ra-2Die Physiokraten  
 
CHARLES GIDE / CHARLES RIST
Die Geschichte der
volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

"Wenn sich in der Geschichte der volkswirtschaftlichen Doktrinen Schwankungen der gleichen Art kund tun, so muß man ihre Ursachen weniger in den Lehren selbst, als in der Gunst der öffentlichen Meinung suchen, die in Wirklichkeit jedesmal kommt und geht, wie der Wind sich dreht."

Die Geschichte der Doktrinen nimmt im französischen staatswissenschaftlichen Unterricht einen bedeutend größeren Platz ein, als in irgend einem anderen Land. In jeder Rechtsfakultät steht ihr ein eigener Lehrstuhl zur Verfügung; im Doktorexamen für Nationalökonomie ist eine besondere Prüfung für sie vorgesehen und ebenso muß bei der Zulassung zum staatswissenschaftlichen Agrégé [Abschlußprüfung, wp] eine schriftliche Arbeit über sie geliefert werden. An der Sorbonne ist die einzige bestehende nationalökonomische Professur der Geschichte der Doktrinen vorbehalten und das gleiche gilt für die, die vor kurzem an der "École des Hautes Études" geschaffen wurde.

Diese Geschichte der Doktrinen eingeräumte Bedeutung mag übertrieben erscheinen, besonders, wenn man darauf hinweist, daß für die eigentliche Wirtschaftsgeschichte, womit wir die Geschichte der Einrichtungen und der Tatsachen bezeichnen wollen, in unseren französischen Universitäten nicht eine einzige Professur besteht! Diejenigen, die den Franzosen eine angeborene Neigung zur Ideologie zusprechen, werden nicht verfehlen, hierin eine nicht gerade günstige Bekundung dieser Veranlagung zu sehen.

In anderen Ländern ist es anders. Dort steht die Geschichte der Tatsachen, nicht die der Ideen, an erster Stelle. Für alle, die sich zur historischen Schule und noch mehr für die, die sich zum historischen Materialismus bekennen, erscheinen die Doktrinen und die Systeme nur als Widerspiegelung der wirtschaftlichen Umstände; daher komme es hauptsächlich darauf an, diese letzteren zu studieren. Nicht mit Unrecht glaubt man, daß die Geschichte der Entwicklung des Eigentums oder die des Arbeitslohnes bedeutend belehrender ist, als die Geschichte der Streitigkeiten über das Wesen des Eigentumsrechts oder über die Lohntheorie.

Doch scheint es uns, als ob hierin gleichfalls eine gewisse Übertreibung läge, wenn auch im entgegengesetzten Sinn. Sicherlich ist der Einfluß, den das wirtschaftliche Milieu auch auf den abstraktesten Volkswirtschaftler ausübt, unbestreitbar, da es ihm die Grundlage für seine Untersuchungen und die Bausteine seiner logischen Konstruktionen liefert. Sind es doch die Tatsachen, die in einem gegebenen Augenblick die Probleme auftauchen lassen, die der Theoretiker zu lösen hat und sie in einem anderen Augenblick wieder zum Verschwinden bringen; sicherlich wechseln diese Probleme je nach den Epochen und Ländern. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die ganz besondere wirtschaftliche Lage Englands am Anfang des 19. Jahrhunderts die Gedanken RICARDOs auf die Bodenrente und die Notenemissionen gerichtet hat. Ohne das Auftreten der Maschinen, ohne die parallel verlaufende Entwicklung der Großindustrie und des Proletariats, ohne die Häufung der Krisen wären die Lehren eines SISMONDI und eines KARL MARX sicherlich nicht entstanden. Wenn heute die Theorie des Monopols immer mehr die Aufmerksamkeit der Volkswirtschaftler auf sich zieht, so darf man annehmen, daß die Entwicklung der Trusts und Kapitalsyndikate, die uns immer mächtigere und zahlreichere Monopole vorführen, hieran nicht unbeteiligt ist.

