cr-2V. KraftW. DiltheyF. PaulsenE. ZellerA. RiehlH. Bergmann     
 
WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
[2/11]

Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Es wäre seltsam, wenn eine so stattliche Reihe scharfsinniger Denker einem reinen Hirngespinst nachgelaufen wäre, wenn in der von ihnen aufgeworfenen Frage nicht ein wirkliches Problem stecken sollte."

I. Hauptstück
Die erkenntnistheoretischen Standpunkte

Was den Laien wie den Wissenschaftler heute wohl am meisten von der Beschäftigung mit philosophischen Dingen abzuschrecken pflegt, was ihn von vornherein mit Mißtrauen gegen die Nützlichkeit oder die Wissenschaftlichkeit dieser Disziplin erfüllt, ist die unbestreitbare Tatsache, daß es gar keine Philosophie in dem Sinne gibt, wie wir von einer Physik oder Mineralogie reden, daß man vielmehr von vornherein mit einer Mehrheit von Systemen zu rechnen hat, die nicht nur als verschiedenartige Formungen desselben Erkenntnisstoffes nebeneinander stehen, sondern sich gegenseitig bekämpfen und aufheben. Jeder Philosoph, scheint es, hat sein eigenes System; es wird als Ehrensache betrachtet, als Zeichen der endlich errungenen Selbständigkeit, daß der eigene Standpunkt möglichst von allen bisher eingenommenen abweicht und, wo das nicht in großen weltbewegenden Ideen möglich ist, wenigstens in irgendwelchen Kleinigkeiten, etwa auf dem Gebiet der Terminologie, Originalität zeige. Doch, so auffällig dieser Zug gegenüber dem Betrieb auf anderen Wissenschaftsgebieten ist, wollte man damit wirklich das philosophische Leben etwa der Gegenwart charakterisieren, man würde sich einer großen Einseitigkeit schuldig machen: jede weitgehende Zerklüftung innerhalb menschlicher Gemeinschaft führt mit Notwendigkeit zur Parteibildung.Der Kampf aller gegen alle zeigt schließlich, daß es auch innerhalb der Gegensätze wieder Unterschiede des Grades und der Art gibt; und um die großen Gegensätze auszukämpfen, vergißt man zunächst die kleineren - oder diejenigen, die als die kleineren erscheinen. So haben sich von alters her zwei große sich heftig bekämpfende Parteien um die Schlagwörter, die, dem eben gesagten entsprechend, eine so große Menge von ganz verschiedenartigen Begriffen zu einer Einheit verbinden, daß wohl auf dem Feld der Allerweltsphilosophie ein ausgezeichneter und bequemer Gebrauch davon gemacht werden kann, nicht aber auf dem Gebiet wissenschaftlicher Arbeit. Unsere erste Aufgabe, wollen wir in den Kampf jener großen Parteien eintreten, muß daher sein, scharf und klar auszusprechen, in welchem Sinn wir uns an diesem Kampf beteiligen wollen, in welcher Bedeutung wir also die Schlagwörter verwenden.

Das Wort "Idealismus" scheint uns nun für unsere Zwecke überhaupt nicht verwendbar. Aus zwei Gründen: erstens hat es heutzutage eine fast stärkere ethische als erkenntnistheoretische Färbung und mit ethischen Fragen beschäftigen wir uns hier nicht; zweitens aber ist es ja in seinem ursprünglicheren Sinne - und auf diesen muß naturgemäß ein großer Wert gelegt werden - geschaffen zur Charakterisierung derjenigen Philosophie, nämlich der Platonischen, die von uns geradezu für die wichtigste Erscheinung auf der Seite des Realismus erklärt worden ist. Der Begriff des Idealismus scheint uns mit dem des Platonismus so eng und fest von alters her verbunden, daß eine Trennung beider unzweckmäßig wäre; dann aber dürfen wir Idealismus und Realismus nicht mehr als unvereinbare Gegensätze behandeln, das heißt, wir müssen, wofern wir das Wort "Realismus" als Bezeichnung unserer erkenntnistheoretischen Richtung beibehalten, einen anderen Namen für das Gegenteil wählen. Das Wort "Realismus" aber ist in der Erkenntnistheorie unersetzbar. Es gibt wenigstens kein Wort, das in derselben Bedeutung sich nur einigermaßen eingebürgert hätte und dann hat es freilich ebenfalls eine Reihe von anderen Bedeutungen, vor allem auf ästhetischem Gebiet, aber diese Bedeutungen sind leicht auseinander zu halten und passen doch wieder recht gut zueinander; sie stören sich also nicht gegenseitig in solchem Maße, wie die Bedeutungen des Idealismus, der in ethischem Sinne wohl als höchste Stufe einer Weltauffassung, im erkenntnistheoretischen aber von einem der einflußreichsten Philosophen als Skandal der gesunden Menschenvernunft bezeichnet werden konnte.

