p-4RehmkeErkenntnistheorie und PsychologieJ. G. Fichte    
 
EMIL BULLATY
Das Bewußtseinsproblem
- erkenntniskritisch beleuchtet und dargestellt -
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"Die Frage nach der Scheidegrenze des Subjektiven und des Objektiven ist zweifellos eines der schwierigsten, aber auch eines der grundlegenden Probleme, welche den Übergang der Philosophie vom Boden des Skeptizismus auf jenen des positiven Kritizismus bewerkstelligen sollen. Der Subjekt- und der Objektbegriff verfügten bisher über eine Elastizität, die es geradezu unmöglich machte, anzugeben, wo das Subjektive aufhört und das Objektive beginnt; denn das Subjekt anderer Wesen ist für uns schon Objekt, ja wir brauchen ja nicht einmal so weit zu gehen: das Subjektive selbst läßt man plötzlich, mit dem Augenblick, wo man es zum Gegenstand der Beobachtung macht, sich in ein Objekt umwandeln."

"Die Voraussetzung, daß  Tätigkeit  eine Funktion der Körperlichkeit sei, war eben eine jener zahlreichen Unbegreiflichkeiten, welche die Philosophie in ihrem Streben, sie zu beheben, in ein Netz von Hypothesen und Problemen verwickelten, die auf Schritt und Tritt zu Widerspruch herausfordern und zu unauflösbaren Konflikten mit den Forderungen führen, welche aus dem Abhängigkeitsverhältnis der physischen Natur zum Bewußtsein erwachsen."

"Durch den Aufschwung, den die exakten Naturwissenschaften durch die Berücksichtigung empirisch gegebener Tatbestände genommen haben, hat sich in der Gestalt des Positivismus ein Empirismus strengster Observanz des Bewußtseinsproblems bemächtigt, ohne die geringste Aussicht, sich auch nur einen Augenblick länger auf diesem Boden behaupten zu können, als die blinde Zuversicht, mit welcher den Ergebnissen des Empirismus entgegengesehen wird, der nüchternen Erwägung des Kritizismus den Platz streitig zu machen vermag."

"Das Bewußtsein als solches beobachten und erforschen wollen, hieße ja, es in ein Objekt für ein zweites gleichsam tiefer liegendes Bewußtsein verwandeln. Es entzieht sich somit dem Gedanken, der es ergreifen, der Beobachtung, die es wie einen Gegenstand festhalten möchte."

 "Die Unterscheidung von Existenz und Erscheinung  ist mehr als eine erkenntnistheoretische Forderung; sie ist ein  Fundamental- problem,  als welchem unser Denken erst Impulse zu einer philosophischen Forschung empfängt."

Die Phänomenalität der Innenwelt

Seitdem sich nicht nur in philosophischen, sondern sogar auch in naturwissenschaftlichen Kreisen die Einsicht Bahn zu brechen beginnt, daß es eine unmittelbare Erkenntnis äußerer Gegenstände gar nicht geben kann, daß wir  nur  ihre Wirkungen auf unser Bewußtsein erkennen, an die äußeren Gegenstände als Ursachen dieser Wirkungen jedoch nicht heranreichen, fängt man auch allmählich an, sich mit dem Gedanken zu befreunden, daß wir die Vorgänge in unserer Innenwelt ebenfalls nur in ihren Wirkungen auf unser Bewußtsein erkennen, die Vorgänge selbst aber vom Schleier des Bewußtseins verhüllt bleiben. Damit wäre aber auch in weiteren Kreisen die Phänomenalität eines "psychischen Geschehens" oder "psychischer Gebilde" anerkannt und somit das Prinzip der unmittelbaren Erkenntnis sowohl in Bezug auf die objektive Außenwelt, wie in Bezug auf die subjektive Innenwelt erschüttert oder zumindest in Frage gestellt. Alle Deklamationen, mit welchen die Realität einer Außenwelt in Zweifel gezogen wird, erweisen sich als übertrieben, wenn man es unterläßt, dieselben Argumente, welche gegen den Gedanken einer unmittelbaren Erkenntnis der Außenwelt ins Treffen geführt werden, in der Beurteilung der realen Gültigkeit unserer subjektiven Innenwelt gelten zu lassen und das der Außenwelt gegenüber angefochtene Prinzip einer unmittelbaren Erkenntnis für die Vorgänge innerhalb unserer subjektiven Innenwelt in Anspruch nimmt.

Wie immer wir über die Tragweite dieser Erwägungen denken mögen, wir werden immer darauf zurückkommen müssen, daß, ebensowenig wie das Bewußtsein uns hindert, eine physische Außenwelt wahrzunehmen, wir Grund haben, uns gegen den Gedanken aufzulehnen, die Tätigkeit unserer subjektiven Innenwelt als einen durchaus physischen Vorgang anzunehmen. Da doch von einer unmittelbaren Erkenntnis der subjektiven Innenwelt wie von jener der objektiven Außenwelt keine Rede sein kann und wir von ersterer wie von letzterer keine andere Kenntnis als das Bewußtsein von ihnen besitzen, so wäre es geradezu unbegreiflich, der Außenwelt den Charakter einer physischen Realität zuzugestehen und ihn der subjektiven Innenwelt nur deshalb streitig machen zu wollen, weil diese unleugbar einen der objektiven körperlichen Außenwelt entgegengesetzten Charakter aufweist. Wir dürfen uns durch den Umstand, daß wir in unserer subjektiven Innenwelt keine physische Realität erfassen, nicht irreführen lassen und nur deshalb, weil wir nur das Bewußtsein von unserer inneren Tätigkeit besitzen, glauben, daß diese dem Gedanken, ihr einen physischen Charakter zuzugestehen, widerstrebe. Wenn sich schon die  Außenwelt bei ihrer Körperlichkeit mit dem Bewußtsein in vollsten Einklang bringen läßt, warum sollte die Annahme einer physischen Tätigkeit unserer Innenwelt die Harmonie zwischen letzterer und dem Bewußtsein stören?  Welche Veranlassung hätten wir denn, einer Außenwelt, welche sich erst innerhalb des Bewußtseins, nicht aber außerhalb desselben als physische Realität zur Geltung bringt, eine nur auch die Annahme einer realen körperlichen Außenwelt gestützte und dieser entgegengesetzte subjektive psychische Innenwelt gegenüberzustellen?

Zeichnet sich nicht  gerade die Tätigkeit durch jene so nachdrucksvoll hervorgehobene Unkörperlichkeit unserer subjektiven Innenwelt aus,  welche sie in einen offenen Gegensatz zur körperlichen Außenwelt bring und in ihr die so viel gesuchte und besprochene Eigentümlichkeit unserer subjektiven Innenwelt zu entdecken gestattet? Wir werden uns auch bald überzeugen, daß die Anerkennung einer grundsätzlichen Verschiedenheit der Tätigkeit und Körperlichkeit im Sinne einer durch den Dualismus unserer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt geforderten Unterscheidung durchaus kein Hindernis, sondern eine natürliche Voraussetzung für die Herstellung einer scheidewandlosen Berührung des Bewußtsein mit der physischen Erscheinungswelt bildet.

In den bisherigen Darstellungen der wechselseitigen Beziehung unserer Innenwelt und Außenwelt vermissen wir jenen kritischen Zug, welchen eine auf die Unterscheidung gegründete Auffassung des Dualismus in die Entwicklung des Bewußtseinsproblems bringen muß, wenn wir dem Dualismus einer Innen- und Außenwelt unsere Aufmerksamkeit in der Richtung zuwenden sollen, in welcher er sich durch die grundsätzliche Verschiedenheit der aktiven Tätigkeit und passiven Körperlichkeit zur Geltung bringt. Diese Voraussetzung, daß die Tätigkeit eine Funktion der Körperlichkeit sei, war eben eine jener zahlreichen Unbegreiflichkeiten, welche die Philosophie in ihrem Streben, sie zu beheben, in ein Netz von Hypothesen und Problemen verwickelten, die auf Schritt und Tritt zu Widerspruch herausfordern und zu unauflösbaren Konflikten mit den Forderungen führen, welche aus dem Abhängigkeitsverhältnis der physischen Natur zum Bewußtsein erwachsen. Welche Tragweite kann der Erklärung, daß die Körperlichkeit die Impulse und die Initiative zur Entfaltung einer spontanen Tätigkeit aus einer subjektiven  psychischen  Innenwelt empfängt, beigemessen werden, wenn zu der einen Unbegreiflichkeit, wie der Körper eine seiner passiven Beschaffenheit entgegengesetzte Funktion, eine Tätigkeit, auszuüben in die Lage kommt, durch die Annahme einer  psychischen  Innenwelt nur noch eine zweite Unbegreiflichkeit hinzutritt, wie sich ein vom Körper grundsätzlich verschiedener psychischer Zustand ersterem mitzuteilen vermag, um ihn dazu noch zu einer Funktion zu bewegen, die in direktem Widerspruch und Gegensatz zu seiner passiven Beschaffenheit steht?

