cr-2V. KraftW. DiltheyF. PaulsenE. ZellerA. RiehlH. Bergmann     
 
WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
[9/11]

Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Die Frage nach der Wahrheit drängt uns aber noch einen Schritt weiter: ist denn das, was der Positivist als gesichert annimmt, die Summe von Erfahrungssätzen und mehr oder weniger allgemeinen Voraussagen von Wahrnehmungen wirklich gesichert bewiesen? Wir haben gesehen, daß nur das Gegebene als ganz sicher zu betrachten ist, jedes Urteil geht aber über das Gegebene hinaus."

"Die letzten Prämissen allen Beweisens sind unbeweisbar und zu ihnen gehören nicht nur die sogenannten formalen Gesetze der Logik, sondern auch sogenannte materiale Sätze, wie die Annahme, welche den Induktionen als Prinzip zugrunde liegt."

V. Hauptstück
Von der Beweisbarkeit des Realismus

2. Abschnitt
Von der Bedeutung der Erfolgssicherheit und Einfachheit
allgemeiner Sätze für ihre Wahrheit, insbesondere für die
Wahrheit des Realismus

[ Fortsetzung ]

Das Verfahren bei der Aufstellung eines allgemeinen Satzes ist daher das folgende: eine Beobachtung oder mehrere Beobachtungen werden gemacht; viele Sätze, durch welche diese Beobachtungen ihre "Erklärung" finden, unter welche sie als besondere Fälle zusammengefaßt werden könnten, sind möglich; man wählt denjenigen ,der sich von selbst aufdrängt, der am besten in das schon vorhandene System allgemeiner Sätze paßt, der am einfachsten, am übersichtlichsten ist oder sich sonstwie empfiehlt. Dann aber muß auf seine Bestätigung gesehen werden: die liegt nun meist schon in der eben erwähnten Rücksichtnahme auf andere Sätze und sonstige Bedingungen enthalten, denn mit ihr ist nichts anderes gesagt, als daß der Satz nicht bloß die  neue  Beobachtung erklärt, zu  ihr  paßt, sondern auch eine Erklärung für anderweitige Tatsachen und Gesetze abgibt oder umgekehrt von solchen seine Erklärung empfängt, kurz durch dieselben bestätigt wird oder daß andererseits für ihn die allgemeine Erfahrung als Bekräftigung in Anspruch genommen wird, daß das Einfachste auch meistens das Wahre ist. In anderen Fällen muß die Bestätigung aber erst von neuen Beobachtungen erwartet werden: aus dem allgemeinen Satz ergeben sich als Folgerungen nicht nur die tatsächlich vorliegende Erfahrung, sondern meist durch Berücksichtigung anderer schon als gesichert geltender Erkenntnisse noch beliebig viele weitere, die am zweckmäßigsten als Voraussagungen zukünftiger Beobachtungen ausgesprochen werden. Diese Voraussagen beziehen sich dann entweder auf Tatsachen derselben Art wie die beobachtete Ausgangstatsache oder aber auf solche, die ganz anderen Gebieten des Geschehens und Seins angehören. Namentlich Voraussagen der letzteren Art sind es nun, welche durch ihr Eintreffen zur Sicherung des allgemeinen Satzes beitragen, denn je gleichartiger die späteren Beobachtungen mit der ersten sind, desto weniger beschränken sie die für diese gegebenen Erklärungsmöglichkeiten und desto weniger beschränken sie die für diese gegebenen Erklärungsmöglichkeiten und desto größer ist die Gefahr, mit der gewählten Erklärung in die Irre zu gehen; umgekehrt aber, je weiter die Gebiete der neuen Beobachtungen voneinander und von dem der ersten abweichen, umso mehr schränken sie den Erklärungsspielraum dieser ersten ein und um so geringer ist die Gefahr eines Irrtums, umso größer also die Wahrscheinlichkeit der gewählten Erklärung. Am größten aber wird diese offenbar dann sein, wenn mögliche Folgerungen des allgemeinen Satzes sich so weit von allen bis dahin bekannten Erscheinungen entfernen, daß sie zur Zeit der Aufstellung desselben nicht einmal geahnt werden konnten.

