p-4 Max OffnerAdolf Lasson    
 
THEODOR ZIEHEN
(1862 - 1950)
Das Gedächtnis
[2/3]

"Das Erinnerungsbild unterscheidet sich, so können wir jetzt mit Bestimmtheit sagen, von der Empfindung nicht durch die Intensität, sondern vor allem qualitativ. Dieser qualitative Unterschied ist ganz undefinierbar, er ist nur erlebbar. In dem Augenblick, wo die Empfindung verschwindet und die Erinnerung an ihre Stelle tritt, vollzieht sich ein merkwürdiger Sprung. Man kann diesen Unterschied durch den Terminus  sinnliche Lebhaftigkeit  bezeichnen, muß sich aber klar darüber sein, daß man damit den Unterschied nicht definiert, sondern nur im Interesse der Verständigung mit einem Namen belegt hat."

"Die Hirnphysiologie hat uns gezeigt, daß ein allgemeines Gedächtnis überhaupt nicht existiert, sondern nur Teilgedächtnisse. Das Gedächtnis im allgemeinen ist eine Abstraktion. Es existiert ebensowenig, wie etwa ein Säugetier im allgemeinen existiert."


Weitere Aufschlüsse ergeben sich, wenn wir ein einzelnes einfaches Erinnerungsbild etwas länger verfolgen. Man überrascht sich dann dabei, wie man den grauen Würfel in das Eigenlicht der Netzhaut gewissermaßen hineinzuzeichnen oder den Akkord aus den leisen uns immer umgebende Geräuschen herauszuhören versucht. Auch mit leichten Augen- und Handbewegungen umziehen wir gelegentlich das Erinnerungsbild des Würfels, mit leichten Taktbewegungen begleiten wir das Erinnerungsbild einer Melodie. So versuchen wir unseren Erinnerungsbildern ihre sinnliche Unterlage wenigstens irgendwie wiederzugeben. Das Erinnerungsbild selbst aber besteht nicht in diesen gelegentlichen Begleitempfindungen. Ein längeres Festhalten gelingt uns überhaupt nicht. Es zerfließt gewissermaßen fortwährend unter dem Einfluß anderer Erinnerungen bzw. Vorstellungen, von denen wir es nicht isolieren können. Wir sind zu einer konstanten Reproduktion eines Erinnerungsbildes mit anderen Worten gar nicht fähig. Das Erinnerungsbild entweicht in jenen grandis recessus memoriae. Aus diesem können wir es jederzeit reproduzieren, aber jede Reproduktion ist immer zeitlich beschränkt.

Und auch in jenem grandis recessus bleiben die Erinnerung, wie wir alle wissen, nicht unangetastet. Sie fallen allmählich dem Vergessen anheim. Die experimentelle Psychologie vermag diesen Vorgang bis in alle Einzelheiten zu verfolgen. Man wählt zu solchen Versuchen Empfindungen bzw. Reize, welche sich leicht zahlenmäßig ausdrücken lassen. Linien- und Winkelgrößen, (13), Schall- und Lichtintensitäten usw. eignen sich hierzu in erster Linie. Aber auch das Gedächtnis für Qualitäten läßt sich auf demselben Weg rechnerisch verfolgen. So können wir z. B. die optischen Qualitäten, die Spektralfarben durch ihre Wellenlänge zahlenmäßig ausdrücken. Wir verfahren nun so, daß wir beispielsweise eine Linie von bekannter Ausdehnung oder eine Farbe von bestimmter Wellenlänge der Versuchsperson während einer bestimmten Expositionszeit vorlegen und nach einem variablen Intervall die Linie bzw. die Farbe von der Versuchsperson reproduzieren lassen. Diese Reproduktion geschieht am einfachsten in der Weise, daß die Versuchsperson nach Ablauf des Intervalls die Linie, bzw. die Farbe unter einer Skala von Linien oder Farben wieder herausfinden muß. Der durchschnittliche Fehler, den sie hierbei begeht, ausgedrückt in Millimetern bzw. Mikromillimetern, gibt mit einigen Einschränkungen geradezu ein Maß für das Gedächtnis ab. Für die praktische Ausführung der Versuche bedient man sich übrigens meist einer noch einfacheren, von FECHNER angegebenen Methode, der sogenannten Methode der richtigen und der falschen Fälle. Jedenfalls gelingt es so mit großer Sicherheit das Schicksal unserer einfachen Erinnerungsbilder zu verfolgen. Es hat sich bei solchen Versuchen ergeben, daß die meisten Erinnerungsbilder keineswegs gleichmäßig, also dem Intervall proportional verblassen, sondern daß die Kurve des Vergessens wesentlich von einem solchen geradlinigen Verlauf abweicht. Anfangs nämlich erfolgt das Verblassen des Erinnerungsbildes unverhältnismäßig langsam und erst nach einer ziemlich beträchtlichen Zeit erfolgt dann ein sehr rasches Verblassen. Dieser  "kritische Punkt"  der Kurve hat eine Lage, die von der individuellen Veranlagung, der Qualität des Reizes und anderen Faktoren abhängt.

