cr-2V. KraftW. DiltheyF. PaulsenE. ZellerA. RiehlH. Bergmann     
 
WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
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Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Die Wahrnehmungsvorstellung ist an sich weder wahr noch falsch, erst indem sie gedeutet wird, entsteht die Möglichkeit der Falschheit."

IV. Hauptstück
Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
und die Wahrnehmungsmöglichkeit

Die Annahme einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Welt ist eine Verallgemeinerung der unzähligen einzelnen von der Naturwissenschaft aufgefundenen Naturgesetze. Wenn nun schon diese einzelnen Naturgesetze stets über die wirklich gemachten Erfahrungen hinausgehen und mehr behaupten, als durch die Erfahrung streng bewiesen ist, so ist die Erfahrungsüberschreitung bei der genannten Verallgemeinerung natürlich noch größer und die Frage muß notwendigerweise aufgeworfen werden, wodurch denn überhaupt die Allgemeingültigkeit der Naturgesetze, die Gültigkeit des Satzes von der allgemeinen Gesetzmäßigkeit verbürgt wird, wenn doch die Erfahrung, auf der er fußt, zu einem vollständigen oder strengen Beweis bei weitem nicht ausreicht. Die Antwort auf diese Frage aber wollen wir bis zum Ende unserer Untersuchungen verschieben, wo sie ihren natürlichen Platz hat: denn erst im Zusammenhang erkenntnistheoretischer Untersuchungen tritt ihre Bedeutsamkeit hervor, während in der Wissenschaft sonst dieser allgemeine Satz als etwas mehr oder weniger selbstverständliches hingenommen und auch gar nicht besonders erwähnt wird, wo man ihn doch ständig anwendet oder voraussetzt. Man streitet sich wohl über das einzelne Naturgesetz, über die Frage des psycho-physischen Parallelisms und ähnliche Einzelheiten mehr, aber hinsichtlich der Annahme einer allgemeinen Gesetzlichkeit des Weltinhaltes herrschen unter den Naturwissenschaftlern kaum nennenswerte Zweifel. Wir setzen also mit der Naturwissenschaft die Gültigkeit jenes allgemeinen Satzes zunächst einfach voraus und fragen, was folgt aus ihm für unser Problem?

Wenn in einem allgemein anerkannten Satz die Existenz eines Inhaltes, ein Verhalten ausgesagt wird, das innerhalb der Bewußtseinswelt nicht anzutreffen ist, so ist mit diesem Satz die Existenz und eine gewisse Erkennbarkeit der Außenwelt bewiesen. Derartige Inhalte, die nicht der Bewußtseinswelt angehören, Verhaltensweisen, die von ihr durchaus abweichen, gibt es nun, wenn wir der Naturwissenschaft glauben, in erdrückender Fülle; unzählige Beweise wären also für den Realismus möglich. Aber dürfen wir der Naturwissenschaft in allen Dingen glauben? Ihre Erkenntnisse werden im allgemeinen nicht bestritten,bestritten aber wird, daß sie sich auf die Außenwelt beziehen. Eine prinzipielle, die ganze Naturwissenschaft betreffende Frage also steht zu beantworten, so wird es angemessen sein, zu ihrer Beantwortung auch nicht von einer beliebigen Einzelerkenntnis, sondern von einem für die ganze Naturwissenschaft charakteristischen, ihr ganzes Gebiet umfassenden Satz auszugehen. Im Satz von der allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Welt oder spezieller, im Kausalsatz haben wir eine solche Erkenntnis eines allgemein für die Gegenstände der Naturwissenschaft charakteristischen Verhaltens; dieser Satz ist also für die Wissenschaft notwendig, für die Welt der Bewußtseinsinhalte allein aber, läßt sich beweisen, gilt er nicht, somit folgt aus der Tatsache der Wissenschaft die Existenz und Erkennbarkeit der Außenwelt.

Wir bemerkten schon, daß dieser Gedankengang im wesentlichen schon zur Zeit HUMEs und KANTs im Sinne des Realismus verwendet wurde; der letztgenannte Philosoph spricht sich ja bekanntermaßen dahin aus, daß die Psychologie, die Lehre von den Bewußtseinsinhalten, als strenge Wissenschaft überhaupt nicht möglich ist; gibt es daher eine strenge Wissenschaft vom Wirklichen und das ist die Naturwissenschaft, so muß auch eine Außenwelt existieren. Das ist eine Folgerung, die, wenn auch selten an die Oberfläche des Bewußtseins tretend, doch als eine Grundlage seines in einigen Punkten zweifellos realistischen Denkens betrachtet werden muß.

Die genauere Ausarbeitung dieser Gedaken aber gehört der philosophischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte an: EDUARD von HARTMANN, JOHANNES VOLKELT, JOSEPH PETZOLDT, FRED BON sind ausführlich darauf eingegangen, auch wir haben uns in R&T (1), wenn auch nur in einem kurzen Hinweis, zu selben Auffassung bekannt, - bei dem geringen Einfluß aber, den diese Darlegungen bisher geübt haben und der Schwierigkeit der damit verbundenen Proble wird eine nochmalie ausführlichere Behandlung nicht unzweckmäßig sein.

