J. ThyrenCzolbeSchubert-SoldernTh. ElsenhansJ. RehmkeR. Lagerborg    
 
JOHANNES von KRIES
Über die materiellen Grundlagen
der Bewußtseinserscheinungen

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"Jedes assoziative Verknüpfung läßt die Fundamentaleigenschaft bemerken, daß diejenige Erscheinung, die zuerst einen bestimmten Vorgang begleitete und sich mit ihm assoziierte, alsdann nicht bloß durch diesen selben Vorgang in identischer Wiederholung, sondern durch eine größte Mannigfaltigkeit anderer hervorgerufen werden kann, die wir jenem nur mehr oder weniger ähnlich nennen. In dieser Fähigkeit, auf nicht Identisches, sondern nur mehr oder weniger Ähnliches übereinstimmend zu reagieren, liegt offenbar eine überaus wesentliche und für seine Gesamtleistung durchaus unentbehrliche Eigenschaft unseres Gehirns, vielleicht jeder nervösen Substanz."

"In der auf all diesen Verhältnissen beruhenden Zusammenfassung von psychophysischen Vorgängen, die nicht identisch, sondern "gleichartig" oder irgendwie ähnlich sind, in der hierdurch ermöglichten verallgemeinernden Bezeichnung steckt eben die Frage, die uns hier zu beschäftigen hat. Das Problem der Generalisation, die Schwierigkeiten, die es in sich birgt, sind wir geneigt zu übersehen, weil wir allerdings in der Lage sind, das, worauf es für die Auslösung einer bestimmten Wirkung ankommt, einheitlich zu bezeichnen. Es ist eine Form, ein Verhältnis, eine Anordnung. Daß wir das können, ist aber eine Folge jenes zu erklärenden Umstandes; gerade das ist die Frage, wie es geschehen kann, daß eine Form etc. als solche wirksam sein kann, daß Besonderheiten, die als Bestandteile des physiologischen Vorgangs uns gar nicht greifbar sind, die wir daher auch gar nicht anders als mit Bezugnahme auf jene entfernteren Effekte bezeichnen können, zu einer derart selbständigen Bedeutung gelangen."


Nicht ohne einige Verwandtschaft zum eben Berührten ist ein anderes; ich möchte es die assoziative  Wirkung der Komplexe  nennen.

Es empfiehlt sich, das sich hier darbietende Problem nur an einem möglichst einfachen Beispiel zu erläutern, wozu wiederum die Benennung eines gesehenen Gegenstandes gewählt werden kann. Dabei soll vorderhand noch von dem später zu behandelnden Umstand abgesehen werden, daß die optischen Eindrücke, die durch denselben oder durch gleichartige Gegenstände hervorgerufen werden, niemals ganz dieselben, sondern stets erheblich wechselnde sind. Lassen wir das beiseite, so fragt sich also, wie es verstanden werden kann, daß ein aus sehr vielen einzelnen Erregungen sich zusammensetzender optischer Eindruck eine bestimmte und einheitliche assoziative Wirkung hervorbringt. Läßt sich dies überhaupt auf die bevorzugte Gangbarkeit gewisser Leitungsverbindungen zurückführen? Man kann, glaube ich, allgemein sagen, daß dies auf große Schwierigkeiten stößt, weil nach dem Leitungsprinzip der assoziative Effekt einer Summe von Erregungen, wie sie einen Eindruckskomplex darstellen, einfach durch die Gesamtheit der assoziativen Effekte aller einzelnen Erregungun gegeben sein sollte, in Wirklichkeit dies aber niemals der Fall ist, die Assoziationswirkungen in keiner Weise sich additiv zusammenfügen.

Der assoziative Effekt, den z. B. zwei in einem rechten Winkel zusammenstoßende weiße Linien geben, - er ist dadurch gegeben, daß wir von einer Ecke, einen Winkel reden - stellt sich ja nicht dar als die Summe der assoziativen Effekte jeder einzelnen der beiden Linien. Er ist gerade an ihre Koexistenz, gerade an das bestimmte Verhältnis der beiden Linien gebunden. In ähnlicher, nur noch deutlicherer Weise zeigt sich das Gleiche, wenn wir an die Wahrnehmung und Benennung komplizierterer Gegenstände denken. Daß wir einen bestimmten optischen Eindruck als Pferd, als Rose rekognoszieren, das beruth ja auf verwickelten Verhältnissen, nach denen die optischen Erregungen mit bestimmten Abstufungen von Licht und Farbe sich räumlich verteilen. Wie kann der assoziative Effekt aufgefaßt werden, als dadurch bedingt, daß jeder einzelne dieser Erregungsprozesse gewisse wegsame Bahnen antrifft?

