tb-1Rickert: Gegenstand der ErkenntnisHönigswald: Theorie der Gegenständlichkeit     
 
HERMANN COHEN
Logik der reinen Erkenntnis
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 - Vorrede / Einleitung und Disposition
1. Die vierfache Bedeutung von Erkenntnis
2. Die Geschichte des Begriffs der reinen Erkenntnis
3. Das Verhältnis der Logik der reinen Erkenntnis zur Kritik
4. Das Problem der Psychologie
5. Das Denken der Wissenschaft
6. Das Denken der Wissenschaft und die Psychologie
7. Die Terminologie des Denkens
8. Die Logik des Ursprungs
9. Umfang der Logik
10. Das Urteil und die Kategorien
11. Das Urteil und das Denken
12. Die Arten des Urteils und die Einheit der Erkenntnis
Erste Klasse: DIE URTEILE DER DENKGESETZE
Erstes Urteil: Das Urteil des Ursprungs
Zweites Urteil: Das Urteil der Identität
Drittes Urteil: Das Urteil des Widerspruchs
   
"Der Irrtum, daß man dem Denken etwas geben dürfe oder geben könne, was nicht aus ihm selbst erwachsen ist, wird durch das Vorurteil genährt, welches sich im Wort  "gegeben"  behauptet. Dieses Wort ist förmlich zu einem Terminus geworden, zumal auch Kant es nicht verschmäht hat. Es finden sich zwar sichere Anzeichen, daß er die Gefahren erkannt hat, welche dem Apriorismus von diesem Wort her drohen; aber er hat sie auch bei solchen Anlässen nur umgangen, nicht beseitigt."

"In der biblischen Sprache hat das Ja den sittlichen Wert der Behauptung und Beteuerung. Und so ist auch von dieser Seite der Bejahung das Interesse der Sicherung zugewiesen worden. Und so hängen Bejahung und Identität in demselben Interesse zusammen. Es gilt die Sicherheit des Denkens, die Sicherheit des Urteils. Das Urteil der Bejahung hat nichts anderes zu besorgen als die  Sicherung  des  A.  Das ist keine geringe Leistung, keine geringe Aufgabe. Das Denkgesetz der Identität besagt:  A ist A.  Aber was bedeutet diese Formel? welcher Ausdrücke bedient sie sich? Die Identität bedeutet Unveränderlichkeit.  A  ist immer und ewig dasselbe  eine A.  Wie kann aber, wie könnte das wissenschaftliche Denken der Mehrheit von  A  entbehren wollen? Wird es nicht vielmehr, um die Mehrheit von Bewußtseinsvorgängen des Denkens zu beglaubigen, die Mehrhei und also auch die Mehrheit von  A  zu erzeugen haben? In der Formel des Satzes selbst durfte es nicht vermieden werden, das  A  doppelt auftreten zu lassen. Und doch soll es das Eine identische  A  bleiben."

"Gegenstand wie Erkenntnis, sind Probleme der Verbindung. Und so ist das  Problem der Verbindung latent  in der allgemeinen Definition des Urteils. Wenn sonach die Verbindung die allgemeine Aufgabe des Urteils seinem Gattungscharakter nach bezeichnet, so kann sie nicht zur besonderen Aufgabe einer Art des Urteils werden, schon deshalb nicht, weil allen Arten des Urteils ohne Ausnahme alsdann diese Aufgabe obliegt. Entsteht ihnen aber damit nicht die Gefahr, daß sie alle nur dasselbe zu leisten hätten? Hier liegt der Grund des Fehlers. Von hier aus läßt sich daher auch der Irrtum entwurzeln.  Verbindung  ist nur ein Ausdruck, nur ein  Name für das Problem.  Und wenn man noch so und noch so geschickte Namen für das Problem einsetzte, man bliebe doch immer in der Psychologie hängen. Die Logik ersetzt alle diese Namen durch die Arten des s. Die Arten,  alle Arten haben dasjenige Problem der Verbindung zu lösen, welches im Unterschied von der Psychologie der Logik eigentümlich ist." 
   

Erste Klasse:
Die Urteile der Denkgesetze

Erstes Urteil: Das Urteil des Ursprungs

Das wissenschaftliche Denken beginnt seine Geschichte mit dem Begriff des Ursprungs. So dürfen wir  arche  besser übersetzen als mit Anfang. Es ist ein bedeutsames Zeichen, daß THALES, der Erdenker des Ursprungs, als Urheber der Forschung und der Philosophie angenommen wird. Damit erst fängt das Seiende an, als ein ein Seiendes Problem zu werden: daß nach seinem Ursprung gefragt wird. Bis zu dieser Frage bestehen nur einzelne Dinge für den Blick des Menschen; erst mit der Frage nach dem Ursprung treten die einzelnen Dinge in einen Zusammenhang miteinander. Dieser  Zusammenhang  ist das Seiende, im Unterschied von den Dingen (to on, ta onta).

Wie nun die Wissenschaft mit dem Mythos zusammenhängt, nur eine Fortführung seines Ernstes durch die Ablösung von den subjektiven Momenten des Affektes ist, so hängt auch im Ursprung die Wissenschaft mit dem Mythos zusammen. Der Gedanke des Chaos bezeugt das Interesse, das der kosmogonische Mythos an der Frage des Ursprungs nahm. Und die mosaische Genesis, welche das Interesse des Ursprungs durch die Schöpfung befriedigen will, vermag es dennoch nicht gänzlich zu unterdrücken: im Anfang, den man vielmehr auch besser mit Ursprung übersetzt, lugt es hervor. So ist es zwar auf die Zeit beschränkt, aber es behauptet auch in dieser Beschränkung seine Sphinxnatur.

Das Wort des THALES, oder vielleicht auch erst des ANAXIMANDER hat immer abstraktere Bedeutung erlangt. Bei THALES war es als Wasser der Ursprung des Stoffes und zwar auch der Ursprung des  Begriffs vom Stoff.  Bei ANAXIMANDER aber wird das  Unendlich  als Ursprung bezeichnet. So wird der Ursprung zum Ursprung eines geistigen Seins. Und je mehr das Sein im Denken gegründet wird, desto einseitiger wird der Gebrauch des Ursprungs für das Denken. So entsteht diejenige Bedeutung des Wortes, welche im modernen Sprachgebrauch durch das lateinische Wort des  Prinzips  allgemein und sicher bezeichnet wird. Durch diese Vergeistigung des Wortes ist nun aber das urmenschliche Interesse an der Frage des Ursprungs verdeckt und verdrängt worden. Und die Wissenschaft muß es auf verschiedenen Wegen in verschiedenem Ausdruck erst wieder entdecken und zu neuer Geltung bringen. Diese Neuheit erscheint dann lange so befremdend, daß man die alte Frage in der neuen Antwort nicht immer sogleich wiedererkennt.

Den größten Schaden hat von dieser Abdämpfung des Faustischen Sinns der Frage in die Beruhigung, die das Prinzipg bietet, die Logik erlitten. das Interesse am Ursprung ist in ihr nahezu erstorben. Und was davon noch übrig blieb, das wurde der  Metaphysik  zugeschrieben. Da diese aber mit der Schöpfung nicht außer Verkehr blieb, so konnte sie sich auf diesem Weg mit dem Ursprung abfinden. Es ging auch nicht besser und nicht tiefer, wenn der  Pantheismus  das Wort führte: auch dabei erdrückte das Ganze in seiner unendlichen Größe den Anfang im Kleinen. Und ohnehin vertrat der allgemeine Gott auch hier den letzten und den ersten Grund des Seins.

Aller Streit um das  ontologische Problem,  das älter ist als seine Definition, läßt sich aus diesem Gesichtspunkt verstehen. Man glaubte alles Sein im Denken gegründet und verbürgt, alle Arten von Sein. Wenn dagegen Einspruch erhoben wird, so richtet er sich gegen die unterschiedslose Beziehung des Denkens auf alle und jede Art des Seins. Bei der Natur glaubte man sich die Identität gefallen lassen zu dürfen, weil hier die Wahrnehmung die Lücke ergänzte. Bei Gott dagegen fehle diese ergänzende Kraft. Das Denken könne dieses Sein daher nicht vollständig gewährleisten. Worauf beruth es? Man sieht, das Für und Wider beim ontologischen Argument betrifft im Grunde nichts anderes als das Prinzip des Ursprungs. und so ist dieses in der alten Metaphysik zwar verkleidet, aber keineswegs untergegangen.

Indessen gerade die Geschichte des ontologischen Argumente legt den Schaden bloß, den die Metaphysik und die Logik dadurch erlitten haben, daß das Problem des Ursprungs die Führung verloren hat und in andere Fragen unter anderen Formulierungen verteilt und zerstreut worden ist. Niemals hätte man sich von der Grundformel des PARMENIDES so weit verirren können, daß man für das Denken in der Empfindung eine Ergänzung anerkannte, wenn man das Prinzip des Ursprungs für das Denken festgehalten hätte.  Nur das Denken selbst kann erzeugen, was als Sein gelten darf.  Und wofern das Denken nicht in sich selbst den letzten Grund des Seins zu graben vermag, kann kein Mittel der Empfindung die Lücke ausfüllen. Alle Streitigkeiten der Standpunkte erklären sich aus der fundamentalen Bedeutung dieses Gedankens. Man müsse  dem Denken die Existenz hinzufügen.  Man müsse  dem Begriff Existenz beilegen.  Woher sie aber nehmen, so daß sie verwendet werden kann? Dem Denken, als reinem Denken, muß ein solches Hinzufügen und Beilegen als unerlaubt gelten. So können wir aus dem Gesichtspunkt des Ursprungs in das Innerste auch der neueren Metaphysik hineinsehen und die Schwächen ihrer Lösungen, wie ihrer Thesen durchschauen.

Der Irrtum, daß man dem Denken etwas geben dürfe oder geben könne, was nicht aus ihm selbst erwachsen ist, wird durch das Vorurteil genährt, welches sich im Wort  "gegeben behauptet. Dieses Wort ist förmlich zu einem Terminus geworden, zumal auch KANT es nicht verschmäht hat. Es finden sich zwar sichere Anzeichen, daß er die Gefahren erkannt hat, welche dem Apriorismus von diesem Wort her drohen; aber er hat sie auch bei solchen Anlässen nur umgangen, nicht beseitigt. Und doch hat dieses Wort eine ganz entgegengesetzte Geschichte.

Der Ausdruck "gegeben" ist in der mathematischen Sprache entstanden, vermutlich in der analytischen Methode PLATONs. Die Bedingungen für die Konstruktion der Aufgabe heißen  gegeben.  EUKLID hat ein besonderes Buch unter dem Titel der  Data  geschrieben. Was er darunter versteht, zeigt sich in der 4. Definition: "Punkte, Linien und Räume heißen der Lage nach gegeben, wenn sie ... entweder wirklich dargelegt werden  oder gefunden werden können."  Also wenn sie gefunden werden können, heißen sie auch gegeben. Gefunden können sie nur vom Denken werden; darum heißen sie gegeben. Die Data der Analysis heißen gegeben. Die Data des reinen Denkens, vielmehr die Ergebnisse, die das reine Denken aufzufinden vermag, heißen in diesem klassischen Sinn der mathematischen Forschung gegeben.  Dem Denken darf nur dasjenige als gegeben gelten, was es selbst aufzufinden vermag. 

Dies muß daher zum ersten Anliegen des Denkens werden: den Ursprung allen Inhalts, den es zu erzeugen vermag, in sich selbst zu legen. Wenn  A  als Zeichen des einfachsten Inhalts gilt, so ist vor allem zu fragen:  woher  dieses  A?  Man darf nicht anfangen, mit diesem  A  zu operieren und hinterher erst versuchen, es in seinem Wert zu beglaubigen. Solche nachträglichen Bemühungen können nicht fruchten; können aber als verdächtige Symptome dafür betrachtet werden, daß es im ersten Anfang nicht rechtmäßig zugegangen sein dürfte. Sobald  A  auftritt, muß nach der Rechtmäßigkeit seines Ursprungs geforscht werden. Wenn in der  Wissenschaft Prinzipien, Axiome, Definitionen  und  Forderungen  unterschieden werden, so dürfte in einem allgemeineren Sinn  diese Frage als Forderung  zu denken sein. Es ist die erste Schuld, die das Denken begeht und die es zu tilgen hat; die erste Verpflichtung, die es eingeht. Wenn es zu wahrhafter Reinheit gelangen soll, muß es, bevor es beginnt, dieser Forderung Genüge leisten:  den Ursprung seines ersten Elements zu beglaubigen;  andernfalls kann das Element nicht als Erzeugnis gelten dürfen.

