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WILHELM FREYTAG
Die Erkenntnis der Außenwelt
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Einleitung
I. Die erkenntnistheoretischen Standpunkte
II. Allgemeine Fragen der Transzendenz
III. Allgemeine Gesetze der Naturwissenschaft
IV. Der Zusammenhang der Wahrnehmungen
V. Von der Beweisbarkeit des Realismus
VI. Von der Art des realistischen Denkens

"Indem das Gehirn urteilt, darf es also nicht nur die vorliegende Einwirkung der Außenwelt getreulich verzeichnen, sondern muß sie in Zusammenhang bringen mit früheren Aufzeichnungen, aus denen schließlich jene Einstellung oder Reaktion des Gehirns hervorgeht, welche als Voraussagung einer neuen Einwirkung, eines neuen Erlebnisses oder als Annahme der Existenz von etwas mit jener Einwirkung erfahrungsgemäß Verbundenem bezeichnet wird."

VI. Hauptstück
Von der Art des realistischen Denkens

1. Abschnitt
Das unbewußte Geistige und
seine Bedeutung für den Realismus

Neben den grundsätzlichen Vorwürfen, welche von der Kritik gegen den in R&T vertretenen Realismus gerichtet wurden, war mehr oder weniger deutlich ausgesprochen auch der andere zu finden, daß mit den ganzen dort gegebenen Beweisen doch eigentlich nur eine, auch als nebensächlich, ja gleichgültig bezeichnete, Vorarbeit geleistet sei, daß die Hauptsache erst noch getan werden muß. Die Hauptsache wofür? fragen wir. Es ist doch selbstverständlich, daß man in einem Buch nicht alles behandeln kann, aber auch nicht behandeln darf! Es kommt in der Wissenschaft immer darauf an, daß man sich ein bestimmtes Problem stellt und dieses auch zu lösen versucht - daß dann immer noch Probleme genug übrig bleiben, auch solche, die mit dem gegebenen Lösungsversuch in Zusammenhang stehen, ist doch kein Vorwurf gegen diesen!

In R&T (1) wollten wir dartun, daß dem Denken und Erkennen ganz allgemein die Eigenschaft der Transzendenz zukommt und daß die auf die Außenwelt gerichtete Transzendenz nur ein besonderer Fall der allgemeinen ist; wir bewiesen die allgemeine Transzendenz und zeigten, daß auch die Form derselben, welche in den Erkenntnissen und Hypothesen der Naturwissenschaft, etwa der Atomistik oder der Energetik, zum Ausdruck kommt, gegen die inhaltliche Transzendenz, keine Einwendungen, am wenigsten allgemein philosophische, gemacht werden können. Irgendwelche besondere Erkenntnis von der Außenwelt aber als wahr zu erweisen, konnte uns nicht in den Sinn kommen - denn das ist Sache eben der Naturwissenschaft, nicht aber der Logik oder Erkenntnistheorie!

Etwas anders liegt es jetzt natürlich, wo wir das Problem des Realismus zu eigentlichen Mittelpunkt der Erörterung gemacht haben. Dieses Problem, erklärten wir, gehört dem Grenzgebiet zwischen der Naturwissenschaft auf der einen und der allgemeinen oder eigentlichen Erkenntnistheorie auf der anderen Seite an. Irgendwie muß hier also auf das Gebiet der Natur wissenschaft übergegriffen werden; daß wir aber diese Übergriffe möglichst beschränkt haben, wird man uns heutzutage, denken wir, nur zugute halten. Selbstverständlich haben wir einige Erkenntnisse der Naturwissenschaft für unsere Zwecke benutzt und ihnen die diesen Zwecken am besten entsprechende Form gegeben, auch auf Erweiterungen hingewiesen. Aber so verfährt ja jede Wissenschaft den Ergebnissen einer anderen gegenüber.