Die unbefangene Erwägung wird auch hier auf ganz andere Annahmen als die dem Leitungsprinzip eigentümlichen geraten; sie wird betonen, daß der Effekt sich nicht als eine Summe einzelner Fortleitungen darstellt, sondern vielmehr als etwas, das dem  Komplex als solchem  zukommt. Tatsächlich läßt sich deshalb wohl auch kaum in Abrede stellen, daß schon diese einfache Tatsache der assoziativen Wirkungen der Komplexe, der Nichtaddierbarkeit des assoziativen Effekts der Einzelerregungen, dem einfachen Leitungsprinzip ein sehr ernstes Hindernis bietet. Ein Versuch zur Hebung der Schwierigkeit könnte gemacht werden durch eine sehr weitgehende Heranziehung der allgemeinen Tatsachen der Hemmung und Bahnung. Der Komplex, könnte man sagen, wirkt in der Weise, daß die assoziativen Leitungen nur von einem oder wenigen Punkten ausgehen; die Erregungen der anderen Punkte sind dabei derart (sozusagen in zweiter Ordnung) in Wirksamkeit, daß sie eben jene Leitungen bahnen oder sperren. Dabei könnte man dann noch unbegrenzt weiter gehen und gewissen Punkten eine Wirkung dritter Ordnung zuschreiben, welche diese hemmenden und bahnenden Wirkungen der Punkte zweiter Ordnung ihrerseits erleichterten oder erschwerten. Man wird wohl die formale Möglichkeit zugestehen müssen, daß relativ einfache Assoziationswirkungen in solcher Art aus einer als Komplex zu bezeichnenden Gesamttätigkeit entstehen. Aber gewiß wird man diese ganze Vorstellung schon sehr gezwungen und unwahrscheinlich nennen dürfen; sie begegnet auch noch positiveren Bedenken, wenn wir danach die  Entstehung  derartiger Verknüpfungen verständlich zu machen suchen. (1)

In noch ausgeprägterer Weise führen uns auf ähnliche Betrachtungen die  zeitlich  entwickelten Assoziationsreihen. Betrachten wir z. B. den Fall, daß jemand ein Musikstück, das er auswendig kennt, in Gedanken durchgeht; er reiht dabei in einer bestimmten, gedächtnismäßig vorgezeichneten Weise die Tonvorstellungen aneinander. Von den zufälligen Variierungen des Tempos, der Tonhöhe etc. (Dingen, die uns später noch beschäftigen werden) ist hier zunähst abzusehen. Das Eigenartige aber, was hier zu betonen ist, besteht in der assoziativen Bedeutung der Zeitfolgen selbst. Auf einem bestimmten und fixierten Effekt des einzelnen Bestandteils, des momentan vorgestellten Tones, kann der Ablauf schon aus dem Grunde nicht beruhen, weil im Fortgang der Melodie der einzelne Ton sich sehr häufig wiederholt, wobei dann jedesmal das sich ihm anschließende ein verschiedenes ist; unmöglich aber kann angenommen werden, daß das physiologische Substrat aller dieser wiederholten Vorstellungen immer wieder ein anderes sei. Es ergibt sich also, wie mir scheint, unabweisbar die Annahme, daß der Weg, den der "Erregungsvorgang" von einer bestimmten Stelle aus einschlägt, immer wieder ein anderer ist, d. h. daß er  von der Beschaffenheit dessen, was vorausgegangen ist, mitbestimmt wird.  Schon das gesprochene Wort, sofern es ein oder einige Male die Wiederholung desselben Klangs darbietet, führt übrigens zu derselben Annahme.

Der Versuch, einen Zusammenhang dieser Art verständlich zu machen, muß nun natürlich unter allen Umständen von den Resten oder Spuren ausgehen, welche die unmittelbar zuvor aktivierten Vorstellungen zurückgelassen haben. Auf ihre Mitwirkung muß es ja wohl zurückgeführt werden, wenn an einen bestimmten im gegenwärtigen Moment vorgestellten Ton sich ganz verschiedene Assoziationsreihen weiter anschließen. Die einfachste und wohl auch verbreitetste Art, sich das zurecht zu legen, besteht wohl in der Annahme, daß in einem gegebenen Augenblick die früher bestandenen Erregungen noch "abgeblaßt", "abgeschwächt", als Erinnerungsbilder vorhanden waren, jedes einzelne Element umso mehr abgeblaßt, je zeitlich entfernter es vom betrachteten Moment läge. Abgesehen nun davon, daß das, wie wir sahen, ohnehin schwierige Problem der unzeitlichen Komplexe durch die Heranziehung dieser Komplikation noch mehr belastet wird, scheint mir doch, daß speziellere Schwierigkeiten sich aus der hier verfolgten Tendenz ergeben, die zeitliche Entfernung anz auf eine gewisse Abschwächung zu reduzieren. Bedeutet der um einen gewissen Zeitwert zurückliegende Vorgang nichts weiter als eine geringere Stärke des gegenwärtigen oder um einen kürzeren Betrag zurückliegenden Vorgangs, so ist nicht zu verstehen, weshalb z. B. der Effekt der Tonfolge