Die Frage ist also, ob innerhalb der psychischen Welt, wenn sie als allein existierend angesehen wird, eine durchgehende Gesetzmäßigkeit, oder ein allgemeiner Kausalzusammenhang zu finden ist. Die extrem einander gegenüberstehenden Antworten lauten: es herrscht in der Bewußtseinswelt überhaupt keine Gesetzmäßigkeit, überhaupt kein Zusammenhang" und "der Zusammenhang der Bewußtseinswelt ist identisch mit den Naturzusammenhang, weil außer der Bewußtseinswelt ist identisch mit dem Naturzusammenhang, weil außer der Bewußtseinswelt einfach nichts weiter existiert."

Beide Antworten sind unseres Erachtens nicht zu halten; die erste aber kommt der Wahrheit außerordentlich viel näher, als die zweite. Ganz ohne jede Gesetzmäßigkeit zeigen sich die psychischen Inhalte sicherlich nicht; so besteht das Gesetz, daß eine Vorstellung, ein psychisches Etwas überhaupt, nie eine räumliche oder zeitliche Bestimmung allein ohne jeden anderen Inhalt aufweisen kann; und was dergleichen Gesetze mehr sind. Daß aber die Gesetzmäßigkeit des psychischen einfach identisch sein sollte mit der der Welt überhaupt, muß schon nach dem früher gesagten nahezu als ausgeschlossen erscheinen. Wir haben gesehen, daß der Gegenstand, der durch einen psychischen Vorgang, eine Vorstellung usw. gemeint wird, von diesem psychischen Vorgang, dieser Vorstellung stets verschieden ist; nun gelten die Gesetze, welche z. B. die Physik aufstellt, von den Gegenständen unserer Gedanken, da der Gedanke sich eben auf seinen Gegenstand, nicht aber auf sich selbst, nicht auf das in ihm gegebene Vorstellungsmaterial bezieht. Die Behauptung, daß die Gesetzmäßigkeit des Psychischen dieselbe sei, wie die der Welt überhaupt, beruth also in letzter Linie wieder auf der alten Verwechslung des Gegenstandes und des Vorstellungs- oder allgemeiner des Bewußtseinsinhaltes eines Gedankens und wird mit der Aufdeckung derselben zwar nicht vollständig widerlegt, aber seiner eigentlichen Stütze beraubt. Zu einer vollständigen Widerlegung aber führt die naheliegende Erkenntnis, daß jedes Gesetz als Gesetz allgemeingültig ist, die Bewußtseinsinhalte aber, mit Hilfe deren wir das Gesetz denken oder die ihm zugrunde liegenden Tatsachen erkennen, wie alles Wirkliche etwas Einzelnes sind. Weil eben Gegenstand des Gedankens und Bewußtseinsinhalt zweierlei sind, so ist es möglich, mit Hilfe eines einzelnen Gedankens oder eines einzelnen Bewußtseinsinhaltes etwas Allgemeingültiges zu denken.

Diese Nichtübereinstimmung von Gegenstand und Bewußtseinsinhalt eines Gedankens führt daher notwendigerweise, wenn der Versuch im einzelnen gemacht wird, die Gesetze der Gegenstände auf die Bewußtseinsinhalte zu übertragen, dazu, daß oft fast unmerklich eine Umdeutung, Veränderung dieser Gesetze vorgenommen wird.

Nehmen wir das Schema eines Kausalgesetzes: "Wenn  A  geschieht, so geschieht B"; wobei natürlich das eine Zeichen  A  und entsprechend  B  nicht nur einen einzigen, sondern auch mehrere Inhalte bezeichnen kann.  A  und  B  seien physische Vorgänge oder Inhalte; um dann für diese die der antirealistischen Annahme nach allein vorhandenen psychischen Dinge einzusetzen, muß eine Beziehung auf die menschliche Wahrnehmung eingeführt werden. Bezeichnen wir nun mit  W  die Wahrnehmungsvorgänge und zwar mit  W1  die zu  A  gehörigen, mit  W2  die zu  B  gehörigen, so wird zunächst aus dem Satz, wenn A geschieht, so geschieht  B,  der andere: wenn  A  und  W1  geschieht (d. h. wenn  A  geschieht und wahrgenommen wird) so geschieht, wenn  W2  eintritt, sicher  B,  denn die zureichende Bedingung für  B  geschieht ja mit  A  und in  W1  und  W2  sind natürlich keine vollständigen Hemmungsbedingungen gegegeben, sondern, soweit sie nicht in  A  schon enthalten waren und lediglich durch die neue Form besonders herausgehoben wurden, nur solche, welche die Anzahl der umfaßsten Fälle beschränken.

Aber offenbar wäre mit diesem Ergebnis noch nicht der Zweck der Umformung erreicht.  A  und  B  waren ursprünglich als physische Inhalte gemeint, durch Hinzufügung von  W1  und  W2  wird wohl sicher etwas psychisches in den Satz hineingetragen; aber wenn alle Hindeutung auf ein physisches sicher und unzweideutig aus ihm entfernt werden soll, so muß  A  und  B  entfernt werden. Und genauer besehen, auch  W1  und  W2  sind noch nicht genügend frei von physischen Bestimmungen: der Wahrnehmungsvorgang, mit Hilfe dessen ich einen Inhalt A, z. B. das Abfeuern eines Schusses aus einem Geschütz sehe, setzt sich zum guten Teil aus körperlichen Vorgängen zusammen - das Offenhalten der Augen, das Hinsehen überhaupt, dann die gesamte Erregung des Sinnesorgans und der Nerven sind körperlicher Natur.