Die Pathologie liefert hierzu einen sehr bemerkenswerten Beitrag. Meist wird gelehrt, daß bei den sogenannten Defektpsychosen, d. h. bei denjenigen Geisteskrankheiten, welche wie z. B. die Dementia paralytica und die Dementia senilis eine Abnahme des Gedächtnisses zeigen, zunächst das Gedächtnis für Neues und Jüngstvergangenes leide und daß erst ganz allmählich die Gedächtnisabnahme immer weiter rückwärts greife und schließlich sich auch auf das Längstvergangene erstrecke. Eingehende Untersuchungen haben mir gezeigt, daß auch in pathologischen Fällen der Gedächtnisdefekt in der Regel zunächst am soeben erwähnten kritischen Punkt einsetzt. Von diesem kritischen Punkt aus breitet sich dann der Gedächtnisdefekt sehr rasch auf das Jüngstvergangene und sehr langsam auf das Längstvergangene aus. Der beginnende Paralytiker vermag zuweilen vorgesprochene sechs-, acht- und selbst neunstellige Zahlenreihen noch richtig zu wiederholen und kann ein Rechenexempel, das er vor einer Minute gerechnet hat, noch richtig angeben, hingegen hat er vergessen, was er vor einigen Tagen oder Wochen oder Monaten  erlebt  hat. (14) Insofern schlägt also der pathologische Gedächtnisverlust in der Regel ganz denselben Weg ein wie der physiologische, den wir beim Gesunden auf jeder Lebensstufe und ganz besonders im Alter beobachten. Der Unterschied ist meistens nur ein quantitativer. Allerdings kommen vereinzelt auch Fälle vor, in welchen sehr charakteristisch ist, daß von Anfang an das Gedächtnis für das Neueste, die sogenannte Merkfähigkeit ganz besonders leidet. So beobachtet man gelegentlich bei Alkoholikern, namentlich wenn zugleich eine multiple Alkoholneuritis besteht, ferner in manchen Fällen von Hirnsyphillis und von seniler Demenz einen solchen "Merkdefekt". Die Kranken haben am Nachmittag vergessen, wo sie am Vormittag gewesen sind. Man mag ihnen die Jahreszahl immer wieder vorsprechen: schon nach einer Minute ist sie wieder vergessen. Dieser sogenannte KORSAKOFFsche Symptomenkomplex, zu dem auch die Neigung zu phantastischen Erinnerungstäuschungen gehört, beruth wahrscheinliche darauf, daß schon die erste Niederlegung des Erinnerungsbildes in abnormer Weise vor sich geht. Es handelt sich mehr um eine Störung der Deposition [Absetzung - wp] als der Retention [Zurückhaltung - wp] als solcher. Die eigentlichen Retentionsstörungen scheinen in der Tat stets dem Gesetz des kritischen Punktes zu folgen.

