cr-2V. KraftW. DiltheyF. PaulsenE. ZellerA. RiehlH. Bergmann     
 
WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
[7/11]

Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Der Mensch will die Natur beherrschen, folglich legt er ihr Gesetze auf! Sie bleiben aber immer seine eigenen, werden nicht zu Gesetzen der Natur!"

"Ich kann nicht eine Sache gleichzeitig für wahr und falsch halten und wenn ich eine Annahme machen will, dann muß ich sie auch ernsthaft machen und kann sie nicht im nächsten Atemzug verwerfen, in dem ich mich nach ihr richte: auch zwischen annehmen und nicht annehmen gibt es kein Drittes!"

"Versteht man unter dem Wahrgenommenen, wie es sein sollte, den Gegenstand der Wahrnehmung - den Gegenstand des in der Wahrnehmung gelegenen Urteils nach unserer Auffassung -, so ist auch das physische ein Wahrgenommenes, nennt man aber nur den Wahrnehmungsinhalt  wahrgenommen,  also die anschaulichen bewußten Vorstellungen, so dürfte es zumindest zweifelhaft sein, ob dann auch etwa Gefühle als  wahrgenommen  bezeichnet werden können."

IV. Hauptstück
Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
und die Wahrnehmungsmöglichkeit

[ Fortsetzung ]

Ganz besonders deutlich wird der Widerspruch des so scharf gefaßten Konszientalismus gegen die Wissenschaft, wenn wir von den bisher allein berücksichtigten Kausalgesetzen zu den neben ihnen stehenden Erhaltungsgesetzen hinüberblicken - es bedarf wohl keine weiteren Ausführung, daß in der Welt bloßer Wahrnehmungsinhalte weder die Masse noch die Energie sich irgendwie gleichbleiben könnte, daß der Massensatz wie der Energiesatz, der Stolz der Wissenschaft, unbedingt falsch sein würden.

So notwendig nun diese Schlüsse aus der reinen Grundvoraussetzung des Konszientalismus folgen und ihn damit ad absurdum führen, so erklärlich ist es freilich eben darum, daß der Konszientalist ihnen auszuweichen sucht oder ihnen ein Mäntelchen umhängt. Die Lücke im konszientalistischen Wirklichen, das Nichts, wird nicht mit einem anderen Wirklichen, das dann ja nicht konszientalistisch sein dürfte, sondern mit dem gleichsam in der Mitte zwischen Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit stehenden nur möglichen ausgefüllt: wo keine wirkliche Wahrnehmung ist, da ist doch die Möglichkeit zu einer Wahrnehmung vorhanden.

Nach ll den endlosen oft etwas spitzfinigen Erörterungen über den Begriff des möglichen, wird es wohl gestattet sein, sich einfach auf den gesunden Menschenverstand zu berufen, für den das nur mögliche eben nur möglich und das heißt, nicht wirklich ist. Eine tatsächliche Ausfüllung der Lücken wird also mit der Einführung des nur möglichen nicht erreicht, die Kausal- wie die Erhaltungssätze bleiben falsch. Die fortgeschritteneren unter den Konszientalisten haben sich der Anerkennung dieser einfachen Wahrheit dann schließlich auch nicht entziehen können; und das Ergebnis derselben war die letzte konsequenteste, aber auch extremste, die streng positivistische Wendung des Konszientalismus.

Wozu ist es denn überhaupt nötig, daß die genannten Gesetze, daß Gesetze überhaupt ganz ohne Ausnahme gelten oder daß wir an ihre absolute Geltung glauben. Der Gedanke der Allgemeingültigkeit oder Notwendigkeit eines Gesetzes ist nichts anderes als der letzte und feinste Kunstbegriff des nicht streng positivistischen Denkens, eine letzte Hypostasierung [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp], Anthropomorphisierung der Natur - der Mensch will die Natur beherrschen, folglich legt er ihr Gesetze auf! Sie bleiben aber immer seine eigenen, werden nicht zu Gesetzen der Natur! Räumen wir diese letzte Schranke hinweg, die uns von der Natur selbst trennt, geben wir uns ihr ganz hin, halten wir uns streng an die Tatsachen, was bleibt dann von all den Gesetzen übrig? Nichts als einige wenige beobachtete Regelmäßigkeiten auf der einen Seite und der Wunsch oder eine gewisse Zwangslage auf der anderen, auf unserer Seite, zu hoffen, daß die beobachtete Regelmäßigkeit genügen möge, uns für unser Handeln bestimmte Anhaltspunkte zu geben. Was ist die Wissenschaft, das Denken überhaupt, anderes als eine Waffe im Kampf ums Dasein? Sie soll uns ermöglichen, aus einem Ereignis auf das andere zu schließen; was darüber hinaus liegt aber, kann uns gänzlich gleichgültig sein, muß uns auch gleichgültig sein, da wir es doch nicht feststellen können. "Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist"; überlassen wir das Innere der Natur daher sich selbst, halten wir uns einfach an das, was uns von ihr zugänglich ist, das ist eben das, was wir wahrnehmen, das, was sich uns irgendwie bemerkbar macht, worauf wir mit Lust- und Unlustgefühlen antworten, das, was vorauszusehen daher auch allein für und von Bedeutung ist. Ob in allen Veränderungen der Welt die Summe der Energie wirklich konstant bleibt, können wir unmöglich wissen, geht uns auch gar nichts an; wichtig ist nur, daß bei allen uns zugänglichen und uns interessierenden Vorgängen gewisse Konstanten beobachtet werden und wir demgemäß hoffen, daß diese Konstanten sich bei ähnlichen Vorgängen in ähnlicher Weise wieder zeigen werden. Der Satz von der Erhaltung der Energie oder der Masse ist dann nichts anderes, als die brauchbarste Form, in die wir unsere Beobachtungen bringen konnten, um daraus auf zukünftige Beobachtungen einen möglichst leichten und sicheren Schluß zu ermöglichen!