Ehe wir daran gehen, alle diese komplizierten Vorgänge der Außenwelt in Bewußtseinsvorgänge umzudeuten, empfiehlt es sich wohl, einen Versuch mit der Ersetzung des gesamten  A  und  W1  und entsprechend  B  und W2 durch dasjenige zu machen, was nach der realistischen Auffassung als der jedesmalige psychisches Effekt jener physischen Vorgänge bezeichnet wird. Das Geschütz, das abgefeuert wird, auf der einen Seite, das Hinsehen und die Tätigkeit des ganzen Sehapparates auf der anderen haben das anschauliche Bild des abgefeuerten Geschützes in meinem Bewußtsein zur Folge. Betrachte ich nun etwa, realistisch gesprochen, die Erwärmung des Geschützrohres als Wirkung - natürlich nur eine von den vielen - des Schusses, so würde der Wahrnehmungsvorgang  W2  im Berühren des Rohres mit der Hand und der dann erfolgenden Tätigkeit der Wärmenerven bestehen: das psychische Ergebnis all dieser Vorgänge ist dann das Auftreten einer Wärmeempfindung oder der Vorstellung: heißes Geschützrohr. Der Satz: "Wenn aus einem Geschützrohr ein Schuß abgefeuert wrid, so erhitzt sich dasselbe" ging so in den anderen über: "Auf die Wahrnehmungsvorstellung eines abgefeuerten Geschützes folgt die Wahrnehmungsvorstellung eines heißen Geschützrohres." Aber dieser Satz ist in allgemeiner Bedeutung gnommen, falsch: denn nicht immer folgt auf die eine Vorstellung die andere - dann nicht, wenn wir das Geschützrohr nicht berühren. Wir sind also in der Umdeutung des ersten Satzes zu scharf vorgegangen: die Bedingung  W2  kann so nicht ausgeschaltet werden; wir müssen also versuchen, sie ebenfalls ins psychische zu übersetzen!

Offenbar wissen wir darum, daß wir das Geschützrohr berühren, durch bestimmte Wahrnehmungen des Gesichtes und des Tastsinnes; und diese Wahrnehmungen sind wieder wohl zum Teil wenigstens etwas psychisches, Auftreten von Gesichts- und Tastempfindungen oder Vorstellungen. Diese könnten wir also als Erfüllung der Bedingung  W2  ansehen; aber die Wissenschaft lehrt, daß die Berührung des heißen Gegenstands durch die Hand nur dann von einer Wärmeempfindung begleitet wird, wenn die Wärmenerven und weiter das Gehirn tatsächlich in Tätigkeit treten; diese aber und ihre Tätigkeit sind zunächst wieder etwas physisches und hier kann ich mir nicht bei der Umsetzung in psychisches damit helfen, daß ich anstelle des wahrgenommenen Inhaltes die Wahrnehmung desselben oder genauer die Wahrnehmungsvorstellung treten lasse wie vorhin - diese Nerven und diese Tätigkeit werden gemeiniglich gar nicht wahrgenommen, man hat sie überhaupt noch nicht vollständig, nicht genau in ihrer Eigenart erkannt. Hier stoßen wir also auf eine Lücke im tatsächlichen psychischen Geschehen; wollen wir sie ausfüllen mit etwas psychischem, so kann das nur etwas nicht tatsächliches, nicht existierendes sein - es ist die berühmte Möglichkeit der Wahrnehmung: wenn diese Nerven und ihre Tätigkeit auch nicht wirklich im vorliegenden Falle wahrgenommen würden, so, sagt man, hätten sie doch wahrgenommen werden können. Aber wann? Dann, wenn wir besondere Mühe und Aufmerksamkeit darauf verwandt hätten. Diese Mühe und Aufmerksamkeit sind also notwendigerweise ebenfalls als wirklich vorauszusetzen, um unsere Lücke zu beseitigen und was sind sei? Doch zunächst wieder etwas zum Teil wenigstens phsysisches, etwas also, das eine neue Übersetzung ins psychische nötig macht.

Nehmen wir nun einmal an, diese Übersetzung sei zunächst so gut oder schlecht gelungen, wie die früheren, so bleibt die Tatsache doch bestehen, daß damit die Lücke im Zusammenhang der Bewußtseinsinhalte nicht durch etwas wirkliches, sondern nur etwas mögliches ausgefüllt worden ist. Und diese Schwierigkeit wird uns weiterhin in noch größerem Maßstabe entgegentreten; verschieben wir ihre Besprechung bis dain, um zunächst einmal zuzusehen, was durch ihre bisherigen Bemühungen, den ersten Satz umzuformen, wirklich geleistet worden ist! Anstelle der physischen Vorgänge und Inhalte  A  und  B  sind psychische Vorgänge, sogenannte Wahrnehmungsvorstellungen, getreten. Daß die Wahrnehmungsvorstellungen etwas anderes sind, als die nach realistischer Auffassung durch sie wahrgenommenen Dinge, kann ja keinem Zweifel unterliegen, aber offenbar die Wahrnehmungsvorstellungen sind etwas gegebenes, sicheres, die etwaigen wahrgenommenen Dinge etwas viel zu unsicheres, wenn also die Wahrnehmungsvorstellungen sonst dasselbe für unsere Erkenntnis leisten, wie die (Annahme der) wahrgenommenen Dinge, so wird man nur zustimmen können, wenn diese als nutzlos beseitigt werden zugunsten jener.