Aber wenn man das auch alles zugibt, so muß man doch auf der anderen Seite anerkennen, daß die Tatsachen nicht genügen würden, um das Entstehen der Theorien zu erklären und zwar nicht einmal die der Sozialpolitik und noch weniger die der rein wissenschaftlichen Auslegung. Wenn jedoch die Ideen durch Zeit und Milieu bestimmt werden, wie soll man es dann erklären, daß das gleiche Milieu und die gleiche Epoche gleichzeitig nicht nur heterogene, sondern sogar antagonistische Lehren hervorgebracht haben, wie die eines JEAN-BAPTIST SAY und eines SISMONDI, eines BASTIAT und eines PROUDHON, eines SCHULZE-DELITZSCH und eines MARX, eines FRANCIS WALKER und eines HENRY GEORGE! Und mit welchen historischen Umständen kann man in Frankreich die Entstehung der mathematischen Schule mit COURNOT oder die in drei oder vier verschiedenen Ländern gleichzeitig erfolgte Entdeckung der Theorie des Grenznutzen in Verbindung bringen?

Aus diesem Grund, ohne für die Geschichte der Doktrinen eine irgendwie geartete Überlegenheit zu fordern, - und indem wir, wie wir wiederholen, es bedauern, daß die Geschichte der Tatsachen in Frankreich allzusehr vernachlässigt wird, - beanspruchen wir für sie das Recht, sich als eine Sonderdisziplin darzustellen. (1) Deshalb wird in diesem Buch von der Geschichte der Tatsachen nur insoweit gesprochen werden, wie sie uns zum Verständnis des Auftretens oder Verschwindens dieser oder jener Lehre oder zur Erklärung des außerordentlichen Glanzes dient, in dem die eine oder die andere Lehre in einem gegebenen Augenblick erstrahlte und der uns heute in der Entfernung manchmal merkwürdig erscheint, - und dann werden wir die Geschichte der Tatsachen auch dort heranziehen, wo die Tatsachen mit den Lehren nicht als Ursachen, sondern als Folgen verbunden erscheinen. Denn trotz des Skeptizismus COURNOTs, der versichert, daß der Einfluß der Volkswirtschaftler auf den Lauf der Begebenheiten von keiner größeren Wirkung ist, als der der Grammatiker auf die Entwicklung der Sprache, erscheint es uns doch schwierig, z. B. den Einfluß der Manchesterschule auf die Handelsverträge von 1860 oder des Staatssozialismus auf die heutige Arbeitergesetzgebung zu leugnen.

Es ist eine unmögliche Aufgabe, in einem einzigen Band die Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen zusammenzufassen und die Verfasser dieses Buches erheben auch nicht den Anspruch, das geleistet zu haben. Um eine auch nur summarische Darlegung des unbedingt Wissenswerten zu geben, haben sie sich zu vielen Opfern entschließen müssen.

Indem wir als Ausgangspunkt das Ende des 18. Jahrhunderts wählten, haben wir zunächst alle Vorläufer weggelassen. Sicherlich reichen die Wurzeln der volkswirtschaftlichen Wissenschaft weiter in die Vergangenheit zurück; aber der Strom der großen volkswirtschaftlichen Gedanken, der sich in den großen Schulen ausdrückt, darunter vor allem die beiden typischen Doktrinen des Individualismus und Sozialismus, hat in Wirklichkeit erst im Laufe des 19. Jahrhunderts Gestalt angenommen. (2) Sollte übrigens der Leser diese Lücke zu sehr bedauern, so ist es ihm leicht, sie auszufüllen. Gerade dieser Teil der Geschichte der Doktrinen ist in schon erschienenen Büchern sehr eingehend behandelt worden; - für die Zeit des Altertums in denen von ESPINAS (3) und SOUCHON; - für das Mittelalter und bis zum 18. Jahrhundert in denen DUBOIS', RAMBAUDs und im Ausland ASHLEYs, INGRAMs, HECOR DENIS', BRANTS', COSSAs (um nur die anzuführen, die in französischer Sprache geschrieben oder in sie übersetzt worden sind), - während im Gegenteil die heutigen Lehren nur einen relativ geringen Platz darin einnehmen.