Eine solche Bestätigung allergrößter Wahrscheinlichkeit hat sich nun beim als Analogie zu unserem Fall gewählten Beispiel des kopernikanischen Systems eingestellt. Indem KEPLER die tatsächlich beobachteten Bewegungen der Gestirne kopernikanisch deutete, gelangte er zu seinem dritten Gesetz über die Umlaufszeit der Planeten, wobei er selbst natürlich dasselbe von ihm ja klar gekennzeichnete induktive Verfahren anwandte. Daß sich solche schönen Erfolge mit Hilfe der kopernikanischen Weltauffassung gewinnen ließen, das war schon für ihn Bestätigung genug; aber die weiteren Ergebnisse dieser Art zu denken, waren noch erstaunlicher: die von GALILEI ausgehende Mechanik gelangte zu einem Bewegungsgesetz für sich anziehende Massen, das genau übereinstimmte mit dem KEPLERschen Gesetz der Umlaufszeiten! Auf der einen Seite also steht die Beobachtung der Planetenbewegung und ihre Erklärung durch KOPERNIKUS und KEPLER, auf der anderen Beobachtungen von Fallerscheinungen und Kreisbewegungen kleiner Massen auf der Erde und darauf gegründete Gesetze; nun wird die Annahme gemacht, daß die Planetenmassen sich verhalten wie die irdischen Massen und daß demgemäß bei ihren Bewegungen umeinander ebenfalls Anziehungskräfte oder Zentripetalbeschleunigungen wirksam sein müssen und es ergibt sich, daß tatsächlich das aus Beobachtungen der irdischen Vorgänge gewonnene mechanische Gesetz dasselbe ist, wie das aus den Beobachtungen des Himmels erhaltene, astronomische; oder anders ausgedrückt, aus der kopernikanischen Auffassung ergibt sich als Folgerung ein Gesetz über die Bewegung und Anziehung von Massen, das durch die ganz unabhängig von ihr zu gewinnenden Beobachtungen der Mechanik bestätigt wird. - Daß historisch betrachtet, auf die Entdeckung der mechanischen Gesetze die Kenntnis der astronomischen von Einfluß war, kommt hier natürlich nicht in Betracht: logisch sind beide unabhängig voneinander und weder KOPERNIKUS, noch KEPLER ahnten, daß die mechanischen Gesetze aus ihren astronomischen gefolgert werden könnten. So hat sich der Gedanke KEPLERs von der Bestätigung des kopernikanischen Satzes durch weitere Folgerungen und durch weitere Beobachtungen selbst glänzend bestätigt und immer neue Bestätigungen sind zu erwarten.

