p-4 Max OffnerAdolf Lasson    
 
THEODOR ZIEHEN
(1862 - 1950)
Das Gedächtnis
[3/3]

"Unsere latenten Erinnerungsbilder sind uns nicht als psychische Prozesse, sondern lediglich als materielle Veränderungen gegeben. Der Ausdruck  latente Erinnerungsbilder  bezeichnet ausschließlich diese materiellen Veränderungen. Man hat früher, als man die jetzt vorgetragenen psycho-physiologischen Tatsachen noch nicht kannte, die latenten Erinnerungsbilder oft als  unbewußte psychische  Prozesse bezeichnet. Diese unbewußten psychischen Prozesse nehmen eine sonderbare hermaphroditische Zwischenstellung zwischen den materiellen und den psychischen Prozessen ein."

Der Sensorisch-Aphasische hört die zu ihm gesprochenen Worte, aber sie kommen ihm, weil er die akustischen Erinnerungsbilder der Worte verloren hat, ganz fremd vor und werden von ihm daher auch nicht verstanden. Es kommt nun alles darauf an, ob in diesen Fällen die Gehörsempfindungen wirklich ganz intakt sein können. WERNICKE, der Entdecker der sensorischen  Aphasie,  hat später behauptet, daß bei der sensorischen Aphasie ganz regelmäßig auch Hörstörungen vorhanden seien. Speziell sollten nach WERNICKE (28) und anderen gerade diejenigen Tonhöhen ausgefallen sein, innerhalb deren sich das gewöhnliche Sprechen bewegt. Der Sensorisch-Aphasische wäre also nach WERNICKE nur deshalb für Worte seelentaub, weil er die Worte nicht ausreichend hört. Ich kann dieser Behauptung WERNICKEs, für die er übrigens auch keinen irgendwie beweisenden Fall beigebracht hat, nur entschieden widersprechen. Es gibt Fällt schwerer sensorischer Aphasie, in welchen die in Betracht kommenden Töne der menschlichen Sprache noch sehr gut gehört werden. Solchen Fällen gegenüber läßt sich die WERNICKEsche Hypothese schlechterdings nicht halten. Andererseits ist allerdings zuzugeben, daß auch diese Fälle bezüglich der Genauigkeit der Hörprüfung noch immer etwas zu wünschen übrig lassen. Hier bleibt der weiteren Forschung ein sehr dankbares Gebiet. Vorbehaltlich solcher weiteren Untersuchungen läßt sich jedoch so viel schon heute sagen: es existieren einige Fälle - ich selbst habe ebenfalls solche beobachtet -, in welchen bei schwerer sensorischer Aphasie (29) die Hörprüfung wenigstens so sorgfältig angestellt wurde, daß eine irgend erheblichere Störung des Hörens bestimmt ausgeschlossen werden konnte. (30)

Nicht ganz so günstig sind die klinischen Erfahrungen bezüglich der Wortblindheit (31). Weder aus der Literatur noch aus meiner eigenen Erfahrung ist mir ein Fall bekannt, in dem ähnlich wie bei manchen Fällen von Worttaubheit eine erheblichere Empfindungsstörung ganz ausgeschlossen werden kann. Immerhin nähern sich einige Fälle auch hier dem von uns postulierten Idealfall. Zusammenfassend darf man also wohl sagen, daß die pathologische Kasuistik sehr bedeutungsvolle Hinweise auf die Trennung der Gedächtniselemente von dem Empfindungselementen liefert.

Ich glaube hier allerdings einen ziemlich nahe liegenden Einwand zu hören. Man könnte sagen, daß gerade die Seltenheit der von uns postulierten Fälle beweise, daß die behauptete Trennung nicht vorhanden sei. Dieser Einwand ist jedoch unberechtigt. Erstens sind die Fälle von Seelenblindheit, Seelentaubheit, Wortblindheit und Worttaubheit überhaupt nicht fähig. Zweitens ist der psychische Zustand dieser Kranken sehr oft nicht normal, so daß entweder wegen Benommenheit oder wegen Intelligenzdefekt eine sorgfältige Untersuchung nicht möglich ist; alle derartigen Fällen scheiden selbstverständlich aus. Drittens ist die Untersuchung seither meisens nicht sorgfältig genug gewesen, weil man die Pointe der ganzen Frage, die Intaktheit der Gehörs- und Gesichtsempfindungen, nicht ausreichend würdigte. Endlich ist es durch begreiflich, daß  isolierte  Seelenblindheit usw. selbst bei völliger Trennung der Erinnerungsfelder von den Empfindungsfeldern selten zur Beobachtung kommt. Die meisten Herderkrankungen des Gehirns sind vaskulären [gefäßartigen - wp] Ursprungs und die Provinzen der einzelnen Hirnarterien entsprechen bemerkenswerter Weise durchaus nicht etwa scharf abgegrenzter Funktionsgebieten. In der Regel erstreckt sich das Gebiet einer Arterie über Gebiete verschiedener Funktionen. Bei allen vaskulären Herderkrankungen ist es also geradezu ausgeschlossen, daß sie nur  eine  Funktion zerstören. Erst recht ist es bei Geschwülsten, Abszessen usw. als ein ganz besonderer Zufall anzusehen, wenn die Zerstörung sich gerade nur auf  ein  physiologisches Gebiet beschränkt. Mit anderen Worten die Seltenheit der von uns postulierten Fälle spricht nicht gegen die Trennung der Gedächtniselemente und der Empfindungselemente.