Wir behalten also das Wort Realismus bei und bezeichnen die gegensätzliche Richtung oder vielmehr Richtungen zunächst allgemein als Antirealismus.

Um nun die Bedeutung dieser Wörter genau und unzweideutig festzulegen, wird es am besten sein, wenn wir die entscheidenden Sätze der verschiedenen vorhandenen oder möglichen erkenntnistheoretischen Systeme in einem übersichtlichen Schema zustammenstellen.

Erkenntnistheorie im wörtlichen Sinne ist Lehre vom Erkennen, also ungefähr dasselbe wie die Logik, welche man wohl als Lehre vom Denken oder noch enger als Lehre vom wissenschaftlichen Denken bezeichnet; wird die Logik gar ausdrücklich als normative Wissenschaft vom Denken gefaßt, d. h. als Wissenschaft vom Denken, wie es sein soll oder sein muß, um sein Ziel zu erreichen, so ist es klar, daß Erkenntnistheorie und Logik sogar genau dasselbe bedeuten, denn Ziel des Denkens ist eben das Erkennen. Diese Auffassung der Erkenntnistheorie ist in R&T (1) auch noch mit anderen Gründen vertreten worden; wir wollen sie auch hier grundsätzlich festhalten, müssen aber zugestehen, daß der Begriff Erkenntnistheorie gewöhnlich und zwar gerade in den die uns hier interessierende Frage des Realismus betreffenden Untersuchungen, in einem anderen Sinne genommen wird, indem man nämlich als eigentliches oder einziges Problem der Erkenntnistheorie einfach das des Realismus faßt. Wir wollen über die Berechtigung oder Zweckmäßigkeit dieser Begriffsbestimmung an dieser Stelle nicht streiten: auch von unserem Standpunkt aus kann ja die Frage des Realismus als eine wenn auch nicht die einzige erkenntnistheoretische bezeichnet werden. Wir haben es hier also mit dem weiteren und engeren Sprachgebrauch eines Wortes zu tun und werden, um nicht neue Worte einzuführen und dadurch das gegenseitige Verständnis noch mehr zu erschweren, soweit keine Gefahr eines Mißverständnisses vorliegt, das Wort auch in beiden Bedeutungen verwenden. In der engeren Bedeutung wurde es nun oben gemeint: die erkenntnistheoretischen System gehen uns zunächst nur soweit an, als sie es mit der Frage des Realismus zu tun haben.