Die Frage aber, mit der wir wirklich tiefer in das Reich der Naturwissenschaft eindrangen, ob die Außenweltserkenntnisse konszientalistisch-positivistisch umzudeuten seien oder ihr alter realistischer Sinn festgehalten werden müsse, diese Frage haben wir im wesentlichen erledigt - auf einige vielleicht wünschenswerte Ergänzungen des von uns gebotenen werden wir sogleich kommen. Da nun auch vom Antirealisten nicht an der sonstigen Wahrheit der Außenweltserkenntnisse gezweifelt wird oder gezweifelt werden kann, so sind auch für ihn diese Erkenntnisse als vollgültig erwiesen, die Außenwelt ist als prinzipiell vollständig erkennbar dargetan. Und dann kann weiter gefolgert werden, wenn wir an die oben als Programm aufgestellten Fragen denken, daß die Außenwelt nicht bloß numerisch, sondern auch inhaltlich recht verschieden von der Innenwelt ist.

Wir hatten in der Verfolgung unseres Gedankenganges Anlaß genommen, einen besonderen Beweis hierfür zu erbringen, jetzt brauchen wir nur an einen beliebigen Satz der Naturwissenschaft zu erinnern, etwa an den von der Erhaltung der Masse, um den Unterschied von Innen- und Außenwelt deutlich zu machen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß eine unveränderliche Größe, eine "Erhaltung" auf dem Gebiet des psychischen Geschehens, der Bewußtseinsinhalte, überhaupt nicht vorliegt und es ist sicher, daß das, was von der Physik  Masse  genannt wird, sei es, daß man diesen Begriff durch die Beziehung auf das Gewicht oder auf den Widerstand gegen die Bewegung definiert, unter den Bewußtseinsinhalten nicht zu finden ist. Und entsprechendes gilt von unzähligen anderen Sätzen und Begriffen: die Begriffe der Energie, der Massenanziehung, des Kapazitätsfaktors usw., sie bezeichnen alle etwas von den psychischen Inhalten abweichendes und da nun die Sätze der Naturwissenschaft, die von diesen Dingen handeln, als ebenso wahr anzusehen sind wie die übrigen, so ist in ihnen eine Erkenntnis der Außenwelt als einer von der Innenwelt auch inhaltlich verschiedenen gegeben. Ein Hinweis aber auf diese Tatsache muß hier genügen; was logisch daran von Wichtigkeit ist, haben wir schon in R&T Seite 139f dargelegt, daß wir nämlich überhaupt imstande sind, Begriffe zu bilden, die nicht rein auf das psychische zugeschnitten sein müssen, sondern beliebig von diesem abweichen.

Hinsichtlich der Erörterung bestimmter Erkenntnisse von der Außenwelt dürften wir also unseren Verpflichtungen nachgekommen sein; anders aber steht es mit der Berücksichtigung des erkenntnistheoretischen in unserer Frage. Wir haben bewiesen, daß es eine inhaltliche Erkenntnis der Welt jenseits der dieselbe vorstellenden Bewußtseinsinhalte gibt; aber es liegt nahe, weiter zu fragen, wie denn dieselbe zustande kommt und wir haben selbst früher darauf hingewiesen, daß die besonderen erkenntnistheoretischen Standpunkte auch in dieser Frage sich wesentlich unterscheiden. Insbesondere handelt es sich darum, zu entscheiden, ob die Erkenntnis der Außenwelt eine ganz andersartige ist als die der Innenwelt, ob sie etwa zu dieser im Verhältnis einer vermittelten, abgeleiteten Erkenntnis zu einer unvermittelten steht.

