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WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
[8/11]

Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Wozu sich noch länger um das alte Problem streiten, was die Wahrheit ist? Probleme werden nicht nur dadurch gemeistert, daß man sie löst, sondern in vielen Fällen auch dadurch, daß man sie als unsinnig erkennt: so ist die Frage der Quadratur des Kreises beseitigt worden, so muß auch das letzte und scheinbar tiefste Erkenntnisproblem, das der Wahrheit, beseitigt werden, indem man zeigt, daß es gar kein Problem ist."

"Hält man nämlich an den bisher üblichen Begriffsbestimmungen fest, so haben wir in der Logik die Wissenschaft von der Erkenntnis zu sehen oder vom Denken, welches seinen Zweck, die Wahrheit, erreicht: man kann die Logik daher auch unmittelbar als die Wissenschaft von der Wahrheit definieren; und dann muß natürlich der Satz, es gebe Erkenntnisse, deren Wahrheit gleichgültig ist, als gegen die Grunddefinitionen oder, je nachdem, die Grundbehauptungen der Logik gerichtet, das höchste Interesse dieser Wissenschaft erregen. Das gleiche gilt aber auch, wenn die Logik sich wirklich durch den Positivismus etwas einschüchtern ließe und nur für einen Teil der menschlichen Erkenntnisse Wahrheitswert in Anspruch nähme, für den anderen aber entweder Zweifel hinsichtlich desselben zuließe oder wirklich die Wahrheit durch Zweckmäßigkeit ersetzte."

"Mit der Verdächtigung und Abweisung der Wahrheit im allgemeinen, müssen wir also sagen, hat der Positivismus kein Glück. Er dürfte aber auch nur selten mit Bewußtsein diese extreme (wenn auch folgerichtige) Auffassung vertreten und sie dient ihm im Grunde dann nur als Waffe gegen die verhaßte Denkrichtung, welche mit so metaphysischen Begriffen wie Ding an sich, Wirklichkeit an sich, eben der Außenwelt, wirtschaftet."

V. Hauptstück
Von der Beweisbarkeit des Realismus

1. Abschnitt
Die Tatsächlichkeit der Wahrheit

Im vorigen Hauptstück haben wir unternommen, die Angriffe des Konszientalismus auf den Realismus als ungerechtfertigt zurückzuweisen, indem wir mit der gesamten Wissenschaft die Annahme einer Gesetzmäßigkeit des Weltlaufs zugrunde legten. Damit tritt, wie schon vorher bemerkt, der Realismus wieder in sein altes Recht und wir könnten uns einen weiteren Beweis sparen: die Wissenschaft kann jedenfalls nicht anders, als sich zum Realismus bekennen! Aber unsere besondere Wissenschaft, die Logik, hat besondere Aufgaben, sie untersucht auch das, was unzweifelhaft als wissenschaftlich sichere Erkenntnis schon zu gelten hat, sofern man hoffen darf, durch die Untersuchung der diese Erkenntnis bedingenden Denkvorgänge für die Beurteilung des Denkens überhaupt wichtige Tatsachen ans Licht zu bringen. Wir müssen fragen, welche Art von Begründung für den Realismus ist , denn in unseren obigen zunächst wesentlich negativen, die Kritik einer abweichenden, antirealistischen Auffassung gebenden Ausführungen überhaupt enthalten? Insbesondere ist uns aus dem Gesamtarsenal des Positivismus noch ein Gedanke zu besprechen übrig geblieben, der Gedanke, welcher den Fall des Denkens und Erkennens einfach als besonderen Fall des Daseinskampfes behandelt und die Frage der Begründung eines Gedankens auf die Frage seiner Zweckmäßigkeit zurückführt. Es ist die Behauptung, wie sie kurz so ausgedrückt werden kann, daß die logische Betrachtung in letzter Linie durch die biologische ersetzt werden muß.

Die Frage der Begründung eines Standpunktes ist eine logische nach der alten Auffassung, sie wird daher erst in Angriff genommen werden können, wenn ihr Recht gegenüber dem neueren biologischen Angriff irgendwie gesichert worden ist. Dann aber wird sie zwei Untersuchungen erforderlich machen: erstens muß gefragt werden, was aus der Zweckmäßigkeit und sonstigen Eigenschaften des Realismus für seine Wahrheit folgt oder welchen Grad von Wahrscheinlichkeit wir ihm zuschreiben können und zweitens aber, wie es denn mit der von uns bisher gemachten Voraussetzung der ganzen Untersuchung, wie es um die Annahme einer allgemeinen Naturgesetzmäßigkeit bestellt ist: ist sie ebenfalls nur zweckmäßig oder sie läßt sie sich beweisen?

