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Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms
Ich habe nichts gegen die Beschreibung, ich sehe vielmehr die Beschreibung als notwendiges Mittel an, um zur Reflexion zu gelangen. Ich bin für die Beschreibung, aber nicht für die Art von Beschreibung, wie sie heutzutage in Deutschland als "Neuer Realismus" proklamiert wird. Es wird nämlich verkannt, daß die Literatur mit der Sprache gemacht wird, und nicht mit den Dingen, die mit der Sprache beschrieben werden. In dieser neu aufkommenden Art von Literatur werden die Dinge beschrieben, ohne daß man über die Sprache nachdenkt, es sei denn, in germanistischen Kategorien der Wortwahl usw. Und die Kritik mißt die Wahrheit der Literatur nicht daran, daß die Worte stimmen, mit denen man die Gegenstände beschreibt, sondern daran, ob die Gegenstände »der Wirklichkeit entsprechen«. So werden die Worte für die Gegenstände als die Gegenstände selber genommen. Man denkt über die Gegenstände nach, die man »Wirklichkeit« nennt, aber nicht über die Worte, die doch eigentlich die Wirklichkeit der Literatur sind. Die Sprache wird nur benützt. Sie wird benützt, um zu beschreiben, ohne daß aber in der Sprache selber sich etwas rührt. Die Sprache bleibt tot, ohne Bewegung, dient nur als Namensschild für die Dinge. Die Dinge werden reportiert, nicht bewegt. Wie es scheint, gilt noch immer der komische Vergleich JEAN-PAUL SARTRE, der die Sprache, mit der Prosa geschrieben werde, mit dem Glas vergleicht: man glaubt also naiv, durch die Sprache auf die Gegenstände durchschauen zu können wie durch das sprichwörtliche Glas. Dabei denkt man aber nicht daran, daß es möglich ist, mit der Sprache buchstäblich jedes Ding zu drehen. Ich brauche ja nicht die Dinge aufzuzählen, die schon mit Hilfe der Sprache gedreht wurden und noch gedreht werden. Es wird vernachlässigt, wie sehr die Sprache manipulierbar ist, für alle gesellschaftlichen und individuellen Zwecke. Es wird vernachlässigt, daß die Welt nicht nur aus den Gegenständen besteht, sondern auch aus der Sprache für diese Gegenstände. Indem man die Sprache nur benützt und nicht in ihr und mit ihr beschreibt, zeigt man nicht auf die Fehlerquellen in der Sprache hin, sondern fallt ihnen selber zum Opfer. Das »Glas der Sprache« sollte endlich zerschlagen werden. Durch die Sprache kann nicht einfach durchgeschaut werden auf die Objekte. Anstatt so zu tun, als könnte man durch die Sprache schauen wie durch eine Fensterscheibe, sollte man die tückische Sprache selber durchschauen und, wenn man sie durchschaut hat, zeigen, wie viele Dinge mit der Sprache gedeht werden können. Diese stilistische Aufgabe wäre durchaus, dadurch, daß sie aufzeigte, auch eine gesellschaftliche. In Princeton nun mußte ich hören, wie sehr das sogenannte gesellschaftliche Engagement des Schriftstellers von den Kritikern in der Gruppe 47 an den Objekten gemessen wurde, die er beschreibt, und nicht an der Sprache, mit der er diese Objekte beschreibt. Das ging sehr weit. Eine Geschichte von WOLFGANG MAIER, in der diverse Flecken auf Badehosen und Schweiß in Achselhöhlen vorkamen, wurde, obwohl perfekt erzählt und am Schluß mit ironischer Reflexion, eben wegen der beschriebenen Objekte von WALTER JENS als »Nicht-Literatur« bezeichnet. Hier wurde versucht, materielle Normen, wie etwa Kirchenbesucherordnungen (Besucher in ärmelloser Kleidung werden abgewiesen), auf die Literatur anzuwenden, die doch nur formelle Normen kennen kann. Die sogenannte "Gegenwart" galt dann als behandelt, wenn zum Beispiel in einer Geschichte ein Computer beschrieben wurde, die sogenannte »Vergangenheit« war bewältigt, als ein Lichtbildervortrag beschrieben wurde, der von einer Reise nach Polen handelte, wobei man nur noch zu warten brauchte, an welcher Stelle jetzt, wenn auch noch so beiläufig, der berühmte Ort A. zur Sprache kam. Und der Ort A. kam zur Sprache. Da ist schon das Wort! Und wie beiläufig! Wie wunderbar nebenbei! Wie ganz unaufdringlich! Wie viele Zuhörer werden nun erschrocken sein, in diesem scheinbar so harmlosen Reisebericht plötzlich aus dem Hinterhalt das Pflichtwort zu hören! Diese Kunst des Unauffalligen! In der Tat, GÜNTER HERBURGERs Prosa mit der beiläufigen Nennung des Ortes A. wird gut aufgenommen, aber nicht, weil der Ort A. besonders gut zur Sprache gekommen ist, sondern weil »endlich einmal in der Sprache einer Generation unsere deutsche Gegenwart behandelt wird«. Man bewundert auch, wie beiläufig, ja nur in einem Nebensatz, von der Vergangenheit die Rede ist. Es kommt alles, wie ich es mir vorgestellt habe. Diese Prosa gilt nicht etwa deswegen als zeitgemäß, weil sie von irgendwelchem sprachlichen Interesse wäre, sondern weil »deutsche Gegenwart« unbekümmert durch die Sprache hindurch, wenn auch in konventionellem Sprachduktus, wenn auch in naiver Sprachauffassung, frank und frei beschrieben wird. Die Genauigkeit der vorgelesenen HERBURGER-Prosa liegt nicht einem vorbedachten Bild von der Welt zugrunde wie etwa bei ROBBE-GRILLET, sondern wirkt als Manier. Es ergibt sich nichts aus dieser Genauigkeit, es ergibt sich keine Neuigkeit von der Welt für mich etwa aus der Beschreibung einer Glühbirne, die infolge eines Wackelkontakts flackert - denn das Phänomen hat keine Funktion, ist nur eine Beobachtung mehr: es wird nicht der Sprache einverleibt, sondern einfach mit Hilfe der Sprache abgeschrieben, und wenn es abgeschrieben ist, wird so getan, als wären die Worte nur der Katalysator gewesen und gäben nun den Blick auf das Phänomen frei. Diese Art der Genauigkeit ist nur eine dazuzählende: sie fügt der Summe des schon Zusammengezählten noch einen Posten zum Dazuzählen an und geht weiter und beschreibt schon den nächsten Posten zum Addieren, und so weiter bis ins Unendliche, ohne daß sich eine Spirale oder ein Kreis ergibt wie bei ROBBE-GRILLET. Ich glaube, daß es heutzutage nötig ist, die Welt näher anzuschauen und also detaillierter zu erfassen, Aber wenn diese vergrößert betrachtete Welt nur abgeschrieben wird, ohne daß mit der Sprache etwas geschieht, was soll's dann? Warum plagt man sich mühsam um die sogenannten passenden Worte und schreibt dann doch nur ab, in überkommener Form, als wäre man ein Ersatzwissenschaftler? Da wäre es doch viel einfacher zu fotografieren. Wenn vorgegeben wird, daß die Sprache ohnehin nur als Linse, als Glas, benützt wird, dann kann man an die Dinge doch viel besser mit der Kamera herangehen. In dieser Art von Literatur wird die Sprache herabgewürdigt zum Ersatz für die Kamera, zu einer Vorbereitung für eine Fotografie, zu einer gar nicht ironisch gemeinten Regieanweisung für eine Kameraeinstellung, zu einer Hilfswissenschaft. Man hat den Eindruck, daß diese Schriftsteller, wenn sie wohlhabender wären, sich mit der Kamera viel Zeit und Mühe ersparen könnten und dennoch viel bessere Ergebnisse erzielten. HERBURGERs Prosa war in dieser Art immerhin noch eine der "gelungenen!, weil sie, wenn auch in Syntax und Sprachduktus ganz am Boden bleibend, wenigstens frei von Wort- und Satzklischees war. Im Gegensatz dazu wimmelte es in der Prosa Walter Höllerers von ganz grotesken Ergebnissen. Man hörte eine Geschichte, die allein als Ge-schichte, als erfundene Handlung, völlig unreflektiert