Leisten aber die Wahrnehmungsvorstellungen dasselbe wie die Dinge der Außenwelt? Wir meinen nicht! Sie brauchen nicht nur eine Ergänzung durch "mögliche Wahrnehmungen", davon aber später, sondern auch eben, weil sie Vorstellungen, psychisches sind, können die das nichtpsychische nicht völlig ersetzen. Um sogleich auf die augenfälligste hierfür entscheidende Tatsache zu kommen, Wahrnehmungsvorstellungen rein als psychische Inhalte betrachtet, treten nicht nur auf, wenn, realistisch gesprochen, ein wahrgenommenes Ding auf unsere Sinne einwirkt, sondern auch im Traum, in bestimmten Krankheiten, kurz in vielen Fällen, wo eine eigentliche Wahrnehmung, eine Tätigkeit unserer Sinneseinrichtungen ausgeschlossen ist. Wie nun auch immer nach antirealistischer Auffassung der Fall der Einwirkung eines Dinges auf unsere Wahrnehmungsorgane dargestellt werden mag, er bleibt immer vom Fall des traum- oder krankhaften Auftretens von für Wahrnehmungen gehaltenen Vorstellungen verschieden, das Gesetz des einen Falles muß immer ein anderes sein, als das des anderen!

Das, was man gemeiniglich Wahrnehmung oder Sinneswahrnehmung nennt, ist ja, wie oben gezeigt, stets ein Urteil über die Außenwelt, etwas das wahr oder falsch sein kann; die Wahrnehmungsvorstellung ist an sich weder wahr noch falsch, erst indem sie gedeutet wird, entsteht die Möglichkeit der Falschheit. Im extremen Fall nun, daß diese Deutung so von Grund auf fehlerhaft ist, daß sogar die bloße Beziehung auf einen äußeren Gegenstand, eine äußere Anregung der Wahrnehmung, falsch wäre, weil ein äußerer Gegenstand gar nicht vorhanden ist, die Vorstellung lediglich vom Nervensystem aus hervorgerufen wurde, pflegt nach gewöhnlichem Sprachgebrauch überhaupt nicht von einer Wahrnehmung geredet zu werden - man spricht dann eben von Träumen, Halluzinationen und dgl.

Diese naive Abänderung des Wahrnehmungsbegriffs ermöglicht es, zwischen der eigentlichen Wahrnehmung und dem wahrgenommenen Ding einen genauen, lückenlosen Zusammenhang herzustellen, sie weist aber andererseits deutlich auf die Schwierigkeit hin, einen solchen Zusammenhang festzuhalten, wenn zum Merkmal der Wahrnehmung nicht eine Erkenntnis über ein wirklich wahrgenommenes Ding, eine Erkenntnis der Außenwelt genommen wird, sondern dasselbe vom Standpunkt der Beschränkung auf Bewußtseinsinhalte bestimmt werden soll. Die im Traum auftauchende Vorstellung, die sich als Wahrnehmung gibt, ist ihrem psychischen Bestand nach von einer eigentlichen durch einen wahrgenommenen Gegenstand im Wachen hervorgerufenen Wahrnehmungsvorstellung gar nicht zu unterscheiden, der rein psychisch umgedeutete Satz: "auf  A  folgt  B"  muß daher notwendigerweise auch auf die Fälle bezogen werden, daß die Wahrnehmungsvorstellung des  A  nicht von  A,  sondern durch Traum, Krankheit usw. bewirkt worden ist.

Auch im Traum taucht nun die anschauliche lebhaft packende Vorstellung eines Geschützes auf, das eben abgefeuert wird, daß wir deshalb aber, wenn wir weiter träumen das Geschützrohr zu berühren, eine Wärmeempfindung haben müßten, wird wohl niemand behaupten wollen - der Satz daher "auf einen psychischen Inhalt der Art, wie er durch die rein psychisch gedeuteten Worte "Vorstellung eines abgefeuerten Geschützes" bezeichnet wird, folgt stets unter der psychisch gedeuteten Bedingung  W2,  die Vorstellung eines heißen Geschützrohres", ist falsch.

