p-4 Theodor ZiehenAdolf Lasson    
 
MAX OFFNER
Das Gedächtnis
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"Unter Assoziation versteht man den Vorgang des Weitergehens der Erregung, den Prozeß des Wieder-ins-Bewußtsein-tretens von Inhalten, die mit einem vorhandenen Inhalt früher einmal gleichzeitig oder unmittelbar danach bewußt waren oder ihm ähnlich sind."

"Die Psychologie braucht in diesem häuslichen Streit der Physiologie nicht Partei zu ergreifen und nimmt auch nicht Partei, wenn sie sich jenes bequemen Bildes der Weiterleitung bedient, sofern sie sich nur bewußt bleibt, daß sie es bloß mit einem erdachten Bild zu tun hat wie bei den Ausdrücken  Blickfeld, Blickpunkt, Schwelle, Steigen, Sinken  und dgl., mit einer abkürzenden Formel, die nichts über das wahre Wesen der psychophysischen Vorgänge aussagen will."


IV. Die Assoziation

A. Begriff der Assoziation 

Von diesen beiden  das Weitergehen der Erregung bedingenden Faktoren  scheint der wichtigere die  Assoziation  zu sein. Man gebraucht das Wort nicht durchweg in diesem Sinne. Man versteht darunter auch - so STEINTHAL, BAIN, SPENCER, WUNDT, HÖFFDING, JODL, CORNELIUS, FLECHSIG, ZIEHEN, JUNG und andere -  den Vorgang des Weitergehens der Erregung,  den Prozeß des Wieder-ins-Bewußtsein-tretens von Inhalten, die mit einem vorhandenen Inhalt früher einmal gleichzeitig oder unmittelbar danach bewußt waren oder ihm ähnlich sind. Assoziation ist für diese Auffassung eine Art Reproduktion. Damit ist die Ähnlichkeit als eine Reproduktionsbedingung neben der Gleichzeitigkeit (Simultaneität) und unmittelbaren Folge (Sukzession) betrachtet und man kann so auch von einer Ähnlichkeitsassoziation reden und noch andere Formen der Assoziation aufstellen. Doch ist nicht zu bestreiten, daß durch diese Gleichbenennung der drei Vorgänge - oder auch der zwei, wenn man mit WUNDT die Assoziation (= Reproduktion) durch Gleichzeitigkeit und die durch Folge als äußere zusammenfaßt und die durch Ähnlichkeit als innere ihr gegenüberstellt - der große Unterschied zwischen ihnen nicht genügend zum Ausdruck kommt. Es ist besser, diese Vorgänge als Reproduktion zu bezeichnen, die eine Gruppe als Reproduktion aufgrund der Assoziation, die andere als Reproduktion aufgrund von Ähnlichkeit. Gelegentlich meint man übrigens unter Assoziation auch das Sich-assoziieren von Bewußtseinserlebnisse,  das Entstehen jener Teilbedingung.  Öfter wird es auch im Sinne einer  Gruppe von assoziierten Inhalten  oder  Dispositionen  gebraucht. Es wurde für eine solche Gruppe, um Mißverständnisse hintanzuhalten, der Terminus "Assoziat" vorgeschlagen; wir ziehen vor, hier von Assoziationsketten oder -reihen zu reden. Das Wort Assoziation aber werden wir in der ersten der vier Bedeutungen als  Teilbedingung für die Reproduktion  verstehen. In diesem Sinne verwendeten DYROFF, GROOS, KÜLPE, SEMON, STRÜMPELL, WAHLE, WATT u. a. das Wort. Als Reproduktionstendenz stellt sie KÜLPE und seine Schule der Reproduktionsgrundlage als der Vorstellungsdisposition gegenüber.

Man bezeichnet die Assoziation von dieser Auffassung aus nicht selten als Wechselbeziehung zwischen zwei Vorstellungen, wobei Vorstellung im Sinne von Vorstellungsinhalt genommen ist. Dann kann sie streng genommen nur vorhanden sein, solange diese Inhalte beide vorhanden sind. Das Eigenartige an ihr ist aber, daß sie am wirksamsten ist, wenn nur einer gegeben ist. Aus eben diesem Grunde kann sie auch nicht als Zusammenhang zwischen den entsprechenden Bewußtseinserlebnissen des Empfindens und des Vorstellens noch auch der zugehörigen unbewußten psychischen wie physiologischen Vorgänge betrachtet werden. Zwischen diesen Vorgängen als Vorgängen besteht nur mehr oder weniger regelmäßige Aufeinanderfolge. Der sogenannte Zusammenhang, die Assoziatione, soll ja nich lediglich eine andere Bezeichnung für diese Tatsache sein, sondern eine dauernde Bedingung und Mitursache für deren Zustandekommen. Sie kann also nur ein Zusammenhang sein zwischen dauernden Elementen, ein Zusammenhang, der geschaffen wurde bei simultanem oder, wie auch angenommen wird, bei sukzessivem Gegebensein der Vorgänge oder Erregungszustände und fortdauert zwischen dem, was die von ihnen zurückgebliebenen Spuren oder Vorstellungsdispositionen trägt, zwischen den disponierten Seiten oder Betätigungsfähigkeiten der Seele bzw. den ihnen zugeordneten Stellen des Großhirns. Dieser Zusammenhang ist unbewußt wie diese Dispositionen, dauert latent fort wie diese, bedarf einer Einwirkung oder Anregung wie diese, um wirksam zu werden. Und wie wir ihn entstanden denken durch ein Weitergehen der Erregung von einer Erregungsstelle - im eigentlichen Sinn verstanden vom Standpunkt der Physiologie, wenigstens wie sie von den meisten vertreten wird, im bildlichen vom Standpunkt der Psychologie - zu einer anderen, wie ein von einem Fluß selbst gegrabenes Rinnsal, so sehen wir seine Wirksamkeit entsprechend in der Erleichterung des Weitergehens der Erregung von einer Erregungsstelle als Trägerin einer erweckten Position zur Stelle einer noch nicht erregten Disposition, auch in diesem Punkt der Erleichterung des Ablaufs gleichartiger Vorgänge ähnlich jenen Vorstellungsdispositionen. Mit anderen Worten:  Die Assoziation ist ebenfalls eine Disposition.  Und ihr Träger ist im psychologischen Sinne ebenfalls die Seele und zwar die Seele in einer bestimmten Richtung ihrer Tätigkeit, die wir bildlich als Stelle bezeichnen können, im physiologischen SInne aber eine bestimmte Stelle oder eine Reihe solcher in der Großhirnrinde.

