Max Frischeisen-Köhler, Die Realität der sinnlichen Erscheinungen [3/5]
    tb-1p-4R. EuckenCondillacR. EislerG. K. UphuesH. Czolbe
 
MAX FRISCHEISEN-KÖHLER
Die Realität der
sinnlichen Erscheinungen

[ 3 / 5 ]

"Das siebzehnte Jahrhundert hat es mittels eines förmlichen Beweisverfahrens unternommen, das Weltbild, das uns primär gegeben ist, aufzuheben und als einen bloßen sinnlichen Schein aus dem Zusammenhang des Wirklichen zu eliminieren."

2. Die Argumente der mechanischen Naturbetrachtung
[Fortsetzung]

Die mechanische Naturerklärung in der universellen Form, wie sie das 17. Jahrhundert entwickelt hat, verneint nun grundsätzlich auch diese Möglichkeit. Der Klang, den ich höre, hat nur Realität in mir als einem empfindenden Wesen oder in meiner Seele. "Der Klöppel in der Glocke hat nichts von einem Ton in sich, sondern nur Bewegung und ruft nur Bewegung in den inneren Teilen der Glocke hervor; so besitzt die Glocke wohl Bewegung, aber keinen Ton. Diese Bewegung überträgt sich auf die Luft und die Luft hat Bewegung aber keinen Ton. Die überträgt diese Bewegung durch das Ohr und in die Nerven zum Gehirn; und das Gehirn hat nur Bewegung aber keinen Ton. " (1) So beschreibt HOBBES in klassischer Form den Zusammenhang von Vorgängen, den die mechanische Naturerklärung dem Außenwirklichen substituiert.

Für die Begründung des Rechts einer solchen Betrachtung der Dinge hat DESCARTES zuerst die große Formel gefunden: sie ist gegeben im ganzen Aufbau seines Systems, wie er vom generellen Zweifel an der Realität alles Seienden schrittweise dazu fortgeht, die Welt aus ihren denknotwendigen Elementen wieder aufzubauen. In dieser hypothetischen Weltvernichtung Weltvernichtung und Weltschöpfung, welche dann HOBBES und besonders auch BOYLE nach ihrem methodischen Gehalt entwickelt hat, (2) bricht das moderne Bewußtsein von der Souveränität des Verstandes hervor. Und da das konstruierende Denken ökonomisch verfährt, wählt es ausschließlich die Quantitäten zu Elementen des Konstruktionszusammenhanges. Die Bilder, welche die Wahrnehmung von der Welt uns zeigt, sind nicht das Wirkliche: existent ist nur das in ihnen Enthaltene, das ihre Konstruktion ermöglicht. Demgemäß scheiden die Qualitäten, da die mathematische Physik ihrer nicht bedarf, aus dem denknotwendigen systematischen Zusammenhang des Geschehens aus.

Wir zerlegen dieses Räsonnement in seine einzelnen Glieder. Zunächst bedarf der hier eingeführte Begriff der Quantitäten einiger Klärung. Die Summe von Voraussetzungen, welche die mathematische Physik der Ableitung ihrer Sätze zugrunde legt, kann gewiß, insofern sie als meßbare Elemente in Betracht kommen, unter dem Sammelnamen der Quantitäten zusammengefaßt werden. Aber im eigentlichen und engsten Sinn des Wortes ist doch nur der Raum und die Ausdehnung quantifizierbar. Messen können wir immer nur Raumdistanzen, (3) auch die Dauer und die Veränderungen in der Zeit sind nur als Funktionen von Raumlagen bestimmbar. Unser universales Maßsystem ist der Raum und daß er allein der Quantifikation unterworfen ist, begründet das Recht, in ihm eine primäre Eigenschaft aller Naturwirklichkeit zu erblicken, welche Messung und exakte Wissenschaft erst ermöglicht. Von dieser Einsicht aus entwarf DESCARTES die Forderung, die körperliche Substanz allein als in die Länge, Breite und Tiefe ausgedehnt, die Raumerstreckung als ihr einziges und wesentliches Attribut zu denken, da alles, was sonst dem Körper zugeteilt wird, die Härte, Gewicht, Bewegung, die Ausdehnung voraussetzt. (4) Hiermit war zugleich die Aufgabe einer Naturlehre gegeben, wie sie in dieser Einheitlichkeit niemals zuvor gesehen, aber auch später niemals wieder angegriffen wurde. Denn eine Theorie der Materie auf dieser Grundlage ist, obwohl sie die größte Umwälzung der physischen Naturanschauung eingeleitet hat, auch nicht einmal als Ideal haltbar. Die Geschichte der Mechanik lehrt unwiderleglich, daß zu den Voraussetzungen ihrer Konstruktion mehr als die bloße Ausdehnung gehört, eine Tatsache, die schon im Zeitalter des DESCARTES GALILEI durch die Ausbildung seines Begriffes vom  impetus  [Bewegungsdrang, wp] dem strengen Denken, HOBBES durch seinen Begriff vom  conatus  [Versuch, Streben - wp] dem philosophischen Bewußtsein nahe gebracht haben. Schon innerhalb der rein mechanischen Vorstellungsweise ist die Annahme einer Realität unentbehrlich, die nicht bloße Extension besitzt; und darin erweist sich der Fortschritt der Wissenschaft, der sich in der Schöpfung der Dynamik vollzog, daß auch diese Realität der mathematischen Behandlung, d. h. der Darstellung durch Funktionen von Raumlagen zugänglich gemacht wird. Aber diese konstruktive Beziehung zum Raum bedeutet nicht die Reduktion derselben auf bloße Quantitäten. Noch deutlicher tritt dieses Verhältnis hervor, wenn man die Stellung der mechanischen Physik zu den übrigen Wissenschaften von der Natur ins Auge faßt. Hier treten - wenigstens beim Stand unseres Wissens - zum spezifisch mechanischen Verhalten der Dinge andere Verhaltensweisen hinzu, welche jedenfalls zur Zeit noch nicht, wenn nicht vielleicht für immer, aus mechanischen Bedingungen zu erklären sind; es genügt hier nur, an das Gebiet der magnetischen und elektrischen Erscheinungen zu erinnern, die sich so wenig den mechanischen Vorstellungen unterordnen lassen wollen, daß immer deutlicher ihr eigener und universaler Charakter hervortritt. Und auch das ist bedeutsam, daß die Ansätze, durch welche eine Beziehung qualitativer Phänomene des Naturverlaufs zu den meßbaren Größen hergestellt wird, in gewissen Fällen sich innerhalb eines merklichen Spielraums von Willkürlichkeit bewegen. Wenn wir z. B. Temperaturdifferenzen durch Volumendifferenzen messen, so ist dabei nicht gleichgültig, welche theomoskopische Substanz wir hierbei zugrunde legen; denn in diesen Substanzen ist eine eigene Gesetzlichkeit und sind Schranken enthalten, die für den Rückschluß von den bei ihnen beobachteten Bestimmungen auf die Wärme unter Umständen sehr wohl in Anrechnung kommen können. (5) Daß wir alle oder doch die meisten Sinnesdaten (Geruch und Geschmack sind praktisch noch ausgenommen) durch ein mechanisches System repräsentieren können, gibt uns vielleicht ein Recht, von einer mechanischen Struktur der Welt zu reden; aber es gibt uns nicht einmal ein Recht, zu glauben, daß die Welt der qualitativen Erscheinungen durch ihre Bezogenheit auf mechanische Vorgänge vollständig darstellbar oder in mechanischen Vorstellungen werde abgebildet werden können; umso weniger kann hieraus die Pflicht erwachsen, die Qualitäten gegenüber dem mechanischen System als ein Sekundäres und Zufälliges anzusehen.

