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FRANZ von BRENTANO
Von der Psychologie
als Wissenschaft

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"Jede Ausscheidung einer gleichgültigen Frage ist als Vereinfachung auch Verstärkung."

"An und für sich tritt das, was wahrhaft ist, nicht in die Erscheinung und das, was erscheint, ist nicht wahrhaft. Die Wahrheit der physischen Phänomene ist, wie man sich ausdrückt, eine bloß relative Wahrheit."

Erstes Kapitel
Über Begriff und Aufgabe
der psychischen Wissenschaft

Was im Anfang, wohlbekannt und offenbar, für das Verborgene die Erklärung schien und was später, vor anderem geheimnisvoll, Staunen und Wißbegier erweckte; woran die großen Denker des Altertums am meisten mit Eifer sich abmühten und worüber Eintracht und Klarheit noch heute am Wenigsten erzielt sind: das sind die Erscheinungen, die auch ich wieder forschend betrachtete und von deren Eigentümlichkeien und Gesetzen ich hier, in allgemeinen Zügen, ein berichtigtes Bild zu geben suche. Kein Zweig des Wissens hat geringere Früchte für Natur und Leben getragen und keiner ist, von welchem wesentlichere Bedürfnisse ihre Befriedigung hoffen. Kein Teil ist - die Metaphysik allein ausgenommen -, auf welchen die Mehrzahl mit größerer Verachtung zu blicken pflegt und keiner doch ist, welcher von Einzelnen so hoch und wert gehalten wird. Ja, das gesamte Reich der Wahrheit würde manchem arm und verächtlich scheinen, wenn es nicht auch dieses Gebiet mitzuumfassen bestimmt wäre; und alles andere Wissen glaubt er vorzüglich darum ehren zu sollen, weil es zu diesem Wissen die Wege bahnt. Andere Wissenschaften sind in der Tat der Unterbau; diese gleicht dem krönenden Abschluß. Alle bereiten sie vor; von allen hängt sie ab. Aber auf alle soll sie auch wieder ihrerseits die kräftigste Rückwirkung üben. Das ganze Leben der Menschheit soll sie erneuern; den Fortschritt beschleunigen und sichern. Und wenn sie darum einerseits wie die Zinne am turmartigen Gebäude der Wissenschaft erscheint, so hat sie andererseits die Aufgabe, Grundlage der Gesellschaft und ihrer edelsten Güter und somit auch Grundlage aller Bestrebungen der Forscher zu werden.


§ 1.
Definition der Psychologie
als der Wissenschaft von der Seele

Der Name der Psychologie besagt:  Wissenschaft von der Seele.  Wirklich gab ARISTOTELES, der zuerst die Wissenschaft gliederte und besondere Zweige in besonderen Schriften darlegte, einem seiner Werke die Überschrift: περι ψυχ&etaς. Er verstand unter Seele die Natur oder, wie er sich mit Vorliebe ausdrückte, die Form, die erste Wirklichkeit, die erste Vollendung (1) eines Lebendigen. Lebendig aber nannte er das, was sich nährt, wächst und zeugt und empfindend und denkend sich betätigt oder auch nur zu irgendeiner von diesen Leistungen fähig ist. Weit davon entfernt, einer Pflanze Bewußtsein zuzuschreiben, erklärte er doch auch das Pflanzenreich für lebendig und beseelt. Und so behandelt denn das älteste psychologische Werk nach Feststellung des Begriffs der Seele die allgemeinsten Eigentümlichkeiten, die sowohl in Bezug auf die vegetativen wie in Bezug auf die sensitiven und intellektiven Betätigungen den Dingen, die an diesen Teil haben, zukommen.

Das war der Kreis der Fragen, den die Psychologie ursprünglich umschloss. Später hat sich ihr Gebiet wesentlich verengt. Von den vegetativen Tätigkeiten sprach der Psychologe nicht mehr. Das ganze Reich der Pflanzen, wenn anders hier das Bewußtsein fehlt, gehörte nicht mehr in die Grenzen seiner Forschung und auch das Reich der animalischen Wesen, so weit diese, wie Pflanze und unorganischer Körper, Gegenstand äußerer Wahrnehmung sind, lag ihm außerhalb seiner Sphäre. Dies galt auch da noch, wo solche Erscheinungen in nächste Beziehung zum sensitiven Leben treten, wie dies im System der Nerven und Muskeln der Fall ist. Nicht der Psychologe, der Physiologe war es, dem von nun an die Untersuchung darüber zufiel.

Die Beschränkung war keine willkürliche. Im Gegenteil, sie erscheint als eine offenbare Berichtigung, geboten durch die Natur der Sache selbst. Denn nur dann sind ja die Grenzlinien der Wissenschaften richtig gezogen und nur dann ist ihre Einteilung dem Fortschritt der Erkenntnis dienlich, wenn das Verwandtere verbunden, das minder Verwandte getrennt wurde. Und verwandt in vorzüglichem Maße sind die Erscheinungen des Bewußtseins. Dieselbe Weise der Wahrnehmung gibt uns von ihnen allen Kenntnis und höhere und niedere sind durch zahlreiche Analogien einander nahe gerückt. Was aber die äußere Wahrnehmung uns von den lebenden Wesen zeigt, das sehen wir wie von einer anderen Seite, so auch in einer ganz anderen Gestalt und die allgemeinen Tatsachen, welche wir hier finden, sind teils dieselben, teils ähnliche Gesetze wie die, welche wir die unorganische Natur beherrschen sehen.

Man könnte auch nicht ohne Grund sagen, daß ARISTOTELES selbst bereits eine Andeutung der neueren und berichtigten Umgrenzung der Psychologie gegeben habe. Und wer ihn kennt, der weiß, wie häufig sich bei ihm mit der Darlegung einer minder vorgeschrittenen Lehre solche Ansätze zu einer abweichenden und richtigeren Anschauung verbinden. Sowohl seine Metaphysik, als auch seine Logik und Ethik liefern Belege. Im dritten Buch von der Seele also, da wo er von der willkürlichen Bewegung handelt, entschlägt er sich der Forschung nach den vermittelnden Organen zwischen dem Begehren und dem Glied auf dessen Bewegung das Begehren gerichtet ist. Denn diese aufzusuchen, sagt er, indem er ganz wie ein moderner Psychologe spricht, sei nicht Sache dessen, der über die Seele, sondern dessen, der über den Leib forsche. (2) Doch dies nur ganz im Vorübergehen, um vielleicht den einen oder anderen der begeisterten Anhänger, die ARISTOTELES auch noch in unseren Tagen zählt, leichter zu überzeugen.

Wir sahen, wie das Gebiet der Psychologie sich enger zusammenzog. Gleichzeitig aber verengte sich der Begriff des Lebens oder, wenn nicht dieser - denn gerade die Männer der Wissenschaft gebrauchen das Wort noch meist im alten weiten Sinn -, so doch jedenfalls der Begriff der Seele in ziemlich analoger Weise.

Unter Seele versteht nämlich der neuere Sprachgebrauch den substantiellen Träger von Vorstellungen und anderen Eigenschaften, welche ebenso wie die Vorstellungen nur durch innere Erfahrung unmittelbar wahrnehmbar sind und für welche Vorstellungen die Grundlage bilden; als den substantiellen Träger einer Empfindung z. B. einer Phantasie, eines Gedächtnisaktes, eines Aktes von Hoffnung oder Furcht, von Begierde oder Abscheu pflegt man Seele zu nennen.

Auch wir gebrauchen den Namen der Seele in diesem Sinn. Und es scheint darum nichts im Weg zu stehen, wenn wir, trotz der veränderten Fassung, den Begriff der Psychologie auch heute noch mit den gleichen Worten wie einst ARISTOTELES bestimmen, indem wir sagen, sie sei die Wissenschaft von der Seele. Ähnlich wie die Naturwissenschaft, welche die Eigentümlichkeiten und Gesetze der Körper, auf die unsere äußere Erfahrung sich bezieht, zu erforschen hat, erscheint dann sie als die Wissenschaft, welche die Eigentümlichkeiten und Gesetze der Seele kennen lehrt, die wir in uns selbst unmittelbar durch innere Erfahrung finden und durch Analogie auch in anderen erschließen.

So scheinen bei dieser Fassung die beiden genannten Wissenszweige das Gebiet der allgemeinen Erfahrungswissenschaften gänzlich unter sich zu teilen und in scharfer Grenze sich von einander zu sondern.

Dennoch ist das Erste wenigstens nicht der Fall. Es gibt Tatsachen, welche auf dem Gebiet der äußeren und inneren Erfahrung in gleicher Weise nachweisbar sind. Und diese umfassenderen Gesetze werden, gerade wegen ihres weiten Umfanges, weder dem Gegenstand der Naturwissenschaft noch dem der Psychologie eigentümlich sein. Indem sie mit gleichem Recht der einen wie der anderen Wissenschaft zugehören, zeigt es sich, daß sie vielmehr zu keiner von beiden zu rechnen sind. Auch sind sie zahlreich und bedeutend genug, um für sich einen besonderen Zweig der Forschung zu beschäftigen und dieser Zweig ist es, den wir als Metaphysik von Naturwissenschaft und psychischer Wissenschaft zu unterscheiden haben.