Freilich, wenn man das Element des Denkens mit dem Buchstaben  A  bezeichnet, so läßt sich keine Möglichkeit absehen, seinen Ursprung zu entdecken. Schon die Frage nach dem Ursprung wird unter diesem Zeichen verschüttet. Und das Zeichen selbst ist daher ein Symptom dieses Notstands. Die Mathematik gebraucht das Zeichen  x. Dieses Zeichen bedeutet nicht etwa die Unbestimmtheit, sondern die Bestimmbarkeit.  Es ist daher gleichbedeutende mit dem echten Sinn des Gegebenen. Im  x  liegt daher schon die Frage, woher es kommt, worin es entspringt.  X  ist daher auch für die Logik das richtige Symbol für ein Element des reinen Denkens. Aber sein Gebrauch liegt vorwiegend auf dem Gebiet der Mathematik. Wir wollen dagegen jetzt vorerst das Interesse betrachten und entfalten, das innerhalb der allgemeinen, formalen Logik an die Frage des Ursprungs geknüpft ist. Und wir werden dieses Interesse deutlicher bezeichnen können, wenn wir an den Ausdruck der alten Metaphysik, den das  Etwas  bildet, anknüpfen. Woher kommt, worin entspringt das Etwas?

Es scheint aussichtslos, für das Etwas einen Ursprung zu entdecken; auch psychologisch glaubt man ratlos werden zu müssen. Es ist in der Tat kein psychologischer Ausweg, den wir betreten, indem wir die Frageform, als eine Art des Urteils, in dieser Hinsicht in Anspruch nehmen.  Was ist?  (ti esti;) fragte SOKRATES und formulierte in dieser Frage den Begriff.  Was war das Sein?  fragte ARISTOTELES und machte diese Frage zum bedeutsamsten Ausdruck seiner metaphysischen Terminologie. So zeigt sich an diesen hervorragenden Beispielen die logische Bedeutung der  Frage,  als eines Hebels des Ursprungs. Je weninger die Frage zu einer Satzform ausgebaut ist, desto wichtiger ist ihre Bedeutung, als einer Art des Urteils. Sie ist der Anfang der Erkenntnis. Der ihrer Tätigkeit entsprechende Affekt ist das Wunder. Und mit dem Wunder läßt auch PLATO die Philosophie beginnen. So ist  die Frage die Grundlage des Urteils,  man möchte sagen, der Grundstein zur Grundlage.

Indessen die Frage ist doch nur deshalb von so grundlegendem Wert, weil sei und sofern sie zur Antwort führt; zu einer Antwort, welche zur Aufstellung des Etwas führt. Der Weg dahin kann jedoch kein gerader sein; denn in diesem Etwas selbst kann der Ursprung des Etwas nicht zu suchen sein. Das Urteil darf daher keinen abenteuerlichen Umweg scheuen, wenn es in seinem Ursprung das Etwas aufspüren will. Dieses Abenteuer des Denkens stellt das  Nichts  dar.  Auf dem Umweg des Nichts stellt das Urteil den Ursprung des Etwas dar. 

Es scheint absurd, um das Etwas zu finden, sich an das Nichts zu wenden, das den wahren Abgrund für das Denken zu enthalten scheint. Wie könnte diese Mißgeburt des Denkens als Ursprungsbegriff des Etwas dienlich sein? Indessen stecken wir nun einmal in tiefster Not. Aus dem Etwas kann das Etwas nicht erzeugt werden. Das wäre idem per idem [Sache durch Sache - wp]. Wir müssen daher wohl oder übel zu seinem Widerspiel unsere Zuflucht nehmen. Es warnt uns zwar der alte Spruch.  Ex nihilo nil fit.  [Aus nichts wird nichts. - wp] Vielleicht aber  ab nihilo.  [vom Nichts an - wp] Es soll ja nicht der Ursprung des Nichts, sondern der des Etwas gefunden werden. Das Nichts soll nur eine Station auf diesem Weg darstellen. Wir kennen bereits die logische Richtung dieses Weges. Es ist die Frage, welche zum Etwas führen soll. Und eine Station auf diesem Weg der Frage, eine verstärkte Frage, nichts anderes bedeutet der Kreuzweg des Nichts. Nicht etwa die Aufrichtung eines Undings, welches den Widerspruch zum Etwas bezeichnen sollte, ist das Nichts; sondern vielmehr eine Ausgeburt tiefster logischer Verlegenheit, die sich doch aber nicht zur Verzweiflung an der Erfassung des Seins entmutigen läßt.

Die Sprache der Griechen, in welcher nicht zufällig und nicht aus intellektuellem Leichtsinn der Logos zugleich die Vernunft bedeutet, läßt auch hier eine tiefsinnige syntaktische Bildung erkennen: diejenige durch die Partikel  me.  Es scheint, als ob diese Wendung des Satzes schlechthin eine Negation bedeutete. Aber warum hat man es denn nicht bei der Partikel  on  belassen? Mögen immerhin syntaktische Feinheiten mancherlei Art die Ausbildung dieser Satzrichtung begünstigt haben, so ist damit doch nicht erklärt, weshalb die griechische Spekulation ihre fundamentalsten Begriffe an diese prekäre Partikel geknüpft und die bedeutsamsten Formulierungen mit ihr versucht hat.

DEMOKRIT hat, wie im Übermut grundlegenden Denkens, das Nichts unter Benutzung dieser Partikel zu einem fundamentalen Terminus proklamiert. Und er hat es dem Etwas gleichgestellt. Auch der Satz, in dem er es tat, läßt den Frohmut der Polemik erkennen.  Nicht mehr ist das Ichts als das Nichts."  Vielleicht hätte er sprachlich diesen Spott nicht wagen können, wenn das griechische Ohr in der Partikel schlechterdings nur die Negation hören müßte. Er hat es nicht bei diesen Ausbrüchen polemischer Laune bewenden lassen: er hat seine Grundbegriffe, welche sich die Jahrtausende hindurch in der Wissenschaft behauptet und stets von Neuem verjüngt haben, insbesondere  das Leere,  das er neben seine Atome gestellt hat, durch diese monströsen Begriffsbildungen definiert. Und indem er das Leere als das Nichtseiende definierte, hat er für das Seiende selbst erst den Ausdruck der Wahrheit gefunden. Sie ist das Nichtseiende; denn sie entzieht sich der Wahrnehmung, wie ihr auch die Atome entrückt sind; darum aber gerade sind das Leere und die Atome das  wahrhaft Seiende.  So hat auch bei DEMOKRIT das Nichtseiende zum wahrhaft Seienden, das Nichts zu etwas geführt.

PLATO zeigt den tiefsten Zusammenhang mit DEMOKRIT, indem er aus dessen wahrhaftem Sein sein "seiend Seiendes" macht. Er läßt es aber bei diesem Zeugnis des Zusammenhangs nicht bewenden. Der ganze Dialog  Sophistes  ist dem Begriff des Nichtseienden gewidmet. Und die wichtigsten Aufschlüsse über die Bedeutung und die Verwendung der Ideenlehre werden an diesem Motiv abgewandelt. Auch hier führt das anscheinende Nichts wenigstens zur Entwicklung des Etwas,  zur Entwicklung der Beziehungen unter den Arten des Seienden;  wenngleich PLATO es nicht zu der tiefen Charakteristik des Seins benutzt, zu welcher Demokrit sich entschloß, der nicht, wie PLATO, mit den Grundlegungen der Mathematik operierte.

Es ist nicht nötig, auf die Abwege einzugehen, welche die  Sophisten  mit dieser merkwürdigen Wortbildung herrichten. Ihnen kam es freilich sehr gelegen, da es ihnen, die nicht die logischen Probleme bedachten, denen das sonderbare Wort zuhilfe kommen sollte, daher als das Musterbeispiel des Widersinns erscheinen konnte, in dem das angeblich wissenschaftliche Denken sich tummele. Aber auch für ARISTOTELES scheint an entscheidenden Punkten der methodische Sinn des markanten Ausdrucks verloren gegangen zu sein, trotzdem er DEMOKRIT so viel hervorhebt und nicht nur benutzt, sondern auch gut beurteilt. Den platonischen  Sophistes  freilich hat er überhaupt für die Idee schlecht benutzt. So ist bei ARISTOTELES die Begriffsbildung entstanden, in welcher die Partikel  me,  durch welche die Negation zum Nebensinn wird, verschwunden und an ihre Stelle die strikte Negationspartikel  on  getreten ist.

Und nicht nur am Seienden vollzieht sich dieser Gebrauch der Partikel, sondern schlechterdings an jedem beliebigen Wort. So entsteht der Nicht-Mensch. "Der Nicht-Mensch ist nicht ein Name ... nicht eine Rede und nicht eine Verneinung. Aber er sei ein  unbestimmter  Name, weil er  gleicherweise  von jeglichem, was ist oder was nicht ist, gilt" (de interpr. c. 2). Unbestimmt wird diese Mißbildung hier benannt. Und es kann in der Tat nichts Unbestimmteres gedacht werden als dasjenige, was sich sowohl auf Nichtseiendes, wie auf Seiendes beziehen soll. Und dennoch hat diese Verfälschung der ursprünglichen Tendenz des bedeutsamen Begriffswortes nicht lediglich ein dialektisches Unheil angerichtet; sondern sie hat auch wenigsten dazu dienen können, die Spur jenes fundamentalen Weges nicht unwiederbringlich untergehen zu lassen. Das Unbestimmte wurde zum  Infinitum.  Und so entstand das  unendliche Urteil. 

Die deutsche Wortform des Unendlichen ist selbst ein Ausdruck und Ergebnis des Urteils, das sie bezeichnet. Auch das lateinische Infinitum bildet ein Beispiel dafür. Wie im Griechischen das  α privativum,  so geht im Lateinischen die Vorsilbe  in  und im Deutschen die Vorsilbe  un  in dieser Richtung. Im Deutschen jedoch vertauschen sich  un  und  nicht,  so daß manchmal nur durch  nicht  im Gegensatz zum  un  diese Richtung betreten wird. Im tiefsten Anfang der griechischen Spekulation ist so bei ANAXIMANDER und bei PYTHAGORAS der Begriff des Unendlichen gebildet worden: mit der Richtung auf die  Grenze. 

Und auch DEMOKRIT hat nicht nur das Nichtseiende so gebildet, um es zum wahrhaft Seienden zu proklamieren; sondern er hat auch die erste Art des wahrhaft Seienden, das  Atom,  in dieser Urteilsrichtung formuliert. PARMENIDES hat den Kosmos, das Sein als Ganzes gedacht. Wodurch kann nun aber dieses Ganze zur Bestimmung gebracht werden? PARMENIDES hatte es auch als Einheit gedacht. Um jedoch diesen Gedanken wirksam und fruchtbar zu machen, mußte die Vielheit hinzugenommen werden. So mußte der Gedanke des Ganzen die Richtung auf die Teile einschlagen. Und  in der Abwehr der Teilung entstand das Atom. 