Zur Entscheidung dieser Frage führt uns nun der Gedankengang unseres Hauptbeweises von selbst, indem wir einige scheinbare Lücken, die an ihm vielleicht bemerkt werden möchten, etwas näher ins Auge fassen. Die Bewußtseinsinhalte, hatten wir gesagt, bilden keinen geschlossenen gesetzmäßigen Zusammenhang, da ein solcher aber angenommen werden muß, so müssen auch noch andere Inhalte als die Bewußtseinsinhalte als existierend angenommen werden. Folgt daraus nun, daß dies Inhalte der Außenwelt sein müssen, wie die Naturwissenschaft meint? Es könnten doch offenbar ebensogut andersartige psychische Inhalte, etwa unbewußte Geistesvorgänge, als Lückenbüßer verwendet werden und die so konstruierte Welt wäre immer noch eine psychisches oder geistige, wie sie dem Realismus durchaus nicht genügt. Der Einwand, der in diesem Hinweis auf die Möglichkeit unbewußter psychischer Inhalte liegt, kann nun, wie wir schon bemerkten, nicht einfach dadurch beseitigt werden, daß man den Begriff des unbewußten psychischen für unsinnig oder widersprechend erklärt. Denn wohl, wenn unter dem psychischen, wie auch wir es tun, dasselbe verstanden wird, wie unter dem Begriff des Bewußtseinsinhaltes, würde unbewußtes Psychisches sich selbst widersprechen. Aber duerch diese selbstverständlich Überlegung ist doch nicht im mindesten ausgeschlossen, daß es neben den bewußten Inhalten oder Vorgängen noch andere gibt, die nicht bewußt sein, aber von den Inhalten einer etwaigen physischen Welt ebenso verschieden wie die bewußten und diesen letzteren auch sonst so verwandt, daß eine Zusammenfassung mit ihnen in eine Klasse sehr geraten erscheinen könnte. Kurz, die Möglichkeit der Existenz von unbewußten nichtphysischen Inhalten darf nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Was wir aber dagegen zu erinnern haben, ist das, daß erstens, worauf wir schon in einem früheren Zusammenhang hindeuteten und hier noch einm ausdrücklich wiederholen, diese Möglichkeit schließlich für unserer Beweis gleichgültig ist und zweitens, daß bestimmte andere Gründe vorhanden sind, welche nun tatsächlich gegen die Annahme eines unbewußten Nichtpsychischen sprechen.

Nämlich was das erste angeht, so ist die Frage des Realismus nicht die, ob irgendwelche Inhalte noch außer den Bewußtseinsinhalten anzunehmen sind, sondern die, ob eine  Außenwelt  da ist. Und so haben wir untersucht, ob, wenn in einem wahren Urteil die Existenz eines Dinges etwa eines Schiffes auf dem Rhein ausgesagt wird, außer dem vielleicht im Urteilen vorhandenen psychischen Bild dieses Dinges, das Ding selbst noch existiert: nur, wenn das der Fall ist, kann dem Urteil Wahrheit zugesprochen werden und nur dann die Annahme einer lückelosen Gesetzmäßigkeit aufrecht erhalten werden. Das Ding muß zu einer bestimmten Zeit existieren und bestimmte Eigenschaft haben, durch die es eben als "Schiff am Rhein" charakterisiert wird und selbst wenn man diese Charakterisierung in Wahrnehmungsmöglichkeitne auflösen wollte, sie würde immer der Charakterisierung als "unbewußter nichtphysischer" aber wirklicher Inhalt widersprechen. Durch die Art unseres Beweises, durch die mit ihm befestigte Erkennnis, daß die als existeiren bewiesene Außenwelt auch inhaltlich erkennbar ist und daß sie sich inhaltlich von der Bewußtseinswelt scharf und weit unterscheidet, ist daher die Annahme, die geordert Außenwelt könne etwas nichtphysisches sein, von vornherein mit ausgeschlossen, die Lücke in unserem Beweis ist nur scheinbar.

Was das zweiter aber betirfft, so sei daran erinnert, daß wir in Übereinstimmung mit der ganzen neueren Psychologie die Notwendigkeit erwiesen haben, allerdings solches Vorgänge,die den psyschischen Erkenntnisvorgängen entsprechen, aber unbewußt verlaufen, als existierend anzunehmen, Vorgänge, die man am unzweideutigsten als unbewußte geistige, aber müssen wir hinzufügen, ist nichts andere als etwas physisches, nämlich ein Gehirnvorgagn oder, wie es wohl genannt wird, ein psychophsysischer. Der Beweis für diese Behauptung ist oft genug erbracht worden, da er aber doch nicht allgemein anerkannt geltend kann, sei auf folgendens kurz hingewiesen.