Indem wir uns anheischig machen, auf  die spontane Tätigkeit  unserer Erscheinung ungeachtet der ihr bisher vindizierten Zugehörigkeit zur körperlichen Außenwelt  unsere subjektive Innenwelt zu gründen,  bezeugen wir gleichzeitig, daß unsere subjektive Innenwelt niemals als die alleinige Trägerin eines "idealen" Bewußtseins anerkannt und das Bewußtsein ebensowenig auf die subjektive Innenwelt beschränkt, als von der objektiven Außenwelt getrennt werden darf. So finden wir unsere subjektive Innenwelt dadurch, daß sie auf das Bewußtsein der (spontanen) Tätigkeit reduziert wird, an dieselben Voraussetzungen geknüpft, welche die Frage nach einem Bewußtwerden der körperlichen Außenwelt gegenstandslos machen. Haben wir in unserer Innenwelt mehr als das Bewußtsein ihrer Körperlichkeit, die Empfindung? In dem Augenblick aber, wo das Bewußtsein der Tätigkeit, der Aktivität, als Innenwelt angesichts der  Unvereinbarkeit  letzterer mit der körperlichen Außenwelt dieser gegenübergestellt und nur  durch die Unwiderlegbarkeit des Tatbestandes,  daß wir von der Außenwelt - ebenso wie von der Innenwelt - auch nur das Bewußtsein besitzen, man sich veranlaßt sieht, erst die Frage aufzuwerfen, wie die Außenwelt in ihrer Körperlichkeit zu Bewußtsein gelangt, wurde ein Problem in die Welt gesetzt, welches den Keim der Lebensunfähigkeit in sich trägt. Vermögen wir uns der Forderung zu widersetzen, zwischen unserer subjektiven Innenwelt und dem Bewußtsein aus denselben Gründen eine Verschiedenheit festzustellen, welche uns bestimmen, die Frage zu erheben, wie wir das Bewußtsein einer Außenwelt erlangen? Oder stehen wir nicht einem Problem von derselben Schärfe gegenüber, mit welcher die Frage nach dem Bewußtsein einer körperlichen Außenwelt an uns herantritt, wenn wir die Frage aufwerfen, wie und wodurch unsere spontane physische Tätigkeit trotz ihres unzweifelhaften Ursprunges in unserer Innenwelt zu Bewußtsein gelangt? Diese und ähnliche Einwürfe bleiben auch so lange in Kraft, als unser Bewußtsein der physischen Erscheinungswelt gegenübergestellt und auf dieses im Sinne der alten dualistischen Weltanschauung gestaltete Verhältnis die Motive für die Unterscheidung einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt gegründet und aus ihm abgeleitet werden. Darum mußten auch alle Versuche, die Frage, wie die "Außenwelt" uns zu Bewußtsein gelangt, einer befriedigenden Lösung zuzuführen, ebenso vergeblich und fruchtlos bleiben, als man es sich versagen mußte, den Gegensatz der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt aufzuheben und die Kluft, welche beide voneinander trennt, zu überbrücken.

Anstatt von der  unbeweisbaren  Annahme der Realität einer körperlichen Außenwelt auszugehen und im Widerspruch mit den elementarsten Tatsachen durch Aufhebung des unüberbrückbaren Gegensatzes der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt die Lösung der Frage nach dem Bewußtsein einer körperlichen Außenwelt herbeizuführen, haben wir es vorgezogen,  den entgegengesetzten Weg einzuschlagen,  indem wir vom offenen Tatbestand, daß wir von der körperlichen Außenwelt nur Empfindungen besitzen, ausgehend,  die Frage, warum wir die Außenwelt, trotzdem wir von ihr nur "ideelle" Empfindungen besitzen, als einen körperlichen Zustand wahrnehmen,  dahin beantworten, daß in dieser "Körperlichkeit" sich nur der Gegensatz passiver Empfindungen zu unserer aktiven, tätigen Innenwelt zur Geltung bringt. Beim Standpunkt angelant, daß sich im Bewußtsein nur der Gegensatz einer körperlichen Außen- und tätigen Innenwelt feststellen lasse und wir somit das Bewußtsein unserer tätigen Innen- und körperlichen Außenwelt lediglich auf den Gegensatz, in welchen Körperlichkeit und Tätigkeit zueinander treten, einschränken müssen, werden wir es wohl begreiflich finden, warum wir  nur  innerhalb des Bewußtseins eine physische "körperliche" Außenwelt wahrnehmen.


Das Problem der Realität

So oft wir durch unsere Tätigkeit in die körperliche Außenwelt einzugreifen uns anschicken, stoßen wir an jenes  Undurchdringliche,  das man als  reale  Materie einer subjektiven Innenwelt entgegenstellen zu müssen glaubt und darauf die Realität einer materiellen Außenwelt gründet. Dieser  Widerstand,  welcher sich unserer Tätigkeit entgegensetzt, liegt aber, wie bereits dargelegt wurde, durchaus nicht in der Realität einer "substantielle Außenwelt", sondern ist lediglich auf jenen Gegensatz der Körperlichkeit und Tätigkeit (innerhalb wie außerhalb unserer Erscheinung) zurückzuführen, durch welchen  die Wahrnehmung unserer Erscheinung  erst bewirkt wird. Jenes Undurchdringliche und allein Greifbare, an welches wir durch die Bewegung erst zu stoßen glauben, bildet schon den  Gegenstand der Wahrnehmung  und der Erkenntnis der Natur. Indem wir auf diesen Widerstand, von welchem das  Bewußtsein der physischen Erscheinung  erfüllt ist, stoßen, werden wir uns des  Gegensatzes  einer Körperlichkeit und Tätigkeit bewußt. Können wir da noch weiter an der Annahme festhalten, daß Körperlichkeit und Tätigkeit Gegenstand unserer Wahrnehmung sind, wenn wir die  von  uns (bewußten Wesen) an  ihnen wahrgenommene physische Realität  auf ihren Gegensatz zurückführen und einschränken müssen? Es ist somit durchaus verfehlt, nur deshalb, weil wir Körperlichkeit und Tätigkeit aus den eben dargelegten Gründen immer nur beisammen, aneinander geknüpft antreffen müssen, die Tätigkeit als eine Eigenschaft, als eine Funktion der Körperlichkeit anzunehmen oder umgekehrt in dieser ein Erzeugnis von Bewegungsprozessen zu erblicken. Wenn aber dennoch in dem Gegensatz, in welchem sich die Tätigkeit durch ihre Aktivität zur passiven Beschaffenheit der Körperlichkeit stellt, wir dieselben - die Körperlichkeit und die Tätigkeit - nicht als selbständige Realitäten, sondern immer nur miteinander verbunden finden, so daß wir außerstande sind, einen tätigen Zustand ohne körperlichen und diesen ohne jenen uns auch nur vorzustellen, so müssen wir in dieser Zusammengehörigkeit zweier voneinander grundsätzlich verschiedener, sich entgegengesetzter Zustände nur einen Beleg dafür erblicken,  daß Körperlichkeit und Tätigkeit nur aus ihrem Gegensatz als Gegenstand unserer Wahrnehmung und Vorstellung erklärt und begriffen werden können. 

Wenn wir auch außerstande sind, uns eine dem hier dargelegten Standpunkt entsprechende Vorstellung vom Physischen zu bilden, so dürfen wir nie vergessen, daß ebensowenig, als wir mit unseren Erkenntnissen hinter das Bewußtsein zurückgehen können, um uns von einem tiefer liegenden Gesichtspunkt eine Vorstellung vom Bewußtsein zu bilden, wir auch die Grenzen des Physischen nicht durchbrechen können und es somit aufgeben müssen, uns eine Vorstellung vom Physischen zu bilden und das umso eher, als wir erst innerhalb des Bewußtseins Körperlichkeit und Tätigkeit in ihrem Gegensatz antreffen. Waren wir doch auch nur durch Einschränkung des Prinzips der Unterscheidung einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt auf das Bewußtsein in unseren Untersuchungen über die Beziehungen der physischen Natur zum Bewußtsein zu diesen das Problem der Körperlichkeit und Tätigkeit entscheidenden Ergebnissen gelangt! Und wenn wir immer wieder darüber Klage führen hören, daß wir außerstande sind, in das Wesen, in den Inhalt der von uns wahrgenommenen Gegenstände einzudringen, daß unser Bewußtsein nur an der Oberfläche der Gegenstände bleibt, so werden wir uns wohl mit der Erklärung abfinden müssen, daß der  Inhalt der Erscheinungswelt  sich eben nur  im Bewußtein des Gegensatzes einer Körperlichkeit und Tätigkeit erschöpft.  Wie wenig Veranlassung wir haben, irgendwelche Zweifel in die Berechtigung dieses Standpunktes zu setzen, davon können wir uns am besten überzeugen, wenn wir uns gegenwärtig halten, daß gerade die physische Realität, derentwegen allein man Anstand nehmen zu müssen glaubte, Körperlichkeit und Tätigkeit unvermittlt in die Bewußtseinssphäre rücken zu lassen,  durch das Bewußtsein ihre Gültigkeit bezeugt  und dadurch die dem Bewußtsein bisher gegebene psychologische Deutung durch ein rein erkenntniskritische Auffassung ersetzt, insofern, als sich an diese Auffassung des Bewußtseins die Forderung knüpft,  den Inhalt aller Erkenntnis auf die Gültigkeit der physischen Erscheinungswelt zu reduzieren.  Dadurch, daß das  Bewußtsein nur die Gültigkeit der physischen Erscheinung  darstellt,  erschließt es sich also gleichzeitig als  einziges und ausschließliches  Erkenntnisprinzip  derselben.

Um den Sinn dieser Forderung, innerhalb des Bewußtseins die Scheidegrenze zwischen Innen- und Außenwelt zu ziehen, zu erfassen, brauchen wir uns nur die Frage vorzulegen, mit welchen Bürgschaften wir dafür einstehen können, daß die Unterscheidung einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt auch außerhalb des Bewußtseins Geltung haben sollte, wenn wir die einzige Bürgschaft für die Gültigkeit dieser Behauptung, das Bewußtsein, preisgeben und von ihm gänzlich absehen müßten. Innerhalb der Grenzen des Bewußtseins ist der Dualismus einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt aber auch durchaus keine Hypothese, sondern ein unanfechtbarer Tatbestand, weil er alle Motive für die Phänomenalität des Physischen birgt, welche das Bewußtsein des letzteren verständlich und begreiflich macht. In der ihm bisher zuteil gewordenen Auslegung vermochter er sich allerdings über die Bedeutung einer Hypothese nicht zu erheben, weil die Scheidung der Natur unserer Erscheinung und ihrer Funktionen in einen physischen und psychischen Zustand sich nur auf metaphysische Motive stützt und sich jeder erkenntniskritischen Erwägung verschließt. Indem wir für die untrennbare Einheit  des Bewußtseins der physischen Erscheinung  eintreten und gleichzeitig die Erklärung liefern, warum wir die Natur nur vom Standpunkt unseres Bewußtseins als einen körperlichen und tätigen Zustand wahrnehmen, stellen wir uns eine Aufgabe, in welcher wir das alte Problem, wie und wodurch die physische Erscheinungswelt Gegenstand unserer Wahrnehmung und Erkenntnis wird, nur in einer anderen Formulierung, in einem neuen Gewand wiedererkennen.