erschien. Es ist durchaus möglich, glaube ich, heutzutage Geschichten zu erzählen, aber wenn man eine erzählt, dann sollte man dazu auch ein passables Geschehen erfinden und nicht so ganz sorglos Handlungen aneinanderreihen, die Illustriertenautoren anstehen, "Zwei-unter-Millionen-Geschichten". Dabei war noch zu beobachten, daß Autoren, die sich sonst vorwiegend mit Lyrik beschäftigen, glauben, in der Prosa könnten sie sich gehenlassen. Warum sollten denn für die Prosa keine rhythmischen Gesetze gelten? Gibt es denn heute überhaupt noch einen Unterschied zwischen Lyrik und Prosa? Wie kann HÖLLERER, von dem man doch einige gute Gedichte kennt, in der Prosa einfach die Sprache Sprache sein lassen und schreiben wie ein Reporter? Seine Geschichte war sprachlich gar nicht »da«, ganz unrein, alle Worte und Wendungen waren gedankenlos hingeschrieben. Ich erinnere mich an einen Satz, in dem von einem Raum die Rede ist, der als »absolut leer« beschrieben wird. Wie kann man diesen Ausdruck, ohne zu reflektieren, einfach so hinschreiben? Und ähnlich unbekümmert war jeder Satz, jeder. HÖLLERER hatte vor seiner Lesung einen jungen Lyriker, MATHIAS SCHREIBER, vernichtend kritisiert, mit den Worten etwa, diese Art von Lyrik hatte man nun doch schon »ausdiskutiert«. Er wird sich aber wohl eingestehen müssen, daß es in den Gedichten des jungen Lyrikers immerhin einige Zeilen gibt, in denen mehr von unserer heutigen Welt enthalten ist als in seiner, Höllerers, ganzer Geschichte. Die Namensnennung und Beschreibung eines Computers genügt nicht, um auf der Höhe der Zeit zu sein. Für alle diese Dinge gibt es Lexika. Ich meine damit nicht, daß es ein Unding ist, einen Computer zu beschreiben, sondern nur, daß es ein Unding ist, einen Computer zu beschreiben, wenn er auf die gleiche Weise schon im Lexikon beschrieben wird. Die Beschreibung eines Computers, wenn sie schon geschieht, wird in der Syntax der Kompliziertheit eines Computers angepaßt sein müssen und nicht einfach im Stil eines Populärwissenschaftlers die Bestandteile aufzählen können. Ich muß es noch einmal wiederholen: die auf der Tagung der Gruppe 47 gelesenen Texte wurden auf die Realität der beschriebenen Objekte geprüft, und nicht auf die Realität der Sprache. Sogar der weitaus besten Prosa, dem Romankapitel Ernst Augustins, wurde »mangelnder Widerstand der Realität gegenüber« vorgeworfen, ohne daß bedacht wurde, daß die Sprache eine Realität für sich ist und ihre Realität nicht geprüft werden kann an den Dingen, die sie beschreibt, sondern an den Dingen, die sie bewirkt . Mir ist während dieser Tagung aufgefallen, daß formale Fragen eigentlich moralische Fragen sind. Wagt es jemand, in einer unreflektierten Form über heiße Dinge zu schreiben, so erkalten diese heißen Dinge und erscheinen harmlos. Den berüchtigten Ort A. in einem Nebensatz zu erwähnen, geht vielleicht an. Ihn aber bedenkenlos in jede Wald- und Wiesengeschichte einzuflechten, in einem unzureichenden Stil, mit untauglichen Mitteln, mit gedankenloser Sprache, das ist unmoralisch., Die Reaktion treibt dann zu dem bekannten Ausspruch, man solle doch endlich aufhören, von Auschwitz. . . und so weiter. Der Begriff "Engagement" Ist Engagement eine willkürliche Haltung oder ein unwillkürlicher Zustand? Im Anschluß an die Tagung der Gruppe 47 in Amerika fand eine weitere Tagung statt, auf der einige Redner, durch die Reihe Schriftsteller, sich mit dem Thema »Der Schriftsteller in der Wohlstandsgesellschaft« befaßten. PETER WEISS sprach. Lange Zeit hatte er innerhalb der Tür gelebt, hatte sich nur um sich selber gekümmert, war sich selber genug