Die Umdeutung ist also immer noch nicht gelungen; es ist klar, man muß, um sie zu ermöglichen, wieder eine neue Bedingung einführen, durch welche der Satze auf die Fälle beschränkt wird, in denen es sich nicht um traumhafte und ähnlich täuschende Vorstellungen handelt. Dazu brauchen wir aber ein Merkmal, durch welches normale und anormale (Wahrnehmungs-)Vorstellungen unterschieden werden und zwar ein solches, das nur psychische Bestimmungen einschließt. Ein solches Merkmal aber, das ist das wohl allgemein anerkannte Ergebnis der vielen und langen, über diesen Punkt angestellten Untersuchungen, gibt es nicht! So lange ich träume, bin ich im wesentlichen überzeugt, daß ich nicht träume, woher weiß ich also, daß ich jetzt, wo ich nicht zu träumen meine, nicht vielleicht doch träume? Ich überzeuge mich vom wirklichen, nicht traumhaften oder halluzinatorischen Vorhandensein eines Dinges, indem ich neben der zunächst gegebenen Wahrnehmung noch andere mit Hilfe anderer Sinne zu erlangen such oder auf das Verhalten meiner Mitmenschen dem fraglichen Ding gegenüber achte - vgl. den oben erzählten Fall des befürchteten Deliriums -, aber woher weiß ich, daß diese neuen Sinneswahrnehmungen sicher nicht krankhaft, die angeblichen Mitmenschen sicher nicht bloße Ausgeburten meiner Traumphantasie sind? Als unterscheidendes Merkmal von Traum und Wirklichkeit aber betrachten wir meistens nicht das eben angegebene Verhalten, sondern die Tatsache, daß man aus dem Traum erwacht und aus der Wirklichkeit nicht - das ist aber im Grunde kein andersartiges Merkmal, als das erstgenannte, wieder nichts als eine Hinweisung auf andere und zwar hier als zukünftige dem jedesmaligen Zweifelsfall gegenüber charakterisierte Vorstellungen. Von diesem Merkmal gilt also ebenfalls, daß es keine absolute Sicherheit gewähren kann, da auch die angerufenen Vorstellungen als Wahrnehmungen anormal sein können und es wird deutlich, daß anstatt des gesuchten wirklich existierenden die Wahrnehmung bestimmenden Merkmals wieder etwas nur mögliches gesetzt ist.

Halten wir uns zunächst an das erste Bedenke, so können wir als Ergebnis der ganzen Überlegung bezeichnen, daß die volle Umdeutung der physischen in eine psychische Gesetzmäßigkeit auf einen regressus in infinitum führen würde: nicht jede innerlich als Wahrnehmungsvorstellung von A auftretende Vorstellung verbürgt jene Eigenart des  A,  durch die es Bedingung für  B  wird - nach realistischer Bezeichnung seine Existenz in der Außenwelt -, folglich muß diese Eigenart durch einen anderen, natürlich wieder psychischen Inhalt, eine andere Vorstellung festgestellt werden, aber auch diese gibt nicht volle Sicherheit, verlangt eine neue und so fort ins Unendliche!

Dem gegenüber darf nicht geltend gemacht werden, daß ja auch die Erkenntnis des  A  nach realistischer Auffassung unsicher ist, denn nicht um die Sicherheit oder Unsicherheit einer Erkenntnis der Außenwelt handelt es sich hier, sondern um die Möglichkeit, eine einfache physische Gesetzmäßigkeit gleich scharf durch lauter psychische Bestimmungen wiederzugeben. Die Erkenntnis dieser Gesetzmäßigkeit selbst haben wir mit der Wissenschaft einfach vorausgesetzt, dann aber gezeigt, daß die nächstliegende Umformung in eine solche von psychischen Inhalten einen Satz ergibt, der ihr oder überhaupt der Erfahrung widerspricht und daß die volle Übereinstimmung nur durch eine endlose Reihe von neuen Bestimmungen, daher streng genommen, niemals herbeigeführt werden kann.

Damit ist der erste wichtige Unterschied des einfachen physischen Satzes von seinen etwaigen psychischen Umdeutungen gekennzeichnet.

Wir haben bei der Umformung der gegebenen wissenschaftlichen Sätze in solche konszientalistischer Färbung unser Augenmerk zunächst darauf gerichtet, dem umgeformten Satz dieselbe Gültigkeit zu wahren, wie dem Ausgangssatz; das Ergebnis war trotz aller Bemühungen und Zugeständnisse doch nicht recht befriedigend, so muß notwendigerweise der Zweifel rege werden, ob jene schließlich doch nutzlosen Zugeständnisse überhaupt gemacht werden dürfen. Eine notwendige Bedingung für das Auftreten der Wärmeempfindung ist die Tätigkeit gewisser Nerven, von der wir doch nichts wahrnehmen, etwas also, das realerweise in der Bewußtseinswelt einfach nicht vorhanden ist. Wir hatten uns damit geholfen, daß wir anstelle der Wahrnehmung oder der wahrgenommenen Tätigkeit die Wahrnehmungsmöglichkeit setzten, aber das ist doch ein Ausweg, der uns über die eigentliche Schwierigkeit gar nicht hinweghilft: dadurch, daß wir die Wahrnehmung eine mögliche nennen, wird sie doch nicht zu einer wirklichen ( - und noch viel weniger natürlich zum wirklichen Gegenstand der Wahrnehmung). Das Gesetz sagte aber etwas über das Wirkliche und seine wirklichen Bedingungen aus, durch die Umdeutung also ist in den Zusammenhang nur wirklicher Inhalte eine Lücke gerissen worden, die nur durch Worte verdeckt, aber nicht wirklich ausgefüllt werden kann. Was aber nach unserer Darstellung als eine Lücke erschien, als etwas aus dem sonst festen Zusammenhang herausgenommenes, als eine Ausnahme, das erweist sich bei näherem Hinsehen nun vielmehr als die Regel. Schon die Wahrnehmungsbedingungen für die Feststellung der Wirklichkeit gegenüber etwaiger Traumhaftigkeit gehörten im wesentlichen dem Reich des nur Möglichen, also des nicht Wirklichen an und auf ähnliches ist schon oben bei der Besprechung der unbewußten Urteile hingewiesen worden. Der bei weitem größte Teil der uns bekannten Welt fällt nichts ins Bewußtsein, kann also nicht dazu verwendet werden, einen Zusammenhang von wirklichen Bewußtseinsinhalten herzustellen. Gehen wir daher von dem in der Wissenschaft gelehrten Zusammenhang der Welt überhaupt aus, so ist leicht einzusehen, daß der daraus abgeleitete Zusammenhang einer bloßen Bewußtseinswelt im wesentlichen aus Lücken bestehen muß.

