Max Frischeisen-Köhler, Die Realität der sinnlichen Erscheinungen [4/5]
    tb-1p-4R. EuckenCondillacR. EislerG. K. UphuesH. Czolbe
 
MAX FRISCHEISEN-KÖHLER
Die Realität der
sinnlichen Erscheinungen

[ 4 / 5 ]

"In den Empfindungen sind uns nicht die Wahrheiten der äußeren Dinge, sondern die realen Qualitäten unserer Sinne gegeben, daher man auch geradezu sagen kann, daß das Nervenmark hier nur sich selbst leuchtet, dort sich selbst tönt, hier sich selbst fühlt, dort sich selbst riecht und schmeckt."

"Empfindungen sind nie Leistungen eines Nerven oder eines Zentralorgans, sondern der Seele; niemals darf sich daher mit dem Namen von spezifischen Energien der Nebengedanke verbinden, als läge es in der Natur des Nerven und seinem Eigensinn, daß er beständig Licht und Schall empfinde. Einer weiteren Kritik muß auch der bestimmter ausgedrückte Satz unterzogen werden, daß jeder Nerv, welches auch immer die Reize gewesen sein mögen, die auf ihn einwirkten, stets nur in eine ihm ausschließlich eigene Klasse physischer Zustände versetzt werden und demgemäß auch der Seele stets nur Impulse zur Erzeugung einer einzigen Klasse von Empfindungen mitteilen kann."

3. Die Argumente der Physiologie

Der so umschriebene und in sich klare Standpunkt bedarf noch einer letzten Ergänzung. die Lehre von der Subjektivität der sinnlichen Qualitäten hat ihren geschichtlichen Ursprung in der Entwicklung der mechanischen Naturanschauung. Aber wie schon in den Tagen des DESCARTES und HOBBES es auch besondere physiologische Betrachtungen waren, welche ihre Ausbildung begünstigten, ist nun in der von JOHANNES MÜLLER begründeten Sinnesphysiologie ein förmliches Argument, ein von allen anderen Überlegungen unabhängiger Beweis für sie entstanden. MÜLLER selbst glaubte in seiner Lehre von den spezifischen Sinnesenergien eine direkte Bestätigung oder exakte Formulierung der subjektivistischen Theorien gefunden zu haben, als deren Vertreter ihm PLATO, LOCKE und KANT erschienen. So entsteht die Aufgabe, den Anteil abzugrenzen, den die Physiologie zu einer Revision des natürlichen Weltbildes abgeben kann.

Gegeben sind uns Qualitäten nur als sinnliche Empfindungen und die Erfahrung lehrt, daß, obschon sie zunächst nicht im allgemeinen dem eigenen Körper zugeordnet werden, sie dennoch in ihrem Auftreten und ihren Bestimmtheiten aufs engste mit gewissen Abläufen in demselben verknüpft sind. Wir betrachten es nun als ein gesichertes Ergebnis der psychologischen Untersuchung, daß die Empfindung trotz des Merkmals der Bewußtheit, das ihr innewohnt, doch nicht aufgrund dieser Eigentümlichkeit allein, die von allem Seienden, das wir erschließen können, postulieren, als Inhalt des sogenannten individuellen Bewußtseins, d. h. als ein psychisches Phänomen angesehen werden muß. Demgemäß hängt die Tragweite der in der Physiologie erkannten Bedingungen für das Zustandekommen des Wahrnehmungsprozesses von der Klarlegung des Verhältnisses ab, das zwischen der empfundenen Qualität und ihrem mechanischen Begleitvorgang besteht. Läßt sich der Nachweis erbringen, daß die Art der Verknüpfung zwischen beiden eine derartige ist, wie sie das naturwissenschaftliche Denken zu einer begründeten Verallgemeinerung voraussetzen muß, läßt es sich wahrscheinlich machen, daß die Form des Geschehens, das die notwendige und hinreichende Bedingung ihres Auftretens bildet, materiellen Vorgängen analog ist, die wir in der anorganischen Natur verwirklicht sehen, dann ist offenbar auch das letzte Hindernis hinwegräumt, das einer realistischen Naturbetrachtung entgegengehalten werden kann.