So können wir denn in eine exakte Formel zusammenfassend die  Assoziation  definieren als  die zwischen Vorstellungsdispositionen tragendenden Stellen der Seele, bzw. des Gehirnes durch Erregungsaustausch entstandene und für dauernd zurückbleibende Disposition zur Weiterleitung der Erregung von der einen in Erregung verstetzten Stelle zur anderen, die noch nicht erregt zu sein braucht.  Kürzer, wenn auch minder genau:  Assoziation ist die Dispositione zur Weiterleitung der psychophysischen Erregung von einer Vorstellungsdisposition zu einer anderen Vorstellungsdisposition. 

Wollen wir aber vom Bild der Weiterleitung ganz absehen, so würden wir allerdings etwas schwerfällig die Assoziation als eine Disposition definieren müssen, aufgrund deren gelegentlich eines mit einem frühere (a) qualitative identischen psychischen Vorganges (α) die Disposition zu einem anderen Vorgang (β), der mit einem früheren sie begründenden (b) qualitativ identisch ist, miterregt wird, nachdem letzterer (b) mit jenem ersten früheren (a) oder einem qualitativ identischen (a1) einstmals mehr oder weniger gleichzeitig in der Seele stattgefunden hat. In dieser vorsichtigsten Fassung wäre dann die Assoziation als  erworbene Miterregungsdisposition  zu bezeichnen.

Wenn wir sie trotzdem meist als Weiterleitungsdisposition benennen, so geschieht es nicht etwa, weil wir die von den meisten Physiologen vertretene Überzeugung einer wirklichen Weiterleitung als die den psychischen Tatsachen allein gerecht werdende Anschauung ansehen. Denn daß die phsyiologischen Vorgänge keineswegs gerade so gedacht werden müssen, zeigt J. von KRIES, der die aus jener herrschenden physiologischen Ansicht sich ergebenden Schwierigkeiten aufdeckt, aber allerdings mit seiner Theoriein anderen Schwierigkeiten zu geraten scheint. Die Psychologie braucht in diesem häuslichen Streit der Physiologie nicht Partei zu ergreifen und nimmt auch nicht Partei, wenn sie sich jenes bequemen Bildes der Weiterleitung bedient, sofern sie sich nur bewußt bleibt, daß sie es bloß mit einem erdachten Bild zu tun hat wie bei den Ausdrücken  Blickfeld, Blickpunkt, Schwelle, Steigen, Sinken  und dgl., mit einer abkürzenden Formel, die nichts über das wahre Wesen der psychophysischen Vorgänge aussagen will.

Die Assoziation als eigene, relativ selbständige Disposition neben den Vorstellungsdispositionen hatte schon BENEKE im Auge, wenn er sie als "Verknüpfungsspur" oder "Weckungsangelegtheit" den übrigen Spuren an die Stelle stellt. Ihre Selbständigkeit wird durch die Tatsache bewiesen, daß bei gewissen geistigen Störungen die Vorstellungsdispositionen in den verschiedenen Zentren wohl erhalten sind, aber die Verbindungen zwischen diesen Zentren versagen. Als Disposition hat sie, wie es scheint, erstmals LIPPS bezeichnet. Die Assoziation ist vornehmlich, die in den verschiedenen Gedächtnisversuchen mit Silben, Wörter, Zahlen geschaffen und gemessen wird. Denn die Vorstellungsdispositionen für diese Silben usw. sind längst gegeben und durch unzählige Wiederholungen so stark geworden, daß eine Steigerung derselben durch diese Versuche kaum mehr möglich erscheint und somit außer Rechnung bleiben kann. RIBOT unterscheidet die beiden Arten von Dispositionen, indem er die Vorstellungsdispositionen als die statischen Grundlagen, die Assoziationen als die dynamischen Grundlagen des Gedächtnisses bezeichnet.


B. Entstehung einer Assoziation 

Damit ist über die Bildung einer Assoziation mancherlei gesagt. Sie entsteht, sagten wir, durch Erregungsaustausch. Es sind somit zunächst  zwei psychophysische Vorgänge an zwei Erregungsstellen  vonnöten, denen meist, nicht immer, zwei - und zwar verschiedene, sonst wären es nicht zwei - Inhalte entsprechen. Diese Verschiedenheit kann sich indes beschränken z. B. auf die lediglich aus den verschiedenen Stellen im Sehfeld sich ergebende Differenz bei qualitativer Identität im übrigen. Dabei macht es keinen wesentlichen Unterschied, ob diese psychophysischen Vorgänge durch äußere Reize hervorgerufen sind, als Wahrnehmungen sind oder rein zentral bedingt, durch andere psychische Vorgänge veranlaßt sind, also Vorstellungen oder Phantasiegebilde. Sie wirken aufeinander, d. h. die Erregung der einen Stelle fließt über zur anderen und umgekehrt. Sie setzen als  Gleichzeitigkeit  voraus. Nie fand man, daß Inhalte, die zu ganz verschiedenen Zeiten im Bewußtsein gewesen waren, sich regelmäßig oder häufig reproduzierten, falls sie nicht etwa einander ähnlich waren. Die beiderseitigen Erregungszustände müssen sich zeitlich berühren, müssen wenigstens einem Teil ihres Ablaufs gleichzeitig sein. Denn was miteinander in Verbindung, in wechselseitigen Erregungsaustausch treten soll, muß gleichzeitig gegeben sein. Zeigt also die Beobachtung der Inhalte, die phänomenologische Betrachtungsweise, tatsächlich, daß aufeinanderfolgende Inhalte, von denen der eine bereits dem Bewußtsein entschwunden ist, wenn der andere eintritt, später assoziiert auftreten, so können es eben nicht sie sein, von denen die Assoziation begründet worden ist, sondern die zugrunde liegenden psychischen Vorgänge, die, wie wir wissen, schon beginnen, bevor sich der zugehörige Inhalt einstellt und die noch langsam abklingen, nachdem der Inhalt bereits verschwunden ist. Darauf weist schon der Umstand hin, daß nur sogenannt unmittelbar - richtiger: in kurzem zeitlichen Abstand - aufeinanderfolgende Bewußtseinsinhalte in Assoziation treten, nie aber zeitlich weit auseinander liegende.