Halten wir uns an das frühere Schema: "auf  A  folgt  B"  und versuchen wir aus ihm einen Satz der Abfolge von Wahrnehmungen zu machen, so bemerken wir sofort, daß nicht immer, wenn  A  wahrgenommen wird, auch  B  wahrgenommen wird und ebenso, daß auch, ohne daß  A  wahrgenommen wurde, sehr häufig eine Wahrnehmung von  B  erfolgt. Unsere obige Darstellung legte den Nachdruck auf den durch Einführung neuer Bedingungen noch geretteten Rest von Gesetzmäßigkeit; jetzt aber müssen wir auch einmal auf das achten, was neben diesem durch das Gesetz umfaßten noch an Wirklichem übrig geblieben ist. Ich habe etwa gesehen, daß aus einem Geschütz gefeuert wurde, aber die Erhitzung des Rohres habe ich nicht wahrgenommen - ich stand zu weit ab, um es berühren zu können -, was mache ich nun mit diesem ohne entsprechende Folge gebliebenen Wahrnehmungsgebilde? Oder ich habe dem Schießen nicht beigewohnt, so daß ich nichts von einem Abfeuern des Geschützes sehen konnte, habe aber unmittelbar nachher mit dem Rohr zu tun gehabt, so daß ich seine Erwärmung feststellen konnte - in welchen Zusammenhang soll ich dieses vereinzelte Wahrnehmungsbild nun einordnen? Ich weiß wohl, weil gewisse Bedingungen nicht erfüllt wurden, so durfte ich gar nicht erwarten, daß es dem durch diese Bedingungen bestimmten Zusammenhang angehören würde, das Gesetz dieses Zusammenhangs wird durch jene vereinzelt gebliebenen Beobachtungen nicht aufgehoben, nicht irgendwie verletzt, aber diese negative Erkenntnis liefert mir keinen neuen positiven Zusammenhang, in den ich im einen Fall das Bild des abgefeuerten Geschützes, im anderen das des heißen Geschützrohres einordnen könnte.

Man wird natürlich die Bemühungen nun nicht sofort abbrechen, einen solchen Zusammenhang zu suchen, er muß aber anderswoher gesucht werden. Es sei z. B. die Erhitzung des Geschützes wahrgenommen worden, nicht aber das Abfeuern, so werde ich doch eine Erklärung gewinnen, wenn ich mir von der Bedienungsmannschaft erzählen lasse, daß sie aus dem Geschütz gefeuert hat oder wenn ich den Befehl zu lesen bekomme, der die Batterie, zu der das Geschütz gehört, zum Scharfschießen ausrücken ließ oder etwa den Schießbereicht, der die Anzahl der Schüsse angibt, die aus dem fraglichen Geschütz zu einer bestimmten Zeit abgegeben wurden oder was dergleichen Beobachtungen mehr sein mögen.