Als das Grundbestreben aller konszientalistisch-positivistischen Ausführungen können wir es bezeichnen, daß der Versuch gemacht wird, das reale, das unabhängig und unbekümmert um den erkennenden Menschen bestehende, in ein erscheinendes, auf den Menschen bezogenes zu verwandeln. Den schärfsten Ausdruck findet dieses Bestreben in der Behauptung, daß nicht nur der dem denkenden Menschen gegenüberstehenden Außenwelt ein an-sich-sein abgesprochen werden muß, sondern daß auch den dem Menschen selbst innewohnenden Gedanken ein an sich bestehender Wert, der Wahrheitswert, nicht zukommt. Damit ist das Gefüge der Welt, das nach dem gewöhnlichen Konszientalismus noch immer im Innenleben des Menschen einen sicheren, der scheinbaren Verflüchtigung des Nicht-Ich gegenüber dann besonders betonten Anknüpfungspunkt fand, nun vollends gleichsam jeder festen Stütze beraubt. Dem die Welt in Erscheinungen auflösenden Philosophen konnte man erwidern, daß auch die Erscheinung etwas wirkliches sei, das seine Bedeutung in sich hat; jetzt erfahren wir, daß auch diese Bedeutung der Erscheinungen nicht anerkannt werden darf. Nich was diese Erscheinungen selbst sind, sondern was von ihnen für uns nach von uns gesetzten Zwecken wichtig ist, darauf kommt es allein an; denn davon, ob unsere Urteile über die Erscheinungen oder über irgendetwas sonst richtig sind, wissen wir nichts, - Wahrheit ist ein leeres Wort -, sondern das allein kann die Frage sein, ob die Reaktionen, - und die Gedanken sind nur Reaktionen -, mit denen der Mensch auf äußere oder innere Reize antwortet, so zweckmäßig sind, daß die darauf erfolgenden Gegenreaktionen der Welt - das realistische Wort läßt sich nicht gut vermeiden - im Sinne der menschlichen Lust oder Wohlfahrt ausfallen oder ob sie im Gegenteil unzweckmäßigerweise zur Vernichtung, zur Unlust führen. Wozu sich noch länger um das alte Problem streiten, was die Wahrheit ist? Probleme werden nicht nur dadurch gemeistert, daß man sie löst, sondern in vielen Fällen auch dadurch, daß man sie als unsinnig erkennt: so ist die Frage der Quadratur des Kreises beseitigt worden, so muß auch das letzte und scheinbar tiefste Erkenntnisproblem, das der Wahrheit, beseitigt werden, indem man zeigt, daß es gar kein Problem ist.

Wahrnehmungsinhalte sind das einzig Gegebene und Lust und Unlustgefühle - ganz allgemein gesprochen - sind es allein, die uns diese Wahrnehmungsinhalte wichtig machen. Es gilt, das Auftreten dieser Inhalte so zu regeln, daß möglichst viel Lust, möglichst wenig Unlust dabei herauskommt; dazu ist aber erforderlich, daß wir einen Überblick über sie und ihr Auftreten gewinnen und natürlich einen Überblick, der uns selbst wieder möglichst wenig Anstrengung, möglichst wenig Unlust kostet: dazu dienen die Begriffe und die Urteile. Durch die Begriffe fassen wir unendlich viele Wahrnehmungsinhalte nach den uns wichtigen Eigenschaften durch die kürzeste Formel, mit dem geringsten Kraftaufwand zusammen und durch die Urteile bestimmen wir das Auftreten derselben nach der gleichen Methode. Statt uns also den Wahrnehmungsinhalten selbst auszusetzen, die so oft unerträgliche Unlust oder zu wenig Lust mit sich bringen, machen wir uns matte Bilder derselben, die selbst weniger stören, aber uns vor dem Unangenehmen warnen und auf das Angenehme hinweisen. Daß dieser Zweck der Bilder erreicht wird, darauf kommt es an, nicht aber darauf, ob die Bilder mit dem abgebildeten in irgendeiner Weise übereinstimmen, ob sie wahr sind! Freilich müssen wir vorläufig auch in dieser gegen die Wahrheit gerichteten Auseinandersetzung noch solche Worte und Begriffe gebrauchen, wie sie in der Zeit des Glaubens an die Wahrheit und an die Realität gebildet worden sind und darum nicht ganz rein und unmißverständlich den neuen Gedanken wiedergeben, aber diesen Mangel wird ein Billigdenker leicht entschuldigen, er wird den Kern des Gedankens aus seinen zufälligen Hüllen herauszuschälen wissen.