Genau das gleiche gilt aber von dem Fall, der uns beschäftigt. Die Beobachtung oder Tatsache, von der wir ausgehen, ist die, daß Wahrnehmungen vorausgesagt werden können - unter bestimmten Bedingungen oder Einschränkungen. Eine Erklärung dieser Tatsache, besonders der Einschränkungen, ist nicht möglich aufgrund einer konszientalistischen Weltauffassung, wird dagegen in sehr einfacher Weise gegeben durch die Annahme einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit und einer jenseits der Bewußtseinsinhalte gelegenen Außenwelt. Selbst wenn nun zugegeben wird, daß noch irgendwelche anderen Erklärungen der Ausgangstatsache denkbar sein möchten, so können doch diese denkbaren Erklärungen neben der realistischen gar nicht mehr ernsthaft in Betracht gezogen werden, da die weitere Tatsache besteht, daß der Realismus eine schier unendliche Reihe von Prüfungen bestanden, eine Unsumme von Bestätigungen erfahren hat. Man muß von einer Bestätigung nur nicht das Unmögliche fordern: sie kann nie den absoluten Beweis ergeben. Das folgt schon daraus, daß der zu beweisende Satz allgemein ist, jede Beobachtung aber nur Einzeltatsachen beibringen kann. So darf nicht verlangt werden, daß die allgemeine Gesetzmäßigkeit selbst je beobachtet werden müßte, es darf aber auch nicht verlangt werden, daß die Außenwelt oder ein Stück derselben selbst je in dem Sinne beobachtet, wahrgenommen werden müßte, daß es zum Inhalt der Wahrnehmung, also zu einem Bestandteil der Innenwelt würde - denn das ist schon begrifflich ausgeschlossen. Nie handelt es sich in der Betätigung eines Gesetzes um die Beobachtung dieses Gesetzes selbst, sondern stets nur um die Beobachtung von Vorgängen oder Inhalten, wie sie aufgrund des Gesetzes angenommen, aus ihm gefolgert werden mußten. So kann auch die Bestätigung des Realismus in nichts anderem bestehen als in Beobachtungen, wie sie aus seiner Annahme vorauszusagen sind; und die Bestätigung wird umso gewisser sein, je größer die Zahl der eingetroffenen Fälle und je mannigfaltiger ihre Art ist.

Daß so eine Bestätigung des Realismus vorhanden ist in überreichlicher, ja erdrückender Fülle, darüber ist auch tatsächlich kein Zweifel vorhanden. Die Menschheit hat diesen Standpunkt, nachdem sie ihn einmal errungen hat - wenn das für den Menschen überhaupt notwendig war - nie wieder verlassen: von ihm aus fand sie alle Erklärungen, die sie im täglichen Leben wie in der Wissenschaft nötig hatte, auf ihm allein konnte sie den Kampf ums Dasein mit Erfolg führen.

Diese Fähigkeit des Realismus, allen Beobachtungen, allen Fällen des menschlichen Lebens in einzigartiger Weise gerecht zu werden, wird dann - und darin offenbart sich vor allem seine Bedeutung - auch von den Gegnern anerkannt: auch wo man theoretisch eine antirealistische Weltauffassung als die allein richtige aufstellt, gibt man doch zu, daß praktisch genommen der Realismus allein als brauchbar in Betracht kommt. Wir können nun keine Aufzählung auch nicht der Gruppen von Fällen, die eine Bestätigung des Realismus enthalten, versuchen - das ganze Leben, die ganze Wissenschaft müßten hier vorgeführt werden; es sei nur auf zwei Tatsachen von grundlegender Bedeutung hingewiesen, darauf, daß es überhaupt ein Leben und daß es überhaupt eine Wissenschaft gibt.

Man überdenke einmal den Fall, daß innerhalb eines sonst geschlossenen Kausalzusammenhanges nur ein einziger Vorgang, etwa eine Explosion, nicht nach bestimmten Gesetzen, sondern ganz und gar zufällig, unbestimmbar erfolgt. Glaubt man wirklich, daß wir dann so existieren könnten, wie wir es tun? In jede beliebige Kausalreihe, in den Verlauf einer chirurgischen Operation, die Rede des Geistlichen, den Stapellauf eines Kriegsschiffes, den Kathedervortrag des Konszientalisten könnte dieser unliebsame Vorgang hineinplatzen und müßte es auch oft genug tun, wenn er so gänzlich willkürlich, unberechenbar wäre. Und nun haben wir gesehen, daß nach konszientalistischer Auffassung für jeden beliebigen Vorgang diese Möglichkeit besteht: in manchen Fällen gehen dem Auftreten eines (Wahrnehmungs-) Inhaltes andere (Wahrnehmungs-) Inhalte voran, aber in den meisten fehlt eine solche Warnung. Sollen nur diejenigen Dinge Wirklichkeit haben, die wahrgenommen werden - Wahrnehmungsmöglichkeiten, sahen wir, liefern keine brauchbare Ergänzung -, so muß die Welt mehr Ausnahmen als Regeln zeigen, sie muß im Grunde ein Chaos sein und wie sich in diesem Chaos so komplizierte Gebilde, wie es die lebenden Wesen, besonders wir selbst, die Menschen, sind, erhalten möchten, ja wie es in ihm überhaupt etwas anderes als Trümmer und Splitter geben könnte, bleibt unerfindlich.