Wie der Raum für die Mechanik, so ist diese selbst in Bezug auf die Gesamtheit der Naturwirklichkeit unser Maßsystem und wir müssen uns hüten, aus dieser Tatsache, soweit nicht andere Gründe vorliegen, mehr zu folgern, als in ihr unmittelbar enthalten ist und etwa das, wodurch wir messen, dem Gemessenen selbst gleichzusetzen. Daß wir die einzelnen, uns mittels Sinneswahrnehmung als qualitativ erscheinenden Ereignisse nach ihrer quantitativen Seite, d. h. ihren räumlich-zeitlichen Beschaffenheiten, sowie ihren mechanischen Wirkungen bestimmen, bedeutet ansich keineswegs, daß nun ausschließlich diese für die Zwecke wissenschaftlicher Berechnung abgehobenen Momente allein real sind. Dem Altertum wie dem Mittelalter war es bekannt, daß mit den rein qualitativ erscheinenden Vorgängen in der Natur zugleich auch mechanische Veränderungen als ihre Ursachen oder Folgen auftreten. Wenn ARISTOTELES diese Effekt als Nebeneffekte, die nicht sowohl durch die als objektiv gedachten Qualitäten selbst als vielmehr durch die Körper, in denen jene ihren Ort haben, hervorgebracht werden, (6) so spricht sich darin gewiß zunächst der Stand des Wissens aus, dem die Bedeutung der mechanischen Zusammenhänge für die Darstellung des Wirklichen noch verborgen ist. Doch es ist immerhin beachtenswert, daß dieselbe Anschauung auch auf dem Gebiet festgehalten wurde, wo das Verhältnis von Qualitäen und mechanischen Prozessen anscheinden viel offener zutage liegt und auch viel früher in seiner Tragweite erkannt wurde. Die antike Musiktheorie hatte es schon förmlich ausgesprochen, ARISTOTELES hatte es in seine Psychologie aufgenommen, dem Mittelalter war es durch VITRUV ein geläufiger Satz, daß das Auftreten und Wandern von Tönen stets mit Lufterzitterungen und Erschütterungen des tönenden Körpers verbunden ist. Gleichwohl wüßte ich keinen nacharistotelischen oder scholastischen Philosophen zu nennen, der aufgrund dieser Einsicht die Möglichkeit in Erwägung gezogen hätte, der Ton sei nur ein seelischer Nachhall, eine Antwort der Seele auf die ankommenden Bewegungen. Ob er Substanz oder Akzidenz, ob er körperlich, ausgedehnt oder teilbar immateriell sei, ob er als eine ruhende Qualität den schallenden Körpern, den Instrumenten eigen und nur durch die Erschütterung aus ihnen herausgelockt oder unmittelbar durch die Luftwelle erzeugt sei: das sind die Fragen, die gleichmäßig die Schulen, in denen Naturphilosophie getrieben wurde, die Stoiker und die Epikureer und dann vor allem die Peripatetiker beschäftigen. Noch für KEPLER ist der Ton, auch wenn er den Erkenntniswert des Quantitativen an ihm jederzeit hervorhebt und damit die Grundlage seiner methodischen Bearbeitung schafft, gleichwohl wie das Licht und die übrigen Qualitäten eine species immateriata, der nach seiner ausdrücklichen Erklärung (7) von der Luftbewegung geschieden werden muß, die nur den Ton dem Ohr zuführt. Und ebenso bezeichnet BACON die Erschütterung der Luft beim Ton nur als eine notwendige Bedingung seiner Erzeugung, an der Tatsächlichkeit der Qualitäten als eines objektiven Bestandes hat er immer festgehalten. (8) Erst GORLÄUS und GALILEI, vor allem aber MERSENNE, (9) haben die reine Subjektivität der Töne ausgesprochen und begründet.

Und zwar können die entscheidenden Motive, welche diese Denker und ihre Nachfolger zum Fortschritt über die Position KEPLERs hinaus, auf welche eine streng mathematische Behandlung wohl möglich ist, in zwei Formeln zusammengefaßt werden. Die wissenschaftliche Forschung ist berechtigt, den Inbegriff von Wirklichkeit, den wir durch ein mechanisches System darstellen, nach Analogie desselben als einen qualitätsfreien Bestand zu denken, weil die Qualitäten einmal in ihm vollständig überflüssig sind und ihre Annahme keinen Erklärungswert besitzt, zum anderen, weil sie, objektiv gedacht, ein für das menschliche Denken Unfaßbares setzen würden, das nach den Prinzipien des theoretischen Vorstellens nicht begreiflich ist.