Stellen wir uns nun auf diesen Standpunkt der Trennung, so kann man sich den  Grad  dieser Trennung noch sehr verschieden denken. Man könnte einerseits wenigstens ein teilweises Zusammenfallen, etwa im Sinne der ersten Lehren MUNKs annehmen. Man könnte sich andererseits bei völliger Trennung sich denken, daß etwa eine Rindenschicht die Gedächtniselemente, eine andere die Empfindungselemente enthalte. Endlich könnte man sich vorstellen, daß jene und diese in ganz getrennten Rindenterritorien gelegen sein. Im letzteren Fall würde also auf der Oberfläche der Großhirnrinde ein optische Erinnerungsfeld und ein optisches Empfindungsfeld, ein akustisches Erinnerungsfeld und ein akustisches Empfindungsfeld zu unterscheiden sein. Innerhalb eines jeden Erinnerungsfeldes wäre dann noch ein Spezialfeld für die Wortbilder anzunehmen. Es gibt  eine  Tatsache, welche allerdings sehr zugunsten der territorialen Trennung im Sinne der letztgenannten Ansicht spricht. Es ist durch viele Beobachtungen festgestellt, daß Sehstörungen, d. h. Störungen der optischen Empfindungen durch Zerstörung der Rinde in der Umgebung der Fissura calcarina [Spalt des Hinterhauptlappens - wp] auf der Medialfläche zustande kommen. Andererseits findet man bei zentraler Wortblindheit sehr regelmäßig eine Zerstörung im weit abgelegenen Gyrus angularis [Windung der Großhirnrinde - wp] auf der lateralen Konvexität der linken Hemisphäre. (32) Selbst wenn man mit MONAKOW und einigen anderen der Sehsphäre eine erheblich größere Ausdehung als der Bereich der Fissura calcarina zuschreibt, wird man sie doch wohl kaum bis zum Gyrus angularis einschließlich ausdehnen können. Dem widersprechen alle anatomischen und speziell auch alle entwicklungsgeschichtlichen Daten über den Verlauf der Optikusfasern und vor allem auch die pathologischen Erfahrungen. Letztere zeigen, daß zur völligen Blindheit einer Zerstörung des Gyrus angularis durchaus nicht notwendig ist. Auch die Erfahrungen über sekundäre Degeneration der zentralen Sehbahn sprechen sehr dagegen, daß der Gyrus angularis eine Endstätte von Sehfasern ist. Wenn das aber alles so ist, so wird man sich sehr schwer der Annahme entziehen können, daß wenigstens die optischen Erinnerungsbilder der Worte in einem anderen Rindenterritorium zu suchen sind als die optischen Empfindungen und der Analogieschluß auf eine territoriale Trennung auch aller anderen Erinnerungssphären von ihren Empfindungssphären liegt dann sehr nahe.

Man hat früher an dieser territorialen Trennung von Erinnerungs- und Empfindungsfeldern namentlich auch deshalb Anstoß genommen, weil man sich den Erregungsprozeß in den beiden Feldern etwas naiv folgendermaßen vorstellte. Erst sollte, wenn wir beispielsweise ein Licht sehen, im Empfindungsfeld eine Errgung zustande kommen. Mit dem Verschwinden des Lichts, bzw. mit dem Schluß des Auges sollte die Erregung im Empfindungsfeld verschwinden und dann ihr Rest in das Erinnerungsfeld "abfließen" und hier als Erinnerungsspur zurückbleiben. Eine solche Vorstellung ist sicher nicht annehmbar. Wohl aber können wir uns denken, (33) daß von Anfang an bei jedem Sinnesreiz zwei Arten von Elementen in der Hirnrinde zugleich erregt werden, Empfindungselemente und Erinnerungselemente. Die Erregung der ersteren würde - vom Spezialfall der sogenannten Nachbilder abgesehen - mit dem Verschwinden des Reizes bzw. mit dem Aufhören der direkten Wirkung des Reizes sofort abklingen, während die Erregung der Erinnerungselemente den Reiz in Gestalt einer bleibenden Veränderung überdauern würde. Formuliert man den Unterschied der Empfindungselemente und der Erinnerungselemente in dieser Weise, so ist er sehr wohl verständlich: er bietet uns ein Beispiel der Funktionsteilung, wie wir sie in der Physiologie allenthalben beobachten.