Auch PLATO gibt sich an einem Wendepunkt seiner Ideenlehre dem Einfluß dieses Urteils hin.  Die Idee ist die Hypothesis.  Das mag für die Mathematik unbedenklich gelten. Wie aber, wenn es sich um den letzten Grund der Sittlichkeit handelt? Soll auch da der Ankerwurf der Grundlegung den Boden sichern? Die  Idee des Guten  soll mehr bedeuten als Wissenschaft zu leisten vermag. Sie soll  "jenseits des Seins"  Wahrheit bedeuten; jenseits des Seins, welches letztlich durch die Wissenschaft der Idee gewährleistet wird. In dieser Tendenz auf eine Begründungsweise der Ethik, welche KANT als  "Primat der praktischen Vernunft"  bezeichnet hat, entsteht bei PLATON die gewaltige Resignation auf das tiefste Mittel, über das er zu verfügen weiß. Er verzichtet auf das Grundlegen, weil er für die Idee des Guten nach einem tieferen Grun verlangt. So wirft er sich dem unendlichen Urteil in die Arme und bildet den Begriff, den man ungenau durch  "das Unbedingte"  zu übersetzen pflegt. Das  anhypotheton  [das Voraussetzungslose - wp] ist der Versuch der Bildung eines Etwas, welches durch die Umgehung, die Überwindung, das  Übertreffen der Hypothesis  charakterisiert werden soll. Also auch die Idee des Guten, das Prinzip der Ethik, ist unter Benutzung des unendlichen Urteils zur Beleuchtung gekommen.

Von minder fundamentalen, doch aber sehr wichtigen und bedeutsamen Begriffen sei nur an die Idee der  Unsterblichkeit  erinnert. Auch sie ist ein Beispiel des unendlichen Urteils. Und wie man auch über die Beweise denken mag, die von ihr möglich seien, so ist ihr Wert unbestreitbar für die Entwicklung  des Prinzips der Seele.  Diese ist ursprünglich beinahe mehr ein Prinzip des Todes als des Lebens. Durch das Schattenbild wird sie allmählich zum Prinzip des Lebendigen. Aber sie ist dies zunächst nur für den lebendigen Leib, dessen Lebenserscheinungen sie in einer Einheit versammelt. Daß die Seele endlich auch zum  Prinzip  des  Geistes  werden konnte, verdankt sie der abwehrenden Richtung auf das Sterbliche. Aus dem sterblichen Tier tauchte so im Menschen, in der Seele des Menschen der Ursprung des Geistes auf. Auch die Weltseele hat dazu geholfen, die Richtung gegen das Sterbliche zu verstärken.

So zeigt sich in allen Gebieten des wissenschaftlichen Denkens das Mittel des unendlichen Urteils in Anwendung.  Von der fundamentalen Anwendung in der Mathematik sehen wir noch ab.  Auch von derjenigen, welche aufgrund der Mathematik möglich wird. In den Geisteswissenschaften ist es allenthalben in eminentem Gebrauch und zwar gerade auch in der  Rechtswissenschaft in welcher es am meisten auf eine scharfe Bestimmung der Begriffe ankommt. An hervorragenden Beispielen läßt es sich erkennen, daß der Umweg des unendlichen Urteils beschritten wird, wo es sich darum handelt, durch den Inhalt desselben  den Ursprung desjenigen Begriffs zur Definition zu bringen, der das Problem bildet.  So wird das sogenannte, aber keineswegs so zu verstehende  Nichts zum Operationsmittel,  um das  jedesmalige  Etwas, das in Frage steht, in seinem Ursprung und also erst eigentlich zur Bestimmung zu bringen.

Indessen muß sich doch selbst angesichts so wichtiger Proben das Bedneken erhalten, welchen Schutz das Urteil dieses Umweges gegen gänzliche Verirrung besitze; welche Sicherheit gegen Willkür und Aberwitz; welche Gewähr, daß nicht an einem falschen Ende der Anfang gesucht werde. Dieses Bedenken hat das ganze vorige Jahrhundert hindurch das unendliche Urteils in Mißachtung gebracht. Freilich hat sich dieselbe in einer verräterischen Weise geäußert, nämlich in Späßen, die bei so wichtigen Fragen nicht bloß schlecht angebracht sind, sondern auch bei der groben Natur dieser Scherze keine Zeichen von geistiger Freiheit sein dürften. HEGEL hat in diesem Ton angefangen, und LOTZE hat den Spott in derselben Tonart nachgeahmt.

Sie scheinen z. B. nicht bedacht zu haben, daß auch der Materialist sagen kann: die Seele ist nicht sterblich. Dagegen kann nur derjenige sagen: die Seele ist unsterblich, der die Seele als ein Prinzip des Geistes aufrecht hält. Und so steht es mit dem Begriff des  Immateriellen  überhaupt. Und Nicht-Mensch kann noch etwas anderes bedeuten als die Unterscheidung von Tier oder Engel, die übrigens auch nützlich werden kann; so z. B. die des Menschen vom Übermenschen, als von einem Unmenschen. Und was die Späße betrifft, so hat ihnen schon OCKHAM vorgebeugt durch sein treffendes Beispiel, das PRANTL anführt: "Differentia est inter praedictum  infinitum  et inter praedictum  privativum.  Injustum non potest dici quodlibet, quod non est justum, quia non dicitur de asino, sed tantum de hominibus." [Es ist ein Unterschied zwischen der Behauptung eines Unendlichen und der Behauptung des Persönlichen weil vom Esel nicht gesagt werden kann, was vom Menschen gesagt wird. - wp] Das Quodlibet [wie es euch beliebt - wp] ist ausgeschlossen und vorausgesetzt wird die Beachtung dessen, um was es sich handelt. Doch diese Kautelen [Vorbehalte - wp] bedürfen offenbar einer genaueren Fassung, die zu positiveren Dingen erforderlich ist, als zur Abwehr schlechter Witze.

Der abenteuerliche Weg zur Entdeckung des Ursprungs bedarf eines Kompasses. Ein solcher bietet sich im Begriff der  Kontinuität  dar. Die Kontinuität bedeutete im Altertum dem Wortlaut nach das Zusammenhaltende. Diese Synechie [das Zusammenhängen - wp] bedeutet Zusammenhaltung, allenfalls Zusammenhang. Auch dieser Begriff ist schon bei PARMENIDES vorhanden, zur Bestimmung des  einen  Seins erdacht. Nicht zur Bestimmung der Einheit des Denkens dient er; sindern zur Einheit des Seins. Die Anlagerung der Atome wird daurch vorbereitet. Im Altertum ist die Kontinuität vorzugsweise auf die Geometrie beschränkt. ARISTOTELES bezieht sie zwar in tiefen Untersuchungen auf die  Zeit;  aber obwohl mit der Zeit die Zahl bei ihm zusammenhängt, so bleibt die Anwendung auf die Arithmetik doch aus; sie wird wenigstens nicht, von der Geometrie isoliert, bei der Arithmetik durchgeführt. Erst in der neueren Zeit dämmert die umfassendere Bedeutung der Kontinuität auf: so daß auch für das Denken ihre fundamentale Bedeutung einleuchtend wird.

LEIBNIZ, der Systematiker der Harmonie, bezeichnet sich mit Vorliebe als  Auteur du Principe  [Autor des Grundsatzes - wp] oder  de la loi de la continuité  [das Gesetz der Kontinuität - wp]. Und man darf sagen, daß sein logisches Prioritätsrecht an der Entdeckung der Infinitesimalrechnung in diesem Prinzip besteht. In einem Brief an ARNAULD (1690) sagt er: "Chacune des ces substances contient dans sa nature  legem  continuationis seriei suarum operationum" [Jede dieser Substanzen enthält in ihrer Natur eine komplexe Einheit, charakterisiert durch die Kontinuität ihrer Teile. - wp]. Auf die  Reihe  werden wir später bei der anderen Entwicklung des unendlichen Urteils zurückkommen. Die mathematische Rücksicht bleibt hier noch außer Betracht. Für die allgemeine Charakteristik des Denkens achten wir auf den Ausdruck der Operationen und auf das Gesetz der Operationen. Die Kontinuität wollen wir für das Denken, für das Urteil als das Gesetz der Operationen auszeichnen. Die Kontinuität betrachten wir daher nicht als eine Kategorie, welche durch das unendliche Urteil des Ursprungs erzeugt wird; sondern es muß ihr, der Bedeutung des Urteils des Ursprungs gemäß, eine sich tiefer und weiter erstreckende Bedeutung zuerkannt werden. Eine solche behauptet von altersher das Denkgesetz gegenüber der Kategorie.  Die Kontinuität ist ein Denkgesetz. 

Als Gesetz des Denkens wird die Kontinuität zuerst  unabhängig von der Empfindung,  für die es nur Diskretion [Unterscheidung - wp] gibt oder gar nur die Einheit eines Haufens. Das Denken erzeugt Einheit und den Zusammenhang von Einheiten. So ist das Denken, als das Denken der Einheit,  durch den Zusammenhang bedingt.  Und da das Denken Erzeugung des Ursprungs ist, so ist der Ursprung  durch den Zusammenhang bedingt.  Kein Schreckbild des Nichts unterbricht diesen Zusammenhang der zu erzeugenden Ursprungseinheiten. Nirgendwo darf ein Abgrund gähnen. Das Nichts bildet überall den wahren Übergang; denn es ist die Abwehr des Etwas, als eines Gegebenen, sei es in der Empfindung, sei es sonstwie. Diese Abwehr allein führt zum Ursprung hindurch.

Wenn der Begriff überhaupt die Frage: Was ist? und somit die Grundlegung des Seins bedeutet, so mag das Urteil, das den Begriff doch erst erzeugt, die Frage sein:  Was ist nicht?  Aber das Nicht muß dem  me  entsprechen. So wird der Umweg als der gerade Weg gerechtfertigt. Und darin bewährt sich die tiefe Kraft des Zusammenhangs, daß die Kontinuität durch das Nichts hindurchgeht. Sie besagt, sie enthält die Leitung: es gibt einen Zusammenhang unter den Elementen, wenn sie nur als zu erzeugende und nicht als gegebene gedacht und gefordert werden. Die Kontinuität ist sonach das Denkgesetz desjenigen Zusammenhangs, welcher die Erzeugung der Einheit der Erkenntnis und dadurch der Einheit des Gegenstands ermöglicht und zur ununterbrochenen Durchführung bringt.

 Kraft der Kontinuität werden alle Elemente des Denkens, insofern sie als Elemente der Erkenntnis gelten dürfen, aus dem Ursprung erzeugt.  Und von der Einheit des Gegenstands werden wir sehen, wie alle Methoden der Wissenschaft, durch deren Verbindung die Konstituierung des Gegenstandes zustande kommt, in der Kontinuität gegründet sind. Aber nicht nur eine jede dieser Methoden muß an und für sich in der Kontinuität gegründet sein; sondern die Möglichkeit ihrer Verbindung ist durch die Kontinuität bedingt. So verbürgt die Kontinuität, als Denkgesetz, zugleich den  Zusammenhang aller Methoden und Disziplinen der mathematischen Naturwissenschaft.  Das Denkgesetz hat also die prägnante Bedeutung für das Denken der Erkenntnis. Die Kontinuität ist das  Denkgesetz der Erkenntnis. 

Beachten wir zuletzt, wie sich im Urteil des Ursprungs der  Gattungscharakter  des Urteils bewährt. Es gibt noch nicht etwa eine Mehrheit von Elementen; sondern das  x  selbst und soll allein aus seinem Ursprung erzeugt werden. Dennoch vollzieht sich auch hier schon eine  Sonderung,  nämlich vom Operationsbegriff des Nichts. Dieser ist nicht als ein gleichwertiges Denkelement anzusehen; er bezeichnet vielmehr nur einen Durchgang kraft der Kontinuität. Das Sein selbst soll durch das Nichtsein seinen Ursprung empfangen. Das Nichtsein ist nicht etwa ein Korrelativbegriff zum Sein; sondern das relative Nichts bezeichnet nur das Schwungbrett, mit dem der Sprung durch die Kontinuität ausgeführt werden soll. Aber im Abstich gegen dieses künstliche, abenteuerliche Gebilde vollführt sich die Sonderung. Und so bewährt sich diese zugleich als  Einigung. 

Denn das relative Nichts fixiert sich gänzlich und ohne Nebensinn auf sein korrelatives Ichts. In der Erhaltung der beiden Richtungen vollzieht sich und besteht diejenige Vereinigung oder Einheit, welche das unendliche Urteil als das Urteil des Ursprungs darstellt. Und die  Erhaltung  selbst hat in der Kontinuität einen neuen Ausdruck und eine tiefe Prägnanz gewonnen. Wie genau und umfassend zugleich durch die Erhaltung das Urteil charakterisiert wird, das macht die Kontinuität deutlich, die daher eben als ein Denkgesetz festgesetzt werden muß. Sie beschreibt und regelt nicht nur einen, sondern den  ersten  Grundzug des Denkens, der auf den Ursprung abzielt. Sie darf daher nicht auf engere und speziellere wissenschaftliche Verfahrensweisen beschränkt werden.