Welches sind nun die Aufstellungen für und wider den Realismus? Wir hören die einen behaupten, alle Erkenntnis sei subjektiv, daher sei ihr auch nur die Welt des subjektiven zugänglich, die objektive Welt aber verschlossen; ja es wird als zweifelhaft erklärt, ob etwas objektives überhaupt vorhanden ist. Die anderen sagen, im Gegenteil, zum Wesen der Erkenntnis gehört es, daß sie objektiv sei, es sei unsinnig anzunehmen, daß nur psychisches, Bewußtseinsinhalte erkennbar sind, die physische Welt stände dem erkennenden Subjekt genauso nahe, ihm gegenüber auf der gleichen Stufe, wie die Bewußtseinswelt; oder sie sei sogar diejenige, die allein unmittelbar und mit Sicherheit erfaßt werden könne; nur von ihr gebe es eine eigentliche Wissenschaft, während die sogenannten Bewußtseinsvorgänge im strengen Sinne nicht einmal Gegenstand des Wahrnehmens, des Erkennens zu werden vermöchten! Den einen ist es selbstverständlich, daß das menschliche Denken auf das immanente beschränkt ist, daß eine transzendente Welt als metphysisches Hirngespinst bezeichnet werden muß; die anderen erblicken gerade im transzendenten Bestandteil allen Denkens das eigentlich Wertvolle, schreiben ein eigentliches Sein nur der transzendenten Welt zu! Die Innenwelt ist dem einen das allein gegebene; der andere glaubt, daß die Außenwelt viel wichtiger sei, von ihr aus allein auch das Erkennen erklärt werden kann! Die Welt ist nur Vorstellung, Erscheinung, hören wir hier, nur Phänomene sind dem Geist des Menschen erkennbar, das Reale verbirgt sich für immer und ewig in unerforschlicher Dunkelheit; dort aber heißt es, was wäre eine Erscheinung ohne etwas, das in ihr erschiene: so viel Schein, so viel Sein! Die Welt der Wahrnehmungen, die Sinnenwelt, ist die einzig wahre, in ihr haben wir zu schaffen und zu leiden, sie allein geht uns daher etwas an, auch wenn es noch eine andere geben sollte - so tönt es in mehr oder minder kühnen Wendungen von der einen Seite; von der anderen aber wird uns bald feierlich verkündet, bald nüchtern auseinandergesetzt, daß doch der Verstand mehr ist, als die Sinne, daß wir ihm daher mehr trauen müßten, als diesen, daß daher die Welt so gedacht werden muß, wie er, nicht wie die sinnliche Wahrnehmung sie uns zeigt, daß nicht die Sinnenwelt, sondern die Verstandeswelt die eigentlich oder allein wahre und wirkliche ist! Nur in den Wahrnehmungen ist uns das Reale gegeben und die Wahrnehmungen sind psychisches, sind Bewußtseinsinhalte, das Denken aber kann nichts anderes tun, als diese gegebenen Bewußtseinsinhalte bearbeiten, etwa anders anordnen und bleibt eben darum ebenfalls auf eine Welt von Bewußtseinsinhalten beschränkt - so beweist man uns auf der einen Seite; auf der anderen aber das Gegenteil: eben weil Denken und Wahrnehmen nicht dasselbe sind, so kann der Gedanke dahin gelangen, wovon die Wahrnehmung ausgesperrt ist, zu physischen Welt jenseits der psychischen! Die Dinge, wie sie an sich sind, lassen sich nicht erkennen, sie sind nur erkennbar so, wie sie sich dem erkennenden Subjekt darstellen, als Vorstellungen - ist die eine Behauptung; die andere, daß das Erkennen gar kein Erkennen ist, wenn es seinen Gegenstand nicht erfaßt, wie er wirklich beschaffen ist - die Welt der Ding an sich ist daher der vernünftigerweise einzig in Betracht kommende Gegenstand aller Erkenntnis!

Diese einander entgegengesetzten Behauptungen ließen sich noch um ein gutes Stück vermehren, - und mit ihnen die Zahl der Begriffe oder Worte, die zur Charakterisierung des erkenntnistheoretischen Standpunktes dienen. Ähnlich sind die Wendungen, gleichbedeutend erscheinen oft die mannigfaltigen Bezeichnungen,  ein  Gedanke, oder  ein  Gedankenpaar scheint sich durch all die Sätze hindurchziehen - versucht man aber, diesen Gedanken unzweideutig herauszubringen, so sieht man bald, daß er gar nicht so einfacher Natur ist, daß wenigstens mit den verschiedenen Ausdrücken verschiedene Seiten desselben gemeint werden.

Wir haben daher zuerst zu sagen, in welchem Sinne wir diese Ausdrücke selbst verwenden wollen.

Das Erkennen, sagten wir, ist das Ziel des Denkens; Ziel des Denkens aber ist die Wahrheit; wahr sind Urteile; Erkennen ist also so viel wie wahre Urteile fällen.

Unter Vorstellungen verstehen wir mit der herrschenden Psychologie eine bestimmte Klasse psychischer oder bewußter Inhalte, wie Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcke - Inhalte, die etwas als gegenständlich bewußte vom Gefühl als dem Zustandsbewußtsein geschieden werden. Eine Erörterung der damit angedeuteten Definition wollen wir hier nicht anstellen: durch die angeführten Beispiele der Farben, Töne usw. ist ja hinreichend deutlich bestimmt, was wir und was die Mehrzahl der heutigen Psychologen mit dem Wort "Vorstellung" meinen. Bewußte Inhalte oder Bewußtseinsinhalte sind uns also dasselbe wie psychische Inhalte, zu denen wir, dem eben gesagten entsprechen, außer den Vorstellungen also noch die Gefühle (und Wollungen) und weiter Inhalte wie Geltungsbewußtsein, Wahrheitsbewußtsein, Meinungsbewußtsein und ähnliches mehr rechnen, durchaus wieder in Übereinstimmung mit der heutigen Psychologie. Demgemäß haben wir unter den physischen Inhalten das zu verstehen was nicht Bewußtseinsinhalt ist, also diejenigen Inhalte, die nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch in ihrer Gesamtheit auch als Körperwelt bezeichnet werden.