Wenn eine Annahme gemacht wird, so geschieht es, um einen vorliegenden Tatbestand zu erklären, den man sonst nicht recht verstehen würde. Diesen Satz haben wir schin oben genügend erörtert und ebenso den weiteren, daß unter den für die zunächst gesuchte Erklärung taugliechen Annahmen diejenige ausgewählt wird, deren weitere Bestätigung am sichersten erscheint. Das unbewußte geistige wird nun in der Tat als existierend angenommen, um etwas in sich unverständliches zu erklären, nämlich in dem oben besprochenen Fall der unbewußten Urteile das Enttäuschungsgefühl, in anderen Fällen etwas die Begriffsbildung, die Möglichkeit des Wiedererkennens usw. Nun hat man hinischtlich dieser Annahme praktisch nur zwischen zwei Fällen die Wahl: entweder ist das unbewußte Geistige ein phsysisches, nämlich ein Gehirnvorgagn, wie er von der Naturwissenschaft untersucht wird, oder es ist etwas, das negativ charakterisiert wird als das, was weder im Bewußtsein noch in der physischen Welt vorgefunden wird, also etwas, von dem wir weder durch innere noch durch äußere Wahrnehmung Kenntnis erlangen können. Von der Annahme eines unbewußten Geistigen im letzteren Sinne ist also zu sagen, daß, wenn sie schon die zunächst verlangte Erklärung liefert, doch eine weitere Bestätigigung derselben gänzlich ausgeschlossen ist. Daher ist das unbewußte Geistige als physisiches zu nehmen, sofort nachgewiesen werden kann, daß es die verlangte Erklärung ebenfalls liefert und daß es ein weiterer Bestätigung zugänglich ist.

Was nun den letzteren Punkt betrifft, so ist es wichtig, daß wir uns schon klar gemacht haben, daß die Frage des Realismus in keiner Weise von der Antwort abhängt, die man auf die Frage des Unbewußten gibt: die physische Welt ist als erkennbar erwiesen, welchen Sinn man auch dem geforderten Unbewußten beilegen mag. Wir können also, ohne einen Zirkel zu begehen, für das unbewußte Geistige als Physisches genommen geltend machen, daß es erkennbar ist, weitere Bestätigungen der Annahme nicht nur möglich, sondern sicher zu erwarten sind.