In der Sprache der Logik ausgedrückt, ein jeder Schluß kann aus vielerlei ganz verschiedenen, auch vollständig unwahren Prämissen gezogen werden; aus der Wahrheit oder der empirischen Bestätigung eines Schlusses folgt daher mitnichten die Wahrheit der Sätze, aus denen er gerade erschlossen worden ist. Der Satz von der Erhaltung der Enerige ist nun nichts anderes, als eine solche Prämisse, aus denen Schlüsse gezogen werden, die sich nachher bestätigen. Und er eignet sich sehr gut dazu, um die Schlüsse zu ziehen; aber das ist sein einziger Vorzug, - ob er wirklich wahr ist, folgt daraus nicht, das wissen wir nicht und das kann uns auch schließlich gleich sein. Will man sich daher genauer ausdrücken und nicht mehr sagen, als man wirklich vertreten kann, so müßte dieser Satz etwa folgendermaßen gefaßt werden: "Die Veränderungen in der Natur gehen so vor sich, daß sie sich am leichtesten überschauen und am sichersten berechnen lassen, wenn ich mir vorstelle, sie gehorchten dem Gesetz von der Energie-Erhaltung; stets muß aber im Auge behalten werden, daß, wenn unsere eigene vorstellende Natur sich ändern sollte, oder vielleicht auch nur irgendwelche neuen Beobachtungen gemacht würden, möglicherweise eine andere Vorstellung gefunden werden könnte, die für die angegebenen Zwecke noch besser dient."

Ähnlich müssen die vielen Kausalsätze aufgefaßt werden als streng genommen etwas mißverständliche, aber infolge ihrer mit durch diesen Umstand bedingten Kürze sehr brauchbare Anweisungen, nach denen bestimmte Eigenschaften zukünftiger Ereignisse vorausgesagt werden können. Insbesondere ist es der Begriff des Physischen, auf den diese Beschreibung paßt: er ist sehr mißverständlich, insofern er den Gedanken an etwas hinter den Wahrnehmungsinhalten stehendes nahelegt, was uns doch gar nichts angeht, auch nie Gegenstand der Erfahrung werden kann, da ja stets nur die Wahrnehmungsinhalte selbst gegeben sind; andererseits aber ist er doch wieder sehr zweckmäßig gebildet, da in ihm kurz das ausgedrückt, bezeichnet wird, was nach den oben mitgeteilten Beobachtungen sich als die in den unendlich vielen Fällen von Zusammenhängen allein unverändert auftretende und darum allein notwendige Bedingung des Geschehens zeigt. Will man aber diesen Begriff und diese Gesetze so formulieren, wie es zur Vermeidung jedes Mißverständnisses notwendig ist, so würde man sich etwa so auszudrücken haben: "alle Vorgänge stellen sich als Erscheinen und Verschwinden von Wahrnehmungsinhalten dar und die Erfahrung lehrt, daß man nach bestimmten Formeln - den sogenannten Naturgesetzen - dieses Auftreten und Verschwinden von Wahrnehmungsinhalten vorausberechnen kann; etwas als physischen Inhalt bezeichnen, heißt nichts anderes, als von ihm aussagen, daß es in Zusammenhang mit ganz bestimmten Wahrnehmungsinhalten auftritt oder auftreten kann, nämlich denjenigen, die es als ein im Wachen oder überhaupt im normalen Zustand  Wahrgenommenes  charakterisieren."