Zweites Urteil: Das Urteil der Identität

Die Erzeugung des ersten Elementes war eine absonderlich künstliche. Sie hat sich zwar unter den Schutz der Kontinuität flüchten können; aber es erscheint dies doch wie ein Zirkelgang; denn die Kontinuität stiftet den Zusammenhang mit jenen fragwürdigen Nieten. So scheint das Element auf Flugsand gebaut. Und es hat historischen Zusammenhang, daß die Angriffe der Sophisten auf das Denken und seine angeblichen absoluten Werte jene Ungeheuerlichkeiten des Nichtseienden zur Zielscheibe nahmen. Dennoch aber hat, wie wir sahen, im Atom, wie in anderen Bildungen des Unendlichen, das Nichtsein seinen Siegeslauf durch die Wissenschaft der Jahrtausende fortgesetzt. Aber freilich die antiken Klassiker sind bei diesem Kunstgriff nicht stehengeblieben; sondern sie haben das Denken durch andere Kautelen gesichert und durch andere Hebel bewegungsunfähig gemacht. Wiederum haben wir hier auf PARMENIDES zurückzugehen. Wie er das Denken mit dem Sein in Identität versetzt, so hat er dadurch vorzugsweise das Denken durch die Identität charakterisiert. Es könnte nicht auf das Sein durch Identität bezogen sein, wenn ihm diese nicht an sich selbst beiwohnte. Die Selbigkeit des Seins ist ein Reflex der Identität des Denkens. Diese erst vermag ihre Identität auf das Sein zu erstrecken.

Einen entscheidenden Schritt tut auch in dieser Frage PLATO. Die Idee ist ein Doppelwert. Sie bezeichnet und stempelt das wahrhafte Sein. Aber der Prägestock liegt im Denken, im reinen Denken. Die Hypothesis bildet die Verbindung: die Grundlegung wird Grundlage. Die Idee fordert daher vor allem die Erhaltung, als den Bestand der Unveränderlichkeit. Ohne Sicherung der Unveränderlichkeit des reinen Denkens gäbe es keine Bürgschaft für das wahrhafte Sein. PARMENIDES proklamierte "dasselbe". PLATO kann sich nicht genut tun in der Häufung der Ausdrücke für die Identität der Idee und der Substanz. Sie ist "immer in Bezug auf dasselbe in gleicher Weise sich verhaltend".

Nicht belanglos ist dagegen die Art, wie ARISTOTELES den Satz formuliert. "Es muß alles Wahre selbst mit sich selbst  übereinstimmend  sein nach jeder Richtung." Indessen die Übereinstimmung stumpft die Identität ab. Nicht nur Übereinstimmung ist zu forern, bei der nicht abzusehen ist, wo sie ihre Schranken haben dürfte; sondern schlechterdings Identität ist für das Denken zu fordern, als das Denken des Wahren. Auch hier mag sich der Dünkel sophistischer Bildung gegen die Anmaßung des Denkens sträuben. Und die sensualistische Spielart der Sophistik mag den Gedanken unvermeidlicher Unfruchtbarkeit bezichtigen. Es muß dennoch mit rückhaltloser Buchstäblichkeit die Identität dessen behauptet und gefordert werden, dessen Sein im Denken begründet ist. Wir dürfen uns hier eines Buchstabens bedienen, der als Symbol der Bestimmtheit, nicht nur der Bestimmbarkeit dient.  A ist A. 

Wie die Kontinuität das Urteil von der Empfindung scheidet, so scheidet die Identität das Urteil von der Vorstellung.  Die Veränderungen, denen die Vorstellung unterliegen mag, tangieren das Urteil nicht. Die Werte, die dem Urteil entspringen, sind unveränderlich; sie werden vom Wechsel der Vorstellung nicht betroffen und nicht berührt. Man sagt, diese Identität bedeute nichts als Tautologie. Das Wort, durch welches der Vorwurf bezeichnet wird, verrät die Unterschlagung des Prinzips. Freilich bedeutet die Identität bedeutet die Identität Tautologie: nämlich dadurch, daß durch Dasselbe (tauto) das Denken zum Logos wird. Und so erklärt es sich, daß vorzugsweise,  ja ausschließlich die Identität als Denkgesetz stabilisiert  wurde. Sie macht das Urteil zum Urteil. Sie unterscheidet seine Art und seinen Wert vom Geschlecht und dem Schicksal der Vorstellung.

Daher gesellt sich zur Identität in der  Platonischen Idee  die  Einheit.  Die Idee kann nur Eine sein, auf welches Problem auch immer sie sich beziehe. Diese Beziehung auf das Problem bezeichnet die Partikel  tis,  die zu der Einheit (mia tis) hinzutritt. Wie oft sie gedacht werden mag, das geht den Bewußtseinsvorgang an, in welchem dieses Denken sich ereignen muß: ihr Wert, ihr Inhalt wird davon nicht berührt.  A  ist  A  und bleibt  A,  so oft es auch gedacht wird. So oft es auch gedacht wird,  so oft wird es vielmehr vorgestellt;  Gedacht wird es nur als die eine Identität. Seine Wiederholungen sind psychische Vorgänge; sein logischer Inhalt verharrt in Identität. Es kann ihm nichts abgezogen und nichts hinzugefügt werden. Er kann nicht verstärkt und nicht abgeschwächt werden. Die Blässe des Gedankens kränkelt ihn nicht an; denn diese ist vielmehr die Farbe der Vorstellung und der Erinnerung.

Das Urteil der Identität ist das althergebrachte Urteil der  Bejahung.  Es könnte scheinen, als würde die Unfruchtbarkeit der Identität noch durch die triviale Unwirksamkeit der Bejahung übertroffen. Freilich, wenn man die Bejahung für Ja sagen hält, im Nebensinn der eigenen Unselbständigkeit und Untätigkeit. Bejahung bedeutet dahingegen  Versicherung (Affirmatio).  Das ist kein Epitheton ornans [schmückender, aber entbehrlicher Zusatz - wp]; es ist nicht weniger als die Hauptsache des Urteils. Der Wert und das Schicksal des Urteils steht bei dieser Versicherung in Frage.

Wann mag der Terminus der Affirmatio entstanden sein? Bei ARISTOTELES wird die Bejahung durch die lokale Partikel  kata  als Aussage qualifiziert. An die Befestigung wird in der griechischen Terminologie nicht gedacht, Vielleicht ist diese Tendenz des Terminus aus dem juristischen Sprachgebrauch zu erklären, in welchem die ökonomisch-rechtliche Sicherung herzustellen und zuverlässig zu machen war. So ist das  affirmare jurejurando  entstanden. Dabei mußte die Aussage vor Gericht bekräftigt werden. Der Praetor fragte und der Kontrahent mußte Ja sagen und dadurch bekräftigen. So würde auch hier die  Frage  den Ausgang des Urteils bilden. Vielleicht ist  Ajo  der ursprüngliche Terminus der Bejahung, wie das griechische Ja (vai) die Anwort auf die Frage bedeutet.

Dem Griechen ist überhaupt in Wissenschaft und Politik der Platonische Zug der Dialektik im Blut liegend. Dem Römer dagegen verwandelte sich diese Dialektik in die Digesten [Gesetzbuch aus dem 6. Jhd. - wp] des Rechts. So mag die Sicherung zur inneren Sprachform der Bejahung bei ihnen geworden sein. In der biblischen Sprache hat das Ja den sittlichen Wert der Behauptung und Beteuerung. Und so ist auch von dieser Seite der Bejahung das Interesse der Sicherung zugewiesen worden. Und so hängen Bejahung und Identität in demselben Interesse zusammen. Es gilt die Sicherheit des Denkens, die Sicherheit des Urteils. Das Urteil der Bejahung hat nichts anderes zu besorgen als die  Sicherung  des  A. 

Das ist keine geringe Leistung, keine geringe Aufgabe. Das Denkgesetz der Identität besagt:  A ist A.  Aber was bedeutet diese Formel? welcher Ausdrücke bedient sie sich? Die Identität bedeutet Unveränderlichkeit.  A  ist immer und ewig dasselbe  eine A.  Wie kann aber, wie könnte das wissenschaftliche Denken der Mehrheit von  A  entbehren wollen? Wird es nicht vielmehr, um die Mehrheit von Bewußtseinsvorgängen des Denkens zu beglaubigen, die Mehrhei und also auch die Mehrheit von  A  zu erzeugen haben? In der Formel des Satzes selbst durfte es nicht vermieden werden, das  A  doppelt auftreten zu lassen. Und doch soll es das Eine identische  A  bleiben.

Aber das eben ist es, was das Urteil zu leisten hat: daß es gegenüber jener anderweitig notwendigen Mehrheit nichtsdestoweniger die Identität befestigt. Der Sinnenschein ist dagegen. Die Erfahrung des Bewußtseins sträubt sich dagegen. Umso energischer, umso zielbewußter muß das Urteil diese Voraussetzung des reinen Denkens in Schutz nehmen. Die Bejahung sichert durch die Identität nicht nur dem  A  seinen Wert, sondern schlechterdings dem Urteil selbst. Ohne die Identität zu sichern, ist das Urteil nicht Urteil. So bedeutet die Identität die  Affirmation des Urteils. 

Diese Eigentümlichkeit der Leistung des Urteils der Bejahung wird verwischt, indem man die Bejahung als  Verbindung  auffaßt. Aber dieser Irrtum wird durch andere ebenso fundamentale Irrtümer unterstützt. Verwirrend ist vor allem die Annahme, daß  Subjekt  und  Prädikat  die Elemente des Urteils seien. Dieser Irrtum beruth auf der Verwechslung des Urteils mit dem grammatischen Satz. Seine natürliche Folge ist die Ansicht, das Urteil bestehe in der Verbindung von  S  und  P. 

Aber auch die Verwechslung des Urteils mit der Vorstellung begünstigt diesen Irrtum. Ist doch die  Vorstellung  selbst das Grundelement der Psychologie, auf welches das gesamte Spiel der Bewußtseinsvorgänge übertragen wird. Und Verbindung wiederum in verschiedenen Wendungen und Graden ist es, was das Spiel der psychologischen Vorgänge ausmacht. So wenig aber die Logik mit der Grammatik, noch auch mit der Psychologie zusammenfallen darf, so wenig darf die Bejahung in Verbindung aufgehen. Es würde nichts Geringeres dadurch geschehen, als daß mit der Affirmation zugleich die Identität der Wert des Begriffs vernichtet und in eine  Assoziations-Vorstellung  vereitelt.

Die Widerlegung dieses tief gewurzelten Irrtums läßt sich mit einem Schlag bewirken. Ist denn nicht Verbindung überhaupt die Aufgabe des Urteils? Wir haben zwar von der Synthesis, die doch auch nur ein genauerer Terminus für die Verbindung sein will, Abstand genommen bei der Definition des Urteils nach seinem Gattungscharakter. Aber das Problem der Verbindung haben wir nicht vermeiden können. Wir wollen die Elemente selbst erst aus ihrem Ursprung zur reinen Erzeugung bringen um in der Erkenntnis den Gegenstand zu konstituieren. Gegenstand aber, wie Erkenntnis, sind Probleme der Verbindung. Und so ist das  Problem der Verbindung latent  in der allgemeinen Definition des Urteils. Wenn sonach die Verbindung die allgemeine Aufgabe des Urteils seinem Gattungscharakter nach bezeichnet, so kann sie nicht zur besonderen Aufgabe einer Art des Urteils werden, schon deshalb nicht, weil allen Arten des Urteils ohne Ausnahme alsdann diese Aufgabe obliegt. Entsteht ihnen aber damit nicht die Gefahr, daß sie alle nur dasselbe zu leisten hätten?