Aber nicht nur mit Hinsicht auf die Zeitalter, auch mit Hinsicht auf die Länder haben wir uns Beschränkungen auferlegen müssen. Man wird uns entschuldigen, wenn wir einen verhältnismäßig großen Teil des Buches den französischen Doktrinen gewidmet haben, da wir in erster Linie für französische Studierende schrieben. Übrigens tut das ein jeder Schriftsteller für das Land, dem er angehört, was auch richtig ist, da die Leser zunächst über das unterrichtet werden sollen, was sie am wenigsten kennen. Doch haben wir uns bemüht, England und Deutschland den großen Platz vorzubehalten, der ihnen gebührt, obgleich wir in bezug auf das letztere Land uns schon zu manchem Verzicht haben entschließen müssen. Was die Volkswirtschaftler anderer Länder betrifft, die wir leider nur zu oft mit Stillschweigen übergehen mußten oder die wir nur gelegentlich in Verbindung mit dieser oder jener Theorie, der sie ihren Namen gegeben haben, erwähnen konnten, so bitten wir sie, in diesen Lücken nicht eine Verkennung der bedeutenden Dienste zu sehen, die ihre Länder, besonders Italien und die Vereinigten Staaten, der ökonomischen Wissenschaft in der Vergangenheit wie in der Gegenwart geleistet haben.

Aber auch trotz dieser Beschränkung war unser Arbeitsgebiet doch noch zu reichhaltig, um alles aufnehmen zu können, so daß eine Auswahl erforderlich wurde. Wir haben uns bemüht, unsere Darlegungen auf eine möglichst kleine Zahl von Namen und Ideen zu beschränken, um diese desto besser darstellen zu können. Es war nicht unser Ehrgeiz, eine vollständige und erschöpfende Geschichte zu schreiben, sondern eher, eine Reihe von Bildern zu entwerfen, die den bedeutendsten Epochen der Geschichte der Doktrinen entsprechen.

Eine derartige Auswahl bedingt aber stets eine gewisse Willkür. Wie soll der qualifizierteste Vertreter einer jeden Lehre ausgewählt werden? In einer Wissenschaft, wie der Nationalökonomie, in der die Schriftsteller einander oft nicht gekannt haben, ist es häufig, daß sie sich wiederholen und es ist nicht leicht, festzustellen, wer den Anspruch auf Priorität hat. Wenn es aber schwierig ist, den Zeitpunkt zu entdecken, in dem eine Idee zum ersten Mal erscheint, so ist es relativ leicht, denjenigen mit Sicherheit zu bezeichnen, in dem sie sich der Aufmerksamkeit aufzwingt und sich dem Kreis der vorgetragenen oder wenigstens diskutierten Wahrheiten einreiht. Das haben wir als Richtschnur genommen. Die Autoren, die wir hier nicht haben aufnehmen können, auch wenn sie vielleicht ebenso würdig sind, an erster Stelle zu glänzen, werden trotz dieser Ungerechtigkeit nicht zu kurz kommen, denn die Mode beschäftigt sich heute mit den Vorläufern: zahlreich sind die Bücher, die der Entdeckung der  Poetae minores  [weniger bekannten Dichter, wp] der volkswirtschaftlichen Wissenschaft gewidmet sind und es sich zur Aufgabe machen, die Urteile der parteiischen Geschichte zu ihren Gunsten zu berichtigen.

Es war aber nicht nur eine Auswahl zwischen den Schriftstellern nötig, sondern auch eine Auswahl unter den Doktrinen. Diese Auswahl hat selbstverständlich keinen irgendwie normativ gearteten Charakter; wir hatten keineswegs die Absicht, die einen zu empfehlen und die anderen herabzusetzen aufgrund eines Kriteriums der Moralität oder der sozialen Nützlichkeit oder der Wahrheit. Wir gehören nicht zu denen, die wie J.-B. SAY glauben, daß die Geschichte der Irrtümer nutzlos ist. (4) Eher neigen wir dazu, uns der tiefsinnigen Bemerkung CONDILLACs anzuschließen: "Es ist für jeden, der selbst Fortschritte im Suchen nach der Wahrheit machen will, von wesentlicher Bedeutung, die Irrtümer derjenigen zu kennen, die geglaubt haben, ihm den Weg zu bahnen." Wir wissen, daß das Studium der Irrtümer fruchtbar ist, auch wenn man daraus nichts als die heilsame Warnung entnehmen kann, sie in Zukunft zu vermeiden und zwar umso mehr, wenn es zutrifft, - wie HERBERT SPENCER in Umwandlung eines Satzes von SHAKESPEARE sagt -, daß es keinen Irrtum gibt, der nicht ein kleines Körnchen Wahrheit enthielte. Auch kann man eine Lehre nur dann kennen, beherrschen und lieben, wenn man über ihre Geschichte Bescheid weiß und wenn man ebenfall, auf abgekürztem Weg, durch die gleichen Irrtümer geschritten ist, wie die, die diese Lehre entdeckt und uns überliefert haben. Eine Wahrheit, die man wie vom Himmel gefallen empfängt, ohne zu wissen, mit welchen Anstrengungen sie erworben worden ist, ist wie ein mühelos gewonnenes Goldstück: sie trägt keinen Nutzen.