So weit folgen wir im wesentlichen nur dem heute üblichen Sprachgebrauch; für die nun zu erörternden Begriff aber können wir uns nicht mehr auf den Sprachgebrauch berufen, weil ein solcher nicht mehr vorhanden ist, in dem Sinne nämlich, daß er von der Mehrzahl der unsere Frage bearbeitenden oder überhaupt aller wissenschaftlich tätigen Denker anerkannt wäre. Wir werden daher hier diejenige der vorhandenen Bedeutungen einfach angeben, die wir den anderen vorziehen oder aber unseren Zwecken entsprechend eine, natürlich nur bis zu einem gewissen Grade, neue bilden.

Das Wort  Außenwelt  wird vor allem wohl in dreierlei Sinn gebraucht: erstens bezeichnet es so viel wie Welt der physischen Inhalte, zweitens diese Welt mit Ausschluß des eigenen Körpers, drittens die ganze Welt mit Ausschluß der eigenen psychischen Inhalte oder, was dasselbe ist, die Welt der physischen Inhalte vermehrt um die Bewußtseinsinhalte, welche nicht meine eigenen sind.

Die zweite dieser Bedeutungen ist uns nun nicht wichtig genug, auch stellt sich hier das Wort "Umgebung" als anschauliche und deutliche und darum schon viel gebrauchte Bezeichnung ein. Für die erste Bedeutung dagegen haben wir zwar ebenfalls schon ein Wort, eben den Begriff des physischen, zur Verfügung und es ist auch angenehm, einen so häufig angewendeten Begriff auf verschiedene Weise ausdrücken zu können. Auch die dritte Bedeutung scheint freilich von großer Wichtigkeit gerade für unsere erkenntnistheoretischen Fragen: den nach den Behauptung der einen Partei sicher erkennbaren eigenen psychischen Inhalten stehen als weniger sicher oder überhaupt nicht erkennbar nicht nur die physischen Inhalte, sondern ebenso die fremden psychischen Inhalte gegenüber. Aber der Inbegriff dieser fremden psychischen Inhalte ist je nach dem sprechenden oder denkenden verschieden, und wir wollen doch nicht nur jeder für sich, sondern für uns alle zu einer Verständigung gelangen; für uns alle zusammengenommen aber ist das den eigenen psychischen Inhalten gegenüberstehende einfach und allein das physische. Die Hauptfrage nach der Ausdehnung der Erkenntnis, die uns alle zugleich, die die Wissenschaft angeht, ist also die nach der Möglichkeit, das physische sicher erfassen zu können; das physische wollen wir daher als Außenwelt bezeichnen und wenn wir dementsprechen für die Welt der Bewußtseinsinhalte auch den Ausdruck Innenwelt verwenden, so wird es leicht sein vorkommenden Falls in ihr noch den Unterschied der eigenen und der fremden Innenwelt zu machen.

Ähnlich vieldeutig zeigt sich das Begriffspaar "transzendent und immanent". Erstens versteht man wohl unter dem transzendenten eben das, was sonst allgemein das physische heißt; zweitens das physische und das fremde psychische zusammengenommen; drittens das wirkliche mit Ausschluß der eigenen gegenwärtigen Bewußtseinsinhalte oder alles, was nicht gegeben ist. Wir haben hier eine fortschreitende Erweiterung des Transzendenzbegriffes, die mit Bedeutungen beginnt, wie sie ähnlich auch für das eben behandelte Wort  Außenwelt  aufgestellt wurden, also vor allem psychologisch wichtig sind, aber mit einer Bedeutung schließt, die auf ein gewöhnlich nicht als psychologisch, sondern als erkenntnistheoretisch bezeichnetes Problem hinweist.