Aber zu welch merkwürdigem Schluß müssen uns diese neuen Erkenntnisse führen? Es scheint, als ob der Zusammenhänge, aus denen sich eine Erhitzung des Geschützrohres ergibt, unendlich viele wären! Und was vom einen Fall gilt, gilt natürlich auch von allen anderen: unendlich vieldeutig ist also der Zusammenhang, in dem ein jeder Vorgang steht - wenn er rein psychisch gedeutet wird. Das wäre nun ein Ergebnis der Umdeutung, welches dieselbe zu einer Abgeschmacktheit machen müßte: wir wollen doch aus dem Feststellen von gesetzmäßigen Zusammenhängen kein Kinderspiel machen, dessen Hauptbedingung die Abwechslung ist, sondern mit ihm das Mittel schaffen, uns im Wirklichen möglichst leicht und sicher zurechtzufinden. Ich muß aus dem Auftreten eines Inhaltes  B  schließen können, daß ein Inhalt  A  vorherging und aus dem Auftreten von  A,  daß ein Inhalt  B  folgen wird. Das ist das Ideal, das wir in der Wissenschaft und im Leben zu erreichen trachten. Natürlich haben wir es noch nicht mit allen Sätzen erreicht; so ist es ja nicht unbedingt notwendig zu schließen, daß, wenn ein Geschützrohr heiß ist, daraus gefeuert worden sein muß, oder, daß, wenn daraus gefeuert wurde, das Rohr eine wahrnehmbare Temperaturerhöhung zeigen muß. Eine Erhitzung im Schmiedefeuer würde das Rohr ebenfalls heiß machen und eine angemessene Überspülung mit kaltem Wasser würde die Erhitzung durch das Schießen verhindern. Aber der von uns hier als Beispiel gewählte Satz ist nicht eigentlich ein Satz der Wissenschaft; die Wissenschaft drückt die gleiche Tatsache auf andere, genauere Weise aus; das praktische Leben aber hat zum Teil andere Zwecke, als die Wissenschaft und diesen anderen Zwecken müssen daher auch ihre Sätze angepaßt sein: einige Bedingungen sind zu selbstverständlich, als daß sie noch ausdrücklich genannt werden müßten, ja ganze Reihen von Fällen, die dem Wortlaut nach unserem Satz unterstehen müßten, werden durch die bloßen Umstände, unter denen der Satz seine Anwendung findet, ausgeschlossen. Der Satz drückt seine Meinung möglichst kurz aus, um Zeit zu sparen! Berücksichtigt man diese ja ebenfalls eigentlich selbstverständliche Sache, so wird man zugestehen müssen, daß auch das von uns gewählte Beispiel dem Ideal der Erkenntnis durchaus entspricht, so weit ein solches Entsprechen verlangt werden kann und muß: er macht uns bekannt mit dem Zusammenhang, der zwischen der mechanischen Inanspruchnahme des Geschützes durch das Schießen und der Veränderung des Rohres besteht, die sich in der Erwärmung ausdrückt; wir wissen, was wir zu erwarten haben, wenn die Anzahl der Schüsse über ein bestimmtes Maß hinaus gesteigert wird und umgekehrt können wir aus dem Grad der Erhitzung einen Rückschluß auf die Benutzung machen - und darauf kommt es uns in der Praxis an. Wie mangelhaft ist demgegenüber die Erkenntnis, die in den Sätzen über den rein psychisch gefaßten Zusammenhang ausgesprochen wird: ein Zusammenhang, der nach unendlich vielen Richtungen deutet, leitet uns nicht besser, als ein solcher, der sozusagen gar nicht vorhanden ist. Im Ernst kann also eine Ersetzung des eindeutigen physischen Satzes durch den unendlich vieldeutigen psychischen Satz gar nicht in Frage kommen.

Und sehen wir genauer zu, so finden wir, daß, von dieser Ersetzung ganz zu schweigen, gerade die umgekehrte zu Recht besteht. All die oben angegebenen Zusammenhänge sind tatsächlich zu beobachten und sie lassen sich leicht vermehren, indem man, diese Erkenntnis stellt sich bald ein, einfach die Art der Beobachtung etwas abändert. Und eben diese Erkenntnis, daß bei all diesen Zusammenhängen die Art der Beobachtung so vielfach geändert werden kann, ohne daß doch die Zusammengehörigkeit des beobachteten dabei verloren ginge, führt zu der weiteren, daß die Art der Beobachtung, ja überhaupt die Beobachtung etwas verhältnismäßig gleichgültiges ist, der eigentliche Zusammenhang nicht von ihr abhängt und nur ein einziger ist, der eben auf verschiedene Weisen beobachtet wird. Die Abscheidung des eigentlichen Zusammenhangs, der dann als ein physischer bezeichnet wird, von den mehr oder weniger zufälligen Bedingungen seiner Beobachtung stellt also den Fortschritt dar, den die primitive Auffassung macht und machen muß, um zu einer einfachen, übersichtlichen und darum brauchbaren Erkenntnis zu gelangen. Das Unternehmen des Antirealisten besteht daher von dieser Seite betrachtet in nichts anderem, als daß er die fortgeschrittenere, nutzbarere Erkenntnis auf einen primitiveren unnützeren Standpunkt zurückschraubt! Der Gegensatz von Realismus und Antirealismus ist auch ein solcher der Zweckmäßigkeit und der Unzweckmäßigkeit: immer deutlicher arbeitet sich diese Erkenntnis heraus, auf die wir aber vorläufig nur andeutend hinweisen.

Sehen wir davon also noch ab, so können wir als Ergebnis der letzten Überlegung den folgenden Gedanken bezeichnen, der das früher Gesagte von einer anderen Seite her bestätigt: die Allgemeingültigkeit des Satzes: "wenn  A  dann  B"  wird, zeigten wir oben, durch die Übersetzung ins Psychische schwer geschädigt, jetzt ist es die Notwendigkeit ,die Einbuße erleidet. Ist  A  notwendige Bedingung für  B  - nach irgendeinem Satz der Physik etwa -, so hebt die Möglichkeit, auch nur zwei verschiedene Beobachtungsarten des  A  in die psychische Umprägung als Bedingung einzuführen, die Notwendigkeit einer jeden der beiden auf; und das entsprechende gilt für die Notwendigkeit der Folgeerscheinung  B,  die sofort beseitigt wird, sobald ich  B  als Wahrnehmungsbild auffasse, das einmal im Zusammenhang mit diesen, das andere Mal mit jenen Wahrnehmungsbedingungen auftritt. Und wie die Allgemeingültigkeit nur durch eine endlose Reihe von Zusatzbedingungen gerettet werden konnte, so müßte eine solche auch eingeführt werden, um dem Satz den Charakter der Notwendigkeit zu wahren, die ja im Grunde dasselbe ist wie jene.