Wir durften jedoch nicht vergessen, daß dieses Buch hauptsächlich für Studierende bestimmt ist und daß es nützlich ist, ihnen zu zeigen, wodurch diese oder jene Lehre die wissenschaftliche Kritik herausfordert, sei es durch einen Fehler in der Beweisführung oder durch ungenaue Beobachtung der Tatsachen. Wir haben aber unsere Kommentare auf ein Minimum beschränkt und zwar nicht nur, um das vorliegende Buch nicht zu sehr anwachsen zu lassen, sondern auch deshalb, weil das, worauf es dem Leser ankommt, nicht unsere Meinungen, sondern die der Meister selbst sind, die wir hier darstellen. So viel wie möglich haben wir sie selbst sprechen lassen und haben uns aus diesem Grund nicht gescheut, die Zitate zu häufen.

Wir haben uns bemüht, hauptsächlich die Lehren klarzustellen, die, Wahrheiten oder Irrtümer, zur Bildung der heutigen Ideen beigetragen haben und mit ihnen in unmittelbarer Beziehung stehen. Der Plan dieses Buches ist daher: wie, wo und durch wen sind die Grundsätze aufgestellt worden, die das provisorische oder endgültige Gerüst der volkswirtschaftlichen Wissenschaft bilden, so wie sie heute gelehrt wird? Wir haben es sogar für nützlich gehalten, gewissen Doktrinen einen Platz einzuräumen, die, auch wenn sie etwas am Außenrand der eigentlichen Nationalökonomie stehen, einen großen Einfluß auf den Unterricht, die Gesetzgebung und die Ideenbewegung ausgeübt haben, wie der christliche Sozialismus, der Solidarismus und der Anarchismus. Wenn wir es auch für vorteilhafter gehalten haben, den offiziell für diesen Unterrichtszweig anerkannten Titel beizubehalten, so würde doch der Titel dieses Buches besser lauten: "Geschichte des Ursprungs und der Entwicklung der  heutigen  volkswirtschaftlichen Doktrinen."

Der Plan einer Geschichte der Doktrinen bietet rechte Schwierigkeiten. Da es sich um geschichtliche Darlegungen handelt, muß man selbstverständlich ungefähr der chronologischen Ordnung folgen; man kann aber entweder alle Doktrinen der gleichen Epochen zusammengefaßt darstellen oder sie in ebenso viele Einzelgeschichten trennen, wie es Schulen gibt. Der erste Weg macht es nötig, in jedem Kapitel gleichzeitig alle Doktrinen zu behandeln und von neuem aufzuführen, wodurch man Gefahr läuft, dem Leser von jeder nur ein unbestimmtes Bild zu hinterlassen. Der zweite Weg hat den Nachteil, die Gesamtgeschichte in Monographien zu zerstückeln und gestattet nicht, die notwendigen Beziehungen, die in jeder Epoche die verwandten und sogar die gegnerischen Lehren zu verbinden, genügend hervorzuheben. Wir haben versucht, diese Nachteile zu vermeiden und die Vorteile der beiden Methoden zu vereinigen, indem wir die Lehren nach Familien aufgrund des Grades ihrer inneren Verwandtschaft geordnet haben und indem wir sie gemäß der historischen Folge ihres Auftretens zusammenfaßten. Doch haben wir sie nicht immer nach ihrem Entstehungsdatum klassifiziert, sondern nach dem ihrer Reife. In der Entwicklung einer Doktrin gibt es stets einen Höhepunkt: diese Höhepunkte haben wir uns festzulegen bemüht, indem wir jedem von ihnen ein Sonderkapitel widmeten. Übrigens haben wir uns nicht gescheut, der chronologischen Ordnung überall dort vorzugreifen, wo die Klarheit der Darstellung das zu fordern schien.
    1. Epoche: Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.  Die Begründer  der klassischen Volkswirtschaft: zunächst die Physiokraten, ADAM SMITH und J.-B. SAY und dann die Autoren, die durch beunruhigende Prophezeiungen das grandiose Bild der natürlichen Ordnung verdüsterten: MALTHUS und RICARDO