Dieses erkenntnistheoretische Interesse ist noch stärker in einer vierten Bedeutung zum Ausdruck gebracht, nach der transzendent so viel heißen soll, wie das vom erkenntnistheoretischen Subjekt unabhänigig oder das nicht zum allgemeinen Bewußtsein, zum Bewußtsein überhaupt gehörige. Diese Bestimmung findet sich ja bei vielen Philosophen und bildet einen der Ausgangspunkte für das antirealistische Denken. Die Begriffe des "erkenntnistheoretischen Subjekts", des "allgemeinen Bewußtseins", des "Bewußtseins überhaupt" sind aber selbst zu unklar und vieldeutig, als daß wir sie zur Erklärung eines anderen Begriffes so ohne weiteres zulassen könnten. Es sei deshalb auf die Auseinandersetzungen im VI. Abschnitt von R&T hingewiesen, deren Ergebnis wir hier kurz wiederholen. Die Ausdrücke "Subjekt", "Bewußtsein" werden meistens so gebraucht, daß sie ergänzende Begriffe wie "Objekt", "Nichtbewußte", "Außenwelt" als Ergänzug heischen. Bezeichnet man daher mit ihnen irgendwelche Dinge, etwa die Klasse der Farben, Gestalten, Töne usw., also die von uns als psychisch bezeichneten Inhalte, so scheint sich ohne weiteres zu ergeben, daß diese psychischen Inhalte nicht die einzigen Inhalte der wirklichen Welt sein können, daß zu ihrer Ergänzung noch eine Außenwelt, eine Welt der physischen Dinge, der Körper angenommen werden muß. Dieser Schluß ist aber nicht gerechtfertigt, da aus einem Begriff niemals auf die Existenz des durch den Begriff gedachten geschlossen werden darf. Andererseits folgt, daß, wenn ich die fraglichen Begiffe zur Bezeichnung, Charakterisierung des Gesamtbestandes der Wirklichkeit verwenden will, ihr Inhalt nicht so bestimmt werden darf, daß er mit logischer Notwendigkeit eine Ergänzung durch andere Inhalte fordert. So ergeben sich als zunächst möglich zwei Bedeutungen: erstens die, welche durch das von AVENARIUS geprägte Wort "Prinzipialkoordination" unzweideutiger bezeichnet wird und zweitens die, wonach im Grunde jegliche Beziehung aus dem Begriff überhaupt ausgeschlossen wird, der Begriff des dem allgemeinen Bewußtsein immanenten oder des vom erkenntnistheoretischen Subjekt abhängigen im Grunde mit dem des Seins schlechthin in Eins gesetzt wird. In diesem zweiten Sinn genommen werden daher die Behauptungen "es gibt keine transzendente, keine vom erkenntnistheoretischen Subjekt unabhängige, keine außerhalb des allgemeinen Bewußtseins gelegene Welt" zu bloßen Tautologien und die Frage nach der Transzendenz des Denkens hört auf, überhaupt noch einen angebbaren Sinn zu haben. Daß sich dieser nüchternen Erkenntnis auch die Philosophen nicht ganz entziehen können, die das Transzendenzproblem gerade in diesem Sinne auffassen, davon können wir einen interessanten Beleg aus der Schrift RICKERTs "Der Gegenstand der Erkenntnis" anführen. In der zweiten Auflage lesen wir z. B. Seite 71:
    "Wir erkennen also die sprachliche Bedenklichkeit unserer Sätze an, behaupten aber umso entschiedener ihre sachliche Notwendigkeit. Es muß ein Unterschied gemacht werden zwischen psychischem Sein und dem Bewußtseinsinhalt, dem immanenten Sein. Die Welt ist kein psychischer Vorgang, auch wenn sie Bewußtseinsinhalt ist."
Und Seite 72:
    "Wer als das immanente Objekt, genannt individuelles Ich, das im Gegensatz zu anderen immanenten Objekten, genannt Körper, als etwas Psychisches bezeichnet werden muß, vom Subjekt unterscheidet, das als Bewußtsein überhaupt Voraussetzung  allen  Seins ist und daher nichts Psychisches, d. h. ein bloßer Teil der Wirklichkeit sein kann, für den muß der Idealismus frei werden, von jedem absurden Beigeschmack."
Damit aber ist zu vergleichen, was unmittelbar darauf, Seite 74 folgt:
    "Ist demnach das Transzendente überhaupt noch ein Problem? Wenn der erkenntnistheoretische Idealismus so verstanden wird, wie wir soeben auseinandergesetzt haben, dann scheint dadurch an den gewohnten Ansichten doch eigentlich nichts von Bedeutung geändert. Nur einige  Bezeichnungen  sind nicht mehr dieselben. Die Wirklichkeit wird Bewußtseinsinhalt genannt, sie bleibt aber nach wie vor die bekannte Welt, die aus körperlichen und geistigen Vorgängen besteht. ..." "Das unpersönliche Bewußtsein ist zwar ein der naiven Meinung unbekannter Begriff, aber im Grunde auch nichts anderes, als ein neuer Name für das Sein."
Wenn RICKERT trotz alldem sein Transzendenzproblem damit noch nicht für erledigt hält und durch Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] des Wahrheitsbegriffs einen transzendenten Faktor schafft, der dem Erkennen die gewünschte Objektivität verleihen soll, so ist damit jedenfalls, was man auch sonst über die Richtigkeit dieser Art zu denken sagen mag, dem Begriff des Transzendenten eine neue Bedeutung gegeben, die Haltlosigkeit der vorher erörterten nur noch weiter bestätigt worden: was hat der Begriff des "wahr-sein-sollens des Urteils" mit dem Begriff dessen, was "nicht Inhalt des Bewußtseins überhaupt" ist, zu tun? Und diese Veränderung ist nicht die einzige, die RICKERT mit seinem Begriff des transzendenten vornimmt. Im Eingang seiner Untersuchung sucht er die Begriffe Subjekt und Objekt genauer zu bestimmen, indem er drei Bedeutungen derselben feststellt; die zweite geht uns hier an. Er sagt Seite 12:
    "Zur Außenwelt aber kann ich auch meinen Leib rechnen, ... und ... ebenso alles ..., dessen Dasein ich als ein von meinem  Bewußtsein  unabhängiges annehme, d. h. sowohl die gesamte physische Welt als auch alles fremde geistige Leben, gleichviel ob ich das letztere als irgendwo im Raum seiend oder als unräumlich betrachten will. Also nicht zur Außenwelt gehörig bleibt dann nur übrig, mein geistiges Ich mit seinen Vorstellungen, Wahrnehmungen, Gefühlen, Willensäußerungen usw. Mein Bewußtsein und sein Inhalt ist also in diesem zweiten Fall das Subjekt und Objekt ist alles, was  nicht  mein Bewußtseinsinhalt oder mein Bewußtsein selbst ist. Man pflegt diesen Gegensatz des Subjekts zum Objekt mit den Ausdrücken der  immanenten  und der  transzendenten  Welt zu bezeichnen, und auch wir wollen das vom Bewußtsein unabhängige Objekt das transzendente Objekt nennen, müssen aber den sich hier ergebenden Begriff des Subjekts vorläufig noch unbestimmt lassen."
Transzendent heißt also hier nicht die vom erkenntnistheoretischen Objekt unabhängige Welt, die ja nach RICKERT selbst gar nicht existiert, sondern ein wichtiges Stück der wirklichen Welt, das, was wir als Inbegriff von Außenwelt und fremder Innenwelt bezeichnen.