Natürlich wäre in einer solchen Welt auch keine Wissenschaft möglich; ihre Unmöglichkeit läßt sich aber auch dartun, wenn man von den Zerstörungen absieht, denen sie und ihre Träger in einem konszientalisischen Chaos ausgesetzt wären. Ziel der Wissenschaft, sagt man, ist, die Welt zu erklären; und auch wir haben uns auf diesen Zweck in den obigen Ausführungen vielfach berufen. Was heißt es aber, etwas zu erklären? Nichts anderes, als speziellere Erkenntnisse auf allgemeinere zurückführen! Ich stelle fest, daß der Einzelinhalt  A  die Eigenschaft  b  aufweist und erkläre das durch die allgemeiner Erkenntnis, daß immer  A  mit  b  verbunden ist und das vielleicht wieder durch die weitere Erkenntnis, daß  A  auch eine Eigenschaft  a  hat und alle Dinge, die  a  haben, auch  b  haben müssen usw. Die Welt, das Wirkliche, erklären, heißt also, ein System von allgemeinen Sätzen aufstellen, durch welche alle Einzeltatsachen, alle Einzelbeobachtungen in einen streng gesetzmäßigen Zusammenhang gebracht werden. Und diesem Zweck dienen wie die Wissenschaft, das Denken überhaupt, so auch die einzelnen Teile der Wissenschaft, die einzelnen Arten von Gedanken. Die allgemeinen Begriffe gebrauchen wir, um unzählig viele Einzelinhalte durch einen einzigen zusammenzufassen und die allgemeinen Urteile, die Verbindungen dieser unzähligen Einzelinhalte in einem einzigen Akt darzustellen. Treffen wir nun auf ein beliebiges Ding, so ordnen wir es durch den Betriff in das System der uns bekannten Dinge ein und durch die Urteile machen wir uns darauf gefaßt, in genau bestimmter Verbindung mit ihm auf andere bekannte Dinge zu stoßen, - so bewältigen wir die Vielgestaltigkeit der Welt nach allen Richtungen, vor allem auch in Bezug auf die Zukunft.

Es sind alte bekannte Begriffe, mit denen wir hier das Wesen der Wissenschaft, des Denkens bestimmen; der moderne Positivist glaubt sie durch bessere ersetzen zu können, aber das Endergebnis, zu dem er gelangt, ist im Grunde doch das alte, nur einseitiger ausgesprochen: Voraussage der Zukunft.

Fragen wir nun, kann die Wissenschaft dieses Ziel erreichen, so ist die Antwort natürlich: nur wenn eine strenge Gesetzmäßigkeit wirklich besteht! Das ist so selbstverständlich, daß wir nicht weiter davon reden wollen. Fragen wir aber einmal weiter, wie es möglich ist, daß in der Welt überhaupt etwas mit so einem Zweck entstehen konnte? Ist das Denken, die Wissenschaft nichts anderes als eine Waffe im Daseinskampf und eine solche, die sich glänzend bewährt hat und gilt der Satz DARWINs, daß sich im Daseinskampf nur das erhält, was seinen Daseinsbedingungen angepaßt ist, so ergibt sich doch mit zwingender Notwendigkeit der Schluß, daß das Denken seinen Zweck tatsächlich erfüllen muß, daß die Welt so beschaffen ist, wie es die ganze Anlage des Denkens vorausgesetzt daß sie also allgemeine Gesetzmäßigkeit tatsächlich besitzt.