Aber auch die Sonderung der beiden minder allgemeinen unter den drei großen Wissensgebieten ist keine vollständige. Wie anderwärts, wo zwei Wissenschaften sich berühren, so kann es auch hier an Grenzfragen zwischen Natur- und psychischer Wissenschaft nicht fehlen. Denn die Tatsachen, welche der Physiologie und diejenigen, welche der Psychologe betrachtet, stehen, bei aller Verschiedenheit des Charakters, doch in der innigsten Wechselbeziehung. Zu ein und derselben Gruppe finden wir physische und psychische Eigenschaften verbunden. Und nicht bloß werden physische Zustände von physischen, psychische von psychischen hervorgerufen, sondern auch physische haben psychischen und psychische physische zur Folge.

Manche haben eine eigene Wissenschaft unterschieden, welche sich mit diesen Fragen zu beschäftigen habe. So insbesondere FECHNER, welcher dieses Gebiet des Wissens Psychophysik und das von ihm dafür aufgestellte, berühmt gewordene Grundgesetz das "psycho-physische Grundgesetz" genannt hat. Andere haben der minder glücklichen Bezeichnung "physiologische Psychologie" den Vorzug gegeben. (3)

Hierdurch wäre den Grenzstreitigkeiten zwischen Psychologie und Physiologie ein Ende gemacht. Aber würden nicht neue und zahlreichere zwischen Psychologie und Psychophysik einerseits und Psychophysik und Physiologie andererseits an die Stelle treten? - Oder ist es nicht offenbar Sache des Psychologien, die ersten Elemente der psychischen Erscheinungen zu bestimmen? - und doch wird auch dem Psychophysiker ihre Erforschung zufallen, denn physische Reize sind es, welche die Empfindungen hervorrufen. Und es ist nicht Aufgabe des Physiologen, die Erscheinungen der willkürlich erregten wie der Reflexbewegungen rückwärts hinauf an fortlaufender Kette bis zum Ursprung hin zu verfolgen? - und doch wird auch der Psychophysiker die erste physische Folge der psychischen Ursache zu suchen haben.

Nehmen wir darum lieber an der Notwendigkeit gegenseitiger Eingriffe zwischen Physiologie und Psychologie keinen Anstoß. Sie werden nicht größer sein, als die, welche wir z. B. auch zwischen Physik und Chemie bemerken. Sie beweisen nichts gegen die Richtigkeit der vollzogenen Grenzbestimmung, sondern deuten nur an, daß, wie jede ander, auch noch so gute Einteilung der Wissenschaften, auch diese etwas Künstliches an sich hat. Es wird auch keineswegs nötig werden, die ganze Reihe der sogenannten psychophysischen Fragen nunmehr doppelt, d. h. sowohl in Psychologie als in Physiologie zu behandeln. Es wird sich bei jeder einzelnen leicht zeigen lassen, auf welchem Gebiet die wesentliche Schwierigkeit liegt, mit deren Lösung die Lösung der Frage selbst so gut wie gegeben ist. So wird es z. B. jedenfalls Sache des Psychologen sein, die ersten durch physischen Reiz hervorgerufenen psychischen Phänomene zu ermitteln, wenn er auch dabei eines Blickes auf physiologische Tatsachen nicht wird entbehren können. Und ebenso wird er bei der willkürlichen Bewegung des Leibes das letzte und unmittelbare psychische Antecedens [das Vorhergehende, wp] für die daran geknüpfte Kette physischer Veränderungen zu bestimmen haben. Dem Physiologen dagegen wird die Aufgabe zufallen, der letzten und unmittelbaren physischen Ursache der Empfindung nachzuforschen, obwohl der dabei natürlich auch auf die psychische Erscheinung blicken muß. Und wiederum wird von ihm, bei der Bewegung durch psychische Ursachen, die erste und nächste Wirkung auf physiologischem Gebiet festzustellen sein.

Was den Nachweis des Steigerungsverhältnisses beim Wachsen von physischen und psychischen Ursachen und Folgen, die Erforschung des sogenannten psycholphysischen Grundgesetzes, betrifft, so scheint mir die Aufgabe in zwei zu zerfallen, deren eine dem Physiologen zukommt, während die andere Sache des Psychologen ist. Die erste ist die, zu bestimmen, welche relativen Unterschiede in der Stärke der physischen Reize den kleinsten merklichen Unterschieden in der Stärke der psychischen Erscheinungen entsprechen. Die zweite aber die, zu erforschen, welches das Verhältnis dieser kleinsten merklichen Unterschiede zueinander sei. - Aber ist auf die letzte Frage die Antwort nicht gleich von vornherein einleuchtend? Ist es nicht klar, daß alle kleinsten merklichen Unterschiede einander gleich zu setzen sind? - Man hat das allgemein angenommen und noch WUNDT argumentiert in seiner Physiologischen Psychologie (Seite 295) also: "Ein solcher eben merklicher Intensitätsunterschied ist .... ein psychischer Wert von konstanter Größe. Denn wäre ein eben merklicher Unterschied größer oder kleiner, als ein anderer,  so wäre er größer oder kleiner als eben merklich,  was ein Widerspruch ist." Wundt bemerkt nicht, daß sein Beweis ein Zirkelschluß ist. Wenn einer bezweifelt, daß alle eben merklichen Unterschiede einander gleich seien, so gilt ihm das eben - merklich - Sein nicht mehr als charakteristische Eigentümlichkeit eines konstanten Größenmaßes. Richtig und a priori einleuchtend ist nur, daß alle eben merklichen Unterschiede  gleichmerklich,  nicht aber, daß sie  gleich  sind. Es müßte denn jeder gleiche Zuwachs gleichmerklich und darum auch jeder gleichmerkliche Zuwachs gleich sein. Das aber bleibt zunächst zu untersuchen und diese Untersuchung, die, da es sich um Gesetze vergleichender Beurteilung handelt, dem Psychologen zufällt, dürfte ein ganz anderes, als das erwartete Ergebnis liefern. Wird doch die phänomenale Ortsveränderung nah am Horizont eher merklich, als wenn er hoch am Himmel schwebt, obwohl sie in beiden Fällen gleich ist in gleichen Zeiten. Die erste Aufgabe dagegen ist ohne Zweifel Sache des Physiologen. Physische Beobachtungen sind es, die hier in größter Ausdehnung zur Anwendung kommen. Und gewiß war es nicht zufällig, wenn wir einem Physiologen ersten, Ranges, wie E. H. WEBER, die erste Anbahnung und einem philosophisch gebildeten Physiker, wie FECHNER, die Feststellung des Gesetzes in erweitertem Umfang zu danken hatten. (4)

So scheint denn die oben gegebene Begriffsbestimmung der Psychologie gerechtfertigt und ihre Stellung zu den ihr nächstliegenden Wissenschaft klar geworden.


§ 2.
Definition der Psychologie
als der Wissenschaft von den psychischen Phänomenen

Dennoch erklären nicht alle Psychologen sich damit einverstanden, wenn einer im oben angegebenen Sinn sagt, die Psychologie sei die Wissenschaft von der Seele. Vielmehr bestimmen sie dieselbe als die  Wissenschaft von den psychischen Phänomen.  Und sie stellen dabei die Psychologie mit ihrer Schwesterwissenschaft auf gleiche Stufe. Auch die Naturwissenschaft, behaupten sie, dürfe nicht als die Wissenschaft von den Körpern, sondern sie müsse als die Wissenschaft von den physischen Phänomenen definiert werden.

Machen wir uns den Grund dieses Widerspruchs klar. Was will man, wenn man sagt: Wissenschaft von den physischen, Wissenschaft von den psychischen Phänomenen? Phänomen, Erscheinung, wird oft im Gegensatz zum wahrhaft und wirklich Seienden gebraucht. So sagen wir, die Gegenstände unserer Sinne, so wie die Empfindung sie uns zeige, seien bloße Phänomene; Farbe und Schall und Wärme und Geschmack seien nicht außer unserer Empfindung wahrhaft und wirklich bestehend, wenn sie auch auf wahrhaft und wirklich Bestehendes hindeuten. 'JOHN LOCKE machte bereits einen Versuch, indem er, die eine Hand erwärmt, die andere abgekühlt, beide zugleich in ein und dasselbe Wasserbecken tauchte. Er empfand Wärem an der einen und Kälte an der anderen Hand und bewies daraus, daß beide nicht wahrhaft in dem Wasser beständen. Bekannt ist ebenso, daß ein Druck auf das Auge dieselben Lichterscheinungen erwecken kann, wie die Strahlen, die von einem sogenannten farbigen Gegenstand ausgehen. Und auch in Bezug auf die Ortbestimmtheiten ist es leicht in ähnlicher Weise den des Irrtums zu überführen, der sie so, wie sie erscheinen, für wahr und wirklich nehmen will. Verschiedene örtliche Bestimmtheiten erscheinen gleich in gleicher Entfernung und gleich erscheinen in verschiedener Entfernung verschieden. Und hiermit hängt es zusammen, wenn bald Bewegung als Ruhe, bald umgekehrt Ruhe als Bewegung sich zeigt. Es liegt demnach für die Gegenstände der Sinnesempfindung der volle Beweis ihrer Falschheit vor. Wenn er aber auch nicht so klar erbracht werden könnte, so müßte man dennoch an ihrer Wahrheit zweifeln, da so lange keine Bürgschaft für sie gegeben wäre, als die Annahme, es bestehe in Wirklichkeit eine Welt, welche unsere Empfindungen hervorrufe und mit dem, was uns in ihnen erscheine, gewisse Analogien zeige, zur Erklärung der Erscheinungen genügen würde.