Ein physischer Inhalt existiert, heißt danach soviel, daß dieser Inhalt normal wahrgenommen wird oder normal wahrgenommen werden kann und existieren überhaupt so viel wie wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden können. Der Satz: "Wenn aus einem Geschütz gefeuert wird, so erhitzt sich das Rohr desselben" sagt also genau genommen nur aus: "Wenn das Bild des abgefeuerten Geschützes normalerweise wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden könnte, so wird der Inhalt "heißes Geschützroht" ebenfalls wahrgenommen oder kann doch wahrgenommen werden und mit ihm all die weiteren Inhalte, die mit diesem verknüpft zu sein pflegen." Ein und derselbe Inhalt, das sieht man leicht, kann dann das einemal mit den als "normale oder eigentliche Wahrnehmung" bezeichneten Inhalten, das anderemal mit den als "Traumwahrnehmung" bezeichneten zusammen auftreten oder das eine Mal mit den als "Erinnerung" oder "Phantasie", bezeichneten Zusammen; und wenn er im ersteren Falle als "physischer Inhalt", ohne daß er selbst doch ein anderer geworden wäre, so muß man gestehen, daß zwischen dem "physischen" und dem "psychischen" gar kein fundamentaler Unterschied besteht, daß mit dieser Auffassung der fatale Dualismus, der den Philosophen von jeher ein Dorn im Auge war, endgültig und auf elegante Weise überwunden ist, und daß der sich ergebende Monismus durchaus berechtigt ist, sich Idealismus oder Konszientalismus zu nennen, das was existiert, ihm zufolge ja wirklicher oder möglicher Wahrnehmungsinhalt, also etwas bewußtes ist.

Wir heben uns, wie oben schon bemerkt, wo wir auf den gleichen Gedanken stießen, die Besprechung des "positivistischen" an diesen Ausführungen, der Behauptung, daß die wissenschaftlichen wie die anderen Sätze rein vom Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit für den Daseinskampf aus zu beurteilen seien, auf später auf und halten uns zunächst an das positive Ergebnis dieser positivistischen Beweisführung, die positivistische Umdeutung unserer Naturgesetze.

Da möchten wir zunächst bemerken, daß die Durchführung des positivistischen Grundgedankens uns an einigen Stellen einen etwas krampfhaften, gekünstelten Eindruck macht. (Man vergleiche, was in R&T (1), Seite 134f über die sogenannte Bildertheorie gesagt ist!) Was soll das eigentlich heißen, mit dem Satz von der Erhaltung der Energie darf bei Leibe keine Erkenntnis über die Wirklichkeit außer uns ausgesprochen werden, er sei lediglich ein Bild, eine Formel, deren Bedeutung sich damit erschöpft, daß sie eine Berechnung der Zukunft ermöglicht?

In letzter Linie ist es doch nur der alte Gedanke, daß wir mit unserer Erkenntnis nicht über die allein Gegebene Innenwelt hinausgelangen können, der hier in neuem Gewand auftritt! Die Innenwelt aber, sahen wir, ist durchaus nicht als einfach gegeben zu bezeichnen, denn der größte Teil der Urteile über sie geht auch im Subjekt über das Gegebene hinaus und ist daher unsicher. Hat man sich das aber erst einmal deutlich gemacht, so wird man im Überschreiten des Gegebenen, des allein Sicheren keinen Grund mehr gegen die Annahme einer Erkenntnis der Außenwelt finden können. Natürlich ist diese Erkenntnis dann ebenfalls unsicher, nur mit Wahrscheinlichkeit gültig; der Satz von der Erhaltung der Energie darf daher nicht als über jeden Zweifel erhaben angesehen werden, etwa als denknotwendig oder wie man sich sonst ausdrücken möchte, er ist ebenfalls nur eine Annahme. Aber warum auch leugnen, daß er eine Annahme ist und zwar eine Annahme über Dinge, die zum Teil sicher nicht ins Bewußtsein fallen? Kann man denn aus ihm irgendetwas ableiten, wenn man ihn nicht voraussetzt - eben als annahmeweise gültig? Es wird nicht behauptet, daß er die einzig mögliche Annahme ist, aber ich kann doch nicht die anderen möglichen Annahmen ebenfalls machen, wenn ich aus der ersten etwas schließen will! Das hieße doch - den Satz vom Widerspruch oder vom ausgeschlossenen Dritten als gültig vorausgesetzt - einen Satz direkt für falsch erklären und dann doch aus ihm etwas schließen, von dem man zuversichtlich hofft, daß es wahr sein werde! Gewiß kann auch aus falschen Prämissen etwas wahres geschlossen werden, aber es wäre doch das Verfahren eines Wahnsinnigen, sich nach dieser Annahme und nicht nach der Regel zu richten.