Wir sind nun sehr geneigt, einem neuen Gedanken in Bezug auf die Schwierigkeiten seiner begrifflichen Darlegung viel zu gute halten; aber andererseits haben wir doch versucht, die Meinung des Positivismus so scharf und entschieden wie möglich zum Ausdruck zu bringen: vielleicht liegt es an uns, je schärfer wir sie fassen, desto abgeschmackter scheint sie uns zu werden! Im Grunde haben wir es doch nur mit einer Abart des konsequenten Skeptizismus zu tun und der Widerspruch, der diesen unannehmbar macht, hebt auch den Positivismus auf: wenn man die Möglichkeit der Wahrheit überhaupt bekämpfen will, kann man sie doch für die Bekämpfung selbst nicht entbehren. Und dieser Widerspruch, auf den wir in diesem allgemeinen Sinne wohl nicht erst noch näher einzugehen brauchen, läßt sich auch in den Einzelaufstellungen nachweisen. Es soll das Absolute, an sich Bestehende aufgehoben, alles auf ein anderes bezogen werden - das führt doch ins end- und darum ins haltlose; und dieser volle Relativismus wird denn auch sofort aufgegeben, sowie man aus dem allgemeinen Gerede zur genaueren Angabe des positivistischen Endziels übergeht: Lust und Unlust sind doch ebenfalls etwas reales und ihre Verknüpfung mit den Wahrnehmungsinhalten nicht minder - ist denn die Erkenntnis dieser Verknüpfung, worauf es doch vor allem ankommt, etwas, dessen Wahrheit gleichgültig wäre?

Die Unbestimmtheiten und Widersprüche lassen sich nun am einfachsten aus dem vorliegenden Problem ausscheiden, wenn wir die neumodischen Wendungen zunächst beiseite lassen und vom angefochtenen alten Begriff der Wahrheit als dem einmal vorhandenen ausgehen. Es ergeben sich dann sofort zwei Fragen, erstens: ist die Wahrheit etwas tatsächliches oder nur ein leeres Wort? und zweitens: ist es überhaupt nötig, nach der Wahrheit zu fragen, mag sie nun etwas tatsächliches sein oder nicht?

Der, welcher die Frage stellt, ob Wahrheit im alten Sinn etwas tatsächliches ist, muß natürlich den Begriff der Wahrheit im alten Sinne nehmen; danach schreiben wir einem Urteil - und nur einem Urteil - Wahrheit zu, wenn dem gemeinten die durch das Prädikat gedachten Inhalt tatsächlich zukommen, oder allgemeiner, wenn die Dinge sich so verhalten, wie von ihnen im Urteil behauptet wird. Daß nun unseren Urteilen Wahrheit in diesem Sinn zukommt, läßt sich leicht zeigen, welchen erkenntnistheoretischen Standpunkt man auch voraussetzen mag.

Es sei daran erinnert, daß wir den ganz allgemeinen Zusammenhang, der zwischen der Wahrheit und der Transzendenz des Denkens, genauer des Urteilens, also der charakteristischen Eigenschaft des Denkens, besteht, schon in R&T (1), Seite 125f, ausführlicher besprochen haben. Da wir aber dort die Tatsächlichkeit der Wahrheit vorausgesetzt haben. Da wir aber dort die Tatsächlichkeit vorausgesetzt haben, um die Transzendenz zu beweisen, so wäre es unpassend, wollten wir hier umgekehrt die Transzendenz voraussetzen, um die Wahrheit zu beweisen. Jener Beweis der Transzendenz ließe sich allerdings wohl so fassen, daß von der Voraussetzung der Wahrheit zu beweisen. Jener Beweis der Transzendenz ließe sich allerdings wohl so fassen, daß von der Voraussetzung der Wahrheit abgesehen werden könnte: daraus, daß im Urteil wirklich etwas gemeint, behauptet wird, etwas was sich nicht einfach von selbst versteht, nicht im Gegebenen schon enthalten sein kann, daraus also, daß Meinung Gegebensein nicht dasselbe sind, folgt ja die Transzendenz von selbst, welche Folgerung durch Einführung des Begriffs der Wahrheit im Grunde nur verdeutlicht den gewohnten Vorstellungsweisen und Gedankenkreisen besser angepaßt wird.