Nun ist es freilich unbestreitbar, daß beim Stand unseres gegenwärtigen Wissens eine einigermaßen gesicherte Kenntnis der materiellen Substrate unserer Empfindungen, man kann sagen, an keinem Punkt erreicht ist. Die großen Fortschritte, welche die Analyse durch das Zusammenarbeiten der Anatomen, der Physiologen und Psychologen während der letzten Jahrzehnte gemacht hat, haben zunächst einen solchen Reichtum und eine solche Mannigfaltigkeit der zu erklärenden Tatsachen aufgedeckt, daß zurzeit wenigstens befriedigende Theorien auch innerhalb der engsten Gebiete der Sinnesphysiologie mit irgendeinem Grad höherer Wahrscheinlichkeit nicht möglich erscheinen kann. Hierzu kommt, daß über das eigentliche Wesen des nervösen Reizvorganges noch völliges Dunkel liegt. Die Schwierigkeiten, die sich der Untersuchung dessen, was letzthin in den lebenden Nervenzellen und ihren Fortsätzen geschieht, entgegenstellen, sind so groß, daß unser ganzes positives Wissen sich fast ausschließlich auf die Kenntnis der elektrischen Eigenschaften beschränkt, die auch nur innerhalb sehr enger Grenzen, nämlich im Gebiet der peripheren Nervenfasern, unmittelbar als eine Funktion an ihm studiert werden können. Die Formeln von positiver und negativer Molekular-Arbeit oder von Assimilation und Dissimilatioin sind streng genommen bloße Schemata oder besser Postulate, die allgemeinste Zusammenfassungen in kurzer Bezeichnung gestatten, ohne irgendwelche tatsächliche Aufklärung über das Wesen der zugrunde liegenden Prozesse zu geben. Hier hat die wissenschaftliche Phantasie noch einen nahezu unbeschränkten Spielraum, ja wir sind, wie es von KRIES gelegentlich ausdrückt, (1) nicht einmal in den bestuntersuchten Sinnesgebieten, etwa beim Lichtsinn, "in der Lage, eine mäßige Zahl von Möglichkeiten aufzustellen, zwischen denen aufgrund bestimmter Tatsachen abzuwägen wäre." Man kann ganz absehen von den sogenannten niederen Sinnen, wo das Tatsachenmaterial erst zum kleinsten Teil bekannt und gesichtet ist, wo die Meinungen der Forscher noch in jeder entscheidenden Frage, hinsichtlich der psychologischen Charakteristik, der physiologischen Grundlage und auch dessen, was als adäquater Reiz zu gelten hat, auseinandergehen; es genügt, sich des bemerkenswerten Schicksales der verschiedenen Hypothesen zu erinnern, die in Bezug auf den Hör- und den Lichtsinn, wo alle diese Verhältnisse noch am durchsichtigsten und jedenfalls am meisten durchforscht sind, in neuerer und neuester Zeit aufgestellt worden sind. Während nach dem Abschluß der großen Arbeiten von HELMHOLTZ der Standpunkt gefunden schien, der ein in allem Wesentlichen erschöpfendes Verständnis der erfahrbaren Tatsachen gestattet, hat es sich nun mehr definitiv herausgestellt, daß die von ihm entwickelten und durch durchgeführten Theorien, wenn überhaupt noch haltbar, im besten Fall nur die Anfänge der Einsichten in zunächst noch gar nicht übersehbare Komplikationen bedeuten. Es ist bekannt, wie von seiten HERINGs und seiner Schule die Dreikomponenten-Theorie der Farben zugunsten ganz anderer Vorstellungen bekämpft worden ist und es ist zweifellos, daß sie wenigstens in der Fassung von YOUNG-HELMHOLTZ aufgegeben werden muß. Aber nun sind andererseits die Tatsachen hervorgetreten, die von KRIES unter dem Namen der Duplizitätstheorie zusammengefaßt hat und die jedenfalls erhebliche Einschränkungen und Modifikationen der HERINGschen Anschauung erfordert. Hier ist wieder alles im Fluß. Am ehesten möchte die Resonanztheorie in der physiologischen Akustik sich allgemeinerer Zustimmung erfreuen; aber auch gegen sie sind trotz ihrer weitgehenden Brauchbarkeit so schwerwiegende Bedenken geltend gemacht worden, daß sie vielleicht mehr durch das Fehlen einer sie ersetzenden Theorie denn durch ihre eigene Vollkommenheit von der Mehrzahl der Forscher zurzeit noch festgehalten wird. Und hierzu kommt, daß auch die Möglichkeit erwogen wird, ob nicht die gesamte psycho-akustische Theorie noch durchgreifender Umgestaltungen fähig und bedürftig ist. (2) Unter diesen Umständen ist natürlich eine Verwertung der Ergebnisse der Sinnesphysiologie im Interesse naturphilosophischer Überlegungen vorläufig aussichtslos. Jeder Versuch dieser Art sieht sich genötigt, in Auseinandersetzungen mit Meinungen und Auffassungen einzutreten, über welche allein die allmähliche Forschung und letzthin das Experiment die Entscheidung bringen kann. Gleichwohl dürfte der Stand unseres Wissens es doch erlauben, wenigstens die allgemeinen Gesichtspunkte, von denen diese Analyse getragen wird, herauszuheben und in Bezug auf unser Problem zu präzisieren.