Ich kann nicht eine Sache gleichzeitig für wahr und falsch halten und wenn ich eine Annahme machen will, dann muß ich sie auch ernsthaft machen und kann sie nicht im nächsten Atemzug verwerfen, in dem ich mich nach ihr richte: auch zwischen annehmen und nicht annehmen gibt es kein Drittes! Was für Gründe der Positivist auch haben mag, die Annahme der Energie-Erhaltung zu machen, wenn er sie macht, so ist er damit Realist! Natürlich hängt der Grad der Wahrscheinlichkeit, der einer Annahme zukommt, von den Gründen ab, durch die sie gestützt wird, aber so lange überhaupt Gründe für sie vorhanden sind, so lange muß man sie auch aufrecht erhalten und anerkennen.

Nun scheint es aber, als könne man von der strengen Formulierung des Energiegesetzes als eines Erhaltungsgesetzes absehen und es auf die losere Form eines gewöhnlichen konszientalistischen Kausalsatzes bringen, der lediglich mit Wahrnehmungen und der Möglichkeit von solchen arbeitet: "unter bestimmten Umständen werden bestimmte Größen gemessen oder können gemessen werden." Das ist also die zweite und entscheidende Frage, gelingt es, der Annahme einer wirklichen Außenwelt zu entgehen, dadurch, daß man den Begriff der Wahrnehmungsmöglichkeit einführt?

Daß jemand behaupten könnte, mit dem Möglichen seien die Lücken des Wirklichen ohne weiteres zuzustopfen, braucht, wie schon oben bemerkt, nicht mehr in Betracht gezogen zu werden. Diese Lücken aber und das Wirkliche, worin sie sich finden, sind, so behauptet der strenge Positivist, für uns überhaupt gleichgültig; es ist uns nur um ein Gesetz für unsere Wahrnehmungen zu tun, damit wir wissen, wann sie eintreten oder eintreten können. In der Definition des Begriffes der Existenz findet die ganze Auffassung daher ihren bezeichnendsten Ausdruck: "existieren ist und kann für uns nichts anderes sein als wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden können!" - wobei Existenz und Wahrnehmung entweder allgemein oder im sogenannten eigentlichen Sinne als physische Existenz und normale eigentliche Wahrnehmung genommen werden können. Auch unserer gegenteiligen Auffassung können wir dann einen entsprechenden Ausdruck geben, indem wir behaupten, daß diese Definition nicht leistet was sie verspricht, daß sie keine Erklärung des Existenzbegriffs, im besonderen des Begriffs der physischen Existenz, liefert, da sie diesen Begriff in der Erklärung selbst, freilich unbewußterweise, voraussetzt.

Wir wollen nichts dagegen erinnern, daß die Definition nicht eindeutig ist, da "wahrgenommen werden" und "wahrgenommen werden können" doch offenbar zweierlei sind, also im Grunde zwei Arten von Existenz zugestanden werden - schließlich ist es ja jedem unbenommen, auch zwei verschiedene Sachen mit demselben Namen zu bezeichnen.

Was heißt es nun, ein Inhalt, ein Vorgang ist möglich, ist wahrnehmbar? Sage ich etwa von jeder beliebigen Sache, die nicht existiert, von mir aber gedacht werden kann, sie sei möglich? Kann ich im besonderen von jedem denkbaren Inhalt sagen, er sei wahrnehmbar? Gerade im letzteren Fall ist ersichtlich, daß immer irgendwelche Gründe vorhanden sein müssen, welche mich veranlassen, von dem überhaupt denkbaren den einen Teil für wahrnehmbar zu halten und dasselbe gilt auch hinsichtlich des möglichen überhaupt - für den Konszientalisten fallen ohnedies beide Begriffe zusammen. Man kann ja alles für möglich halten, was nur überhaupt denkbar ist, aber tatsächlich sprechen wir doch nur dann von einem Ding als möglich, wenn wir nicht nur wissen, daß nichts dagegen, sondern auch, daß irgendetwas dafür spricht.

Das "Mögliche" ist ein Erzeugnis der Abstraktion. Wir reden dann von ihm, wenn wir nicht wissen, ob es existiert und auch nicht wissen, ob sämtliche Bedingungen, unter denen es existiert, erfüllt sind. Immer aber wird vorausgesetzt, daß irgendwelche Bedingunen für seine Existenz erfüllt sind. Wir sahen ja, daß der Ursachen für eine Wirkung stets mehrere sind; und es ist für unsere Erkenntnis oft wichtig, wo uns die Feststellung sämtlicher Ursachen vielleicht nicht möglich ist, schon beim Vorfinden einer einzigen an die Wirkung zu denken, die diese im Verein mit anderen, vielleicht ebenfalls vorhandenen oder möglichen, auszuüben pflegt. Diesem Umstand verdankt der Begriff des Möglichen seine Entstehung: die Wirkung wird als möglich bezeichnet, wenn eine, aber nicht die hinreichende Ursache als vorhanden erkannt worden ist.