Man hat auch daran Anstoß genommen, (34) wie beim Wiedersehen eines Objekts die neue Erregung nun gerade ihren Weg zu denjenigen Erinnerungselementen finden könnte, welche beim ersten Sehen des Objekts erregt wurden. Ganz besonders mußte dieses Problem des Wiedererkennens auf dem Gebiet des Gesichtssinnes fast unlösbar erscheinen, da wir auch Objekte wiedererkennen, welche beim ersten Sehen in ganz anderen Teilen des Gesichtsfeldes lagen und daher ganz andere Empfindungselemente in Erregung versetzten als beim Wiedersehen. Unterdessen ergibt sich hieraus bei genauerer Überlegung keine unlösbare Schwierigkeit. (35) Wir wissen aus zahlreichen, zum Teil ganz alltäglichen Erfahrungen, z. B. aus allen Beobachtungen über Einübung, daß Nervenbahnen, welche einmal oder öfter von einer bestimmten Erregung durchlaufen worden sind, für diese Erregung besonders leitungsfähig werden. Aus einer solchen Ausschleifung oder Abstimmung der Bahnen erklärt sich auch das Wiedererkennen. Bei der fast durchgängigen Verbindung der Hirnrindenelemente untereinander könnte allerdings vom rein anatomischen Standpunkt die vom Reiz bei seinem zweiten oder dritten Auftreten hervorgerufene Erregung der Empfindungselemente der Sehrinde zu ganz anderen, streng genommen fast allen überhaupt vorhandenen Erinnerungselemente gelangen, nach dem physiologischen Gesetz der Ausschließung wird jedoch die Erregung den Weg zu denjenigen Erinnerungselementen einschlagen, welche früher bereits von derselben oder einer ähnlichen Erregung durchlaufen worden sind und noch jetzt Sitz einer analogen Veränderung sind. Das Gefälle ist gewissermaßen in der Richtung auf die zugehörigen Erinnerungselemente am größten und deshalb schlägt der Erregungsstrom diese Richtung ein. Alle unsere klinischen Beobachtungen lehren, daß das Wiedererkennen an die Unversehrtheit der Großhirnrinde gebunden ist. Von der Art und Weise dieses Gebundenseins hat bis jetzt nur die soeben vorgetragene Hypothese eine einigermaßen ausreichende Vorstellung zu geben vermocht.

Schließlich sprechen auch die anatomischen Tatsachen entschieden für die Annahme besonderer Erinnerungsfelder in der Großhirnrinde. Wir kennen jetzt außer der motorischen Region viel mehr durch eine spezifische Architektonik charakterisierte Rindenfelder, als es Sinnesgebiete gibt. (36) Man kann sich kaum der Annahme verschließen, daß die außerhalb der Sinnessphären gelegenen Rindenfelder der Erinnerung und den an sie sich anschließenden Prozessen der Vorstellungsbildung - Generalisation, Isolation, Zusammensetzung (37) - dienen, zumal es fast genau dieselben Felder sind, bei deren Zerstörung die Klinik Seelenblindheit, Seelentaubheit usw. beobachtet hat und auch dieselben Felder, für welche die entwicklungsgeschichtliche Methode Armut, wenn nicht völligen Mangel an Projektionsfasern nachweist.

Die spezielle Lage der  einzelnen  Erinnerungsfelder exakt festzustellen, ist noch keineswegs gelungen. Die vorhandenen Daten genügen nur, um die Frage der Erinnerungsfelder  prinzipiell  mit großer Wahrscheinlichkeit zu entscheiden. Mit dieser prinzipiellen Entscheidung ist nun auch das große Problem vergangener Jahrhunderte, der Taubenschlag des PLATO und der große Rezessus [Zurückweichen - wp] des AUGUSTIN aufgeklärt. Unsere latenten Erinnerungsbilder sind uns nicht als psychische Prozesse, sondern lediglich als materielle Veränderungen gegeben. Der Ausdruck "latente Erinnerungsbilder" bezeichnet ausschließlich diese materiellen Veränderungen. Man hat früher, als man die jetzt vorgetragenen psycho-physiologischen Tatsachen noch nicht kannte, die latenten Erinnerungsbilder oft als "unbewußte psychische" Prozesse bezeichnet. Diese unbewußten psychischen Prozesse nehmen eine sonderbare hermaphroditische Zwischenstellung zwischen den materiellen und den psychischen Prozessen ein. Dabei ist der Ausdruck nur ein Spiel mit Worten, ein hölzernes Eisen. Wenn wir dem Psychischen sein einziges Kriterium, den bewußten Charakter, nehmen, so bleibt überhaupt nichts oder ein Widerspruch übrig. In der Tat hat auch die Lehre von den unbewußten psychischen Prozessen nie etwas geleistet, weder zur Erklärung bekannter noch zur Auffindung neuer Tatsachen; vielmehr hat sie stets nur die Tatsachen in einen mystischen metaphysischen Nebel gehüllt. Umgekehrt hat die Lehre von der materiellen Natur der latenten Erinnerungsbilder allenthalben aufklärend und fördernd gewirkt.

