p-4 Theodor ZiehenAdolf Lasson    
 
MAX OFFNER
Das Gedächtnis
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"Je höher organisiert somit ein Sinnesorgan ist, je feiner seine Unterscheidungsfähigkeit, je reicher die Fülle der von ihm verschafften Eindrücke, umso besser ist sein Gedächtnis, umso zahlreicher, umso treuer, umso dauerhafter sind seine reproduzierten Inhalte."

II. Empfindung und Vorstellung

Wir betonten schon, daß wir kaum in die Lage kommen, Vorstellungsinhalte und Wahrnehmungsinhalte zu verwechseln. Eine vorgestellte Frucht wird von einer gesehenen, getasteten, gekosteten Frucht ohne Besinnen sofort und sicher unterschieden. Und ebenso wenig können wir normalerweise ein vorgestelltes Rot mit einem empfundenen, wirklich gesehenen Rot verwechseln. Der Unterschied springt sofort ins Auge.

Versuchen wir es, ihn genauer festzuhalten, so zeigt sich zunächst eine starke  Verschiedenheit in der Intensität und Lebhaftigkeit.  Das Rot einer Rose, die ich vor mir sehe, ist viel lebhafter, frischer, als das Rot eben dieser Rose, wenn ich sie mir, nachdem die Möglichkeit eines Nachbildes nicht mehr gegeben ist, mit weggewendetem oder geschlossenem Auge wieder vorstelle. Blicke ich auf einen anderen Gegenstand und stelle ich mir die Rose gleichzeitig vor, so gelingt es nicht selten, auf oder vor jenem Gegenstand das äußerst schwach gefärbte Bild der Rose eigentümlich luftig und schattenhaft, wie einen durchsichtigen Schemen zu entdecken. Und schließe ich die Augen, so habe ich in dem schwarzen Gesichtsfeld ebenfalls ein Bild der Rose, ein deutlicheres, schärfer umrissenes, etwas lebhafter gefärbtes, aber immerhin noch weit unter der Farbenfrische der wahrgenommenen Rose, annähernd so, wie sich ein farbiger Gegenstand im Schwarzspiegel zeigt. Und in diesem zwar lichtlosen, aber nicht farblosen Bild sind nicht nur die verschiedenen allerdings meist stark getrübten Farben wenigstens bei leicht unterscheidbaren Abstufungen nebeneinander festgehalten, sondern auch die stärkeren Helligkeitsunterschiede unter Wahrung zwar nicht der ursprünglichen Abstände, wohl aber des Verhältnisses dieser Helligkeitsstufen, wie in tiefem Schatten. Denn die Zahl der unterscheidbaren Abstufungen der Farben wie der Töne und noch mehr der Helligkeit und der Tonstärke ist in der Vorstellung sehr beschränkt. Wohl ist es richtig, wenn LOTZE sagt: "Die vorgestellte Sonne leuchtet nicht und die vorgestellte Glut tausender von Wärmestrahlen wärmt nicht; das letzte Fünkchen eines verglimmenden Streichhölzchens leistet in beiden Beziehungen weit mehr." Aber dieser Unterschied läßt sich - und das beweist, daß er doch nur ein Intensitätsunterschied ist - durch Abschwächung der Empfindung, durch Abschwächung des Reizes verschwinden machen, so daß der Beobachter schließlich zweifelhaft wird, ob er einen Empfindungsinhalt vor sich hat oder einen Vorstellungsinhalt. Das zeigte KÜLPE mit schwachen optischen Reizen, STUMPF mit den Tönen der Äolsharfe. Ich kann es mir nicht versagen, das von STUMPF berichtete köstliche Beispiel wiederzugeben. "Vom früheren Musikdirektor F. in Würzburg erzählt man sich, daß ihm die Hornisten an einer gewissen Stelle seiner Symphonie nicht leise genug blasen konnten, sie sie endlich in ihren Verzweiflung das Instrument nur an den Mund setzten, ohne zu blasen, worauf er ausrief: "So ist es recht, meine Herren, nun bleiben Sie auch dabei!" Die Intensität der Vorstellungen erhebt sich also für gewöhnlich nur wenig über die Bewußtseinsschwelle; darum leuchtet auch die vorgestellte Sonne nicht. Und da die Empfindungen und Wahrnehmungen im normalen Wachleben meist hoch über dieser stehen - die eben angeführten Beispiele, wie die Träume und Halluzinationen, die eine Verwechslung zwischen Empfindung und Vorstellung zeigen und damit die Möglichkeit einer Aufhebung des Unterschieds zwischen beiden erweisen, sind ja relativ selten -, so bildet die Ungleichheit der Intensität ein selten versagendes Unterscheidungsmittel. Und für einfache nicht zusammengesetzte Inhalte wenigstens kann man mit ARISTOTELES, BERKELEY, HUME, HARTLEY, BENEKE, MACH, SEMON u. a. in der geringeren Intensität, die sich mit MEINONG auf die geringere Intensität des Vorstellungsaktes gegenüber dem Empfindungsakt zurückführen läßt, das wichtigste Charakteristikum der Vorstellung erblicken. Ein formaler Unterschied ist die auffallende  Unbeständigkeit und Flüchtigkeit  der Vorstellungsinhalte. Eine gesehene Farbe bleibt sich gleich, solange ich sie sehe, ein gehörter Ton, solange ich ihn höre, dank der Beständigkeit des äußeren Gegenstandes, dessen Wirkung auf die Sinne ich mich in vielen Fällen, selbst wenn ich es wünsche, nicht entziehen kann. Aber eine vorgestellte Farbe verschwimmt rasch und ebenso rasch wird ein vorgestellter Ton unsicher, selbst wenn ich mich bemühe, ihn festzuhalten. Und noch rascher, wenn ich das nicht versuche. Er kommt nicht selten auch wieder und verschwindet aufs neue.