Unser Streben muß aber auch vor allem darauf gerichtet sein, den Tatbestand der Untrennbarkeit des Bewußtseins von der physischen Erscheinung auf Motive zu stützen, die uns in den Stand setzen, dem Einwurf zu begegnen, wie wir dann die Scheidung der Natur in bewußte und bewußtlose Erscheinungen rechtfertigen können, wenn wir bedenken, daß wir an beiden dieselben physischen Eigenschaften wahrnehmen und die Gültigkeit ihres Vorhandenseins bewußter wie bewußtloser Erscheinungen nur in dem Maße bezeugen können, in welchem diese Erscheinungen Gegenstand unserer bewußten Wahrnehmung sind. Denn wenn wir auch zugeben würden, daß das Bewußtsein an die Organisation der Erscheinung geknüpft und durch sie bedingt ist, müßten wir uns doch fragen,  wie wir ein andersorganisierten Erscheinungen "anhaftendes" Bewußtsein zu unserem, von einer ganz anders gearteten Organisation abhängigen Bewußtsein  bringen können. Wir müssen uns stets gegenwärtig hatlen, daß wir doch nur  aus unserem Bewußtsein den Begriff der Erscheinung schöpfen,  daß wir die Welt nur insofern als Erscheinung vorfinden, als wir ihrer bewußt werden, somit auch dann, wenn wir uns herbeilassen wollten, eine auch außerhalb des Bewußtseins bestehende Erscheinungswelt anzunehmen, wir außerstande wären, vom tatsächlichen Vorhandensein außerhalb des Bewußtseins liegender Erscheinungen uns zu überzeugen und diese Annahme zu verifizieren. Diese Erscheinungen würden dann konsequenterweise für unser Bewußtsein gar nicht als Erscheinungen bestehen dürfen, weil dasjenige, was wir von den Gegenständen als Erscheinung finden, doch nur dadurch Erscheinung sein kann, daß wir seiner bewußt werden, da das Bewußtwerden anderer, unserem Bewußtsein fremder Realitäten unbegreiflich und undenkbar wäre.

Sowie der Physiker, Chemiker für alle Gegenstände ein und dasselbe Prinzip statuiert und den Beweis erbringt, daß z. B. das Gesetz des freien Falles für jeden Gegenstand ohne Rücksicht auf seine individuelle Beschaffenheit Anwendung findet, die Stoffe in den verschiedensten Erscheinungen, in belebten wie in leblosen Wesen nach denselben Gesetzen sich chemisch verbinden und lösen, so darf sich der Philosoph, wenn die Ergebnisse seiner Forschung den Einwänden strenger Erkenntniskritik standhalten sollen, durch die Verschiedenheit der Beschaffenheit bewußter und bewußtloser Erscheinungen beirren lassen.

Für uns ist es eine ausgemachte Sache, daß zwischen Bewußtsein und der physischen Erscheinung keine Scheidegrenze gezogen werden kann und nirgendwo erst ein Übergang aus dem Bewußtsein in die physische Erscheinung und umgekehrt aus dieser in jenes stattfindet und sich feststellen läßt. Es gilt nun also, eine dem hier angeführten Tatbestand entsprechende Auffassungsweise des Bewußtseins und der physischen Realität Bahn zu brechen, welche die Frage, wie Bewußtsein und die physische Erscheinung in eine scheidewandlose Beziehung zueinander treten, gegenstandslos macht. Diese Überzeugung dürfen wir uns selbst duch den Hinweis auf den Umstand, daß es neben Erscheinungen, welche mit Bewußtsein ausgestattet sind, auch Erscheinungen gibt, die kein Bewußtsein besitzen, nicht verkümmern lassen. Der erkenntniskritische Philosoph kennt diesen Unterschied bewußter und bewußtseinsloser Erscheinungen gar nicht oder soll ihn nicht kennen. Immer werden wir darauf zurückkommen müssen, daß die physische Erscheinung vom Bewußtsein unzertrennlich ist, daß wir der Forderung, das bisher auf bestimmt organisierte Individuen eingeengte Bewußtsein zu einem durchgängigen, die gesamte Erscheinungswelt umfassenden Gültigkeitsprinzip zu erweitern, nicht entkommen können, wenn wir in den subjektiven, transzendenten Idealismus, welchem alle Metaphysik entspringt, nicht zurückfallen sollen. Um einer solchen Behauptung das richtige Verständnis abzugewinnen und ihr eine richtige Deutung zu geben, brauchen wir uns nur jene Ausführungen ins Gedächtnis zu rufen, in welchen die Einschränkung der physischen Realität auf Bewußtsein ihre Motivierung erfahren hatte. Nicht das Bewußtsein des Physischen ist uns unbegreiflich, sondern nur das Bewußtsein einer  außerhalb  desselben (des Bewußtseins) als selbständige,  fertige  Realitäten gedachten Körperlichkeit und Tätigkeit. Deshalb darf und soll nicht das Problem der Körperlichkeit und Tätigkeit, sondern das Problem der physischen Realität in unseren Untersuchungen, die wir über das Bewußtseinsproblem anstellen, in Betracht kommen.

Wie kämen wir auch dazu, behaupten zu wollen, daß sich die physische Erscheinung auf den Gegensatz der Körperlichkeit und Tätigkeit beschränke und auf diesen allein zurückzuführen sei, wenn wir nicht durch die Erwägung, daß, wenn wir von alledem, was wir, nur von metaphysischen Voraussetzungen geleitet, in das Bewußtsein a priori hineinlegen und hineindenken, absehen,  in ihm nichts anderes, als den Gegensatz der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt antreffen,  zur Einsicht gebracht würden, daß sich aus dem Gegensatz einer tätigen, aktiven, subjektiven Innen- und einer körperlichen, passiven, objektiven Außenwelt schon das Bewußtsein einer physischen - körperlichen und tätigen - Erscheinungswelt erklären und begreifen lasse?  Wir hatten uns ja auch nur die Aufgabe gestellt, das Bewußtsein der physischen Erscheinung,  also weder die physische Erscheinung an sich, noch das Bewußtsein an sich, zu begründen und darzulegen und von diesem Grundsatz geleitet, haben wir einen Weg eingeschlagen, auf dem wir zu einer Auffassungsweise der physischen Erscheinung und des Bewußtseins gelangen sollen, durch welche wir die vollste Harmonie beider bestätigt finden. Was würde denn die physische Erscheinung als selbständige, existentiale Realität bedeuten, wenn sie uns nicht durch Einschränkung ihres Inhaltes auf den Gegensatz der Körperlichkeit und Tätigkeit zeigen würde, daß sie an das Bewußtsein gebunden ist; was würde das Bewußtsein bedeuten, wenn sich in ihm mehr oder weniger der Inhalt der physischen Erscheinung enthüllen und anzeigen ließe? Involviert das Bewußtsein der physischen Erscheinung dadurch,  daß wir in ihm Körperlichkeit und Tätigkeit eben nur in ihrem Gegensatz und durch denselben antreffen,  nicht schon das Vermögen, zu empfinden und eine Tätigkeit auszuüben, also das Vermögen des Vorstellens und einer Spontaneität oder eines Willens? Enthält dieser Tatbestand, auf welchen sich das Bewußtsein der physischen Erscheinung stützt, gleichzeitig nicht schon die Erklärung dafür, warum mit jedem Wahrnehmungsakt das Bewußtsein jedes körperlichen Vorganges vom Bewußtsein einer Tätigkeit und das Bewußtsein einer Tätigkeit vom Bewußtsein körperlicher Vorgänge, als die Empfindung vom Gefühl und das Gefühl von der Empfindung begleitet wird?

Die kritiklose, dogmatische Gegenüberstellung des Bewußtseins und der physischen Erscheinung bildete einen der verhängnisvollsten Irrtümer, mit welchen die neuere philosophische Forschung inauguriert [ins Amt gehoben, wp] wurde. Von der Idee geleitet, Bewußtsein und die physische Erscheinung in Einklang zu bringen und eine scheidewandlose Berührung beider durch Aufhebung jedes Unterschiedes zwischen unserer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt herzustellen, verwickelte sich das philosophische Denken nur in ein Netz von Unbegreiflichkeiten, die dann für philosophische Probleme ausgegeben wurden. Man vermochte es sich auf keine Weise zurechtlegen, wieso es komme, daß unsere Erscheinung von Bewußtsein begleitet sei, während wir in der Natur Erscheinungen finden, deren wir wohl bewußt werden, die selbst aber kein Bewußtsein besitzen. In diesem Tatbestand entdeckte man einen hinreichenden Grund dafür, zwischen Bewußtsein und der physischen Erscheinung eine undurchdringliche Scheidewand aufzurichten und indem man letztere ersterem als Objekt gegenüberstellte, hatte man sich für eine Auffassung der Subjektivität und der Objektivität entschieden, die im steten Widerspruch mit den gegebenen Tatsachen zu einer Kritik ihrer eigenen Voraussetzungen herausfordert und damit jener Gedankenrichtung Bahn bricht, die als Erkenntniskritik den Boden für eine Immanenzphilosophie vorbereitet.

Würde man es aber unterlassen haben, die physische Erscheinung vom Bewußtsein zu trennen, so wäre man der Versuchung entgangen, das Bewußtsein aus Zuständen und Vorgängen der physischen Erscheinungswelt erst abzuleiten, für deren Dasein wir keine andere Bürgschaft anzuführen imstande sind, als unser Bewußtsein von ihnen. Man hätte sich dann gewiß nicht der Wahrnehmung verschließen können, daß hier ein Irrtum vorliegen müsse, der in unserer Auffassung des Bewußtseins und in unserer Vorstellung, die wir bisher vom Bewußtsein uns zu bilden gewöhnt sind, die Sondes des Kritizismus angelegt werden müsse. Selbst die Zustimmung zu der immer größere Kreise ziehenden Ansicht, daß die Eigenschaften der physischen Natur an unser Bewußtsein geknüpft sind und nur für dieses Geltung haben, bedeutet noch keinen eigentlichen Fortschritt im großen Gedankenprozeß, durch welchen wir uns durchzuarbeiten haben, um zu den letzten Elementen der Erscheinungswelt zu gelangen, weil sie nur den Tatbestand ausspricht, daß das Bewußtsein der physischen Natur, wenn auch nicht als selbständiges Element, immerhin aber noch als ein Problem gegenübersteht, welches in der Frage gipfelt, warum wir Eigenschaften, für deren Vorhandensein wir keine andere Zeugenschaft anzurufen vermögen, als das Bewußtsein, als eine konkrete, reale, physische Erscheinungswelt wahrnehmen und infolge einer  einseitigen  Einschränkung des Bewußtseins auf unsere subjektive Innenwelt im Gegensatz zu dieser sogar für eine  reale Außenwelt  annehmen.