So sagt man , es ist möglich, daß der Läufer  X  zur rechten Zeit am Ort  Y  ankommt, weil man die Leistungsfähigkeit des  X  kennt, oder weil die Schwierigkeiten des Weges nicht allzu große sind. Wüßte man, daß X nichts leistet im Laufen und daß sein Weg sehr lang und voll von Hindernissen ist, so würde man seine rechtzeitige Ankunft nicht für möglich sondern für unmöglich erklären; wüßte man ganz genau über den Weg und die Kraft des  X  Bescheid, so könnte man mit Sicherheit feststellen, zu welcher Zeit er  Y  erreichen wird, vorausgesetzt, daß sonst keine unvorhergesehenen Zufälle eintreten - in Hinsicht auf diese aber würde man wieder nur von einer Möglichkeit des rechtzeitigen Ankommens reden. Wüßte man am Ende gar nichts, weder über den Weg noch über den  X  und wäre auch sonst aus den bloßen Tatsache, daß der X sich die Sache vorgenommen hat, kein Grund zu einer Annahme über seine Aussichten zu entnehmen, so würde man natürlich weder von Unmöglichkeit, noch von Sicherheit aber auch nicht von Möglichkeit reden, sondern sich jedes Urteils enthalten.

Wenden wir diese Erkenntnis nun auf die Frage der Wahrnehmungsmöglichkeit an! Besteigt jemand den Pasterzen-Gletscher in den Tauren, so ist es möglich, daß er den Glockner sieht; er wird ihn wirklich sehen, wenn er auf den Gletscher gelangt und nicht vorher in ein anderes Tal abirrt, wenn die Luft klar genug ist und wenn sein Gesichtssinn richtig arbeitet. Zweierlei Bedingungen also sind es, die vom realistischen Standpunkt aus in Ermangelung besserer Ausdrücke etwa als subjektive und als objekte bezeichnet werden können; erst beide zusammen ergeben die wirkliche Wahrnehmung, ist aber das Vorhandensein nur einer einzigen feststellbar, so kann die Wahrnehmung nur als möglich gedacht werden. Übersetzen wir nun diese realistische Erkenntnis, so gut es geht, in eine konszientalistische, so treten anstelle der physischen Bedingungen Zusammenhänge von Wahrnehmungsinhalten. Wirklich erlebt werden zunächst die Inhalte, welche als Fortbewegung auf die Pasterze zu und auf sie hinaus bezeichnet werden mit Einschluß der Wahrnehmungsbilder des Gletschers selbst und seiner Umgebung. Dann sagen wir aufgrund unserer Lokal- und Menschenkenntnis aus, daß nunmehr das Wahrnehmungsbild der schneeweißen Glocknerspitze auftreten kann; die weiteren Bedingungen dazu aber sind die Wahrnehmungsinhalte, welche die Tätigkeit des Sehapparates darstellen und die Wahrnehmungsinhalte, welche den Zusammenhang der Bilder der Pasterze und des Glockners verbürgen. Einige von all diesen Wahrnehmungsinhalten müssen wirklich in der Gegenwart des besprochenen Falles auftreten, die meisten aber gehören entweder der Vergangenheit an, oder können nur als mögliche bezeichnet werden. Das ist die Sachlage.