Das Verhältnis der Empfindungen oder empfundenen Qualitäten zu den nervösen Prozessen, an welche ihr Auftreten gebunden ist, pflegt zumeist im Zusammenhang mit der Frage nach dem Verhältnis des Geistigen zum Körperlichen, des Psychischen und Physischen erörtert zu werden. So setzt die Diskussion in Übereinstimmung mit der Lehre von der Subjektivität der sinnlichen Qualitäten voraus, daß die Empfindungen als solche dem geistigen Leben angehören. Indem wir aber eben diese Voraussetzung in Frage stellen, müssen wir es zunächst für durchaus problematisch halten, ob die Arten möglicher Beziehungen, welche zwischen Vorgängen, die ohne jeden Zweifel als psychische angesprochen werden müssen, wie die Phänomene des Urteilens und Haß und Liebe und gewissen materiellen Prozessen bestehen mögen, auch in gleicher Weise vom Gebiet der Empfindungen ausgesagt werden dürfen; oder umgekehrt, ob diejenigen Formen von Relationen, welchen den Zusammenhang von Bewegung und Empfindung denkbar machen sollen, ohne Einschränkung oder Erweiterung als gültig für die eigentlich seelischen Erlebnisse gesetzt werden dürfen. Es ist keineswegs selbstverständlich, daß beide Klassen von Erscheinungen, die in ihrem psychologischen Charakter so weit differieren, daß die eine immer nur Objekt der anderen ist, in der gleichen Weise auf physisches Geschehen bezogen werden müssen. Wenn die philosophischen Bemühungen, die gerade in neuester Zeit wiederum lebhaftes Interesse gefunden haben, das Verhältnis von Leib und Seele oder Natur und Geist weder so verschieden wie es ein konsequenter Dualismus etwa im Sinne des kartesianischen Systems erfordert, noch aber so gleich wie zwei restlos sich deckende Kreise sind oder vielmehr nur zwei Ansichten eines sich selbst identischen Realen, etwa im Sinne FECHNERs, bedeuten, für den vielmehr Natur und Geist, wie WUNDT es einmal darstellt, (3) "zwei sich kreuzende Gebiete" sind, "die nur einen Teil ihrer Objekte miteinander gemein haben." Nimmt man an, daß die den beiden Welten gemeinsamen Elemente die Empfindungsinhalte sind, dann könnte auf der einen Seite ein strenger Parallelismus von Empfindung und Bewegung gefordert, auf der anderen ein Verhältnis von Wechselbeziehung oder Wechselwirkung zwischen den mit den Empfindungen verknüpften physischen Vorgängen und den eigentlich seelischen Funktionen für möglich gehalten werden. Eine solche Anschauung schließt, wie es scheint, nicht größere Schwierigkeiten, als die einseitig dualistischen oder monistischen Theorien ein. Immerhin mag sie, wie man auch über ihre Verwertbarkeit urteilen mag, die Berechtigung verdeutlichen, in der Untersuchung des Verhältnisses vom leiblichen und seelischen Geschehen die einzelnen Erscheinungen sorgfältig zu sondern.

Die Grundlage aller neueren Hypothesen über die Art des Zusammenhangs von Physischem und Psychischem bietet die erfahrungsmäßig erworbene und fortschreitend sich vertiefende Kenntnis von der Bedeutung des nervösen Systems für den Vollzug der seelischen Leistungen. Diese Einsicht, die sich nicht etwa auf ein bloß logisches Postulat gründet, sondern das Ergebnis tatsächlicher, mühsamer, auf das Experiment und die klinische Erfahrung gestützte Forschung ist, kann, soweit das bisher ermittelte Tatsachenmaterial allgemeinste Schlüsse gestattet, dahin ausgedrückt werden, daß die psychischen Funktionen an gewisse, in den körperlichen Systemen ablaufende Prozesse materieller Natur gebunden sind, insofern dieselben als eine notwendige Bedingung für ihr Auftreten anzusehen sind. Dieses Zuordnungsprinzip, dem man auch über den Kreis der bisher sichergestellten Beobachtungen hinaus wenigstens eine heuristische Gültigkeit nicht wird versagen können, hat zunächst eine rein methodische Bedeutung; es enthält an und für sich keine Entscheidung zugunsten irgendeiner metaphysischen Hypothese und es ist daher ein irreführender Sprachgebrauch, wenn man es als das Prinzip des psychophysischen Parallelismus bezeichnet. Eine Annahme freilich, die sich lange Zeit hindurch im wissenschaftlichen Denken erhalten hatte, ist dadurch ausgeschlossen und kann daher als für immer widerlegt angesehen werden. Gegenüber dem Nachweis, daß das seelische Leben an materielle Geschehnisse gebunden ist, welche sich über einen großen räumlichen Bezirk erstrecken und zugleich auf distinkte und voneinander unabhängige Stellen in demselben verteilen, läßt sich die Auffassung der Seele als einer raumlosen, einfachen, immateriellen Substanz wie DESCARTES ihren Begriff entwickelt hatte und wie LOTZE ihn in seinen früheren Schriften noch vertrat, nicht mehr aufrechterhalten. Damit ist aber natürlich nicht zugleich die allgemeine geschichtlich mit dieser besonderen Hypothese entstandene Vorstellung über das Verhältnis einer Wechselwirkung zwischen den seelischen und körperlichen Realitäten aufgehoben. So hat etwa LOTZE in seinen letzten Arbeiten (4) eine Möglichkeit ihres Zusammenhanges gezeigt, welche bei aller Anerkennung der erfahrungsgemäß ermittelten Tatsachen in Bezug auf die leibliche Begründung der geistigen Tätigkeiten dennoch die relative Selbständigkeit beider Gebiete und der zwischen ihnen noch immer denkbaren Formen gegenseitiger Einwirkungen bestehen läßt. Wenn die Spekulationen über einen punktförmigen Seelensitz durch die Fortschritte der Anatomie und Physiologie der Zentralorgane hinfällig geworden sind, so berechtigt das nicht, der Seele nunmehr geradezu in gewisser Hinsicht eine Räumlichkeit beizulegen und diese angebliche Erfahrungstatsache im Interesse parallelistischer Hypothesenbilden zu verwerten. (5) - Vielmehr lehren diese Erkenntnisse der eindringenden Forschung zunächst nur die allgemeine Frage enger zu fassen und in diejenige Unterfragen zu zerlegen, die erst eine präzise Formulierung ermöglichen und damit zugleich die Aussicht, sie ihrer Lösung entgegenzuführen, eröffnen. Denn das Eigentümliche der Beziehungen zwischen dem leiblichen und geistigen Geschehen gestattet oder erfordert vielmehr eine genauere Bestimmung im einzelnen.