gewesen, sometimes making love with someone. Dann aber war er vor die Tür getreten und hatte bemerkt, daß es außer ihm noch Menschen gab. Er war nicht allein auf der Welt. While he was making love inside the door, starben draußen Tausende am Krieg, an Unterdrückung, Hunger, Armut: an gesellschaftlichen Verhältnissen. Da erkannte er, daß er etwas unternehmen müßte. Er engagierte sich. Und er engagierte sich als Schriftsteller. Im Anschluß an die Rede von PETER WEISS sorgte ein junger amerikanischer Diskussionsteilnehmer für Beifall und Heiterkeit, indem er fragte, welcher Schriftsteller denn nicht "engagiert" sei. Hier müßte man einsetzen. Beide, PETER WEISS und der Diskussionsteilnehmer, hatten unter Engagement einen andern Begriff verstanden: Peter Weiss verstand darunter eine aktive Handlung, eine Entscheidung des Willens, den Willen zu einer Veränderung, und zwar konkret den Willen zu einer Anderung einer Gesellschaftsform; den Willen, eine individualistische, liberalistische, kapitalistische Gesellschaftsform in eine universahstische, sozialistische, totalitäre umzuändern. Weiss hatte das Wort "sich" engagieren gebraucht: aus dem Refkxivum war schon die willkürliche und freie Handlung ersichtlich; er meinte eine freie Handlung; er gebrauchte das Wort im Sinne JEAN-PAUL SARTRE. Der Diskussionsteilnehmer begriff unter dem Wort "Engagement" einen unwillkürlichen, nicht freiwilligen, passiven Zustand, nicht ein Sich-Bindens sondern ein "Gebundensein" zu dem man nichts dazu tun kann. Seine Frage lautete auch nicht: Welcher Schriftsteller engagiert sich denn nicht? sondern: Welcher Schriftsteller ist denn nicht engagiert?! Zudem gebrauchte er das Wort nicht im gesellschaftlichen Sinn, sondern im wörtlichen, indem er das Engagement einfach als Bindung auffaßte, ohne sich um das Woran der Bindung zu kümmern, ohne es in dem Wort "Engagement" selbst einzubegreifen, wie es Peter Weiss getan hatte: bei ihm war das Wort "Engagement" auch verwendbar für eine Bindung an individuelle Sachverhalte. Damit wäre eine Erweiterung des Begriffes geschaffen, die aber zu nichts fuhren kann: denn wenn man als "Engagement" eben jede Bindung begreift, dann führt das zur Auflösung eines immerhin festumgrenzten Begriffs: dieser wird so erweitert, daß er keine Grenzen mehr hat und aufhört, ein Begriff zu sein. Wenn man aufhört, einen Begriff im allgemein üblichen Sinn zu verwenden, und naiv auf den obskuren "Wortsinn" zurückgreift, so bleibt von diesem Wortsinn nur das Wort übrig, das sinnlos geworden ist, weil man mit begriffslosen Wörtern nicht operieren kann: das "Engagement im Wortsinn" verlöre jede Begrifflichkeit und würde ein sinnloses, nichtssagendes Wort. Wenn man also das Wort "Engagement" gebraucht, kann man es nur im festumgrenzten Sinn gebrauchen, wie es PETER WEISS gebraucht hat. Die Bedeutung eines Wortes ist nicht der Wortsinn - zu diesem flüchten nur Philosophen, die sich ein eigenes System ausdeuten wollen; sondern, wie WITTGENSTEIN sagt, "sein Gebrauch in der Sprache. Und in der Sprache wird das Wort "Engagement" in der Bedeutung einer willkürlichen, freien, aktiven Haltung zu gesellschaftlichen Zuständen gebraucht, wobei in dem Begriff die Absicht impliziert ist, diese gesellschaftlichen Zustände zu ändern. Das ist die Bedeutung des Wortes "Engagement" in der Sprache. Jede Eigendefinition (etwa wenn HEINRICH BÖLL sagt, jeder Schriftsteller, ob er wolle oder nicht, sei schon notgedrungen "engagiert" durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen er lebe) trägt nur zur Begriffsverwirrung bei, verhindert die Diskussion, ist leer, operiert in einem begriffslosen