Damit werden wir nun aber nochmals vor die Frage gestellt, ob das Gedächtnis wirklich, wie wir eingangs annahmen, erst im Lauf der Wirbeltierreihe, vielleicht gar erst bei den Amphibien als ein ganz neues Phänomen auftritt, ob das Gedächtnis der höheren Tiere wirklich toto coelo [himmelweit - wp] von den Nachwirkungserscheinungen verschieden ist, welche wir auch auf den tieferen Stufen des organischen Lebens beobachten. Der Eindruck im Wachs bleibt haften. Alle Körper, insofern sie nicht vollkommen elastisch sind, gleichen eine Deformation (38), die sie durch Druck erlitten haben, nicht wieder vollständig aus. Das Tuch (39), das einmal in bestimmte Falten gelegt war, schlägt dieselben Falten bei einem neuen Bewegungsanstoß wieder. Die  chladnischen  Klangfiguren kehren auf der mit einer Saite gestrichenen Glasplatte mit einer merkwürdigen Beharrungstendenz wieder (40). Ist der Unterschied wirklich so wesentlich zwischen dem Hund, der seinen Stall sehend und wiedererkennend, den Weg zu Stall einschlägt und dem Baumstamm, der, oft vom Wind nach einer Seite gekrümmt, nun jedem neuen Windstoß aus derselben Richtung besonders leicht nachgibt? Aufgrund zum Teil ähnlicher Erwägungen sind HERING (41) u. a. dazu gelangt, von einem Gedächtnis der lebenden Materie und der Materie überhaupt zu sprechen. Ich glaube auch in der Tat nicht, daß sich begrifflich eine scharfe Grenze zwischen den Gedächtnisvorgängen der höheren Tiere und den Nachwirkungserscheinungen der übrigen Natur ziehen läßt. Der Unterschied ist schließlich doch nur ein quantitativer. Die Abstimmung des Baums, der chladnischen Platte usw. ist nur eine einzigem, das Gehirn ist in unzähligen Richtungen abgestimmt. Das tierische und menschliche Gehirn antwortet daher auf unzählige Reize mit jeweils zugehörigen Nachwirkungserscheinungen oder Gedächtnisbildern und dementsprechenden Reaktionsbewegungen. Dazu kommt, daß auf den einzelnen Reiz oft nicht nur  ein  Gedächtnisbild, sondern gleichzeitig oder sukzessiv eine Reihe von Gedächtnisbildern folgt. So enorm aber diese Unterschiede quantitativ sind, so unbedeutend sind sie qualitativ. Hier wie dort Nachwirkungen im Sinne von Abstimmungen. Nur so wird es uns auch verständlich, daß die Beobachtung nicht imstande ist, scharf zu bestimmen, wo zuerst in der Tierreihe "Gedächtnis" auftritt. Dieses Gedächtnis läßt sich eben nicht scharf abgrenzen gegen andere einfachere Nachwirkungserscheinungen. Nur der enorme quantitative Fortschritt der Gedächtnisleistungen in der  Wirbel tierreihe wird uns vom gewonnenen Standpunkt vergleichend-anatomisch verständlich. Die Fische haben vom ganzen Großhirnmantel nur das sogenannte Rhinencephalon [Riechhirn - wp] oder Archipallium [Zwischenstadium von Großhirn und Althirn - wp] bei den Amphibien (42) kommt zum ersten Mal das Pallium [Hirnmantel - wp] oder Neopallium mit seiner charakteristischen Zellarchitektonik, allerdings noch in ganz rudimentärer Form, hinzu. Beim Menschen ist das Archipallium auf einen kaum nachweisbaren Rest reduziert, die Großhirnrinde, wie wir sie kennen, ist fast nur Neopallium. Die funktionelle Trennung von Erinnerungsfelden und Empfindungsfeldern steht mit dieser Weiterentwicklung wahrscheinlich in engster Verbindung.