Ebenso lebhaft bestritten aber, und von uns nocht nicht bewiesen ist die andere Behauptung, daß das Physische wirklich die Erklärungen liefert, um deren Willen ein unbewußtes Geistiges angenommen wird. Allerdings, das wird wohl zugestanden, daß es nach der gewöhnlichen, nächstliegenden Betrachtungsweise dazu sehr wohl geeignet sei: es scheint einfach eine Tatsache der Erfahrung zu sein, daß unsere Wahrnehmungsvorstellungen von den wahrgenommenen Dingen in der Weise hervorgerufen werden, daß diese auf unsere Sinnesorgane einwirken, diese Einwirkung dann durch die sensorischen Nerven auf das Gehirn übertragen und von diesem irgendwie in Psychisches umgesetzt wird. Da nun von jeder Einwirkung Nachwirkungen, Spuren zurückbleiben, som müssen z. B. auch im Gehirn derartige Spuren einer Wahrnehmung bestehen bleiben, die dann, wenn eine neue ähnliche Einwirkung durch eine ähnliche Wahrnehmung erfolgt, diese neue Einwirkung selbst irgendwie beeinflussen, abändern, etwa indem sie dieselbe erleichtern: so erklärt sich der eigentümliche Charakter einer zweiten der früheren ähnlichen Wahrnehmung, wie er durch den Begriff des "Wiedererkennens" des "Bekanntseins" ausgedrückt wird. Aber nicht bloß mit Bezug auf die von der Außenwelt unmittelbar angeregten Wahrnehmungen gilt, daß ein Gehirnvorgang als letzte physische Grundlage anzunehmen ist, sondern, wie wir ja auch schon ausgeführt haben, ebenso für die sogenannten höheren geistigen Vorgänge, wie Gedanken, sittliche Entschließungen, ästhetische Urteile (vgl. oben). Und von diesen letzten physischen Grundlagen ist weiter mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß sie mit den anderen physischen Vorgängen zusammen einen geschlossenen gesetzmäßigen Zusammenhang bilden, daß sie also die vollen Bedingungen für ihr Auftreten wieder in physischen Erscheinungen finden und somit die psychischen Vorgänge niemals Ursachen, sondern nur Begleiterscheinungen der physischen Vorgänge sind. Ist das aber richtig, so kann alle Erklärung von psychischen wie von physischen Dingen, also auch jene gesuchte Erklärung durch das unbewußt  Geistige,  überhaupt nur durch Rückgang auf das physische geleistet werdn und diese Erklärung ist auch im allgemeinen ohne weitere Schwierigkeit zu geben: das Gefühl der Enttäuschung ist an einen bestimmten Gehirnvorgang gebunden, nennen wir ihn  b  und dieser Vorgang  b  ist seinerseits wieder bedingt durch einen Gehirnvorgang  a,  der sich von einem sonstigen Urteil nur dadurch unterscheidet, daß ihm der gewöhnlich oder oft vorhandene psychische Begleitvorgang fehlt -  a  ist dann das gesuchte unbewußte Urteil!

Diese Auffassung ist, wie gesagt, die natürliche, die, welche durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft nahe gelegt, ja geradezu gefordert wird. Denn bildet die physische Welt einen in sich geschlossenen Zusammenhang, so können die psychischen Vorgänge nur Begleiterscheinungen von physischen Vorgängen sein und finden andererseits auch ihre volle Erkläung - d. h. ihre gesetzmäßige Zusammenordnung - in diesen, so daß eine weitere Erklärung durch unbewußtes Psychisches oder dergleichen unnötig wird.

Aber die gesetzmäßige Bindung der Seele an den Leib, so früh sie, wie z. B. von PLATON erkannt worden ist, hat immer mit lebhaftem Widerstand gegen ihre Anerkennung kämpfen müssen: insbesondere religiöse und ethische Interessen schienen dagegen zu sprechen. Natürlich hat man dann auch versucht, Vernunftgründe ausfindig zu machen, welche gegen die von der Wissenschaft gebotene Auffassung geltend gemacht werden konnten - und nur mit diesen haben wir es zu tun und zwar nur mit denjenigen unter ihnen, welche die Existenz eines nichtphysischen Unbewußten beweisen würden.

Deren gibt es nun vor allem zwei, die wissenschaftlich wichtig geworden sind - wir haben sie nach ihrer allgemeineren Bedeutung schon oben bei der Erörterung der Frage des Parallelismus besprochen.

Erstens mußte zur Annahme eines nichtphysischen unbewußten jene alte Auffassung des Kausalzusammenhanges führen: wenn nur inhaltlich übereinstimmendes in ursächlichem Zusammenhang stehen kann, so darf das Psychische nicht vom Physischen abhängig gedacht werden und dann muß, da das bewußte nicht in sich selbst einen geschlossenen Kausalzusammenhang darstellt, zu seiner Ergänzung ein ihm inhaltlich ähnliches, vom Physischen also verschiedenes - ein nicht-physisches Unbewußtes angenommen werden.