Es gilt nun als ein wesentliches Merkmal der psychischen Realitäten, daß dieselben nicht in gleicher Weise wie die Körper als ausgedehnte Dinge im Raum anzusehen und anzutreffen sind. Wir können diesen Satz hier aufnehmen und, indem wir ihn ergänzen, zu einem Kriterium der schwebenden Frage fortbilden.

Alle naturwissenschaftliche Erfahrung über Gegenstände der Außenwelt, wozu auch der Organismus des Mitmenschen als Objekt der physiologischen Forschung gehört, ist an die vermittelnde Tätigkeit der Sinnesorgane dessen geknüpft, der diese Erfahrungen und Beobachtungen gemacht hat. Demgemäß untersteht die Untersuchung von Vorgängen, die sich in einem lebenden und empfindenden Individuum abspielen, denselben Bedingungen, wie die jeder Außenwirklichkeit; und auch für sie gilt der Satz, den wir nun schon bei den verschiedensten Wendungen hervorgehoben haben, daß die von ihr erkannten und aufgedeckten Sachverhalte erschlossen sind, sofern sie einen von mir unabhängigen und von meinen Erscheinungsbildern gesonderten Tatbestand darstellen. Daher ist zunächst das Psychische, was in den fremden Leibern als existent angenommen wird, im Prinzip nicht mehr oder minder hypothetisch als diese selbst; jedenfalls sind sie beide meiner unmittelbaren Erfahrung ewig unzugänglich. Gesetzt selbst, eine gelegentlich von SEASHORE vorgeschlagene Anordnung wäre durchführbar, nach welcher die bei verschiedenen Personen korrespondierenden Zellen der Hirnrinde, in denen die materiellen Korrelatvorgänge gewisser geistiger Erlebnisse verlaufen, miteinander unmittelbar verbunden seien, so daß eine direkte Übertragung der Endeffekte des eintreffenden Reizes möglich wäre, dann möchte es scheinen, als könne bei einem solchen gleichsam telepathischen Verkehr das fremde Gefühl in meine Eigenerfahrung eingehen. Aber streng genommen wird doch hier nicht der fremde Zustand als solcher von mit erfahren, vielmehr wird in mir nur ein jenem völlig gleicher erzeugt. Es ist phänomenologisch falsch, zu sagen, der gesehene Baum sei eine gemeinsames Erfahrungsprojekt für eine Mehrheit von Individuen; denn sehen können wir nur unter Vermittlung des Lichts, das nach optischen Gesetzen auf unserer Retina ein Bild erzeugt und dieses Netzhautbild ist, wenn wir, um ein vorläufiges Schema zu haben, von weiteren Modifikationen des Reizes absehen, das empfundene Sehding. Dein Netzhautbild kann nun aber immer nur in derselben Art wie dein Gefühl unter jenen hypothetischen Bedingungen mein Erfahrungsinhalt werden. Demgemäß hat die physiologische Forschung in der Auswahl der Konstruktionselemente, welche sie zur Erklärung des Lebens und der Lebenserscheinungen setzt, freie Bahn. Ließe es sich nun zeigen, daß für die Erfüllung dieses Zwecks die Annahme von Elementen und Bestimmungsstücken genügt, die als solche lediglich physikalisch oder chemisch definiert sind, könnte mit anderen Worten auch das, was wir als psychisches Leben in den fremden Leibern vermuten, nach den Gesetzen und in Abhängigkeit von der anorganischen Natur konstruiert werden, dann läge kein zureichender Grund mehr vor, das Psychische als eine besondere Art von Wirklichkeit dem materiellen Geschehen gegenüberzustellen. In demselben Sinn, in welchem gewisse chemische Prozesse in der Hirnrinde des Mitmenschen objektiv vorfindbar sind, sind es dann auch die Gefühle und Gedanken, die sich mit jenen verknüpfen. Wir hätten dann das Recht, den beseelten Körper als eine Wirklichkeit zu bezeichnen, zu deren wesentlichen, wennschon nicht einzigen Bestimmungen die physikalischen und chemischen Eigenschaften gehören. Und ich wüßte nicht, wodurch sich eine solche Erklärungsweise von einem Materialismus unterscheidet. Denn über die Tatsache, daß es in diesem Fall doch die physikalischen und chemischen Gesetze sind, welche die seelischen Vorgänge in einem Organismus bestimmen und nicht umgekehrt, hilft keine idealistische oder phänomenologische Anschauung hinweg, die in der erscheinenden Körperlichkeit nur ein verborgenes Seelisches sieht. Und andererseits ist mit der streng materialistischen Grundauffassung die Annahme der Existenz von Phänomenen, die auch andere als mechanische oder räumliche Eigenschaften aufweisen, durchaus verträglich, solange nur eine eindeutige Zuordnung der letzteren zu den materiellen Elementen oder ihren Verbindungen oder ihren Äußerungen gewahrt bleibt.