Also von den Gegenständen der sogenannten äußeren Wahrnehmung haben wir kein Recht zu glauben, daß sie so, wie sie uns erscheinen, auch in Wahrheit bestehen. Ja sie bestehen nachweisbar nicht außer uns. Sie sind im Gegensatz zu dem, was wahrhaft und wirklich ist, bloße Phänomene.

Aber was von den Gegenständen der äußeren Erfahrung, kann nicht in gleicher Weise von denen der inneren gesagt werden. Bei dieser hat nicht bloß keiner gezeigt, daß, wer ihre Erscheinungen für Wahrheit nähme, in Widersprüche sich verwickelte, sondern wir haben sogar von ihrem Bestand jene klarste Erkenntnis und jene vollste Gewißheit, welche von der unmittelbaren Einsicht gegeben werden. Und deshalb kann eigentlich niemand zweifeln, ob der psychische Zustand, den er in sich wahrnehme, sei, und ob er so sei, wie er ihn wahrnehme. Wer hier noch zu zweifeln vermöchte, der würde zu einem vollendeten Zweifel gelangen, zu einem Skeptizismus, der freilich sich selbst aufhöbe, indem er auch jeden festen Punkt, von aus er seinen Angriff auf die Erkenntnis versuchen könnte, zerstört hätte.

Nicht also, um in dieser Hinsicht Natur- und psychische Wissenschaft einander gleich zu stellen, kann man vernünftiger Weise verlangen, daß man die Psychologie als die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen bestimme. (5)

Ein ganz anderer Gedanke ist es denn auch, welcher gemeiniglich diejenigen leitet, die eine solche Begriffsbestimmung befürworten. Sie leugnen nicht, daß Denken und Wollen wahrhaft bestehen. Und sie gebrauchen den Ausdruck psychische Phänomene oder psychische Erscheinungen als vollkommen gleichbedeutend mit psychischen Zuständen, Vorgängen und Ereignissen, wie sie uns die innere Wahrnehmung zeigt. Aber dennoch bezieht sich auch bei ihnen der Widerspruch gegen die ältere Begriffsbestimmung darauf, daß iun dieser die Grenzen der Erkenntnis verkannt werden. Wenn einer sagt, die Naturwissenschaft sei die Wissenschaft von den Körpern und unter Körper eine Substanz versteht, welche auf die Sinnesorgane wirkend die Vorstellung von psychischen Phänomenen hervorbringe, so nimmt er an, daß den äußeren Erscheinungen Substanzen als Ursachen zugrunde liegen. Und wenn einer sagt, die Psychologie sei die Wissenschaft von der Seele und mit dem Namen Seele den substantiellen Träger der psychischen Zustände bezeichnet, so spricht er darin die Überzeugung aus, daß die psychischen Erscheiunungen als Eigenschaften einer Substanz zu betrachten seien. Aber was berechtigt zur Annahme solcher Substanzen? Ein Gegenstand der Erfahrung, sagt man, sind sie nicht. Weder die Empfindung zeigt uns eine Substanz, noch die innere Wahrnehmung. Wie uns dort die Phänomene von Wärme, Farbe und Schall begegnen, so bieten sich uns hier die Erscheinungen des Denkens, Fühlens, Wollens dar. Ein Wesen, dem sie als Eigenschaften anhafteten, bemerken wir nicht. Es ist eine Fiktion, der keinerlei Wirklichkeit entspricht oder für die, wenn ihr sogar ein Bestehen zukäme, es auf jeden Fall nicht nachweisbar sein würde. So ist sie offenbar kein Gegenstand der Wissenschaft. Und weder die Naturwissenschaft darf als die Wissenschaft von den Körpern, noch die Psychologie als die Wissenschaft von der Seele bestimmt werden, sondern jene wird bloß als die Wissenschaft von den physischen und diese, in ähnlicher Weise, als die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen zu fassen sein. Eine Seele gibt es nicht, wenigstens nicht für uns; eine Psychologie kann und soll es nichtsdestoweniger geben; aber - um den paradoxen Ausdruck von ALBERT LANGE zu gebrauchen - eine Psychologie ohne Seele. (6)

Wir sehen, der Gedanke ist nicht so unmittelbar absurd, wie das Wort ihn erscheinen läßt. Die Psychologie bleibt auch nach dieser Ansicht nicht ohne ein weites Feld der Untersuchung.

Dies macht schon ein Blick auf die Naturwissenschaft deutlich. Denn alle Tatsachen und Gesetze, welche dieser Zweig der Forschung nach der Anschauung derjenigen betrachtet, welchen sie als die Wissenschaft von den Körpern gilt, wird sie auch nach der Ansicht derer zu untersuchen haben, welche sie nur als die Wissenschaft von den physischen Phänomenen anerkennen wollen. Wirklich tun dies gegenwärtig viele und bedeutetende Naturforscher, welche vermöge der bemerkenswerten Strömung, die jetzt Philosophie und Naturwissenschaft einander näher führt, über philosophische Fragen sich eine Meinung gebildet haben. Sie beschränken aber dadurch in nichts den Umfang naturwissenschaftlichen Gebietes. Die Gesetze der Koexistenz und der Sukzession, die es nach anderen umfaßt, fallen auch nach ihnen noch sämtlich in seinen Bereich.

Ähnlich wird es sich denn auch in Betreff der Psychologie verhalten. Auch die Erscheinungen, welche uns die innere Erfahrung bietet, unterliegen Gesetzen. Das erkennt jeder an, der sich mit psychologischen Untersuchungen wissenschaftlich befaßt hat und auch der Laie findet es leicht und schnell in der eigenen Erfahrung bestätigt. Diese Gesetze von Koexistenz und Sukzession psychischer Erscheinungen bleiben auch dem, welcher der Psychologie die Erkenntnis der Seele abspricht, Gegenstand ihrer Forschung. Und hiermit ist ihr ein weites Reich von bedeutenden Aufgaben zugewiesen, von denen die allermeisten noch der Lösung harren.

JOHN STUART MILL, einer der entschiedensten und einflußreichsten Vertreter dieser Ansicht, hat, um die Psychologie, wie er sie sich denkt, besser anschaulich zu machen, in seiner Logik der Geisteswissenschaften einen Überblick über die Fragen, mit denen sie sich zu beschäftigen habe, gegeben. (7)

Als allgemeine Aufgabe der Psychologie bezeichnet er die Erforschung der Gesetze der Aufeinanderfolge unserer psychischen Zustände, d. h. der Gesetze, nach welchen der eine von ihnen den anderen erzeuge. (8)

Von diesen Gesetzen seien einige allgemein, andere speziell. Allgemein z. B. sei das Gesetz, daß jeder psychische Eindruck, gleichviel durch welche Ursache gegeben, zur Folge habe, daß eine ihm ähnliche, wenn auch minder lebendige, Erscheinung in Abwesenheit der zuerst erregenden Ursache hervorgebracht werden könne. Jeder Eindruck, sagt er in der Sprache von HUME, hat eine Idee. Ebenso seien es gewisse allgemeine Gesetze, welche das wirkliche Eintreten einer solchen Idee bestimmten. Und er nennt drei solche "Gesetze der Ideenassoziation"; erstens das Gesetz der Similarität, "daß sich ähnliche Ideen einander zu erregen suchen"; dann das Gesetz der Kontiguität, "daß, wenn zwei psychische Erscheinungen häufig in Verbindung miteinander erfahren worden sind, sei es gleichzeitig oder auch in unmittelbarer Folge und die eine oder die Idee der einen Erscheinung, wiederkehrt, sie die der anderen zu erregen sucht"; endlich das Gesetz der Intensität, "daß größere Lebendigkeit in dem einen oder in den beiden Eindrücken in Bezug auf gegenseitige Erregung gleichbedeutend mit häufigerer Verbindung ist."