Man nennt dieses langsame, sich unter der Bewußtseinsschwelle vollziehende Ab- oder Ausklingen psychischer Vorgänge nach Vorbild der Psychiatrie auch  Perseveration  [übersteigertes Nachwirken psychischer Eindrücke, wp], besonders dann, wenn es sich auffallend lange hinzieht, was sich dadurch bekundet, daß ein Inhalt, der schon verschwunden ist, ohne assoziative Beziehungen wiederkehrt, scheinbar "frei steigt" wie manche Tageserlebnisse vor dem Einschlafen, ja sich uns schließlich immer wiederkehrend aufdrängt ("Iteration") und nicht loszubekommen ist, wie uns manchmal Melodien besonders von Gassenhauern verfolgen gleich gierigen, nicht zu vertreibenden Bremsen. Die Inhalte drängen sich dann vor, wenn keine unsere Aufmerksamkeit fesselnden Gedanken im Bewußtsein sind, die psychische Kraft in Anspruch nehmen. Dann ist diese sozusagen für sie fei; der perseverierende Vorgang kann sie sich dank seiner Energie aneignen und damit der Erregungszustand die zum Überschreiten der Schwelle nötige Intensität erreichen. Sie begegnet uns am meisten bei Inhalten, mit denen wir uns sehr intensiv und anhaltend beschäftigt haben oder die durch starke Gefühle besonders betont sind; ferner oft in Zuständen der Ermüdung und der Abspannung. Von MÜLLER und PILZECKER erstmals genauer beobachtet, wurde sie alsdann wiederholt behandelt, so besonders von O. GROSS unter dem Namen "zerebrale Sekundärfunktion", von W. SCHÄFER experimentell geprüft, von MEUMANN etwas eingeschränkt, von WITASEK bezweifelt, von WUNDT und EBBINGHAUS ganz abgelehnt. Aber mit Unrecht. Bei akustisch eingeprägten Silben fand PAULA EPHRUSSI im allgemeinen eine stärkere Perseverationstendenz, als bei visuell eingeprägten. Auch daß diese mit steigender Wiederholungszahl zunimmt, ließ sich feststellen; sie steht also in direktem Verhältnis zur Stärke der Dispositionen. Da die Assoziationsdisposition zur Weiterleitung der Erregung dienen, so kann die Perseveration, welche eben darin besteht, daß die Erregung nicht oder doch langsamer weitergeleitet wird, nur in den Vorstellungsdispositionen bzw. in einzelnen eng zusammengeschlossenen Gruppen solcher sich abspielen, als ein längeres Nachdauern der Erregung, vornehmlich wohl bedingt durch ein höheres Maß oder langsameres Sich-verlieren der psychischen Energie des Vorganges.

Wie lange ein psychischer Vorgang ununterbrochen fortdauern, "perseverieren" kann, läßt sich strenggenommen nicht sagen und hängt auch von der Individualität ab, da es Leute gibt, die schwerer als andere zu einer anderen geistigen Arbeit übergehen, dafür aber auch in ihrer Tätigkeit weniger leicht gestört werden können. Daß er sich stundenlang in anscheinend ungeschwächter Intensität erhalten kann, zeigen die oben angeführten Alltagsbeobachtungen, zeigen auch Tatsachen, auf die LIPPS hingewiesen hat, zugleich gute Belege für die Bedeutung der Perseveration für unser geistiges Leben.
    "Eine längere Gedankenkette, ein Kunstwerk, eine Melodie etwa oder ein Drama, ein Epos könnte niemals als  Ganzes  für mich bestehen und seine logische, praktische oder Gefühlswirkung ausüben, wenn nicht, indem ich auffassend weitergehe, alles Vergangene in mir nachdauerte und schließlich, wenn das Ganze durchlaufen ist, noch in mir nachwirkte. In solchen Fällen wirkt aber das Vergangene jederzeit der Hauptsache nach  unbewußt  d. h. ohne daß die entsprechenden Bilder mir jetzt noch vorschweben".
In pathologischen Fällen kann sie sich über Tage, vielleicht noch länger ausdehnen. Aber an ein Perseverieren über Jahre hinaus zu denken und gar die Dispositionen auf einer Perseverationstendenz beruhen lassen, wie WRESCHNER tut, sie also für unterschwellig perseverierende psychische Vorgänge zu erklären, setzt eine ganz andere Auffassung vom Wesen der Dispositionen und damit des Gedächtnisses voraus. Auf solche, an HERBARTs Lehre von der Fortexistenz der Vorstellungen erinnernde Gedankengänge, nicht auf die MÜLLER-PILZECKERschen, gegen die sie sich wendet, trifft die WUNDTsche und die EBBINGHAUSsche Kritik.