Wir beweisen nicht mehr, daß das Denken nicht die Welt macht: die Welt macht das Denken und dann natürlich so, wie sie es braucht. Gäbe es nicht durchgehende Übereinstimmungen der unzähligen Einzeldinge, wie wäre es möglich, daß sich Allgemeinbegriffe zu ihrer Zusammenfassung bilden konnten? Gäbe es keine streng gesetzmäßigen Zusammenhänge von Inhalten, wie wäre es möglich, daß sich in unserem Denken die allgemeinen Urteile zum tatsächlich vorhandenen Übergewicht entwickeln konnten, daß in ihnen fast der ganze Sinn und Zweck des Denkens überhaupt ausgedrückt erscheint? Wäre die Welt anders, als es nach der Auffassung des Lebens und der Wissenschaft erscheint, sie hätte eine andere Auffassung, ein anders geartetes Denken zu ihrer Bewältigung erzeugen müssen; da diese Auffassung nun aber besteht und immer fester wird, so muß sie auch als zu Recht bestehend angesehen werden; denn es handelt sich in ihr nicht um einzelne Erkenntnisse, die jeden Tag widerlegt werden können und werden, sondern um eine allgemeine Art des Denkens, an deren endgültiger Abänderung sogar der Konszientalist verzweifelt.

Wir sagen hier Art des Denkens, weil wir nicht so weit gehen, ein jedes andere Denken als das realistische, als das Denken mit streng allgemeinen Urteilen (die natürlich immer nur auf Wahrscheinlichkeit, nie auf absolute Wahrheit Anspruch machen, aber mit jener Wahrscheinlichkeit eben alle Ausnahmen ausschließen), einfach als unmöglich, als undenkbar zu bezeichnen. Denkunmöglich wären auch Gedanken, die einem anderen Ziel als der Allgemeingültigkeit in Begriff und Urteil nachstreben, diese vielleicht ausschließen: das realistische Denken wird hier nicht a priori als richtig bewiesen, sondern durch die empirische Tatsache, daß es das alleinherrschende ist und durch die Deutung dieser Tatsache nach darwinistischen Grundsätzen.

So führt die biologische Betrachtung, sobald man sie nur bis zu Ende durchführt und nicht willkürlich oder vielmehr an einem dem Positivismus allein passenden Punkt Halt macht, zu genau dem gleichen Ergebnis wie vorher die logische: das Denken und im Besonderen das realistische Denken ist ein zweckmäßiges Mittel, dessen sich der Mensch im Kampf des Lebens bedient, durch diese Zweckmäßigkeit wird aber die Wahrheit oder die Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil gefordert. Und wenn wir diese Betrachtung an die Eigenschaft der Erfolgssicherheit des realistischen Denkens angeschlossen haben, so können wir sie ebenso auch auf dessen zweite oben hervorgehobene Eigenschaft, die Einfachheit, anwenden.

An eine Waffe werden zwei Anforderungen gestellt: erstens muß sie geeignet sein, den Feind zu vernichten, dann aber muß sie sich auch leicht und sicher handhaben lassen. Was nützt ein Schwert, das zu schwer ist, um es zu schwingen, wenn es auch, einmal geschwungen, dem Gegner den sicheren Tod brächte? Oder was nützt eine Seemine, die explodiert, indem man sie auslegt? Ohne Bild zu sprechen, wenn das Denken dazu da ist, die Zukunft vorauszusagen, vor kommenden Ereignissen zu warnen, so darf es selbst offenbar dem denkenden Wesen keine größeren Unanehmlichkeiten, keinen größeren Energieverlust verursachen, als die Ereignisse, vor denen es warnt: ein jeder Gedanke ist umso besser, je geringere Anstrengung sein Denken erfordert, je einfacher er ist, immer vorausgesetzt, daß er sonst seinen Zweck der sicheren Voraussage erfüllt.

