröberer oder feinerer Form als "Gegenstand" oder "Ding" vorstellt in ursprünglicher hoffnungsloser Fremdheit gegen das Denken, irgendwo draußen, nämlich außerhalb des Denkens, wie einen Stein oder Klotz und nun dieses Außerdemdenken, dieses Gegenüberdemdenken noch obendrei für das Wahrhafte und Selbständige hält, dem das lahme krüppelhafte Denken auf schlecht konstruierten Krücken von ferne her hoffnungslos nachhumpelt."

"Was sich die leerste Abstraktion vormacht, ein Ding, das gegen das Gedachtwerden völlig gleichgültig und vom Denken auch gar nicht erreichbar wäre, ist die haltloseste und willkürlichste Imagination, im Widerspruch zu aller Erfahrung und allen Tatsachen. Denn die erste Erfahrung ist die, daß wir nichts anderes haben können als in der Form des Objekts, d. h. in den Formen unseres Denkens; auch das Ding, so wie wir es vorstellen, denken, davon reden, ist unser Objekt und ein Objekt, welches schlechterdings nicht Objekt, sondern ein Ding sein soll, ist ein Widersinn und wenn man solchen Widersinn denkt, dann müssen freilich lauter Undenkbarkeiten die Folge sein."


Diskussion 1

Nach Eröffnung der Diskussion bemerkte Herr Dr. KIRCHNER:

Ob man unbewußte Vorstellungen zuläßt oder nicht, hängt von der Bedeutung ab, die man dem Bewußtsein beilegt. Versteht man darunter die manche physiologische und psychische Akte begleitende Selbstwahrnehmung, so kan es natürlich keine unbewußten Vorstellungen geben. Die Beispiele, welche der Herr Vortragende dafür anführte, scheinen mir auch solche unbewußten Vorstellungen weder als Ursache noch als Wirkung von psychischen Prozessen zu beweisen. Was er so nennt, sind physiologische Reize, wie bei Ahnungen, beim Hellsehen, Träumen und beim Reden des Deliranten. Ähnlich steht es mit den zahlreichen unwillkürlichen Bewegungen, die der Herr Vortragende aus unbewußten Vorstellungen ableiten will: das Fixieren, d. h. das Bringen des Objekts auf den Punkt des deutlichsten Sehens; das Laufen, Gehen, Sprechen, Schreiben, - nicht Vorstellungen, sondern Muskelreize gehen voran, welche durch wiederholte Übung aus willkürlichen zu unwillkürlichen geworden sind. Und wenn aus dem Gebiet der Wahrnehmung die sogenannten Nachbilder angeführt werden, wonach wir erst später Einzelheiten an den Dingen bemerken, nachdem diese lange nicht mehr wahrgenommen werden, so hat man es hier nur mit dem Fortbestand früherer Reize zu tun, welcher gelegentlich zur späteren Empfindung, Reflexion und Vorstellung führt. Daß wir den ganzen Wasserfall hören, aber nicht den Tropfen, beweist nichts, denn unsere Organisation ist eben für manche SInnesreize nicht empfänglich. Dasselbe gilt von dem Fall, daß der Müller durch das Stillstehen seiner Mühle aufwacht; - hier ist nicht von Vorstellungen, sondern von Reizen die Rede, die erst durch die darauf gerichtete Aufmerksamkeit zu Vorstellungen werden.

Herr LASSON erwiderte Folgendes:

Je höher ich Herrn von HEYDEBRECKs Geist und Wissenschaft schätze und mit je größerem Interesse ich dem nach Form und Inhalt gleich fesselnden Vortrag gefolgt bin, den wir soeben gehört haben, umso weniger kann ich einige Wendungen dieses Vortrages unerwidert lassen, die sich direkt gegen eine Auffassung des Erkenntnis-Problems richten, der ich mich im Innersten verwandt fühle. Herr von HEYDEBRECK ist kein gewöhnlicher Gegner; er sucht die Lösung nicht an der Oberfläche, sondern in der Tiefe. Scheut er sich doch nicht, eben indem er auf die engeren Grenzen der Sphäre hinweist, die wir mit unserem Bewußtsein durchleuchten, zugleich die Aussicht über dasselbe hinaus in eine reine und freie Intelligenz zu eröffnen, in welcher das, was bei uns als unbewußter Geistesvorgang, sinnlich, passiv, allem freibewußten Erkennen zugrunde liegt, selbst schlechtweg intelligibel, reine Tätigkeit bewußten Vorstellens ist. Herr von HEYDEBRECK betont mit großer Lebhaftigkeit die Beschränktheit unserer Intelligenz, aber diese Beschränktheit, meint er doch zugleich, ist uns nicht wesentlich; die Fesseln, die uns binden, sind eigentlich zufällig; sie kommen nicht der Intelligenz als solcher zu, nur unserer menschlichen Intelligenz unter den Bedingungen ihrer Wirksamkeit. Eben die Undurchdringlichkeit unserer Vorstellungen für unser Bewußtsein zwingt uns nach den Gesetzen unseres Denkens die Idee eines sich mit seinem Bewußtsein völlig durchdringenden Verstandes auf als den zu postulierenden, freilich nie erfahrbaren Grund für unser eigenes geistiges Leben und für das, was in demselben notwendig dunkel und unbegriffen bleibt. Mit einem Gegner, der vom landläufigen sensualistischen Empirismus sich so weit entfernt hält, läßt sich schon disputieren, weil selbst da, wo er am bittersten angreift und am heftigsten widersprich, doch immer eine gewisse gemeinsame Grundlage vorhanden bleibt, von der aus wenigstens eine Verständigung über den eigentlichen Kern und Grund der Differenz sich erreichen läßt. Denn daß man sich gegenseitig überzeuge, das ist ja nicht zu hoffen, wo einmal Charakter und Richtung des Denkens sich befestigt und den ganzen Menschen ergriffen hat und darauf kommt es auch nicht an. Es genügt, wenn jeder durch den anderen angeregt in Streit und Austausch über seinen geistigen Besitz größere Klarheit und sicherere Gewalt gewinnt.

Gerade die mit großem Geschick vollbrachte Konstatierung der Tatsache unbewußter Vorstellungen als Grundphänomen unseres geistigen Lebens liefert Herr von HEYDEBRECK die Waffen zu einem energischen Vorstoß gegen die unselige Verirrung der Identitätsphilosophie, wobei wir wohl FICHTE mit einbegreifen müsen. Und zwar nicht wie einen ebenbürtigen Gegner betrachtet er diese Richtung, sondern mit einer Mischung von Verachtung und Mitleid zeigt er mit Fingern auf diesen Dogmatismus als auf ein warnendes Beispiel hin, der alle früheren Verirrungen weit hinter sich gelassen habe. Aus Wahn, Hochmut, unwissenschaftlicher Schwärmerei setzt sich diese Mißbildung zusammen: dunkel und unverständlich ist ihre Rede; jede Möglichkeit der Verständigung hört dabei auf, die Redenden verstehen sich auch wohl selbst nicht; alle Begriffe sind verschlemmt und mit der Wissenschaft hat es ein Ende.