Mit der Perseveration hängt das sogenannte  Erinnerungsnachbild  zusammen. Es unterscheidet sich vom dem als (positives) Nachbild schlechthin bekannten, auf Prozesse im Sinnesorgan, in der Netzhaut sich gründenden Vorgang dadurch, daß es nicht wie dieses als peripheren Ursprungs beurteilt wird, sondern als zentralen d. h. als Vorstellungsinhalt. Es ist eine Perseveration, bei welcher der perseverierende Vorgang so stark ist, daß er vom zugehörigen Inhalt begleitet wird oder bei welcher der Vorgang, erst nachdem andere die psychische Kraft vorweg nehmende abgelaufen sind, nachträglich sich das nötige Maß psychischer Kraft aneignet, um sich über die Bewußtseinsschwelle heben zu können. So ist eine häufig berichtete Beobachtung zu verstehen. Wenn wir in eine Arbeit vertieft das Schlagen der Uhr überhören, können wir uns doch nicht selten unmittelbar darauf, endlich von unserer Arbeit abwendend, die Schläge in uns zu Bewußtsein kommen lassen, so daß wir sie zu zählen vermögen. EXNER nennt das  primäres Erinnerungsbild,  JAMES  primary memory.  Es spielt mit beim sogenannten "unmittelbaren Behalten" oder - worauf es allein ankommt bei der "sofortigen Reproduktion" im Gegensatz zur "abständigen". Dem primären Erinnerungs- oder Gedächtnisbild steht dann das, was man sonst einfach mit Erinnerungsbild oder Vorstellungsinhalt bezeichnet, als  sekundäres Erinnerungsbild  gegenüber.

Dank dieser Perseveration ist also die Gleichzeitigkeit der physischen Vorgänge und damit die Möglichkeit zu gegenseitigem Erregungsaustausch noch gegeben, wenn der eine Bewußtseinsinhalt - Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung - bereits völlig entschwunden ist zu der Zeit, wo der zweite einsetzt.


C. Das Assoziationsgesetz 

Es ist klar, daß mit dieser Auffassung der Assoziation als Disposition und mit ihrer Begründung auf die Gleichzeitigkeit zweier psychischer bzw. physiologischer Vorgänge die fast allgemein übliche Unterscheidung zwischen  Simultan- und Sukzessiv-Assoziation durch Gleichzeitigkeit  und  Assoziation durch unmittelbare Folge  hinfällig wird, sofern man sie streng faßt und nicht bloß als zwei Arten der Assoziation durch Gleichzeitigkeit gelten läßt. Und erst recht die damit häufig, aber mit Unrecht gleichgesetzte  Assoziation durch Berührung in Raum oder Zeit  oder gar durch die Beziehung von Ursache und Wirkung, Grund und Folge, die eine unpsychologische Betrachtungsweise in eine rein psychologische Frage hereinträgt. Dementsprechend kann es nur ein  einziges Gesetz der Assoziation  geben:

Spielen sich an zwei Stellen des Großhirns, bzw. bildlich gesprochen der Seele ganz oder teilweise gleichzeitig Erregungsvorgänge ab, so bleiben nicht nur Vorstellungsdispositionen zurück, sondern infolge des wechselseitig stattfindenden Erregungsaustausches zwischen beiden Stellen auch eine Assoziation, d. h. eine Disposition zur Weiterleitung einer eventuellen Erregung von der einen eine Vorstellungsdisposition tragenden Stelle zur anderen.  (Gesetz der Kontiguität nach HUME, BAIN, JAMES, der Kontinuität nach WARD, JERUSALEM).

Diese Entstehung der Assoziation setzt aber voraus, daß sich anfänglich die Erregung von einer Erregungsstelle zu einer anderen gleichzeitig erregten Stelle fortpflanzen kann ohne hierfür besonders disponierte Bahnen oder Verbindungen. Die Assoziation als eine solche Bahn wird durch einen Erregungsaustausch sozusagen ohne Wege ja erst geschaffen. Das ist eine unvermeidliche Voraussetzung, zu der auch von KRIES genötigt wurde und auf die wir bei der Besprechung der Streitfrage über die sogenannten freisteigenden Vorstellungen wieder zurückkommen. Wir wollen sie, im Gegensatz zu der an die Assoziation gebundenen, als  freie Erregungszuleitung  bezeichnen. Betreffs der physiologischen Seite des Vorganges liegt es am nächsten anzunehmen, daß dieser erste Erregungsabtausch sich durch die von den Nervenknoten (Ganglien) nach allen Seiten ausgehenden Faserverästelungen (Dendriten) und zwar durch die zwischen beiden Erregungsherden liegenden vollzieht und so diese meist beteiligten Dendriten disponiert für spätere Weitergabe der Erregung von der einen Dispositionsstelle zur andern, ähnlich wie diese Stellen selbst disponiert wurden für den erleichterten Eintritt eines bestimmten Erregungszustandes. Während aber die Mehrzahl der Gehirnanatomen sich mit diesen sogenannten Assoziationsfasern begnügen, vermuten FLECHSIG u. a. noch eigene Zentren (Assoziationszentren), die allseitig durch diese Fasern verbunden vorwiegend dem Austausch der Erregungen dienen wie die Zentrale eines Telefonnetzes, freilich auch der Ablagerung der Gedächtnisspuren. Auch geradezu an Neubildung von Verbindungsfasern hat man gedacht, so KAPPERS.


D. Assoziationsstärkung und Assoziationsbildung
unter der Bewußtseinsschwelle 

Ist nun auch einmal eine Erregung nicht stark genug, um sich über die Bewußtseinsschwelle zu erheben, eine Erregung ist sie doch und Aussicht auf die Bildung einer Assoziation zwischen ihrer Stelle und einer anderen gleichzeitig erregten besteht doch, selbst wenn diese ebenso schwach erregt ist.