    2. Epoche: die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Die Gegner:  alle diejenigen, die von ihren Vorgängern aufgestellte Prinzipien angegriffen und erschüttert haben: SISMONDI, SAINT-SIMON, die Assozialisten, PROUDHON und LIST.

    3. Epoche: die Mitte des 19. Jahrhundert.  Der Höhepunkt der liberalen Schule,  die bis dahin den Angriffen siegreich widerstanden hat, auch wenn sie sich zu einigen Konzessionen verstehen mußte und deren große Gesetze ihre endgültige Fassung zur gleichen Zeit, wenn auchin zwei recht verschiedenen Gestalten, fanden: in England in den  Principles  JOHN STUART MILLs, in Frankreich in den  Harmonies  BASTIATs.

    4. Epoche: die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.  Die Abtrünnigen  des Liberalismus, die nach vier verschiedenen Richtungen hin Schismen [Schulenspaltung, wp] hervorrufen: - in der Methode, durch die historische Schule; - in der Sozialpolitik, durch den Staatssozialismus; - in der wissenschaftlichen Auffassung, durch den Marxismus; - in der ethischen Grundlegung, durch den christlichen Sozialismus.

    5. Epoche: Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.  Die neuzeitlichen Lehren,  in denen wir schon bekannte Doktrinen, in neuen Formen, fortgebildet oder entstellt, wie man will, wiederfinden werden: - die hedonistischen Doktrinen und die Theorien über die Bodenrente, die nur eine Art von Revision der klassischen Lehren sind; - der Solidarismus, der eine Brücke zwischen dem Individualismus und dem Sozialismus schlägt; - und endlich der Anarchismus, der nur eine Art von zur Verzweiflung getriebener Liberalismus ist.
Diese Aufeinanderfolge bedeutet keineswegs, daß jede vorhergehende Doktrin von der auf sie folgenden beseitigt oder verdeckt worden wäre. Das Aufkommen der historischen Schule in der Mitte des 19. Jahrhunderts z. B. fällt mit dem Wiederaufleben der liberalen Schule und des Optimismus zusammen. Der Neo-Liberalismus der österreichischen Schule entwickelt sich gleichzeitig mit dem Staatsinterventionismus und dem Kollektivismus.

Trotzdem wird man dieser Entwicklung einen gewissen Rhythmus der Bewegung bemerken: die Doktrin, die man die klassische nennen kann, tritt zuerst auf, wird dann unter dem Druck von mehr oder weniger sozialistischen Lehren zurückgedrängt, um später unter neuen Formen wieder aufzutauchen. Doch darf man sich hierdurch nicht verführen lassen, hierin nur eine einfache Ebbe- und Flutbewegung zu sehen, ein Auf- und Abschwanken, das dem ähnlich ist, das im Parlamentarismus die Vertreter der beiden großen Parteien abwechselnd zur Macht gelangen läßt. Wenn sich in der Geschichte der volkswirtschaftlichen Doktrinen Schwankungen der gleichen Art kund tun, so muß man ihre Ursachen weniger in den Lehren selbst, als in der Gunst der öffentlichen Meinung suchen, die in Wirklichkeit jedesmal kommt und geht, wie der Wind sich dreht.

Aber die Doktrinen und die Systeme haben ihr eigenes Leben, das keineswegs nur von der Mode abhängig ist. Es würde genauer sein, in ihrer Geschichte, wie übrigens in der Geschichte aller Ideen, einen Kampf ums Dasein zu sehen. Bald folgen sie nebeneinanderlaufenden Wegen und teilen sich friedlich in die Herrschaft über die Geister; bald branden sie in stürmischen Wogen auseinander. Es kann geschehen, daß in diesem Zusammenstoß die eine der Doktrinen unterliegt und verschwindet. Öfter aber söhnen sie sich aus und verschmelzen in der Einheit einer höheren Synthese. Auch kommt es vor, daß diese oder jene Lehre. die man tot glaubte, lebendiger als jemals wieder aufersteht.