Man kann auch fragen, worin dieses Angetastetwerden der Erinnerungsbilder beim Vergessen besteht. Sicher handelt es sich nicht um eine einfache  Intensitäts abnahme. Das Verblassen des Erinnerungsbildes ist ein  qualitativer  Vorgang, durch den die Deutlichkeit des Erinnerungsbildes, d. h. seine Übereinstimmung mit der Grundempfindung allmählich zerstört wird. Die Fehlerbreite bei der Reproduktion wird dementsprechend immer größer. Auch dürfen wir uns diesen Vorgang keinesfalls als einen rein passiven denken. Auch beim Geistesgesunden vollziehen sich unterhalb der Bewußtseinsschwelle an den Erinnerungsbildern  aktive  Transformationen. Ich habe mich z. B. vielfach experimentell davon überzeugt, daß ein Erlebnis oder eine Erzählung nach einem Intervall von einigen Wochen oder Monaten, während dessen jede Reproduktioin vermieden wurde, in vielen Punkten erheblich verändert reproduziert wird. Es sind nicht nur Lücken vom Vergessen gerissen worden und die Tatsachen bis zur Unkenntlichkeit verblaßt, sondern auch positive Veränderungen sind erfolgt. Es handelt sich bei diesen Zutaten um den Prozeß, den französische Psychologen sehr charakteristisch als "cérébration inconsciente" [unbewußte Gehirntätigkeit - wp] bezeichnet haben. Unsere latenten Erinnerungsbilder sind dem Einfluß der Ideenassoziation nicht entzogen. Unterhalb der Bewußtseinsschwelle werden sie durch das bewußte Spiel der Vorstellungen transformiert. Zahlreiche Tatsachen der Psychologie der Aussage lassen sich nur auf diesem Wege erklären. Vollends zeigt uns die Beobachtung des Geisteskranken diese aktiven oder positiven Transformationen in ganz unzweideutiger Form. Die sogenannten Erinnerungstäuschungen oder Konfabluationen [Produktion von objektiv falschen Aussagen - wp] sind nichts anderes als solche Transformationen der Erinnerungsbilder. Sie können mit einer abnorm lebhaften Phantasie verbunden sein, sind es aber keineswegs immer. Mit der  bewußten  Tätigkeit der Phantasie haben sie überhaupt nur in vereinzelten Fällen etwas zu tun.

Ebenso wie die Gesetze der Retention sind auch die Gesetze der Reproduktion durch die systematische experimentelle Beobachtung im Laufe der letzten Jahrzehnte mit genügender Sicherheit festgestellt worden. Eine willkürliche Reproduktion im Sinne einer an keine Gesetze gebundenen, nicht nezessierten Reproduktion existiert nicht. Man kann das Hauptgesetz der Reproduktion durch folgenden Satz ausdrücken: ein Erinnerungsbild kann nur durch eine Empfindung, welche seiner Grundempfindung ähnlich ist oder durch ein Erinnerungsbild, mit welchem es früher einmal oder öfter gleichzeitig aufgetreten ist, reproduziert werden. Das Kind, welches zum ersten Mal einen Wolf sieht, wird sich dabei des Hundes erinnern, weil dieser jenem ähnlich ist. Andererseits wird ihm das Erinnerungsbild des Hundes auch aufsteigen, wenn es die Hundehütte sieht, vor der es den Hund oft hat liegen sehen. Wir sprechen im ersteren Fall von Ähnlichkeitsassoziation, im letzteren von Gleichzeitigkeitsassoziation oder auch von assoziativer Verwandtschaft. Je nachdem für ein Erinnerungsbild viel oder wenig ähnliche Empfindungen vorhanden sind, und je nachdem ein Erinnerungsbild mit vielen oder wenigen anderen Erinnerungsbildern durch Gleichzeitigkeitsassoziation verknüpft ist, ist seine Aussicht, reproduziert zu werden, größer oder kleiner. Wenn wir oft, wie man zu sagen pflegt, auf einen Namen oder ein anderes Wort "nicht kommen", so handelt es sich meistens um ein Erinnerungsbild, das nur wenige assoziative Verknüpfungen hat. Dazu kommt weiter, daß nicht nur die Zahl der assoziativen Verknüpfungen, sondern auch die Häufigkeit der einzelnen assoziativen Verknüpfung magebend ist. Der Name KANT erinnert mich z. B. meist an die Kritik der reinen Vernunft oder an den kategorischen Imperativ, weil die Vorstellung KANT am häufigsten gleichzeitig mit einer dieser beiden Vorstellungen bei mir aufgetreten ist.

Von ganz besonderer Bedeutung ist ferner bei der Reproduktion der Gefühlston der Erinnerungsbilder. Erinnerungsbilder, welche von einem starken positiven oder negativen Gefühlston begleitet sind, werden leichter reproduziert. Wenn mir eine Stadt genannt wird, so fällt mir in erster Linie ein, was ich dort Angenehmes und Unangenehmens erlebt, Schönes und Häßliches gesehen habe usw. Insofern kann man geradezu von einer Auslese oder Selektion des Gedächtnisses sprechen. Sorgfältige Beobachtung lehrt sogar noch mehr. Im allgemeinen sind die von positiven Gefühlstönen begleiteten Erinnerungen leichter reproduzierbar als die von negatigen Gefühlstönen begleiteten. (15) Der Schleier, den das Vergessen über die Vergangenheit wirft, liegt dichter über den unangenehmen Erinnerungen. Wenn wir uns an einem Ort auch oft recht unglücklich gefühlt haben, erscheint er uns nachher in der Erinnerung wunderbar verschönt. Alles Unangenehme ist vergessen und nur das Angenehme wird reproduziert. Selbst der eingefleischteste Pessimist ist diesem psychologischen Gesetz nicht ganz entzogen. Sein Pessimismus bezieht sich viel mehr auf die Gegenwart und die Zukunft als auf die Vergangenheit. Das Wort "dulce est praeteritorum malorum reminisci" [Süß ist die Erinnerung an ein vergangenes Übel - wp] gründet sich nicht nur auf die Freude des Überstandenhabens und den Kontrast der glücklicheren Gegenwart, sondern vor allem auch auf die soeben kurz geschilderte optimistische Selektion unseres Gedächtnisses. Freilich gilt dieses Gesetz nur für neutrale und für positive Stimmungslagen. Bei negativer Stimmungslage, als bei Traurigkeit, kehrt sich die selektive Tendenz um: traurige Erinnerungen werden dann leichter reproduziert als heitere. Am ausgeprägtesten zeigt das die Melancholie, bei der die Reproduktionsfähigkeit für alle freundlichen Erinnerungen geradezu aufgehoben ist. (16)