Hier liegt der Grund des Fehlers. Von hier aus läßt sich daher auch der Irrtum entwurzeln.  Verbindung  ist nur ein Ausdruck, nur ein  Name für das Problem.  Und wenn man noch so und noch so geschickte Namen für das Problem einsetzte, man bliebe doch immer in der Psychologie hängen. Die Logik ersetzt alle diese Namen durch die Arten des Urteils. Die Arten,  alle Arten haben dasjenige Problem der Verbindung zu lösen, welches im Unterschied von der Psychologie der Logik eigentümlich ist.  Das Wort  Vereinigung  soll von vornherein diesen Unterschied von der Verbindung bezeichnen.

Die Logik wäre in der Tat durchaus überflüssig, wenn die Bejahung allein und ansich die Verbindung zu bedeuten möchte. Wir erinnern uns aber, daß es unter anderem eine Kausalität geben soll und daß Streit um sie ist. Ist die Kausalität etwa nicht Verbindung? Und stehen ihr nicht vorzugsweise die Befugnisse der Verbindung zu? Es ist nicht von ungefähr, daß diejenigen, welche die Kausalität in Assoziation aufheben, dadurch und daraufhin den Wert des wissenschaftlichen Denkens, den Wert der reinen Erkenntnis annulieren. So belehrt die Geschichte der Skepsis darüber, daß die Verleugnung des Sonderrechts der Verbindung bei der  Kausalität  unausweichlich zur Verleugnung der Logik führt.

Man sieht also, Verbindung ist freilich das durchgreifende Problem und dürfte es allenthalben sein; wir werden es sehen. Aber weil es dieses ist, darum gerade muß eine genaue und strenge Vorsorge getroffen werden, daß die Verbindung überall eine richtige und rechtschaffene werden kann. Freilich handelt es sich in der Wissenschaft um die Verbindung von  A  und  B.  Und diese Verbindung soll wahrlich nicht hintertrieben und nicht umgangen, nicht ignoriert werden. Und der erste Schritt zu dieser Vorbereitung ist die Sicherung des  A. 

Von der anderen Frage: wo kommt denn auf einmal ein  B her,  ein  B,  welches eben nicht  A  ist?  sehen  wir hier noch ganz ab. Diese Frage betrifft einen anderen Schritt. Hier handelt es sich nur um die Sicherung des  A  selbst, dergestalt, daß, so oft es immer auftauchen mag, so oft es genommen, also auch mit dem ersten  A,  wenn man so will, verbunden wird, es stets und immer doch dasselbe  A  bleibe. Also nicht um die Verbindung handelt es sich hier; sondern vielmehr um die  Isolierung.  Und die Affirmation bedeutet sonach nicht nur das Festmachen, sondern zugleich das  Festhalten.  Nicht verflüchtigen darf sich das  A,  wenngleich und gerade deshalb, weil mit anderen Elementen Vereinbarungen herbeizuführen und möglich zu machen sein werden.

Schon bei ARISTOTELES ist Verbindung der Gesichtspunkt für die Bejahung. TRENDELENBURG übersetzt  kataphasis  [hinter einander - wp]: "Bejahung ist Aussage eines Dings zu einem anderen hin." Muß dieser Sinn der Annäherung zu einem anderen hin in  kata  liegen? Er dürfte allerdings mit der Ansicht des ARISTOTELES einigermaßen zusammenhängen, die die Bejahung der Einheit in zweiter Linie wenigstens als Verbindung (synthesis) zuläßt. Und es ist in hohem Grad charakteristisch, daß ARISTOTELES als Form der Bejahung aufstellt:  S  ist  P.  Und ferner, daß er demzufolge diejenige Art des Urteils, welche den Ort für dieses Schema von  S  und  P  bildet, wie wir später sehen werden, nicht zur Auszeichnung gebracht hat. Jenes fragliche Urteil wird sich aber als wichtige Grundlage für die eigentlichen Verbindungsweisen herausstellen. Bei ARISTOTELES ist übrigens in seiner Vermischung der Logik mit der Grammatik ein hinlänglicher Anlaß gegeben zur Nivellierung des affirmativen Urteils. Nicht in der Richtung "zu einem anderen hin" fassen wir hingegen die Bejahung; sondern als Festhaltung beim  A  und am  A  bedürfen wir ihrer.

Eine interessante Nuance in dieser Auffassung der Bejahung, wie sie sich seit ARISTOTELES erhalten hat, bildet die Charakteristik des Neu-Platonikers APULEJUS; der die bejahenden Urteile als  dedikative  [widmende - wp] bezeichnet und folgendermaßen begründet: "Quae dedicant aliquid de quopiam, ut virtus bonum est, dedicat enim virtuti inesse bonitatem" [Manche Urteile sind dedikativ, sie versichern etwas von etwas z. B. Tugend ist gut. - wp] Die Verleihung ist zwar auch eine Verbindung; aber das Recht der Verleihung wird doch als Inesse [bei etwas sein - wp] in das  A  verlegt. So zeigt sich wenigstens ein Schimmer der Einsicht, daß es nicht auf Verbindung überhaupt bei der Bejahung abgesehen sei. Die beste Dedikation aber ist die eigene Sicherstellung. Nicht um Vermehrung handelt es sich, auch nicht durch die gegründetsten Verleihungen; sondern vielmehr um Schutz und Wahrung der Identität.

Unter den Arten der Verbindung ist eine die  Vergleichung.  Sie kommt der Identität am nächsten und ist ihr daher auch am gefährlichsten geworden. Wie die Bejahung, als Verbindung, um ihre Eigentümlichkeit, als Problem, wie als Lösung gebracht wird, so wird auch die Identität vernichtet, wenn sie zur  Gleichheit  nivelliert wird. Beide Irrtümer hängen zusammen. Man könnte meinen, der Fehler in der Ansicht von der Verbindung werde vertuscht durch den neuen Fehler von der Gleichheit. Als ob es nichts Fremdes wäre, was zur Verbindung kommen soll, sondern ein Gleiches. Indessen  Gleichheit ist ein mathematischer Begriff.  Dieser wissenschaftliche Tatbestand allein sollte die Frage entscheiden. Die Logik hat die Grundbegriffe der Mathematik als reine Erkenntnisse zu begründen; sie darf daher nicht einen solchen, mit allen seinen Schwierigkeiten belastet, ihrerseits aufnehmen und zur eigenen Grundlage machen.

PLATO macht zwar die Gleichheit zu einer Idee. Aber er setzt diese Idee den Hölzern und den Steinen entgegen, bei deren Wahrnehmung gegenüber mag die Gleichheit als eine Idee bezeichnet werden. Aber die mathematische Gleichheit hat es nicht allein mit Hölzern und Steinen zu tun und auch nicht allein mit Symbolen, welche unvermittelt auf solche Dinge sich beziehen. Bei Dingen solcher Art darf es sich um Vergleichungen handeln. Und wo Vergleichung auf dem Spiel steht, da ist Gleichheit der zulängliche Maßstab. Wir werden aber sehen, daß es sich in der Mathematik keineswegs allein und durchaus nicht fundamental um Vergleichungen handelt. Und wir wissen bereits, daß es sich in der Mathematik keineswegs allein und durchaus nicht fundamental um Vergleichungen handelt. Und wir wissen bereits, daß es sich beim Urteil um Erzeugung handelt. Der Vergleichung würde sich der Ursprung allerwege entziehen. Und dasjenige Element, welches in seinem Ursprung entdeckt ist, hat einen anderen Halt, als daß es denselben der Vergleichung preisgeben würde.

Auch hier wird der Zusammenhang zwischen der Kontinuität und der Identität verdunkelt. Und deswegen auch wird das Grundrecht der Identität in die Willkür der Vergleichungen aufgehoben. Die Formel, die für den Satz der Identität in Gebrauch gekommen ist:  A = A,  sie verrät die falsche Ansicht von der Identität. Man hat kein Recht, die Identität als ein Denkgesetz zu proklamieren, wenn man sie als Gleichheit formuliert. Sie könnte alsdann höchstens ein Gesetz der Mathematik bedeuten; aber freilich keineswegs ein Grundgesetz derselben.

BOLZANO bringt zwar auch die Identität mit der Vergleichung in Zusammenhang; aber er hebt durch seine Bestimmung vielmehr den Zusammenhang auf. "Ich verstehe also unter Einerleiheit (Identitas) einen Begriff, der aus der Vergleichung eines Dings (lediglich) mit sich selbst entspringt. Der Einerleiheit setz' ich kontradiktorisch entgegen die Verschiedenheit. Die Verschiedenheit teile ich abermals in die zwei kontradiktorischen Spezies: Gleichheit und Ungleichheit. Sonach setzt Gleichheit die Verschiedenheit voraus." (1) Man sieht,  die Gleichheit wird hier zu einer Art unter der Gattung der Verschiedenheit.  Die Identität aber entspringt aus einer Vergleichung, die keine ist, nämlich aus der Vergleichung eines Dings  lediglich mit sich selbst. 

Darauf kommt es an, daß die Rücksicht auf das Element selbst ausschließlich wird. Kein anderes, geschweige ein verschiedenes Element darf in Frage, darf in Sicht sein. Das aus dem Ursprung erzeugte Element allein ist vorhanden. Und dieses Element allein gilt es zu sichern. Diese Sicherung ist Gebot der Vorsicht, gerade weil andere und verschiedene Elemente hinzukommen, hinzuerzeugt werden müssen; und weil allerdings Verbindungen beglaubigt werden müssen zwischen dem  A  und jenem  B.  Wir werden sehen, daß zum Behuf dieser Verbindungen der Fall eintreten wird, wo auf die Gleichheit Verzicht zu leisten sein wird: umso dringlicher und unveräußerlicher wird das Recht der Identität werden.

So sehen wir aus dem Gesichtspunkt der Mathematik, der später deutlicher einleuchten wird, den Zusammenhang hervortreten zwischen der Identität und der Kontinuität.  Die Kontinuität verbürgt den Zusammenhang des Elements mit seinem Ursprung. Die Identität dagegen den Zusammenhalt des Elements in sich selbst;  trotz der Verschiedenheit, trotz der Mehrheit seiner Erscheinungen in Vorstellungen des Bewußtseins. Daher ist die Identität auch nicht als eine Art des Verhältnisses zu denken, wie sie bei de MORGAN erscheint. Sie ist Grundlage und Voraussetzung zu jedem Verhältnis, insbesondere aber auch zu solchen Verhältnissen, welche die Mathematik zu stiften vermag. Indessen diese mathematischen Verhältnisse haben die Kontinuität zur Voraussetzung. Und so hängt die Voraussetzung der Identität mit der Voraussetzung der Kontinuität zusammen.

Wäre demnach das Element nicht aus seinem Ursprung erzeugbar, nicht in Kontinuität begründet, dann wäre allerdings kein Unterschied zwischen Identität und Gleichheit.  Dann könnte auch immerhin die Bejahung nichts Tieferes und Eigentümlicheres als die Verbindung bedeuten. Dann würde es sich nämlich in der mathematischen Naturwissenschaft schlechterdings und letztlich nur um  Dinge der Empfindung  handeln; nicht aber um Gegenstände, die in der Einheit der Erkenntnis erzeugbar würde. Und so erkennen wir in der Bedeutung der Bejahung, als Identität, den ganzen inneren  Zusammenhang des Problems der reinen Erkenntnis.  Den Inhalt des Urteils, der durch die Kontinuität im Urteil des Ursprungs erzeugt wird, ihn gilt es durch die Affirmation zu sichern. Diese Sicherung leistet die Identität. Denn keine Vergleichung kann diese Sicherung gewähren. Und für die Verbindung gerade ist die Sicherung das geforderte Ventil. So wenig kann die Bejahung Verbindung sein, als die Gleichheit Identität ist.