Vielleicht hat der Herr Vortragende doch die Farben etwas zu stark aufgetragen. Mit der gegenseitigen Verständigung kann es doch so ganz schlimm nicht stehen, da eben jene Richtung eine der stärksten und weitest verbreiteten Schulen hervorgebracht hat, von denen seit ARISTOTELES oder THOMAS die Geschichte erzählt. Diese Schule hat freilich nur etwa ein Jahrhundert bestanden und fristet seitdem wenigstens in ihrer Heimat mit gebrochenem Zepter nur noch in wenigen kümmerlichen Überresten eine prekäre Existenz; aber ähnlich ist es auch den Peripatetikern [Aristotelianern - wp] ergangen und der hat doch schließlich alles andere überdauert, um bis auf den heutigen Tag die bei weitem mächtigste Strömung der Geister trotz zeitweilig wiederkehrender Vergessenheit zu bleiben. Und was das Sichverstehen und Verstandenwerden anbetrifft, so gibt es ja hier in unserer Mitte einige Vertreter jener Richtung und diese scheinen sich doch untereinander ganz gut zu verstehen; ja, auch die Gegner in unserem Kreis verstehen doch eigentlich ganz gut, was jene sagen. Der Inhalt jener Lehren ist in tausend populär gehaltenen Büchern, Geschichten der Philosophie und Lehrbüchern ganz leidlich für die gewöhnliche Fassungkraft dargelegt; es gibt keinen Zweig der Wissenschaft, der nicht von jener Richtung aus in eigentümlicher Weise beleuchtet, bereichert, befruchtet worden wäre und vieles des Eigentümlichsten, z. B. in der Entwicklungslehre, in der geschichtlichen Auffassung, ist als selbstverständlicher Besitz in das allgemeine Bewußtsein übergegangen. Selbst den andersredenden Menschen muß diese unverständliche Denkrichtung doch irgendwie verständlich geworden sein. Von Amerika bis nach Rumänie und von Italien bis nach Skandinavien zählt sie ungezählte Adepten; nicht üble Männer bedienen sich ihres Jargons, freilich heute draußen mehr als in der Heimat. Und gesetzt selbst, diese Anklage relativer Unverständlichkeit wäre begründet: wäre das denn eigentlich ein Zeugnis gegen die Sache? Man könnte immer noch sagen: den Mathematiker kann nur der Mathematiker verstehn und ebenso den Philosophen nur der Philosoph und viele werden das ganz in der Ordnung finden.

Das ist ja ganz richtig: das gewöhnliche Denken mit seinen herkömmlichen Begriffen und Anschauungen wird durch jene Richtung geradezu auf den Kopf gestellt; aber da könnte man vielleicht wieder sagen: daran geschieht dem gewöhnlichen Denken sein Recht und dazu ist es eben da, um auf den Kopf gestellt zu werden. Ich weiß ganz wohl, in der herrschenden Meinung wird Herr von HEYDEBRECK mir gegenüber Recht behalten; es ist bei der heutigen Stimmung der Gemüter ganz unmöglich, mit Anschauungen der genannten Richtung an die Leute heranzukommen; sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, schütteln das Haupt, bekreuzigen sich und rufen dreimal: Tatsachen! Tatsachen! Tatsachen! und damit ist das Phantom in die Hölle zurückgeschleudert, der es entstammt. Gleichwohl ist es nicht gestattet, die Fahne zu verlassen und der Versuch, der entschiedenen Ablehnung des Herrn von HEYDEBRECK die entschiedene Rechtfertigung gegenüberzustellen, muß gemacht werden.

Herr von HEYDEBRECK, obgleich er etwas stark färbt und mancherlei Nuancen von der intellektuellen Anschauung bis zum schöpferischen Begriff einigermaßen durcheinanderwirft, bezeichnet doch im Grund den Gegensatz ganz richtig als den Gegensatz eines freien, schöpferischen Denkens zu dem in der Sphäre des gegenständlichen Vorstellens sich herumdrehenden Denken. Nur tut er jener ersteren Tendenz entschieden unrecht, wenn er sagt, sie dünke sich über die Antinomien, Aporien und Widersprüche, mit denen sich die frühere Kritik und Spekulation abgemüht hat, erhaben. Das ist so wenig der Fall, daß sie vielmehr diesen Antinomien und Widersprüchen mit ganz besonderer Vorliebe nachgeht und nachweist, daß diese Antinomien usw. im Seienden selbst liegen und vom Denken nur getreu widergespiegelt werden und daß das gerade die endliche und relative Wahrheit des endlichen Denkens ist, das Endliche als das Widersprechende zu denken. Für das gegenständliche Vorstellen, das sich auch Denken nennt, liegen die Sachen allerdings anders. Da sind die Gegenstände des Denkens, die Dinge, unschuldsvoll und rein wie die Engel und jedes Widerspruches unverdächtig; nur das Denken ist so unfähig, so tückisch oder so stumpf, uns immer wieder mit diesen fatalen Antinomien an der Nase herumzuführen, so daß wir gar nicht an diese Dinge herankönnen, die in ihrem unnahbaren Ansich vor allen Versuchen des Erkennens gesichert in fleckenloser Herrlichkeit thronen. Wenn das schöpferische, spontane Denken als so unverständlich bezeichnet wird, so kann es diesen Vorwurf getrost und mit besserem Recht dem gegenständlichen Denken zurückgeben. Dieser Gegenstand oder dieses Ding, an welches das Denken immer heran möchte und doch nicht heran kann, ist die unverständlichste aller Vorstellungen. Der Grundirrtum aber ist eben dieser, daß man sich das Objekt des Denkens in gröberer oder feinerer Form als "Gegenstand" oder "Ding" vorstellt in ursprünglicher hoffnungsloser Fremdheit gegen das Denken, irgendwo draußen, nämlich außerhalb des Denkens, wie einen Stein oder Klotz und nun dieses Außerdemdenken, dieses Gegenüberdemdenken noch obendrei für das Wahrhafte und Selbständige hält, dem das lahme krüppelhafte Denken auf schlecht konstruierten Krücken von ferne her hoffnungslos nachhumpelt.