Dieses Schwächerwerden und Abnehmen, diese Verdunkelung, trifft die einen Inhalte mehr, die anderen weniger. Die fester eingeprägten Elemente halten länger stand, als die schwächer eingeprägten desselben Sinnesgebietes. Und wiederum sind die verschiedenen Spezialgedächtnisse verschieden in ihrer Dauerhaftigkeit. So ist es selbstverständlich, daß zusammengesetzte Vorstellungsinhalte, Vorstellungskomplexe, im Vergleich zu den durch die Fortdauer der Reize fest zusammengehaltenen Empfindungskomplexen etwas Zerflatterndes an sich haben und auch, wenn sie durch oftmalige Wiederkehr zu relativ festen Komplexen geworden sind,  fragmentarisch, lückenhaft und viel ärmer an unterscheidbaren Merkmalen  sind, nicht zu gedenken der Ungleichheiten, die sich bei der Reproduktion jeweils aus den Ungleichheiten der Reproduktionsbedingungen ergeben. Allerdings werden sie nicht selten auch reicher durch unbewußte Ausfüllung unvermerkt entstandener Lücken aus dem Erinnerungsschatz (Erinnerungsassimilation, MEUMANN). Wenngleich eine Neigung besteht bei der Reproduktion von Reihen, besonders von Melodien, die ursprüngliche Zeitdauer der einzelnen Inhalte, das Tempo oder doch wenigstens die Proportion der Zeiten der einzelnen Teilstücke ebenso wie die Proportion der Intensität der Töne und der Helligkeiten festzuhalten und bei der Reproduktion gesehener Gegenstände die ursprüngliche Größe, die es am häufigsten oder bei der eindrucksvollsten Gelegenheit im Gesichtsfeld zeigte, oder doch wenigstens die Proportion seiner Teile wie die der Helligkeiten zu wahren (vgl. SEMONs Proportionssatz), so läßt sich doch trotz dieser Tendenz willkürlich diese Proportionalität oder Gestaltqualität, wie sie in dieser Beziehung auch genannt wird, auflösen, indem die einen Bestandteile länger, die anderen kürzer im Bewußtsein festgehalten oder die einen vergrößert, die anderen verkleinert werden. Und nicht minder leicht läßt sich der Zusammenhang beliebig ändern. Ein Komplex kann zerlegt und in neuer Ordnung zusammengefügt werden, die räumliche und zeitliche Reihenfolge geändert werden, wie es besonders durch die Phantasietätigkeit geschieht. Derartige Manipulationen sind aber bei Empfindungs- und Wahrnehmungsinhalten nicht möglich. Sie bilden feste, von unserem Willen unabhängige Komplexe und Komplex-Gruppen.