Aus diesen allgemeinen und elementaren Gesetzen der psychischen Erscheinungen, ist es nach MILL die weitere Aufgabe der Psychologie, speziellere und kompliziertere Gesetze des Denkens abzuleiten. Da oft mehrere psychische Phänomene zusammenwirken, sagt er, so erhebe sich die Frage, ob jeder solche Fall ein Fall der Zusammensetzung von Ursachen sei oder nicht; d. h. ob Folgen und Vorbedingungen sich überall so verhalten, wie auf dem Gebiet der Mechanik, wenn Bewegung aus Bewegungen resultiert, den Ursachen homogen und gewissermaßen als ihre Summe; oder ob das psychische Gebiet auch Fälle zeige, ähnlich dem Prozeß chemischer Mischung, wo am Wasser nichts von den Eigentümlichkeiten des Sauerstoffs und Wasserstoffs, am Zinnober nicht von den besonderen Eigenschaften des Quecksilbers und Schwefels gefunden wird. MILL selbst hält es für erwiesen, daß Fälle von beiderlei Art auf dem Gebiet der inneren Erscheinungen eintreten. Zuweilen sei ein Prozeß dem mechanischen, zuweilen aber dem chemischen Zusammenwirken analog. Denn es komme vor, daß mehrere Vorstellungen in der Art zu einer verschmelzen, daß sie nicht mehr als viele, sondern als eine einzige und ganz anders geartete Vorstellung erscheinen. So entwickle sich z. B. die Vorstellung der Ausdehnung und des Raums mit drei Dimensionen aus den Empfindungen des Muskelsinns.

Hieran knüpfen sich nun eine Reihe neuer Untersuchungen. Insbesondere wird es sich fragen, ob der Zustand des Glaubens, (9) und ebenso, ob der Zustand des Begehrens ein Fall von psychischer Chemie, ein Ergebnis verschmelzender Vorstellungen sei. Vielleicht, meint MILL, sei diese Frage zu verneinen. Wie sie aber auch immer etwa affirmativ [bejahend, wp] entschieden werde, jedenfalls sei sicher, daß sie hier ganz andere Gebiete eröffnen. Und so ergebe sich denn die neue Aufgabe, die Gesetze der Sukzession dieser Phänomene, seien sie nun aus psychisch-chemischen Prozessen hervorgegangen oder nicht, aufgrund besonderer Beobachtungen zu ermitteln. In Betreff des Glaubens werde zu erforschen sein, welchen Glauben wir unmittelbar haben; und weiter, nach welchen Gesetzen ein Glauben den andern erzeuge und nach welchen Gesetzen eine Tatsache, mit Recht oder Unrecht, als Beweis für eine andere angesehen werde. In Betreff des Begehrens aber werde es vor allem Aufgabe sein, zu untersuchen, welche Gegenstände wir ursprünglich und von Natur begehren; und weiter dann, die Ursachen bestimmen, welche uns ursprünglich gleichgültige oder sogar unangenehme Dinge zu begehren veranlassen.

Zu dem allen kommt dann noch ein anderes und reiches Feld, auf welchem die psychologische Forschung sich mehr als anderwärts mit der physiologischen zu verflechten beginnt. Der Psychologe hat nach MILL auch die Aufgabe, zu untersuchen, inwieweit die Erzeugung eines psychischen Zustandes durch den anderen von einem nachweisbaren physischen Zustand beeinflußt werde. Ein dreifacher Grund für die verschiedene Empfänglichkeit verschiedener Menschen für dieselben psychischen Ursachen sei denkbar. Sie könne ursprüngliche und letzte Tatsache, sie könne die Folge der Geschichte seines früheren inneren Lebens und sie könne die Folge einer verschiedenen physischen Organisation sein. Der sorgfältig prüfende Blick, meint er, werde erkennen, daß der Charakter eines Menschen seinem bei weitem größeren Teil nach in Erziehung und äueren Umständen seine adäquate Erklärung finde. Der Rest aber werde selbst wieder in weitem Umfang nur mittelbar in organischen Unterschieden gegründet sein. Und offenbar gilt dies in Wahrheit nicht bloß von der Neigung zum Mißtrauen, die man bei Tauben, der Lüsternheit, die man bei Blindgeborenen und der Reizbarkeit, die man bei Mißgestalteten zu bemerken pflegt, sondern ebenso in noch vielen anderen und minder leicht zu begreifenden Fällen. Bleiben nun auch, wie MILL zugesteht, noch andere Erscheinungen, wie namentlich die Instinkte, welche nicht anders, als unmittelbar aus der besonderen Organisation erklärbar sind, so sehen wir doch, wie der Psychologie auch als Ethologie, d. h. als Darlegung der Gesetze der Charakterbildung, ein weites Feld gesichert ist.

Dies etwa ist der Überblick über die psychologischen Probleme, welchen uns einer der bedeutendsten Vertreter der ausschließlich phänomenalen Wissenschaft von seinem Standpunkt gibt. Und wirklich geschieht durch die veränderte Fassung und nach der Ansicht, die zu ihr führt, in allen diesen Beziehungen der Psychologie kein Eintrag. Ja den Fragen, die JOHN STUART MILL aufstellt, und denen, welche in ihnen eingeschlossen liegen, ließen sich wohl noch andere von nicht geringerer Bedeutung beifügen. An großen Aufgaben fehlt es als den Psychologen dieser Schule nicht und es zählen zu ihr in unseren Tagen Männer, die sich vor anderen um die Fortentwicklung der Wissenschaft verdient gemacht machen.

Nichtsdestoweniger scheint  eine  Frage wenigstens ausgeschlossen und diese ist von solcher Wichtigkeit, daß ihr Mangel allein eine empfindliche Lücke zu lassen droht. Gerade  die  Untersuchung, welche die ältere Psychologie als ihre vornehmste Aufgabe betrachtete, gerade  die  Frage welche zuerst zu psychologischer Forschung anregte, scheint bei einer solchen Anschauung nicht ferner aufgeworfen werden zu dürfen. Ich meine die Frage über die Fortdauer nach dem Tode. Wer PLATON kennt, der weiß, wie die Begierde, sich hierüber der Wahrheit zu versichern, ihn vor allem anderen in dieses Gebiet hineinführte. Sein  Phädon  ist ihr geweiht und andere Dialoge, sei es  Phädrus sei es  Timäus  oder  Republik,  nehmen wieder und wieder auf sie Rücksicht. Und bei ARISTOTELES tritt dasselbe hervor. Zwar wenig ausführlich legt er seine Gründe für die Unsterblichkeit dar. Aber der würde fehlen, welcher hieraus schließen wollte, es sei ihm die Frage von minderem Gewichte gewesen. In der Logik, wo ihm die Lehre vom apodiktischen [logisch zwingend, demonstrierbar - wp] oder wissenschaftlichen Beweis notwendig die bedeutendste sein mußt, drängt er doch, in auffallendem Gegensatz zu anderen, breitgedehnten Erörterungen, in den zweiten Analytiken sie auf wenigen Seiten zusammen. In der Metaphysik spricht er von der Gottheit nur in wenigen, kurzen Absätzen des letzten Buches. Und doch galt ihm diese Betrachtung ausgesprochen als Hauptsache, so zwar, daß er der ganzen Wissenschaft neben den Namen der Weisheit und ersten Philosophie geradezu auch den der Theologie beilegte. So handelt er denn auch in den Büchern von der Seele vom Geist im Menschen und seiner Unsterblichkeit, selbst da, wo er ihrer mehr als vorübergehend erwähnt, nur in äußerster Kürze. Daß sie ihm aber doch als der vor allem wichtige Gegenstand der Psychologie erschienen, zeigt deutlich die Zusammenstellung der psychologischen Fragen am Anfang des Werkes. Da hören wir, es sei die Sache des Psychologen, vor allem nach dem, was die Seele sei, dann nach ihren Eigentümlichkeiten zu forschen, von denen einige ihr und nicht dem Leib anzuhaften, also geistig scheinen; und ferner, er habe zu untersuchen, ob die Seele zusammengesetzt aus Teilen oder ob sie einfach sei und ob alle Teile körperliche Zustände seien, oder einige nicht, in welchem Falle ihre Unsterblichkeit gesichert sei. Die mannigfachen Aporien, welche sich an die Aufwerfung dieser Fragen knüpfen, zeigen, daß wir hier auf den Punkt gestoßen sind, der am meisten die Wißbegierde des großen Denkers beschäftigte. Auf diese Aufgabe also hat sich zuerst die Psychologie geworfen, sie hat ihr den Anstoß zur Entwicklung gegeben. Und gerade sie scheint jetzt, wenigstens auf dem Standpunkt derer, welche die Psychologie als Wissenschaft von der Seele leugnen, gefallen und unmöglich geworden. Denn gibt es keine Seele, so kann von einer Unsterblichkeit der Seele natürlich nicht die Rede sein.