Der Positivist faßt die Sachlage nun so auf, daß, der schon erörterten logischen Möglichkeit entsprechend, einen jeden Schluß von verschiedenen Prämissen aus zu erreichen, auch eine jede Voraussage aufgrund beliebig vieler und beliebig verschiedener allgemeiner Sätze gemacht werden kann, daß die Zahl dieser allerdings etwas eingeschränkt wird durch die nötige Rücksichtnahme auf das schon vorhandene System von allgemeinen Sätzen und Einzelbetrachtungen, schließlich aber doch die Auswahl unter mehreren offen bleibt und diese Auswahl dann nach dem Grundsatz der Einfachheit getroffen werden muß und getroffen wird. Und mit dieser Auffassung wird die weitere verbunden, daß, wenn im früheren Gesichtspunkt der Sicherheit vielleicht noch eine Wahrheitstendenz gefunden werden kann, im anderen, dem der Einfachheit, jedenfalls mit dieser Tendenz vollständig gebrochen sei. In der Tat sieht es zunächst so aus, als ob in der Beurteilung eines Gedankens nach der Norm der Einfachheit gänzlich vom Gegenstand desselben und damit von der Wahrheit abgesehen und der Gedanke nur nach seiner subjektiven Beschaffenheit in seinem Verhältnis zum Gehirn und dessen Energievorrat betrachtet würde.

Aber wir behaupten, die Einfachheit eines Gedankens ist zwar nicht dasselbe wie die Erfolgssicherheit und die Wahrheit, aber sie ist mit diesen Eigenschaften auf das Engste verbunden. Man stelle sich nur einmal das Gegenteil vor, ein Gedanke werde seiner Einfachheit wegen einem anderen vorgezogen, sei aber tatsächlich falsch, der andere aber wahr! So ist gewiß, daß man mit dem falschen aber einfachen Gedanken eine Zeitlang sehr gut auskommen wird - es war ja mit vorausgesetzt, daß er zu bestimmten vorliegenden Tatsachen paßt; aber wir brauchen wohl nicht erst auf die obigen Ausführungen zurückzuweisen, um deutlich zu machen, daß schließlich doch einmal eine Beobachtung gemacht werden muß, welche die Grundlosigkeit des falschen Satzes aufdeckt. Und so geschieht es auch oft genug: man erkennt, daß man sich eine Sache viel zu einfach gedacht hat, daß sie "in Wirklichkeit" viel verwickelter ist.

Wenn man aber andererseits in noch zahlreicheren Fällen findet, daß sich der einfachere Gedanke immer mehr bestätigt, je mehr sich sein Anwendungsgebiet erweitert, so ist daraus doch die bestimmte Erkenntnis zu ziehen, daß die Einfachheit eines Gedankens mit gewissen Einschränkungen als eine Bürgschaft für seine Wahrheit angesehen werden darf. Wir sehen jedenfalls, daß die Einfachheit ohne die Wahrheit nur vorübergehenden Wert hat, erst die Wahrheit verleiht ihr den Dauerwert, auf den es doch letztlich und auch gerade für die Frage, die uns hier interessiert, ankommt. Die Einfachheit eines Gedankens ist also nur deshalb ernsthaft als Empfehlung desselben zu nehmen, weil Grund zur Vermutung vorhanden ist, daß das Einfache sich bestätigen, sich als das Wahre zeigen wird. So versucht man es im Betrieb der Wissenschaft zuerst stets mit der einfachsten Erklärung, nicht weil sie an sich bequem zu denken ist, sondern weil man erwartet, mit ihr am weitesten zu kommen. Auch in dieser Erwartung steckt die Hoffnung einer Kraftersparnis, aber diese Hoffnung gründet sich auf die Annahme, daß der einfache Satz wahr sein wird, seine Widerlegung und die Notwendigkeit, einen neuen aufzustellen, die ganze Arbeit noch einmal zu tun, wenig wahrscheinlich ist.

Bezeichne ich daher den Realismus als die einfachste Weltauffassung, so ist damit notwendigerweise die Vermutung ausgesprochen, daß er auch wahr sei und sich auch als wahr zeigen wird; der Positivist muß also auch von diesem Gesichtspunkt aus die Wahrscheinlichkeit der realistischen Auffassung zugeben. (Die Bestätigung dieser Vermutung liegt natürlich in eben den Tatsachen, die schon oben dafür in Anspruch genommen wurden).