Dieser Begriff des Transzendenten wird aber von RICKERT weiter entwickelt, bis erst "das vom erkenntnistheoretischen Subjekt unabhängige", endlich der im Inhalt "Wahrheit" gelegene oder gefundene Wert, ein "Sollen" im Gegensatz zu einem "Sein" daraus hervorgeht.

Wir sind auf diese Darlegungen RICKERTs etwas ausführlicher eingegangen, nicht nur, weil es sich empfiehlt, bei Begriffsbestimmungen den Sprachgebrauch, wie er tatsächlich vorhanden ist, zu untersuchen, sondern zugleich, um an einem Beispiel zu zeigen, in welcher Weise auch heute noch so lange nach HEGEL von manchen Philosophen mit den Begriffen gewirtschaftet wird. Und RICKERTs Beispiel ist gerade deswegen für diese Art der Begriffsbehandlung bemerkenswert, weil sein Entwickeln und Verändern des Begriffs offenbar zum Teil wenigsten durch seine Begriffstheorie mit bedingt ist. Wir sind schon an einem anderen Ort bei der Besprechung seiner Geschichtstheorie darauf eingegangen: er meint, der Inhalt eines Begriffs muß durch Urteile ausgedrückt und entwickelt werden. Wenn dann Begriffe in letzter Linie so viel wie Urteile sind, so ist es natürlich gegeben, daß, wie die Urteile so lange verändert werden, bis sie auf die Wirklichkeit passen, auch die Begriffe einer fortwährenden Umwandlung unterliegen müssen. Wir wollen das logisch fehlerhafte dieser Auffassung hier nicht noch einmal beleuchten - für uns sind Begriffe im strengen Sinn nichts als Worterklärungen oder Benennungen, die wir brauchen, um solchen, die unsere Worte nicht von selbst verstehen würden, den Sinn, den wir mit unseren Worten meinen, deutlich zu machen. Voraussetzung zur Erfüllung dieses Zwecks ist natürlich, daß dann die Worte stets in derselben Bedeutung gebraucht werden und, wenn eine ausdrückliche Willenserklärung vorausgeschickt wird, ein Wort - wie hier das Wort transzendent - in bestimmtem Sinne zu verwenden, nicht nachträglich diesem Wort eine neue Bedeutung gegeben wird. Beim RICKERTschen Verfahren weiß man ja gar nicht recht, welches Transzendenzproblem er denn eigentlich lösen will und er selbst ist beständig in Gefahr, aus dem einen Sprachgebrauch in den anderen zurückzufallen. Soe heißt es im Abschnitt über "das transzendente Sollen" Seite 128:
    "Wir haben gesehen, daß alle Urteile, welche sich auf ein transzendentes Sein zu beziehen schienen, sich umwandeln ließen, daß sie lediglich Tatsachen des Bewußtseins aussagten und nur in dieser Gestalt waren sie unbezweifelbar. Statt: die Sonne scheint, kann ich sagen: ich sehe die Sonne. Dann kommt ein transzendentes Sein im Urteil überhaupt nicht in Frage und weil diese Umwandlung mit allen Urteilen vorgenommen werden kann, so vermag die Leugnung des transzendenten Seins niemals zu Widersprüchen zu führen."
Dem Begriff des "transzendenten Sollens" entsprechend sollte man erwarten, daß hier das Wort  transzendent  im dritten Sinne, dem "des vom (erkenntnistheoretischen) Subjekt unabhängigen Wertes" oder allenfalls noch im zweiten, dem "des vom erkenntnistheoretischen Subjekt unabhängigen", gebraucht würde. Die Umwandlung der Urteile aber, von der hier die Rede ist, trägt ausgesprochen konszientialistischen [gewissensförmigen, wp] Charakter: das Bewußtsein, das hier als Gegensatz zum transzendenten Sein auftritt, ist, wie das Beispiel zeigt, das individuelle, das transzendente also die physische Welt oder die Außenwelt und die Lösung des Transzendenzproblems, die durch diese Umwandlung der Urteile angedeutet wird, wäre im Sinne des von RICKERT selbst als absurd verworfenen absoluten Idealismus.

So leicht schiebt sich an die Stelle des bedeutungslosen "erkenntnistheoretischen Subjekts" das wirkliche psychologische, an die Stelle des nebelhaften "allgemeinen Bewußtseins" das genau faßbare individuelle!

Wir lassen also diese zu Tautologien oder Unklarheiten führende Bedeutung des transzendenten nunmehr gänzlich beiseite; für das, was dann von der vierten Bedeutung dieses Wortes als brauchbar übrig bleibt, werden wir, dem oben gesagten entsprechend, den Begriff der Prinzipialkoordination verwenden. Wir haben also nur noch unter den drei ersten oben aufgezählten Bedeutungen zu wählen!

Sehr empfohlen wird davon die erste durch den Sprachgebrauch, dem Philosophen wie EDUARD von HARTMANN und FRED BON in ihren erkenntnistheoretischen Schriften folgen. Das allgemeine Ziel, das sie sich gesteckt haben, fällt ja im wesentlichen mit dem unsrigen zusammen: Abwehr des Antirealismus; in Einzelheiten aber, in der Bestimmung einiger Begriffe und zwar gerade des Transzendenzbegriffs, weichen wir von ihnen ab und obgleich oder weil wir sehr vom Nutzen eines einheitlichen Sprachgebrauchs überzeugt sind, möchten wir den in R&T angewandten beibehalten, da er uns der zweckmäßigere zu sein scheint und so auf unserer Seite wenigstens die Einheit desselben gewahrt wird. E. von HARTMANN und F. BON nehmen das transzendente einfach im selben Sinn wie das physische oder nichtpsychische: alles, was nicht Bewußtseinsinhalt ist, heißt ihnen transzendent. Das Wort  transzendent  so zu einem bloßen Synonym von  physisch  zu machen, ist aber doch die reine Verschwendung, da wir ja hierfür außer dem Wort "physisch", noch eine Reihe anderen Bezeichungen besitzen wie die ebengenannten "nichtphysisch", "alles was nicht Bewußtseinsinhalt ist" und dann den Terminus "Außenwelt".

Ebenso steht es mit der an zweiter Stelle angeführten Bedeutung des Wortes  transzendent,  die ja prinzipiell nichts neues gegenüber der ersten einführt und für die daher die Bezeichnung: "Inbegriff von Außenwelt und fremder Innenwelt" genügen dürfte.