Die Ökonomie aller Wissenschaft verlangt, daß die Voraussetzungen, die sie zugrunde legt, auf ein Minimum eingeschränkt werden. "Non est ponenda pluralitas sine necessitate" [Es ist überflüssig mit mehrerem zu machen, was mit weniger gemacht werden kann. - wp] ist der Satz, der über OCKHAMs Erkenntnislehre und über die Kreise der terministischen Logik hinaus für die Forschung der Neuzeit eine universelle Bedeutung erlangt hat. Aber so unbestreitbar er als das erste methodische Prinzip aller vorsichtigen Erklärung, welche der hypothetischen Elemente bedarf, angesehen werden kann, so gestattet er doch nicht ohne weiteres eine generelle Anwendung; nur nach Erbringung des Nachweises in jedem Fall, daß eine geringste Anzahl von Voraussetzungen zur Erklärung des gegebenen Tatbestandes ausreichend sind, können die Konsequenzen in Bezug auf die überschüssigen Elemente gezogen werden. Nun hat die wissenschaftliche Phantasie, wenn sie aus dem Material der sinnlichen Wahrnehmung auf eine Welt von Existenzen schließt, durch welche jene in unseren Sinnesorganen hervorgebracht werden, ein offenes Feld für die Konstruktion der Substrate der Erscheingungen, die nur der einen Bedingung unterliegt, daß durch sie die Koexistenz und Sukzession der Erfahrungen vollständig bestimmt werde. Daher darf mit Recht hier das Verlangen gestellt werden, daß in den Erklärungszusammenhang nur aufgenommen werde, was diesem Zweck dient. Aber wieder müssen wir betonen, daß hierbei über den Charakter und die Existenzsart der Sinnenbilder selbst noch keine nähere Festsetzung getroffen ist. DESCARTES allerdings ging von der Annahme aus, daß die Sinnenwelt zunächst nur als eine Art von Traumphänomen in meinem Ich gegeben ist, das der objektiven Fundamentierung bedarf. Aber HOBBES und BOYLE haben bereits den rein fiktiven Charakter dieser Annahme klar erkannt und hervorgehoben, daß jedenfalls die erkenntnistheoretische Selbstbesinnung zu seiner Begründung nicht ausreicht. Beginnt die theoretische Naturkonstruktion mit dieser Fiktion, so ist das nicht weiter bedenklich, so lange man sich ihrer nur als eines technischen Kunstgriffes bewußt bleibt. Berücksichtigt man aber die Tatsache der Sinnenbilder selbst, reflektiert man auf die Totalität des Naturgeschehens mit Einschluß der empfindenden Organismen und ihrer Organe, dann verliert jenes Prinzip von der geringsten Zahl der Erklärungsgründe seinen ausgezeichneten methodischen Wert. Denn die Annahme der reinen Subjektivität der Sinnesinhalte bedeutet nur in bezug auf die Denkbarkeit der Gegenstände, von den Reizwirkungen auf unsere Organe ausgehen, eine Verkürzung in den Voraussetzungen; in bezug auf die Relation zwischen Reiz, sinnlicher Empfindung und empfindendem Individuum ist sie genau so positiv und inhaltsreich, wie die Gegenbehauptung. Unter diesem Gesichtspunkt handelt es sich nicht mehr um die Setzung einer mehr oder mindern großen Anzahl hypothetischer Elemente oder Eigenschaften zur Erklärung eines Tatbestandes, sondern lediglich um eine Frage des Arrangementes der Elemente in diesem Tatbestand. Wenn DESCARTES (10) dem Feuer verborgene Qualitäten der Wärme und des Lichtes deswegen abspricht, weil wir, um allen seinen Eigenschaften zu erklären, überdies noch eine Bewegung seiner Teile annehmen müßten, diese Bewegung aber allein schon genügt, um alle Erscheinungen des Feuers einschließlich der Wärme und des Lichtes zu begreifen, so ist dieses konstruktive Verfahren, wenigstens nach seiner logischen Seite, völlig klar und einwandfrei und kann so wenig wie die Schlußweiße, nach welcher DESCARTES es unternimmt, einen hypothetischen Urzustand zur Erklärung der Entwicklung des Kosmos auszudenken, irgendwelchen Bedenken unterliegen. Aber wenn nun dem Physiker empfindende Menschen gegenübertreten, die aussagen, spezifische Empfindungen durch die Einwirkung des Feuers zu erfahren, so erhebt sich die Frage nach dem Ort des in solchen Aussagen behaupteten Sachverhaltes und diese Frage ist nicht durch den bloßen Machtspruch einer methodischen Regel zu entscheiden. Denn was diese Empfindungen, die ein Mensch erlebt, an sich seien, ob sie vor allem im gemeinsamen Raum, der das Feuer und den Körper des Beobachters wie des Beobachteten umfaßt, existente Realitäten seien, vielleicht gebunden an bestimmte Reizvorgänge oder aber ob sie lediglich in das innere Leben des wahrnehmenden Subjektes als rein psychische Vorgänge fallen, kann offenbar aus dem Grund, daß keine Notwendigkeit besteht, sie im Feuer selbst anzunehmen, nicht gefolgert werden. Dem Physiker erscheint die Welt der sinnlichen Erscheinungen nicht als die wahre Welt, die er hinter jenen und zwar im eigentlich räumlichen und hier auch berechtigten Sinn des Wortes sucht; und eben weil er mit Bewußtsein von der Relation der Dinge zu seinem Sinnesorgan abstrahiert, die ihm nur das Material liefern, das er zum Ansatz seiner Gleichungen gebraucht, darf er alles, was nicht als Größe in die Gleichungen eingeht, als ein Restphänomen sich zurechnen, wobei es für ihn ganz gleichgültig bleibt und bleiben muß, was der sinnliche Schein, abgesehen von seiner Beziehung zum Objekt, bedeutet. Und somit mag er auch bei anderen Menschen, die als körperliche Systeme von ihm nach den gleichen Bedingungen wie andere in seine Beobachtungssphäre eintretende Objekte erschlossen werden, alle Qualitäten, von denen seine Sinne ihm Kunde geben, von denselben aus methodischen Gründen abgezogen denken. Aber anders verhält es sich mit den Qualitäten, die jene Individuen in sich als Erlebnis vorfinden. Diese vermag der forschende Physiker auf keine Weise zum Verschwinden zu bringen. Er kann sie nie und nimmer sich selbst zurechnen, sie bilden ein Element in der als von ihm unabhängigen erschlossenen Welt. Und darum darf er vom Bestimmungsrecht, das ihm in Bezug auf die von ihm selbst empfundenen Qualitäten zusteht, in diesem Fall kein Gebrauch machen: Das Prinzip von der geringsten Anzahl von Voraussetzungen versagt hier.