Nicht Mangel an Kritik, nicht ein Zurückbleiben hinter dem sich mit berechtigtem Stolz "kritisch" nennenden Kantianismus, sondern weitergehende und tiefergreifende, auf jenen Kritizismus sich gründende und auch den noch der Kritik unterwerfende Kritik ist es, die das Idol des an sich seienden und dem Erkennen gegenüber im Ansich bleibenden Dinges in seiner völligen Hohlheit und Nichtigkeit erwiesen hat. Der Kritizismus, der echte nämlich, - denn zu dem auf empirische Physiologie sich stützenden sogenannten Neu-Kantianismus wird sich Herr von HEYDEBRECK nicht viel anders verhalten als ich, - der echte Kritizismus also hat seine Überlegenheit darin, daß er die Genesis, die Prozeduren und die Trageweite des Denkens durch das Denken selber erforschen will und darin ein völliges Vertrauen auf das Denken beweist. Also das ist der Grundzug des echten, des Kantischen Kritizismus und das ist seine Stärke: das Vertrauen auf das Denken und auf nichts als das Denken, daß es allein imstande ist, sich zu beurteilen und zu würdigen. Seine Schwäche liegt darin, daß er zwar viele, aber doch nicht alle Voraussetzungen der gemeinen Denkweise der denkenden Kritik unterwirft und gerade vor dem bedenklichsten aller Vorurteile, welches die Analogie des sinnlichen Erfahrens so lange wie möglich festzuhalten strebt, mit seiner Kritik Halt macht. Dieses Vorurteil ist die von Herrn von HEYDEBRECK so energisch betonte Theorie, wonach das Material zu unseren Vorstellungen von den Dingen uns durch "Empfindungen" geliefert würde. Die Empfindung nennt Herr von HEYDEBRECK die einzig denkbare dem Geist wirklich gegebene Prämisse des Prozesses, der mit der sinnlichen Wahrnehmung endet. Er hat den ganz richtigen Blick, zu sehen, daß die Empfindung nicht ins Bewußtsein tritt, daß sie uns also nicht unmittelbar als Tatsache gegeben ist, sondern von unserem Denken erst erschlossen ist wie jedes andere Stück Außenwelt. Dann ensteht aber für ein wahrhaft kritisches Denken die Frage: hat das Denken wirklich einen triftigen Grund, aus der im Bewußtsein vorgefundenen Tatsache der Wahrnehmung des sinnlichen Dings auf eine Empfindung zurückzuschließen, die unserer wahrnehmenden Tätigkeit das Material liefert? Für ein gegenständliches Vorstellen ist das ja allerdings die nächstliegende Erklärung der Wahrnehmungstatsachen. Da draußen ist das Ding, der Gegenstand in völliger Selbständigkeit; daneben sind unter anderem auch wir mit unserem Denken und Wahrnehmen als eine ganz besondere Art von Dingen und wir finden uns dabei, die Wahrnehmung jenes äußeren Dinges zu haben. Wie kommen wir aber zu letzterer? Nun, ganz einfach, durch eine Wirkung des Dinges draußen auf uns und zwar vermittels des Leibes als derjenigen Bestimmtheit an uns, die den äußeren Dingen am ähnlichsten und verwandtesten ist und diese Einwirkung nun heißt Empfindung. Mithin ist die Empfindung die "einzig denkbare Prämisse" der Wahrnehmung. Ganz herrlich; aber doch keine Tatsache, nur eine Hypothese: Wenn es von hier aus nur weiterginge und mit der Hypothese irgendetwas ausgerichtet wäre! Aber zwischen Voraussetzung und Schluß ist eine ganz unausfüllbare Kluft; von der Empfindung gibt es schlechterdings keine Brücke zur "völlig heterogenen Vorstellung eines räumlichen Gegenstandes" und "dieser erste Schritt aus der Empfindungs- in die Raumwelt bleibt ewig unbegreiflich." Ja, wozu denn aber diese Hypothese? Was soll uns eine Hypothese, von der ausdrücklich gesagt wird, daß sie nichts erklärt? Gerade dazu sind doch die Hypothesen da, die Tatsachen begreiflich zu machen und sonst zu weiter gar nichts. Sollte man nicht denken, eine Hypothese, die nicht erklärt, muß aufgegeben und an ihre Stelle eine andere gesetzt werden, die wirklich das erklärt, wofür eine Erklärung gesucht wird? Dazu aber entschließt sich das gegenständliche Denken nicht, das von seinen an sich seienden Dingen nach Art der Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung allzu fest überzeugt ist und sich nicht von ihnen zu trennen vermag aus Angst vor dem Bodenlosen, nämlich vor dem schöpferischen Denken, vor einem Element also, wo man nicht mehr nach der gewohnten Weise gehen kann, sondern entweder schwimmen oder fliegen lernen muß. Man begnügt sich also, die gewohnte Vorstellung als die völlig feststehende anzusehen und einfach zu erklären: da sie den Zusammenhang nicht erklärt, so gibt es überhaupt keine Erklärung; der menschliche Verstand reicht nun einmal nicht so weit; das kann man nicht wissen; hier ist das Ding an sich. Das aber scheint gerade durchaus unkritisch zu sein: sich bei befestigten Vorstellungen und bei Ungbegreiflichkeiten zu beruhigen, statt sie aufzulösen und hinter dem täuschenden Schein die Wahrheit zu suchen, die ja nicht gerade ein Ding oder einem Ding oder der Eigenschaft eines Dings ähnlich zu sein braucht, sondern z. B. auch die Natur des Begriffs haben könnte, der nicht nach Übereinstimmung mit einem Ding, sondern nach der mit einem Begriff gemessen wird. Deshalb könnte vielleicht auch einer sagen: die Theorie von den beiden Stämmen der Erkenntnis, wie sie dem Kantischen Kritizismus zugrunde liegt, ist ein wahres Muster von Unkritik, von grundloser Hinnahme geläufiger Vorstellungen und es war ein wesentlicher Fortschritt im Sinne der echten Kritik, als kühne Denker es unternahmen, den einen völlig überflüssigen und völlig unbegreiflichen Stamm, den der bloßen Rezeptivität, zu beseitigen, wie er denn auch keineswegs als Tatsache gegeben, sondern nur als Produkt der Reflexion vom gegenständlichen Denken erfunden ist, um nur nicht die geliebte Gegenständlichkeit drangeben zu müssen. Freilich, wenn heute jemand dergleichen zu sagen wagen wollte, so würde er sich viel überlegenen Spot zuziehen wegen seiner völligen Verachtung der Tatsachen. Denn die Physiologie beweist das ja alles haarklein, wie durch materielle Vorgänge im Nerven Empfindung, Wahrnehmung und Gedanke zustande kommt und wer vor diesen physiologischen Tatsachen nicht die Segel streicht, der ist ein verkehrter Mensch, dem nichts mehr heilig ist und der gar keine Autorität anerkennt. Jene Lehre vom schöpferischen Begriff, von der Identität von Denken und Sein, ist denn auch wirklich völlig respektlos und hält die Physiologen, die mir ihrer Physiologie das Geistige erklären wollen, einfach für einfältig, weil sie das Einfache nicht sehen, nämlich daß die Nerven und Nervenprozesse, mit denen sie operieren, Erzeugnisse ihrer Gedanken, nicht etwa vom Gedanken unabhängige Tatsachen sind.