So verlockend auch eine Lehre erscheinen mag, welche den Standpunkt der Abhängigkeit der physischen Natur vom Bewußtsein vertritt, kann sie, so bald ihr eine im Sinne der bisherigen Auffassungsweise von Subjekt und Objekt entwickelte, auf ihrer Gegenüberstellung beruhende Deutung gegeben wird, nicht unangefochten bleiben, aus dem einfachen Grund, weil sie dann dem subjektiven Idealismus ein entschiedenes Übergewicht einer realen Weltanschauung gegenüber verschaffen und das anzustrebende Prinzip einer Übereinstimmung des Bewußtseins mit dem wesentlichen Inhalt der physischen Natur durchbrechen würde. Diese Übereinstimmung von Bewußtsein und physischer Erscheinung ist also nicht in dem Sinne aufzufassen, in welchem z. B. SPENCER und BAIN die dualistische Weltauffassung zu entkräften suchen, daß nämlich der Körper im Licht der Objektivität dasselbe Ding sei, welches "subjektiv im unmittelbaren Bewußtsein des Individuums die Seele ist", sondern muß und darf nur in dem Sinne gedeutet werden, daß alle physische Realität in Bewußtsein aufgeht, daß die Scheidegrenze zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Innen- und Außenwelt nur innerhalb des Bewußtseins gezogen werden darf und auf diesen Gegensatz des Subjektiven und des Objektiven, der Innen- und Außenwelt der Inhalt der physischen Realität innerhalb der Grenzen des Bewußtseins eingeschränkt werden muß.

Der kurze Sinn des hier dargelegten Standpunktes ist der, daß das Objektive nicht an sich als Objekt, das Subjektive nicht an sich als Subjekt ist, sondern daß beide erst innerhalb  des Bewußtseins der physischen Erscheinung  in Kraft treten und ihre Gültigkeit ebenso wie die Innen- und Außenwelt nur auf ihren Gegensatz einschränken. Damit erscheint auch der Gedanke, gleichviel ob im Subjekt oder im Objekt ein Apriori zu entdecken, endgültig ad absurdum geführt,  da das Apriori,  durch welches die existenziale Gültigkeit des absolut Seienden respektive Werdenden ausgedrückt wird, an sich und durch sich selbst gegeben ist und somit  außerhalb des Bewußtseins liegen muß,  nachdem  dieses nur die Gültigkeit der physischen Erscheinung darstellt.  Die Begriffe Subjektivität und Objektivität sehen wir in eine von der bisherigen Auffassungsweise abweichende Beleuchtung gerückt; sie haben für uns nicht mehr die Bedeutung einer existenzialen Gewißheit, welche ihnen der Apriorismus und der Empirismus beigelegt hatten. Es liegt ja auch übrigens auf der Hand, daß, sobald das Prinzip der Unterscheidung von Subjekt und Objekt für die Vorstellung oder für die Erscheinung in Anwendung gebracht wird, es gänzlich der Phänomenalität verfallen muß. Alles, was wir von der Vorstellung behaupten und aussagen, fällt schon dadurch in den Bereich der Vorstellungswelt. Es geht somit also durchaus nicht an, behaupten zu wollen, die Vorstellung sei nur ein Objekt eines apriorischen Subjektes, vielmehr müssen wir das Prinzip der Unterscheidung von Subjekt und Objekt auf die Vorstellung selbst, d. i. auf das Bewußtsein der physischen Erscheinung beschränken und gestehen, daß  die Scheidegrenze zwischen Subjekt und Objekt in der Vorstellung selbst liegen  und sich diese somit nur auf den Gegensatz des Subjektiven und des Objekt beschränken müsse.

Die Frage nach der Scheidegrenze des Subjektiven und des Objektiven ist zweifellos eines der schwierigsten, aber auch eines der grundlegenden Probleme, welche den Übergang der Philosophie vom Boden des Skeptizismus auf jenen des positiven Kritizismus bewerkstelligen sollen. Der Subjekt- und der Objektbegriff verfügten bisher über eine Elastizität, die es geradezu unmöglich machte, anzugeben, wo das Subjektive aufhört und das Objektive beginnt; denn das Subjekt anderer Wesen ist für uns schon Objekt, ja wir brauchen ja nicht einmal so weit zu gehen: das Subjektive selbst läßt man plötzlich, mit dem Augenblick, wo man es zum Gegenstand der Beobachtung macht, sich in ein Objekt umwandeln. Darin liegt die Bedeutung des hier angelegten und entwickelten Standpunktes, in der Auffassung der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt eine Stabilität des Subjekt- und Objektbegriffes schon dadurch herbeigeführt zu haben, daß  Subjekt und Objekt aufhören,  Gegenstand der Beobachtung zu sein,  sobald der Gegenstand der Beobachtung auf den Gegensatz der subjektiven  Inenn- und  objektiven  Außenwelt gegründet wird, demnach  gleichzeitig als der Wahrnehmungsakt sich darstellt,  und das  Prinzip der Unterscheidung einer subjektiven  Innen- und  objektiven  Außenwelt selbst nur  auf den Gegensatz beider  sich beschränkt. Kann denn übrigens von der Unterscheidung eines Wahrnehmungsaktes und Wahrnehmungsgegenstandes noch die Rede sein, wenn das Bewußtsein der physischen Erscheinung als eine untrennbare Einheit geltend gemacht wird?

Dieses Prinzip der Unterscheidung von subjektiver Innen- und objektiver Außenwelt innerhalb der Grenzen des Bewußtseins finden wir durch die  Verschiedenheit subjektiver Gefühle und objektiver Empfindungen bestätigt;  ja es ergibt sich von dem hier dargelegten Standpunkt aus sogar die unabweisbare Notwendigkeit, zwischen  Empfindungen und Gefühlen denselben Gegensatz  zu konstatieren, den wir zwischen der Tätigkeit und Körperlichkeit hervorgehoben hatten; in dieser Einsicht werden wir noch durch die Erwägung unterstützt, daß wir in der Tat in unseren Gefühlen das Bewußtsein der Tätigkeit, der Aktivität, im Gegensatz zur Passivität unserer objektiven Empfindungen, die wir von der körperlichen Außenwelt besitzen, entdecken können.

Ebenso wie der Gegensatz der Körperlichkeit und Tätigkeit das Bewußtsein der physischen Realität ergibt und wir deshalb diese in Bewußtsein aufgehen sehen, werden wir auch unserer Empfindungen und Gefühle, da sich die Unterscheidung beider von einander nur durch ihren Gegensatz rechtfertigt und auf diesen sich allein die Gültigkeit ihres Vorhandenseins beschränkt, auch nur in ihrem Gegensatz teilhaftig.  In diesem Gegensatz subjektiver Gefühle und objektiver Empfindungen stoßen wir eben wieder an jenes Undurchdringliche und Greifbare,  welches sich uns als physische Realität enthüllt. An der Hand dieses Tatbestandes lernen wir erst begreifen,  warum wir, bewußte, von Gefühlen und Empfindungen erfüllte und getragene Wesen uns selbst, sowie die außerhalb unser liegende Welt als ein physische, greifbare Realität wahrnehmen,  und erhalten auf die früher aufgeworfene Frage, warum wir Erscheinungen, trotzdem wir von ihnen nur das Bewußtsein besitzen, dennoch als physische Realitäten wahrnehmen, Bescheid. Hier wird uns darüber die Auskunft zuteil, warum, so oft wir uns anheischig machen, die von uns wahrgenommene Realität der physischen Erscheinungswelt zu packen, wir nur unser Bewußtsein von derselben erfassen und wenn wir unser Bewußtsein als selbständige Realität zu fassen suchen, die physische Erscheinungswelt ergreifen. Hieraus erhellt eben, daß ebensowenig als der physischen Erscheinungswelt unserem Bewußtsein die Bedeutung einer Realität zugestanden werden kann. Erwägungen dieser Art müssen der Erkenntnis Bahn brechen, daß in dem Bewußtsein allein ebensowenig wie in der physischen Erscheinung sich allein der Inhalt einer Realität erschöpft, daß das Bewußtsein allein ebensowenig wie in der physischen Erscheinung allein hinreiche, um das Wesen der Realität ins Licht zu setzen, daß erst aus der Begründung und Darstellung des  Bewußtseins der physischen Erscheinung  als untrennbarer Einheit sich uns das Problem der Realität erschließt.  Der Gegensatz  von einander untrennbarer  subjektiver Gefühle  und  objektiver Empfindungen  stellt sich uns somit  als die sich selbst erfassende, ergreifende physische Erscheinung  dar.  Durch Einschränkung der Gültigkeit unserer subjektiven Gefühle und objektiven Empfindungen auf ihren Gegensatz werden wir aus dem Bewußtsein zu derselben physischen Erscheinung zurückgeführt, wie wir umgekehrt durch Einschränkung der physischen Erscheinung auf den Gegensatz der Körperlichkeit und Tätigkeit zum Bewußtsein der physischen Erscheinung gelangt waren.  Können und dürfen wir in Anbetracht dieser Zusammengehörigkeit des Bewußtseins und der physischen Erscheinungen daran denken, das Bewußtsein aus elementaren "psychischen Gebilden" abzuleiten, bei Empfindungen und Gefühlen als Bewußtseinselementen stehen zu bleiben und auf ihnen eine sich von den Problemen der "Außenwelt" empanzipierende Psychologie aufzubauen? Können wir uns des Geständnisses entäußern, daß der Gedanke, unsere subjektive Innenwelt auf "subjektive, selbständige, elementare, psychische Gebilde" zurückzuführen und aus ihnen abzuleiten, mit denselben Mängeln behaftet ist, die wir am Streben, die "Außenwelt" auf selbständige physische Realitäten, Atome, zu gründen, auszusetzen alle Veranlassung haben?