Was sich hier als theoretische Folgerung ergibt, darauf ist EBBINGHAUS durch seine berühmten Gedächtnisversuche geführt worden. Er lernte Reihen von Silben (Vorreihen), stellte dann die Silben der ungeraden Stellen und die der geraden Stellen zu je einer neuen Reihe zusammen. Diese lernte er wieder und fand nun, daß die zweitgelernte neue Reihe meist eine etwas kürzere Lernzeit beanspruchte als die erstgelernte neue Reihe. Das brachte ihn auf die Vermutung, daß beim Lernen in der Vorreihe assoziierten Silben wenigstens bereitstellten, d. h. deren Dispositionen mit erregten, jedoch so schwach, daß der zugehörige Bewußtseinsinhalt ausblieb. Und die beim Lernen der Vorreihe gestifteten Assoziationen, denen diese schwach erregten Dispositionen ihre Miterregung verdankten, wurden jetzt unbewußterweise mit verstärkt. Da so zwischen den Gliedern der zweitzulerndenden Neureihe etwas stärkere Assoziationen bestanden, als bei der erstgelernten, so genügte zum Auswendiglernen bei der zweiten Neureihe eine etwas kürzere Zeit als bei der ersten. MÜLLER und SCHUMANN griffen das Problem abermals auf und vermochten auch unter schärferen Versuchsbedingungen EBBINGHAUS Vermutung zu bestätigen und sogar als wahrscheinlich zu erweisen, "daß es eine Assoziation der Vorstellungen im Unbewußten gibt", daß, wie wir lieber sagen, auch unter der Bewußtseinsschwelle ablaufende, also nicht von ihren Inhalten begleitete psychische Vor-Vorgänge eine Assoziation stärken und begründen können.

So darf man annehmen,  daß Assoziationen auch ohne Bewußtsein entstehen und gestärkt werden können,  ein Resultat, das der allgemein üblichen Annahme, daß dieses nur bei Inhalten oder Vorstellungen, die gleichzeitig oder nacheinander bewußt sind, möglich ist, schnurstracks widerspricht. Diese übliche Annahme beschränkt sich, rein phänomenologisch zu Werke gehend, auf den der Beobachtung unmittelbar zugänglichen Teil, zwar den weitaus größten Teil der Phänomene, aber immerhin nur einen Teil. Sie muß deshalb durch unsere umfassendere Formel ersetzt werden.


E. Allseitigkeit der Assoziationsbildung 

Aus dem bisherigen ergibt sich, daß alle, nicht etwa bloß einzelne besonders begünstigte,  jeweils gleichzeitigen psychischen Vorgänge (Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen) untereinander Assoziationen begründen müssen.  Das ist der Sinn des verschieden formulierten "Gesetzes der Totalität" (CHRISTIAN WOLF, HÖFFDING). Unter Betonung der auf diese allseitige Assoziation sich gründenden Tendenz eines einzelnen Elementes die Gesamtheit der seiner Zeit gleichzeitig gegebenen Bewußtseinsinhalte zu reproduzieren, sie wieder herzustellen, kann man mit HAMILTON von einem "Gesetz der Redintegration" oder mit LIPPS von einem "Gesetz der Vervollständigung" sprechen. Die Beobachtung der Reproduktionsvorgänge zeigt allerdings, daß nur zwischen einzelnen und zwar verhältnismäßig wenigen Inhalten sich Assoziationen gebildet haben, also nur einzelne Bruchstücke der ehedem gleichzeitig gegebenen Bewußtseinsinhalte sich hinterher assoziiert erweisen. Der Widerspruch ist indes nur scheinbar. Wir wissen ja, daß zur Entstehung eines Inhaltes, zum Überschreiten der Bewußtseinsschwelle stets eine gewisse Intensität des Erregungsvorganges vonnöten ist. Eine Vorstellungsdisposition aber, die vielleicht selbst schon schwächer ist, als eine andere und der auch noch durch eine schwächere, minder leistungsfähige Assoziation ein geringeres Maß von Erregung zugeführt wird, wird weniger intensiv erregt, als andere stärker assoziierte Rivalen, so daß leicht der zugehörige Inhalt ausbleibt. An seinem Eintritt allein aber wird das Vorhandensein die Wirksamkeit der Assoziation erkannt.

F. Sogenannt mittelbare oder
überspringende Assoziation 

Weniger auffallend als die Stärkung und Entstehung einer Assoziation unter der Schwelle ist die Bildung einer Assoziation über die nächsten Reihenglieder hinweg. Man nennt sie meist  mittelbare Assoziation  oder  Assoziaton durch mittelbare Folge,  womit freilich häufig auch eine Form der Reproduktion verstanden wird. Diese sogenannte mittelbare Assoziation im Sinne einer Disposition bedeutet also einen Zusammenhang nicht von einem Reihenglied (d) zum nächstvorausgehenden (c) und nächstfolgenden (e), sondern zu den übernächsten (b oder f) oder noch weiter entfernten (a oder g). Das Bestehen dieser Assoziation, die wir, ebenfalls im Bild der Reihe bleibend, lieber  überspringende  Assoziation nennen wollen, wurde von HERBART angenommen und von EBBINGHAUS abermals durch die Ersparnismethode, die später noch näher zu besprechen ist, nachgewiesen. Eine 16-silbige Reihe (Schema  a b c d e ... ) lernte er zum erstenmal in 1266 Sekunden, nach 24 Stunden in der gleichen Reihenfolge innerhalb 844 Sekunden, ersparte also 422 Sekunden. Dann stellte er die Reihe um und lernte, wenn dabei nur je ein Glied ausgelassen worden war (Schema  a c e g ... ), immer noch mit einer Ersparnis von 137 Sekunden. Beim Überspringen von zwei Gliedern (Schema  a d g ... ) noch 73 Sekunden, von sieben noch 42. Bei ganz beliebigem Permutieren, lediglich unter Beibehaltung der ersten und der letzten Silbe, wurden nur 5 Sekunden gewonnen, vermutlich dank der Bekanntheit der einzelnen Silben. So kann man den Satz aufstellen:  Die Stärke der überspringenden Assoziationen nimmt ab mit der zunehmenden Zahl der übersprungenen Glieder.  Auch sogenannt rückläufige Assoziationen bilden sich, richtiger: diese scheinbar über Zwischenglieder hinwegspringenden Assoziationen können auch rückläufig wirksam sein (EBBINGHAUS).