Drittes Urteil: Das Urteil des Widerspruchs

Das Urteil hat seinen sachlichen Ursprung im Urteil des Ursprungs. Der Ursprung aber bedurfte des Mittelbegriffs des Nichts. Es könnte scheinen, als ob dadurch das Urteil der  Verneinung  - das wir als das Urteil des Widerspruchs würdigen wollen - vorweg genommen wäre. Dieses Bedenken erledigt sich von beiden Seiten aus. Erstlich ist das  Nichts nicht mit Nicht zu verwechseln.  Es ist eben nur ein vermittelnder Begriff, ein Zwischengedanke; keineswegs ein selbständiger, abgeschlossener Inhalt. Es ist nur die sprachliche Form, welche durch die gleiche oder ähnliche Wortform den Irrtum nahelegt. Der Fall bildet daher auch ein lehrreiches Beispiel der Kollision zwischen der Sprache und der Logik. Die eigentliche Widerlegung des Bedenkens aber kann erst jetzt erfolgen, in der Darlegung des Inhalts und Wertes der vorliegenden Urteilsart.

Das Bedenken kann noch eine andere Gestalt annehmen. Zur Entdeckung des Ursprungs bedurften wir des Nichts, wenigstens als eines Mittels. Es war kein absolutes Nichts; sondern nur ein relatives, auf einen bestimmten Entdeckungsweg gerichtetes. Es war ein Ursprungs-Etwas. Es war vielmehr die Umgehung des Nichts, die sich in diesem ursprünglichen Korrelativ zum Etwas vollzog. Wir wissen es, wie fruchtbar dieser Kunstgriff ist; und wir werden die Tiefen seiner Fruchtbarkeit für die mathematische Naturwissenschaft noch erst kennen lernen. Dennoch aber und trotz alledem belastet dieser Ursprung das Urteil und seine Inhalte mit dem Verdachte des Hervorgangs aus dem Nichtigen und Unseienden.

Das Urteil der Identität hat diesen Verdacht bereits abgeschwächt und erschüttert; die Bejahung ist die Sicherung der Erhaltung des aus dem Ursprung erzeugten Urteils. Aber man weiß, in welchem Geruch der Armseligkeit und Unfruchtbarkeit seines Inhalts das Denkgesetz der Identität so oft in den verschiedenen Jahrhunderten gestanden hat. Es ist keine entbehrliche, es ist eine sehr nottuende Ergänzung, wenn eine andere Art des Urteils der Bejahung zur Seite tritt und jenen Vorwurf gegen den legitimen Wert des Urteils beseitigt.  Dem scheinbaren Nichts muß das echte Nicht entgegentreten.  Dann wird das Bedenken in seiner formalistischen Äußerlichkeit erkannt und endlich erledigt werden.

Der Unterschied von Nicht und Nichts ist wichtig und orientierend. Das Nichts hat die Bildung des Substantivs; denn obwohl es ein Unding ist, ist es doch ein Operationsbegriff. Das Nicht dagegen bezieht sich nur auf die Tätigkeit des Urteils selbst. Nach ungenauer Weise, durch Verwechslung von  me  und  on  wird es auch mit einem Substantiv verbunden. Vom Ursprung-Nichts wissen wir, wie es mit dem Seienden und den fundamentalsten Arten desselben in Verbindung zu treten hat; und, wie schon gesagt, werden wir es noch gründlicher erst kennen lernen. Das Nicht dagegen geht und ficht die Tätigkeit des Urteils selbst an. Nicht, daß dadurch das Urteil überhaupt um seinen Wert und seine Selbständigkeit gebracht würde. Das ist ein schwerer Irrtum. Die Verneinung ist  nicht,  wie man gemeint hat, ein  Urteil über ein Urteil;  sondern vielmehr, wenn man so will, ein  Urteil vor dem Urteil. 

Aber auch diese Richtigstellung kann irreführen. Die Verneinung besteht  nicht aus zwei Urteilen.  Sie hat ihren genugsamen Wert in dem einen Urteil, welches den Widerspruch erkennt und erhebt. Die Meinung, daß dadurch ein Urteil nicht zustande käme, beruth auf dem unlogischen Vorurteil, welches das Urteil lediglich im Zwiegespann von  S  und  P  betrachtet und daher ein Urteil nicht glaubt annehmen zu dürfen, wenn eine Trennung vorgenommen werden muß. Dahingegen sind uns  S  und  P  noch gar nicht vorgestellt. Und so darf auch bei der Verneinung ihre Scheidung nicht in Betracht kommen.

Nur um das  A  selbst handelt es sich: ob es gemäß der Identität  A  geblieben oder aber ob ihm Fälschungen seines Inhalts gegenüber durch andere Schutzmittel, als welche im Denkgesetz der Identität gelegen sind, der Wert seines Inhalts gewahrt werden müsse. Es ist nicht von ungefähr, daß dem positiven Satz der Identität die negative Formulierung von Anfang an zur Seite getreten und immerdar an der Seite geblieben ist. Es ist keineswegs Genauigkeit der Formulierung allein, was den Satz des Widerspruchs zu einem Denkgesetz gemacht hat. Es ist vielmehr die  selbständige  unentbehrliche Leistung,  die der Verneinung, als Widerspruch obliegt, auf welcher die Würde dieses Denkgesetzes beruth.

Wir haben die Bejahung als Dedicatio kennen gelernt: bedeutsamer ist das Wort der  Abdicatio  [Versagung - wp]. Und wir gehen wohl nicht irre in der Vermutung, daß die letztere zur ersteren geführt haben möchte. Das wichtigste Recht des Urteils ist das der Abdankung des falschen Urteils und seiner Vernichtung. In dieser Annullierung, besser Annihilirung entsteht das echte wahre Nichts. Wie das Urteil durch Identität bestätigt wird, so wird es durch das Versagen der Identität aufgehoben, vernichtet in seinem Inhalt. Zwischen  A  und einem nicht identischen  A  gibt es für das Denken keine Aussöhnung. Es muß zum Nichts, vielmehr zum Nicht vernichtet werden, so daß ein Urteil an seinem Inhalt nur in dieser Richtung vollziehbar wird. Es ist die Lebensfrage des Urteils, daß es diese Instanz in sich aufzurichten vermag, die  Vernichtungs-Instanz. 

Das Nicht, welches diese Instanz ausspricht, ist also von ganz anderer Art als jenes Nichts, das der Quell des Etwas ist; es ist die Tätigkeit des Urteils; es ist das Urteil selbst, welches einem Inhalt, der sich anmaßt, Inhalt zu werden, dieses Recht und diesen Wert abspricht. Das angebliche non-A ist keineswegs schon ein Inhalt; sondern es beansprucht ein solcher zu sein. Die Verneinung aber abdiziert ihm diesen Wert. Es gibt kein non-A und es darf kein non-A geben, welches, im Unterschied vom Nichts des Ursprungs, einen geschlossenen Inhalt hätte. Alle Bedenken, daß das non-A doch aber Bedeutungen annehmen könnte, die geeignet wären, seinen Inhalt zu rechtfertigen, müssen einstweilen, müssen grundsätzlich schweigen. Denn die Identität wird dabei in Frage gestellt. Und keine Rücksicht und keine Vorsicht darf laut werden, bevor diese sicher und schlechterdings außer Frage gestellt ist.

Sicherung der Identität gegen die Gefahr des non-A, das ist der Sinn der Verneinung. Der Widerspruch hat das Recht der Versagung, der Abdikation. Es ist psychologische Verirrung, dem Urteil  der Verneinung die Selbständigkeit abzusprechen,  als ob das Nein hinterher und gleichsam post festum [im Nachhinein - wp] käme. Es ist aber nicht nur psychologische Verirrung; sondern zugleich auch logische Verödung, welche das wissenschaftliche Denken aller Art den schwersten Gefahren aussetzt und zwar nicht allein feinen, sondern geradezu den gröbsten, die alles Denken kopfüber stürzen und vereiteln. Die Identität bliebe, wofür sie freilich vielfach auch genommen wird, nur die Anerkennung der nackten Tatsache, daß bisweilen wenigstens trotz drohender Veränderungen  A  sich zu behaupten vermöge. Sie wäre aber nicht die grundsätzliche Forderung, daß  A,  als Erzeugnis des Urteils, in Identität verharre, wenn nicht durch den Widerspruch diese Kompetenz verstärkt würde. Wie dringlich auch die  Rücksichten auf Veränderungen  an den Dingen sich geltend machen mögen, so dürfen sie doch kein Einspruchsrecht von der Art haben, daß dadurch diese Gerechtsame, diese Instanz des Urteils erschüttert oder fraglich würde. Jene anderen Rücksichten mögen sich später melden; dann sollen sie zu Worte kommen. Hier dagegen gilt es, das unveräußerliche Recht des Urteils zum Widerspruch uneingeschränkt einzusetzen und anzuerkennen.

Gewöhnlich denkt man den Widerspruch so,  als ob er einem Inhalt  des Urteils  anhaftete,  in demselben gelegen wäre, so daß wegen dieses Wurms der Inhalt krankte und absterben müßte. Der Widerspruch ist aber keineswegs ein solches Moment im Denkinhalt; sondern er ist vielmehr als die  Tätigkeit  des Urteils zu verstehen. Das griechische Wort für Widerspruch (antithesis) hat durchaus verbale Sprachform; es drückt die Tätigkeit selbst aus, nicht den Inhalt des Urteilsspruchs. So ist der Widerspruch nicht nur der Grund der Verneinung (antithesis); sondern diese bezeichnet das notwendige Recht, den Widerspruch geltend zu machen. Auch die  Contradictio  hat diesen verbalen Charakter. Und das  Opponere  ist juristischen Ursprungs. Es erhält durch das  Repugnare  eine lebendigere Farbe. Und die  Repugnatio  [Widerstand - wp] ist daher besser als die  Repugnantia.  Dagegen verblaßt die  Refutatio  der Rhetorik. So tritt die  Opposition  als Repugnation der Affirmation zur Seite, um die Identität zu schützen. Die Identität ist das Gut, ist der Wert. Der Widerspruch ist der Schutz, ist das Recht.

Wie die Bejahung, als Vorstellung und deshalb als Verbindung gedacht wurde, so wird auch die Verneinung, ebenfalls weil als Vorstellung, als Trennung und  Unterscheidung  gedacht. Aber auch hier wird der Gattungscharakter des Urteils mit einer Art des Urteils verwechselt. Wie die Verbindung, so ließe sich auch die Unterscheidung als allgemeiner Ausdruck des logischen Problems denken. Die Sonderung ist ein integrierender Bestandteil der Vereinigung. Und vielleicht kann man gerade die geforderte Durchdringung von Sonderung und Einigung recht prägnant bei der Verneinung erkennen. Ist doch das Element, um das es sich handelt, noch nicht erzeugt. In der Abwehr wird die Sonderung am deutlichsten. Und doch ist es Einigung; denn das fragliche Element wird gegen das  A  gehalten. Und kraft der Gegenhaltung vollzieht sich die Verwerfung. Weil aber das Urteil, als Sonderung, schon Unterscheidung ist, so muß das Urteil der Verneinung etwas anderes bedeuten.

Der Gründe zu dieser Verwechslung lassen sich viele anführen. Die psychologische Ansicht verwirrt schon die Theorie des ARISTOTELES, so daß er  neben  der Negation eine Beraubung (steresis) aufstellt. Diese Koordination entspricht seiner Korrelation der  dynamis  neben der  entelecheia.  Psychologisch, wie ARISTOTELES denkt, entspricht diese Stufe zunächst einem Zustand des  Vermissens.  Im  A  wird ein Element vermißt. Daraus entsteht der Gedanke eines Mangels in den der Beraubung verwandeln? Diese Verwandlung bewirkt der Satz der Identität. Wenn im identischen  A  ein Element fehlt, so ist dieses Fehlen, dieser Mangel als Beraubung des  A  zu bezeichnen. Immerhin also stellt sich in der Privation die Sicherheit der Identität ein.  Aber es ist damit nur ein Tatbestand bezüglich des A ausgesprochen.  Dabei aber darf es sein Bewenden nicht haben; denn es handelt sich jetzt nicht mehr um  A,  sondern um die Statthaftigkeit eines non-A.  Daher darf die Privation der Negation nicht koordiniert werden. 