Von dem Standpunkt, den wir jetzt erreicht haben, erscheint es nunmehr auch unzulässig zu fragen, bis zu welchem Alter das Gedächtnis zunimmt, und von welchem Alter ab es abnimmt. Wir müssen eben streng zwischen der Retention und der Reproduktion unterscheiden. Die Fähigkeit der Retention erreicht schon sehr früh, spätestens in der Pubertät ihren Höhepunkt. (17) Die Reproduktionsfähigkeit als solche ist beim Kind noch sehr klein und nimmt bis etwa in das 5. Lebensjahrzehnt zu. Es ist z. B. auffällig, wie wenig Kinder bis zum 15. Lebensjahr von einer Reise behalten. Der Erwachsene ist ihnen hierin weit überlegen. Dieser Unterschied beruth nicht auf der besseren Retetionsfähigkeit des Erwachsenen. Vielmehr ist entscheidend nur die Tatsache, daß der Erwachsene bereits über ein sehr viel größeres Material von Erinnerungsbildern verfügt und daher seine neuen Erlebnise, z. B. auf einer Reise, mit viel mehr alten Erinnerungsbildern assoziativ verknüpfen kann. (18) Von der Zahl dieser assoziativen Verknüpfungen hängt aber, wie sich oben ergeben hat, die Reproduzierbarkeit der Vorstellungen in erster Linie ab. Wir verhaken oder verankern unsere Erinnerungsbiler gewissermaßen viel besser, oder, um einen sehr bezeichnenden Ausdruck HERBARTs zu gebrauchen, wir verfügen über viel mehr "Hilfen". Es ist daher ganz sinnlos, von einer Abnahme und Zunahme des Gedächtnisses schlechthin zu sprechen. Wollen wir durchaus das Maximum unserer Gedächtnisleistungen zeitlich fixieren, so müßten wir denjenigen Punkt aufsuchen, wo das Optimum der Retention noch nicht zu weit hinter uns liegt und das Optimum der Reproduktion sich schon nähert. Jedenfalls liegt dieser Punkt erheblich jenseits der Pubertät.