Nicht zu vergessen ist auch, daß jede Empfindung und Wahrnehmung von neben dem spezifischen Inhalt gehenden Empfindungsinhalten vornehmlich taktiler und kinästhetischer [die Bewegungsrichtung betreffend, wp] Art in den peripheren Sinnesorganen, im Auge, im Ohr, auf Zunge und Gaumen, in der Nase, unter Umständen in den Gelenken und Muskeln begleitet ist und daß diese Begleitvorgänge ihre Wirkung ausüben, auch wo sie nicht beachtet werden. Diese fehlen selbstverständlich bei den Vorstellungen, JODL für den allein entscheidenden Unterschied ansieht. LOTZE und ähnlich BERGSON gehen sogar so weit, infolge der Abwesenheit des aus jenen peripheren Vorgängen folgenden, die Empfindungen charakterisierenden Gefühles des Ergriffenseins zu vermuten, daß die Vorstellungen rein seelische Vorgänge seien, die ohne jegliche Mitwirkung des Körpers zustande kommen, während bei den Empfindungen und Wahrnehmungen diese Mitwirkung unerläßlich sei. Auch neuere Psychologen (so CORNELIUS, PFÄNDER, WITASEK, ZIEHEN) halten es wie schon LOCKE, REID, MEYNERT für wahrscheinlich, daß das Wahrnehmen und Empfinden als solches abgesehen von den zugehörigen und nebenherlaufenden Inhalten als Bewußtseinserlebnis nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verschieden ist vom Vorstellen, daß das Vorstellen eine ganz andere Art des Wissens um die Inhalte ist, als das Empfinden und Wahrnehmen, wobei beide Arten, das Vorstellen wie das Empfinden, jeweils von Fall zu Fall verschiedene Grade der Intensität aufweisen können.

Aber trotz allem, die Ähnlichkeit zwischen Empfindungs- und Wahrnehmungsinhalt und Vorstellungsinhalt ist unbestreitbar. Bei Betonung dieser Ähnlichkeit erscheinen die Vorstellungsinhalte als Ebenbilder, bei Betonung der Unterschiede dagegen nur als Vertreter oder Symbole der Empfindungs- und Wahrnehmungsinhalte (CORNELIUS: symbolische Funktion der Vorstellung).

In Erinnerung daran, daß jeder Vorstellung eine Empfindung oder Wahrnehmung vorausgegangen ist, als deren Abbild oder Symbol sie betrachtet wird, kann man sie auch deren  Reproduktion  nennen, so wie wir die Photographie eines Gemäldes eine Reproduktion desselben nennen. Genau genommen ist jedoch das Vorstellen kein Re-produzieren, kein Neu-erzeugen, kein Wiederhervorbringen desselben Empfindungs- oder Wahrnehmungsinhaltes. Die Vorstellung ist vielmehr ein eigenartiger neuer Vorgang, jenem ersten freilich mehr oder weniger ähnlich. Ebenso wenig ist das Vorstellen ein Wiederheraufkommen eines einstmals erworbenen Inhaltes oder eines in der Seele einst hervorgerufenen Vorgangs, der auf irgendeine unbegreifliche Weise als stetig aufstrebende Kraft - fast wie zu einem Ding verdichtet - unverändert eine Zeit lang ein unbemerktes Dasein führt unterhalb oder außerhalb des Bewußtseins d. h. unter der Bewußtseinsschwelle (HERBART) oder als unbemerkter, aber perzipierter Mitinhalt (CORNELIUS, J. MÜLLER) oder endlich als schwache Erregung in der Gehirnrinde (HOBBES, RICHET, WRESCHNER) fortdauert, - wie etwa bei Gegenständen, die mit Phosphor bestrichen sind, die Fähigkeit zu leuchten, wenn sie einmal dem Sonnenlicht ausgesetzt waren (LUYS), - und unter gewissen wieder auftaucht, ein und dasselbe Individuum jetzt wie zuvor, gleich der Taube, um ein Bild PLATOs zu gebrauchen, die wir in den Taubenschlag hineinfligen und nach einiger Zeit wieder herausfliegen sehen (Identitätstheorie). Solche fortdauernden Erregungen, die in unübersehbarer Zahl Tag für Tag wachsen und neben den anderen Bewußtseinsvorgängen noch in ununterbrochenem Strom hergehen würden, müßten bald ein Quantum psychophysischer Energie erfordern, das keine Ruhe, keine Nahrung mehr schaffen könnte.  Empfindungen und Wahrnehmungen sind einmalige Vorgänge in der Psyche wie die Vorstellungen,  keine dauernden Dinge oder Vorgänge, gleichviel welcher Art. Auch mit dem Wort Inhalt, welcher die im Bewußtsein liegende Seite des Vorgangs bezeichnet, ist doch nur ein vorübergehender Vorgang, eben ein Bewußtseinsvorgang, bezeichnet. Und wenn der aus mehreren Teilinhalten bestehende komplexe Inhalt "Tisch" gegeben ist, so haben wir es eben mit mehreren gleichzeitigen, vielleicht annähernd gleichstarken Vorgängen zu tun. Sind diese Vorgänge abgelaufen, dann sind sie vorbei und abgeschlossen für immer. Dementsprechend ist auch das zweitmalige Vorstellen wie jedes spätere wiederholte Vorstellen des gleichen Inhaltes immer wieder ein neuer Prozeß, als genau genommen ein neuer Inhalt, selbst, was eigentlich nie eintreten kann, bei vollkommener qualitativer Identität oder absoluter Gleichheit.