Man darf dabei jedoch nicht vergessen, daß wir auch mit dieser Fassung des Satzes noch innerhalb der phänomenologischen Anschauungsweise bleiben, in dem durch die Inhalte bedingten Bild der Reihe. Wir sahen aber schon, das Entscheidende sind die psychischen Vorgänge, nicht die Inhalte, ihre bloßen Bewußtseinsreflexe. Diese psychischen Vorgänge sind, wie ihre Inhalte, zwar nacheinander eingetreten, bilden aber keine Kette, kein Nacheinander, dessen eines Glied zu Ende ist, wenn das andere beginnt, sondern sind, da sie ja länger anhalten als ihre Inhalte, in Wirklichkeit eine Mehrheit zum Teil parallel laufender Prozesse. Es befinden sich also ihrer wenigstens eine gewisse Anzahl in einem gegebenen Moment nebeneinander in verschiedenen Stadien des Verlaufes. Der erst hat seinen Höhepunkt längst überschritten, von den mittleren stehen die einen unmittelbar nach, die andern noch knapp vor ihrem Höhepunkt, der letzte hebt erst an. Der erforderliche Erregungsaustausch wird also zwischen dem ersten und dem letzten gering sein, weil der erste bereits im Schwinden nicht mehr viel abzugeben hat. Er wird dagegen umso reichlicher sein, je näher die Vorgänge einander zeitlich stehen, je weniger der eine von seinem Höhepunkt abgefallen ist, wenn der andere den seinen erreicht, je länger somit der Erregungsaustausch stattfinden kann. Das drückt sich in der Abnahme der Ersparnis bei Zunahme des Abstandes aus. Verlaufen aber diese Vorgänge alle zu einem Teil wenigstens nebeneinander, dann sid für die Entstehung neuer Assoziationen keine Mittelglieder - wie Zwischenstationen oder Brückenpfeiler - vonnöten. Die Assoziationen sind nicht mittelbare, sondern unmittelbare. Sofern also mit der sogenannten mittelbaren Assoziation oder Assoziation durch mittelbare Folge nicht lediglich jener Bewußtseinsbefund bezeichnet werden soll, sondern vielmehr eine Theorie, eine Erklärung desselben gemeint ist, ist sie abzulehnen. Sie ist vielmehr eine Assoziation gleicher Entstehungsweise wie die Assoziationen zwischen sich unmittelbar folgenden Gliedern. Man wird ihr gerecht, wenn man sie als eine Nebenassoziation, diesen als Hauptassoziation an die Stelle stellt (EBBINGHAUS). Die ganze Schwierigkeit enstand also nur, weil man sich gewöhnt hatte, an Assoziationsreihen zu denken. Tatsächlich aber haben wir ja hier nicht Reihen oder Ketten von assoziierten dispositionstragenden Stellen, sondern ein Gespinst, ein Geflecht, besser noch ein Netz, in dem die Knoten den eine Vorstellungsdispositione tragenden Stellen, die verbindenden Schnüre aber den eine Assoziation tragenden Stellen oder Teilen entsprechen. Auch ein Eisenbahn- und Straßennetz gibt uns ein gutes Bild. Wie es hier Haupt- und Nebenlinien, Haupt- und Nebenstraßen zu gleicher Zeit gibt, so dort Stellen, die schwächere (Nebenassoziationen) und solche, die stärkere Assoziationen (Hauptassoziationen tragen. Wie hier bald viele bald wenige Linien zusammentreffen, so haben wir dort disponierte Stellen, die mit einer größeren Anzahl durch Assoziationen verbunden sind, andere, von denen weniger Assoziationen ausgehen.

Der Satz von der Stärke der überspringenden Assoziation gilt natürlich nur ceteris paribus [unter vergleichbaren Umständen, wp], d. h. vor allem unter der Voraussetzung, daß sämtliche Glieder gleich starke Vorstellungsdispositionen zurückgelassen haben und nicht etwa ein weiter entferntes Glied interessanter, durch Bekanntheit, Gefühlston oder Kontrast herausgehoben ist. Das triftt aber, selbst bei qualitativer und quantitativer Gleichheit, für das erste Glied so wenig zu, wie für das letzte. Sie sind - wie wir später noch genauer sehen werden - den übrigen so gut wie immer überlegen. So kann es kommen, daß die Assoziation von einem späteren Glied der Reihe zum ersten Glied manchmal stärker oder doch wirksamer ist, als die zu dem nächstvorhergehenden, daß nach Nennung des letzten Gliedes aufgrund einer überspringenden Assoziation sofort das erste reproduziert wird und dann erst die dazwischen liegenden, eine nicht seltene Erscheinung, die auch MÜLLER und PILZECKER experimentell festgestellt und als  initiale Reproduktionstendenz  bezeichnet haben. Endlich kann auch der Fall eintreten, daß die nächstfolgenden Glieder infolge einer Hemmung nicht reproduziert, aber entferntere irgendwie gestärkt und reproduziert werden und so stärker assoziiert erscheinen. Diese und ähnliche Ausnahmen beeinträchtigen, da sie nur scheinbare sind, nicht die Geltung jenes Satzes.

Die sogenannten mittelbaren oder scheinbar überspringenden Assoziationen verwandeln sich aber - in der Sprache der phänomenologischen Psychologie zu reden -, sowie sie einmal in der Weise wirksam waren, daß vom Glied  a  gleich das Glied  d  reproduziert wurde, in sogenannte unmittelbare oder werden durch unmittelbare ersetzt oder es tritt scheinbar zu jener mittelbaren alsdann noch eine unmittelbare hinzu. In Wahrheit handelt es sich aber nicht um zwei Assoziationen, sondern um einunddieselbe. Das ergibt sich aus dem Vorausgegangenen. Nachdem von einer in Erregung stehenden Disposition aus eine andere kurz aber nicht unmittelbar vor jener erworbene Disposition aufgrund der - in diesem Fall überspringend genannten - Assoziation neu erregt worden ist, vollzieht sich der neue Erregungsaustausch zwischen den nunmehr unmittelbar nacheinander in Erregung versetzten Stellen natürlich auf dem alten Weg. Jene Assoziation war durch zwei in einem kürzeren Teil ihres Verlaufes gleichzeitige Erregungsvorgänge gestiftet worden; jetzt wird sie durch die qualitativ identischen in einem erheblich längeren Teil ihres Verlaufes gleichzeitigen Vorgänge nur gestärkt. Das erscheint, wenn man die Verwirrung stiftende Vorstellung der Reihe aufgibt, selbstverständlich. Die Erscheinung ist außerordentlich häufig, so häufig, als sich eben aufgrund jener sogenannten überspringenden Assoziation eine Reproduktion einstellt.