Natürlich wird sich der Physiker bei dieser Einsicht nicht beruhigen. In der letzten Konsequenz der mechanischen Naturanschauung liegt auch die Erklärung des Menschen und seiner Funktionen nach mechanischen Gesetzen, wie es die großen Denker des 17. Jahrhunderts alle grundsätzlich anerkannt haben. Denn gesetzt, es würde zugegeben, daß im empfindenden Organismus als einem materiellen System das Empfundene reell existiere, daß es etwa unter gewissen, gerade dort verwirklichten Bedingungen spontan entstehe oder in der drastischen Sprache von HOBBES als ein kleines Bildchen irgendwo im Gehirn zu denken sei, dann wäre die Einheit des mechanischen Ideals durchbrochen und mit Recht könnte dann weiter gefragt werden, ob überhaupt noch die prinzipielle Einschränkung der begrifflichen Naturerkenntnis auf Annahme von Bestimmungen rein mechanischen Charakters aufrecht zu halten sei.

Hier greift nun das zweite und letzte jener Argumente ein, welches die Unverträglichkeit der Annahme objektiver Qualitäten mit den Prinzipien der mathematisch-mechanischen Naturforschung von einem anderen Gesichtspunkt aus dartun soll. Das System von Substanzen und Veränderungen, das die Wissenschaft als denknotwendige Bedingung der sinnlichen Wirklichkeit zu setzen gezwungen ist, bildet einen rationalen Zusammenhang, der, bei vollendetem Wissen, eine eindeutige Bestimmung jedes seiner Glieder nach Ort und Zeit gestattet. Gewiß sind auch in ihm Voraussetzungen enthalten, die als solche nicht zur Begreiflichkeit gebraucht, in ihrer Faktizität nicht abgeleitet werden können. Zu ihnen gehören die Tatsachen, daß es überhaupt eine Naturwirklichkeit gibt, welche in eine Mehrheit von Elementen zerlegbar ist, daß diese Elemente bestimmten Gesetzen folgen und eine gewisse Anfangsverteilung der Lagen und Geschwindigkeiten. Das sind Grenzen, die jedem Naturerkennen gezogen sind. Das Tatsächliche, d. h. die Individualität und Einmaligkeit des Ganzen wie des Einzelnen, bildet für uns den Ausgangspunkt aller Ableitungen; es determiniert innerhalb der Weite logischer Möglichkeiten die Besonderheit der Fälle. Auch die Welt als Totalität ist nur ein Spezialfall unter vielen. So gehen in die LAPLACEsche Weltformel eine Summe von konstanten Größen ein, die als Bedingung für die Verwirklichung des Weltverlaufes von einem gegebenen Zeitpunkt an unentbehrlich, aber durch die Weltformel selbst nicht erklärlich sind. Gleichwohl ist das Ideal einer universellen Mechanik der Welt diejenige Form der Weltbetrachtung, welche das Unerklärliche und schlechthin Irrationale auf ein Minimum reduziert und eben darum dem logischen Geist die größte Befriedigung gewährt. Indem sie den ganzen Reichtum der Erscheinungen auf ein System verharrender, unveränderlicher Substanzen zurückführt, deren Beziehungen zueinander ewigen, unveränderlichen Gesetzen entworfen sind, wird es ihr möglich, das Veränderlich in der Erfahrung als eine Veränderung dieser Beziehungen, d. h. als Veränderung von Zeit- und Ortsbestimmtheiten zu erfassen, die ihrerseits der genauesten Berechnung und Präzisierung durch das mathematische Denken zugänglich sind. So erscheint das gesamte Universum als ein sich selbst gleiches und sich erhaltendes Ganzes, dessen Gegebensei in seiner Bestimmtheit uns für immer unfaßlich ist, dessen Veränderungsweisen im einzelnen aber durch das konstruktive Denken aus dieser allgemeinen Voraussetzung abgeleitet und daher dem Versatnd ganz durchsichtig gemacht werden können.

In diesem Zusammenhang sind nun die sinnlichen Qualitäten, welche die Wahrnehmung an jedem Punkt der Erfahrungswirklichkeit zeigt, nicht mehr zulässig; denn ihre Setzung würde sofort wieder jenes Unbegreifliche einführen, daß der Wille der Erkenntnis zu eliminieren ausgegangen ist. Und zwar können sie weder als Attribute jener letzten Einheiten oder ihrer Verbindungen, noch etwa als Begleitphänomene der Lage- und Geschwindigkeitsänderungen gedacht werden. Denn wie man die Sache auch wende: die in der Erfahrung wahrnehmbaren Qualitäten sind dann spontane Entstehungen, Schöpfungen aus dem Nichts, die dann jeden Augenblick wieder in das Nichts zurücksinken, beständig auftauchend und enteilend. Selbst wenn man, um diesen unerträglichen Wechsel von Werden und Vergehen zu vermeiden, zu der verzweifelten Annahme griffe, nach der Methode des ANAXAGORAS die letzten Einheiten mit konstanten Qualitäten ausgestattet zu denken, so versagt gerade in diesem Falle der Kunstgriff des Denkens, das gleichsam das Unbegreifliche ein- für allemal anerkennt, aber in den Anfang verlegt und sich damit auf dem Gebiet der mechanischen Vorstellungen die Freiheit der Entwicklungen schafft. Denn die bei den sichtbaren Vorgängen auftretenden Erscheinungen lassen sich aus jenen Qualitäten der Elemente, aus denen die Vorgänge nach ihrer mechanischen Seite zusammengesetzt sind, nicht ableiten. Die Farbe eines Gemisches oder gar einer Verbindung zweier Substanzen ist nicht ein Summationseffekt der Farben der Bestandteile. Es hat überhaupt keinen Sinn, Qualitäten in derselben Weise wie Raum- und Zeitgrößen zu behandeln. So kann das Denken, das immer ein Rechnen ist, insofern es in Verbindung und Zerlegung von Einheiten vorwärtsschreitet, mit den Qualitäten, die sich nicht aus Einheiten zusammenfügen lassen, nichts anfangen. Die Weltenschöpfung ist ein Wunder; aber für die Wissenschaft ist es nur ein einmaliges Wunder, das zu begreifen sie verzichtet, um ausschließlich innerhalb des Geschaffenen den Wechsel der Stellung seiner Teile zu erklären. Die Annahme der Qualitäten aber zugeben oder fordern, heißt das Wunder zur Permanenz erheben.