Mit diesen Feststellungen ist im großen und ganzen erschöpft, was die Psychologie in der Lehre vom Gedächtnis unabhängig von der Hirnphysiologie im  allgemeinen  zu leisten vermag. Durch die Heranziehung der Hirnphysiologie, der pathologischen wie der experimentellen, ist es gelungen, weitere Aufschlüsse zu erlangen. Erst die Hirnphysiologie hat uns gezeigt, daß ein allgemeines Gedächtnis überhaupt nicht existiert, sondern nur Teilgedächtnisse. Die älteste physiologische Psychologie zur Zeit der griechisch-römischen Ärzte und zur Zeit der Patristen hatte fast spielend das Gedächtnis bald in diese, bald in jene Hirnregion verlegt. (19) In den folgenden Jahrhunderten wurden überhaupt keine physiologischen Lokalisationen des Gedächtnisses versucht. Erst GALL, dem die Hirnanatomie so außerordentliche Entdeckungen verdankte, versuchte wieder eine Lokalisation des Gedächtnisses und zwar wies er ihm den Sitz in der Stirnregion an. Die Unterscheidung der einzelnen Sinnesgedächtnisse lag ihm noch fern, statt dessen nahm er eine  mémoire des choses, mémoire des personnes, mémoire des mots  [Gedächtnis der Sachen, der Personen, der Wörter - wp] usw. an und wies jedem dieser Einzelgedächtnisse einen bestimmten Sitz zu. (20) Schon sehr bald setzte die Reaktion ein und nun wurde gelehrt, daß jeder kleinste Teil der Großhirnreinde alle psychischen Funktionen, also auch diejenige des Gedächtnisses habe. Dabei wurde aber in Übereinstimmung mit GALL das Gedächtnis noch immer als unteilbare Funktion betrachtet. Selbst die ersten Entdeckungen HITZIGs schufen hierin keinen Wandel. Erst die Untersuchungen MUNKs brachen der richtigen Erkenntnis Bahn, daß nicht nur die Empfindungen, sondern auch die Erinnerungsbilder der verschiedenen Sinnesgebiete an weit auseinander gelegenen Orten der Hirnrinde zu lokalisieren sind. Nach den älteren Anschauungen waren es dieselben Elemente der Hirnrinde, welche bald die Erinnerung  optischer  Empfindungen, bald die Erinnerung  akustischer  Empfindungen usw. reproduzierten. Jetzt war man gezwungen, eine optische, eine akustische, eine taktile Erinnerungssphäre zu unterscheiden. Alle Untersuchungen der letzten 30 Jahre - seit dem ersten Vortrag MUNKs im Jahre 1877 (21) - haben diesen Satz bestätigt. Das Gedächtnis im allgemeinen ist eine Abstraktion. Es existiert ebensowenig, wie etwa ein Säugetier im allgemeinen existiert. Allenthalben existieren nur Partialgedächtnisse. Damit hat die Hirnphysiologie der Psychologie und speziell auch der Psychopathologie eine äußerst folgenreiche Einsicht eröffnet. Anstelle der allgemeinen Gedächtnisuntersuchungen traten Untersuchungen der Spezialgedächtnisse. Für jedes Sinnesgebiet liegen heite ausgezeichnet derartige Abhandlungen vor.

Mit diesem Fortschritt der Erkenntnis ergab sich sofort eine weitere Fragestellung: deckt sich für jedes Sinnesgebiet die Erinnerungssphäre mit der Empfindungssphäre der Großhirnrinde? Mit anderen Worten: sind es dieselben Elemente, welche bei der Empfindung und bei der Erinnerung tätig sind? Die Beantwortung dieser Frage ist noch nicht mit absoluter Sicherheit gelungen. MUNK selbst nahm an, daß die Empfindungssphäre, beispielsweise die Sehsphäre im Ganzen den Empfindungen diene und daß nur ein relativ beschränkter Teil, die von ihm als  A1  bezeichnete Stelle, für die Niederlegung der Erinnerungsbilder bestimmt sei. Er dachte sich, daß die Erinnerungsbilder in der Reihenfolge etwa, wie die Empfindungen zuströmen, gewissermaßen von einem zentralen Punkt aus in immer größerem Umkreis deponiert würden. Demgegenüber wurde von anderer Seite eine viel weitergehende Trennung angenommen. So ist die Anschauung heute sehr verbreitet (22), daß die Umgebung der Fissura calcarina [Spalt am Hinterhauptlappen des Großhirns - wp] auf der Medialfläche des Gehirns dem Sehen selbst, also den Gesichtsempfindungen diene, während das optische  Erinnern  auf der lateralen Fläche des Okzipitallappens [Hinterhauptlappen - wp] lokalisiert sein soll. Schließlich hat eine dritte Gruppe die Ansicht vertreten, daß buchstäblich in denselben Elementen einerseits der Empfindungsakt und andererseits der Erinnerungsakte sich abspiele. Ein entscheidender Beweis für die Trennung der empfindenden und der erinnernden Elemente wäre offenbar gegeben, wenn wir Fälle nachweisen könnten, in welchen beispielsweise die optischen  Empfindungen ganz  intakt waren, während die optischen  Erinnerungen  schwer geschädigt oder zerstört waren. (23) Es ist dies bekanntlich der Zustand, den man nach MUNK als Seelenblindheit bezeichnet hat. Der Nachdruck ist dabei auf die  absolute  Intaktheit der Empfindungen zu legen. Wenn nämlich die Empfindungen nicht absolut intakt sind, also das Sehen - um beim Gesichtssinn zu bleiben - doch auch leicht gestört ist, so würde ein solcher Fall der Annahme des absoluten Zusammenfallens der empfindenden und der erinnernden Elemente nicht widersprechen; man hätte, um die Annahme zu halten, nur vorauszusetzen, daß die Erinnerungsfunktion der hypothetischen Elemente leichter leide als die Empfindungsfunktion. Hingegen ist allerdings ein Fall reiner Seelenblindheit bei  absoluter Intaktheit  der optischen Empfindungen mit der Annahme der Identität der empfindenden und der erinnernden Elemente unverträglich. Man kann sich nicht wohl vorstellen, daß irgendein pathologischer Prozeß in den hypothetischen Elementen mit doppelter Funktion ausschließlich nur die eine Funktion zerstört und und die andere unversehrt läßt. Das ist umso mehr ausgeschlossen, als es sich bei den in Frage kommenden Fällen nicht um feine mikroskopische, sondern um grobe makroskopische Zerstörungsprozesse handelt.