Die Literatur zur Geschichte der Doktrinen ist außerordentlich groß. Außer schon höchst zahlreichen Allgemeingeschichten, außer Kapiteln, die sich in allen volkswirtschaftlichen Abhandlungen mit ihr beschäftigen und zahllosen Aufsätzen in Zeitschriften gibt es kaum einen Schriftsteller, auch unter den unbekannteren, über den nicht eine oder mehrere Monographien vorlägen. Wenn wir alle diese Arbeiten hätten anführen wolen, würden wir diesen Band ins Maßlose haben anwachsen lassen, ohne doch dazu zu gelangen, vollständig zu sein. Daher haben wir uns darauf beschränkt, zunächst selbstverständlich die Werke derer anzuführen, die die Helden dieser Geschichte sind. Ihre Kommentatoren und Kritiker zitieren wir nur dann, wenn wir ihnen unmittelbar einen Ausdruck oder einen Gedanken entlehnen oder wenn es notwendig ist, um dem Leser zu ermöglichen, die Lücken unserer Darstellung auszufüllen; schon das ergibt eine sehr große Anzahl Namen, wie man aus den Anmerkungen ersehen wird. Aber die gewollte Unvollständigkeit unserer Quellenangaben entledigt uns nicht der Verpflichtung, am Eingang dieses Buches unsere Dankesschuld gegenüber all denen - und sie sind zahlreich - abzutragen, die vor uns denselben Weg gegangen sind, uns dadurch unsere Aufgabe erleichtert haben und so ihren Teil an der Mitarbeit an diesem Buch beanspruchen dürfen. Sicher werden sie bemerken, daß wir sie weder vergessen, noch mißachtet haben.

Die Verfasser haben nicht geglaubt, daß eine wissenschaftliche Kollaboration an einer Geschichte der Ideen die vollständige Übereinstimmung über alle Fragen bedingt, mit denen sie sich zu beschäftigen hatten. Sie haben, besonders in Hinsicht auf die Doktrinen der wirtschaftlichen und sozialen Politik, die in diesem Buch dargelegt sind, ihre volle Unabhängigkeit gewahrt. Die Vorbehalte oder Sympathien, die sie hinsichtlich dieser oder jener Lehre aussprechen, müssen daher als der Ausdruck der persönlichen Meinung des Verfassers des betreffenden Kapitels angesehen werden.
LITERATUR, Charles Gide / Charles Rist - Die Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen, Jena 1913
    Anmerkungen
    1) Über den Nutzen des Unterrichts in der Geschichte der Doktrinen siehe einen Aufsatz von DESCHAMPS in der "Réforme Sociale" vom 1. Oktober 1902
    2) In einem Aufsatz über den Unterricht in der Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen ("Revue de l'Enseignement vom 15. März 1900) erklärt DESCHAMPS es zwar für unverzeihlich, daß man es nicht besser verstanden habe, aus dem Altertum und dem Mittelalter die "wunderbaren wirtschaftlichen Lehren zu ziehen, die dort zu finden sind", fügt aber hinzu, daß "wir in der Geschichte der Wissenschaft nicht weiter als bis zu den Physiokraten zurückzugehen brauchen".
    3) Die neue Ausgabe des Buches von ESPINAS enthält einen ganzen Band über die wirtschaftlichen Doktrinen im Altertum und im Mittelalter.
    4) "Was würden wir dabei gewinnen, absurde Meinungen, überwundene und mit Recht überwundene Doktrinen zu sammeln? Es wäre ebenso unnütz wie langweilig, sie auszugraben. Daher wird auch die Geschichte der Wissenschaft um so kürzer, je mehr die Wissenschaft sich vervollkommnet; denn, wie d'ALEMBERT sehr richtig bemerkt, je größere Klarheit man über einen Gegenstand gewinnt, um so weniger gibt man sich mit den falschen oder zweifelhaften Ansichten ab, die er hervorgerufen hat ... Es kommt nicht darauf an, die Irrtümer zu lernen, sondern sie zu vergessen." (Traité pratique, Bd. II, Seite 540)