Das 17. Jahrhundert hat denselben Gedankengang noch in einer anderen Formel ausgedrückt. Die Erfahrung lehrt, daß ein großer Teil von Reizen, die einen Organismus treffen, Bewegungen und nichts als Bewegungen sind und gleichwohl einen Effekt im Empfindenden hervorrufen, der dem Reiz ganz und gar nicht ähnlich ist. Das ist ersichtlich, wie GALILEI, BOYLE, LOCKE insbesondere ausführen, (11) in dem Falle, wo durch äußere Berührung ein Gefühl des Annehmlichen, des Kitzels, des Schmerzes hervorgerufen wird. Weiter zeigt das wissenschaftliche Denken, daß nach Analogie dieser Fälle alle übrigen Reizeinwirkungen, die in uns die Empfindungen von Ton und Licht usw. erzeugen, ebenso als Bewegungsvorgänge konstruiert werden können. Auch hier ist der erlebte Effekt von der Bewegung, die als eine Ursache supponiert [angenommen, wp] wird, gänzlich verschieden; ja für den Fortgang der Erkenntnis ist diese Einsicht von der größten Bedeutung, da sie die Grundlage für jede rationelle Erklärung des Wahrnehmungsprozesses bildet. Unter dieser Voraussetzung ergibt sich aber zwingend, daß den Qualitäten jede Art von Existenz abszusprechen ist. Denn der Obersatz des Schlusses, wie ihn DESCARTES (12) und vor allem HOBBES (13) streng gefaßt haben, fordert, daß die Wirkung der Ursache gleich sei. Demgemäß ist es uns unmöglich, zu denken, daß Bewegung etwas anderes als Bewegung hervorbringt. So folgert das Ideal eines geschlossenen kausalen Bewegungszusammenhangs die Ausschließung der Qualitäten an jedem Punkt der Naturwirklichkeit. Wären wir faktisch imstande, wie wir es gedanklich sind, den Bewegungsvorgang vom Objekt durch den Sinnesapparat bis zum Zentralorgan und von diesem wieder zurückzuverfolgen, so würden wir ihn nirgends durch das Dazwischentreten eines Faktors unterbrochen finden, der als eine Empfindung, als eine Qualität, zu bezeichnen wäre: Der Kausalnexus geht von Bewegung zu Bewegung.

Nun ist es eine geschichtliche Tatsache, daß dieses Ideal einer Mechanik, welche die gesamte Welt umfaßt, von seiner Verwirklichung gegenwärtig noch so weit entfernt ist, wie in den Tagen, da es zuerst entworfen worden ist. Ja man könnte versucht sein, zu behaupten, daß in dem Maße, als das Wissen fortgeschritten ist, das Ideal einer "astronomischen" Erkenntnis der materiellen Welt in immer weitere Ferne gerückt ist. Nicht nur daß die Aufschließung großer Gebiete der Natur, welche, wie etwa die elektrisch-magnetischen Erscheinungen dem 17. Jahrhundert völlig unbekannt waren, Ergebnisse ans Licht gefördert hat, die, je eingehender man sie erforscht, desto selbständiger sich erweisen, nicht nur, daß sich noch immer die Natur der organischen Vorgänge nicht restlos aus Bewegungsvorgängen will erklären lassen: jedenfalls gibt es doch eine strenge Wissenschaft, in welcher die logische Forderung, aus der die Idee einer Weltmechanik hervorgegangen ist, wenigstens zurzeit nicht erfüllt ist. Das Grundgesetz der Chemie sagt, daß die in der Natur vorkommenden Körper sich in Gruppen oder Stoffarten ordnen lassen, denen spezifische Eigenschaften zukommen. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese Stoffe, wie gewisse Regelmäßigkeiten zwischen ihren Verbindungsgewichten oder andere neueste Erfahrungen nahelegen, als Spezifikationen eines Urstoffes gedacht und ob die bisher erkannten Eigenschaften der Elemente in mechanischer Vorstellungsweise ausgedrückt werden können: Bedeutsam ist doch, daß es noch nicht gelungen ist, die Eigenschaften der chemischen Verbindung aus den Eigenschaften ihrer Bestandteile abzuleiten. Die chemischen Vorgänge sind durch den Wechsel von wesentlichen Eigenschaften charakterisiert, die Eigenschaften verschwinden und neue nehmen ihre Stelle ein. Wir bezeichnen nur tatsächliche Grenzen unseres gegenwärtigen Wissens, wenn wir eingestehen, daß das Ergebnis der vor unseren Augen sich vollziehenden Verwandlung von Stoffen nicht aus deren Elementareigenschaften bestimmt werden kann. Die Atom- und Molekularhypothese ist, so fruchtbar und leistungsfähig sie sich in anderer Hinsicht erweist, noch nicht imstande gewesen, dieses Rätsel der Lösung näher zu bringen. Es will uns nicht gelingen, das Fortbestehen der Elemente, die durch die Summe ihrer Eigenschaften gekennzeichnet sind, uns in der Verbindung vorzustellen, denn in ihr treten uns im allgemeinen vollkommen neue Eigenschaften entgegen. "Vielmehr ist dieses Fortbestehen", so drückt OSTWALD den Sachverhalt in einer Terminologie aus, die geradezu an aristotelische Formeln erinnert, "ausschließlich auf die Möglichkeit beschränkt, das Element aus jeder seiner Verbindungen in unveränderter Menge wiederzugewinnen." (14)

Mögen diese Grenzen nun auch durch die Unvollkommenheit unserer Einsichten in die Elementarstrukturen bedingt sein oder mögen es Grenzen sein, welche die Erkenntnis chemischer Vorgänge von der physikalischer und mechanischer für immer trennen wird: immerhin mag das Beispiel doch in methodischer Hinsicht verdeutlichen, daß die Annahme der Entstehung und des Vergehens besonderer Effekte nicht in dem Maße widersinnig ist, daß sie als durch die logische Konsequenz der mechanischen Naturerklärung widerlegt gelten kann. Bezeichnet man mit Erklärung eines Tatsächlichen seine Ableitung der Art, daß es als identisch mit einem vorgängig Bestimmten dargetan wird, von dem es sich nur durch eine Ablagerung der Teile oder Änderung von Geschwindigkeiten oder allgemein durch Anwendung von Operationen unterscheidet, die vollständig durch das Denken abgebildet werden können, dann ist die Entstehung der Beschaffenheit der chemischen Verbindung mit den Hilfsmitteln der gegenwärtigen Forschung unerklärlich, sie ist ein Wunder. Aber gerade die Chemie lehrt, wie die Wissenschaft mit einem solchen Wunder fertig wird. Indem sie die gesetzmäßigen Bedingungen ermittelt, unter denen die Erzeugung eines Neuen steht, wird ihr das Wunder zu einer regelmäßigen Naturerscheinung, die eben wegen ihrer gesetzmäßigen Einfügung in einen allgemeinen Zusammenhang den Charakter des Wunders verliert. (15) So vermag die Chemie gleichwohl eine hinreichende Beschreibung des ganzen Zusammenhangs liefern, der als solcher durchaus geregelt und sogar in einem weiten Maße, etwa unter Benutzung energetischer Begriffe, der mathematischen Darstellung zugänglich ist. Ja wir können die ganze Welt mit Nebeneffekten aller Art bevölkert denken, ohne dadurch die Durchführung der mechanischen Betrachtungsweise im geringsten zu stören oder auch nur einen Moment des Willkürlichen und Wunderbaren einzuführen, so lange wir die Möglichkeit einer eindeutigen Zuordung der auftretenden irrationalen Tatsachen zu den mechanischen Vorgängen als gegeben ansehen dürfen. Wie diese Klassen von Geschehnissen innerlich zusammenhängen, ist allerdings unserem Verständnis für immer entrückt. Aber es genügt für die wissenschaftliche Orientierung in der Welt, daß die Koexistenz und Sukzession der Ereignisse in ihr gesetzmäßig bestimmbar ist. Daß ein Teil der Vorgänge zu derjenigen Durchsichtigkeit erhoben werden kann, welche das logische Denken überhaupt zu erreichen vermag, gibt keinen hinreichenden Grund, auch wenn es im höchsten Maße wahrscheinlich wäre, aß ein denselben ähnliches System von Vorgängen das ganze Reich der Naturwirklichkeit durchziet, das, was sich nun nicht als ein solcher Vorgang unmittelbar darstellt, als ein Phänomen oder Unwirkliches zu bezeichnen und als ein Subjektives aus der Natur auszuscheiden.