Was lehrt nun eine Umschau über die Kasuistik [Betrachtung von Einzelfällen - wp] ? Zunächst scheiden die Tierversuche fast vollständig aus. Wie schon LUDWIG MAUTHNER (24) gegenüber MUNK hervorhob, ist beim Tierversuch nicht ausgeschlossen, daß die angebliche Seelenblindheit, d. h. also die Unfähigkeit des optischen Wiedererkennens einfach auf einer Abnahme der Schärfe der optischen Empfindungen z. B. speziell im Bereich der Macula lutea [gelber Fleck im Augenhintergrund - wp] beruth. Beim Tier, speziell auch beim Hund und Affen, die namentlich für solche Versuche in Betracht kommen, ist eine Feststellung, ob die optischen Empfindungen wirklich ganz intakt sind, schlechterdings nicht möglich. Aber auch die Erfahrungen am Krankenbett sind viel spärlicher, als man zunächst glauben möchte. Die Untersuchungen der Empfindungsfähigkeit lassen in den meisten der zur Zeit vorliegenden Krankengeschichten sehr viel zu wünschen übrig. Auf dem Gebiet des Gesichtssinnes ist beispielsweise eine Sehprüfung mit Hilfe der SNELLschen Proben durchaus unzureichend, ganz abgesehen davon, daß andererseits eine solche Prüfung keine ausschließliche Empfindungsprüfung ist, sondern auch ein Wiedererkennen verlangt. Verwertbar sind vielmehr nur Fälle, in denen die Licht- und Farbenempfindlichkeit und die räumlichen Eigenschaften der Gesichtsempfindung (25) nach streng psychologischen Methoden untersucht worden sind.

Ebenso genügt auf dem Gebiet des  Gehör sinns nicht etwa die Prüfung der Hörfähigkeit für Flüstersprache, sondern wenigstens ist eine Prüfung mit Hilfe der kontinuierlichen BEZOLDschen Tonreihe und die Untersuchung der Perzeptionsdauer erforderlich; wenn irgendmöglich ist auch die Schallempfindlichkeit mit Hilfe des Fallphonometers zu prüfen. (26)

Legt man nun diesen strengen Maßstab an die Kasuistik an, so ergibt sich - ich muß gestehen, zu meinem eigenen Befremden -, daß kein einziger Fall den oben gestellten Anforderungen vollkommen genügt. So sind in der Literatur allerdings einige leidlich untersuchte Fälle von allgemeiner Seelenblindheit niedergelegt, in welchen bei angeblich intakter Sehschärfe die Objekte mit Hilfe des Gesichtssinns nicht erkannt wurden. Durchweg vermißt man jedoch genügende Belege für die Behauptung, daß die Sehschärfe intakt gewesen ist. Dabei sehe ich von der Komplikation mit Hemianopsie [Halbseitenblindheit - wp], zentralem Skotom [Sehverlust - wp] usw. noch ganz ab. Immerhin finden sich wenigstens einige Fälle, in denen allerdings ein erhebliches Mißverhältnis zwischen der Störung des Wiedererkennens und der Störung der Sehschärfe vorhanden war. Beispielsweise war ersteres völlig aufgehoben und die Sehschärfe wenigstens so weit untersucht, daß eine  erheblichere  Störung des Sehens mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Auf dem Gebiet des Gehörsinns fehlen zuverlässige Beobachtungen von wirklich isolierter allgemeiner Seelentaubheit vollständig.