Dagegen würde für die dritte Bedetuung ein passender Name vollkommen fehlen, wenn wir hier das Wort transzendent ablehnen wollten und diese dritte Bedeutung ist gerade erkenntnistheoretisch von großer Bedeutung. Die entschiedensten Vertreter des modernen Antirrealismus, die Philosophen der Immanenz und andere ihnen verwandte Denker, sprechen von einem Transzendenzproblem in dem Sinne, daß die Frage aufgeworfen wird, wie es dem Denken oder Erkennen möglich ist, über das Gegebene hinauszudringen, Wissen von etwas zu erlangen, was nicht in der Erfahrung vorgefunden wird, was also jenseits der Erfahrung liegt. Ihrem Sprachgebrauch sich möglichst anzuschließen, wird sich natürlich auch für den empfehlen, der eben ihre Auffassung und ihre Gründe bekämpfen will.

Aber es handelt sich für uns nicht bloß um einen Kampf; es wäre seltsam, wenn eine so stattliche Reihe scharfsinniger Denker einem reinen Hirngespinst nachgelaufen sein, wenn in der von ihnen aufgeworfenen Frage nicht ein wirkliches Problem stecken sollte. Wir haben es mit einem Gedanken zu tun, der aus gewissen mehr oder weniger allgemein anerkannten Voraussetzungen mit Notwendigkeit folgt, aber teils wegen des ihm unmittelbar anhaftenden Anscheins von Unsinnigkeit, teils wegen der bedenklichen Folgen anfänglich mit einem gewissen instinktivem Widerstreben entwickelt worden ist, in unserer geistigen Umwälzungen sehr geneigten Zeit aber mit kühner und bewußter Entschiedenheit ausgebildet wird; und mag man sich für oder wider ihn erklären, er muß immer durchgedacht werden. Unsere ganze Auffassung von Denken und Bewußtsein wird durch ihn betroffen, die uralte Wissenschaft der Logik ebenso, wie die der Psychologie erhalten ein anderes Aussehen! Die Dinge daher, um die es sich in einer so bedeutsamen Frage handelt, bedürfen einer einfachen und leicht verständlichen Bezeichnung und wir entscheiden uns für die in der bisherigen Behandlung der Frage meist angewandten Ausdrücke "gegeben" und "transzendent".

In der obigen Aufzählung der Bedeutungen des Wortes transzendent wurde als dritte "das Wirkliche mit Ausschluß der eigenen gegenwärtigen Bewußtseinsinhalte" oder "alles, was nicht gegeben ist". Das ist, wie wir nun genauer sagen müssen, nicht eine, sondern das sind zwei verschiedene Bedeutungen. Verschieden sind sie ihrem begrifflichen Inhalt nach, denn das "Gegebene" wollen wir nicht einfach definieren als "das wirkliche mit Ausschluß der eigenen gegenwärtigen Bewußtseinsinhalte", sondern unter dem Gegebenen verstehen wir mit den Philosophen der Immanenz das, was in allem Denken, Erkennen, Urteilen als das Unbestreitbare, Sichere einfach vorgefunden wird, das, was unmöglich geleugnet werden kann. Ob das so definierte gegebene mit dem als "eigene gegenwärtige Bewußtseinsinhalte" bezeichneten zusammenfällt, d. h. ob beide dem Inhalt nach verschiedenen Begriffe dem Umfang nach gleich sind, muß dann natürlich erst bewiesen werden. Da wir aber diesen Beweis schon geliefert haben (R&T VIII, § 2), so konnten wir uns erlauben, die beiden Begriffe in der Übersicht der durch das Wort transzendent bezeichneten Dinge zu einer Einheit zusammenzufassen.

Nehmen wir also das Gegebene als das sichere, unbestreitbare, einfach vorgefundene, so läßt sich das Transzendente dann leicht als das bestimmen, was im Denken, Urteilen nicht gegeben ist, was jenseits des Gegebenen liegt; - so in der Darlegung unserer eigenen Meinung! In einigen Fällen aber, das soll hier ausdrücklich vermerkt werden, müssen wir, um uns dem unbestimmteren Sprachgebrauch der gegnerischen Partei wenigstens in der vorläufigen Darstellung ihrer Ansichten anschließen zu können, auch von einer Transzendenz des Psychischen der Bewußtseinswelt reden - dann wir aber stets auf diese andere Verwendung des Wortes hingewiesen werden.

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904
    Anmerkungen
    1) WILHELM FREYTAG, Der Realismus und das Transzendenzproblem - Versuch einer Grundlegung der Logik, Halle a. S. 1902