Solche überspringenden Assoziationen bilden sich auch, um einige Beispiele zu bringen, zwischen Anfangs- und Endglied einer Gedankenreihe, einer Schlußfolgerung, zwischen Objektbild und fremdsprachlichem Wort, anfangs vermittelt durch das muttersprachliche Wort, Ausgangs- und Endpunkt einer Handlung (Klavierspielen, Schreiben, Rechnen und dgl.), sofern nur beide durch kein allzu langes zeitliches Intervall getrennt werden. Und ist einmal auf diese Weise direkt, d. h. ohne daß zuvor der Reihe nach die Zwischenglieder reproduziert worden sind, das Endglied ins Bewußtsein gerufen worden, dann wird sich infolge der größeren Bedeutung der beiden Glieder (über die sogenannte Bedeutungsenergie) ihre Assoziation derart verstärken, daß die Reproduktion künftighin nicht mehr der Reihe nach von Glied zu Glied fortschreitet, sondern sofort vom ersten zum letzten Glied oder jeweils nächstwichtigen weitergeht, während die den übersprungenen Gliedern entsprechenden Erregungsvorgänge nur unter der Schwelle ablaufen.

Die unwichtigen Zwischenglieder erscheinen dadurch nicht nur für diese  eine  Gelegenheit übersprungen, sondern schließlich, da ja Wiederholung die scheinbar überspringende Assoziation immer mehr stärkt, künftighin überhaupt ausgeschaltet, ein Vorgang, der für die Vereinfachung und Ökonomie des Seelenlebens, weil psychische Kraft sparend, ganz außerordentlich wichtig ist. So z. B. bei der Erziehung zum Grüßen: Begegnung - Aufforderung an das Kind zu grüßen - Bewegungsantrieb im Kind - Ausführung der Bewegung, später Wegfall der Aufforderung, beim Aneignen fremdsprachlicher Wörter: Gegenstand - Wort der eigenen Sprache - Wort der fremden Sprache, dann Wegfall des mittleren Gliedes oder beim Übersetzen: ein Satz der eigenen Sprache - Reproduktion der Grammatikregel - Anwendung bei der Übersetzung in die fremde Sprache, später Wegfall der Reproduktion der Grammatikregel. Man hat darum diesen häufig wiederkehrenden Vorgang als Verdichtung des Denkens (LAZARUS), als Gesetz des Vergessens (MILL), als abgekürzte Ideenassoziation (HARTMANN) oder als Gesetz der Ausschaltung (KÜLPE) besonders herausgehoben. Daß damit eine neue eigenartige psychische Gesetzmäßigkeit konstatiert wäre, soll natürlich nicht gesagt sein. Ist sie doch unschwer rückführbar auf andere Gesetze.

G. Doppelleitigkeit der Assoziationen 

Die Leitungsfähigkeit einer Assoziationsdisposition erscheint als doppelseitig, erstreckt sich bildlich gesprochen nach zwei Richtungen, entsprechend den zwei Richtungen des sie schaffenden Abflusses aus den beiden Erregungsstellen. Sie scheint auch nach beiden Richtungen gleich groß zu sein, wenn die Höhepunkte der beiden Erregungsvorgänge, die sie geschaffen haben, - Gleichheit auch der sonstigen Umstände besonders der Intensität und Dauer beider Erregungen vorausgesetzt - in den gleichen Zeitpunkt gefallen sind. Sie ist aber nachweisbar ungleich, wenn ceteris paribus die Höhepunkte nicht in die gleiche Zeit fallen, sondern vom einen Vorgang früher, vom anderen später erreicht werden. Das zeigt sich bei der Reproduktion von seinerzeit sukzessiv im Bewußtsein erschienenen Inhalten (Reihe). Die Reproduktion einer Wortreihe in einer Reihenfolge, welche derjenigen beim Lernen entgegengesetzt ist (rückläufige Reproduktion), gelingt zwar, aber erheblich langsamer und mit mehr Fehlern, als in der ursprünglichen Reihenfolge (rechtläufige Reproduktion). Man erinnere sich nur, wie viel langsamer, ja unsicherer es geht, das ABC rückwärts zu sagen, von 100 abwärts nach 1 zu zählen oder gar die Worte des Vaterunsers vom letzten Wort her zu sprechen. Nebeneinander gesehene Gegenstände dagegen, also gleichzeitig bewußt gewesene Inhalte, bzw. gleichzeitig ablaufende Vorgänge hinterlassen Dispositionen, die nach jeder Richtung gleich stark sind. Es macht keinen Unterschied, in welcher Reihenfolge wir sie uns wieder vergegenwärtigen. EBBINGHAUS fand mit der Ersparnismethode, daß er, als er einmal gelernte Silbenreihen nach 24 Stunden in umgekehrter Reihenfolge bis zum freien Hersagen wieder lernte, beim Neulernen 12% an der Lernzeit sparte. Immerhin noch 5% ersparte er, wenn die Umkehrungsreihen so gebildet waren, daß jeweils eine Silbe ausgelassen war; dadurch war die Wirksamkeit der Assoziationen von Silbe zu Silbe ausgeschaltet. So beweist diese starke Abnahme, daß jene erste Ersparnis von 12% nicht etwa bloß der Bekanntheit der einzelnen Silber zu danken war, sondern der rückläufigen Wirksamkeit der stärkeren Assoziationen; sonst hätte die Ersparnis in beiden Fällen gleich sein müssen. MÜLLER und SCHUMANN stellten ähnliche Versuche mit der Treffermethode unter noch strengeren Bedingungen an und konstatierten bei ihren trochäisch [ohne Betonung, wp] gelernten Silbenpaaren eine deutliche Tendenz der zweiten Silbe die unmittelbar vorhergehende des gleichen Taktes zu reproduzieren, ein Ergebnis, das erneute Untersuchungen MÜLLERs mit PILZECKER nur bestätigten. Und JACOBS kam bei seinen Lernversuchen zum Ergebnis, daß das Hersagen einer gelernten Silbenreihe in umgekehrter Reihenfolge eine zwei- bis dreimal längere Zeit erforderte, als in der richtigen Reihenfolge, die Assoziation als rückläufig zwei- bis dreimal schwächer ist, als für rechtläufige Reproduktion, während LIPPMANN fand, daß bei gleichem Abstand der Silben die rückläufigen Reproduktionen seltener waren, als die rechtläufigen, die Assoziation also auch auf diesem Weg sich in rückläufiger Richtung als schwächer erwies wie umgekehrt.