Soll denn nun etwa der Leib oder Rückenmark und Gehirn geleugnet werden? Keineswegs; nur anders gedeutet werden müssen sie. Oder sollen etwa die unbewußten Vorstellungen geleugnet werden? Gewiß nicht. Im Gegenteil: wir halten die Ausführungen des Vortragenden über die Notwendigkeit, auf allen Punkten unser bewußtes Geistesleben auf unbewußte Elemente zurückzuführen, für ganz vorzüglich und für umso verdienstlicher, wenn man sich auf seinen Standpunkt versetzt. Nur das scheint über das Ziel hinauszuschießen, daß die unbewußte Vorstellung eigentlich ein Unding sein soll; Schwierigkeiten enthält dieser Begriff, aber durchaus keine Unbegreiflichkeiten. Es ist immer wieder dieselbe Manier: wenn ich mir hier das Ding oder den Gegenstand und Bewegungen an ihm vorstelle als etwas allem Bewußtsein Fremdes und dort das Ich und seine inneren Vorgänge als reines Bewußtsein, so bringt der Begriff eines unbewußten Vorganges, der zugleich Vorstellung im Ich sein soll, seine Undenkbarkeit mit sich. Aber wer heißt mich auch so gegenständlich vorzustellen? Der Gegenstand ist eben kein bloßer Gegenstand und das Ich ist kein bloßes Ich. Der Gegenstand ist unterwegs um Ich zu werden und das Ich ist gerade dabei Gegenstand zu werden. Nirgends ist weder das Unbewußte, noch das Bewußte, sondern immer nur das mehr oder weniger Bewußte und das Bewußtsein hat unendliche Grade und Abstufungen vom Menschen zum Affen, zum Käfer, zum Wurm, zum Baum, Pilz oder Mineral, vom Mann zum Weib oder Kind und beim Philosophen selber von dem mit gespanntester Aufmerksamkeit regelrecht erschlossenen und demonstrierten Resultat bis zum genialen Einfall, der im Schlaf kommt und der nach GOETHE eigentlich das Rechte ist, - "alles ist als wie geschenkt." Darum ist nicht die unbewußte Vorstellung das Auffällige und Merkwürdige, sondern die bewußte und das Unbegreifliche ist eigentlich nur das, daß es ernsthafte Leute und Psychologen von Fach gibt, die einer vorgefaßten Meinung zuliebe das, was mit dem Bewußtsein selbst gegeben und die gewisseste aller Tatsachen ist, die unbewußte Vorstellung als den Grund unseres Geisteslebens, hartnäckig in Abrede stellen. Was dem gegenständlichen Vorstellen als Gegenstand erscheint, ist eben gar kein Gegenstand, sondern selber Vorstellendes und Vorstellung auf niedrigster Stufe, werdender Geist, Anlage und Keim des Geistes. Was das gegenständliche Vorstellen Gegenstand nennt, das ist vielmehr Objekt, zum Subjekt gehörig, wie das Subjekt zu ihm; es ist selber von der Natur des Vorstellens, Bewußtseins, Denkens tingiert [eingefärbt - wp], nicht dem Denken fremd und äußerelich, sondern das andere Moment im Denken selbst. Was sich die leerste Abstraktion vormacht, ein Ding, das gegen das Gedachtwerden völlig gleichgültig und vom Denken auch gar nicht erreichbar wäre, ist die haltloseste und willkürlichste Imagination, im Widerspruch zu aller Erfahrung und allen Tatsachen. Denn die erste Erfahrung ist die, daß wir nichts anderes haben können als in der Form des Objekts, d. h. in den Formen unseres Denkens; auch das Ding, so wie wir es vorstellen, denken, davon reden, ist unser Objekt und ein Objekt, welches schlechterdings nicht Objekt, sondern ein Ding sein soll, ist ein Widersinn und wenn man solchen Widersinn denkt, dann müssen freilich lauter Undenkbarkeiten die Folge sein. Das Seiende ist also auch gedankenvoll und das Denkende ist seinsvoll; das Sein des Seienden ist Bewegung zum Denken hin und das Denken des Denkenden ist Bewegung zum Sein hin. Die bloße Dinglichkeit ist ein bloßer Nullpunkt, dem die Bewegung sich wohl stetig annähert, ohne je auf ihn zurückzusinken, eine Grenze des Werdens, welche vom abstrahierenden Vorstellen täuschend als das Bleibende festgehalten wird, weil das Vorstellen sinnliche Nahrung braucht; ebenso ist die reine Geistigkeit ein ideales Ziel, das in der Bewegung und Entwicklung als Norm wirkt, aber mit keiner einzelnen Erscheinung je zusammenfällt. Es gibt also nur Bewußteres und weniger Bewußtes; das Bewußtloseste ist die Materie im Zustand reiner Diffusion durch die Ausdehnung und das ist nichts als ein abstraktes Schema, dem kein Wirkliches entspricht; das Bewußte ist der endliche Geist im Zustand aufmerksamsten gespanntesten kritischen Denkens und selbst diesem ist das Unbewußte immer noch beigemischt.