Sonach würde die Lehre von der Trennung der Empfindungs- und der Gedächtniselemente in der Tat auf recht schwachen Füßen stehen, wenn nicht auf  einem  Spezialgebiet beweisendere Beobachtungen vorlägen, nämlich auf dem Gebiet der  Sprache.(27) Die Wortblindheit oder  Alexie  ist nichts anderes als ein Spezialfall der Seelenblindheit, die Worttaubheit oder  sensorische Aphasie  nichts anderes als ein Spezialfall der Seelentaubheit. Inbesondere liefert die Kasuistik der sensorischen Aphasie einige Fälle, die den oben gestellten Anforderungen einigermaßen genügen.
LITERATUR - Theodor Ziehen, Das Gedächtnis [Festrede gehalten am Stiftungstag der Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen, 2. Dezember 1907], Berlin 1908
    Anmerkungen
    13) Diese Undefinierbarkeit teilt der Unterschied zwischen Vorstellung und Empfindung mit den einfachen Empfindungen und Vorstellungen selbst. Wir können "blau" nur mit Bezug auf den zugehörigen physikalischen Reiz, nicht psychologisch definieren. PLATO hat diese Gedanken bereits in aller Klarheit ausgedrückt (Theaetet, Kap. 39). Eine Erklärung dieser Undefinierbarkeit hat schon LOCKE zu geben versucht (Essay concerning human understanding III, 4, 7)
    14) Über eine sehr ausgedehnte Versuchsreihe mit Linien und Kreisflächen, bei welcher ich selbst Versuchsperson war, wird demnächst Prof. SAKAKI berichten.
    15) Experimentell prüfen wir das, in dem wir ganz kurze Geschichten oder tatsächliche Mitteilungen einen Kranken nach 24, 48 usw. Stunden reproduzieren lassen.
    16) Ausführlicher habe ich diese Gesetze in einem Vortrag auf der Naturforscherversammlung in Kassel, 1903, entwickelt.
    17) Die Faktoren, welche die Reproduktion beherrschen, sind hiermit noch nicht erschöpft. Es kommt die von mir sogenannte Konstellation hinzu. Vgl. Leitfaden der physiologischen Psychologie, 1. Auflage, Seite 119
    18) Fast alle Untersuchungen über das Verhalten des Gedächtnisses auf den verschiedenen Altersstufen lassen eine scharfe Unterscheidung zwischen Retention und Reproduktion vermissen.
    19) Daneben bestanden auch chemisch-physikalische Theorien, über welche uns z. B. AETIUS Auskunft gibt. Er schließt sich dabei namentlich an GALEN und RUFUS an. Er erteilt zugleich ausführliche therapeutische Ratschläge.
    20) Immerhin hat GALL wenigstens bereits die alte Lehre vom Gedächtnis als einer einheitlichen primitiven Seelenfunktion bekämpft. Freilich zeigt sich auch, wie weit GALL noch von der Unterscheidung der einzelnen Sinnesgedächtnisse und von der Erkenntnis des Aufbaus unserer Vorstellungswelt aus diesen Sinnesgedächtnissen entfernt war. Es ist nicht uninteressant, daß in diesem Punkt AUGUSTIN der Wahrheit schon viel näher kam; er sagt "Alles das nimmt auf, um es, wenn nötig, aufzubewahren und wiederzugeben die große Haupthöhle des Gedächtnisses und ich weiß nicht, welche geheimen und unbeschreiblichen Verzweigungen es gibt." Ganz deutliche Hinweise auf eine lokale Trennung der einzelnen Sinnesgedächtnisse enthält auch das oben zitierte Werk HARTLEYs.
    21) Vgl. MUNK, Über die Funktionen der Großhirnrinde, Berlin 1890, Seite 9f. Der MUNKsche Vortrag ist am 23. März 1877 gehalten worden. Dabei ist anzuerkennen, daß FERRIER in seinen Functions of the brain (die Vorrede ist vom Oktober 1876 datiert) noch etwas vor MUNK sehr klar die einzelnen Sinnesgedächtnisse als lokalisierte Funktionen der Hirnrinde aufgefaßt hat (dt. Übersetzung, Braunschweig 1879, Seite 288f), aber erstens hat er in dieser Richtung keine Versuche angestellt und zweitens nimmt er ohne weiteres das Zusammenfallen der Erinnerungsfelder und Empfindungsfelder an. Auch die noch älteren drei kleinen Abhandlungen FERRIERs aus den Jahren 1873, 1874 und 1875 geben keinen weiteren Aufschluß über die "Erinnerungsfelder".