tonfolge1

nicht auch dadurch bewirkt werden kann, daß die drei Töne gleichzeitig in einem gewissen Stärkeverhältnis erklingen, was doch nicht der Fall ist. Man würde sich also zunächst wohl entschließen müssen, die zeitliche Entfernung als eine Qualifikation besonderer Art anzusehen, die mit den Wechseln der Intensität eines gegenwärtigen Prozesses ganz unvergleichbar ist. Aber auch diese Annahme würde noch nicht ausreichen; denn sie würde doch nur bedeuten, daß in einer Summe im gegebenen Augenblick verwirklichter Erregungen eine Anzahl durch ein stärker oder schwächer vorhandenes Merkmal besonderer Art ausgezeichnet sind, welches sie als die Erinnerungsbilder einer zeitlich schon mehr oder weniger zurückliegenden Tätigkeit charakterisiert. Aber wie soll danach der charakteristische Effekt einer Empfindungsreihe verständlich gemacht werden, in der dieselbe Empfindung einige Male wiederholt auftritt? Tatsächlich bemerken wir doch, daß sowohl in Bezug auf die Fortsetzung einer in gleichartigen Vorstellungen verlaufenden Reihe als auch bezüglich des assoziativen Effekts auf anderen Gebieten die zeitliche Formation mit einem Reichtum zur Geltung kommt, der weit über das hinausgeht, was eine einfache Abstufung des einzelnen Elements leisten könnte. Wie kann man, um ein paar Beispiele anzuführen, die Eindrücke der Tonfolge

tonfolge2

wollen auf eine abgeblaßte Vorstellung des  G  nebst einer stärkeren des  Es  oder die des gehörten Wortes Parademarsch auf gewisse Stärke- (oder Deutlichkeits)verhältnisse der Vokale  A  und  E?  Oder wie soll auf der gleichen Grundlage der assoziative Erfolg der eine bestimmte gleiche Empfindung mehrfach wiederholenden Rhythmen verständlich gemacht werden?

Auch hier drängt sich die Frage auf, ob die Dinge nicht im Grund anders liegen und ob nicht die zeitlichen Aneinanderschlüsse auf ganz andersartigen Grundlagen beruhen als dem Fortgang der Tätigkeit nach gewissen Bahnen. Gerade wie dem unzeitlichen Komplex (besonders der räumlichen Form) kommt auch der zeitlichen Formierung eine besondere Bedeutung zu, die sie bezüglich ihrer assoziativen Wirkung als etwas Selbständiges erscheinen läßt. Selbstverständlich können wir zwar über die Vorstellung nicht hinausgelangen, daß alles, was sich an assoziativen Wirkungen an den gegenwärtigen Zeitpunkt anschließt, durch die Gesamtheit des Verhaltens in eben diesem Zeitpunkt (nicht aber direkt durch Vergangenes) bestimmt wird. Was sich aber herausstellt, ist, wie mir schein, das, daß der zeitliche Verlauf der Vorgänge ganz bestimmte, gerade nur durch einen solchen zeitlichen Verlauf hervorzurufende Zustände schafft, die momentanen Repräsentanten eines zeitlich erstreckten und zeitlich formierten Geschehens, die Vermittler des Effekts, der sich an die Zeitreihe als solche zu knüpfen scheint. Es sei hier antizipierend darauf hingewiesen, daß dieses Verhalten sein genaues Gegenstück findet in den, wenn ich kurz so sagen darf, zentrifugalen Vorgängen, die eine zeitliche Ordnung und Formierung darbieten. Eine eingeübte Bewegung, welche dieselbe Muskelgruppe in mehrfacher Wiederholung in Tätigkeit setzt, stellt uns vielfach vor dasselbe Problem, so z. B. dann, wenn wir einen uns bekannten Rhythmus durch irgendeine beliebige Bewegung markieren wollen. Wir sehen hier eine einheitliche Vorstellung gewissermaßen sich zeitlich entwickeln und zeitlich formierte Wirkungen hervorbringen.

Nach den obigen Ausführungen stoßen wir bereits auf die größten Schwierigkeiten, wenn wir auf dem Boden der Leitungslehre die assoziativen Effekte verständlich machen wollen, die einer bestimmten gleichzeitig gegebenen Kombination von Erregungen oder einer bestimmten zeitlichen Folge von solchen eigen sind. In noch schlimmere Bedrängnis gerät das Prinzip durch die Reihe von Tatsachen, die man etwa unter dem Namen der  Generalisation  zusammenfassen kann.

Jedes assoziative Verknüpfung läßt die Fundamentaleigenschaft bemerken, daß diejenige Erscheinung, die zuerst einen bestimmten Vorgang begleitete und sich mit ihm assoziierte, alsdann nicht bloß durch diesen selben Vorgang in identischer Wiederholung, sondern durch eine größte Mannigfaltigkeit anderer hervorgerufen werden kann, die wir jenem nur mehr oder weniger ähnlich nennen. In dieser Fähigkeit, auf nicht Identisches, sondern nur mehr oder weniger Ähnliches übereinstimmend zu reagieren, liegt offenbar eine überaus wesentliche und für seine Gesamtleistung durchaus unentbehrliche Eigenschaft unseres Gehirns, vielleicht jeder nervösen Substanz.