Ich weiß nicht, ob ich Herrn von HEYDEBRECK damit verständlich geworden bin; die eigentliche Unverständlichkeit liegt auch für einen scharfsinnigen Denker nicht sowohl darin, daß man nicht verstehen kann, sondern darin, daß man nicht verstehen mag, gar keine Lust verspürt sich auf einen Gedankengang einzulassen, das Rätselhafte in ihm zu deuten, die Sprachzeichen, die immer, auch als Ausdruck jedes anderen Gedankenganges, etwas Inadäquates haben, durch spontanes Mitdenken zu ergänzen. Jedenfalls kommt Herr von HEYDEBRECK mir und meinesgleichen ein großes Stück entgegen, indem er sich auf das Abenteuer der Vernunft einläßt und auf der Bahn KANTs wandelnd die Idee eines intuitiv denkenden Geistes postuliert, in welchem Schauen und Schaffen eins ist. Diesen absoluten Geist fordern wir auch als die notwendige Voraussetzung des Prozesses vom Denken zum Sein und vom Sein zum Denken, als die oberste Einheit und Harmonie, in der alle Widersprüche des Endlichen, die sich in der Bewegung stetig ergeben und stetig aufheben, gelöst sind und an deren konkretem Reichtum sich doch zugleich der ganze Prozeß stetig wieder entzündet. Das Sinnliche in uns, was unserem Bewußtsein nicht zugänglich ist, will Herr von HEYDEBRECK als vorgedacht durch jenen überbewußten intuitiven Verstand, d. h. also als Objekt eines schöpferischen Denkens, also doch wohl auch als gedankenvoll, unserem Geist gleichartig und deshalb auch verständlich begreifen. Ganz vortrefflich und hier liegt die Möglichkeit, uns zu einigen. Mit dieser Ausführung ist eigentlich Herr von HEYDEBRECK auf den von ihm so hart geschmähten Standpunkt selbst hinübergetreten.