Und ebenso wie diese Vorstellungen und Empfindungen im Psychischen als Vorgänge zu betrachten sind, ebenso kann es sich auf der  physischen Seite nur um Vorgänge  handeln,  in der Großhirnrinde  und zwar, wie die Ausfallserscheinungen und die Tierexperimente zeigen, in eher weniger deutlich abgrenzbaren Gebieten der Rinde. Aber so zweifellos trotz STIEDAS Bedenken den verschiedenen Sinnesorganen und Muskelgruppen und Gliedern bestimmte Zentren in der Großhirnrinde zugeordnet sind, so daß von der Unverletztheit dieser die Tätigkeit jener abhängt, so umstritten ist es, ob die den Empfindungen und Wahrnehmungen zugeordneten physiologischen Vorgänge an anderen Stellen des Großhirnmantels sich abspielen wie die den Vorstellungen parallel gehenden. Wer die Ähnlichkeit der Empfindungs- und der Vorstellungsinhalte für das Wichtigste hält, der läßt die entsprechenden Gehirnprozesse sich an identischen Stellen abspielen (VERWORN, FLECHSIG). Wer dagegen die Unterschiede mehr betont, wer die beiden Funktionen nicht nur unterscheidet, sondern auch scheidet, der ist geneigt, ihnen auch getrennte Stellen in der Großhirnrinde zuzuweisen (ZIEHEN, CORNELIUS, HORWICZ). Indessen liegt es näher, qualitativ sich so nahestehende Vorgänge jedesmal an eben derselben, d. h. an identischen Stelle der Psyche im bildlichen Sinn bzw. des Großhirns im eigentlichen Sinn zu vermuten als an zwei Stellen, unterschieden sie sich auch nur wie zwei Stockwerke. Der Art nach gleiche Prozesse im gleichen Organismus sind doch auch als funktionell gleich zu betrachten d. h. als gleichartige Betätigungen oder Funktionen desselben Organes. So oft ich einen bestimmten Ton singe, sind es der Hauptsache nach immer dieselben Muskeln, die ich in Tätigkeit versetze. Und was beim Singen billig ist, das ist, dünkt uns, beim Vorstellen recht. Und daß die für die Trennung sprechenden pathologischen Tatsachen auch eine andere Deutung zulassen, zeigt STÖRRING. Auf diesem Wege erklärt sich auch am ungezwungensten die später zu besprechende Bekanntheitsqualität, sowie die Tatsache, daß die Vorstellungen im Traum und in der Halluzination Wahrnehmungscharakter annehmen. (1)