Wir haben nun zwei Forderungen miteinander zu vereinigen, die der Wissenschaft, daß eine wirkliche Gesetzmäßigkeit, ein lückenlose regelmäßiger Zusammenhang sich ergibt, daß die zu erfüllenden Bedingungen also tatsächlich erfüllt werden und die des positivistischen Konszientalismus, daß unter  existieren  nichts verstanden werden darf, als was wahrgenommen wird und wahrgenommen werden kann. Wenn etwas wahrgenommen wird, so ist klar, daß auch die Bedingungen, die Ursachen dazu, verwirklicht waren; neben dem tatsächlich wahrgenommenen müßte aber zur Beseitigung der Lücken noch etwas anderes als wahrnehmbar angenommen werden und nach dem eben gesagten ist das nur möglich, wenn wenigstens eine der Wahrnehmungsbedingungen als erfüllt betrachtet werden kann. Unter den angegebenen Verhältnissen nun, wo der Beobachter auf der Pasterze steht, wird eine Wahrnehmung des Glockners nur dann nicht auftreten, wenn die Luft nicht klar genug ist oder wenn die Richtung und Tätigkeit des Auges nicht den Anforderungen entspricht. In beiden Fällen aber bleibt als notwendige Bedingung für die bloße Möglichkeit der Wahrnehmung das als räumlicher Zusammenhang von Glockner und Pasterze bezeichnete übrig. Weil dieser Zusammenhang besteht, die anderen Bedingungen aber nicht als sicher erfüllt angesehen werden können - das Wetter ist schwankend, ein Irrtum möglich, ebenso eine Beeinträchtigung des normalen Sehens nicht ausgeschlossen - deshalb gilt die Wahrnehmung des Glockners als möglich. Und so in allen diesen Fällen, wo eine Wahrnehmung als möglich bezeichnet wird: Voraussetzung für diese Bezeichnung ist stets die Annahme, daß  eine,  die objektive, Bedingung erfüllt ist, daß ein Zusammenhang mit einer wirklichen Wahrnehmung tatsächlich  besteht  - und das heißt doch wohl nichts anderes, als daß er existiert. Die Erklärung des  existierens  als eines wahrgenommen-werden-könnens setzt also das "existieren" in der Erklärung voraus!

Aber so rasch wird sich der Konszientalist nicht geschlagen geben; er wird sagen, der Begriff der "Existenz" sei eben sehr schwer zu erklären, er gehöre zu jenen, die überhaupt nicht nach der üblichen Definitionsmethode bestimmt werden können, man könne ihn im Grune nur umschreiben; worauf es ankommt ist nur, daß man sich bei einer mehr zur Einübung und Angewöhnung als zu wissenschaftlicher Erklärung dienenden Umschreibung keines Widerspruches schuldig macht: allerdings wird das Existieren durch das Wahrgenommen-werden-können erklärt, und dieses durch das Existieren, aber dieses erklärende Existieren heißt auch wieder nichts anderes, als wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden können.

Man sieht also leicht, daß diese Ausflucht nicht weit reicht. Allerdings wird der unmittelbare Anschein eines Zirkels im Erklären des Existierens vermieden, aber dafür tritt er an einer anderen Stelle auf: jetzt wird das Wahrgenommen-werden-können nicht durch das Existieren, sondern wieder durch das Wahrgenommen-werden-können erklärt! Betrachten wir noch einmal unser Beispiel! Notwendig zu erfüllende Bedingung dafür, daß die Wahrnehmung des Glockners unter den angegebenen Bedingungen möglich wird, ist das Bestehen des räumlichen Zusammenhangs von Glockner und Pasterze. Realistisch ausgedrückt heißt diese Bedingung: die Pasterze liegt am Glockner, konszientalistisch: wenn die Pasterze wahrgenommen wird, so wird unter bestimmten anderen Bedingungen als daran angrenzend auch der Glockner wahrgenommen oder kann wahrgenommen werden - wenn es z. B. neblig ist, wird nur die Pasterze, nicht der Glockner gesehen. Also Erklärung des "Wahrnehmbar" durch das "Wahrnehmbar"! Somit folgt, entweder muß der Begriff der Wahrnehmungsmöglichkeit mit Hilfe eines anderes Begriffs erklärt werden oder er kann als selbst nicht erklärbar auch nicht zur Erklärung des Existenzbegriffs verwendet werden!

Es läßt sich nun zeigen, daß, wenn man sich bei der Erklärung des Wortes "wahrnehmungsmöglich" durch das Wort "wahrnehmungsmöglich" nicht beruhigen will, bei genauerem Zusehen jedoch, wie wir schon oben erkannt haben, auf den der Existenz zurückgegriffen werden muß.

Dem Glockner wird Existenz zugeschrieben, sofern er wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden kann und die Wahrnehmungsmöglichkeit wird von ihm ausgesagt, sofern eine als notwendig erkannte Bedingung als erfüllt angesehen werden kann: konszientalistisch etwa als Wahrnehmungszusammenhang mit der Pasterze zu bezeichnen. Wann kann nun ein solcher Zusammenhang als vorhanden betrachtet werden? Der allgemeine Satz "wenn  a  ist, so ist auch  b",  sagt aus, daß ein Zusammenhang zwischen  a  und  b  besteht, sagt aber nichts darüber aus, ob tatsächlich  a  und darum auch  b  besteht. Mit der bloßen Gültigkeit des Satzes, daß mit der Pasterze auch der Glockner wahrgenommen werden kann, ist dementsprechen auch nichts darüber ausgemacht, ob die Pasterze wahrgenommen wird. Das muß aber sicher mit angenommen werden, um die eine Bedingung für die Wahrnehmbarkeit des Glockners wirklich als erfüllt betrachten zu können; denn würde das verneint werden, so wäre gar keine Bedingung für die Wahrnehmung des Glockners erfüllt und diese könnte nicht als möglich bezeichnet werden. Es ist ja auch Tatsache, daß die Wahrnehmung der Pasterze in unserem Beispiel ausdrücklich vorausgesetzt wurde, da von ihr aus gleichsam der Weg zur Wahrnehmung des Glockners gewiesen werden mußte.