Nun scheint es aber, daß eine solche Auffassung und Darstellung und Ableitung des seelischen Lebens aus den Gesetzen des körperlichen Geschehens nicht nur zurzeit, sondern überhaupt ausgeschlossen ist. Und zwar gründet sich ihre Ablehnung nicht auf irgendeine apriorische Überlegung über die Unlöslichkeit von Welträtseln. Ein Versuch, das Geistige, wie es unter den Bedingungen des Naturganzen hervortritt, aus diesen Bedingungen zu erklären, d. h. dem Naturganzen gesetzmäßig einzuordnen, enthält so wenig eine innere Denkunmöglichkeit wie die chemische Wissenschaft, die auch in den Eigenschaften der Verbindung die Entstehung eines Neuen hinnehmen muß, ohne dieselbe durchsichtig machen zu können. Vielmehr sind es ausschließlich die erfahrungsgemäß ermittelten Unterschiede beider Klassen von Erscheinungen, die besondere Art von Unvergleichlichkeit, die zwischen seelischen und körperlichen Vorgängen besteht, welche eine Unterordnung des seeelischen Lebens unter den erkannten Zusammenhang der Natur nicht als durchführbar erscheinen läßt. Wir lassen hier dahingestellt, welches die Eigentümlichkeiten sind, vermöge deren die Tatsachen des Geistes nicht als Eigenschaften oder Seiten der Materie aufgefaßt werden können; es sind dieselben, welche die Auflösung des geistigen Lebens in eine psychische Atomistik, wie sie etwa MÜNSTERBERG als logisches Ideal der wissenschaftlichen Psychologie entworfen, wie sie etwa JAMES (6) als  Mind-Stuff- Theorie gezeichnet und verworfen hat, unwahrscheinlich machen; denn mit der Reduktion des Seelischen auf ein System von Gleichförmigkeiten konstanter Elemente steht und fällt die Möglichkeit einer strengen Parallelität von Physischem und Psychischem. Wir lassen auch dahingestellt, ob aufgrund dieser Einsicht die Beziehung zwischen den psychischen Erlebnissen und den materiellen Prozessen, die andererseits eine notwendige, wennschon nicht allein hinreichende Bedingung ihres Auftretens bilden, zu denken ist. Für uns ist nur die Stellung der Empfindungen von Bedeutung, die ihnen in dem Zusammenhang dieser beiden Arten von Wirklichkeiten zukommen. Zeigen auch die Qualitäten ein derartiges Moment des Eigentümlichen, daß ihre Ausschließung aus dem Naturgeschehen erfordert? Weisen auch sie einen spezifischen Charakter auf, der nun zwingend verbietet, sie als Seiten oder Eigenschaften oder Parallelphänomene der Materie oder gewisser materieller Vorgänge zu denken. Kann die Psychophysik oder die Physiologie der Sinne es in der Tat wahrscheinlich machen, daß eine restlose Darstellung der Empfindungsinhalte und der in ihrer Koexistenz und Sukzession beobachtbaren Regelmäßigkeiten durch Gesetze des materiellen Geschehens wenigstens im Bereich der Zukunft liegt, dann ist mit den Mitteln, die zur Zeit zur Verfügung stehen, und innerhalb der Grenzen, in denen sie verwendet werden dürfen, der Nachweis ihrer Objektivität, d. h. ihre Zugehörigkeit zur physischen Natur gebracht. Denn unter dieser Voraussetzung ist nun weiter der Schluß auf die Existenz von unseren Sinnesinhalten analogen Qualitäten auch auf dem Gebiet der anorganischen Natur soweit erlaubt, als die Ähnlichkeit der mechanischen Vorgänge in dieser mit den Prozessen, an welche Empfindungen innerhalb der Organismuen geknüpft sind, reicht.