Feld. Das Engagement ist kein passiver Zustand, sondern eine Haltung. Das Engagement ist ein Handeln. Was ist die Voraussetzung für das Engagement? Die Grundvoraussetzung für das Engagement ist die Anerkennung eines bestimmten, noch nicht verwirklichten Weltbildes, in dem alles geordnet erscheint, was jetzt, in dem Augenblick, da man sich dieses Bild von der Welt macht, noch in Unordnung oder in falscher Ordnung ist. Das Weltbild ist noch nicht verwirklicht, wirklich ist das andere, das falsche Weltbild. Das Weltbild dessen, der sich engagiert, ist ein utopisches, es ist das Bild von einer künftigen Welt. Der engagierte Schriftsteller, nach Sartre, enthüllt das falsche Weltbild und gibt dadurch die Zeichen für die Veränderung. Da jedes Weltbild aber normativ ist, also aus Werten und Wertzusammenhängen besteht, nicht aus Dingen und Sachverhalten, muß auch die Enthüllung des falschen Weltbildes wertend, normativ sein. (Schon indem man etwas als falsch bezeichnet, wertet man.) Der sich Engagierende zeigt also keinesfalls die Welt, "wie sie ist" (SARTRE), sondern er zeigt sie, wie er meint, daß sie nicht sein soll, und wie er meint, daß sie sein soll: er zeigt also nicht die Welt, sondern sein Bild davon, und zwar das wertsetzende. (SARTRE hat den Satz "die Welt zeigen, wie sie ist" groteskerweise nicht einmal ironisch gemeint.) Das Weltbild dessen, der sich engagiert, ist demnach kein ontologisches, kein Bild von dem, was ist, sondern von dem, was sein soll. Und der sich Engagierende schaut auch keineswegs auf Dinge und Sachverhalte, sondern auf die Sollensvor-Schriften über diese Dinge und Sachverhalte, die er durch andere SollensvorSchriften ersetzen möchte. Der sich Engagierende beschäftigt sich mit Wertsystemen, mit Ideologien, die er falsch nennt und durch seine Ideologie ersetzen möchte, die er richtig nennt. Der sich Engagierende beschäftigt sich mit der Sollensordnung nicht spielerisch, sondern zweckbewußt. Sein Geschäft ist ernst, eindeutig, politisch, zielbestimmt, zur Not in einem Satz sagbar, finale Handlung, Handeln, um zu. Ist der Begriff "Engagement" auf die Literatur anwendbar? Sartre hat in seinem Essay Was ist Literatur? das Schlagwort von der "littérature engageée" geschaffen. Er meint das ganz präzis: der Schriftsteller habe die Aufgabe, durch das Schreiben die bestehenden Zustände zu enthüllen und dadurch zu verändern. Er verwendet die nichtssagenden Worte: »Der Schriftsteller hat gewählt, die Welt zu enthüllen, insbesondere den Menschen den anderen Menschen, damit diese angesichts des so entblößten Objekts ihre ganze Verantwortung auf sich nehmen.« Dieses Aufsichnehmen der Verantwortung ist ein abstrakter Begriff, kann gleichsam von jedermann auf alles angewendet werden, ist vom jeweiligen normativen Weltbild abhängig. (Was haben wir von abstrakten Aussagen, von abstrakten Wahrheiten, die bei jedem konkreten Zusammenstoß mit einer Unwahrheit von dieser nach Belieben assimiliert werden können? Solche Aussagen sind weder wahr noch falsch, sondern unnütz.) Wie aber kommt Sartre überhaupt dazu, dem Schriftsteller vorzuschreiben, er solle sich, als Schriftsteller, engagieren? Um zu dieser Forderung überhaupt zu kommen, unterwirft er sich zuerst der Einteilung der Literatur in Dichter und Schriftsteiler. Ein Dichter ist für SARTRE, wer die Wörter als die Dinge nimmt, wer die Wörter als die Wirklichkeit nimmt. Für den Dichter bezeichne die Sprache nicht die Welt, sondern stehe für die Welt. Für den Schriftsteller da-gegen seien die Wörter Zeichen. Ihn interessieren die Dinge, die mit den Wörtern bezeichnet werden, und nicht die Wörter