Die bloße Berufung auf die Tatsache, daß das Bewußtsein unmittelbar gegeben ist, berechtigt uns durchaus nicht zu jenen Erwartungen, welche an eine weitergehende Beschäftigung mit "psychischen Erscheinungen", als uns durch die Frage nach dem Zusammenhang des Bewußtseins mit der physischen Erscheinung vorgezeichnet ist, geknüpft werden. Fällt man denn nicht wieder auf jenen Standpunkt zurück, den man mit der Aufstellung des Grundsatzes, "daß das Bewußtsein allein unmittelbar gegeben ist und wir von aller Erscheinung nur das Bewußtsein besitzen", überwunden haben will, wenn aus diesem Axiom Konsequenzen gezogen werden, welche die Sonderheit "psychischer Erscheinungen" aussprechen und damit den alten metaphysischen Dualismus des Physischen und Psychischen wider aufrichten? Wir müssen eben davon abstehen, im Prinzip der Unmittelbarkeit des Bewußtseins einen Grund für die Einschränkung philosophischer Forschung auf "innere subjektive Bewußtseinsvorgänge" zu erblicken. Denn solange Bewußtseinstatsachen und Bewußtseinsvorgänge als etwas von der "äußeren physischen Erscheinungswelt" Verschiedenes aufgefaßt und dieser gegenübergestellt werden, bleibt der eben angeführte Grundsatz der Unmittelbarkeit und der aus ihm gefolgerten Gewißheit aller Bewußtseinserkenntnis nur eine Voraussetzung, welcher eine Psychologie als selbständige philosophische Einzeldisziplin bedarf, um nicht diesen einzigen Beweis ihrer Existenzberechtigung schuldig bleiben zu müssen. Der Empirismus, welcher sich unter Berufung auf die Realität der "Außenwelt" durch seine grundsätzliche Gegnerschaft zum "Apriorismus" jeder Rücksichtnahme auf das Bewußtsein entschlagen zu müssen vorgab, hat nun plötzlich im Bewußtseinsproblem ein Gebiet für eine Betätigung seiner Grundsätze entdeckt. Allerdings bildet für ihn nach wie vor ein "apriorisches" Bewußtsein das ebenso gefürchtete als gehaßte Schreckgespenst. Deshalb soll sich auch nicht aus dem Bewußtsein selbst heraus, sondern nur innerhalb der durch die Ereignisse einer  "inneren" Beobachtung  gezogenen Grenzen die Lösung des Bewußtseinsproblems vollziehen. Nicht das Bewußtsein selbst, sondern nur das im Bewußtsein "empirisch Gegebene" - die Bewußtseinsvorgänge - soll den Gegenstand psychologischer Forschung bilden. Auf den Aufschwung, den die exakten Naturwissenschaften durch die Berücksichtigung empirisch gegebener Tatbestände genommen haben, hinweisend, hat sich in der Gestalt des Positivismus ein Empirismus strengster Observanz des Bewußtseinsproblems bemächtigt, ohne die geringste Aussicht, sich auch nur einen Augenblick länger auf diesem Boden behaupten zu können, als die blinde Zuversicht, mit welcher den Ergebnissen des Empirismus entgegengesehen wird, der nüchternen Erwägung des Kritizismus den Platz streitig zu machen vermag.

Schon AUGUST COMTE hat sich der Wahrnehmung nicht zu verschließen vermocht, daß eine derartige Forderung sich selbst widerspreche und deshalb grund genug vorhanden sei, der Psychologie als einer besonderen Wissenschaft jede Existenzberechtigung streitig zu machen, da Selbstbeobachtung zu den Dingen der Unmöglichkeit gehöre. "Man beobachtet", meint COMTE, "alle Erscheinungen mit seinem Geist, womit soll man denn aber seinen Geist beobachten? Man kann seinen Geist ja doch nicht in zwei Teile teilen, deren einer wirkt, während der andere untersucht, wie er das macht!" Doch gibt auch COMTE trotzdem zu, daß die Gefühle leichter einer Beobachtung zugänglich seien, als das Denken, weil sie ein anderes Organ hätten. "Unsere intellektuellen Tätigkeiten müßten an ihren Erzeugnissen und Resultaten oder mittels der Organe, an welche sie geknüpft sind, studiert werden."

In ähnlichem Sinne äußert sich auch RIEHL: "Das Bewußtsein als solches", meint RIEHL, "ist ebensowenig einer Erklärung zugänglich, wie die Empfindung, die seinen inhaltlichen Grundbestandteil bildet. Das Bewußtsein als solches beobachten und erforschen wollen, hieße ja, dieser Aufgabe entgegen, es in ein Objekt für ein zweites gleichsam tiefer liegendes Bewußtsein verwandeln. Es entzieht sich somit dem Gedanken, der es ergreifen, der Beobachtung, die es wie einen Gegenstand festhalten möchte."

Wenn aber trotzdem unter dem Vorwand der Unmittelbarkeit des Bewußtseins die Erforschung von besonderen Bewußtseinsvorgängen zum Gegenstand einer besonderen psychologischen Disziplin gemacht wird und deshalb, weil uns der Empirismus hierfür seine Unterstützung leiht, man sich der Aufgabe, das elementare Bewußtsein zu erforschen und zu ergründen, entziehen zu können glaubt, werden wir nur darin einen Beweis erblicken müssen, daß der Empirismus an das elementare Bewußtsein nicht heranreicht. Indem die empirische Psychologie nur mit den Erscheinungen des Bewußtseins, nicht aber mit diesem selbst, sich zu beschäftigen vorgibt, legt sie nur an den Tag, daß sie der Aufgabe, das Bewußtseinsproblem einer abschließenden Behandlung zuzuführen, nicht gewachsen ist. So bekämpfen auch SCHOPENHAUER und HERBART, jeder natürlich von seinem Standpunkt, die Existenzberechtigung der Psychologie als einer selbständigen Wissenschaft. SCHOPENHAUER meint, die Psychologie sei der Metaphysik in allen ihren Teilen immanent. Der Mensch sei der Konstruktionspunkt der Welt. "Das Wesen an sich des Menschen kann nur im Verein mit dem Wesen ansich aller Dinge, also der Welt, verstanden werden." Die äußere Erfahrung werde durch die innere verstanden und begriffen, indem die Tatsachen der inneren Erfahrung als erklärende Prinzipien eo ipso [selbstverständlich, wp] gelten.

Auch HERBART verwirft jede empirische Psychologie als Grundbedingung der Philosophie. Die Psychologie hat nach HERBART ihre Grundlage in der Metaphysik und sei selbst eine metaphysische Disziplin. Das einfache  Was  der Seele sei völlig unbekannt und bleibt es auf immer, es ist kein Gegenstand der spekulativen, so wenig wie der empirischen Psychologie. Soweit SCHOPENHAUER und HERBART, mit denen ich mich allerdings nur in Bezug auf ihren negativen Standpunkt der Psychologie gegenüber einig zu wissen glaube, weit davon jedoch entfertn, ihren positiven Standpunkt in dieser Frage zu teilen.

Das philosophische Denken wäre nun an jenem Wendepunkt angelangt, wo es sich aller Eigentümlichkeiten und Sonderheiten entäußert, die es ihm bisher verwehrt hatten, sich mit der gegebenen Wirklichkeit in Einklang zu setzen. Aufgabe der bisherigen Ausführungen war es auch, darzutun, daß dieses Ziel nur dann erreicht werden kann, wenn wir das Prinzip der Untrennbarkeit des Bewußtseins von der physischen Realität durch Aufzeigen von Tatbeständen, welche die durchgängige Gültigkeit alles Physischen für das Bewußtsein rechtfertigen und jenes in diesem aufgehen lassen, schon zum Ausgangspunkt aller philosophischen Forschung machen, dagegen es aufgeben, die Erforschung und Feststellung von Prinzipien und Theorien, welche zwischen "physischem" und "psychischem" Dasein eine scheidewandlose Berührung herstellen sollen, um einen Erklärungsgrund für das Bewußtwerden der physischen Erscheinung zu liefern, als Endziel philosophischer, respektive psychologischer Forschung anzustreben. Von diesem Grundsatz geleitet, haben wir das Problem des Bewußtsein und des Physischen in Erwägung gezogen und den Beweis geführt, daß sich zwischen Bewußtsein und der physischen Natur insofern schon kein Unterschied feststellen läßt, als das eine ohne das andere gar nicht gedacht, erklärt und begriffen werden kann und somit die Annahme eines "Psychischen", durch welches man das Bewußtwerden der physischen Erscheinung begreiflich zu machen sucht, nicht nur als gegenstandslos, sondern sich auch als ein Hindernis für eine ersprießliche voraussetzungslose Auffassung, Formulierung und Behandlung philosophischer Probleme erweist.

Alles, was uns an den Begriff des "Psychischen" erinnern könnte, sehen wir allmählich von der Bildfläche philosophischer Betrachtungen schwinden. Das Physische wird in der Begründung und Darstellung seiner Phänomenalität allen Ansprüchen gerecht, die an dasselbe gestellt werden, um in ihm auch dasjenige zu entdecken, wofür die Hypothese des Psychischen konstruiert wurde. Je näher man sich in der Psychologie dem Bewußtseinsproblem glaubt, desto greller zeigt sich der Unterschied zwischen dem Bewußtsein und dem "Psychischen". Dieses ist an metaphysische Voraussetzungen gebunden, jenes an den einfachen, erkenntnistheoretischen Tatbestand der Phänomenalität des Physischen. Das Psychische stellt sich als ein von aller übrigen Natur verschiedener, von ihr gänzlich isolierter und aparter Prozeß dar, das Bewußtsein schließt die gesamte Erscheinungswelt, soweit sie Gegenstand der Wahrnehmung ist, in sich. Das Bewußtseinsproblem eröffnet uns erkenntniskritische Perspektiven, das Problem des "Psychischen" kämpft und ringt mit überwundenen metaphysischen Voraussetzungen. Das Bewußtseinsproblem kann sich nur auf dem Boden strenger Erkenntniskritik behaupten und daselbst seine Ausbildung erfahren, niemals aber in einer Psychologie, weil es sich durch seinen unmittelbaren Zusammenhang mit der physischen Erscheinung jedes Anspruches auf eine selbständige Behandlung entäußert. Die Psychologie selbst steht auf dem entgegengesetzten Standpunkt; sie geht eben von der Voraussetzung aus, daß selbst dann, wenn es auch keinen besonderen seelischen Zustand geben sollte, so doch die Annahme, daß es neben besonderen physischen Erscheinungen besondere psychische Vorgänge gibt, nicht von der Hand zu weisen ist. In jedem Fall wir dem Physischen wie dem Psychischen reale Bedeutung zugestanden. Nach Ansicht der Psychologen müssen psychische Erscheinungen von physischen auch deshalb unterschieden werden, weil sie von anderen Gesetzen beherrscht würden, als die "äußere" physische Natur, aber selbst dann, wenn sie denselben Gesetzen wie die Gegenstände in der Außenwelt unterliegen sollten, sich doch nur auf unsere "subjektive Innenwelt" beschränken.