Wo bleibt nun aber, wenn die latenten Erinnerungsbilder materielle Spuren sind, die psychische Leistung des Gedächtnisses, wo bleiben die aktuellen Erinnerungsbilder und damit der Akt der Reproduktion, den wir vom Prozeß der Retention [Zurückhaltung - wp] unterscheiden mußten? Es hat sich schon ergeben, daß diese Reproduktion an ganz bestimmte Gesetze gebunden ist. Das latente Erinnerungsbild aktuell oder, was dasselbe ist, wird reproduziert, erstens beim sogenannten Wiedererkennen und zweitens im Lauf der Ideenassoziation. In beiden Fällen müssen wir annehmen, daß die im Gehirn ablaufende Erregung zu den Erinnerungselementen gelangt, welche das zugehörige latente Erinnerungsbild, die zugehörige materielle Erinnerungsveränderung R1 beherbergen. Durch die neue Erregung muß diese R1 nun in irgendeiner Weise abgeändert werden, sagen wir: in Rv verwandelt werden. Dieser Verwandlung entspricht der psychische Akt der Reproduktoin, dem so entstanden Rv entsprich auf psychischem Gebiet das aktuelle Erinnerungsbild, die sogenannte aktuelle Vorstellung. Wie man sich auch den Mechanismus der Vorgänge der Hirnrinde denken mag: die soeben entwickelte Annahme läßt sich schlechterdings nicht umgehen. Das R1 war, können wir vom Standpunkt des sogenannten psycho-physischen Parallelismus auch sagen, ohne psychischer Parallelprozeß zu. Schließlich umschreiben wir damit nur die Tatsache, daß die unzähligen Erinnerungsbilder, die wir in unserem Leben erworben haben, im einzelnen Augenblick alle mit Ausnahme des einzigen, an welches wir gerade denken, psychisch nicht existieren. Der hinzukommende psychische Parallelprozeß beim Erinnern ist, wie man kurz gesagt hat, ein Epiphänomen [ohne kausale Wirkung - wp], eine Beigabe, gewissermaßen ein Luxusphänomen, das am ganzen Ablauf des Prozesses nichts ändert. Man kann wohl sagen, daß auch die zweckmäßigste und komplizierteste Handlung, bei der die zahlreichsten Erinnerungsbilder modifizierend mitgewirkt haben, durch das Hinzukommen des  psychischen  Prozesses der Erinnerung nicht verständlicher wird. Sie erklärt sich in vollkommen ausreichender Weise nach lediglich mechanischen Gesetzen.

Damit sind wir an der Grenze der physiologischen Psychologie angelangt und stehen zugleich vor dem größten Problem, das unserem Denken überhaupt gestellt ist, der Frage nach dem Zusammenhang des Psychischen mit dem Physischen. Was bedeutet es, daß mit jener so unscheinbaren Verwandlung des R1 in Rv zum materiellen Geschehen ein psychisches hinzutritt? Es ist die Aufgabe der Erkenntnistheorie, dieses Problem zu lösen oder seine Lösung zu versuchen und dabei den Legitimationsschein der von uns supponierten [untergeschobenen - wp] materiellen Prozesse zu prüfen. Für die Psychologie und Physiologie des Gedächtnisses ist  diesseits  dieses letzten Problems ein ausreichendes Arbeitsfeld gegeben. Es verdient nur als höchst bemerkenswert hervorgehoben zu werden, daß alle psycho-physiologischen Untersuchungen schließlich in dieses  eine  erkenntnistheoretische Problem einmündn. Sie liefern Material für dieses Problem, haben aber alle Ursache, zunächst ihren eigenen Weg ohne Rücksicht auf die Erkenntnistheorie zu gehen. So ist die Lehre vom Gedächtnis entstanden, wie ich sie Ihnen heute hier vortragen durfte. Allenthalben weist sie noch Lücken und Zweifel auf, aber die Umrisse des ganzen Gebäudes schimmern hier und da durch. Wie ich in den Eingangsworten voraussagte, birgt dieses ganz alltägliche Phänomene des Gedächtnisses Rätsel, die mit den Grundproblemen der Psychologie und Physiologie zusammenhängen.