Wir weisen aber auf diese Möglichkeit nur hin; wir wollen hier einen Beweis führen, der eine unmittelbare Antwort auf den Angriff des positivistischen Konszientalismus zu geben gestattet. Sagen wir, jetzt, wo ich dieses hier schreibe, fährt draußen auf dem Rhein der Dampfer  A  vorbei, so ist diese Aussage nach realistischer Auffassung wahr, wenn draußen wirklich der betreffende Dampfer vorbeifährt. Leugne ich nun die Richtigkeit der realistischen Auffassung und setze die positivistisch-konszientalistische an ihre Stelle, so fällt als Erfüllung der Wahrheitsbedingung allerdings der reale Vorgang auf dem Rhein fort, aber es tritt doch deshalb nicht einfach ein Nichts an seine Stelle: existieren heißt dann wahrgenommen werden oder in Zusammenhang mit Wahrnehmungen stehen. Mein Urteil über den Dampfer muß dann ja ebenfalls konszientalistisch gefaßt werden und sagt nichts mehr über einen "realen" Vorgang, sondern über Wahrnehmungen und Wahrnehmungsmöglichkeiten aus und die Bewährung dieses Urteils besteht naturgemäß nur darin, daß bestimmte Wahrnehmungen im Augenblick desselben oder in Zukunft gemacht werden. Und dann paßt wieder der alte Begriff der Wahrheit: das Urteil ist wahr, wenn das, was behauptet wird, tatsächlich eintrifft.

Davon kann auch der Positivismus nicht abgehen, daß unsere Urteile uns die Möglichkeit geben müssen, Wahrnehmungen vorauszusagen; der Hauptunterschied gegenüber dem Realismus besteht nur darin, daß dieser sich Urteile über die - nicht gegebene - Gegenwart und Vergangenheit erlaubt, der Positivismus aber alle Urteile als Voraussagen über die Zukunft auffaßt: die Behauptung des Realismus, ein Inhalt  A  hat unter den Umständen  B  existiert oder existiert unter den Umständen  B,  heißt konszientalistisch nichts anderes, als daß bei einer unter bestimmten Bedingungen angestellten Beobachtung bestimmte Kennzeichen wahrzunehmen sein werden, eben die, welche den Realisten veranlassen, die Vergangenheit oder Gegenwart von  A  auszusagen. Der Unterschied beider Auffassungen ist also ein solcher, der den Gegenstand des Urteils betrifft, nicht aber das Verhältnis des Urteils zu Gegenstand im allgemeinen. Ob ich behaupte, daß jetzt etwas existiert oder morgen ein Wahrnehmungsinhalt auftreten wird, immer behaupte ich etwas und meine Behauptung wird in beiden Fällen gleicherweise je nachdem wahr oder falsch sein und auch als wahr oder falsch erwiesen werden können. Die Wahrheit - und ebenso die Falschheit - eines Urteils muß also vom Positivisten oder Konszientalisten als etwas tatsächliches anerkannt werden.

Der strenge oder extreme Positivist wird sich aber vielleicht auch durch dieses Ergebnis nicht beirren lassen. Wie er Konszientalist nicht in dem Sinne ist, daß er die Existenz einer Außenwelt einfach abstreitet, sondern nur in dem Sinne, daß er sie für gleichgültig erklärt, die Innenwelt, das Gegebene, für allein berücksichtigenswert hält, so wird er auch, besonders wenn ihm die Wahrheit als tatsächlich, die Existenz der Außenwelt als wahrscheinlich bewiesen ist, sich nicht weiter gegen diese Beweise stemmen, aber dessen ungeachtet behaupten, sie enthielten keine Widerlegung seines Standpunktes: ob Wahrheit und Wahrscheinlichkeit unseren Urteilen tatsächlich zukommt oder nicht, danach frägt er gar nicht, ihn gehe es nur an, ob sie zweckmäßig sind. So mag eine Außenwelt immerhin im Sinne des Realisten existieren und auch ein Beweis dafür vorhanden sein, den Menschen kann nur das interessieren, was ihn von dieser Außenwelt wirklich berührt, was er von ihr wahrnimmt!