Aus dem Umstand, daß jede Vorstellung eine Empfindung bzw. Wahrnehmung voraussetzt, als deren Abbild oder Symbol sie beurteilt wird, darf nicht geschlossen werden, daß nun jeder Empfindungs- oder Wahrnehmungsinhalt auch in gleicher Weise Vorstellungsinhalt werden könne. Nachwirkungen hinterlassen und reproduzierbar sein ist ja nicht ein und dasselbe; Disposition und Reproduktion, Einprägen und Erinnern sind scharf auseinander zu halten. Es gibt Empfindungsinhalte, für die sich nur selten, vielleicht nie entsprechende Vorstellungsinhalte nachweisen lassen, andere, bei denen das stets der Fall ist und zwar bei ein und derselben Person. Außerdem bestehen hier gewaltige individuelle Abweichungen. Am treuesten, frischesten und vollständigsten werden im allgemeinen optische Eindrücke reproduziert und zwar Formen deutlicher und treuer als Farben. Akustische Eindrücke zu reproduzieren gelingt nicht jedem mit gleicher Deutlichkeit, immerhin die Intervalle und Rhythmen besser, d. h. empfindungsähnlicher, als die Klangfarben. STUMPF (Tonpsychologie I, Seite 279f) hält indes das akustische Gedächtnis für leistungsfähiger, als das optische. Sicher glückt die Reproduktion akustischer Inhalte vielen nur in Verbindung mit den entsprechenden innerlichen Sprechbewegungen, d. h. Sprechbewegungsvorstellungen. Diese hingegen, wie überhaupt Bewegungsvorstellungen, zeigen oft größere Deutlichkeit. Zweifellos minder begünstigt sind die taktilen Vorstellungen. Wenn uns bei geschlossenen Augen das Wort "Kugel" zugerufen wird, stellt sich sofort der optische Vorstellungsinhalt, das Bild der Kugel, ein, nicht aber eine Tasterinnerung. Und wenn wir die Kugel sehen, stellt sich wiederum keine Tasterinnerung ein, sondern die Bezeichnung derselben und zwar meist als eine innige Verbindung akustischer und motorischer Inhalte, des Lautbildes und der Sprechbewegungsvorstellung. Bei Blinden dagegen, die auf den Tastsinn besonders angewiesen sind, sind auch die Tasterinnerungsbilder häufiger, deutlicher und treuer. Besonders schwer ist es für die meisten Menschen, Gerüche, Geschmäcke, Wärme- und Kälteempfindungen, sowie Organempfindungen, welche Vorgänge im Körperinnern begleiten, vorzustellen. Immerhin kommen sie wenigstens gelegentlich als Vorstellungsinhalte vor, so in Halluzinationen, in Träumen, in den Phantasien des Halbschlafes, vor dem Aufwachen und allem Anschein nach auch in der *Hypnose, wenn sie durch Suggestion erzeugt werden.