So darf man die folgenden Gesetze aufstellen:
    1.  Eine Assoziation ist leistungsfähig, d. h. leitungsfähige nach beiden Richtungen, doppelleitig  (wechselseitig, HÖFLER).

    2.  Sie ist leistungsfähiger in der Richtung auf diejenige dispositiontragende Stelle hin, deren Erregung bei Entstehung der Assoziation - ceteris paribus - ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte  (Einseitigkeit der sukzessiv erworbenen Assoziation).

    3.  Sie ist -  so läßt sich vermuten -  gleich  leistungsfähig, wenn neben Gleichheit der übrigen Umstände die Erregungszustände bei Entstehung der Assoziation in beiden Stellen zu gleicher Zeit ihre Höhepunkte erreicht hatten.
Warum ist nun die Assoziation von  b  nach  a  schwächer, als von  a  nach  b?  Warum wird das vorausgehende Glied  a  von seinem Nachfolger minder sicher reproduziert, als der Nachfolger  b  von seinem Vorgänger  a?  Warum wird die psychische Erregung von der Vorstellungsdisposition  b  weniger leicht nach der Vorstellungsdisposition  a  geleitet als umgekehrt, wenn es doch auf ein und derselben Bahn geschieht? Bedenkt man, daß  a  und  b  doch bei sonst gleichen Umständen gleich starke Vorgänge sind, so muß der zeitliche Vorsprung des  a  seinen Vorteil bedingen. Es liegt die Vermutung nahe, daß der erste Vorgang durch den schon begonnenen Erregungsabfluß eine gewisse Disposition der zur Verfügung stehenden Abflußwege geschaffen hat, welche der spätere Vorgang erst zu überwinden, wenngleich nicht aufzuheben hat, welche der spätere Vorgang erst zu überwinden, wenngleich nicht aufzuheben hat, ehe auch er für sich eine Disposition des gleichen Abfluß- und Austauschweges bewirken kann. Und dieser Nachteil macht sich bemerkbar in der geringeren Leistungsfähigkeit der von ihm geschaffenen Assoziation. Physiologisch begründen diese Einseitigkeit MACH und CLAPARÉDE.

Die auffallendsten Beispiele der Ungleichheit der Leistungsfähigkeit einer Assoziation je nach der Richtung bietet die klinische Erfahrung. So beobachtete BERNHEIM, daß bestimmte Kranke, wenn man ihnen einen bekannten Gegenstand zeigte, den Namen nicht angeben konnten, wenn man ihnen den Namen nannte (optische Aphasie [Gedächtnisverlust, wp]). Und einmal fand er bei einem Patienten genau das Gegenteil. Angesichts dieser Dinge hat er sich die Frage vorgelegt, ob man nicht geradezu zwei getrennte Wege für die Weiterleitung der Erregung in den zwei Richtungen annehmen sollte. Diese Annahme von Parallelassoziationen verträgt sich allem Anschein nach ebensogut mit den psychischen Tatsachen wie die andere. Aber natürlich bleibt auch für diese Theorie noch zu erklären, weshalb die eine der Parallelassoziationen stärker ist, als die andere, eine Aufgabe, die für sie schwerer zu sein scheint, als für die Theorie der Doppelleitigkeit. Ob übrigens in allen Fällen, wo von rechtläufigen (progressiven) und rückläufigen (regressiven) Assoziationen - nicht Reproduktionen - die Rede ist, an zwei Assoziationen gedacht wird und nicht lediglich damit die Doppelleitigkeit ein und derselben Assoziation bezeichnet werden soll, ist zweifelhaft.

Für den Unterricht ist diese Tatsache der Ungleichheit der Stärke sukzessive erworbener Dispositionen je nach der Richtung sehr wichtig. Lernstoffe, die nach jeder Richtung hin gleich sicher und rasch reproduzierbar sein sollen, wie Geschichtszahlen und Ereignisse, Wort und Bedeutungsvorstellung, Vokabeln der eigenen und einer fremden Sprache, müssen in beiden Richtungen eingeübt werden. Wenn es sich dagegen nur um das Verständnis der fremden Sprache handelt, nicht um ihren freien Gebrauch, dann kann man sich - und die Pflicht der Sparsamkeit drängt uns dazu - mit dem Einüben besonders der Wortbedeutungen in der einen Richtung von der fremden zur eigenen begnügen. So begreift man es auch, daß viele, die eine fremde Sprache mit Leichtigkeit lesend oder hörend verstehen, ihrer doch nicht mächtig sind. Wer von allen, die das Nibelungen im mittelhochdeutschen Urtext mühelos lesen, könnte auch nur zehn Sätze aus dem Neuhochdeutschen fehlerlos ins Mittelhochdeutsche übersetzen? Und von den Unzähligen, die selbst schwierige französische oder englische Texte lesen, vermögen nur wenige einen fehlerlosen französischen oder englischen Brief zu schreiben. Aus diesem Grund ist auch die Gefahr, die für das Verständnis der lateinischen und griechischen Stilistik entstehen würde, nicht groß, wenn anders nur in der einen Richtung Fremdsprache - Muttersprache starke Assoziationen geschaffen und stets leistungsfähig erhalten werden.
LITERATUR - Max Offner, Das Gedächtnis, Berlin 1911