Diesem hartnäckigen Skeptizismus liegt aber schließlich eine bloße Wortstreitigkeit zugrunde: er nennt seine Urteile zweckmäßig, wenn sie eine Wahrnehmung wirklich voraussagen; das ist aber nichts anderes, als was nach der alten Bezeichnung Wahrheitsbedingung hieß, denn ein Urteil sagt dann eine Wahrnehmung wirklich voraus, wenn die Wahrnehmung so eintrifft, wie sie vorausgesagt wurde, d. h. wenn das Urteil wahr ist.


2. Abschnitt
Von der Bedeutung der Erfolgssicherheit und Einfachheit
allgemeiner Sätze für ihre Wahrheit, insbesondere für die
Wahrheit des Realismus

Mit der Verdächtigung und Abweisung der Wahrheit im allgemeinen, müssen wir also sagen, hat der Positivismus kein Glück. Er dürfte aber auch nur selten mit Bewußtsein diese extreme (wenn auch folgerichtige) Auffassung vertreten und sie dient ihm im Grunde dann nur als Waffe gegen die verhaßte Denkrichtung, welche mit so veralteten metaphysischen Begriffen wie Ding an sich, Wirklichkeit an sich, eben der Außenwelt, wirtschaftet. In der Tat hat die Infragestellung der Wahrheit dem Realismus gegenüber mehr Sinn; zwar wenn man solche Annahmen macht, wie die einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Welt und daran anschließend dann den Realismus für die beste Annahme erklärt, so ist man eben Realist und ein eigentlicher Streit um den Realismus und das heißt doch um seine Wahrheit, ist, wie schon bemerkt, sinnlos. Aber man muß ja jene Annahme einer lückenlosen Gesetzmäßigkeit nicht machen! Man sagt dann, sie sei nur eine Arbeitshypothese und ebenso vielleicht das realistische System, indem man sich beständig vor Augen hält, daß sich jederzeit Ausnahmen einstellen, ja daß auch nach dem vorliegenden Tatbestand noch ganz andere Annahmen gemacht werden können; die realistische ist dann einfach die bequemste, nach der Art unserer Erziehung nächstliegende, mit der man so lange arbeitet, bis ihre Untauglichkeit offenbar wird. Sie ist dann nur ein Mittel, um auf einfache Weise zu den allein wertvollen Voraussagen von Wahrnehmungen zu gelangen, an sich selbst aber etwas gleichgültiges, aber das es nicht lohnt, sich noch den Kopf zu zerbrechen.

Wir wollen demgegenüber nicht noch einmal geltende machen, daß man den Realismus wenigstens in dem Augenblick annimmt, in dem man mit ihm in der angegebenen Weise arbeitet - das läßt sich nach den obigen Ausführungen wohl nicht mehr verkennen. Wir möchten aber zeigen, daß der Realismus doch etwas mehr ist, als ein so ein an sich verächtliches Denkmittel, das man jeden Augenblick wegzuwerfen bereit ist, sobald sich nur einmal ein anderes Mittel mit dem Anschein größerer Vorteilhaftigkeit darbietet. Wir wollen deshalb auch nicht bloß unser gutes Recht geltend machen, eine Sache für wertvoll zu halten, die dem andern fast wertlos zu sein scheint, sondern wir müssen darauf hinweisen, daß gerade unsere Wissenschaft, die Logik, ein nicht wegzuleugnendes Interesse daran hat, auch den Wahrheitswert der realistischen Annahme festzustellen.