So erklärt sich auch, daß, wenn sich Geschmacks- und Gesichtseindrücke, Geruchs- und Gehörseindrücke assoziiert haben, der wiederkehrende optische Eindruck kaum je den Geschmackseindruck, der akustische kaum je den Geruch reproduziert, während das Umkehrte regelmäßig eintritt. Es besteht keine Veranlassung mit CLAPARÉDE als Mitursache anzunehmen, daß die aufgrund der Gleichzeitigkeit gestifteten Assoziationen von den opitschen bzw. akustischen Elementen aus zu den zurückgelassenen Dispositionen der Geschmacks- und Geruchseindrücke schwächer, minder leistungsfähig seien, als in umgekehrter Richtung. Das wäre mit unseren sonstigen Kenntnissen vom Wesen und Wirken psychischer Dispositionen schwer vereinbar. Auch die Annahme, daß diese letzteren Vorstellungsdispositionen schneller abfallen, ist nicht angängig. Denn die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit einen entsprechenden Vorstellungsinhalt zu reproduzieren, ist keineswegs immer als Abnahme oder als Verschwinden der Disposition zu deuten. Selbst wenn wir einen Geruch absolut nicht mehr reproduzieren können, vermag doch die Wahrnehmung des Geruchs in uns die lebhafte Erinnerung an ein früheres Erleben oder Gehabthaben dieses Geruchs und an begleitende Umstände zu wecken. Die Vorstellungsdisposition, die von jenem ersten Erleben zurückgeblieben ist, war also durchaus nicht verschwunden und ebensowenig die damals gleichzeitig gebildete Assoziation. Außerdem ist die Reproduktion von Gerüchen usw. meist schon sofort nach ihrem Empfinden unmöglich. Die von den Geruchs-, Geschmacks-, Wärme-, Kälte-, organischen und ähnlichen Empfindungen hinterlassenen Dispositionen stehen also hinter den Dispositionen für optische, akustische, kinästhetisch Inhalte erheblich zurück und zwar in der Weise, daß die in ihnen assoziativ ausgelösten Erregungszustände im normalen Wachzustand meist nicht zum Überschreiten der Bewußtseinsschwelle und zum zugehörigen Vorstellungsinhalt gelangen. Je höher organisiert somit ein Sinnesorgan ist, je feiner seine Unterscheidungsfähigkeit, je reicher die Fülle der von ihm verschafften Eindrücke, umso besser ist sein Gedächtnis, umso zahlreicher, umso treuer, umso dauerhafter sind seine reproduzierten Inhalte. Diese Einschränkungen uns vor Augen haltend, werden wir sagen:  Was man einmal empfunden und wahrgenommen hat, kann man fast durchweg später auch vorstellen. 

Ist damit aber der Kreis des Vorstellbaren erschöpft? Kann man umkehrend sagen: Alles, was man sich vorstellen kann, hat man schon einmal empfunden oder wahrgenommen? Oder mit LOCKE: Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu? [Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. - wp] Können nicht auch jene Bewußtseinserlebnisse, welche wir als Ich-Erlebnisse im strengen Sinne bezeichnet haben, Gefühle der aktiven und passiven Betätigung, des Strebens, der Lust und Unlust und dgl. Inhalte einer Vorstellung werden? Wir müssen zu dieser Frage, späteren Erörterungen vorgreifend, schon hier Stellung nehmen. Manche Psychologen, so besonders RIBOT, bejahen die Frage und sind der Ansicht, daß sich diese Gefühle der verschiedenen Betätigungen, besonders des Empfindens, Wahrnehmens, Vorstellens, der Lust und Unlust, der Zustände des Strebens, Wollens und dgl. vorstellen lassen, d. h. als Vorstellungsinhalte wieder vergegenwärtigen lassen.

Dagegen erheben sich aber Bedenken. Gäbe es solche vorgestellte Ich-Erlebnisse, dann müßten sie sich ebenso leicht wie andere Vorstellungsinhalte aus dem gewohnten Zusammenhang herauslösen und von jenen Inhalten getrennt vorstellen lassen, an deren Vorhandensein im Bewußtsein ihr Vorkommen normalerweise geknüpft ist. Tatsächlich erscheint eine derartige Isolierung der Ich-Erlebnisse unmöglich. Jederzeit müssen - die Ausnahmen sind kein zwingender Gegenbeweis - bestimmte Inhalte gegeben sein, an die sich jene anlehnen, auf die sie sich beziehen als auf ihre Veranlassung, ihre Voraussetzung, ihren Gegenstand. Die Selbstbeobachtung zeigt, daß wir uns zuerst das vorstellen müssen, was uns ehedem zur Freude oder zur Trauer stimmte, wenn wir uns dieser - richtiger: ähnlicher oder gleicher - Gefühle wieder bewußt werden wollen. Sie zeigt aber auch, daß dieses Bewußtwerden kein kaltes, verstandesmäßiges Wissen um sie ist, sondern ein neues Erleben solcher Gefühle. Wir fühlen aufs neue Freude, Trauer angesichts dieser - wenn auch diesmal nur vorgestellter - Gegenständer oder Vorgänge. Und wenn wir uns eines aufregenden Erlebnisses erinnern oder gar dazu unseren Gesichtsausdruck, unsere Körperhaltungen und Bewegungen, unsere leidenschaftlichen Worte vorstellen, dann entsteht in uns nicht ein Bild des Affektes, das wir in teilnahmsloser Objektivität beobachten könnten, sondern wir werden abermals erregt, erleben einen gleichartigen Affekt. Und so stell ich auch nicht meine Strebungen, meine Wollungen vor, sondern strebe aufs neue, will aufs neue in gleicher Art, aber nicht in gleichem Grade. Wenn es manchmal doch so scheint, als ob wir Gefühle, Affekte und dgl. im strengen Sinne des Wortes vorstellen könnten, so stellen wir in Wahrheit nur Empfindungsinhalte vor, die sie beim vollen Erleben begleitet haben oder regelmäßig zu begleiten pflegen und erleben sie im Anschluß an diese aufs neue, wennschon in abgeschwächten Maße. So können wir an dem Satz festhalten:  Vorgestellt werden kann nur, was empfunden oder wahrgenommen wurde und psychische Gebilde, die aus solchen Inhalten aufgebaut sind,  so die abstrakten Begriffe in ihren konstituierenden oder repräsentierenden Inhalten oder den sie symbolisierenden Wörtern, die allgemeinen Sätze und ähnliche intellektuellen Gebilde.  Gefühle  werden neu erlebt, nicht vorgestellt; wohl aber können wir uns erinnern,  daß  und  welche  wir gehabt haben. Ebenso können wir uns unserer  anderen psychischen Tätigkeiten  erinnern und wissen,  daß  wir empfunden, wahrgenommen, vorgestellt, gefühlt, geurteilt, gewollt und dgl. haben.