    22) Als älteren Vertreter dieser Anschauung will ich beispielsweise hier nur WILBRAND anführen (Die Seelenblindheit als Herderscheinung usw., Wiesbaden 1887). F. MÜLLER, der im übrigen die Trennung des optischen Empfindungsfeldes vom optischen Erinnerungsfeld als "zu einfach und grob" ablehnt, fand bereits bei seiner Zusammenstellung als häufigsten Befund in Fällen von Seelenblindheit einen Herd im lateralen Gebiet des Okzipitallappens und im angrenzenden Parietallappen (Archiv für Psychiatrie, Bd. 24, Seite 856)
    23) Es kommt also garnicht auf die spezielle Lokalisation des pathologisch-anatomischen Befundes, sondern zunächst lediglich auf die klinische Frage an: kommt bei  einer Herderkrankung,  wo sie auch liegen mag, Seelenblindheit bei absoluter Intaktheit der optischen Empfindungen vor?
    24) Zu LUDWIG MAUTHNER, Wiener medizinische Wochenschrift, 1880, Nr. 26. Ähnlich hatten sich auch GOLTZ und LOEB ausgesprochen, die allerdings neben der Störung des Farben- und Ortssinns eine allgemeine Demenz zur Erklärung heranzogen. Ebenso hat HITZIG alle in Betracht kommenden Erscheinungen durch Empfindungsstörungen erklären zu können geglaubt (z. B. Alte und neue Untersuchungen über das Gehirn, Archiv für Psychiatrie, Bd. 37, Seite 583). Bekannt ist auch der KOENIG-SIEMERLINGsche Versuch (Archiv für Psychiatrie, Bd. 21, Seite 284): wenn durch angefettete Brillengläser die Sehschärfe auf ein Drittel herabgesetzt wird  und  das Versuchszimmer monochromatisch erleuchtet wir, erkennt man einfache Gegenstände nicht mehr und benennt sie daher auch meistens falsch, obwohl die Größe der Gegenstände noch annähernd erkannt wird. Ich habe mich übrigens bei diesem Versuch - auch bei eigenen Nachprüfungen - immer darüber gewundert, wie  sehr erheblich  die Empfindungsstörung sein muß, um diese experimentelle Seelenblindheit hervorzubringen. Wenn man in Betracht zieht, daß in den pathologischen Fällen von Seelenblindheit die Empfindungsstörungen oft doch viel geringer sind, so wird man den KOENIG-SIEMERLINGschen Versuch sicher nicht  gegen  die Trennung des optischen Erinnerungsfeldes vom optischen Empfindungsfeld verwerten können. Andererseits spricht er auch nicht entscheidend  für  eine solche Trennung, denn erstens genügt zuweilen eine geringere experimentelle Herabsetzung der Sehschärfe, um das optische Wiedererkennen zu stören und zweitens könnte man noch immer einwerfen, daß durch die KOENIG-SIEMERLINGsche Versuchsanordnung die  räumlichen  Funktionen der optischen Empfindungen, welche das Objekt meistens am schärfsten charakterisieren, garnicht erheblich gestört wurden und deshalb die Leistungen noch relativ gut ausfilen, während eine solche Störung nach den klinischen Befunden in pathologischen Fällen von Seelenblindheit in der Regel nicht bestimmt auszuschließen ist. Es kann in diesem Zusammenhang immerhin erwähnt werden, daß diejenigen, welche aufgrund übrigens unhaltbarer Spekulationen dem Raumsinn der Netzhaut eine von der Farbe- und Lichtempfindung getrennte Lokalisation zugeschrieben haben, diesen optischen Raumsinn wiederholt in der lateralen Konvexität des Okzipitallappen lokalisiert haben, also da, wo nach besser begründeten klinischen und anatomischen Untersuchungen der Sitz der optischen Erinnerungsbilder eventuell zu suchen wäre.
    25) Speziell möchte ich im Anschluß an das in der vorigen Anmerkung Gesagte nochmals nachdrücklich die Wichtigkeit einer genauen Untersuchung der räumlichen Eigenschaften der optischen Empfindungen betonen. Es muß also beispielsweise jedenfalls der WEBERsche Empfindungskreis auf optischem Gebiet festgestellt werden. Ferner müßte nach der Methode der richtigen und falschen Fälle die Wiedergabe von Winkelgrößen in der optischen Empfindung geprüft werden. Zu diesen beiden und manchen anderen Untersuchungen bedarf es gar keiner Apparate: man muß sie nur kennen und ihre Bedeutung verstehen.
    26) Die räumlichen Eigenschaften der Empfindung spielen bekanntlich auf dem Gebiet des Gehörsinns nur eine relativ nebensächliche Rolle.
    27) Es ist sehr bezeichnend, daß selbst WUNDT diesen Beobachtungen eine gewisse Beweiskräftigkeit mit bezug auf die Trennung der Erinnerungsfelder von den Empfindungsfeldern zuspricht.