Schon ein den einfachsten Fällen sinnlicher Wahrnehmung tritt dies mit Deutlichkeit hervor, sobald wir alltägliche Tatsachen einer genaueren Betrachtung unterziehen und sie des Scheines der Selbstverständlichkeit entkleiden, den sie allerdings gerade durch ihre Alltäglichkeit gewonnen haben. Denken wir an den Fall, daß ein Kind die sprachliche Bezeichnung der verschiedenen Gegenstände seiner Umgebung erlernt. Einen Tisch, einen Löffel, ein Pferd benennt es richtig, nachdem ihm an einer Anzahl einzelner Beispiele (die meist nicht einmal sehr groß zu sein braucht) diese Benennung gesagt worden ist. Die späteren Wahrnehmungen rufen die erlernte Bezeichnung hervor; gleichwohl ist keine der späteren Wahrnehmungen mit irgendeiner der früheren identisch; jede folgende unterscheidet sich von allen früheren; selbst der Eindruck, den das nämliche Objekt hervorruft, ist stets in Form und Farbe, Lage und Größe ein ungleicher. Meines Erachtens liegt gerade hierin die Eigentümlichkeit der assoziativen Verknüpfungen, welche der physiologischen Interpretation die interessantesten, aber auch die schwierigsten Probleme stellt. Es ist, wie mir scheint, ganz vergeblich, darauf hinzuweisen, daß allgemein und überall durch ähnliche Ursachen ähnliche oder gleiche Wirkungen hervorgerufen werden können. Denn erstlich ist der Satz in dieser Allgemeinheit gar nicht zutreffend, sodann aber erfordert er, wenn er z. B. auf physikalischem oder chemischem Gebiete zutreffen soll, eine ganz andere, engere Fassung des Ähnlichkeitsbegriffs. Innerhalb gewisser Grenzen und auch noch mit großen Vorbehalten und Ausnahmen kann es sodann als gültig betrachtet werden, daß bei einer stetigen allmählichen Veränderung der verursachenden Bedingungen auch die Effekte sich kontinuierlich verändern, also bei einer gewissen Ähnlichkeit der Bedingungen in zwei Fällen auch nahezu ähnliche Effekte herauskommen. Aber wie himmelweit ist dieser Zusammenhang verschieden vom psychologischen, den wir hier aufklären sollten; wie gänzlich können Vorgänge oder Anordnungen in physikalischem Sinne verschieden sein, die gleichwohl psychologisch ganz ähnlich sind, die beide anstandslos die gleiche sprachliche Bezeichnung hervorrufen, derselben Allgemeinvorstellung subsumiert werden!

Halten wir uns zunächst an die sinnlichen Eindrücke, so wird uns beim Gesichtssinn vornehmlich die Rekognoszierbarkeit einer räumlichen Form entgegentreten, welche besteht trotz tiefgreifender Unterschiede der Größe und Lage, sowie des eigentlichen Empfindungsmaterials, in dem sie ausgeprägt ist; selbst ein Bild mit verkehrter Helligkeitsverteilung, wie das Negati einer photographischen Aufnahme, können wir in den meisten Fällen noch ganz gut, wenn auch vielleicht nicht ganz so sicher wie ein Positiv erkennen. Auf dem Gebiet des Gehörsinns prägen sich uns die Tonfolgen ein, ohne daß dabei die absolute Tonhöhe oder gar die Klangarten von großer Bedeutung wären und wir erkennen die Melodie, die wir etwa einige Male auf dem Klavier haben spielen hören, fast eben so gut, wenn sie gegeigt, gesungen oder geblasen wird. Ja, wir können recht wohl unserem Gedächtnis z. B. auch eine zeitliche Form, einen bestimmten Rhythmus, derart einprägen, daß derselbe mit Leichtigkeit wieder erkannt wird, auch wenn er des sinnlichen Materials ganz entkleidet, etwa in einer nur die Zeitverhältnisse bezeichnenden Notenschrift vorgelegt oder wenn er, in einer ganz ungewohnten Einkleidung, etwa durch Klopfen auf unsere Hand markiert wird.

In der auf all diesen Verhältnissen beruhenden Zusammenfassung von psychophysischen Vorgängen, die nicht identisch, sondern "gleichartig" oder irgendwie ähnlich sind, in der hierdurch ermöglichten verallgemeinernden Bezeichnung steckt eben die Frage, die uns hier zu beschäftigen hat. Das Problem der Generalisation, die Schwierigkeiten, die es in sich birgt, sind wir geneigt zu übersehen, weil wir allerdings in der Lage sind, das, worauf es für die Auslösung einer bestimmten Wirkung ankommt, einheitlich zu bezeichnen. Es ist eine Form, ein Verhältnis, eine Anordnung. Daß wir das können, ist aber eine Folge jenes zu erklärenden Umstandes; gerade das ist die Frage, wie es geschehen kann, daß eine Form etc. als solche wirksam sein kann, daß Besonderheiten, die als Bestandteile des physiologischen Vorgangs uns gar nicht greifbar sind, die wir daher auch gar nicht anders als mit Bezugnahme auf jene entfernteren Effekte bezeichnen können, zu einer derart selbständigen Bedeutung gelangen. In der Tat also glaube ich, daß nichts zur Zeit der physiologischen Interpretation so große und bedeutungsvolle Schwierigkeiten macht, als die psychische Bedeutung des Ähnlichkeitsverhältnisses.

Um zu erkennen, daß das Leitungsprinzip sich hier als unzulänglich erweist, haben wir nur nötig, einen einzelnen Fall, etwa den eines räumlich geordneten optischen Eindrucks wiederum im Hinblick auf die hier sich erhebenden Fragen etwas genauer zu betrachten. Wenn die assoziative Wirkung, die sich an die optische Wahrnehmung eines Pferdes anschließt, auf der "Ausfahrung" gewisser Bahnen beruth, die durch einige ganz bestimmte Wahrnehmungen dieser Art bewirkt worden ist: wie kann es verstanden werden, daß nun der gleiche Effekt durch Wahrnehmungen wesentlich anderer Art bewirkt wird, bei denen die Erregungen mit jenen ausgefahrenen Bahnen gar nichts zu tun haben?