Für ARISTOTELES aber war es eine Hauptaktion seiner Metaphysik, das non-A in privativer Bedeutung lebensfähig zu machen: es sollte das  Potentielle  (dynamei on] im Unterschied vom  Aktuellen  (energeia oder entelecheia on) bedeuten. Dieses der Möglichkeit nach Seiende ist das der Beraubung nach Nicht-Seiende. Es ist also der Aktualität beraubt, insofern es dieselbe noch nicht erlangt, noch nicht erreicht hat. Hier also bezieht sich die Beraubung noch nicht auf das identische  A,  sondern auf ein Ideal, dessen Verwirklichung bevorsteht. Aber freilich, das identische  A  der Logik wird durch die Metaphysik des ARISTOTELES zum Ursprungsbild prädestiniert, das dem Verlauf der Entwicklung bevorsteht. Es ist jenes absolute Prius, welches mit dem Seienden gleichbedeutend ist.

Und diese Metaphysik ist nicht so abstrus geblieben, wie sie äußerlich scheinen könnte. Sie ist das  Prinzipg seiner Biologie,  in welcher die niederen Organismen zu den höheren sich entwickeln, während im absoluten Prius die höchste Form vorbildlich vorhanden ist und war. So sind die potentiellen Formen allerdings der Beraubung nach Nicht-Seiendes. Auch läßt sich so aus dem vollen Gehalt seiner Forschung und Wissenschaft die Privation verstehen. Und beim Zusammenhang, welchen er für die Privation mit der Negation festhielt, läßt sich vielleicht auch von hier aus am besten die sonderbare Ansicht verstehen, welche ARISTOTELES von der Verneinung gehabt zu haben scheint,  als ob sie den Dingen immanent wäre. 

Es rächt sich an dieser Verschrobenheit, daß er die Negation, trotzdem er sie verbal gebildet hat, dennoch nicht als Tätigkeit, als den Vollzug eines Urteils gewürdigt und ihre  gesetzgeberische  Bedeutung in strenger Sicherheit innegehalten hat.  Nicht das absolute Ursprungsbild ist die Norm des Nicht-Seienden, sondern das Urteil mit seinem Denkgesetz des Widerspruchs. 

Die Entwicklung hat aber nicht nur den Begriff der Beraubung möglich und erklärlich gemacht. Nicht allein die Entwicklung der organischen Formen treibt auf die Spur des Vermissens; sondern der Verkehr aller Dinge ohne Ausnahme läßt in seinem Wechsel den Mangel, die Lücke, die  Veränderung  erkennen, die sich an den Dingen begibt. Was hilft es, sich auf die Identität zu versteifen, wenn doch ringsherum alles Veränderung zeigt? Soll aber etwa darüber die Identität preisgegeben werden? Oder sollt sie von ihrer Strenge nachlassen und sich an die Veränderung anpassen? Der Identität freilich wird man das nicht unverblümt zumuten, aber dem Widerspruch läßt sich vielleicht durch Ermäßigungen und Abschwächungen beikommen. Eine solche Abschwächung bildet der  Gegensatz. Er muß strengstens vom Widerspruch unterschieden werden. 

PLATO sagte, die großen Dinge können klein werden; aber die Idee des Großen behauptet Identität und ebenso die Idee des Kleinen. Wie die Verbindung, wie die Unterscheidung, so ist auch die  Veränderung  ein allgemeiner Ausdruck des logischen Problems. Aber sie bezieht sich schon unmittelbar auf die Dinge, während Verbindung und Unterscheidung doch noch das bescheidenere subjektive Ansehen haben. Wir sind noch bei weitem nicht bei den Dingen. Es gilt vorerst in Denkgesetzen die Schutzmittel zu schaffen, die uns vor den Täuschungen der Dinge bewahren sollen. Mit der Veränderung mag sich der Gegensatz befreunden. Daher darf der Widerspruch nicht zum Gegensatz abgestumpft werden. Der Gegensatz läßt sich vielleicht und darf sich vielleicht mit der Veränderung abfinden. Damit dadurch aber die Identität nicht schwankend werde, muß der Widerspruch aufrecht erhalten und vom Gegensatz unterschieden werden.

Gegensätze dürfen vielleicht eingeräumt, im Verkehr und Haushalt der Dinge vielleicht zugelassen werden. Umso klarer muß das Hausrecht des Denkens ausgeprägt werden: daß der Widerspruch von der Schwelle abzuweisen sei.

Auch hier hat ARISTOTELES die Terminologie beherrscht. Er unterscheidet das Entgegengesetzte (enantion) vom Widersprechenden (antiphatikos, antikeimenon). Aber er gebraucht für beide den Ausdruck des Gegenüberliegens. Darin liegt wieder eine Zweideutigkeit; denn das  Gegenüber  braucht keineswegs das  Wider  zu bedeuten. Man erkennt auch hier wieder das Verhältnis der Immanenz. Und auch hier ist die Ansicht kein starres formalistisches Vorurteil. Denn aus dem Liegen geht die Bewegung hervor, also die Veränderung, welche dem Sein gegenüber das Nichtsein im Sattel hält.

Übrigens dürfte diese Bedeutung des Liegens,  als Voraussetzung der Bewegung,  einer der Gründe sein, welche die Verzeichnung des Liegens  unter den Kategorien bewirkt  haben mag. So ist nun der Gegensatz als ein Lagergenosse des Widerspruchs aufgenommen worden. Und da seit HERAKLIT alle spekulative Welt sich für die rastlose Bewegung ereifert und dem Widerspruch des PARMENIDES nur unwillig das Ohr leiht, so ist es so geblieben, daß man mit den Widersprüchen umspringt, als wären sie und als gäbe es nur Gegensätze.

PARMENIDES hat sich als ein Seher erwiesen für alle spekulative Zukunft, indem er mit ehernem Griffel den Satz eingrub:  "Das Seiende ist. Das Nichtseiende ist nicht."  Wie HAMLET hat er es formuliert: "Sein oder Nichtsein. Darin liegt die Krisis." Aber man hat es für spekulative Überspannung gehalten und für trockenen Formalismus. Die innere Geschichte, die innere Aufrichtigkeit der Systeme, besonders derjenigen, die nichts als Systeme sein wollten, läßt sich an ihrem Verhältnis zu diesem kritischen Satz des PARMENIDES prüfen.

Hier liegt der Abgrund von HEGELs Logik ganz oberflächlich zutage. "Es ist aber eines der Grundvorurteile der bisherigen Logik und des gewöhnlichen Vorstellens, als ob der Widerspruch nicht eine so wesenhafte und immanente Bestimmung sei, als die Identität; ja, wenn von Rangordnung die Rede ist, ... so wäre der Widerspruch für das Tiefere und Wesenhaftere zu nehmen, ... er aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit;  nur  insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat es Trieb und Tätigkeit." Trieb und Tätigkeit - wozu? zur Wahrheit und zur Sittlichkeit? Und zur Wahrheit aufgrund der mathematischen Naturwissenschaft? Und ebenso zur Sittlichkeit, ohne die Voraussetzung geschichtlicher Konventionen in Mythologie und Religion?

Es ist, als ob es nicht mehr Ernst wäre, wenn HEGEL den Widerspruch physiologisch bezeugt. "Wenn man aber sagt, daß der Widerspruch nicht denkbar sei, so ist er vielmehr im Schmerz des Lebendigen sogar eine wirkliche Existenz." Wenn dann nur wenigstens die Identität als die Lust des Lebendigen gepriesen würde. Sie ist aber noch weniger wert als der Widerspruch, der vielmehr das Wesenhaftere sei. Also ist kein Kraut gewachsen gegen diesen Schmerz. Beide Denkgesetze werden zum alten Eisen geworfen. "Die Schule, in der allein solche Gesetze gelten, hat sich längst mit ihrer Logik, welche dieselben ernsthaft vorträgt, beim gesunden Menschenverstand, wie bei der Vernunft um den Kredit gebracht." Diese "Schule" aber bedeutet die Geschichte der wissenschaftlichen Vernunft. Sie geht von PARMENIDES aus. Und dieser Spott, der sonach den Urheber der Identität trifft, er unterscheidet jene Systeme der Identitätsphilosophie von der klassischen Geschichte der Identität. Die Abenteuer der Romantik richten sich selbst, indem sie den Richtstuhl der Identität umstürzen. So geht die Sittlichkeit der Geisteswissenschaften zugleich mit der Wahrheit der mathematischen Naturwissenschaft zugrunde.

Es ist ein schlechter Trost, daß durch die dialektische Bewegung der Begriffe, welche sich im "Umschlagen der Gegensätze" vollzieht, der Horizont des geschichtlichen Blicks erweitert und das vergleichende, universelle Interesse an den geschichtlichen Begebenheiten, Erscheinungen und Einrichtungen aller Art selbst gleichsam beweglicher wurde. Wenn die kontrollierenden Grundsätz, die den Inhalt des Denkens stabilisieren, umgerissen werden, so gibt es keine Sicherheit im ganzen Gebiet. Die Gewißheit der Erkenntnis hört auf und so muß sich die Philosophie von der Wissenschaft loslösen, in der sie die Einheit der Erkenntnisse bildet. Nicht nur die Geisteswissenschaften in ihrer Grundlage, dem Gesetz der Sittlichkeit, werden damit vernichtet, sondern in erster Linie die mathematische Naturwissenschaft. Die Einheit des Gegenstandes hat zur unentbehrlichen Voraussetzung das Urteil des Widerspruchs. Nicht freilich, wie ARISTOTELES meinen konnte, hat der Gegenstand noch nicht seine Entelechie [innewohnendes Ziel - wp] erreicht, solange er ein potentiell nichtseiender ist; aber, was schlimmer ist, der Gegenstand könnte niemals zustande kommen, wenn die Verneinung ihn nicht zu sichern vermöchte.

Es ist paradox, aber die Lösung enthält die tiefste Befriedigung: daß die anscheinend subjektivste Urteilsart für die Konstituierung des Gegenstands den Ausschlag geben muß. Alle Kontinuität und alle Identität könnten nichts helfen, solange es zweifelhaft bleiben müßte, daß die geringste Veränderung die Einheit des Gegenstands zerstöre. Freilich liegt diese Folgerung schon im Satz der Identität; aber man könnte denken, der Satz der Identität sei von einer falschen Abstraktheit, er gelte nur für  A  und ebenso auch für  B;  aber er berücksichtigte nicht, daß  B  neben  A  vorhanden sei und wie man annehmen zu dürfen glaubt, aus  A  zum  B  werde.

Diese Bewegung und diese Veränderung findet allerdings statt und sie wird eine genaue Erklärung fordern.  Umso strenger aber muß für die Einsicht gesorgt werden, die Veränderung da zurückzuweisen, wo sie unstatthaft ist; wo sie aus dem  A  nicht ein  B,  sondern ein non-A im schlechten Sinne machen würde. Der Gegenstand würde daher das kläglichste Fragezeichen bilden, wenn es kein entscheidendes Recht gäbe, ihn von diesem zweifelhaftesten Zustand, daß er nämlich nicht ein Unding sei, zu befreien.

Die Möglichkeit des  Irrtums  bildet schon bei PLATON ein wichtiges Problem. Die Feststellung der Wahrheit fordert die Bloßlegung der Quellen des Irrtums. Und der Humor PLATONs macht sich in diesen Partien Luft, wie im Gleichnis des Bewußtseins, als eines Taubenschlags, so daß der Irrtum entstehen könnte, indem man statt der richtigen Taube eine falsche ergreift. Ein solches Gleichnis des Humors ist auch das von der Seele, als einer wächsernen Schreibtafel. So lange es sich um psychologische Aufklärung handelt, ist der Humor an rechter Stelle. Aber wenn das Schicksal der Wahrheit auf dem Spiel steht, da schwingt PLATO die Geisel der Satire.  Wie  der Satz der Identität das Denkgesetz der Wahrheit ist, so ist der Satz des Widerspruchs das Denkgesetz der Unwahrheit. Es gibt nicht bloß Irrtum - der wäre psychologisch - es gibt das Falsche, die Unwahrheit. Und es gilt, sie zu erkennen, sie zu verwerfen, sie als nichtigt zu erklären.