Verstehen wir unter dem mechanischen Korrelat der Sinnesdaten diejenigen physischen Vorgänge, denen sie eindeutig zugeordnet werden können, so daß alle Bestimmungen, welche diesen zukommen, auch dieser eigen sind und durch sie vollständig angegeben werden können - mögen es nun Schwingungen oder Lageveränderungen von Atomen oder Atomverbindungen, chemische Zerfall- oder Aufbauprozesse oder elektrische Strömungen sein - so kann es als eine im ganzen zugestandene Annahme der physiologischen Forschung angesehen werden, daß solche Vorgänge existieren, daß sie von der fortschreitenden Untersuchung allmählich aufgedeckt werden können. Diese Voraussetzung, die oft im mißverständlichen Prinzip eines psychophysischen Parallelismus ihren Ausdruck findet, ist keineswegs so selbstverständlich und nicht einmal in dem Maße erforderlich, wie es zunächst erscheint. Vielmehr muß in Erwägung aller denkbaren Möglichkeiten betont werden, daß der Tatbestand, soweit er bisher bekannt ist, auch noch andere Interpretationen gestattet. So könnte auch die Vermutung verteidigt werden, daß vielleicht weniger ein bestimmter eng abgegrenzter materieller Prozeß als vielmehr ein ganz Inbegriff von Vorgängen, von der Reizung des peripheren Organs bis zur Erregung der zentralen Sinnesflächen, als die notwendige Vorbedingung für das Auftreten der Sinnesbedingung aufzufassen sei, daß diese sich mithin abhängig von Bestimmtheiten und Veränderungen erweist, die im körperlichen System auf verschiedene Stellen verteilt sind. Die von MÜNSTERBERG entworfene Aktionstheorie (7) bewegt sich etwa in der Richtung dieser Auffassung. Nach ihr ist zwar die physiologisch sensorische Erregung ansich überhaupt nicht von psychischen Vorgängen begleitet, sondern sie wird erst psychophysisch beim Übergang der Erregung von der sensorischen Endstation in den motorischen Apparat. Aber wenn auch so die psychischen Elemente einem genau umgrenzten Vorgang im Gebiet der Hirnrinde zugeordnet werden, so reicht doch dieser Prozeß allein nicht zur vollständigen Charakterstik seines psychischen Korrelates hin, vielmehr wird die Qualität ausdrücklich von der räumlichen Lage der Entladungsbahn, die Lebhaftigkeit der Empfindung von der Stärke der Entladung abhängig gesetzt. Hier werden die verschiedenen Momente der Empfindung, die uns immer nur als ein Ganzes und Unlösliches gegeben ist, zu streng voneinander getrennten und verschiedenen Bedingungsgruppen in Beziehung gebracht; erst deren Gesamtheit bildet ihre vollständige materielle Grundlage. Nun ist richtig, daß die Zerlegung sich noch innerhalb der Grenzen bewegt, in denen die tatsächliche Analyse an den psychischen Phänomenen der Empfindung unterscheidbare Merkmale antrifft. Wenn es zur Bedingung unserer Sinnlichkeit gehört, daß die Empfindungsinhalte, die Empfindungen im strengen Sinne des Wortes, immer mit Momenten verbunden auftreten, deren Verschwinden auch das Verschwinden der Empfindung zur Folge hat, dann mag es immerhin verständlich erscheinen, daß diese Momente, wie sie unabhängig voneinander variabel sind, auch an verschiedene, etwa räumlich nacheinander gelegte Vorgänge gebunden sind. Aber offenbar kann der zugrunde liegende Gedanken nun auch auf die Qualität der Empfindungen selbst angewandt werden; auch für sie ist es denkbar und jedenfalls nicht von vornherein ausgeschlossen, daß sie, obschon in der inneren Erfahrung ein schlechthin Einfaches, vom Zusammenwirken einer Mehrheit von Faktoren abhängig ist, die eine Bedingungsgesamtheit für sie formieren. Der Schluß aus dem psychisch Einfachen auf das physisch Einfache ist mehrdeutig und stets mit einem hohen Maß von Unsicherheit behaftet. Es ist möglich, daß es unmittelbare oder einfache Substrate der Sinnesempfindungen überhaupt nicht gibt.

Immerhin sind diese Bedenken, zur Zeit wenigstens, beim Mangel aller positiven Theorien, die auf sie eingehen, gegenstandslos und so können auch wir von einer Diskussion ihrer naturphilosophischen Konsequenzen absehen. Bedeutsamer aber ist ein anderer Einwand, der sich grundsätzlich gegen die Annahme eines mechanischen Korrelates der Empfindungen richten läßt und gerichtet worden ist. Er entspringt einer Auffassung von der Bedeutung der Funktionen unseres nervösen Systems, die unter dem Namen der Lehre von den spezifischen Energien entwickelt worden ist. Nach ihrer ursprünglichen extremsten Fassung, wie sie zuerst JOHANNES MÜLLER gegeben hat, ist "die Sinnesempfindung nicht die Leitung einer Qualität oder eines Zustandes der äußeren Körper zum Bewußtsein, sondern die Leitung einer Qualität, eines Zustandes, eines Sinnesnerven zum Bewußtsein, veranlaßt durch eine äußere Ursache und diese Qualitäten sind in den verschiedenen Sinnesnerven verschieden, die Sinnesenergien." (8) In den Empfindungen sind uns so "nicht die Wahrheiten der äußeren Dinge, sondern die realen Qualitäten unserer Sinne" gegeben, daher man auch geradezu sagen kann, daß "das Nervenmark hier nur sich selbst leuchtet, dort sich selbst tönt, hier sich selbst fühlt, dort sich selbst riecht und schmeckt."

Und zwar muß diese Erklärung MÜLLERs genau in dem Sinne verstanden werden, den ihr Wortlaut anzunehmen zwingt. Denn abgesehen davon, daß ähnliche Formulierungen an verschiedenen Stellen seiner verschiedenen Werke wiederkehren, hat er auch ausdrücklich gegen eine Interpretation Stellung genommen, die den Tatsachen, auf welche sich die Lehre der spezifischen Energien stützt, eine andere Deutung gibt. Daß die empfundenen Qualitäten zunächst innerhalb des empfindenden Körpers zu lokalisieren sind, daß sie auch durch Ursachen ausgelöst werden können, die ihnen unvergleichbar sind, hatten bereits die großen Denker des 17. Jahrhunderts ausgesprochen, war Gemeingut der physiologischen Einsichten der Zeitgenossen von MÜLLER. So hat vor allem PURKINJE in seinen genialen Analysen der Licht- und Farbenerscheinungen insbesondere auch die Abhängigkeit ihrer Entstehung von mechanischen, elektrischen und organischen Reizen untersucht. Aber nach ihm ist doch auch in diesen Fällen ein adäquater Reiz nachweisbar: eine mechanische Einwirkung setzt, so z. B. das Auge "in eine intime oszillatorische Bewegung. Das nun bei diese Oszillationen teils im Nervenmark des Auges selbst, teils in der nächsten Umgebung entwickelte Licht wird empfindbar." (9) Gegen eine solche Auffassung, welche mit einer Annahme der Objektivität der Qualitäten durchaus verträglich ist, richtet sich nun gerade die Lehre von spezifischen Sinnesenergien. Indem sie vielmehr postuliert, daß den Sinnesnerven "gewisse unräumliche Kräfte oder Qualitäten" innewohnen, "welche durch die Empfindungsursachen nur angeregt und zur Erscheinung gebracht werden", (10) rückt sie damit sowohl die "Energien des Lichten, Dunklen, Farbigen", die Nerven, als deren Erzeugnisse oder immanente Eigenschaften diese Kräfte anzusehen sind, aus dem Zusammenhang des mechanischen Systems heraus, als welches sich die übrige anorganische Natur der wissenschaftlichen Denkweise darstellt. Vom Verhältnis der Empfindungen zu materiellen, eindeutig bestimmten Prozessen als ihrem mechanischen Korrelat, ist auf diesem Standpukt nicht mehr zu reden möglich. Bezeichnet doch MÜLLER geradezu die von ihm eingeführten spezifischen Sinnesenergien als "Energien im Sinne des ARISTOTELES." (11)