selber. Nun begeht SARTRE den entscheidenden Fehler: er teilt dem Schriftsteller die Prosa zu, dem Dichter, wie er ihn versteht, die Poesie, beharrt damit auf einer Einteilung, die dem neunzehnten Jahrhundert angehört. Der Prosaschreiber sei also der Schriftsteller, das heißt, für ihn seien die Wörter nicht eine Wirklichkeit für sich oder sogar die Wirklichkeit an sich wie für den poesieschreibenden sogenannten "Dichter", sondern nur Namen für die sprachlose Wirklichkeit. Dem Schriftsteller gehe es nicht um die Wörter, sondern um die "Wirklichtkeit". Er benütze die Wörter nur, um mit ihnen die Dinge zu beschreiben. Für den Schriftsteller - hier leiht sich SARTRE eine Metapher von PAUL VALÈRY - müsse die Sprache "wie Glas" sein, durch das man ohne Fälschung auf die Dinge schauen könne. Wie aber schaut nun der SARTREsche Schriftsteller, der reine Prosaschreiber, auf die Dinge? Schaut er auf die Dinge, wie sie sind? Schaut er überhaupt auf die Dinge, und läßt er durch das Schreiben überhaupt auf die Dinge schauen? Nein: der Schriftsteller, der sich nach Sartre zu engagieren hat, benennt nicht die Dinge, sondern die normativen Bilder, die er sich im vorhinein von den Dingen gemacht hat. Ohne ein vorgemachtes, vorgefertigtes Weltbild wäre sein Engagement unmöglich. Der engagierte Schriftsteller sieht nicht die Dinge, wie sie sind, und er beschreibt nicht die Dinge, wie sie sind, sondern er beschreibt die Dinge, wie sie sind, und setzt sie zugleich in den Wertvergleich mit den Dingen, wie sie nach seiner Meinung sein sollten. Er beschreibt nicht Dinge, sondern Werte, er beschreibt nicht ein Sein, sondern ein Sollen. Seine Arbeit ist normativ, wertsetzend, utopisch. Sie genügt nicht sich selber, will vielmehr der Beginn einer Handlung sein, ja die Wörter des Schriftstellers sollen für sich eine zweckbestimmte Handlung sein. Die Wörter des Schrift-stellers dienen so, wenn wir schon bei der unsinnigen Metapher bleiben, beileibe nicht als Glas, geben nicht die Dinge wieder, sondern die Meinung des Beschreibenden, wie die Dinge sein sollten. Und überhaupt beschäftigen sich die Schriftsteller nicht nur mit den greifbaren Dingen, auf die man schauen kann, sondern viel eher mit "Dingen", die nur aus Wörtern bestehen, wie Zuständen des Bewußtseins, wobei der Vergleich mit dem Glas noch unzutreffender wird: die Wörter, mit denen man Wörter (innere Zustände) beschreibt, sollen wie Glas sein! Diese Metapher ist also in jedem Fall ein plumper Betrug, wie ja schon die Verwendung einer Metapher, wenn die Begriffe nicht mehr weiterführen, Argwohn erregen muß. SARTRE entbindet nur den Dichter von der Pflicht zur "littérature engagèe", der Prosaschreiber ist zum Engagement verpflichtet. Wen aber eigentlich Sartre - das muß man ganz deutlich sehen! - einen Prosaisten nennt, das ist nur jemand, der die Literatur als Fortset-zung des Sprechens mit anderen Mitteln betreibt. Prosa ist für SARTRE schriftgewordenes Sprechen, Hilfsmittel des Sprechens zur leichteren Verbreitung der Wörter, rein operativ, reine Aktion, die nur der Reaktion des Zuhörens bedarf, also Handeln mit Hilfe von Wörtern. Litterature engagèe können demnach nur reine Manifeste, Theorien, Programme, Aufrufe sein. Litterature engagèe muß ohne Fiktion, ohne Geschichte (Story), ohne Verkleidung, ohne Parabolik, ohne bestehende literarische Form auskommen: sie darf überhaupt keine literarische Form haben, sie muß vollkommen unliterarisch sein, wie SARTRE sagt, geschriebenes Sprechen. Also ist eine "engagierte Literatur" keine Literatur oder nur insofern Literatur, wie man das Wort "Literatur" für Quellennachweise benützt. |