Somit zeigt sich, daß die Voraussetzung dafür, einen Inhalt als konszientalistisch wahrnehmbar und darum als existierend zu bestimmen, die Annahme einer wirklichen Wahrnehmung und eines Wahrnehmungszusammenhanges ist; das Wahrgenommen-werden-können steht also nicht einfach neben dem Wahrgenommen-werden, die von diesem gelassenen Lücken ausfüllend, sondern es hängt von ihm ab, bestimmt als existierend nur, was in (wahrnehmbarem) Zusammenhang mit wirklich Wahrgenommenem steht. Der Begriff der Wahrnehmungsmöglichkeit hilft uns also hier nicht über die Schwierigkeit hinweg, die aus der Beschränkung der Existenz auf das Wahrgenommene entstand: denken wir wieder an den Fall, daß kein wahrnehmendes Wesen die Ereignisse auf der Erde beobachtet, so können nach konszientalistischer Auffassung diese Ereignisse gar nicht existieren, nicht nur, weil sie nicht wahrgenommen werden, sondern auch, weil sie nicht wahrgenommen werden können.

Hier wird sich der Konszientalist vielleicht versucht fühlen, in seine Definition der Existenz eine naheliegende Veränderung einzuführen, durch welche er scheinbar befähigt wird, den eben entwickelten Folgerungen zu entgehen: existieren muß nunmehr soviel heißen wie "wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden können, wenn ein wahrnehmendes Wesen zugegen ist." Nimmt man diese Definition an, so ist es möglich, auch für jene Zeiten den Ereignisse und Dingen auf der Erde Existenz zuzusprechen, in denen tatsächlich kein wahrnehmendes Wesen vorhanden ist, - wäre ein solches vorhanden gewesen, so konnten sie wahrgenommen werden und somit läßt sich der Begriff der Existenz auf sie anwenden.

Diese Definition leistet also tatsächlich den Forderungen der Wissenschaft in Bezug auf den lückenlosen Zusammenhang des Wirklichen genüge; man sieht aber auch leicht, wodurch sie allein das ermöglicht: dadurch, daß sie noch deutlicher als die frühere den Fehler macht, das vorauszusetzen, was sie erklären will. Entweder wird der Zusatz nämlich "wenn ein wahrnehmendes Wesen vorhanden ist" einfach so verstanden, wie es die Worte nahelegen und dann heißt "vorhanden sein" eben "existieren" im realistischen SInne - dann ist die ganze Streitfrage sofort erledigt; oder aber man deutet dieses "vorhanden sein", diese Erfüllung einer Existenzbedingung, in konszientalistischer, in der eben kritisierten Weise, dann stehen wir vor der alten Schwierigkeit: die Wirklichkeit hängt letztlich von einer tatsächlichen Wahrnehmung ab und eine Ausfüllung der Lücken ist nicht erreicht, der ganze Zusatz ohne Bedeutung.

Weiter aber wird durch ihn auch die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß in der Behauptung der Wahrnehmungsmöglichkeit die Anerkennung enthalten ist, daß die für die Wahrnehmung unumgänglich notwendige Bedingung, welche realistisch als physische Existenz bezeichnet wird, erfüllt sein muß. denn soviel gesteht ja auch der Konszientalist zu, daß die bloße Anwesenheit eines wahrnehmenden Wesens, selbst die zweckmäßigste Anwendung und normalste Tätigkeit seiner Sinnesorgane vorausgesetzt - kurz die volle Erfüllung aller subjektiven Wahrnehmungsbedingungen nicht ausreicht, das Auftreten einer wirklichen Wahrnehmung herbeizuführen. Also muß, soll die Wahrnehmung nicht direkt für unmöglich erklärt werden, noch immer die Erfüllung jener Bedingung vorausgesetzt werden, die zu beseitigen der ganze konszientalistische Umdeutungsapparat in Bewegung gesetzt wurde. Es erweist sich diese Bedingung wieder als unersetzlich, als notwendig zur Aufrechterhaltung des Naturzusammenhanges, während die ihr gegenüberstehenden subjektiven Wahrnehmungsbedingungen nicht einmal eindeutig notwendige Bedingungen für das Auftreten von Wahrnehmungen sind. Sie können fast beliebig verändert werden, ja ganz fehlen, - die konszientalistisch als ihre Folge bezeichnete Wahrnehmung tritt deshalb doch ein; dagegen kann die objektive Bedingung, die physische Existenz, durch nichts ersetzt werden, sie darf nie fehlen, sonst haben wir nicht nur eine Lücke im Zusammenhang des Wirklichen, sondern auch die Wahrnehmung selbst wird unmöglich.