Und hierzu kommt noch ein zweites. Die Transposition [Versetzung, wp] der Qualitäten in das Innere des Subjektes wurde ersonnen, um die lästigen Veränderungen, welche sie zeigen, zu beseitigen und so die Naturtatsachen gleichsam auf einen Generalnenner zu bringen. Aber der durch diesen Kunstgriff erzielte Gewinn ist in letzter Instanz doch nur scheinbar. Denn da die Qualitäten doch nicht vollständig verneint werden können, da sie ein Etwas, ein Positives sind, das existiert, das entsteht und vergeht, so werden die Denkschwierigkeiten, die mit ihnen gegeben sind, auch mit ihnen in das Gebiet verlegt, in das sie von der Naturwissenschaft aus verwiesen werden. Die Ausscheidung der Qualitäten aus dem als objektiv vorausgesetzten System von Bewegungsvorgängen eigenschaftsloser Korpuskeln befreit das naturwissenschaftliche Denken allerdings von der Aufgabe, den Wandel der Qualitäten, ihr Entstehen und Vergehen zu erklären. Aber die Theorie ihres subjektiven Ursprungs verlegt das Problem ihrer Ableitung nur in ein anderes Gebiet, ohne es dadurch der Lösung irgendwie näher zu rücken. Es ist so, wie DILTHEY es einmal darstellt. "Indem die Physik es der Physiologie überläßt, die Sinnesqualität blau zu erklären, diese aber, welche in den Bewegungen materieller Teile eben auch kein Mittel besitzt, das blau hervorzuzaubern, es der Psychologie übergibt, bleibt es schließlich, wie in einem Vexierspiel, bei der Psychologie sitzen." (16) Aber auch die Psychologie vermag ihrerseits das Rätsel der qualitativen Empfindung nicht aufzuhellen. Sie erkennt in ihnen die letzten Elemente des Vorstellungsverlaufes, die einer weiteren Analyse nicht mehr zugänglich sind. Jedoch die Empfindungen, d. h. die Empfindungsinhalte, sind keine Attribute etwa der geistigen Substanzen: im Bereich des seelischen Lebens sind sie ebenso fremd und unfaßbar, wie in dem des natürlichen Geschehens. Es ist ein denkwürdiges Zeugnis, daß DESCARTES vergeblich damit gerungen hat, einen Ort für die Qualitäten ausfindig zu machen; indem sein Begriff von Naturwirklichkeit es nicht gestattete, sie als objektive Tatsachen anzusehen, mußte er sie als psychische oder geistige Produkte auffassen; aber wie er sie doch andererseits nicht als bloße Modifikationen des res cogitans [das Gedankliche, wp] betrachten konnte und sie doch in einer spezifischen Beziehung zu den materiellen Vorgängen stehen, waren sie ihm wiederum mehr als ein, wenn auch verworrenes, Denken. So attributierte er sie mit den Gefühlen dem Konjunktum [der Verbindung, wp] von Leib und Seele. (17) Wählt man diesen Ausweg auch nicht, der nur eine Verdoppelung der Schwierigkeiten ist, so bleiben die Empfindungen innerhalb des geistigen Lebens unbegreiflich. In der Konsequenz dieser Einsicht liegt es, daß, wenn nun ihre Verhältnisse Veränderungen und Verbindungen erklärt, d. h. einem allgemeineren Zusammenhang von Gesetzen eingeordnet werden sollen, die Psychologie auf materielle Prozesse zurückgeht, die als Korrelat dieser Vorgänge in den nervösen Partien des empfindenden Körpers angenommen werden müssen. Und an diesem Punkt ist der Zirkel geschlossen. Daher ging denn auch HOBBES folgerichtig dazu über, auf diesem Umweg die Empfindungen als Bewegungen zu fassen und sie wieder dem mechanischen System einzureihen. (18)