Aus diesem Gesichtspunkt des Denkgesetzes erkennt man den grundsätzlichen  Unterschied zwischen dem Nicht und dem Mangel.  Es gibt keinen Mangel an Wahrheit, außer sofern er methodisch begründet ist. Dann aber ist er nicht skeptischer oder geistig selbstmörderischer Natur.  Es darf keine zweifelhafte Wahrheit geben,  deren grundsätzliches Los es wäre, zweifelhaft zu bleiben. Es darf nicht zweifelhaft bleiben, wie weit sich ihre Kompetenzen erstrecken und ob sie an einem Kreuzweg das endgültige Recht habe, das vernichtende Nein zu sprechen. Das Denkgesetz des Widerspruchs hat es demnach allerdings mit einer Möglichkeit zu tun: nämlich mit der Möglichkeit der Wahrheit. Ohne die Verneinung bliebe die Möglichkeit des  Zweifels  bestehen, des Widerspiels zur Wahrheit.

Anstatt schon hier die Wahrheit anzurufen, können wir hier beim Urteil bleiben. Kontinuität und Identität betreffen den Inhalt des Urteils; der Widerspruch aber die Tätigkeit des Urteils selbst. Die Tätigkeit, nicht als Vorgang, sondern als  Tat  des Urteils. Ohne die Verneinung könnte das Urteil nicht als ein falsches Urteil erkannt werden. Ohne die Erkenntnis der Falschheit könnte es kein anderes Urteil, als das Urteil der Erkenntnis, geben. Die Erkenntnis ist die Grundlage der Wissenschaft. Und die Wissenschaft bedarf der Grundlegungen, als gesicherter Grundlagen, nicht als zweifelhafter Annahmen.  Der Wert der Hypothesis ist durch das Urteil der Verneinung bedingt. 

Auch bei DESCARTES erkennt man das Interesse am Problem des Irrtums im Zusammenhang der Untersuchung über die Gewißheit der Erkenntnis. Unerquickliche Spuren theologischer Befangenheit zeigen sich gerade hier bei ihm. Dennoch aber deckt er den Abgrund auf, daß Gott ein böser Geist sein müßte, wenn er nicht der Bürge der Wahrheit sein könnte. Für den  Pantheismus  aber gibt es eine solche Schranke für Gottes Allmacht und Allwissenheit nicht. Und schrankenlos, wie sein Gott ist, ist der Geist des Pantheisten. Schon der Ausdruck für die dialektische Bewegung kennzeichnet die falsche Tendenz. Um die Identität des Begriffs zu sichern, hatte PARMENIDES ihm Beharrung zugesprochen und die Bewegung aberkannt. HEGEL proklamiert die  Selbstbewegung  der Begriffe. In der Selbstbewegung vollziehen sie ihre Geschichte. Und es scheint ein imponierendes Schauspiel, dieser Szenenwechsel desselben Begriffs-Sujets. Aber die Kühnheit des Ausdrucks enthüllt die falsche Richtung.

Es ist keineswegs Tautologie und keineswegs Identität in der Weltgeschichte des Geistes, so wenig wie auf der Weltbühne des irdischen Spiels. Es scheint Wiederholung eines Stichwortes zu sein, wenn man den Unterschied von Wahr und Falsch, von Gut und Schlecht übersehen zu dürfen glaubt; wenn man die Widersprüche zu Gegensätzen abplattet. Indessen ist doch auch eine andere Ansicht und deshalb ein anderer Anlaß zu der Meinung möglich, daß  ein  Motiv sich durch die ganze Geschichte hindurchziehe. Diese andere Ansicht gründet sich aber nicht auf die Identität, welche den Widerspruch in sich aufnimmt; sondern vielmehr auf der Kontinuität.

Die Kontinuität behauptet und verbürgt einen tiefgehenen Zusammenhang unter den Elementen des reinen Denkens. Diesen Zusammenhang zu entdecken, schreckt sie nicht zurück vor dem Abgrund des Witzes, aus dem das Nichts auftaucht. Auf allen Gebieten treibt die Kontinuität das Denken zu dem verwegenen Spiel mit jenem Nichts, um das relative Etwas, welches jedesmal das Problem bildet, aus seinem absoluten Ursprung zu erzeugen. Wir haben schon die fruchtbaren Ergebnisse dieses Kunstgriffs an wichtigen Beispielen kennen gelernt und schon mehrmals ist darauf hingewiesen worden, daß uns in dieser Beziehung die wichtigsten Aufschlüsse noch bevorstehen. Die Kontinuität ersetzt reichlich, was am Umschlagen der Gegensätze Gesundes sein möchte. Aber wenn das Urteil des Ursprungs nicht als ein Urteil des Nichts diskreditiert werden soll, so muß das Urteil des Nicht hinzutreten, um den Unterschied klar zu machen und zu halten.

So besteht ein innerer Zusammenhang zwischen Kontinuität und Widerspruch.  Das Urteil der Kontinuität schafft Spielraum, daß nicht jede Operation, welche an das Nein anzurühren scheint, ausgeschlossen werde. Umso unbedingter aber muß das Nicht gelten. Das Nichts braucht nicht ein Unding zu sein. Das Nicht aber hebt das Urteil auf. Und andererseits, der Widerspruch entreißt den Gegenstand der zweifelhaften Situation, ob er sei oder nicht sei. Er vermag das Sein zu verneinen. Unbesorgt daher und zuversichtlich darf die Kontinuität ihre Fahrten in die Länder des Nichts unternehmen. Es ist nicht  ein  Land; das wäre keins. Je nach den Problemen werden die Gebiete ausgesteckt. Stets ist es  ein  Problem in allen Fragen: der Ursprung. Nur das aus seinem Ursprung erzeugte Denken ist als Erkenntnis gültig. Die Fahrt wird von einem sicheren Stern geleitet, vom Denkgesetz der Kontinuität. Sie ist aber auch durch die Kenntnis der Klippen gesichert. Diese bildet das Denkgesetz des Widerspruchs.

Es gibt ein Mittelding in der Geschichte der Spekulation, welches das Nicht-Seiende in beiden Bedeutungen zu sein scheint. Und gerade dieser Begriff und die absonderliche Richtung des Denkens, die sich in ihm verrät, zeigen am falschen Zusammenhang den Unterschied zwischen Kontinuität und Widerspruch. Die  Materie  wird zum Nicht-Seienden in beiderlei Bedeutungen. Sie ist ja Erscheinung bei PLATON. Und die Erscheinung spielt sich in einer Höhle ab. Und was ist denn Gutes in ihr? Ist sie nicht der Schauplatz und der Grund des Bösen? So wird sie zum Schein, der des Seins ermangelt, dem es am Guten gebricht. Und nur die Aussicht bleibt ihr, daß sie sich entwickeln, ergänzen und verbessern könnte. Oder aber die andere Meinung hat Recht: sie ist und bleibt das Nicht-Seiende. Sie ist das Falsche und der Grund des Übels und des Bösen. In diese Sackgasse hat die  neuplatonische  Spekulation den Grunbegriff des  me on  getrieben. Der Zusammenhang von Kontinuität und Widerspruch ist bedingt durch ihre Unterscheidung.

Diese ersten drei Arten des Urteils dürfen unter dem hergebrachten Namen der  Qualität  zusammengefaßt werden. Beschaffenheit ist zwar ein allgemeiner Name, der sich seit DEMOKRIT sowohl auf das Konventionelle bezieht, als auch auf das Wahrhafte und Wesentliche. Aber er bezeichnet doch eben auch das Letztere und dieser eigentlichen Bedeutung der Qualität muß sich das Nebensächliche dergestalt fügen, daß es durch das Wesentliche bestimmbar werde. Es ist wichtig und sehr lehrreich, daß das reine Denken mit der Qualität beginnt.

Hätte ARISTOTELES nur seine Tafel der Kategorien mit ihr begonnen, anstatt mit der Substanz. Seine ganze Metaphysik wäre eine andere geworden. Die Qualität selbst aber hat er ausgezeichnet, wie sie denn auch bei PLATON in fruchtbarer Erörterung steht. Die Erzeugung des reinen Denkens darf nicht mit dem Ding selbst anfangen, so wenig, als sie mit dem Seienden beginnen darf. Aus dem scheinbaren Nichts muß das Etwas hergeleitet werden, um einen wahrhaften Ursprung zu empfangen. In diesem Ursprung liegt der Quell der Qualität. Und diesem Ursprung entsprechen die anderen Arten, die Identität und der Widerspruch. Sie alle bestimmen den Grundwert des reinen Denkens, die Grundrechte desselben.

Daher liegen bei diesen Arten des Urteils die hergebrachten  Denkgesetze.  Der Unterschied, der zwischen den Denkgesetzen und den Kategorien gedacht wird, besteht eben in dieser grundlegenden Bedeutung, die den Denkgesetzen zuerkannt wird. Daher entsprechen hier den Arten des Urteils nicht eigentliche Kategorien, sondern an deren Statt stehen die Denkgesetze. Auch der Ursprung ist nicht eigentlich eine Kategorie,  sondern vielmehr ein Denkgesetz;  und wie wir gesehen haben, das Denkgesetz der Denkgesetze.

Der Name des Ursprungs würde daher auch das Denkgesetz unzweideutiger und umfassender bezeichnen als der der Kontinuität. Diese ist auf dem Boden und im Zusammenhang der Probleme der Mathematik entstanden. Daß es sich dabei aber um den Ursprung handle, diese Hauptsache bleibt dabei im Dunkeln. Auf alle Arten des reinen Denkens geht die Grundforderung des Ursprungs. Am strengsten aber paßt sie auf das Denken der Mathematik, in welchem das reine Denken streng und vorbildlich ist. Den anderen Denkgesetzen sieht man es unmittelbar an, daß sie auf das Denken der Geisteswissenschaften ebenso passen müssen, wie auf das der mathematischen Naturwissenschaft. Auf der Identität und ihrer negativen Probe beruth aller Wert des Denkens, was auch sein Inhalt sein mag. Es kann nicht anders zu seinem Inhalt kommen, als aufgrund dieser Grundrechte des reinen Denkens.

Die Bedeutung des traditionellen Titels der  Qualität  für diese Arten des Urteils sehen wir somit darin, daß sie weder allein die Beschaffenheit des Körpers oder auch des Gegenstandes bezeichnet, noch die des Seienden; sondern die des reinen Denkens. Also auch das reine Denken hat eine Qualität. Es ist dies nicht ein ungenauer, eine unbestimmte allgemeine Beschaffenheit bezeichnender Ausdruck, der vielleicht auch auf andere Arten des Urteils bezogen und ausgedehnt werden könnte; sondern nur diese drei Arten werden seiner genauen und strengen Bedeutung gerecht. Sie sind die methodisch ersten Bedingungen, um zur Bestimmung der reinen Erkenntnis, als zu der des Gegenstandes zu gelangen.

Sie sind nicht bloß unersetzlich durch andere Mittel, sondern auch ihre Reihenfolge, die Reihenfolge ihres Gebrauchs darf nicht verwechselt werden. Sie müssen den ersten Schritt bilden, den das reine Denken zu tun hat; mit ihnen kann ein zweiter Schritt nicht weiter führen. Ursprung und Identität und Widerspruch bilden die Grundlage des Denkens. Diese Bedeutung der Grundlage hat die Qualität. Es gibt keinen Körper und keinen Gegenstand und kein Sein vor der Qualität. So wird am schärfsten die Bedeutung der Qualität klar: auch kein Sein geht ihr vorauf. So wird die Identität des PARMENIDES über sein Sein hinaus durchgeführt. Und indem wir die Qualität nunmehr als Grundlage erkennen, die doch unverkennbar eine reine Grundlegung ist, so haben wir uns auf den platonischen Weg begeben, der von der Grundlegung zum Sein führt. Solche erzeugende Bedeutung sprechen wir also der Qualität zu und demgemäß den Arten des Urteils, die sie befaßt. Kein Sein, kein Gegenstand, keine Erkenntnis vor ihr. Aber alles Sein, aller Gegenstand, alle reine Erkenntnis durch sie und aus ihr.
LITERATUR - Hermann Cohen, System der Philosophie - Logik der reinen Erkenntnis, Berlin 1902
    Anmerkungen
    1) BERNARD BOLZANO, Betrachtungen über einige Gegenstände der Elementargeometrie, 1804, Seite 44