Hält man nämlich an den bisher üblichen Begriffsbestimmungen fest, so haben wir in der Logik die Wissenschaft von der Erkenntnis zu sehen oder vom Denken, welches seinen Zweck, die Wahrheit, erreicht: man kann die Logik daher auch unmittelbar als die Wissenschaft von der Wahrheit definieren; und dann muß natürlich der Satz, es gebe Erkenntnisse, deren Wahrheit gleichgültig ist, als gegen die Grunddefinitionen oder, je nachdem, die Grundbehauptungen der Logik gerichtet, das höchste Interesse dieser Wissenschaft erregen. Das gleiche gilt aber auch, wenn die Logik sich wirklich durch den Positivismus etwas einschüchtern ließe und nur für einen Teil der menschlichen Erkenntnisse Wahrheitswert in Anspruch nähme, für den anderen aber entweder Zweifel hinsichtlich desselben zuließe oder wirklich die Wahrheit durch Zweckmäßigkeit ersetzte. Denn dann würde naturgemäß die Aufgabe entstehen, erstens den Bereich der "wahren" Erkenntnisse gegenüber dem der nur "zweckmäßigen scharf und sicher abzugrenzen und zweites die allgemeinere, das Verhältnis der beiden Begriffe "Wahrheit" und "Zweckmäßigkeit" genauer zu bestimmen. Sollte vor allem die Möglichkeit vorliegen, daß den als nur "zweckmäßig" bezeichneten Urteilen tatsächlich auch Wahrheit zukommt, so müßte diese Möglichkeit oder diese Tatsache selbstverständlich untersucht werden, die Wahrheit oder die Wahrscheinlichkeit der betreffenden Erkenntnisse müßte festgestellt werden, um mit Sicherheit ein Urteil darüber abgeben zu können, ob und warum die Grundanschauungen der Logik geändert werden müssen. Kurz, da das, was man Wahrheit nennt, nicht ganz allgemein als gleichgültig betrachtet werden kann, so darf man auch in besonderen Fällen, vor allem im so wichtigen des Realismus, nicht achtlos darüber hinweggehen; und andererseits, erweist es sich, daß auch in diesem besonderen Fall der Begriff der Wahrheit ausreicht oder sogar schärfer das Ziel der Erkenntnis zu kennzeichnen gestattet, als der allgemeinere Begriff der Zweckmäßigkeit, so sind damit die alten Aussprüche der Logik aufs neue bestätigt und ist zugleich unserem Beweis des Realismus der Schlußstein eingefügt.

Wir haben diesen Beweis oben so geführt, daß wir mit der Wissenschaft die Voraussetzung einer durchgängigen Gesetzmäßigkeit der Natur machten und dann zeigten, daß sich mit dieser Voraussetzung die konszientalistisch-positivistische Weltauffassung nicht verträgt, durch sie vielmehr die realistische gefordert wird. Im Zusammenhang der antirealistischen Gedanken tauchen nun wohl Zweifel an der Richtigkeit dieser von uns gemachten Annahme auf: man gibt eine gewisse Gesetzmäßigkeit als Tatsache zu, wehrt sich aber gegen die verlangte Verallgemeinerung, die Berechtigung dieser wäre also noch zu beweisen. Wir können aber bei einer solchen Sachlage versuchen, auch unmittelbar den Realismus aus der angedeuteten unzweifelhaften Tatsache abzuleiten. Denn die Mittelannahme einer allgemeinen lückenlosen Gesetzmäßigkeit wurde nur der Einfachheit und Bequemlichkeit der Beweisführung halber benutzt: bei der Achtung, die ihr die Wissenschaft zollt und der scharfen Formulierung, die sie wenigsten in einigen Punkten erfahren hat, konnten und können von ihrer Benutzung durchschlagende Erfolge erwartet werden. Der konszientalistisch nur angehauchte Wissenschaftler wird unter ihrer Leitung rasch zur Besinnung über den unabweislich realistischen Grundzug der Wissenschaft gebracht werden und darum wird der Nachweis des Zusammenhangs von Kausalsatz und Realismus, wie wir ihn in R&T (1) andeuteten und hier ausgeführt haben, stets seinen Wert behalten, dem strengen Konszientalisten aber oder Positivisten gegenüber, der jene Annahme unmöglich mitmachen kann, werden wir von dem ausgehen müssen, was er als unbestreitbar zugibt. das ist nun offenbar die Erkenntnis (oder die Annahme), daß wir denken, um sichere Voraussagen zukünftiger Wahrnehmungen - und Gefühle - zu gewinnen und daß in bestimmten Gedanken - den als wahr bezeichneten Urteilen - solche sicheren Voraussagen tatsächlich vorliegen. Weiter wird zugestanden, daß sowohl die Annahme des Realismus wie die einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit sehr geeignet, ja am geeignetsten ist, um die gegebenen Wahrnehmungen in ein solches System zu bringen, daß sich aus ihnen die zukünftigen Wahrnehmungen mit einer gewissen Sicherheit und Leichtigkeit voraussagen lassen.