Mit der Erkenntnis, daß der Kausalzusammenhang kein logischer ist, wurde dem ganzen Schluß der Boden entzogen; trotzdem aber hat er sich bis in die Gegenwart hinein unter mancherlei Verkleidungen am Leben erhalten. Nur im Vorübergehen weisen wir darauf hin, daß die Gründe, die LEIBNIZ für seine Annahme unbewußter psychischer Inhalte angab oder die auf ihn und ähnlich denkende Philosophen zurückzuführen sind, den genannten Schluß voraussetzen, nur einen besonderen Fall desselben darstellen: Wenn die einzelne Welle oder vielmehr diejenige Größer der Meeresbewegung, welche eben hinreicht, um die in unserem Sinnesorgan gelegenen Hemmungen zu überwinden und wirklich einen Eindruck im Gehirn zu erzeugen, nicht hinreicht, um einen Bewußtseinsvorgang hervorzurufen, so ist es doch gar keine Schwierigkeit, anzunehmen, daß diese nicht genügenden Einwirkungen auf das Gehirn sich beim Hören der Brandung im Gehirn selbst summieren, daß eine Empfindung eben nur auf einen Gehirnvorgang von bestimmter Größe erfolgt. Nur wenn ich annehme, daß überhaupt kein Gehirnvorgang, also auch kein größerer, die Empfindung bedingt, werde ich meine Zuflucht zu unbewußten psychischen Vorgängen nehmen müssen. Und ganz ähnlich steht es mit dem noch heute gebrauchten Argument, daß der Zusammenhang des Wirklichen einen Sprung aufweisen würde, wenn neben der geschlossenen physischen Reihe  a, b, c, d ...  nur noch die lückenhafte Bewußtseinsreihe  α - γ - ζ ...  bestünde. Denn der Sprung, daß die eine Reihe physisch, die andere psychisch ist, bleibt auch dann, wenn ich in die bewußte Reihe  α - γ - ζ ...  die unbewußte nicht-physische Reihe  β - δ, &epsilon, χ - ...  einfüge; im übrigen aber ist nach der naturwissenschaftlichen Auffassung kein Sprung vorhanden, er entsteht erst dann und zwar innerhalb der psychischen Reihe, wenn ich diese von der physischen grundsätzlich ablöse, also die allgemeine Voraussetzung mache, daß das Psychische überhaupt nicht von Physischem abhängig sein könne.

Diese allgemeine Voraussetzung wird nun heute nach dem Fiasko der älteren durch einen der Naturwissenschaft scheinbar selbst entnommenen zweiten Beweis gestützt. Der Satz von der Erhaltung der Energie, sagt man, stehe der Annahme entgegen, daß ein kausaler Zusammenhang zwischen Psychischem und Physischem überhaupt möglich sei. Der seltsame Fehler, der dieser Auffassung zugrunde liegt, ist oben von uns schon aufgedeckt worden: wenn zwischen dem Psychischen und dem Physischen auch kein Verhältnis des Energieumsatzes besteht, so kann deshalb doch irgendeine andere Gesetzmäßigkeit zwischen ihnen walten. Und die Naturwissenschaft, insbesondere die psychiatrische Physiologie stellt, wie schon angegeben, auch tatsächlich solche Gesetze auf, die uns einen immer tiefer dringenden Einblick gewähren in die Art, wie das Psychische vom Physischen abhängt.

Die Gegengründe gegen die Annahme dieser Abhängigkeit sind also nichtig und damit auch die Gründe, welche für die Annahme eines unbewußten nichtphysischen geltend gemacht wurden - die "gewöhnliche" naturwissenschaftliche Auffassung bleibt zu Recht bestehen.

Diese Erkenntnis, die, wie bemerkt, für den Beweis des Realismus selbst nicht in Betracht kommt, gibt nun die Grundlage für die Beurteilung der Art des realistischen Denkens wie des Denkens überhaupt ab. Der Gedanke ist stets ein Gehirnvorgang, aber in vielen Fällen von einem psychischen Vorgang begleitet, der sich nach unseren früheren Ausführungen im wesentlichen als eine Verbindung von anschaulichen Vorstellungen mit einem mehr gefühlsmäßigen Meinungsbewußtsein charakterisiert. Man kann auch schon mit einiger Bestimmtheit sagen, unter welchen Bedingungen der Gehirnvorgang allein, unter welchen er mit dem Bewußtseinsvorgang zusammen auftritt: das letztere nämlich gewöhnlich dann, wenn der Gedanke neu ist, einige Schwierigkeiten darbietet, wenn er andauernd und intensiv durchgedacht wird, das erstere aber meist dann, wenn er genügend eingeübt ist.