Um den Weg, der uns aus der physischen Erscheinung unmittelbar ins Bewußtsein führt, zurückzulegen, muß die Psychologie eine Kette von Vorgängen voraussetzen, durch welche der Übergang aus der physischen Natur ins Bewußtsein und aus diesem in jene vermittelt werden soll. Und wenn die Psychologie bei diesem Unternehmen Schiffbruch erleidet, schlägt sie sich in die Büsche und sucht sich mit dem abzufinden, was sie zur Rechtfertigung ihrer Existenzberechtigung eben nur voraussetzt, nämlich das Vorhandensein besonderer "psychischer Erscheinungen", auf deren Beobachtungen sich zurückzuziehen sie vorgibt. Zum Unterschied von einer äußeren Beobachtung soll die Selbstbeobachtung zum Forschungsprinzip der Psychologie erhoben werden und dieser Anerkennung der Existenzberechtigung als einer selbständigen wissenschaftlichen Disziplin erwirken.

Bietet uns denn der Dualismus einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt überhaupt eine Handhabe, zwischen innerer und äußerer Beobachtung zu unterscheiden, wenn die physische Realität durch ihre Phänomenalität sich selbst als Bewußtsein zur Geltung bringt und damit die Forderung ausspricht, innerhalb ihrer selbst die Scheidegrenze zwischen Innen und Außen zu ziehen? Kann das Prinzip der Unterscheidung einer inneren und äußeren Beobachtung aufrechterhalten werden, wenn die Motive, auf welche es gestützt wird, aus der bisherigen ganz irrtümlichen Gegenüberstellung von Bewußtsein und physischer Erscheinung geschöpft werden? So lange an dieser Annahme festgehalten wurde, konnte man gegen die Art und Weise, auf welche neben einer Naturforschung eine auf innere Beobachtung gegründete Psychologie sich als selbständige Wissenschaft etabliert hatte, keine Einwendung erheben. Man vermochte dies umsoweniger, als der Ansicht gehuldigt wurde, daß der Gegenstand der Wahrnehmung etwas außerhalb des Wahrnehmungsaktes Liegendes sei und durch diesen erst - durch den Wahrnehmungsakt - in die Bewußtseinssphäre gebracht werde. Warum, meint man, sollen denn nicht die inneren Vorgäng unseres Bewußtseins Gegenstand der Beobachtung sein können, wie die Gegenstände einer äußeren Wahrnehmung es sind, zumal von den inneren Vorgängen alle Beobachtung ausgeht und damit zum Unterschied vom Prinzip der Beobachtung fremder Gegenstände dem Prinzip der Selbstbeobachtung zum Druchbruch verholfen wird, welches dann noch den Vorteil der Unmittelbarkeit für sich hat und dadurch allem Zweifel gegenüber, welchen die Annahme einer realen Außenwelt als etwas "außerhalb des Bewußtseins" Liegenden erweckt, standzuhalten vermag?

Unter diesen Voraussetzungen sollen der Psychologie die ihr durch die Naturwissenschaft für einige Zeit entzogenen Rechte auf selbständigen Bestand wieder zurückerstattet und zwischen Psychologie und Naturwissenschaft für die Zukunft Friede und Eintracht hergestellt werden. Daß unsere Innenwelt der Außenwelt wie diese jener gegenüber kein abschließendes Ganzes und keine selbständige Realität bilden, davon mögen weder Psychologen noch Naturforscher etwas wissen.

Es steht ja außer Zweifel, daß das Bewußtsein wie die physische Natur irgendwo ihre Grenzen haben müssen, da sie sich sonst zu keiner endlichen anschaulichen Erscheinungswelt gestalten könnten. Würde sich die physische Erscheinung in unendlich viele Teilchen auflösen lassen, so könnte sie sich nie in endlichen Wesen zur Geltung bringen. Die atomistische Hypothese wäre demnach die einzige Rettungsstation für die Erhaltung der Realität einer "Außenwelt". Denn nur um die physische Realität der Außenwelt vor dem Zerfall in ein Nichts zu schützen, werden dem Auflösungsprozeß der "Materie" dort, wo ihre Realität in die Brüche zu gehen droht, Grenzen gesetzt, um bei jenen Teilchen anzulangen, die als Atome jeder weiteren Teilung Widerstand entgegensetzen und durch ihre gegenseitigen Beziehungen physikalische, chemische und mechanische Eigenschaften hervorbringen sollen. Da der Atomismus aber doch immer nur eine Hypothese bleibt, so kann eben auch die Realität einer Außenwelt unter den Fittichen des Atomismus nur auf die Bedeutung einer Hypothese Anspruch erheben. Wir werden uns immer gegenwärtig halten müssen, daß wir bewußte Wesen uns von den Atomen ebensowenig eine unmittelbare Erkenntnis versprechen dürfen, als wir einer solchen von der existentialen Welt teilhaftig werden, daß der Atomismus selbst dann, wenn er sich seines hypothetischen Charakters entledigen und in die Reihe positiver Tatbestände vorrücken würde, uns vom Standpunkt strenger Erkenntniskritik keinen Gewinn bringen könnte. Diese Hypothese, mit welcher wohl eine erst aus den Angaben  unserer Wahrnehmung  der Gegenstände sich herausbildende Naturwissenschaft ihr Auskommen findet, vermag vor dem Forum kritischen Denkens nicht standzuhalten. Die Naturwissenschaft wäre nur dann kompetent, über die Realität der Außenwelt zu entscheiden, wenn sich in ihren Angaben der Inhalt der von uns wahrgenommenen Gegenstände erschöpfen würde. Die einzige und zuverlässige Bürgschaft für die Realität einer "Außenwelt" wäre unser Bewußtsein; dieses allein entspricht dem Inhalt unseres Wahrnehmungsgegenstandes, weil wir erst in ihm die existentiale Natur als eine physische Erscheinung antreffen und wahrnehmen. Das Bewußtsein als einzige und zuverlässige Bürgschaft für das Vorhandensein einer "Außenwelt" ist es daher auch, welches der unendlichen Natur Grenzen setzt. Diese Abgrenzung ist dann allerdings keine räumliche oder physikalische, sondern eine erkenntniskritische, was mit anderen Worten so viel bedeuten will, daß sich die physische Erscheinung nicht in physische Elemente, in Atome, sondern in Bewußtsein auflöst, in welcher Einsicht wir durch den Hinweis auf den Tatbestand, daß wir von der physischen Erscheinung nur das Bewußtsein besitzen, unterstützt werden und somit Bewußtsein und physische Erscheinung insofern als eine untrennbare Einheit anerkennen müssen, als wir erst innerhalb des Bewußtseins die Natur als eine physische Erscheinung antreffen, uns umgekehrt aber auch das Bewußtsein auf den wesentlichen Inhalt der physischen Erscheinung einzuschränken uns genötigt sehen. Allerdings hört dann aber auch das Bewußtsein auf, dasjenige zu sein, wofür es bisher gehalten wurde. Es  stellt sich als die bloße Gültigkeit der physischen Erscheinung dar  und in dieser Auffassung macht es jede Annahme eines psychischen Zustandes, durch welchen die physische Erscheinung erst zu Bewußtsein gebracht werden soll, illusorisch, nachdem wir es aufgeben, außerhalb des Bewußtseins eine von diesem unabhängige physische Realität anzunehmen und anzuerkennen. So sehen wir, daß dieselben Argumente, welche ihre Spitze gegen die Realität einer Außenwelt richten, uns auch die schärftste Waffe gegen die Annahme eines besonderen "psychischen" Zustandes in die Hand drücken.

Allerdings ist das der Standpunkt der extremsten Bewußtseinsimmanenz, welcher es grundsätzlich ablehnt, auch dann aus den Grenzen des Bewußtseins herauszutreten, wenn Fragen in Betracht kommen, deren Gegenstand man als jenseits des Bewußtseins liegend unabhängig von diesem in Erwägung ziehen zu müssen glaubte und zur transzendenten Welt nur jenen Weg einzuschlagen gestattet, der uns durch die Forderung, die Scheidegrenze zwischen der subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt innerhalb des Bewußtseins zu ziehen, vorgezeichnet ist. Den hier angeführten Tatbestand, daß es außerhalb des Bewußtseins keine physische Realität geben könne, finden wir schon auf Motive gestützt, welche uns zur Erkenntnis führen, daß die physische Erscheinung eben aufhört das zu sein, als was wir sie wahrnehmen, sobald wir aus ihr das Bewußtsein eliminieren. Was bleibt uns denn von der Körperlichkeit und Tätigkeit übrigt, sobald wir von ihrem Gegensatz, auf den allein sich das Bewußtsein der physischen Erscheinung beschränkt, absehen und den Inhalt der Körperlichkeit und Tätigkeit selbst ins Auge fassen? Bleibt uns von der Tätigkeit mehr als die reine  absolute  Veränderlichkeit, von der Körperlichkeit mehr als die  absolute  Beharrlichkeit zurück?


Das Problem der Phänomenalität

Je weiter wir in unseren Betrachtungen über das Wesen der Körperlichkeit und Tätigkeit gehen, desto wirksamer tritt in uns die Überzeugung auf, daß  Körperlichkeit und Tätigkeit gar nicht Gegenstand unserer Wahrnehmung sind  und wir uns von ihnen auch keine Vorstellung zu bilden vermögen. Sehen, hören oder tasten wir, wie sich die unendlichen Teilchen unvermittelt zu einer kompakten, materiellen Realität zusammensetzen und aneinanderschließen, wie ein Teilchen der Tätigkeit unvermittelt aus einem anderen hervorgeht und wie dieser Zusammenschluß dieser Teilchen zu jener Kontinuität, die sich uns als Körperlichkeit und Tätigkeit enthüllt, zustande kommt? Müßten wir aber nicht auch den Gedanken, daß aus unendlichen Teilchen eine endliche, wahrnehmbare und vorstellbare Größe hervorgehen könnte, als eine Absurdität zurückweisen? Alle unsere Betrachtungen, die wir über die Realität der Körperlichkeit und Tätigkeit anstellen, finden in der Einsicht ihren Abschluß, daß  nur wir  an der Körperlichkeit und Tätigkeit  nichts erkennen und wahrnehmen,  was auf die Annahme ihrer existentialen Gültigkeit und Selbständigkeit zu schließen gestatten würde, da der existentiale Inhalt der Körperlichkeit und Tätigkeit schon insofern außerhalb der Sphäre unserer Wahrnehmung und Erkenntnis liegt und sich in einem transzendenten Verhältnis zu denselben befindet, als Körperlichkeit und Tätigkeit nur auf ihren Gegensatz  das Bewußtsein der physischen Erscheinung  einzuschränken uns nötigen. Das Bewußtsein der physischen Erscheinung bildet somit nur die Hülle, hinter welcher die absolute Beharrlichkeit und die absolute Veränderlichkeit als Prinzipien absoluter Existenz, verborgen sind.