Immer wird man betonen müssen, daß zwei Eindrücke, die wir nach Maßgabe ihres psychologischen Effektes ähnlich nennen, als eine Summe von Erregungseffekten in bestimmter räumlicher Verteilung aufgefaßt, gar nichts Gemeinsames besitzen. In den optischen Erregungen, die das gerade vorn und in geringer Entfernung gesehene Pferd einerseits, das seitlich und in größerer Entfernung gesehene andererseits hervorbringt, ist schlechterdings nach Maßgabe des Leitungsprinzips gar nichts Gemeinsames aufzuweisen, woran wir das in beiden Fällen sich ganz gleichmäßig ergebende Auftauchen der Benennung "Pferd" geknüpft denken könnten. Und es wird sich, ohne daß man zu ganz neuen Annahmen greift, niemals verständlich machen lassen, wie die Spuren, die eine bestimmte räumliche Verteilung der Erregungen hinterläßt, nun auch irgendwelchen anderen, die eben nur "ähnlich" zu sein brauchen, zugute kommen kann.

Es wäre verkehrt, hiergegen etwa einzuwenden, daß eine kortikale Anordnung der optischen Erregungen, welche der Verteilung auf der Netzhaut entspräche, nicht als sichergestellt gelten könne, ja von manchen Autoren entschieden nicht angenommen werde. Denn gerade das ist die eigentümliche Konsequenz des Leitungsprinzips, daß wir uns aus der räumlichen Ordnung der Erregungsprozesse in der Netzhaut nie etwas anderes hervorgehen denken können, als eine ähnliche räumliche Verteilung von Tätigkeiten. Wenn also, was allerdings sehr möglich ist, schon die Prozesse der Okzipital-Hirnrinde eine gesehene Form nicht durch eine entsprechende räumliche Anordnung von Erregungen, sondern irgendwie anderes zum Ausdruck bringen, so wird man bereits ihre Anknüpfung an die retinalen Vorgänge in einer vom Leitungsprinzip ganz abweichenden Weise auffassen müssen. Was wir ganz im allgemeinen für notwendig erklären, wäre hier nicht minder, sogar schon für subkortikale Verbindungen postuliert.

Zur Lösung dieser Schwierigkeit (wenigstens für bestimmte Fälle, nämlich die räumlichen Formen) ist eigentlich nur ein einziger Versuch gemacht worden, ein Versuch, der schon um des allgemeinen Prinzips willen, dem er folgt, Interesse und Beachtung beansprucht. Das Wesentliche der gesehenen  Form  besteht (so hat man gesagt) nicht in der Eigentümlichkeit der optischen Empfindungen selbst; es beruth vielmehr auf den durch die optischen Erregungen hervorgerufenen Folgezuständen  motorischer  Apparate, welche man als Innervationsantriebe, Muskelgefühle und in mancherlei anderer Weise bezeichnet hat. Dieses seien es, welche sich bei jeder Wahrnehmung einer Form und zwar nicht bloß ähnlich, sondern in voller Übereinstimmung wiederholen.

Das Prinzip, das hier zur Anwendung gebracht wird, besteht, wie man sieht, in der Annahme von  Begleiterscheinungen,  welche, bei allen verschiedenen Einzelfällen übereinstimmend wiederholt, die gemeinsamen Bestandteile des Ähnlichen, die Träger der assoziativen und anderen Wirkung wären; es ist ein Prinzip, welches die Lösung des Generalisationsproblems nach einem sehr alten Gedanken versucht.

Genauere Überlegung läßt, wie ich glaube, keinen Zweifel bestehen, daß das Problem hierdurch nur auf ein anderes Gebiet hinübergeschoben, seiner Lösung aber um keines Haares Breite näher gebracht worden ist.