Dies scheint so unmittelbar einleuchtend, daß man sich nicht wundern kann, wenn es von Anhängern der hier entwickelten Auffassung, wie z. B. von ALBERT LANGE, als etwas Selbstverständliches hingestellt wird. (10) Und so böte sich in der Psychologie ein ähnliches Schauspiel wie auf dem Gebiet der Naturwissenschaft. Das Streben des Alchimisten, Gold durch Mischung zu erzeugen, hat zuerst zu chemischen Forschungen getrieben. Aber die aufgeblühte Wissenschaft hat darauf als auf etwas Unmögliches verzichtet. Und nur etwa in der Weise, wie in der bekannten Parabel die Verheißung des sterbenden Vaters, hat sich auch hier den Erben früherer Forscher die Voraussage der Vorfahren erfüllt. Die Söhne gruben fleißig den Weinberg um, in welchem sie den Schatz verborgen glaubten und wenn sie das verscharrte Gold nicht fanden, so erwuchs ihnen anderes in den Früchten des wohldurcharbeiteten Bodens. Ähnlich also erging es den Chemikern und ähnlich würde es auch den Psychologen ergehen. Die Frage nach der Unsterblichkeit wäre von der fortgeschrittenen Wissenschaft preis zu geben, aber das könnte man sich zum Trost sagen, daß der aus der Begierde nach Unmöglichem entsprungene Eifer zur Lösung anderer Fragen geführt habe, denen eine wahre und weit tragende Bedeutung nicht abgesprochen werden kann.

Dennoch - wer möchte es leugnen - wären wir hier nicht ganz im gleichen Fall. Für die Träume des Alchimisten hat die Wirklichkeit einen höheren Ersatz geboten. Für die Hoffnungen eines PLATON und ARISTOTELES, über das Fortleben unseres besseren Teiles nach der Auflösung des Leibes Sicherheit zu gewinnen, würden dagegen die Gesetze der Assoziation von Vorstellungen, der Entwicklung von Überzeugungen und Meinungen und des Keimens und Treibens von Lust und Liebe alles andere, nur nicht eine wahre Entschädigung sein. Der Verlust erschiene nur darum hier bei weitem beklagenswerter. Und wenn wirklich der Unterschied der beiden Anschauungen die Aufnahme oder den Ausschluß der Frage nach der Unsterblichkeit besagte, so wäre er für die Psychologie ein überaus bedeutender zu nennen und ein Eingehen in die metaphysische Untersuchung über die Substanz als Trägerin der Zustände unvermeidlich.

Indessen, so scheinbar die Notwendigkeit der Beschränkung des Forschungsgebietes nach dieser Seite ist, so ist sie doch vielleicht nicht mehr als scheinbar. DAVID HUME hat sich seiner Zeit mit aller Entschiedenheit gegen die Metaphysiker erklärt, welche eine Substanz als Trägerin der psychischen Zustände in sich zu finden behaupteten. "Ich für meinen Teil", sagt er, "wenn ich recht tief in das, was ich  mich selbst  nenne, eingehe, stoße immer auf die eine oder andere besondere Wahrnehmung von Hitze oder Kälte, Licht oder Schatten, Liebe oder Hass, Schmerz oder Lust. Nie, so oft ich es auch versuche, kann ich  meiner selbst  habhaft werden ohne eine Vorstellung und nie kann ich etwas entdecken, außer der Vorstellung. Sind meine Vorstellungen für irgendwelche Zeit aufgehoben, wie bei gesundem Schlaf, so kann ich eben so lange nichts von  mir selbst  verspüren und man könnte in Wahrheit sagen, daß ich gar nicht bestehe". Wenn gewisse Philosophen  sich selbst  als etwas Einfaches und Beharrendes wahrzunehmen behaupten, so will er nicht widersprechen, aber von sich und von jedermann (diese Sorte von Metaphysikern allein ausgenommen) ist er überzeugt, "daß sie nichts sind, als ein Bündel von verschiedenen Vorstellungen, die mit unsäglicher Schnelligkeit aufeinander folgen und in beständigem Fluß und ununterbrochener Bewegung sind." (11) Wir sehen also, HUME zählt unzweideutig genug zu den Gegnern der Seelensubstanz. Nichtsdestoweniger bemerkt derselbe HUME, daß die sämtlichen Beweise für die Unsterblichkeit bei einer Anschauung wie der seinigen noch ganz dieselbe Kraft besitzen, wie bei der entgegengesetzten und hergebrachten Annahme. A. LANGE freilich (12) nimmt diese Äußerung für Spott und er mag hierin um so eher Recht haben, als HUME bekanntlich auch anderwärts die Waffe boshafter Ironie nicht verschmähte. (13) Allein das, was HUME sagt, ist keine so offenbare Lächerlichkeit, wie es LANGE und vielleicht auch ihm selbst dünken mochte. Denn wenn auch der, welcher die Seelensubstanz leugnet, von einer Unsterblichkeit der Seele im eigentlichen Sinn selbstverständlich nicht reden kann, so ist es doch durchaus nicht richtig, daß die Unsterblichkeitsfrage durch die Leugnung eines substantiellen Trägers der psychischen Erscheinungen allen Sinn verliert. Dies wird sofort einleuchtend, wenn man bedenkt, daß, mit oder ohne Seelensubstanz, ein gewisser Fortbestand unseres psychischen Lebens hier auf Erden jedenfalls nicht geleugnet werden kann. Verwirft einer die Seelensubstanz, so bleibt ihm nur die Annahme übrig, daß es zu einem Fortbestand wie diesem eines substantiellen Trägers nicht bedürfe. Und die Frage, ob unser psychisches Leben etwa auch nach der Zerstörung unserer leiblichen Erscheinung fortbestehen werde, wird darum für ihn ebensowenig wie für andere sinnlos sein. Es ist eigentlich eine bare Inkonsequenz, wenn Denker dieser Richtung die Frage nach der Unsterblichkeit auch in dieser ihrer wesentlichen Bedeutung, in welcher sie allerdings besser Unsterblichkeit des Lebens als Unsterblichkeit der Seele zu nennen ist, auf die angegebenen Gründe hin verwerfen.

Die hat recht wohl JOHN STUART MILL erkannt. In der früher angeführten Stelle seiner Logik fanden wir die Frage nach der Unsterblichkeit zwar nicht unter den von der Psychologie zu behandelnden Fragen aufgeführt. Aber an einem anderen Ort, in seinem Werk über HAMILTON, hat er denselben Gedanken, den wir hier aussprachen, mit aller Klarheit entwickelt. (14)

Ebenso ist in Deutschland gegenwärtig kaum  ein  Denker von Bedeutung, welcher seine Verwerfung der substantiellen Träger für psychische wie physische Zustände so oft und unumwunden ausgesprochen hätte wie THEODOR FECHNER. In seiner Psychophysik und in seiner Atomlehre und in anderen seiner Schriften tritt die Polemik dagegen bald ernst bald launig auf. Aber nichtsdestoweniger bekennt er unumwunden seinen Glauben an die Unsterblichkeit. Und so zeigt es sich denn, daß, wenn einer die metaphysische Ansicht annähme, welche neuere Denken dazu bewog, die Begriffsbestimmung der Psychologie als Wissenschaft von den psychischen Phänomenen an die Stelle der älteren, als Wissenschaft von der Seele, treten zu lassen, auch nach dieser Seite keine Verengung des Gebietes und überhaupt kein wesentlicher Nachteil für die Psychologie sich ergeben würde.

Doch ohne eingehende metaphysische Untersuchung diese Ansicht annehmen scheint ebenso unstatthaft, als sie ungeprüft verwerfen. Wenn angesehene Männer die substantiellen Träger der Erscheinungen anzweifeln und leugnen, so standen und stehen ihnen andere große Namen entgegen, welch an ihnen festhalten. Mit ARISTOTELES und LEIBNIZ stimmt hier HERMANN LOTZE und selbst unter den englischen Empirikern unserer Tage HERBERT SPENCER zusammen. (15) und daß das Aufgeben der Substanz als Träger der Erscheinungen namentlich auf psychischem Gebiet nicht frei von Schwierigkeit und Dunkel sei, hat in seiner Schrift gegen HAMILTON (16) selbst JOHN STUART MILL mit der ihm eigenen Offenheit anerkannt. Wenn also die neue Begriffsbestimmung der Psychologie ebenso untrennbar mit der neuen, wie die ältere mit der älteren metaphysischen Lehre zusammenhinge, so würden wir entweder nach einer dritten zu forschen oder in die gefürchteten Abgründe der Metaphysik hinabzusteigen uns genötigt sehen.