Wir können daher unsere Behauptung als bewiesen betrachten, daß unter der Annahme eines festen regelmäßigen Zusammenhangs in der Welt der Begriff der physischen Existenz nicht durch den der Wahrnehmung und Wahrnehmungsmöglichkeit ersetzt werden kann und damit ist der entscheidende Angriff auf das physisch Wirkliche, die von der Wahrnehmung unabhängige Außenwelt, abgeschlagen.

Wir hatten oben in der konszientalistischen Definition neben der physischen Existenz auch die Existenz überhaupt mit eingeschlossen, in der Besprechung uns zunächst aber auf die physische beschränkt: die Anzweiflung dieser ist ja unser Problem. Daß die konszientalistische Definition der Existenz nun auch nicht haltbar ist, wenn das Wort Existenz in ganz allgemeinem Sinn genommen wird, die psychische Existenz also mit einschließt, folgt dann ohne weiteres: was vom Teil nicht gilt, kann auch nicht vom Ganzen gelten. Wir hätten die Widerlegung ja auch auf den allgemeinen Begriff der Existenz zuschneiden können: anstelle der Bestimmung der Wahrnehmung durch den Zusammenhang mit bestimmten normalen und wachen Vorgängen, wäre eine solche durch den Zusammenhang mit allgemeiner bestimmten Vorgängen getreten; die allgemeinen Formeln aber hätten sich nicht wesentlich geändert; der Zirkel in der Definition wäre auch so an den Tag gekommen. Dagegen würde es sehr wohl möglich sein, müßte sogar in der eigentlichen Tendenz der ganzen Definition liegen, daß sie für das psychische allein genommen brauchbar wäre: psychisch existiert das, was wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden kann. Aber auch dann würden sich gewisse Schwierigkeiten ergeben: versteht man unter dem Wahrgenommenen, wie es sein sollte, den Gegenstand der Wahrnehmung - den Gegenstand des in der Wahrnehmung gelegenen Urteils nach unserer Auffassung -, so ist auch das physische ein Wahrgenommenes, nennt man aber nur den Wahrnehmungsinhalt  wahrgenommen,  also die anschaulichen bewußten Vorstellungen, so dürfte es zumindest zweifelhaft sein, ob dann auch etwa Gefühle als "wahrgenommen" bezeichnet werden können. Das sind aber Fragen, die sich mehr auf eine zweckmäßige Definition des psychischen beziehen und die gehen uns hier nichts weiter an.

Nur noch einen Punkt in den positivisistisch-konszientalistischen Angriffen auf den Realismus bedarf einer Erwiderung, so weit sie nicht schon im vorhergenden enthalten ist. Es wurde behauptet, das Erkennen ist nichts anderes, als eine Waffe im Daseinskampf, es muß also diejenige Erkenntnis gewählt werden, welche die beste Waffe abgibt und das ist die, welche die einfachsten und sichersten Schlußfolgerungen und Voraussagen der uns betreffenden Ereignisse zuläßt. Der Positivismus meinte, daß die alleinige Rücksicht auf Wahrnehmungen mit Ausschluß aller sonstigen etwaigen Wirklichkeit die einfachste Weltanschauung liefert - wir haben gesehen, zu welchen endlosen Komplikationen gerade diese Auffassung führen muß, so weit sie überhaupt haltbar ist, daß sie nicht das einfachste und darum als abschließendes zu betrachtende Erkenntnissystem, sondern vielmehr den primitiven Ausgangspunkt darstellt, den die Menschheit längst durch das einfachere, zweckmäßigere System des Realismus, den Glauben an eine erkennbare Außenwelt, ersetzt hat. In dieser Hinsicht folgt gerade aus der streng positivistischen Auffassung des Denkens und Erkennens, daß die Annahme einer physischen Welt der Leugnung einer solchen vorzuziehen ist und nach dem, was wir oben hinsichtlich des Begriffes der Annahme erwähnten, daß diese Annahme dann auch wirklich gemacht werden muß.

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904
    Anmerkungen
    1) WILHELM FREYTAG, Der Realismus und das Transzendenzproblem - Versuch einer Grundlegung der Logik, Halle a. S. 1902