Die Lehre von der Subjektivität der sinnlichen Empfindungen löst das Problem, das in ihrer Tatsächlichkeit enthalten ist, auf keine Weise. Der den Sinnesdaten innewohnende Charakter unmittelbarer Gegebenheit, ihre Individualität, ist schlechterdings unaufhebbar; es ist auch nicht mit Hilfe psychologischer Kategorien, etwa des Unbewußten, möglich, sie in ihrer Faktizität zu verstehen, d. h. abzuleiten aus etwas, wodurch ihr Dasein und ihre Besonderheit durchsichtig wird. Daher kann dieser Erkenntnismangel, der aus der immanenten Eigentümlichkeit der Sinnesdaten selbst sich ergibt, der mechanischer Naturerklärung nicht zu einem zureichenden Grund dienen, die Realtität des Tatsächlichen, das sie nicht begreifen kann, zu bestreiten. Vielmehr muß sie zur Frage nach dem Verständnis von sinnlichen Qualitäten und Bewegungsvorgängen am Ende doch Stellung nehmen. Das 17. Jahrhundert hatte gleichsam den Nebel von aristotelischen Vorstellungen, welcher die Werke der Natur verdunkelte, gelüftet und die Aussicht auf die klare Bestimmtheit und den rationalen Charakter des Wirklichen eröffnet. So sah es ab von den fruchtlosen Debatten über das Wesen der Qualitäten, ihrer Anzahl, vom ganzen Inbegriff von Quästionen, welche das mittelalterliche Denken beschäftigte, um alle Energie der Forschung auf die Konstruktion eines mathematischen mechanischen Weltbildes zu richten. Dafür entstand nun aber der Auffassung, für welche die Natur ein seelenloser entgötterter Mechanismus ist, dort, wo der Mensch in den Zusammenhang der Natur eintritt, das Problem, wie das Verhältnis des Geistes zum Körper zu denken sei; und in diesem Problem sind die besonderen Schwierigkeiten des Empfindungsproblems wieder alle enthalten. Kein Lösungsversuch, der seitdem hervorgetreten ist, hat dieselben beseitigen können. Das Rätselhafte, das im Zusammenhang von Empfindungstatsachen und Bewegungen gegeben ist, bleibt. In der dualistischen Antwort ist das Wunder förmlich gegeben; wir verstehen nicht, wie Bewegung Empfindung hervorbringen kann, aber wir erleben es. Und in gleicher Weise läßt die parallelistische Hypothese, wie immer man sie auch fasse, den Sachverhalt unerklärt. Und doch muß eine Beziehung zwischen den beiden Klassen von Vorgängen irgendwie angenommen werden. Man mag im Interesse physikalischer Forschung ausschließlich die mechanische Struktur des Wirklichen ins Auge fassen, man mag seine qualitative Seite, wie sie dem Beobachter erscheint, vernachlässigen, man mag die Empfindungsinhalte, die nach den Aussagen anderer Personen unter gewissen Bedingungen von ihnen erlebt werden, ausschalten: Und wenn wir auch den mechanischen Zusammenhang, der sich vom Reizobjekt zu den Sinnesapparaten und von ihnen zum Zentralorgan und von diesem in die motorischen Nerven erstreckt, lückenlos durchschauen könnten, so müssen wir doch in irgendeinem Punkt dieses Verlaufs, sei es als Zwischenglied der kausalen Kette, sei es als Begleitphänomen eines besonderen Abschnittes, die Entstehung dessen annehmen, was die empfindende Person als einen Empfindungsinhalt erlebt. Daher kann der spezifische Charakter des mechanischen Systems die Koexistenz von Qualitäten nicht ausschließen. Es mögen zwingende Gründe dafür sprechen, das Auftreten von Qualitäten auf materielle Verläufe solcher Art zu beschränken, wie sie in den organischen Körpern verwirklicht sind, es möge sich am Ende als sehr wahrscheinlich erweisen, daß diese Qualitäten als psychische Phänomene immaterieller Substanzen zu betrachten sind, so ist doch das eine sichergestellt, daß in der Auffassung der Natur mit Einschluß der organischen Welt als eines mechanischen Systems ein hinreichendes Argument für diese Folgerung nicht gegeben ist. Vielmehr hindert grundsätzlich nichts, jedem Bewegungsvorgang in der Außenwelt korrespondierende Veränderungen von Tatsachen zugeordnet zu denken, die wir nach Analogie unserer Empfindungen als Qualitäten bezeichnen dürfen.

So halten wir daran fest, daß die mechanische Methode in der Naturforschung, soweit man auch ihren Anwendungsbereich ausdehne, keinesfalls schon durch sich selbst legitimiert ist, das, was nicht von ihren Begriffen gefaßt, in ihren Formeln dargestellt werden kann, für eine Realität anderer Ordnung zu betrachten. Natürlich ist eine solcher Standpunkt, wie ihn die Naturanschauung des DESCARTES vorbildlich gezeichnet hat, möglich; es ist durchaus denkbar, daß der Zusammenhang des Naturwirklichen als ein mechanisches System zu bestimmen ist, in welchem die Qualitäten, welche die naive Erfahrung in ihr zeigt, keinen Ort haben und es scheint nicht, daß in ihm ein größeres Maß von Denkschwierigkeiten enthalten ist, als in jeder anderen möglichen Weltbetrachtung. Daher ist der Standpunkt in sich selbst nicht aufzuheben und insofern unwiderleglich. Aber es fragt sich doch, ob er notwendig ist, ob er bei Anerkennung der mechanischen Naturerklärung im Sinne einer Wirklichkeitserkenntnis als logische Konsequenz derselben gefolgert werden müsse. Jedenfalls ist er nicht eine selbstverständliche Wahrheit, die nur ausgesprochen zu werden braucht, um eingesehen und in ihrer Berechtigung anerkannt zu werden. Das siebzehnte Jahrhundert hat es mittels eines förmlichen Beweisverfahrens unternommen, das Weltbild, das uns primär gegeben ist, aufzuheben und als einen bloßen sinnlichen Schein aus dem Zusammenhang des Wirklichen zu eliminieren. So schuf es sich die nächste Grundlage für eine Konstruktion des Seienden aus Elementen, die nur aus dem Denken genommen und nur durch das Denken garantiert sind. Sondern wir hier, was in der positiven Methode der mechanischen Naturerklärung selbst enthalten ist, vom Naturideal, das die Mathematiker und Philosophen dieser Zeit auf der Grundlage des gemeinsamen Besitzes methodischer Einsichten entwickelt haben, so zeigt sich, daß der Gegensatz der physikalischen Forschung zur naiven Weltauffassung nicht so schroff und unversöhnlich ist, als daß nicht eine Annäherung innerhalb gewisser Grenzen denkbar wäre. Wenigstens ist es vom Standpunkt dieser Betrachtungsweise in einer gleichen widerspruchsfreien Weise möglich, wenn man nur alle Gesichtspunkte in Erwägung zieht, dem Tatbestand gerecht zu werden.