Diese den Inhalt der physischen Realität und den des Bewußtseins zu einer harmonischen Einheit verknüpfende Auffassung der "Erscheinung" kann uns keinen Augenblick darüber im Zweifel lassen, daß nicht nur etwas da sein muß, was erst Erscheinung wird, sondern, daß uns auch darüber Aufschluß zuteil wird, worin das Existentiale besteht und inwiefern das Erscheinung Werdende Anspruch auf Anerkennung einer existentialen Gültigkei erheben darf. Wir müssen uns schon jetzt darüber klar sein, daß die reine Veränderlichkeit - das absolute Werden - und die reine Beharrlichkeit - das absolute Sein - allein schon hinreichen müssen, uns Auskunft über die an eine existentiale Gültigkeit zu stellenden Ansprüche zu geben, schon deshalb, weil wir zu ihnen als dem letzten Rest einer vom Bewußtsein abstrahierten Erscheinungswelt gelangt sind und es uns somit auch nicht schwer fallen kann, den Weg aus diesen reinen Prinzipien absoluter Existenz in das Bewußtsein einer physischen Natur zurückzufinden. Diese, durch unsere Auffassung des Bewußtseins der physischen Realität ermöglichte und mit Umgehung der Annahme einer metaphysischen, transzendenten Kraft und Substanz unmittelbar erfolgte Auflösung unserer Erscheinungswelt in reine Prinzipien absoluter Existenz enthebt uns der Aufgabe, unsere Gedanken darüber in Betrachtungen zu verlieren, durch welches metaphysische Agens eine Tätigkeit, eine Bewegung veranlaßt, wodurch aus unendlichen Teilchen eine beharrliche Substanz gebildet wird, weil die in der "Körperlichkeit" zutage tretende Beharrlichkeit und die sich in der "Tätigkeit", in der Bewegung zutage tretende Veränderlichkeit als reine "ideale" Prinzipien absoluter Existenz darstellen, somit unbedingt sind. So ständen wir einer neuen Problemstellung gegenüber, derzufolge wir uns mit der Frage zu beschäftigen haben, wodurch reine Prinzipien absoluter Existenz, die Veränderlichkeit und Beharrlichkeit "an sich" sich selbst zu einer Erscheinungswelt heranbilden. Mit der Einschränkung des Existentialen auf die reine absolute Veränderlichkeit und Beharrlichkeit vollzieht sich die Ausscheidung des Bewußtseins und der physischen Realität aus dem Existentialen; und diese, die physische Realität und ihr Bewußtsein allein sind es, welche den Inhalt der Erscheinungswelt bilden. Die Beweggründe, welche die Ausscheidung der physischen Realität und ihres Bewußtseins aus dem Existentialen notwendig machen, sind schon in unserer Auffassung der physischen Realität und ihres Bewußtseins enthalten, nachdem wir eben durch sie zur reinen Veränderlichkeit und Beharrlichkeit als letzten Prinzipien absoluter Existenz gelangt waren. Was uns also not tut, ist durchaus nicht die Fähigkeit in die existentiale, transzendente Welt hinabzusteigen, als vielmehr eine streng kritische Sonderung des Existentialen und seiner Erscheinung.

Die Erwägung, daß im bloßen Entgegengesetztseins einer subjektiven Innen- und objektiven Außenwelt sich  schon das Bewußtsein der physischen  Erscheinung erschöpft und somit  auch nur die Wahrnehmung einer  körperlichen und tätigen Natur - nicht aber die Körperlichkeit und Tätigkeit - ihre Erklärung findet, bricht der Erkenntnis Bahn, daß wir in der existentialen Welt nichts mehr zu suchen und von ihr zu fordern haben, als die Rechtfertigung,  warum die Welt sich nicht in ihrem existentialen Inhalt erschöpft, sondern erst in der Erscheinung des Existentialen ihr Dasein zur Geltung bringt.  Und diesen Ansprüchen wird durch Feststellung der absoluten Beharrlichkeit und der absoluten Veränderlichkeit als Prinzipien absoluter Existenz schon insofern in vollstem Maße Rechnung getragen, als sie an Voraussetzungen geknüpft sind, welche das Bewußtsein der physischen Erscheinung als eine untrennbare Einheit zur Darstellung bringen und rechtfertigen. Diese Prinzipien sind durchaus nicht reduzierbar und ihre Unbedingtheit berechtigt uns dazu, an ihnen den Begriff der Existentialen darzutun. Wir wollen uns aber vorläuft darauf beschränken, in den Prinzipien absoluter Existenz einen Tatbestand festgestellt zu haben, an welchem die Unerläßlichkeit des Dualismus für die Darstellung des Existentialen als eine unabweisbare Forderung dargetan wird, weil wir erst aus dem Dualismus des Existentialen - aus dem Gegensatz der absoluten Beharrlichkeit und Veränderlichkeit den Ursprung einer Erscheinungswelt im Absoluten einsehen und begreifen lernen; wie wir durch Einschränkung des Dualismus auf die physische Erscheinung zur Einsicht von der Notwendigkeit einer Gegenüberstellung von Körperlichkeit und Tätigkeit gelangt waren und dadurch dahin gebracht wurden, zu konstatieren, daß sich schon aus dem Gegensatz der Körperlichkeit und Tätigkei  das Bewußtsein der physischen Erscheinung  begreifen lasse, an sich selbst aber eine Körperlichkeit und Tätigkeit gar nicht als physische Realität bestehe, sondern nur in der Gestalt existentialer Prinzipien, einer absoluten Beharrlichkeit und absoluten Veränderlichkeit festgestellt werden könne.

Nur in dem Sinne, in welchem aus diesem Gegensatz, in welchen sich diese beiden Prinzipien absoluter Existenz zueinander stellen, sich schon das Bewußtsein der physischen Natur erklären und ableiten läßt, kann und darf die Behauptung, daß das Bewußtsein der Natur Grenzen setze, gedeutet und ausgelegt werden. Hier,  im Bewußtsein der physischen Erscheinung,  sehen wir die absolute, in sich unendliche Veränderlichkeit und Beharrlichkeit sich Grenzen setzen und eine endliche Erscheinungswelt hervorbringen. Nur die Begrenztheit der absoluten Veränderlichkeit und Beharrlichkeit enthüllt sich uns in der physischen Natur, die wirkenden, schaffenden Elemente liegen außerhalb derselben, jenseits des Bewußtseins. In der physischen Natur nehmen wir nur die entstandenen Erscheinungen wahr, wir sehen und hören, wie eine Erscheinung auf die andere Erscheinung folgt, das Entstehen selbst nehmen wir nicht wahr. Dieses vollzieht sich außerhalb der physischen Natur - jedoch  die Wahrnehmung  geht innerhalb der physischen Natur vor sich. Aber auch erst aus der erlangten Kenntnis der Natur des Existentialen dürfen wir uns versprechen, uns Gewißheit zu verschaffen, ob es selbst in der existentialen, transzendenten Welt ein Entstehen gibt in der Form, in welcher wir es uns vorstellen, ob sich die Notwendigkeit nicht ergeben wird, das Entstehungsproblem durch ein anderes zu ersetzen oder überhaupt durch eine neue Formulierung desselben gegenstandslos zu machen. Die ganze lebendige, unsere Bewunderung erregende Fülle der Natur findet auch nur in der untrennbaren Einheit des  Bewußtseins der physischen Erscheinung  ihren Erklärungsgrund. Diese Erwägungen, deren Aufgabe es ist, zu zeigen, wie sich die Welt jenseits des Bewußtseins gestaltet, finden in der Einsicht ihren Abschluß, daß die Welt außerhalb des Bewußtseins ihre  physische Beschaffenheit aufgibt,  aber nicht aufhört  zu existieren. 

 Die Unterscheidung von Existenz und Erscheinung  ist deshalb mehr als eine erkenntnistheoretische Forderung; sie ist ein  Fundamentalproblem,  als welchem unser Denken erst Impulse zu einer philosophischen Forschung empfängt. Mit Bewunderung muß es uns erfüllen, daß, so  unmittelbar  sich der  Übergang  aus der  existentialen, transzendenten Welt  in die  dem Bewußtsein immanenten  Erscheinungen vollzieht, sich doch ein so gewaltiger Unterschied  zwischen der existentialen Welt und ihrer Erscheinung  zeigt, daß man wirklich am Gedanken, aus dem Existentialen, Absoluten die ganze Erscheinungswelt in ihrer Mannigfaltigkeit und Greifbarkeit abzuleiten, zu verzweifeln allen Grund hätte, nachdem alle in dieser Richtung unternommenen Versuche fehlgeschlagen sind. Diesen Bedenken unterliegt der hier dargelegte Standpunkt, von welchem aus die Beziehung des Existentialen zu seiner Erscheinung zum Gegenstand philosophischer Forschung gemacht werden soll, eben nicht, weil wir  nicht aus dem Inhalt des Existentialen  und des Absoluten, sondern  aus dem Dualismus  desselben,  aus dem Gegensatz,  in welchen sich die Veränderlichkeit und Beharrlichkeit an sich als Prinzipien absoluter Existenz zueinander stellen, ableiten und entwickeln zu wollen erklären.