LITERATUR - Theodor Ziehen, Das Gedächtnis [Festrede gehalten am Stiftungstag der Kaiser Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen, 2. Dezember 1907], Berlin 1908
    Anmerkungen
    28) WERNICKE, Der aphasische Symptomenkomplex, Deutsche Klinik. Neuropathologie, Vorlesung 13, Seite 486. In Betracht kommt namentlich Seite 502f. Ich muß die Schlüssigkeit der WERNICKEschen Argumentation durchaus bestreiten. WERNICKE knüpft an den bekannten FREUNDschen Fall von reiner Worttaubheit [FREUND faßte denn Fall als eine Labyrinthtaubheit auf, WERNICKE und LIEPMANN deuteten ihn als reine, d. h. subkortikale Worttaubheit. Übrigens ist auch der ontologische Befund alles eher als eindeutig, siehe TREITEL, Archiv für Psychiatrie, Bd. 35, Seite 215]aus seiner Klinik an. Die Untersuchung mit der kontinuierlichen Tonreihe (jedoch ohne Berücksichtigung der Perzeptionsdauer) hatte stattgefunden und ergeben, daß die bei der Sprache namentlich in Betracht kommende Tonstrecke vom eingestrichenen  b  bis zum zweigestrichenen  g  noch gehört wurde. WERNICKE fährt dann fort: "ich sehe mich also aufgrund dieser nun ermittelten Tatsachen zu der Annahme gedrängt, daß das sensorische Sprachzentrum mit der Endstätte derjenigen Projektionsfaserung zusammenfällt, welche die Tönhöhe von  b'  bis  g''  zweistrich enthält." Ich verstehe durchaus nicht, welche neu ermittelten Tatsachen zu dieser Annahme drängen. Die BEZOLDsche Feststellung, daß für die Sprche die Tonstrecke  b'   bis g''  besonders wichtig ist, hat doch mit dem Zusammenfallen des Empfindungs- und Erinnerungsfeldes gar nichts zu tun und der FREUNDsche Fall spricht geradezu in erheblichem Grad  gegen  ein solches Zusammenfallen, da trotz der schweren Störung des akustischen Worterkennens die Empfindungsstörungen auf der charakteristischen Strecke wenigstens auf  einem  Ohr nicht erheblich waren.  Diese  Bedeutung des FREUNDschen Falles und ebenso des analogen LIEPMANNschen Falles (Psychiatrische Abhandlungen, herausgegeben von WERNICKE, Heft 7 und 8, Breslau 1898) übersieht WERNICKE ganz. Dabei möchte ich bemerken, daß nach unseren theoretischen Voraussetzungen bei der subkortikalen [bedeutet hier zwischen Hörrinde und Hörchiasma gelegen] sensorischen Aphasie die Hörintensität infolge der partiellen Akustikuskreuzung beiderseits auf die Hälfte herabgesetzt sein müßte. Um eine solche doppelseitige symmetrische Herabsetzung nachzuweisen, ist die Feststellung der Hörweite für Flüstersprache natürlich etwa ebenso ungeeignet wie auf optischem Gebiet in den analogen Fällen die SNELLenshen Proben zur Feststellung der Intensität der Gesichtsempfindungen, da sie ein Wiedererkennen, speziell sogar ein Wortwiedererkennen erfordert. Vielmehr hat man sich der psychologischen Methoden Empfindungsmessung zu bedienen, also z. B. entweder die Reizschwelle oder die Unterschiedsempfindlichkeit (Fallpendelt, Fallphonometer) zu bestimmen. Ich mußte auf diese Irrtümlichkeit der WERNICKEschen Sätze etwas näher eingehen, weil sie leider zuweilen ohne Kritik nachgesprochen werden. Im übrigen verweise ich auf meinen Artikel Aphasie in der 4. Auflage der EULENBURGschen Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, 1906.
    29) Es handelt sich natürlich nur um die sensorische Aphasie oder  zentrale  sensorische Aphasie, nicht um die transkortikale sensorische Aphasei. Es darf also vor allem nicht die Frage unterlassen werden: Haben Sie das Wort schon gehört? Es werden dem Kranken außerdem laut sowohl existierende wie nichtexistierende Wörter zugerufen und er hat bei jedem Wort - eventuell durch Gesten - anzugeben, ob er das Wort kennt ("schon gehört hat") oder nicht.