Damit stoßen wir dann auf dieselben Schwierigkeiten, die uns vorhin zum Einschlagen des neuen Weges in der Untersuchung veranlaßten - wir sehen, wir haben uns wieder von ihm ab auf den alten drängen lassen. Wir haben wieder zu viele Zugeständnisse gemacht an den antirealistischen Standpunkt; nachdem wir erkannten, daß dem  A,  psychisch gedeutet, oft sein  B  und dem  B  sein  A  fehlt, machten wir uns auf die Suche, um eine andere Anlehnung für die so vereinzelten Wahrnehmungsbilder zu finden. Wer kann uns aber dazu zwingen, wenn wir ein heißes Geschützrohr finden, die Bedienungsmannschaft nach dem Geschehenen zu fragen? sie ist vielleicht gar nicht da, vielleicht mit allen sonstigen Augenzeugen in der Schlacht gefallen! Und ähnlich verhält es sich mit den übrigen Wahrnehmungszusammenhängen: wir brauchen sie doch nicht immer festzustellen und sie ist vielleicht gar nicht da, vielleicht mit allen sonstigen Augenzeugen in der Schlacht gefallen! Und ähnlich verhält es sich mit den übrigen Wahrnehmungszusammenhängen: wir brauchen sie doch nicht immer festzustellen und sie sind auch oft gar nicht festzustellen! Im allgemeinen werden ja bei der jetzt auf Erden vorhandenen Fülle von Menschen, die für diese wichtigen Fälle, genügend beobachtet. Es existieren also auch Wahrnehmungsketten. Aber man braucht den Blick dorch gar nicht besonders zu schärfen, um zu bemerken, wie viel voom tatsächlichen Geschehen der uns unmittelbar angehenden Ereignisse sich auch so noch der Wahrnehmung entzieht, wie viel auch für diese durch unser Schlußvermögen ergänzt werden muß. All das so Ergänzte existiert aber nicht als Wahrnehmungsbild, - die Ursache tritt psychisch vielleicht erst nach der Wirkung auf -, an der Stelle also, wo es hätte wahrgenommen werden müssen, klafft eine Lücke.

Mit schlagender Deutlichkeit aber treten diese Lücken hervor, wenn man sich einmal etwas weiter aus dem gewohnten Kreis des menschlichen Treibens hinausbegibt. Ist es nicht sicher, daß sich einst auf Erden gewaltige Ereignisse abspielten, ehe noch ein menschliches Auge geöffnet war, sie zu sehen, ehe überhaupt ein organisches, empfindendes Wesen existierte, ja existieren konnte? Hat die Existenz der Welt etwa erst begonnen, als ein Mensch da war, der sie beobachtete oder wird sie mit dem letzten Menschen zu existieren aufhören? Es ist ein elender Einwurf, hier an die Möglichkeit zu erinnern, daß neben den Tieren auch die Pflanzen, neben den organischen auch die anorganischen Wesen ein Bewußtseinsleben haben könnten und darum selbst, wenn keine Menschen existieren, wenn nur überhaupt nur etwas existiert, auch etwas Wahrnehmendes und damit auch Wahrnehmungen existieren könnten. Denn abgesehen davon, daß mit der Annahme eines vom menschlichen jedenfalls doch sehr verschiedenen Bewußtseinslebens der anorganischen Körper noch gar nicht die Existenz von Wahrnehmungen gesetzt ist, so ist doch klar, daß es sich im ganzen Streit des Realismus und Antirealismus gar nicht um die Frage handelt, ob das  Körper  genannte für sich selbst einen Bewußtseinsinhalt hat, sondern, ob es für uns Menschen lediglich ein Bewußtseinsinhalt ist oder darüber hinaus noch etwas mehr, etwas "an sich" bedeutet. Die Frage richtet sich auf die Wahrnehmungen, aufgrund derer wir Menschen uns eine Erkenntnis von der Welt, eine Wissenschaft schaffen: beziehen sich diese Wahrnehmungen nur auf die in ihnen gegebenen Inhalte oder auf etwas jenseits derselben liegendes? Und wir antworten, ist das erstere der Fall gibt es nichts hinter den Wahrnehmungsinhalten unserer Wahrnehmungen, so muß der allergrößter Teil der von der Wissenschaft und dem gewöhnlichen Denken "erkannten" Welt in den Abgrund des Nichts versenkt werden und von irgendwelchen durchgehenden Zusammenhängen in den dem Dasein erhaltenen Inhalten und vorgängen kann nicht die Rede sein!

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904
    Anmerkungen
    1) WILHELM FREYTAG, Der Realismus und das Transzendenzproblem - Versuch einer Grundlegung der Logik, Halle a. S. 1902