III. Der Begriff der Disposition

Die Empfindungen und Wahrnehmungen als vorübergehende Vorgänge pflegen verflossen zu sein, wenn die entsprechenden Vorstellungen eintreten. Da sie also selbst nicht mehr an deren Zustandekommen beteiligt sein können, so müssen wir annehmen, daß von ihnen etwas zurückgeblieben ist, das von Dauer ist und das Entstehen einer Vorstellung mitbedingt. Diese postulierte bleibende Bedingung nennen wir seit LEIBNIZ und HARTLEY mit Vorliebe  Disposition,  während andere sie nach SPINOZAs, HALLERs und PLATNERs Vorgang als Spur (vestigium) bezeichnen oder mit BENEKE als Angelegtheit. Sie ist kein Bild, etwa wie ein zurückgebliebener Siegelabdruck (PLATO), sondern eine funktionelle Disposition, da sie eine unerläßliche  Bedingung ist für das Zustandekommen einer Funktion,  einer Tätigkeit der Psyche und zwar der  Funktion des Vorstellens  und wiederum nicht des Vorstellens überhaupt von Inhalten jeder Art, sondern des  Vorstellens eines in seiner Qualität bestimmten Inhaltes,  eben eines solchen, welcher mit dem Inhalt der die Disposition begründenden Empfindung qualitativ mehr oder weniger übereinstimmt und auf diesen, wie die Reproduktion auf ihr Original, bezogen wird. Diese Vorstellungs- oder Gedächtnisdispositionen sind im Gegensatz zu den angeborenen oder ererbten, sogenannten primären oder phylogenetischen Dispositionen individuell erworbene bzw. sekundäre oder ontogenetische (Dispositionstheorie).