Die Gefahr, den Standpunkt der Bewußtseinsimmanenz als eine Art Solipsismus, gleichviel ob metaphysischen oder nur erkenntnistheoretischen aufzufassen, besteht schon deshalb nicht für uns, weil wir es aufgeben, im Bewußtsein ein Kriterium existentialer Gewißheit zu erblicken, indem wir  das Bewußtsein auf die bloße Erscheinung  des Existentialen einschränken, dieses (das Existentiale) selbst dagegen als etwas Transzendentes, weil außerhalb des Bewußtseins Liegendes, diesem (dem Bewußtsein) gegenüberstellen und dadurch gleichzeitig an den Tag legen,  daß die Transzendenzfrage oder das Existenzproblem nicht vom Standpunkt reflektierenden Denkens, sondern nur von dem des Bewußtseins zur Entscheidung gebracht werden müsse.  Dürfen wir uns da der Wahrnehmung verschließen, daß wir, dem Grundsatz treu, nicht aus den Grenzen des Bewußtseins herauszutreten, es nicht nur nicht für notwendig, sondern gar für zweckwidrig erachten müssen, auch dann diesen Standpunkt zu verlassen, wenn es gilt, den existentialen Bedingungen unserer Erscheinungswelt näherzutreten und die Welt außerhalb der Bewußtseinssphäre, wo sie alle Eigenschaften, welche sie als Erscheinung kennzeichnen, ablegt, zu erfassen? Deshalb werden wir uns stets gegenwärtig halten müssen, daß der Standpunkt einer Bewußtseinsimmanenz nur dann berechtigten Anspruch auf Anerkennung eines philosophischen Forschungsprinzips erheben darf, wenn er dem Transzendentalismus soviel Raum gewährt, als er des letzteren zu seiner Begründung und Rechtfertigung bedarf. Könnten wir auch nur einen Augenblick das Prinzip der Untrennbarkeit und der Einheit des Bewußtseins der physischen Natur aufrechterhalten, wenn wir das Bewußtsein nicht auf die bloße Erscheinung des Existentialen beschränken würden? Schon mit der Erklärung des  Bewußtseins der physischen Natur  auf den bloßen  Gegensatz  zwischen Körperlichkeit und Tätigkeit hat sich die Ausscheidung des Existentialen und damit alles Apriorischen aus der Bewußtseinssphäre schon insofern vollzogen, als sich der eigentliche  Inhalt  der Körperlichkeit und Tätigkeit auf das Prinzip der absoluten Beharrlichkeit und der absoluten Veränderlichkeit reduziert und in dieser Gestalt seine Eliminierung aus der Erscheinung, somit auch aus dem Bewußtsein vollzieht.

Wir sehen die  Phänomenalität  durch die ihr verliehene, in den letzten Darlegungen entwickelte Deutung, welche die Aufhebung jedes Unterschiedes zwischen Bewußtsein und physischer Erscheinung zu ihrer Voraussetzung hat, in ein Licht gerückt, in welchem ihre subjektivistisch-idealistische Auslegung als eine einseitige verurteilt werden muß.  Nicht das Prinzip der Unmittelbarkeit des Bewußtseins  ist das ausschlaggebende Moment,  sondern das Prinzip der Untrennbarkeit des Bewußtseins und der physischen Erscheinung, das Prinzip der Einheit beider,  welche uns die Erklärung liefert, warum mit der Erscheinung das Bewußtsein entsteht und vergeht. Es ist durchaus falsch, zu behaupten, daß das Bewußtsein unmittelbar gegeben ist;  denn nicht das Bewußtsein allein,  sondern  das Bewußtsein der physischen Erscheinung ist unmittelbar gegeben. Diese Unmittelbarkeit muß also in der Beziehung der physischen Erscheinung zum Bewußtsein gesucht werden. 

In diesem Sinne ist die Abhängigkeit der physischen Erscheinung vom Bewußtsein aufzufassen; nicht etwa in der Absicht, die Existenz einer vom Bewußtsein unabhängigen, diesem gegenüber also transzendenten Welt zu leugnen, sondern lediglich vom Gedanken geleitet, das Bewußtsein auf die Erscheinung des Existentialen einzuschränken. Nur vom Standpunkt eines exklusiven transzendentalen Idealismus darf man sich erlauben, zu behaupten, daß das "Sein" der Dinge, das Existentiale und Transzendente im Bewußtsein enthalten ist. Das Dogma der Gleichsetzung des Bewußtseins mit dem "Sein" der Dinge findet nicht nur bei Philosophen, welche sich mit metaphysischen Fragen beschäftigen, sondern auch bei Psychologen, welche das Bewußtsein als etwas unmittelbar Gegebenes betrachten und deshalb Bewußtseinstatsachen für apriorische Tatsachen gegenüber empirischen Tatsachen annehmen, Anerkennung. Räumt doch z. B. selbst der Positivist LAAS, der auf dem Boden der durchgängigen Relativität aller Erkenntnis steht, die Denkbarkeit eines nicht korrelativen Seins ein.

Von der Annahme ausgehend, daß das Bewußtsein im Apriorischen wurzle und von diesem auch erfüllt sei, gelangt der grübelnde Denker zu Problemen, welche er für Philosophie ausgibt, weil ihnen das Stigma der Unbegreiflichkeit aufgedrückt ist. Eine Kette von Konflikten, die ihm durch das Streben, die gegebenen Tatsachen mit einem "apriorischen" Bewußtsein in Einklang zu bringen und aus ihm abzuleiten, erwachsen, ist das Ergebnis dieser Denkarbeit. Er fällt von den schwindelhaften Höhen des transzendentalen Subjektivismus ebenso schnell herab, wie er zu ihnen emporgestiegen war. Der Zweifel an seinem wirklichen Dasein ist die Frucht dieser Verirrungen philosophischen Denkens. Mit Schrecken wird er im Bewußtsein derselben Wandlungen gewahr, welche die physische Erscheinung heimsuchen und der Vernichtung zuführen. Die Rückkehr zur Einsicht, daß das Bewußtsein nicht der existentialen Welt, sondern erst ihrer Erscheinung angehört und auf diese sich beschränkt, ebnet uns die Bahn, welche uns dahin führt, die Untersuchungen über das Problem der Beziehung des Bewußtseins zur physischen Erscheinung zum Abschluß zu bringen.

Wir kommen da zum erstenmal in die Lage, konstatieren zu müssen,  daß die Phänomenalität der physischen Natur nicht in ihrer Beziehung zum Bewußtsein, sondern in der zur existentialen Welt gesucht werden muß.  Die ganze Kette von Theorien und Hypothesen, durch welche man das Bewußtsein mit der physischen Erscheinung erst in Verbindung bringen zu können glaubte, mußten wir durchbrechen, um uns zu einer Auffassungsweise der Phänomenalität emporzuarbeiten, welche mit der Unwiderlegbarkeit eines Axioms in dem ebenso einfachen als naheliegenden Tatbestand, daß wir des Existentialen nicht in seinem unmittelbaren Gegebensein, sondern erst in seiner Erscheinung bewußt werden, nach Geltung ringt. Indem wir  das Bewußtsein auf die Erscheinung des Existentialen einschränken, stellen wir uns in der Auffassung der Phänomenalität in einen Gegensatz zu denen, welche in der Abhängigkeit der physischen Erscheinung vom Bewußtsein die Bedeutung der Phänomenalität erblicken und diese nur für die physische Natur in Anspruch nehmen,  wogegen wir darin, daß wir das Bewußtsein auf die Erscheinung des Existentialen einschränken, einen  Grund für die Phänomenalität des Bewußtseins  entdecken und eine existentiale Gültigkeit desselben streitig machen. Mit der Phänomenalität des Bewußtseins soll aber durchaus nicht die Realität der physischen Erscheinung (und ihres Bewußtseins) gefährdert oder beeinträchtigt werden. Die Erscheinungswelt, welche schon das Bewußtsein in sich schließt, hat ebenso Anspruch auf reale Gültigkeit, wie die existentiale Welt, mit Rücksicht auf ihren Inhalt vielleicht einen noch höheren Anspruch, nachdem sich die existentiale Welt auf bloße Prinzipien reduziert.  Der Unterschied zwischen der existentialen Welt und ihrer Erscheinung darf nicht in der Verschiedenheit ihrer realen Bedeutung,  sondern nur  in der Verschiedenheit ihrer Gestaltung  gesucht werden.

Wären wir imstande, für das Bewußtsein der physischen Erscheinung eine Erklärung zu liefern,  wenn das Bewußtsein mit der Existenz und nicht erst mit der Erscheinung des Existentialen gegeben wäre?  Die Erwägung, daß wir selbst als bewußte Wesen der Erscheinung des Existentialen angehören, daß wir es aufgeben müssen,  uns als existentiale Dinge zu betrachten,  macht alle solipsistischen Anwandlungen zunichte, weil sie uns zur Einsicht bringt, daß die  Phänomenalität des Bewußtseins , d. i. seine untrennbare Beziehung zur physischen Natur, dem Bewußtsein alle Einschränkungen auferlegt,  welche die physische Natur als bloße Erscheinung des Existentialen  erleidet und daß wir eben in Anbetracht und in Würdigung des unmittelbaren Zusammenhangs des Bewußtseins mit der physischen Natur dieser nur in dem Maß bewußt werden, in welchem sich zwischen einer und der anderen physischen Erscheinung aufgrund empirisch-experimenteller wissenschaftlicher Beobachtungen eine Beziehung feststellen läßt. Wie wäre es auch möglich, die Abhängigkeit einer ganzen Erscheinungswelt vom Bewußtsein anzunehmen, wenn sich das Bewußtsein selbst im wesentlichen Inhalt der physischen Erscheinung erschöpft, sich auf dieselbe beschränkt, mit ihr erst gegeben ist,  und die Phänomenalität, welche man der physischen Natur wegen ihrer angeblichen Abhängigkeit vom Bewußtsein andichtet, schon deshalb nicht verleugnen kann, weil es in der Erscheinung des Existentialen und nicht in diesem selbst  enthalten ist. Darin eben, daß wir nicht unserer Existenz bewußt werden können, da sich unser Dasein auf die Erscheinung der existentialen Welt beschränkt, mit ihr entsteht und alle Wandlungen der physischen Erscheinungswelt durchmacht, muß eben der Grund gesucht werden, warum wir uns selbst,  als bloße Erscheinungen unter Millionen anderen Erscheinungen, wohl als reale, nicht aber als existentiale Wesen, umgeben von einer ebenso realen, aber nicht existentialen physischen Natur erscheinen,  und es uns nicht im Traum einfallen ließen, daß  unser Dasein  ebensowenig wie die uns umgebende übrige phyisische Natur  erst mit der Erscheinung des Existentialen gegeben ist und sich in ihr erschöpft.  Allerdings kommen hier noch andere Momente in Betracht, so z. B. das logische Denken, welches sich unabhängig vom Inhalt der empirischen Erscheinungswelt vollzieht und unvermittelt ins Bewußtsein tritt. Erst mit der Erledigung dieses Themas können wir unsere Untersuchungen über das Problem unseres Daseins als abgeschlossen betrachten. Dieser Aufgabe wollen wir uns in den nächsten Ausführungen unterziehen, indem wir die Behandlung des Erkenntnis- und des Existenzproblems in Angriff nehmen.
LITERATUR - Emil Bullaty, Das Bewußtseinsproblem, Archiv für systematische Philosophie, Bd. VI, Heft 1