Zum Glück ist das Gegenteil der Fall. Die neue Erklärung des Namens Psychologie enthält nichts, was nicht auch von den Anhängern der älteren Schule angenommen werden müßte. Denn mag es eine Seele geben oder nicht, die psychischen Erscheinungen sind ja jedenfalls vorhanden. Und der Anhänger der Seelensubstanz wird nicht leugnen, daß alles, was er in Bezug auf die Seele feststellen könne, auch eine Beziehung zu den psychischen Erscheinungen habe. Es steht also nichts im Wege, wenn wir, statt der Begriffsbestimmung der Psychologie als Wissenschaft von der Seele, die jüngere uns eigen machen. Vielleicht sind beide richtig. Aber  der  Unterschied bleibt dann bestehen, daß die eine metaphysische Voraussetzungen enthält, von welchen die andere frei ist, daß diese von entgegengesetzten Schulen anerkannt wird, während die erste schon die besondere Farbe  Einer  Schule an sich trägt, daß also die eine uns allgemeiner Voruntersuchungen enthebt, zu welchen die andere uns verpflichten würde. Und indem so die Annahme der jüngeren Fassung uns die Arbeit vereinfacht, gewährt sie noch einen anderen Vorteil als den der Erleichterung der Aufgabe. Jede Ausscheidung einer gleichgültigen Frage ist als Vereinfachung auch Verstärkung. Sie zeigt die Ergebnisse der Forschung von wenigeren Vorbedingungen abhängig und führt so mit größerer Sicherheit zur Überzeugung hin.

Wir erklären also im oben angebenen Sinn die  Psychologie  für  die Wissenschaft von den psychischen Erscheinungen.  Die vorausgegangenen Erörterungen scheinen geeignet, eine solche Begriffsbestimmung der Hauptsache nach deutlich zu machen. Was in diese Hinsicht noch fehlt, wird die spätere Untersuchung über den Unterschied der psychischen und physischen Phänomene ergänzen.

§ 3.
Eigentümlicher Wert der Psychologie

Wenn jemand das Wertverhältnis des hier umschriebenen Wissensgebietes gegenüber dem der Naturwissenschaft feststellen und dabei einzig und allein den Maßstab der Teilnahme anlegen wollte, welche die eine und andere Forschung heutzutage zu finden pflegt, so würde die Psychologie wohl tief in den Schatten gestellt erscheinen. Anders dagegen, wenn einer die Ziele, welche die eine und die, welche die andere Wissenschaft verfolgt, vergleichend ins Auge faßt. Wir haben gesehen, von welcher Art die Erkenntnis ist, welche der Naturforscher zu erringen vermag. Die Phänomene des Lichts, des Schalls, der Wärme, des Ortes und der örtlichen Bewegung, von welchen er handelt, sind nicht Dinge, die wahrhaft und wirklich bestehen. Sie sind Zeichen von etwas Wirklichem, was durch seine Einwirkung ihre Vorstellung erzeugt. Aber sie sind deshalb kein entsprechendes Bild dieses Wirklichen und geben von ihm nur in sehr unvollkommenem Sinn Kenntnis. Wir können sagen, es sei etwas vorhanden, was unter diesen und jenen Bedingungen Ursache dieser und jener Empfindung werde; wir können auch wohl nachweisen, daß ähnliche Verhältnisse wie die, welche die räumlichen Erscheinungen, die Größen und Gestalten zeigen, darin vorkommen müssen. Aber dies ist dann auch Alles. An und für sich tritt das, was wahrhaft ist, nicht in die Erscheinung und das, was erscheint, ist nicht wahrhaft. Die Wahrheit der physischen Phänomene ist, wie man sich ausdrückt, eine bloß relative Wahrheit.

Anderes gilt von den Phänomenen der inneren Wahrnehmung. Diese sind wahr in sich selbst. Wie sie erscheinen, - dafür bürgt die Evidenz, mit der sie wahrgenommen werden - so sind sie auch in Wirklichkeit. Wer könnte also leugnen, daß hierin ein großer Vorzug der Psychologie vor der Naturwissenschaft zu Tage trete?

Noch in einer anderen Hinsicht ist der hohe theoretische Wert der psychologischen Erkenntnis einleuchtend. Nicht bloß mit der Weise der Erkennbarkeit, auch mit der Würde des Gegenstandes wächst die Würde der Wissenschaft. Und die Erscheinungen, deren Gesetze der Psychologe erforscht, zeichnen sich nicht allein dadurch vor den physischen aus, daß sie in sich selbst wahr und wirklich sind, auch an Schönheit und Erhabenheit sind sie unvergleichlich ihnen überlegen. Der Farbe und dem Klang, der Ausdehnung und Bewegung steht hier die Empfindung und Phantasie, das Urteil und der Willen entgegen, mit all der Großartigkeit, zu welcher sie sich in den Ideen des Künstlers, in der Forschung des großen Denkers und in der Selbsthingabe des Tugendhaften entfalten. Hier also zeigt sich in neuer Weise, wie die Aufgabe des Psychologen der des Naturforschers gegenüber die höhere ist.

Auch das ist richtig, daß das uns Eigene mehr als das Fremde auf unsere Teilnahme Anspruch macht. Die Ordnung und Entstehung unseres Sonnensystems sind wir mehr als die einer fernen Gruppe himmlischer Gestirne zu erkennen begierig. Die Geschichte unseres Landes und unserer Väter zieht mehr unsere Aufmerksamkeit auf sich als die eines Volkes, zu welchem engere Beziehungen uns fehlen. Und auch dies ist ein Grund, welcher der Wissenschaft von den psychischen Phänomenen überwiegenden Wert verleiht. Denn sie sind das, was uns am meisten eigen ist. Manche Philosophen haben das Ich geradezu als eine Gruppe psychischer Phänomene, andere als den substantiellen Träger einer solchen Gruppe bezeichnet. Und der gemeine Sprachgebrauch sagt von den physischen Veränderungen, daß sie  außer  uns, von den psychischen, daß sie  in  uns stattfinden.

Das sind sehr einfache Betrachtungen, die jeden leicht von der hohen theoretischen Bedeutung des psychologischen Erkenntnisgebietes überzeugen können. Aber auch an praktischer Wichtigkeit - und das ist, was vielleicht mehr verwundern dürfte - stehen ihre Fragen den Fragen, welche die Naturwissenschaft beschäftigen, nicht nach. Ja auch in dieser Hinsicht ist schwerlich ein anderer Wissenszweig ihr gleichzustellen, wenn er nicht etwa insofern auf dieselbe Beachtung Anspruch hat, als er, damit man zu ihr sich erschwinge, als unentbehrliche Sprosse benützt werden muß.

Nur ganz flüchtig weise ich darauf hin, wie in der Psychologie die Wurzeln der Ästhetik liegen, die unfehlbar bei vollerer Entwicklung das Auge des Künstlers klären und seinen Forschritt sichern wird. Auch das sei nur mit einem Wort berührt, daß die wichtige Kunst der Logik, von der  ein  Fortschritt tausend Fortschritte in der Wissenschaft zur Folge hat, in ganz ähnlicher Weise aus der Psychologie ihre Nahrung zieht. Aber die Psychologie hat auch die Aufgabe, die wissenschaftliche Grundlage einer Erziehungslehre, des Einzelnen wie der Gesellschaft, zu werden. Mit Ästhetik und Logik erwachsen auch Ethik und Politik auf ihrem Feld. Und so erscheint sie als Grundbedingung des Fortschritts der Menschheit gerade in dem, was vor allem ihre Würde ausmacht. Ohne Anwendung der Psychologie wird die Fürsorge des Vaters sowohl als die des staatlichen Lenkers ein unbeholfenes Tasten bleiben. Und da bisher noch niemals in einer gründlichen Weise psychologische Lehrsätze auf staatlichem Gebiet zur Anwendung gekommen sind, ja die Hirten der Völker fast ausnahmslos in voller Unkenntnis über sie sich befunden haben, so dürfte man wohl mit 'PLATON und mit manchem Denker auch unserer Tage sagen, daß,, so hoher Ruhm auch einzelnen zuteil wurde, ein eigentlich großer Staatsmann noch nie in der Geschichte aufgetreten ist. Hat es doch auch vor einer gründlichen Anwendung der Physiologie in der Heilkunst an berühmten Ärzten keineswegs gefehlt und großes Vertrauen haben sie errungen und staunenswerte Kuren werden von ihnen berichtet. Aber daß es vor mehr als etlichen Dezennien einen wirklich großen Arzt gegeben habe, das wird darum nicht weniger jeder Kenner der Medizin heute als etwas Unmögliches verneinen. Sie waren alle blinde Empiriker, mehr oder minder geschickt und mehr oder minder vom Glück begünstigt. Aber was ein einsichtiger und gebildeter Arzt sein soll, das waren sie nicht, das konnten sie nicht sein. Ähnliches wird denn auch bis zum heutigen Tag von unseren Staatsmännern gelten müssen. Und wie sehr auch sie bloße blinde Empiriker sind, das zeigt sich jedesmal, wenn ein außerordentliches Ereignis plötzlich die politische Sachlage ändert und deutlicher noch, wenn einer in ein fremdes Land mit fremden Verhältnissen verpflanzt wird. Von ihren empirisch erworbenen Maximen verlassen, zeigen sie sich dann völlig unfähig und ratlos.