    30) Sehr instruktiv, aber weniger beweisend sind auch die  partiellen  und  graduellen  sensorischen Aphasie. So habe ich kürzlich wieder einen Fall gesehen, bei welchem ein schweres Trauma an der Stelle des Contrecoup wahrscheinlich eine Blutung oder eine Kontusion im Bereich des hinteren Abschnitts des linken Schläfenlappens hervorgerufen hatte (beginnende Stauungspapille links). Anfangs bestand das Bild einer schweren transkortikalen sensorischen Aphasie. Allmählich bildeten sich die Störungen zurück und waren nach 6 Wochen für deutsche Worte kaum noch nachzuweisen, dagegen hatte der Kranke Dänisch und Französisch - Sprachen, die er vor dem Unfall geläufig gesprochen hatte - noch fast ganz vergessen. Er wußte nicht, wie zwei auf Französisch heißt. Auf die Frage: Heißt zwei trois oder deux oder cinq oder six, blieb er die Antwort schuldig. Einzelne gewöhnliche französische Worte kamen ihm ganz fremd vor. Hier bot also im Schlußbild das normale Verhalten gegenüber deutschen Worten wohl eine ziemlich ausreichende Gewähr, daß die Gehörsempfindungen intakt waren. Der fast absolute Verlust der fremdsprachlichen Klangbilder ist wohl sichr auf eine partielle oder graduelle Mitbeteiligung der WERNICKEschen Stelle selbst (im Sinne der zentralen sensorischen Aphasie) zu beziehen. Wollte man gegenüber einem solchen Fall das Zusammenfallen des Erinnerungsfeldes mit dem Empfindungsfeld retten, so müßte man annehmen, daß zum Schluß noch eine graduelle Läsion des letzteren, also nach unseren jetzigen Anschauungen der HESCHLschen Windungen bestand und daß die fremdsprachlichen Klangbilder nur deshalb so schwer geschädigt blieben, weil sie doch nicht so geläufig sind wie diejenigen der eigenen Sprache. - Bei der Würdigung dieser Fälle ist stets auch in Betracht zu ziehen, wie schwer eine Hörstörung sein muß, um das Wiedererkennen laut gesprochener Worte ganz aufzuheben.
    31) Auch hier kommt natürlich nur die  zentrale,  wahrscheinlich auf Zerstörung des Gyrus angularis beruhende Alexie in Betracht. Es muß also stets gefragt werden: haben Sie diese Zeichen schon gesehen, kommen sie Ihnen bekannt vor? Die Intaktheit der optischen Empfindungen prüfe ich gern durch Nachfahrenlassen der Buchstaben. DEJERINE hat in ganz ausgezeichneter Weise eine Theorie der Trennung der optischen Erinnerungsbilder und der optischen Empfindungen auf dem Gebiet der Sprache im Anschluß an einen bestimmten Fall entwickelt. Die von NIESSL von MAYENDORF (Archiv für Psychiatrie, Bd. 43) gegen DEJERINE erhobenen Bedenken sind teils nicht stichhaltig, teils betreffen sie Nebensächliches. Die Unrichtigkeit der WERNICKEschen Lehre (z. . Deutsche Klinik, Bd. 6, Abt. 1, Seite 518) von der bilateralen Vertretung der optischen Wortbilder hat derselbe Autor mit ausreichenden Gründen dargetan. Die klinische Kasuistik steht mit der WERNICKEschen Behauptung in unversöhnlichem Widerspruch. Auch die Annahme FLECHSIGs (Königlich Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften zu LEIPZIG, 11. 1. 1904), wonach im Gyrus angularis optische und akustische Klangbilder zu assoziativen Komplexen höherer Ordnung verbunden sein sollen, entbehrt der Begründung; es fehlt der Nachweis, daß auch die Wortklangbilder in dieser indirekten Weise im Gyrus angularis vertreten sind. Die Schlußfolgerungen von NIESS von MAYENDORF in seiner schon erwähnten Arbeit kann ich aus seiner eigenen kasuistischen Zusammenstellung nicht ziehen.
    32) NIESS von MAYENDORF behauptet Seite 62 seiner soeben zitierten Areit, daß "die Rinde des letzteren (nämlich des Gyrus angularis) isoliert zerstört keine Wortblindheit zur Folge hat". Ich wüßte nicht, durch welchen Fall das irgendwie bewiesen würde. In einer anderenArbeit (Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1907, Sept., Bd. 22, Seite 245) gibt derselbe Autor selbst "als ein in allen Beobachtungen (nämlich von umschriebener Läsion im Bezirk des linken Gyrus angularis) konstant wiederkehrendes Symptom" die Alexie an.
    33) Diese Anschauung habe ich bereits in der 4. Auflage (1898) meines Leitfadens der physiologischen Psychologie vertreten, Seite 132.
    34) Namentlich GOLTZ und seine Schüler.
    35) Ich halte auch heute noch die im Text nur angedeutete Erklärung, wie ich sie ausführlich zuerst in der 1. Auflage meines Leitfadens der physiologischen Psychologie gegeben habe, für die einzig wirklich ausreichende.