Nun dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß diese Nervenenergien für die mechanische Naturerklärung ein Mysterium sind. Werden den Sinnesnerven spezifische Kräfte beigelegt, die, da sie sich in der spezifischen Empfindung erschöpfen, physiologisch oder allgemein mechanisch nicht zu beschreiben sind, dann können diese Nerven und ihre Funktionen niemals mit den Mitteln der mechanischen Naturforschung dargestellt und erklärt werden. Das Wort  Energie  ist ein Name für einen uns vollkommen undurchsichtigen und unbegreiflichen Effekt. Es ist ersichtlich, daß mit dieser Voraussetzung eine bedenkliche Einschränkung der mechanischen Naturbetrachtung gefordert wird, wer sie befürwortet, kann, streng genommen, überhaupt nicht mehr das mechanische Weltbild in dem Sinne gelten lassen, wie es in den Theorien der Physik und Chemie zum Ausdruck gebracht ist. Vielmehr liegt, wenn die bei MÜLLER nicht zur Klarheit gekommene Bedeutung dessen, was in seiner Lehre von den spezifischen Sinnesenergien an prinzipiellen Grundgedanken enthalten ist, allgemein entwickelt wird, die Möglichkeit einer Aussöhnung mit dem exakten Denken nur auf dem Wege jener qualitativen Energetik, wie sie vor allem von OSTWALD ausgebildet ist. Bedient man sich aber dieses Ausweges, um den Begriff einer Sinnesenergie im Verstand MÜLLERs zu retten, so fällt, wie ausgeführt, die Nötigung fort, in Bezug auf die übrige Natur an der Forderung einer qualitätslosen Beschaffenheit festzuhalten. Gibt man jedoch andererseits die Berechtigung der mechanischen Naturerklärung zu, dann ist die Annahme spezifischer, mechanisch nicht zu definierender Kräfte, dieses Residuum einer gleichsam hylozoistischen Auffassungsweise [daß das Leben eine Eigenschaft von Materie ist - wp], unhaltbar. Daher war es durchaus folgerichtig, wenn LOTZE gegenüber MÜLLERs dunklem Begriff von Energie darauf bestand, daß das Problem derselben lediglich eine rein physiologische Bedeutung habe. "Empfindungen sind nie Leistungen eines Nerven oder eines Zentralorgans, sondern der Seele; niemals darf sich daher mit dem Namen von spezifischen Energien der Nebengedanke verbinden, als läge es in der Natur des Nerven und seinem Eigensinn, daß er beständig Licht und Schall empfinde. Einer weiteren Kritik kann nur der bestimmter ausgedrückte Satz unterzogen werden, daß jeder Nerv, welches auch immer die Reize gewesen sein mögen, die auf ihn einwirkten, stets nur in eine ihm ausschließlich eigene Klasse physischer Zustände versetzt werden und demgemäß auch der Seele stets nur Impulse zur Erzeugung einer einzigen Klasse von Empfindungen mitteilen kann." (12) Sieht man von der in diesen Worten angedeuteten Stellung und Tätigkeit der Seele ab, so kann füglich nicht bestritten werden, daß hier genau der Punkt angegeben ist, wo die vom Geist der mechanischen Denkweise geleitete Physiologie, welche keine Einführung geheimnisvoller Kraftprinzipien gestattet, sich von einer mehr mystischen Naturbetrachtung trennt. In der Tat muß, wenn überhaupt den Nerven eine spezifische Leistung zugeschrieben werden soll, dieselbe schon in rein physiologischer Hinsicht spezifisch sein, die Tatsache, daß die materiellen Vorgänge in unseren nervösen Organen unter gewissen Bedingungen von Empfindungen begleitet sind, ist für die physiologische Forschung irrelevant; die Empfindungen fungieren für sie nur als Zeichen für das Eintreten bestimmter, anderweitig, d. h. mit unseren Mitteln direkt nicht beobachtbarer Effekte, für die aber der Umstand, daß auch ein anderes mechanisch oder chemisch nicht Definierbares sie begleitet, kein Merkmal, am wenigsten das unterscheidende Merkmal abgibt. Vielmehr muß die Spezifikation der Leistung schon auf dem rein materiellen Gebiet erkennbar sein. In diesem Sinn ist dann auch die physiologische Forschung über JOHANNES MÜLLER fortgeschritten. Es mag befremdlich erscheinen, daß das Bewußtsein von der grundsätzlichen Verschiedenheit der Auffassung, von welcher MÜLLERs Lehre von den spezifischen Sinnesenergien beherrscht wird und der Erweiterung, die sich durch HELMHOLTZ gefunden hat, so spät erst hervorgetreten ist: daß etwa die Resonanztheorie im schärfsten Gegensatz