Wie viele Übelstände könnten nicht, wie beim Einzelnen, so in der Gesellschaft, beseitigt werden bald durch eine richtige psychologische Diagnose, bald durch die Erkenntnis der Gesetze, nach welchen ein psychischer Zustand sich verändern läßt! Was für einen geistigen Kraftzuwachs würde nicht schon dadurch allein die Menschheit erlangen, wenn die letzten psychischen Grundbedingungen der verschiedenen Anlagen, zum Dichter, zum Forscher, zum praktisch tüchtigen Mann, durch psychologische Analyse mit Sicherheit und Vollständigkeit ermittelt wären, so daß man den Baum nicht erst an den Früchten, sondern schon am ersten aufkeimenden Blättchen erkennen und sofort in eine Lage, die seiner Natur entspricht, versetzen könnte! Denn jene Leistungen selbst sind sehr zusammengesetzte Erscheinungen und späte Ergebnisse von Kräften, deren ursprüngliches Wirken in der Tat von vornherein so wenig das spätere, wie die Gestalt des ersten Keimblättchens die der Frucht des Baumes ahnen läßt. Dabei bleibt aber der Zusammenhang im einen wie im andern Fall in gleicher Weise ein gesetzmäßiger und was dort die Botanik, müßte darum hier eine genügend entwickelte Psychologie in ähnlicher Weise voraussagen können. So also und in tausendfach anderer Weise noch würde ihr Einfluß der segensreichste werden. Und sie allein würde vielleicht imstande sein, die Mittel gegen jenen Verfall an die Hand zu geben, durch den wir von Zeit zu Zeit eine sonst stetig aufsteigende Entwicklung der Kultur in trauriger Weise unterbrochen sehen. Man hat längst und mit Recht bemerkt, daß die oft gebrauchten metaphorischen Ausdrücke "gealterte Nation", "gealterte Zivilisation" nicht eigentlich treffend seien, da, während der Organismus sich nur unvollkommen erneuere, die Gesellschaft in jedem folgenden Geschlecht vollkommen sich verjünge; nur von Krankheiten, die bisher immer periodisch aufgetreten sind und wegen mangelnder Kunst der Ärzte regelmäßig zum Tode führten, so daß, wie auch immer die eigentlich wesentliche Verwandtschaft fehlen mag, die Ähnlichkeit der äußeren Erscheinung mit der des Alterns unleugbar ist.

Man sieht, daß ich der psychischen Wissenschaft keine geringen praktischen Aufgaben stelle. Aber ist es denkbar, daß sie wirklich jemals auch nur Annäherndes leisten werde? Der Zweifel daran scheint wohlbegründet. Ja dadurch, daß sie bis heute und durch Jahrtausende hindurch so viel wie nichts dafür geleistet hat, möchte mancher sich zu dem sicheren Schluß berechtigt glauben, daß sie die praktischen Interessen der Menschheit auch in alle Zukunft wenig fördern werde.

Allein die Antwort auf diesen Einwurf liegt nicht fern. Sie ergibt sich aus einer einfachen Erwägung der Stellung, welche die Psychologie in der Reihe der Wissenschaften einnimmt.

Die allgemeinen theoretischen Wissenschaften bilden eine Art Scala, bei welcher jede höhere Stufe auf der Grundlage der niederen sich erhebt. Die höherstehende Wissenschaft betrachtet mehr verwickelte, die niedere einfachere Phänomene und diese gehen mit in jene Verwicklung ein. So hat der Fortschritt der höherstehenden natürlich den der niederen Wissenschaft zur Voraussetzung und jene wird daher selbstverständlich, abgesehen von gewissen schwachen empirischen Vorbereitungen, später als diese zur Entwicklung gelangen. In jenen Zustand der Reife insbesondere, in welchem sie sich für die Bedürfnisse des Lebens fruchtbar erweisen kann, wird sie nicht gleichzeitig mit ihr treten können. So sah man die Mathematik schon lange in praktischer Anwendung verwertet, während die Physik noch immer schlummernd in der Wiege lag und nicht das geringste Zeichen von der später so glänzend bewährten Befähigung gab, den Bedürfnissen und Wünschen des Lebens dienstbar zu werden. Und wiederum war die Physik schon lange zu Ansehen und mannigfacher Verwendung gelangt, als die Chemie durch LAVOISIER den ersten festen Punkt entdeckte, auf den sie nach wenigen Dezennien sich stützte, um, wenn nicht die Erde, so doch den Anbau der Erde und mit ihm so manche andere Sphäre praktischer Tätigkeit aus den Angeln zu heben. Wiederum hatte die Chemie schon manches schöne Ergebnis erzielt, während die Physiologie noch nicht zum Leben erwacht war. Und man braucht nicht viele Jahre rückwärts zu zählen, um für sie die Anfänge einer erfreulicheren Entwicklung zu finden, an die sich dann ebenfalls sofort Versuche für eine praktische Verwertung knüpften; unvollkommen vielleicht, aber immerhin bereits genügend, um zu zeigen, daß nur von ihr eine Wiedergeburt der Heilkunst zu erwarten ist. Daß die Physiologie so spät sich entwickelte, erklärt sich leicht. Sind doch ihre Phänomene viel zusammengesetzter, als die der früheren Wissenschaften und stehen in Abhängigkeit von ihnen, wie die der Chemie zu denen der Physik und die der Physik zu denen der Mathematik selbst wieder im Abhängigkeitsverhältnis stehen. Aber eben so leicht wird es sich dann begreifen lassen, warum die Psychologie bisher keine reicheren Früchte trug. Wie die physikalischen Phänomene unter dem Einfluß der mathematischen Gesetze, die chemischen unter dem Einfluß der physikalischen und die der Physiologie unter dem Einfluß von ihnen allen stehen: so sind wieder die psychologischen Phänomene von den Gesetzen der Kräfte beeinflußt, welche ihnen die Organe bilden und erneuern. Wer also auch gar nichts vom Zustand der bisherigen Psychologie durch unmittelbare Erfahrung wüßte und nur die Geschichte der anderen theoretischen Wissenschaften und das jugendliche Alter der Physiologie, ja selbst der chemischen Wissenschaft kennte, der würde, ohne in psychologischen Dingen Skeptiker zu sein, mit Sicherheit behaupten können, daß die Psychologie noch nichts oder doch nur äußerst Weniges geleistet und höchstens erst in neuester Zeit einen Ansatz zu kräftigerer Entwicklung gezeigt haben werde. Daß die wesentlichsten Früchte, die sie etwa für das praktische Leben tragen kann, alle erst einer späteren Zeit angehörten, wäre hierin mit ausgesprochen. So würde er denn, wenn er dann die Augen auf die Geschichte der Psychologie richtete, in ihrer bisherigen Unfruchtbarkeit nichts anderes sehen, als was er erwartet hätte und in keiner Weise zu einem ungünstigeren Urteil über ihre künftigen Erfolge sich veranlaßt finden.

Wir sehen, der bisherige zurückgebliebene Zustand der Wissenschaft erscheint als Notwendigkeit, auch wenn die Möglichkeit einer späteren reichen Entwicklung nicht bezweifelt wird. Und daß diese Möglichkeit besteht, beweist der glückliche, wenn auch schwache Anfang, den sie bereits wirklich genommen hat. Wird einmal ein gewisses Maß möglicher Entwicklung erreicht sein, so werden aber auch praktische Folgen nicht ausbleiben. Beim Einzelnen und mehr noch bei den Massen, bei welchen unberechenbare hemmende und förderende Umstände ihre Ausgleichung finden, werden die psychologischen Gesetze eine sichere Grundlage des Handelns bilden.

Demnach dürfen wir mit aller Zuversicht hoffen, daß es an beidem, sowohl an der inneren Ausbildung, als an der segensreichen Anwendung der Psychologie, nicht immer fehlen werde. Sind doch die Bedürfnisse, welchen sie genügen soll, nachgerade drängend geworden. Die zerrütteten sozialen Zustände schreien mehr als Unvollkommenheiten in Schifffahrt und Bahnverkehrt, in Ackerbau und Gesundheitspflege mit lauter Stimme nach Abhilfe. Die Fragen, denen sich ein freies Interesse vielleicht in geringerem Maße zugewandt haben würde, erzwingen sich die allgemeine Teilnahme. Viele haben bereits hier die wesentlichste Aufgabe unserer Zeit erkannt. Und mancher bedeutende Forscher ist zu nennen, der zu diesem Zweck mit der Erforschung der psychischen Gesetze und mit Untersuchungen über die Methode der Ableitung und Sicherung praktisch zu verwertender Folgerungen sich beschäftigt.