    36) Ich glaube allerdings, daß man jetzt im Begriff ist, in der zyto- und myelo-architektonischen Gliederung der Großhirnrinde zu weit zu gehen. Namentlich ist die größte Vorsicht bei der Verwertung großer Schnitte, z. B. durch eine ganze Hemisphäre, geboten. Da die Furchen unter sehr verschiedenen Winkeln (zur Oberfläche) in die Hirnrinde eindringen, so werden die einzelnen Windungen auf großen Schnitten unter sehr verschiedenen Winkeln, zum Teil ganz schräg getroffen. Das bedingt nicht etwa nur eine gleichmäßige Verbreiterung,  sondern auch ein abweichendes Eindringen der Fixations- und Tinktionsflüssigkeiten.  Man kann sich durch geeignete Kontrollversuche hiervon sehr leicht überzeugen. Es werden also Differenzen, die nich vorhanden sind, vorgetäuscht. Man tut deshalb gut, an kleinen Stücken zu untersuchen, welche senkrecht zur Oberfläche herausgeschnitten sind, große Schnitte aber nur behufs Gewinnung von Übersichtsbildern und großer Grenzlinien heranzuziehen. Auch sind die großen Schnitte jedenfalls nicht nur in den drei Hauptebenen, sondern auch in den schrägen Zwischenebenen anzulegen. Auch ist zu bedenken, daß manche architektonische Verschiedenheit nicht unbedingt auf einer  qualitativen  Funktionsverschiedenheit beruhen muß, sondern auch auf einer Verschiedenheit der  Intensität  der Funktion beruhen könnte. - Aber selbst wenn man allen diesen Bedenken weitgehend Rechnung trägt, bleiben noch so viele histologisch  erheblich  differente Rindenfelder, daß es außer den motorischen Zentren und den Sinneszentren noch Felder anderer Funktion geben  muß.  Für diese Felder bleiben nur die Vorstellungsfunktionen übrig. Ihnen etwa  nur  die abgeleiteten - z. B. aus Vorstellungen verschiedener Sinnesgebiete zusammengesetzten, allgemeinen usw. - Vorstellungen zuzuweisen, erscheint nach allen unseren physiologischen und klinischen Erfahrungen, nach welchen bei kleineren Herderkrankungen bzw. Exstirpationen [völlige Entfernung - wp] durchweg nur ein Ausfall von Partialvorstellungen  eines  Sinnesgebietes eintritt, nicht zulässig. Noch weniger wird man diese Felder als Spiel- und Tummelplätze ansehen wollen, welche die Vorstellungen immer nur dann betreten, wenn sie gerade gedacht oder zu Urteilen verbunden werden sollen. Es scheint mir also in der Tat die weitaus natürlichste Annahme, daß die in Rede stehenden Felder Erinnerungsfelder sind. - Auch die von EBBINGHAUS (Psychologie, Seite 537) hervorgehobene Tatsache, daß die Ganglienzellen der Hirnrinde sehr viel zahlreicher sind als die Projektionsfasern der Hirnrinde, läßt sich bis zu einem gewissen Grad in diesem Sinn verwerten.
    37) Über diese drei Grundprozesse bitte ich meinen Leitfaden, 7. Auflage, Seite 143f zu vergleichen.
    38) Die unerschöpflichen Vergleiche der alten griechischen Psychologen gehören hierher.
    39) Diesen Vergleich hat wohl zuerst GASSENDI in geistreicher Weise aufgeführt. SCHOPENHAUER (Über die vierfache Wurzel des Satzes zum Grunde, Grisebachsche Ausgabe, Bd. 3, Seite 165) erwähnt den Vergleich ebenfalls, aber ohne GASSENDI zu nennen.
    40) Nach dem Vortrag war Herr Kollege RUBENS so liebenswürdig, mich noch auf das "magnetische Gedächtnis" der Physiker als einen völlig eingebürgerten Ausdruck aufmerksam zu machen und mir einen Aufsatz von RELLSTAB über den Telephonograph in der Elektrotechnischen Zeitschrift, 1901, Seite 57, zu schicken. Dieser Telephonograph ist ein neuer Phonograph, der die menschliche Rede nicht durch mechanische Eindrücke auf einem plastischen Material, sondern durch molekulare Umformungen magnetischer Art aufbewahrt. Es handelt sich also direkt um eine Verwertung des "magnetischen Gedächtnisses". Die Erfindung stammt vom dänischen Ingenieur POULSEN. RELLSTAB formuliert ihr wissenschaftliches Prinzip dahin, "daß der zeitliche Verlauf von Wechselströmen registriert wird in solcher Weise, daß  zu beliebiger späterer Zeit  Wechselströme korrespondierender Form zurückerhalten werden können."
    41) HERING, Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der Materie, 1876.
    42) Gelegentlich hat man auch den Fischen eine ganz rudimentäre Pallliumbildung zugeschrieben. So sollen sogar schon bei den Cyklostomen nach STUDNICKA Zellen vorhanden sein, welche den Rindenzellen ähnlich sind. Bei Selachiern will BOTAZZI sogar schon eine rudimentäre Zellschichtung gefunden haben. Alle diese Befunde sind jedoch noch sehr bestätigungsbedürftig. Bei den Amphibien findet sich schon eine echte Palliumrinde,  die bereits verschiedenartige Zellformen zeigt und auch bereits aufgrund ihrer verschiedenen Architektonik mehrere Zonen unterscheiden läßt.