So viel also ergibt sich, wenn ich die Eigenschaft der Einfachheit vom logischen Gesichtspunkt aus betrachte; die biologische Betrachtung stellt sich nicht anders. Die Natur hat das Gehirn, den Geist des Menschen als ein Organ erzeugt, welches alle Vorgänge der Welt gewissenhaft aufzeichnet und aufgrund dieser Aufzeichnungen eine der Natur der Wirklichkeit möglichst genau angepaßte Gegenwirkung ermöglicht. Da sich nur das Zweckmäßigste erhält, so muß auch das Gehirn seinen Zweck gut erfüllen. Was wollte man nun sagen, wenn es so arbeitete, daß diejenigen Aufzeichnungen und Reaktionen, welche der Natur, der Außenwelt am genauesten entsprechen, mit dem größten Energieverbrauch, die abweichenden aber mit einem geringeren verbunden wären? Offenbar fordert die darwinistische Auffassung die Annahme, daß das Gehirn so eingerichtet ist, daß es mit dem geringsten Kraftaufwand, also auf die einfachste Weise, auch die genauesten Reaktionen auf die Wirklichkeit liefert. Sind nun die realistischen Gedanken die einfachsten Reaktionen auf die Eindrücke, welche von der Welt ausgehen, so sind sie demgemäß mit Wahrscheinlichkeit auch als die genauesten anzusehen, d. h. es ist anzunehmen, daß die Welt so beschaffen ist, wie sie es aussagen!


3. Abschnitt
Letzte Prämissen

Wir waren von der Erkenntnis ausgegangen, daß die Wissenschaft vom Wahrheitswert ihrer Urteile nicht absehen kann und haben nunmehr nachgewiesen, daß dem System des Realismus auch nach dem, was der Positivist als gesichert annimmt, nicht bloß Zweckmäßigkeit, sondern auch Wahrheit oder genauer Wahrscheinlichkeit zukommt. Die Frage nach der Wahrheit drängt uns aber noch einen Schritt weiter: ist denn das, was der Positivist als gesichert annimmt, die Summe von Erfahrungssätzen und mehr oder weniger allgemeinen Voraussagen von Wahrnehmungen wirklich gesichert bewiesen? Wir haben gesehen, daß nur das Gegebene als ganz sicher zu betrachten ist, jedes Urteil geht aber über das Gegebene hinaus; insbesondere stellen sich die Annahmen des Positivismus als Induktionen dar und zwar sind nicht nur die sogenannten Voraussagen solche - denn wenn vom Positivisten auch vielleicht die Formulierung als allgemeiner Satz beanstandet würde, das wesentliche der Induktion liegt darin, daß sie aufgrund bestimmter Erfahrungen auf weitere ähnliche Erfahrungen schließt und das geschieht durch jede Voraussagung -, sondern auch die Behauptung, daß eine bestimmte Auffassung, etwa der Realismus, das einfachste Gedankensystem, die praktisch zweckmäßigste Weltanschauung darstellt, ist natürlich eine Induktion. Welches Recht besteht nun, fragen wir, für die in diesen Induktionen enthaltenen Erfahrungsüberschreitungen?