Das Wirkliche, das den Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung ausmacht, ist uns in den Sinnen als ein Objektives und von uns als empirischen Subjekten Unabhängiges gegeben. Und zwar treffen wir an jedem Punkt der Erfahrung ein mehrseitiges Verhalten der Dinge, das die Darstellung durch ein einziges formales Begriffssystem niemals gestatten will. Einen besonderen Teilinhalt bilden die Vorgänge, die wir unmittelbar, das heißt ohne Hypothesen zu Hilfe nehmen, die etwas über die untersinnliche Welt aussagen, als mechanische erkennen und beschreiben. Und nun zeigt die Erfahrung weiter, daß mit diesem System mechanischer Vorgänge andere Gruppen von Erscheinungen, die als solche nur nach ihren zeitlichen und räumlichen Beschaffenheiten zu bestimmen sind, in einem derartigen Zusammenhang stehen, daß unter gewissen gesetzmäßigen Bedingungen Leistungen hervortreten, die mechanischer Arbeit äquivalent gesetzt werden können. Ihren formelhaften und den Sinn und die Grenzen dieser Beziehung genau umschreibenden Ausdruck hat diese Tatsache im Gesetz von der Erhaltung der Arbeit gefunden. Von hier aus ist es möglich, eine allgemeine Energetik zu entwickeln, welche unter voller Wahrung der spezifischen Eigenart der Erscheinungsgruppen doch ihren gesetzmäßigen Zusammenhang in mathematisch präziser Form hervorzuheben gestattet. Aber wir können noch weiter gehen und schon aus methodischen Gründen empfiehlt es sich, die letzten Konsequenzen, welche die mathematische Naturwissenschaft nahelegt, in Betracht zu ziehen. So nehmen wir denn ausdrücklich an, daß wir berechtigt sind, um die Transformation der Energieformen ineinander zu erklären, eine mechanische Struktur hypothetisch zu setzen, welche den Zusammenhang der gesamten Wirklichkeit durchzieht und ihre Gesetzmäßigkeit begründet. Allerdings muß betont werden, daß innerhalb gewisser Gebiete diese Annahme weder erforderlich noch auch durchführbar erscheint und demgemäß mag einmal die Möglichkeit eintreten, dieselbe durch eine mehr geeignetere zu ersetzen. Aber soweit wir eine mechanische Struktur ergänzen, können wir sie uns immer nur nach Analogie jener Systeme bilden und vorstellen, welche die Erfahrung uns zeigt. Isolieren wir daher von ihnen durch symbolische Darstellung das allein und rein Mechanische, die Lagen und Geschwindigkeiten von Raumeinheiten, so dürfen wir nicht vergessen, daß damit dem durch solche Formeln beschriebenen Tatbestand durchaus nicht alles genommen oder auch nur abgesprochen ist, was mehr als mechanischer Natur ist. Für dieses in der Natur als existent angenommene mechanische System gelten die Erhaltungsgesetze. In ihm werden die logischen Forderungen befriedigt, welche das wissenschaftliche Denken als die Bedingungen vollkommenster Erklärung aufstellt. Aber keine methodische Regel gebietet, in den Erscheinungen, denen mechanische Vorgänge substituiert sind, eine andere Art der Realität zu erkennen als diejenigen Vorgänge aufweisen, nach deren Analogie jene gebildet sind. Es ist weder ein Widerspruch gegen die Prinzipien der Forschung, noch eine Verletzung der Ökonomie anzunehmen, daß tatsächlich Bewegungen mit qualitativen Verläufen verbunden sind, sofern nur die gegenseitige Zuordnung dieser Klassen von Tatsachen als eine gesetzmäßige zu betrachten ist. Erwägt man aber den Umstand, daß im allgemeinen eine weitgehende funktionelle Abhängigkeit der Sinnesdaten von bestimmten materiellen Prozessen nachgewiesen oder doch wahrscheinlich ist, denn wir leben nicht in einem Chaos von Eindrücken, so möchten Bedenken gegen die Erfüllung dieser Voraussetzung nicht erhoben werden. Allerdings bedarf die naive Weltauffassung wesentlicher und in Hinsicht aller Einzelheiten außerordentlich einschneidender Korrekturen. Die Einsicht der Relativität aller Sinneseindrücke hat zur Evidenz gezeigt, daß die Qualitäten, die wir erleben, nicht diejenigen sind, die wir in den Gegenständen zu setzen gewohnt sind. Aber das betrifft letzthin nur die Auswahl der mechanischen Zusammenhänge, denen die empfundene Qualität zuzuordnen ist. Es ist vielleicht möglich, daß eine unter Beobachtung aller Erfahrungen ermittelte Verknüpfung mit anderen Vorgängen, sagen wir mit gewissen chemischen Prozessen oder mit Zustandsänderungen des Mediums, die in unserer Organen eine Modifikation erfahren, genügt, um die Tatsache der Relativität oder allgemein die Abhängigkeit dre Empfindungen von den Leistungen unserer Organe befriedigend aufzuklären. Daß aber eine weitere Korrektur des naiven Weltbildes im Sinne von der Lehre der reinen Subjektivität der Qualitäten erforderlich ist, kann durch die Auflösung der Natur in ein mechanisches System nicht begründet werden.
LITERATUR - Max Frischeisen-Köhler, Die Realität der sinnlichen Erscheinungen, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 6, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) THOMAS HOBBES, Elements of law, Seite 7
    2) THOMAS HOBBES, De corpore, Kap. 7; BOYLE, De origine qualitatum et formarum, § 4
    3) Von der Schätzung der Empfindungsdistanzen, welche STUMPF und EBBINGHAUS in die Psychologie eingeführt haben, kann hier abgesehen werden.
    4) DESCARTES, Prinzip. I, § 53, II Seite 4, IV Seite 202
    5) Vgl. die Kritik des Temperaturbegriffs bei MACHT, Prinzipien der Wärmelehre, 2. Auflage, Seite 39f
    6) ARISTOTELES, De anima II, Seite 12, 424b, 10f
    7) ARISTOTELES, Opera, ed. FRITSCH, V, Seite 445
    8) FRANCIS BACON, Natural history, century III, § 211
    9) MERSENNE, Harmonie universelle II, 2. Auflage, 1636, Seite 3f
    10) DESCARTES, Monde, Oeuvr. ed. Cousin, IV, Seite 220
    11) GALILEI, Opere IV, Seite 339; BOYLE, Works II, London 1744, Seite 466; LOCKE, Essay II, Chapter 8, § 13 und 16
    12) DESCARTES, Prinzip. IV, § 198
    13) HOBBES, De corpore, Chapter IX, 38 und 9, Chapter XXV, § 2
    14) WILHELM OSTWALD, Vorlesungen über Naturphilosohie, 1. Auflage, Seite 287
    15) CARL STUMPF, Leib und Seele usw., 1903, Seite 35
    16) WILHELM DILTHEY, Einleitung in die Geisteswissenschaften I, Seite 13
    17) DESCARTES, Medit. IV, § 28
    18) Vgl. meine Abhandlung über die Naturphilosophie des THOMAS HOBBES im Archiv für Geschichte der Philosophie XVI, 1902, Seite 94f