Nicht aus Inkonsequenz, - das sei fern von uns zu sagen - sondern gerade durch die Konsequenz des Gedankens gezwungen. Nur müßte er noch etliche weitere Konsequenzen ziehen. Erstens die, daß, wenn das Objekt, - denn die vermeintlichen Dinge sind ja Objekte des göttlichen Denkens, eines unserem Denken verwandten Denkens, - unerkennbar ist, das nicht bloß an unserem Denken, sondern ebensosehr am Objekt liegt, nicht weil das Denken zu schwach, sondern weil das Objekt zu niedrig ist. Nicht das Unerkennbare ist das Wahre, sondern das Erkennbare; das Wahrhafte ist vernünftig und was vernünftig ist, ist auch erkennbar. Was weniger erkennbar ist, das ist nicht das Bessere, sondern das Schlechtere; das Aller-Unerkennbarste müßte auch das Aller-Unvernünftigste sein. Also wenn wir etwas als unerkennbar erkannt hätten, so hätten wir es eben damit völlig erkannt; denn unerkennbar, unvernünftig, unwahrhaftig zu sein, wäre damit als der ganze Inhalt der Sache erkannt und es wäre reine Torheit, dahinter noch etwas weiteres suchen zu wollen als eben die Unerkennbarkeit. Also Unerkennbares schlechthin gibt es nicht, sibderb die Stufen der Erkennbarkeit sind auch die Stufen des Seins. Herr von HEYDEBRECK meint, das Denken irre, nicht das Sein; er müßte sagen: das Sein irrt genauso wie das Denken; alle gegen den Begriff zufällige Querheit und Schiefheit ist ein Irrtum im Sein wie im Denken. Denn das Seiende stammt ja aus dem göttlichen Verstand und trägt die Natur des Begriffs.