Wir müssen hier etwas wiederholen, was wir schon in R&T (1) Seite 161 und sonst auch hervorgehoben haben, was aber von naturwissenschaftlicher Seite mißverstanden worden ist. Da man nämlich eingesehen hat, daß es für Behauptungen über die Wirklichkeit keine denknotwendigen Begründungen gibt - ganz abgesehen von der Frage, ob es solche überhaupt gibt -, und eine andere logische Begründung gerade für die hier in Frage gestellten letzten Sätze nicht möglich ist, so hat man gemeint, es anstelle des logischen einmal mit einem biologischen Beweis zu versuchen. Darwinistische Gedanken, wie wir sie oben darlegten, werden benutzt, um zu zeigen, daß allgemeine Sätze, Induktionen, Erfahrungsüberschreitungen zwar nicht denk- wohl aber lebensnotwendig sind, daß wir ohne dieselben weder existieren noch denken können. Nun sind wir weder der Meinung, daß diese Behauptungen falsch sind, noch der Meinung, daß sie für die Frage des Realismus oder für die Wissenschaft überhaupt ohne Belang wären - wir haben ja selbst von ihnen Gebrauch gemacht -; wogegen wir uns wenden, ist, daß man diese Erkenntnisse so auffassen möchte, als ob in ihnen ein wirklicher letzter Beweis des Realismus gegeben wäre. Es gibt nicht zwei Arten von Beweisen, logische und biologische, sondern auch die der Biologie wie jeder anderen Wissenschaft müssen logisch sein; und das Schema des Beweises ist immer, daß ein noch nicht Gesichertes auf eine Sicheres zurückgeführt wird. Wie kann man nun daran denken, das Recht der primitiven Induktionen des Positivismus oder der Induktionen überhaupt, die tatsächliche Erfahrung zu überschreiten, wieder durch Induktionen des Positivismus oder der Induktionen überhaupt, die tatsächliche Erfahrung zu überschreiten, wieder durch Induktionen, nämlich die Erkenntnis ihrer Zweckmäßigkeit, ihrer Lebensnotwendigkeit beweisen zu wollen? Man würde ja voraussetzen, was man beweisen will, daß nämlich Wahrheit auch über das Gegebene hinaus besteht.

Es ist vielmehr offenbar, auch hier behält die alte Auffassung Recht, daß nicht alles bewiesen werden kann: die letzten Prämissen allen Beweisens sind unbeweisbar und zu ihnen gehören nicht nur die sogenannten formalen Gesetze der Logik, sondern auch sogenannte materiale Sätze, wie die Annahme, welche den Induktionen als Prinzip zugrunde liegt.

Etwas anderes ist es natürlich, wenn man die biologischen Erkenntnisse benutzt, um zu zeigen, wie schön sie zum Realismus oder sonst einem Gedankensystem passen, wie geeignet sie sind, dasselbe auch von anderen Seiten als den gewöhnlich beachteten zu beleuchten und zu erklären; aber man muß sich stets vergegenwärtigen, daß man mit dieser Erklärung schon die realistischen Grundannahmen voraussetzt und daß darum mit ihr nicht das System, sondern nur seine Widerspruchslosigkeit in sich selbst von neuem bewiesen, also nur eine weitere Bestätigung zu den übrigen gefügt wird.

Und das ist es, was wir zum Schluß zusammenfassend betonen wollen: es ist nicht eine einfache von gesicherten Prämissen ausgehende Schlußreihe, die zum Realismus führt, sondern wie sich er als Grundannahme durch fast all unsere Gedanken hindurchzieht, so findet er auch seine (volle) Bestätigung nur durch die Beziehung auf all diese Gedanken. Nicht mit Ausschnitten und einseitigen Abstraktionen derselben darf man sich begnügen, wenn man über ihn urteilen will, sondern an ihre Haupteigentümlichkeiten, ihre Grundrichtungen muß man denken, an das etwa, was durch den Begriff "Erklärung" bezeichnet wird: innerhalb des Realismus fügt sich Erklärung zu Erklärung, alles paßt harmonisch zueinander oder es ist begründete Vermutung zur Annahme vorhanden, daß es in seiner Harmonie einst offenbar werden wird, jeder ernsthafte Versuch aber, antirealistisch zu denken, macht aus der erklärbaren Welt eine Welt der Rätsel und zwar solcher, die prinzipiell unlösbar sind!

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904
    Anmerkungen
    1) WILHELM FREYTAG, Der Realismus und das Transzendenzproblem - Versuch einer Grundlegung der Logik, Halle a. S. 1902