Auf den ersten Blick wird man sagen, gerade so gut wie der optische Eindruck selbst, müßten doch auch die ihm zugehörigen Bewegungsantriebe jedesmal verschiedene sein, wenn eine und dieselbe Form in anderer Größe und Lage gesehen wird. Dem gegenüber wird nun angeführt, gerade in Bezug auf die Bewegungsimpulse kämen Unterschiede der hier angeführten Art eben nicht in Betracht. Eine rechtwinklige, aus dem horizontalen in den vertikalen Verlauf umbiegende Kontur z. B. erzeuge stets den gleichen Bewegungsimpuls, an welcher Stelle des Gesichtsfeldes sie auch gelegen sei. Gerade hiermit aber enthüllt sich eine neue, noch viel verhängnisvollere Unzulänglichkeit der ganzen Vorstellung. Erwägen wir, um bei der  optischen  Formwahrnehmung stehen zu bleiben, die Bewegungsantriebe, welche durch irgendwelche Erregungen der Netzhaut reflektorische ausgelöst werden könnten. Das Auge besitzt im ganzen sechs äußere Muskeln, durch welche es in Bewegung gesetzt werden kann. Wir sollen nun annehmen, daß die Erregung jedes Netzhautpunktes reflektorisch in die verschiedenen Muskeln Bewegungsantriebe in einem (für diesen Netzhautpunkt charakteristischen) Verhältnis sende. Gehen wir nun weiter von der unseren sonstigen Vorstellungen wohl am nächsten gerückten Annahme aus, daß die vielen Innervationsantriebe, die der einzelne Muskel von allen Punkten her erhält, sich zu einer Summe zusammenfügen, in der ihre einzelnen Teile nicht mehr unterschieden werden können, so verrät sich sogleich, daß die Mannigfaltigkeit der optischen Eindrücke hinsichtlich ihrer räumlichen Gestaltung durch die verschiedenen Kombinationen der für die einzelnen Muskeln bestehenden Bewegungsantriebe nicht entfernt gedeckt werden können. Einen Zustand, in dem der Rectus superior [oberer Augenmuskel - wp] und externus [äußerer - wp] Antriebe von der Stärke 100, Internur [innerer - wp] und inferior [unterer - wp] von der Stärke 30 bekämen, können wir offenbar durch Reizung vieler oder weniger Netzhautpunkte auf gänzlich verschiedene Weisen hervorbringen. Der Gedanke, das physiologische Substrat einer gesehenen und dem Gedächtnis eingeprägten Form in einem derartig durch fünf Zahlen auszudrückenden Verhältnis der Antriebe zu erblicken, kann also gar nicht ernstlich in Frage kommen. Lassen wir ihn fallen, so wird aber dann nichts übrig bleiben, als die Theorie der Muskelimpulse in der Weise zu ergänzen, daß die von verschiedenen Netzhautstellen erregten Antriebe nicht, wie wir zuerst annahmen, in eine Summe verschmelzen, sondern als eine Anzahl gesonderter Elemente bestehen bleiben, wobei dann die sämtlichen, z. B. auf den Rectus externus wirkenden Impulse noch nach dem Ort ihrer Provenienz [Herkunft - wp] unterscheidbar sein müßten. Als physiologische Grundlage dieser Unterscheidung bietet sich aber wiederum, gerade wie bei den Empfindungen selbst, wenn wir nicht zu ganz neuen Vorstellungsweisen übergehen wollen, nur die Annahme lokaler Verhältnisse. Stellen wir uns demzufolge die jedem einzelnen Muskel geltenden Antriebe in verwickelter räumlicher Verteilung (der Verteilung der Reize auf der Netzhaut irgendwie entsprechend) angeordnet vor, so wird der Zirkel des Erklärungsversuchs deutlich.

Wir haben in der Tat durch die Heranziehung der Bewegungsantriebe nichts erreicht als sozusagen eine  Abbildung  des optischen Eindrucks, bei welcher die optischen Empfindungen durch verschieden starke Innervationsantriebe ersetzt sind, die in einer ähnlichen Mannigfaltigkeit räumlicher Verteilung angeordnet wären. Die Frage aber, worin denn nun das Gemeinsame der in anderen Dimensionen, in anderer Lage und eventuell anderer Orientierung sich wiederholenden Form besteht, bleibt hierbei genau so unbeantwortet wie in ihrer ursprünglichen Fassung, wo sie direkt auf die Empfindungen ging. Wir können keine einziges Element aufweisen, das sich wiederholte; der gleiche Gegenstand, unter veränderten Bedingungen gesehen, erregt eben die Innervationsantriebe der einzelnen Muskeln, so wie er auch eine Reihe von Empfindungen hervorbringt; aber die Impulse wären nach Stärke und räumlicher Verteilung jedesmal so völlig verschieden, wie es die Empfindungen auch sind.

Was hier für die Innervationsimpulse ausgeführt wurde, es gilt wohl ganz ebenso für alle anderen Begleiterscheinungen, die wir uns durch bekannte physiologische Mechanismen an sensorische Erregungen geknüpft denken können.

So scheint mir denn auch, daß jeder Verscuh, die auf dieser Grundlage zu suchenden Erklärungen etwas greifbarer zu gestalten, uns eben da im Stich läßt, wo wir uns der Kardinalfrage näher, worin denn jene, den gleichartigen Eindrücken übereinstimmend zugeordneten Begleiterscheinungen bestehen. Ich führe als Beispiel den nachfolgenden Passus aus EXNERs Werk an:
    "So wahr es also ist, daß drei helle Punkte im dunklen Sehfeld drei Erregungen liefern, die sich voneinander in allgemein bekannter Weise unterscheiden, so wahr ist es andererseits auch, daß die Erregung einer Netzhautstellte gewisse Muskelgefühle in den Bahnen der Augen- und Kopfmuskelns auslöst, daß der Übergang des Blicks vom ersten zum zweiten Punkt mit Erregungen in der Rinde verknüpft ist, die sich teilweise mit den Erregungen decken, die wir beim Anblick einer geraden Linie haben und die wir andererseits auch aus dem ursprünglich tastenden Aufsuchen jener Rindeninnervation kennen, durch die wir mit der Hand eine gerade Linie ziehen, die sich weiter decken mit einem Teil all jener Vorstellungen von Objekten, welche geradlinige Begrenzungen haben. Es ist das also eine ungeheure Anzahl von Rindenerregungen, welche durch die Reizung der Netzhaut an zwei Punkten wachgerufen werden. Innerhalb derselben liegt auch der Erregungskomplex, den wir als die Vorstellung der "wahren" Entfernung der beiden Punkte voneinander bezeichnen können."
Kommt nun der dritte Winkelpunkt des Dreiecks dazu, so wird für diesen teilweise dasselbe gelten. Die gegenseitige Lage der drei Punkte wird, ebenso wie früher die Lage von zweien, Assoziationen wachrufen, welche je nach ihrer Festigkeit und Geläufigkeit verschieden wirken können (eine Anzahl der von MACH in seiner Analyse der Empfindungen hervorgehobenen Tatsachen läßt sich auf diese Verhältnisse zurückführen) und zur Wahrnehmung oder Vorstellung des Dreiecks führen. In dieser Vorstellung liegt nun nichts mehr von den ursprünglichen Empfindungselementen oder es muß doch nichts darin liegen. Dieselbe besteht vielmehr aus den geschilderten zahlreichen Erregungen der Rindenbahnen, welche sich assoziativ an die primären Erregungen geknüpft haben. Daß diese Erregungen nun dieselben sein können, ob sich die erregten Netzhautstellen wegen Verschiebung der Zeichnung geändert haben oder nicht, leuchtet ein". (2)