Weiter läßt sich auch die Beziehung, in der ein Gedanke zu seinem Gegenstand steht, im allgemeinen dahin bestimmen, daß es eine der Gesetzmäßigkeiten sein wird, die den Zusammenhang des Wirklichen überhaupt bedingen. Denn daß der Wahrnehmungsvorgang kausal abhängt vom wahrgenommenen Gegenstand, wird nach dem Gesagten nicht mehr bestritten werden; die Wahrnehmung ist aber ein Urteil und da auf Wahrnehmungsurteilen letztlich alle unsere Erkenntnisse, all unsere Gedanken über die Außenwelt beruhen - und zwar nicht nur logisch, sondern natürlich auch kausal, da ja die Existenz von Wahrnehmungsurteilen Bedingung für die Existenz der anderen Außenweltserkenntnisse ist - so ist der kausale Zusammenhang jeder realistischen Erkenntnis mit der Außenwelt nachgewiesen.

Dabei ist aber natürlich zu beachten, was ja schon die Betrachtung der Wahrnehmungsurteile lehren kann, daß jedes Stück der Außenwelt wohl notwendige, aber nicht hinreichende Ursache seiner Erkenntnis ist: das Gehirn muß stets auch vorhanden sein und zwar ein Gehirn, das die aus der Außenwelt stammenden Einwirkungen zu verarbeiten imstande ist. Jedes Urteil kann als die Behauptung aufgefaßt werden, daß mit einem Inhalt  A  ein Inhalt  B  verbunden ist, sei es, daß dieses Verhalten allgemein gilt oder einen besonderen Fall darstellt - denn auch dann, wenn ich in einem Einzelurteil aussage, etwa daß das vorliegende Ding der Gegenstand  X  ist, so gehe ich von einem Inhalt "vorliegendes Ding" aus und verknüpfe mit ihm einen anderen Inhalt, der als "Gegenstand X" ja ganz andere Merkmale aufweist als der Begriff "vorliegendes Ding". Ähnliches ergibt sich, wenn ich positivistisch die Urteile als Voraussagen betrachte. Dann stellt sich jede Aussage dar als ein Schluß, der aufgrund einer gegenwärtigen Wahrnehmung eine zukünftige voraussagt. Indem das Gehirn urteilt, darf es also nicht nur die vorliegende Einwirkung der Außenwelt getreulich verzeichnen, sondern muß sie in Zusammenhang bringen mit früheren Aufzeichnungen, aus denen schließlich jene Einstellung oder Reaktion des Gehirns hervorgeht, welche als Voraussagung einer neuen Einwirkung, eines neuen Erlebnisses oder als Annahme der Existenz von etwas mit jener Einwirkung erfahrungsgemäß Verbundenem - nach der bis jetzt allein vorhandenen psychologischen Terminologie - bezeichnet wird.

Die Möglichkeit einer derartigen Verarbeitung ist auch gar nicht schwierig zu denken; sie beruth wieder auf nichts als auf der Einwirkung der Außenwelt auf das Gehirn und der Fähigkeit des Gehirns, diese Einwirkung als Spuren aufzubewahren: es müssen im einfachsten Falle die Inhalte  A  und  B  einmal in Verbindung auf das Gehirn eingewirkt haben oder Einwirkungen gewesen sein, damit es später, wo nur  A  vorhanden ist, zur Erregung  B  fortschreiten kann.