Die funktionellen Dispositionen können wir uns aber ebensowenig als selbständig für sich bestehend denken, wie die Funktionen, zu denen sie die Dispositionen sind. Sie sind ja bleibende Veränderungen. Und Veränderungen setzen immer etwas voraus, das verändert worden ist, einen  Träger,  der selbst fortdauern auch für diese erfahrenen Veränderungen eine gewisse Dauer gewährleistet. Dieser logisch geforderte Träger der Dispositionen kann nur das sein, was empfunden und wahrgenommen hat und was hernach vorstellt, was als mit sich identisches Glied in jenem Empfinden enthalten ist ebenso wie in diesem Vorstellen, das empfindende, wahrnehmende, vorstellende Subjekt oder Ich oder vielmehr die Psyche. Sie ist die Trägerin nicht bloß der im Bewußtsein sich abspielenden Prozesse, sondern auch der unbewußt verlaufenden und der als solche unbewußt bleibenden, nur in bestimmten Wirkungen sich bemerkbar machenden Dispositionen. Der Dispositionsbegriff ist ein psychologischer Hilfsbegriff, insofern eine Disposition niemals als Bewußtseinsinahtl oder Phänomenon gegeben ist, also für eine bloß die Bewußtseinstatsachen beschreibende und ordnende Psychologie (beschreibende oder phänomenologische Psychologie) nicht vorhanden ist, sondern zum beobachteten Bewußtseinsbestand hinzugedacht dazu dient, diesen begreiflich zu machen, allgemeineren und sicheren Erfahrungstatsachen und Gesetzen einzuordnen (erklärende Psychologie), etwa wie der Begriff der potentiellen Energie in der Naturwissenschaft. Da wir uns genötigt sehen, den Empfindungen und Wahrnehmungen auf der physischen Seite materielle Vorgänge in der Großhirnrinde parallel zu denken, so ist die Annahme nur selbstverständlich, daß auch diese da, wo sie sich abgespielt haben, dauernde Nachwirkungen zurücklassen in Form von materiellen Veränderungen der entsprechenden Stellen der Großhirnrinde, etwa als molekulare Umlagerungen in den Ganglienzellen und ihren Verbindungen. Das funktionelle Korrelat dazu ist die Erleichterung der entsprechenden Funktion, des Eintrittes und Ablaufes des Erregungsvorgangs, beim nächsten Mal. Der durch den Stoffwechsel bedingte langsame Ersatz der chemischen Bestandteile gefährdet diese molekularen Veränderungen nicht mehr als etwa eine Narbe am Finger; die neu eintretenden Atome gruppieren sich fast genau so, wie die ausgeschiedenen gruppiert waren. Angesichts mancher physiologischer Erklärungsversuche psychischer Tatbestände scheint es übrigens nicht überflüssig zu betonen, daß die Annahme einer physiologischen Disposition nichts zur Erklärung der psychischen Disposition leistet. Ist doch diese ein viel inhaltsreicherer Begriff, als jene, von der wir noch weniger Sicheres wissen und bis jetzt nicht die geringste Spur im Gehirnmantel nachzuweisen vermögen, die somit ihr Dasein sozusagen nur der psychischen Disposition verdankt. Indessen ist es immerhin zur Veranschaulichung des Begriffes Disposition nützlich, sich an analoge Fälle aus anderen Gebieten zu erinnern, so an das Einspielen der Streichinstrumente, an das Überspielen der Klaviere, das Einblasen der Trompeten, die Faltenbildung der Tuche, die Magnetisierung eines Eisenstücks und dgl.

Diese Dispositionen sind  latent.  Sie bleiben bis auf weiteres wirkungslos. Sie wirken nicht, wie HERBART und seine Schule meint, als Kräfte unter der Schwelle des Bewußtseins weiter, immer bestrebt, sich über diese Schwelle zu erheben und andere zur Zeit bewußte Vorstellungen von ihrem Platz an der Sonne zu verdrängen, kehren nicht, wenn diese sie hemmenden, glücklicheren Rivalen gewichen sind, von selber wieder als Vorstellungen ins Bewußtsein zurück. Und sie blieben auch latent, wirkungslos für immer, wenn sie nicht aus ihrem Latenzzustand erweckt würden, wie ein Samenkorn im Boden regungslos weiterschlummern und schließlich zugrunde gehen würde, wenn nicht Feuchtigkeit und Wärme seine latenten Triebkräfte zur Tätigkeit aufriefen. Diese Anregung der Disposition kann durch den Eintritt eines Reizes geschehen, der dem sie stiftenden qualitativ identisch ist oder aber durch einen diesem ähnlichen - Dispositionsanregung oder Reproduktion aufgrund der Ähnlichkeit - oder endlich durch Zuleitung der Erregung von einer anderen Erregungsstellt her aufgrund einer sogenannten Assoziation - Dispositionsanregung oder Reproduktion aufgrund der Assoziation.
LITERATUR - Max Offner, Das Gedächtnis, Berlin 1911
    Anmerkungen
    1) Vgl. zu dieser Frage H. CORNELIUS, Versuch einer Theorie der Existenzialurteile, München 1894, Seite 32f und R. SYRKIN, Empfindung und Vorstellung, Bern 1903