Ich kann dem hier ausgesprochenen "es leuchtet ein" nicht zustimmen. Die Begleiterscheinungen sind hier einfach als eine ungeheure Zahl verschiedenartiger Rindenerregungen postuliert: aber welcher Art sie sind und wie es sich vereinigt, daß sie trotz Verschiebung der Zeichnung dieselben bleiben, bei jeder anderen Form aber doch auch immer wieder andere sind, das wird nicht angegeben und kann wohl auch nicht angegeben werden.

Könnten wir über die Unzulänglichkeit des eben besprochenen Versuchs, das Problem der Generalisierung durch ein Zurückgehen auf Begleiterscheinungen zu lösen, noch irgendein Zweifel bleiben, so müßten sie wohl schwinden, wenn man sich des Umfangs von Gebieten erinnert, in denen uns das zunächst nur für einfachste Assoziationsverhältnisse ins Auge gefaßte Problem mit ganz ähnlicher Bedeutung, mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten entgegentritt. Dahin gehört erst einmal derjenige Zusammenhang, welcher der Wortbezeichnung verwickelterer abstrakter Begriffe, logischer Verhältnisse etc. zugrunde liegt, ein Zusammenhang, der eben darin hervortritt, daß sich für jedes Wort, für jede sprachliche Wendung gewisse Bedingungen allgemein angeben lassen, unter denen sie in der Rede (oder auch in der ungesprochenen Gedankenbewegung) auftreten. Daß uns Worte und Wortgefüge wie "Widerspruch", "einschränkende Bedingungen", "entscheidende Bedeutung", wie "gleichwohl", "überhaupt", "naturgemäß" etc. etc. in den Sinn kommen, hat ja selbstverständlich seine bestimmten, in der Natur der sich vollziehenden Gedankenbewegung liegenden Gründe. Versuchen wir aber diese Gründe zu fassen und insbesondere sie physiologisch zu bezeichnen, so werden wir doch immer nur sagen können, daß es auf gewisse Modalitäten der die Gedankenbewegung tragenden Vorgänge ankommt, Modalitäten, die aber im Einzelfall an ganz verschiedenen Substraten verwirklicht sein können. Unmöglich aber können wir uns dazu verstehen, für jedes jener logischen Verhältnisse nochmals einen besonderen, gerade ihm charakteristischen physiologischen Prozeß als Begleiterscheinung zu postulieren, welcher den unmittelbaren Anstoß für die Belegung des Wortklanges geben sollte. Scheute eine kühne Phantasie hiervor nicht zurück, so müßte die Unmöglichkeit der ganzen Vorstellung doch einleuchten angesichts der ganz unübersehbaren und tatsächlich ins Unbegrenzte erweiterungsfähigen Mannigfaltigkeit von Verhältnissen, die in der obigen Weise sprachliche Bezeichnung finden können.

Wer der Ansicht ist, daß in den vorhin besprochenen optischen Form-Begriffen wie Kreis oder Dreieck stets die identischen Elemente, nämlich gewisse Muskelimpulse stecken, wie wird er den Versuch machen können, diese Wiederholung des identischen physiologischen Elements in sämtlichen Gedankenbewegungen zu behaupten, durch welche die Wortklänge Widerspruch, Verallgemeinerung, Unvereinbarkeit etc. hervorgerufen werden!