Und dann müßte Herr von HEYDEBRECK noch die andere Konsequenz ziehen, daß jener absolut schöpferische, überbewußte, weil durch und durch bewußte, Geist für unser Erkennen nicht ein Fernes und Jenseitiges, sondern das Allererste, Allernächste und Allergewisseste ist. Denn was soll das heißen, daß er kein Gegenstand unserer Erfahrung ist? Etwa daß er uns nicht sinnlich gegeben ist? Aber welches Objekt ist uns denn sinnlich gegeben und nicht vielmehr von uns konstruiert? Dürften wir irgendetwas für real halten, wenn uns nur unmittelbar Gegebenes real hieße? Ist etwa dieser Tisch, dieses Weinglas nicht erschlossen? und sind diese Dinge deshalb weniger Gegenstände unserer Erfahrung, weil sie erschlossen sind? Aber Herr von HEYDEBRECK möchte erwidern: es ist doch an ihnen ein unmittelbares, nicht erschlossenes Element. Ist denn aber dieses etwa adas Gewisse an ihnen? ist das Traumbild, die Sinnestäuschung, die fixe Idee etwa deshalb gewisser, weil sie unmittelbar vorgefunden werden? Nein, Erfahrung ist nicht das Unmittelbare, sondern das durch korrektes Denken dem Unmittelbaren als dessen Grund Vorausgesetzte. Wenn uns nun eine streng denkende Konsequenz zwingt, unseren unbewußten Vorstellungen dem unbedingten schöpferischen Verstand vorauszusetzen, sollte er deshalb für die Gewißheit des Erkennens irgendwie in schlechterer Lage sein als dieser Tisch oder dieses Weinglas und nicht vielmehr in viel besserer, weil für ihn nicht Einzelnes, sondern das Ganze, das Denken und sein Objekt überhaupt, bürgt? Postuliert werden zu müssen als integrierendes Glied im System der Objekte, das ist überall das Kennzeichen des wahrhaft Seienden; die Möglichkeit einer sinnlichen Erfahrung dagegen verbürgt gar nichts als die Notwendigkeit, über das sinnlich Erfahrbare hinauszugehen zum schöpferischen Begriff, aus dem es stammt.

So mag der Punkt der Differenz und auch die Möglichkeit einer Verständigung hinlänglich angedeutet worden sein. Für die Länge der Erwiderung muß ich um Nachsicht bitten; viel kürzer wäre es wohl nicht zu machen gewesen. Ich habe nur noch den Wunsch auszusprechen, daß meine Ausführungen von der Gediegenheit des von Herrn von HEYDEBRECK Vorgetragenen nicht zu sehr zu ihrem Nachteil abstechen möchten.
LITERATUR - Adolph von Heydebreck, Über den Begriff der unbewußten Vorstellung, Vortrag gehalten am 27. Oktober 1883 mit der dabei stattgehabten Diskussion, Philosophische Vorträge der Philosophischen Gesellschaft Berlin, Neue Folge Heft 7, Halle/Saale 1884