Es kann unmöglich die Aufgabe der Nationalökonomie sein, die eingetretene Verwirrung zu schlichten und den mehr und mehr im Wechselkampf der Interessen verlorenen Frieden in die Gesellschaft zurückzuführen. Sie ist mit dabei beteiligt, aber ihr fällt nicht das Ganze noch auch der vorzügliche Teil der Aufgabe zu. Aber doch kann auch die wachsende Teilnahme, welche dieser praktischen Disziplin geschenkt wird, mit Zeugnis geben für das Gesagte. JOHN STUART MILL hat in der Einleitung zu seinen Grundsätzen der Nationalökonomie ihr Verhältnis zur Psychologie berührt. Die Unterschiede hinsichtlich der Hervorbringung und Verteilung des Vermögens bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten, sagt er, hätten teils in Unterschieden physikalischer Kenntnis ihren Grund, teils aber hätten sie psychologische Ursachen. "Insoweit die wirtschaftliche Lage der Nationen auf den Zustand physikalischer Kenntnisse sich bezieht", fährt er fort, "ist sie Gegenstand der Naturwissenschaften und der darauf begründeten Künste. Insoweit aber die Ursachen moralischer oder psychologischer Art sind, von Maßregeln und gesellschaftlichen Verhältnissen oder von Prinzipien der menschlichen Natur abhängen, gehört ihre Untersuchung nicht der Naturwissenschaft, sondern der Ethik und Gesellschaftswissenschaft an und ist Gegenstand der politischen Ökonomie oder der Volkswirtschaft."

So scheint es denn unzweifelhaft, daß die Zukunft und bis zu einem gewissen Grad vielleicht eine nicht allzuferne Zukunft, der Psychologie einen bedeutenden Einfluß auf das praktische Leben gestatten werde. Wir könnten sie, wie auch andere es getan haben, in diesem Sinn als die  Wissenschaft der Zukunft  bezeichnen, als diejenige nämlich, der vor allen anderen theoretischen Wissenschaften die Zukunft gehört, die mehr als alle die Zukunft gestalten und der alle in ihrer praktischen Verwendung sich in Zukunft unterordnen und dienen werden. Denn dieses wird die Stellung der Psychologie sein, wenn sie einmal erwachsen und zum tätigen Eingreifen befähigt ist. ARISTOTELES nannte die Politik die baumeisterliche Kunst, der alle anderen handlangend dienen. Die Staatskunst aber, um das zu sein, was sie sein soll, muß, wir haben es gesehen, ebenso den Lehren der Psychologie, wie geringere Künste den Naturwissenschaften ihr Ohr leihen. Ihre Lehre wird, ich möchte sagen, nur eine veränderte Zusammenordnung und weitere Fortentwicklung psychologischer Sätze zur Erzielung eines praktischen Zweckes sein.

Wir haben ein Vierfaches hervorgehoben, was geeignet schien, die vorzügliche Bedeutung der psychischen Wissenschaft darzutun: die innere Wahrheit, so wie die Erhabenheit ihrer Phänomene, die besondere Beziehung dieser Phänomene zu uns und endlich die praktische Wichtigkeit der sie beherrschenden Gesetze. Hierzu kommt aber noch das besondere und unvergleichliche Interesse, welches ihr eigen ist, insofern sie uns über unsere Unsterblicheit belehrt und hierdurch in einem neuen Sinn die Wissenschaft der Zukunft wird. Der Psychologie fällt die Frage über die Hoffnung auf ein Jenseits und auf die Teilnahme an einem vollendeteren Weltzustand zu. Sie hat, wie bemerkt, früh schon Versuche gemacht, die dahin zielten und nicht alles, was sie in dieser Richtung unternahm, scheint ohne Erfolg geblieben. Sollte dieses wirklich der Fall sein, so hätten wir hier ohne Zweifel ihre höchste theoretische Leistung, die sowohl selbst wieder von den größten praktischen Folgen wäre, als auch ihren übrigen theoretischen Leistungen neuen Wert verleihen würde. Von all dem, wofür die Gesetze der Naturwissenschaft gelten, scheiden wir, wenn wir das Diesseits verlassen. Die Gesetze der Gravitation, die Gesetze des Schalles, des Lichtes und der Elektrizität schwinden uns mit den Erscheinungen, für welche die Erfahrung sie festgestellt hat. Die psychischen Gesetze dagegen gelten dort wie auch hier für unser Leben, so weit dasselbe unsterblich fortbesteht.

Wohl mit Recht hat darum schon ARISTOTELES im Anfang seiner Schrift über die Seele die Psychologie über die anderen Wissenschaften erhoben, obwohl er dabei ausschließlich auf ihre theoretischen Vorzüge Acht hatte. "Wenn wir", sagt er, "zu dem, was edel und ehrwürdig ist, das Wissen rechnen; mehr aber das eine als das andere, sei es, weil seine Schärfe größer, sei es, weil sein Gegenstand erhabener und wunderbarer ist: so möchten wir wohl aus beiden Gründen die Erkenntnis der Seele mit Fug zu den vorzüglichsten Gütern zählen." Daß hier ARISTOTELES auch der Schärfe nach die Psychologie anderen Wissenschaften überlegen nennt, mag freilich Wunder nehmen. Ihm hängt die Schärfe der Erkenntnis mit der Unvergänglichkeit des Gegenstandes zusammen. Das stetig und allseitig Wechselnde entzieht sich nach ihm der wissenschaftlichen Forschung; das, was am meisten bleibt, hat am meisten bleibende Wahrheit. Wie dem aber auch sei, eine bleibender  bedeutende  Wahrheit wenigstens haben den Gesetzen, die der Psychologe feststellt, auch wir nicht absprechen können.
LITERATUR - Franz von Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkte, Leipzig, 1874
    Anmerkungen
    1) Die griechischen Ausdrücke sind: φυσις, μορφη, πρωιη, ενεργεια, πρωτη, εντελεχεια
    2) ARISTOTELES, De Anima III, 10. p. 433, b, 21
    3) So neuerdings WUNDT in dem bedeutenden Werk "Grundzüge der Physiologischen Psychologie", Leipzig 1873. Wenn auch nicht hier, so könnte doch anderwärts der Ausdruck in der Art mißverstanden werden, daß man "physiologisch" auf die Methode bezöge. Denn wir werden bald hören, wie manche die gesamte Psychologie auf physiologische Untersuchungen gründen wollten. (Vgl. auch HAGEN, Psychologische Studien, Braunschweig 1847, Seite 7)
    4) Dementsprechend sagt FECHNER. "Von der Physik entlehnt die äußere Psychophysik Hilfsmittel und Metode; die innere lehnt sich vielmehr an die Physiologie und Anatomie namentlich des Nervensystems." [Psychophysik I, Seite 11] Und wiederums sagt er in der Vorrede [Seite X], "daß diese Schrift hauptsächlich Physiologen interessieren dürfte, indess sie zugleich Philosophen zu interessieren wünscht."
    5) KANT allerdings hatte dies getan und es war dies ein Fehler, der schon oft, namentlich auch von ÜBERWEG in seinem System der Logik, gerügt worden ist.
    6) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, 1. Auflage, Seite 465. "Also nur ruhig eine Psychologie ohne Seele angenommen! Es ist doch der Name noch brauchbar, so lange es hier irgendetwas zu tun gibt, was nicht von einer anderen Wissenschaft vollständig mitbesorgt wird."
    7) Die Empfindungen sind zwar auch psychische Zustände. Allein offenbar ist ihre Aufeinanderfolge dieselbe, wie die der in ihnen vorgestellten physischen Phänomene. Und für diese, so weit sie von der physischen Reizung der Sinnesorgane abhängt, hat der Naturforscher die Gesetze festzustellen.
    8) Deduktive und induktive Logik, Bd. VI, §4, 3.
    9) Ich folge den Übersetzern, indem ich  belief  durch  Glauben  wiedergebe, obwohl der Ausdruck insofern nicht ganz entsprechend ist, als "belief", wie MILL es gebraucht, jeden Zustand einer Überzeugung oder Meinung und das Wissen ebensogut als das Glauben im gewöhnlichen Sinn in sich begreift.
    10) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, 1. Auflage, Seite 239
    11) HUME, Treatise of Human Nature, Part IV, Section 6
    12) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus, Seite 239
    13) A. BAIN sagt von ihm: "Er war ein Mann, der eben so sehr schriftstellerische Wirkung als philosophische Forschung liebte, so daß man nicht immer weiß, ob das, was er sagt, ernsthaft gemeint sei." [Mental Science, 3. Auflage, Seite 207]
    14) MILL, Examination of Sir WILLIAM HAMILTONs Philosophy, Chapter XII. "Was die Unsterblichkeit angeht, so ist es eben so leicht zu denken, daß eine Kette von Tatsachen des Bewußtseins sich ins Unendlich verlängern könne, als zu denken, daß eine Substanz immerdar fortfahre zu existieren; und ein Beweis, der für die eine Theorie gut ist, wird es auch für die andere sein."
    15) Vgl. HERBERT SPENCER, First Principles
    16) JOHN STUART MILL, Examination of Sir WILLIAM HAMILTONs Philosophy, Chapter XII