Berücksichtigt man diesen Umstand, so wird man zugestehen, daß die Erkenntnis der Außenwelt mit dieser nicht nur überhaupt gesetzmäßig zusammenhängt, sondern, daß dieser gesetzmäßige Zusammenhang auch vollkommen ausreicht, um die eigentliche Beziehung des Gedankens auf die Außenwelt, die Transzendenz zu erklären: das Gehirn ist ein komplizierter Reaktionsapparat, der sich zu immer größerer Genauigkeit der Arbeit entwickelt und der Gedanke ist eine Reaktion. Dieser Reaktionsapparat ist aber nur Teil eines größeren Reaktionsapparates, des menschlichen oder tierischen Leibes und zwar gewissermaßen die Zentrale desselben, in welcher alle Anregungen zusammenlaufen, um hier Anweisungen für die weiteren und umfangreicheren Reaktionen des ganzen Körpers zu erwirken: die Erkenntnisse sind also Reaktionen, welche Anweisungen für die übrigen Körperreaktionen geben, dieselben auslösen.

Das alles sind natürlich, das muß betont werden, immer nur Annahmen, denen eine vollkommene Sicherheit nicht zugesprochen werden kann. Aber es sind Annahmen, die das leisten, was Annahmen zu leisten haben, nämlich eine Erklärung geben. Die Transzendenz ist eine Eigenschaft der Gedanken, Gedanken sind etwas wirkliches, ihre Eigenschaft muß daher auch etwas Wirkliches sein; das Wirkliche erklärt man kausal, so muß auch die Transzendenz kausal erklärt werden. Wie jede Erklärung muß dann aber auch diese erst durch weitere Beobachtungen und Erkenntnisse bestätigt werden, - dann wird das mit ihr auch bestätigt und noch mehr gesichert werden, worauf sie gegründet ist, die moderne Psychologie und die realistische Erkenntnistheorie.

Aber dürfen wir denn auch so im allgemeinen von einer kausalen Erklärung der Transzendenz reden? Die Außenwelt als Gegenstand der Erkenntnis hängt mit dieser kausal zusammen, aber kann denn jeder Gegenstand der Erkenntnis in kausaler Beziehung zu ihr stehen? Die kausale Beziehung ist etwas Wirkliches, also müssen auch ihre Beziehungspunkte wirklich sein - nun sind wohl die Erkenntnisse aber doch nicht alle Gegenständer derselben etwas Wirkliches. Auch das Nichtwirkliche kann ja gedacht werden, wie eben in diesem Satz und spielt nicht das imaginäre eine große Rolle in der Wissenschaft, ja sind nicht schon die negativen Größen etwas Nichtwirkliches, ein bloßes Gedankengebilde? Und weiter, als die wichtigsten Erkenntnisse werden wohl durchgängig die allgemeinen Urteile angesehen, solche also, deren Subjekt, deren Gegenstand durch einen Allgemeinbegriff, eine Abstraktion gedacht wird. Nur das einzelne aber, das Konkrete ist wirklich! Werden allgemeine Urteile gar, wir manche Logiker verlangen, als hypothetische Urteile aufgefaßt, so daß aus dem Urteil: "Alle  a  sind  b",  das Urteil wird: "Wenn  a  ist (gilt), so ist (gilt)  b"  und bedenkt man, daß ein solches Bedingungsurteil nur über die Verbindung von  a  und  b,  nichts über die Existenz von  a  aussagt, so ergibt sich, daß ein allgemeines Urteil mit der Wirklichkeit seines Gegenstandes nichts zu tun hat, also auch gilt, wenn derselbe gar nicht existiert. Wie soll dann der Gegenstand mit seiner Erkenntnis kausal zusammenhängen?

LITERATUR - Wilhelm Freytag, Die Erkenntnis der Außenwelt, eine logisch-erkenntnistheoretische Untersuchung, Halle a. S. 1904
    Anmerkungen
    1) WILHELM FREYTAG, Der Realismus und das Transzendenzproblem - Versuch einer Grundlegung der Logik, Halle a. S. 1902