Auf Betrachtungen ganz gleicher Art führt uns auch der umgekehrte Zusammenhang, den wir bei der Auslösung  eingeübter geordneter Bewegungen  beobachten können. Denn gerade wie wir in den bisher erörterten Gebieten sahen, daß (ganz allgemein gesprochen) die in irgendeiner Hinsicht ähnlichen oder gleichartigen Anstöße befähigt sind, die gleichen Effekte eintreten lassen, so sehen wir hier, daß die physiologischen Einrichtungen die Möglichkeit gewähren, einen bestimmten Anstoß zwar immer gleich artige  dabei aber doch auch von Fall zu Fall individuell geprägte Bewegungen auslösen zu lassen. Auch diese Fähigkeit unseres Zentralnervensystems ist viel merkwürdiger als sie auf den ersten Blick erscheint. Man bedenke z. B. die Mannigfaltigkeit der Gestaltungen, die eine Bewegung wie das Schreiben zuläßt. Wir können größer und kleiner, schneller und langsamer, kräftiger oder leichter schreiben, ferner mit sehr verschiedener Haltung des Armes auf die obere und untere, rechte oder linke Partie des vor uns liegenden Blattes; wir können auch ganz wohl willkürlich den ganzen Charakter der Schrift ändern und z. B. höher und enger oder niedriger und breiter schreiben. Überlegen wir, was in all diesen Fällen geschieht, so finden wir das, was in letzter Instanz vom Zentralnervensystem ausgeht, nämlich die den einzelnen Muskeln zufließenden Impulse doch auch von Fall zu Fall variierend. Die Ausführung eines und desselben Buchstabenteils erfordert je nach besonderen Verhältnissen die Aktion wahrscheinlich sehr verschiedener Muskeln, jedenfalls aber die einzelnen nicht nur in ungleicher Stärke, sondern auch in dem Sinne wechselnd, daß das Verhältnis der Innervationsstärke, mit denen die verschiedenen Muskeln angetrieben werden, die zeitlichen Beziehungen ihrer Tätigkeit sich abgeändert finden.

Die obigen Ausführungen setzen sich in einen gewissen Widerspruch zu Aufstellungen, die von anderer Seite mit besonderem Nachdruck betont und geradezu als Axiom psychophysischer Untersuchung hingestellt worden sind. Namentlich MACH hat die oben erwähnte Annahme vertreten, daß die physiologischen Substrate der räumlichen Formen in den Muskelgefühlen zu suchen sei. Wenn ich ihn recht verstehe, so ist er geneigt, in ähnlicher Weise durchweg die übereinstimmenden Wirkungen des Ähnlichen auf die Gemeinsamkeit irgendwelcher Begleiterscheinungen zurückzuführen. So sagt er geradezu: "Wie in gleichen verschiedenfarbigen Gestalten gleiche Muskelgefühle auftreten müssen, damit die Gestalten als gleich erkannt werden, so müssen auch allen Formen überhaupt, man könnte auch sagen allen Abstraktionen, Vorstellungen von eigentümlicher Qualität zugrunde liegen. Dies gilt für den Raum und die Gestalt so gut wie für die Zeit, den Rhythmus, die Tonhöhe, die Melodieform, die Intensität usw. Aber woher soll die Psychologie alle diese Qualitäten nehmen? Keine Sorge darum! Sie werden sich alle so gut finden, wie die Muskelempfindungen für die Raumtheorie. Der Organismus ist vorläufig noch reich genug, um nach dieser Richtung die Auslagen der Psychologie zu decken." (3)

Hier ist allerdings zunächst nur vom Postulat besonderer Qualitäten gesprochen. Erinnert man sich aber, daß üblicher Bezeichnung nach ohnehin die Übereinstimmung der Form, des Rhythmus etc. eine übereinstimmende Qualität darstellen, so zeigt sich, daß von MACH hier jedesmal als Grundlage noch eine besondere Qualität, noch ein besonderer Punkt der Übereinstimmung gefordert wird. Die weitere Richtung auf die Postulierung übereinstimmender Begleiterscheinungen ergibt sich für MACHs Psychophysik alsdann aus dem von ihm immer mit besonderem Nachdruck betonten Satz, daß jedem Psychischen ein bestimmtes Physisches entsprechen müsse. Denn dessen Anwendung auf die obigen Probleme führt ihn direkt dazu, nach dem physiologischen Element zu fragen, welches jenen postulierten Qualitäten entspreche. Mir scheint nun, daß von allen Axiomen und Prinzipien keines bedenklicher, keines größeren Mißverständnissen ausgesetzt ist, als dieser Satz. Sollte er nichts anderes sein als eine Umschreibung des sogenannten Parallelprinzips, so würde er weder als neu noch als besonders fruchtbar gelten können und das Gewicht, das auf ihn gelegt wird, nicht verdienen. Wenn er dagegen besagen soll, daß allem, was wir psychologisch als etwas Einheitliches herausheben können, jedem Verhältnis, jeder Form, kurz allem, was wir durch eine Allgemeinvorstellung bezeichnen können, ein bestimmtes Element, ein Bestandteil des physiologischen Geschehens, entsprechen muß, so kann, glaube ich, diese Formulierung nur als bedenklich und irreführend bezeichnet werden.
LITERATUR - Johannes von Kries, Über die materiellen Grundlagen der Bewußtseinserscheinungen, Tübingen und Leipzig 1901
    Anmerkungen
    1) Diese Schwierigkeiten, die hier nicht näher verfolgt werden sollen, beruhen im Grunde darauf, daß zunächst überhaupt nicht angegeben werden kann, wie sich eine hemmende oder bahnende Wirkung eines Erregungsvorgangs  entwickeln  soll. Das für die Leitungsverbindungen angenommene Prinzip der Entwicklung und Ausbildung läßt sich auf diese anderen Zusammenhänge nicht ohne weiteres übertragen.
    2) SIEGMUND EXNER, Entwurf einer physiologischen Erklärung der psychischen Erscheinungen I, Seite 286
    3) ERNST MACH, Populärwissenschaftliche Vorlesungen, Seite 122