Wir behaupten nun, daß darum die Annahme einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit und, entweder mit ihr - nach den obigen Ausführungen - oder auch unmittelbar, die des Realismus die wahrscheinlichste ist; und den Beweis dieser Behauptung wollen wir führen, indem wir auf die zugestandenen Eigenschaften dieser Annahme, ihre Erfolgsicherheit und ihre Einfachheit etwas näher eingehen.

Erstens gilt nämlich, wie wir auch schon in R&T, Seite 161 anmerkten und worauf noch weiter unten wieder zurückzukommen sein wird, daß in der Zuerkenntnis dieser Prädikate selbst Induktionen enthalten sind, Annahmen, die weit über das tatsächlich Gegebene hinausgehen, und die, wie sie logisch die Voraussetzung einer weitgehenden Gesetzmäßigkeit einschließen, auch in ihrm psychischen oder physischen Sein und Werden ohne die Tatsache einer solchen gar nicht verstanden werden können. Zweitens aber muß auch bedacht werden, daß der Realismus oder die Kausalauffassung nicht Annahmen sind, die wir erst heute machen, um sämtliche vorhergehenden Beobachtungen zu erklären, in ein System zu bringen, sondern daß diese Annahmen in die graue Vergangenheit zurückreichen, sodaß wir uns kaum denken können, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, in der sie von denkenden Wesen noch nicht gemacht worden wären. Diese Annahmen haben also eine unendlich lange Prüfungszeit hinter sich, in der sie nie durch irgendeine Beobachtung widerlegt - denn dann wären sie überhaupt widerlegt und wohl längst verschwunden - sondern durch alle nur bestätigt worden sind, sodaß sie - soweit es, wie hinsichtlich der Kausalauffassung, möglich ist - sich immer fester einwurzeln und ihren Geltungsbereich immer weiter ausdehnen konnten. Diese Tatsache aber ist für die logische Wertung der Annahmen entscheidend: nicht darauf kommt es an, daß man eine Erklärung findet für eine bestimmte Beobachtung, sondern daß diese Erklärung dann auch auf alle anderen Beobachtungen paßt, die man zur Zeit ihrer Aufstellung noch gar nicht voraussehen konnte.

Es ist dies eine einfache logische Erkenntnis, die aber in Bezug auf die allgemeinsten Fragen nur zu oft gänzlich außer Acht gelassen wird. Wir erinnern an einen dem unseren ganz analogen Streitfall aus früherer Zeit, die Frage, ob die kopernikanische Weltauffassung als eine "wahre" oder nur als eine "rechnerisch zweckmäßige" zu gelten hat. Bekanntlich hatte sich das kopernikanische System gerade unter dem letzteren Titel Eingang verschafft - der kirchliche Glaube konnte ihm die wirkliche Wahrheit nicht zugestehen. Da war es KEPLER, der auf den logischen Irrtum hinwies, der in dieser "zweckmäßigen" Auffassung des kopernikanischen Systems gelegen war. Gewiß, ein wahres Urteil kann auch aus falschen Prämissen erschlossen werden, aber diese müssen dann so künstlich aufeinander zugeschnitten sein, daß sie sich meist schon mit einer dritten Erkenntnis in Widerspruch befinden. Ich kann neben den Schluß "Sokrates war ein Mensch, alle Menschen sind sterblich, folglich war Sokrates sterblich", beliebig viele andere desselben Ergebnisses setzen, wenn ich nur den Mittelbegriff ändere, als etwa: "Sokrates war ein Unmensch, alle Unmenschen sind sterblich, folglich war Sokrates sterblich", daß deshalb aber diese Prämissen, weil sie zum gleichen Schluß führen wie die ersten, auch den gleichen Wahrheitswert hätten, bedarf nicht erst der Widerlegung.

Das ist der Grundgedanke der Induktion und er ist zuerst von KEPLER - zu gleicher Zeit etwa mit GALILEI - ausgesprochen worden, daß erst die nachträgliche Bestätigung des allgemeinen Satzes durch anderweitige Beobachtungen ihm seinen eigentlichen Wert verleiht: nur der allgemeine Satz, der sich in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit befindet, über die er aussagt, also der, welcher wahr ist, wird sich auch bei allen späteren Beobachtungen als mit ihr übereinstimmend erweisen: der, welcher von der Wirklichkeit etwas aussagt, was ihr nicht zukommt, muß eines Tages entlarvt werden.

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904
    Anmerkungen
    1) WILHELM FREYTAG, Der Realismus und das Transzendenzproblem - Versuch einer Grundlegung der Logik, Halle a. S. 1902