zur Lehre steht, als dessen Betätigung oder Durchführung im besonderen sie zunächst und auch von HELMHOLTZ angesehen wurde, kann gegenwärtig kaum noch einem Zweifel unterliegen. (13) Was in ihr als spezifische Energie für die einzelnen Tonempfindungen erscheint, ist nicht mehr irgendeine geheimnisvolle Kraft der sensiblen Fasern des Akustikus, eine "Energie im Sinne des ARISTOTELES", sondern lediglich die physikalische Gesetzmäßigkeit des Systems von Saiten, dem die Basilarmembran äquivalent gesetzt werden kann, von den auftretenden Schallwellen nur diejenigen aufzunehmen und auf sie durch Mitschwingen zu reagieren, für die sie abgestimmt sind. Die spezifische Energie jeder Schneckenfaser ist somit die ihr eigene, mechanisch zu ermittelnde und bestimmende Schwingungsdauer, durch welche nach physikalischen Gesetzen die Zerlegung der Gesamtwelle in Sinusschwingungen verständlich und die Klangzerlegung durch das Ohr erklärlich wird. Und wenn es auch vielleicht fraglich ist, ob die Verhältnisse der Schnecke und vor allem die Dimensionen und die zarten Gewebe-Eigenschaften der in Betracht kommenden Teile die Übertragung dieser bestimmten Gesetzmäßigkeit einer physikalischen Resonanz gestatten, so scheint doch in den HELMHOLTZschen Arbeiten der Weg vorgezeichnet, den die Physiologie, wenn sie die dunklen Vorstellungen von Energie und die mit ihr gegebene vitalistische Anschauungsweise zur Klarheit zu erheben bestrebt ist, allein gehen kann. In diesem Sinne wird man HERING (14) und ROSENTHAL (15) durchaus zustimmen müssen, wenn sie den Begriff der Energie so erweitern, daß unter ihnen schließich jede Beschaffenheit unserer Organe fällt, vermöge deren sie zu spezifischen Leistungen befähigt sind. In der Sinnesphysiologie bedeutet daher die Erklärung durch spezifische Energien nur einen Notbehelf durch Symbole, welche an sich keine rätselhaften Kraftformen einführen, sondern nur die Fixierung materieller Verhältnisse enthalten, die zunächst unserer Kenntnis nicht zugänglich sind. Wird das im Begriff der "Energie" ausgesprochene Postulat erfüllt gedacht, wird, wie in der HELMHOLTZschen Hypothese von der Schneckenklaviatur im Ohr, eine bestimmte physikalisch faßbare Vorstellung der geforderten materiellen Beschaffenheiten dargeboten, dann fällt die Notwendigkeit, noch von bestimmten Energien zu reden. Dieselben sind bei diesem fortgeschrittenen Stand der Einsichten entbehrlich und überflüssig. An die Stelle der Lehre von den spezifischen Sinnesenergien tritt dann, wie WEINMANN treffend bemerkt, (16) die Lehre von der spezifischen Struktur der physiologischen Träger der Empfindung.
LITERATUR - Max Frischeisen-Köhler, Die Realität der sinnlichen Erscheinungen, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 6, Leipzig 1907
    Anmerkungen
    1) NAGEL, Handbuch der Physiologie, III, Seite 271
    2) HUGO MÜNSTERBERG, Grundzüge der Psychologie I, Seite 514f
    3) WILHELM WUNDT, Logik II, 2. Auflage, Seite 258
    4) RENE DESCARTES, Metaphysik, Seite 574f
    5) Vgl. z. B. EBBINGHAUS, Psychologie I, §3. Auch MÜNSTERBERG, Psychologie I, Seite 258, betont, daß dem Psychischen in demselben Sinne, in welchem ihm Zeitbestimmungen zukommen, auch Raumwerte eigen sind.
    6) WILLIAM JAMES, Principles of Psychology I, Seite 150f
    7) HUGO MÜNSTERBERG, Grundzüge der Psychologie I, Kapitel 15
    8) JOHANNES MÜLLER, Handbuch der Physiologie II, Seite 254
    9) PURKINJE, Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes, 1826, Seite 50
    10) JOHANNES MÜLLER, Handbuch der Physiologie II, Seite 180
    11) JOHANNES MÜLLER, Handbuch der Physiologie II, Seite 255
    12) HERMANN LOTZE, Medizinische Psychologie, Seite 185
    13) Den Nachweis haben vor allem WEINMANN, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895 und Schwarz, Das Wahrnehmungsproblem usw., gebracht. In derselben Richtung auch DESSOIR, Über den Hautsinn, Archiv für Anatomie und Physiologie, Physiologische Abteilung, 1892, Seite 175f
    14) HERING in Lotos, Neue Folge, Heft 5, 1884
    15) ROSENTHAL, Biologisches Zentralblatt, Heft 4, 1885
    16) WEINMANN, Die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien, 1895, Seite 57f